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Der Schwarm

Ausgezeichnet mit dem Corine - Internationaler Buchpreis, Kategorie Belletristik 2004 und dem Deutschen Krimi-Preis, Kategorie National 2005. Roman

Frank Schätzing inszeniert die weltweite Auflehnung der Natur gegen den Menschen. Ein globales Katastrophenszenario zwischen Norwegen, Kanada, Japan und Deutschland, und ein Roman voller psychologischer und politischer Dramen mit einem atemberaubendenSchluss. Ein Fischer verschwindet vor Peru, spurlos. Ölbohrexperten stoßen in der norwegischen See auf merkwürdige Organismen, die hunderte Quadratkilometer Meeresboden in Besitz genommen haben. Währenddessen geht mit den Walen entlang der Küste British Columbias eine unheimliche Veränderung vor. Nichts von alledem scheint miteinander in Zusammenhang zu stehen. Doch Sigur Johanson, norwegischer Biologe und Schöngeist, glaubt nicht an Zufälle. Auch der indianische Walforscher Leon Anawak gelangt zu einer beunruhigenden Erkenntnis: Eine Katastrophe bahnt sich an. Doch wer oder was löst sie aus? Während die Welt an den Abgrund gerät, kommen die Wissenschaftler zusammen mit der britischen Journalistin Karen Weaver einer ungeheuerlichen Wahrheit auf die Spur. Das globale Katastrophenszenario, das Frank Schätzing Schritt für Schritt mit beklemmender Logik entfaltet, ist von erschreckender Wahrscheinlichkeit. Es basiert auf so genauen naturwissenschaftlichen und ökologischen Recherchen, dass dieser Roman weit mehr ist als ein großartig geschriebener, spannungsgeladener Thriller. Das Buch stellt mit großer Dringlichkeit die Frage nach der Rolle des Menschen in der Schöpfung. Mit »Der Schwarm«, seinem sechsten Buch, hat sich der Kölner Bestsellerautor Frank Schätzing in die erste Reihe großer internationaler Thriller-Autoren geschrieben. Ein seltenes Ereignis in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Rezension
»Hinreißende Dialoge! Schätzing entwirft Figuren, die den Leser in ihren Bann ziehen.« (Dresdner Neueste Nachrichten)
Portrait
Frank Schätzing, Jahrgang 1957, studierte Kommunikationswissenschaften und war Mitbegründer der Kölner Werbeagentur Intevi. Seit den 90er Jahren ist er als Schriftsteller in Erscheinung getreten, sein größter Erfolg war >Der Schwarm<, der weltweit in 27 Sprachen übersetzt wurde und seit Erscheinen eine Gesamtauflage von ca. 3.8 Millionen Exemplaren erreichte. Frank Schätzing ist nicht nur ausgebildeter Taucher, Musiker, Musikproduzent und leidenschaftlicher Hobbykoch. Er lebt mit seiner Frau in Köln.

Literaturpreise:

2002 - KölnLiteraturPreis

2004 - Corine (Literaturpreis) in der Sparte Belletristik

2005 - Kurd-Laßwitz-Preis für >Der Schwarm< als bester Science-Fiction-Roman des Jahres

2005 - Deutscher Science Fiction Preis für >Der Schwarm<

2005 - Goldene Feder für >Der Schwarm<

2005 - Deutscher Krimi Preis für >Der Schwarm<

2006 - Dr. Kurt Neven DuMont Medaille der Westdeutschen Akademie für Kommunikation

2007 - „Stein im Brett“-Preis des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler e.V. (BDG)
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  • Anawaks Gedanken rasten. Wahrscheinlich war der Rumpf bereits

    an einigen Stellen gerissen. Er musste etwas tun. Vielleicht konnte er

    die Tiere irgendwie ablenken.

    Seine Hand fuhr zum Gashebel.

    Im selben Moment zerriss ein vielstimmiger Schrei die Luft. Aber er

    kam nicht von dem weißen Dampfer, sondern erscholl gleich hinter

    ihm, und Anawak wirbelte herum.

    Der Anblick hatte etwas Surreales. Direkt über dem Boot der Tierschützer stand senkrecht der Körper eines riesigen Buckelwals. Beinahe schwerelos wirkte er, ein Wesen von monumentaler Schönheit, das krustige Maul den Wolken zugereckt, und immer noch stieg er weiter empor, zehn, zwölf Meter über ihre Köpfe hinweg. Den Herzschlag einer Ewigkeit lang hing er einfach nur so am Himmel, sich langsam drehend, und die meterlangen Flipper schienen ihnen zuzuwinken.

    Anawaks Blick wanderte an dem springenden Koloss entlang. Nie

    hatte er etwas zugleich so Schreckliches und Großartiges gesehen, nie

    aus solcher Nähe. Alle, Jack Greywolf, die Menschen in den Zodiacs,

    er selber, legten den Kopf in den Nacken und starrten auf das, was nun

    auf sie zukommen würde.

    »Oh mein Gott«, flüsterte er.

    Wie in Zeitlupe neigte sich der Leib des Wals. Sein Schatten legte sich

    auf das rote Fischerboot der Umweltschützer, wuchs über den Bug der

    Blue Shark hinaus, wurde länger, als der Körper des Riesen kippte,

    schneller und immer schneller …

    Anawak drückte das Gas durch. Das Zodiac schoss mit einem Ruck

    davon. Auch Greywolfs Fahrer hatte einen Blitzstart zuwege gebracht,

    aber seine Richtung stimmte nicht. Das klapprige Sportboot schlingerte

    auf Anawak zu. Sie prallten zusammen. Anawak wurde nach hinten

    gerissen, sah den Fahrer über Bord und Greywolf zu Boden gehen,

    dann raste das Boot in entgegengesetzter Richtung davon, während

    seines mit voller Fahrt wieder auf die Blue Shark zuhielt. Vor seinen

    Augen begruben die neun Tonnen Körpermasse des Buckelwals das Fischerboot unter sich, drückten es mitsamt seiner Besatzung unter Wasserund schlugen auf den Bug der Blue Shark. Gischt spritzte in gewaltigen Fontänen hoch. Das Heck des Zodiacs schoss steil nach oben, Menschen in roten Overalls wirbelten durch die Luft. Kurz balancierte die Blue Shark auf ihrer Spitze, pirouettierte um die eigene Achse und kippte seitwärts. Anawak duckte sich. Sein Boot schnellte unter dem umstürzenden Zodiac hindurch, schlug gegen etwas Massives unterhalb der Wasseroberfläche und sprang darüber hinweg. Vorübergehend verlor er den Boden unter den Füßen, dann endlich hielt er das Steuer wieder in Händen, riss es herum und bremste ab.

    Ein unbeschreibliches Bild bot sich ihm. Vom Boot der Umweltschützer

    waren nur noch Trümmer zu sehen. Die Blue Shark trieb kieloben

    in den Wellen. Menschen hingen im Wasser, wild paddelnd und

    schreiend, andere reglos. Ihre Anzüge hatten sich selbständig aufgepumpt, sodass sie nicht versinken konnten, aber Anawak ahnte, dass einige von ihnen tot sein mussten, erschlagen vom Gewicht des Wals.

    Ein Stück weiter sah er die Lady Wexham mit deutlicher Schlagseite

    Fahrt aufnehmen, umkreist von Rücken und Fluken. Ein plötzlicher

    Stoß erschütterte das Schiff, und es legte sich noch mehr auf die Seite.

    Vorsichtig, um niemanden zu verletzen, steuerte Anawak das Zodiac

    zwischen die treibenden Körper, während er einen kurzen Funkspruch

    auf Frequenz 98 losschickte und seine Position durchgab.

    »Probleme«, sagte er atemlos. »Wahrscheinlich Tote.«

    Alle Boote im Umkreis würden den Notruf hören. Mehr Zeit blieb

    ihm nicht. Keine Zeit zu erklären, was geschehen war. Ein Dutzend

    Passagiere waren an Bord der Blue Shark gewesen, außerdem Stringer

    und ihr Assistent. Hinzu kamen die drei Umweltschützer. Siebzehn

    Menschen insgesamt, aber im Wasser zählte er deutlich weniger.

    »Leon!«

    Das war Stringer! Sie schwamm auf ihn zu. Anawak ergriff ihre

    Hände und zog sie an Bord. Hustend und keuchend fiel sie ins Innere.

    In einiger Entfernung sah er die Rückenschwerter mehrerer Orcas. Die

    schwarzen Köpfe und Rücken hoben sich heraus, während sie mit hoher

    Geschwindigkeit auf den Unglücksort zuhielten.

    Sie legten eine Zielstrebigkeit an den Tag, die Anawak nicht gefiel.

    Dort trieb Alicia Delaware. Sie hielt den Kopf eines jungen Mannes

    über Wasser, dessen Anzug nicht wie die anderen von Pressluft gebläht

    war. Anawak lenkte das Boot näher an die Studentin heran. Neben

    ihm stemmte sich Stringer hoch. Vereint hievten sie zuerst den bewusstlosen Jungen und dann das Mädchen an Bord. Delaware schüttelte Anawaks Hände ab, hängte sich sofort wieder über den Bootsrand und half Stringer, weitere Menschen ins Innere zu ziehen. Andere näherten sich aus eigener Kraft, reckten die Arme, und sie halfen ihnen hinein. Das Boot füllte sich schnell. Es war viel kleiner als die Blue Shark und eigentlich schon zu voll. Hastig griffen sie zu, während Anawak weiter die Wasseroberfläche absuchte.

    »Da schwimmt noch einer!«, rief Stringer.

    Ein menschlicher Körper hing reglos im Wasser, das Gesicht nach

    unten, der Statur nach männlich, mit breiten Schultern und Rücken.

    Kein Overall. Einer der Umweltschützer.

    »Schnell!«

    Anawak beugte sich über die Reling. Stringer war neben ihm. Sie

    packten den Mann bei den Oberarmen und zogen ihn hoch.

    Es ging einfach.

    Zu einfach.

    Der Kopf des Mannes fiel nach hinten, und sie sahen in blicklose Augen. Noch während Anawak den Toten anstarrte, wurde ihm bewusst, warum der Körper so leicht war. Er endete dort, wo die Taille gewesen war. Beine und Becken fehlten. Aus dem Torso baumelten tropfend Fleischfetzen, Arterien und Gedärme.

    Stringer keuchte und ließ los. Der Tote kippte weg, entglitt Anawaks

    Fingern und klatschte zurück ins Wasser.

    Rechts und links von ihnen durchschnitten die Schwerter der Orcas

    das Wasser. Es waren mindestens zehn, vielleicht mehr. Ein Schlag erschütterte das Zodiac. Anawak sprang zum Steuer, gab Gas und fuhr

    los. Vor ihnen wölbten sich drei mächtige Rücken aus den Wellen, und

    er ging in eine halsbrecherische Kurve. Die Tiere tauchten ab. Zwei

    weitere kamen von der anderen Seite und hielten auf das Boot zu.

    Wieder fuhr Anawak eine Kurve. Er hörte Schreie und Weinen. Auch

    er selber hatte schreckliche Angst. Sie durchfloss ihn wie elektrischer

    Strom, verursachte ihm Übelkeit, doch ein anderer Teil von ihm steuerte

    das Zodiac unbeirrt in einem aberwitzigen Slalom zwischen den

    schwarzweißen Körpern hindurch, die immer aufs Neue versuchten,

    ihnen den Weg abzuschneiden.

    Ein Krachen ertönte von rechts. Anawak wandte reflexartig den Kopf

    und sah die Lady Wexham in einer Wolke aus Gischt erbeben und kippen.

    Später erinnerte er sich, dass es dieser Blick war, dieser eine Moment

    der Unaufmerksamkeit, der ihr Schicksal besiegelte. Er wusste, dass er

    nicht zu dem großen Schiff hätte hinüberschauen dürfen. Möglicherweise

    wären sie entkommen. Bestimmt hätte er den grau gesprenkelten

    Rücken gesehen und wie der Wal abtauchte, wie sich seine Fluke aus

    dem Wasser hob, direkt in Fahrtrichtung.

    So sah er den herabsausenden Schwanz erst, als es zu spät war[...]

    Leseprobe 2:

    Vor Svalbard, Spitsbergen, Grönländische See

    Auf dem Wasser lag das Mondlicht.

    Es war ein Anblick, der die Mannschaft an Deck trieb, so atemberaubend

    schön präsentierte sich das Eismeer in dieser Nacht. Selten sah

    man es so, aber Lukas Bauer bekam nichts davon mit. Er saß in seiner

    Kammer über seinen Unterlagen und kam sich vor wie jemand, der die

    sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen sucht, nur dass der Heuhaufen

    die Größe zweier Meere besaß.

    Karen Weaver hatte ihre Sache gut gemacht und ihn wirklich entlastet,

    aber vor zwei Tagen war sie im spitsbergischen Longyearby von

    Bord gegangen, um dort Recherchen anzustellen. Sie führte ein unruhiges Leben, wie Bauer fand, obschon sein eigenes nicht eben ruhiger verlief. Als Wissenschaftsjournalistin hatte sie sich vor allem auf marine Themen verlegt. Bauer vermutete, dass Weavers Berufswahl einzig dem Umstand zu verdanken war, dass sie auf diese Weise kostenlos in die unwirtlichsten Regionen der Welt reisen konnte. Sie liebte das Extreme.

    Darin unterschied sie sich von ihm, der das Extreme von Herzen

    verabscheute, jedoch von solchem Forscherdrang besessen war,

    dass ihm Erkenntnis über Bequemlichkeit ging. Viele Forscher waren

    so. Missverstanden als Abenteurer, nahmen sie das Abenteuer in Kauf,

    um in den Besitz von Wissen zu gelangen.

    Bauer vermisste einen bequemen Sessel, Bäume und Vögel und ein

    frisch gezapftes deutsches Bier. Vor allem aber vermisste er Weavers Gesellschaft.

    Er hatte das störrische Mädchen ins Herz geschlossen, und

    außerdem begann er, den Sinn und Zweck von Pressearbeit zu begreifen – dass man sich, wenn man eine breite Öffentlichkeit für die eigene Tätigkeit interessieren wollte, auf ein vielleicht nicht hoch präzises, dafür jedoch verständliches Vokabular verlegen musste.Weaver hatte ihm klargemacht, dass viele Menschen seine Arbeit schon darum nicht verstehen würden, weil sie gar nicht wussten, wie und wo der Golfstrom entsprang, um den sich alles drehte, was er in diesen Tagen unternahm.

    Er hatte das nicht glauben können. Er hatte auch nicht glauben können,

    dass keiner wusste, was ein Autarker Drifter war, bisWeaver ihn davon

    überzeugte, dass es kaum jemand wissen konnte, weil Drifter viel zu

    neu und zu speziell waren. Das hatte er schließlich akzeptiert. Aber der

    Golfstrom! Was lernten die Kinder bloß in der Schule?

    Doch Weaver hatte Recht. Schließlich wollte er die Öffentlichkeit

    gewinnen, um sie teilhaben zu lassen an seiner Sorge, und um den Verantwortlichen Druck zu machen.

    Und Bauer sorgte sich sehr.

    Seine Sorge entsprang im Golf von Mexiko. Dorthin strömte entlang

    der südamerikanischen Küste und vom Süden Afrikas her warmes

    Oberflächenwasser. In der Karibik wurde es aufgeheizt und floss weiter

    nach Norden. Einladend warmes Wasser, zwar ziemlich salzig, aber

    weil es so warm war, blieb es an der Oberfläche.

    Dieses Wasser bildete Europas Fernheizung, den Golfstrom. Bis

    Neufundland wälzte er sich und transportierte dabei eine Milliarde

    Megawatt Wärme, was der thermischen Leistung von 250 000 Kernkraftwerken entsprach, wo ihm der kalte Labradorstrom in die Seite

    fiel und ihn auflöste. Dabei wurden sogenannte Eddies abgeschnürt,

    kreisende, warme Wassermassen, die weiter nach Norden trieben, nun

    Nordatlantische Drift genannt. Westwinde sorgten dafür, dass reichlich

    Wasser verdunstete, was Europa ergiebige Regenfälle bescherte und

    zugleich den Salzgehalt in die Höhe trieb. Die Drift zog weiter die norwegische Küste hoch, firmierte dort als Norwegenstrom und brachte

    immer noch genug Wärme in den äußersten Nordatlantik, dass Schiffe

    selbst im Winter Südwestspitsbergen anlaufen konnten. Erst zwischen

    Grönland und Nordnorwegen endete der Wärmezufluss. Hier stieß der

    Norwegenstrom alias Nordatlantische Drift alias Golfstrom auf eiskaltes

    Arktiswasser, das ihn, unterstützt von kalten Winden, rapide abkühlte.

    Das ohnehin sehr salzige, nun auch sehr kalte Wasser wurde

    schwer und sackte ab. So schwer wurde es, dass seine Massen steil in

    die Tiefe stürzten. Das geschah nicht auf ganzer Front, sondern in Kanälen, sogenannten Schloten, die je nach Wellengang ihre Position

    wechselten und darum nicht auf Anhieb zu finden waren. Sinkschlote

    hatten einen Durchmesser zwischen 20 und 50 Metern. Etwa zehn von

    ihnen kamen auf einen Quadratkilometer, aber wo genau sie lagen,

    hing von der Tagesform des Meeres und der Winde ab. Entscheidend

    war der ungeheure Sog, den die absinkenden Wassermassen erzeugten.

    Hierin lag das ganze Geheimnis des Golfstroms und seiner Ausläufer.

    Er floss nicht wirklich nach Norden, sondern wurde dorthin gezogen,

    angesaugt von der gewaltigen Pumpe unterhalb der Arktis. In 2000 bis

    3000 Metern Tiefe trat das eisige Wasser dann seinen Rückweg an, eine Reise, die es einmal um den Erdball führte.

    Bauer hatte eine Reihe von Driftern ausgesetzt in der Hoffnung, dass

    sie dem Verlauf der Schlote folgen würden. Aber inzwischen drohte

    ihn der Mut zu verlassen, überhaupt auf Schlote zu stoßen. Überall

    hätten sie sein müssen. Stattdessen schien die große Pumpe ihren Betrieb eingestellt oder in unbekannte Regionen verlegt zu haben.

    Bauer war hier, weil er um diese Probleme wusste und um ihre Auswirkungen.

    Er hatte nicht erwartet, alles in bester Ordnung vorzufinden.

    Aber gar nichts vorzufinden hatte er noch viel weniger erwartet.

    Und es bereitete ihm wirklich sehr, sehr große Sorgen.

    Er hatte Weaver seine Sorgen mitgeteilt, bevor sie von Bord gegangen

    war. Seither mailte er ihr folgsam in regelmäßigen Abständen Statusberichte und ließ sie an seinen geheimsten Befürchtungen teilhaben. Schon vor Tagen hatte sein Team festgestellt, dass die Gaskonzentrationen im Nordmeer sprunghaft angestiegen waren, und er brütete über der Frage, ob es womöglich einen Zusammenhang mit dem Verschwinden der Sinkschlote gab.

    Jetzt, allein in seiner Kammer, war er dessen fast sicher.

    Er arbeitete ohne Pause, während die Polarnacht hart gesottene Seeleute dazu brachte, einfach an der Reling zu lehnen und hinauszusehen. Mit rundem Rücken saß er über Stapeln von Berechnungen, Ausdrucken mit Diagrammen und Karten. Zwischendurch schickte er eine EMail an Karen Weaver, einfach um Hallo zu sagen und sie mit seinen letzten Erkenntnissen vertraut zu machen.

    So versunken war er in seine Arbeit, dass er es eine ganze Weile

    schaffte, das Zittern zu ignorieren – so lange, bis der Becher Tee auf seinem Schreibtisch zur Kante gewandert war und sich im Kippen auf seine Hose ergoss.

    »Teufel auch!«, zeterte er. Der Tee lief heiß in seinen Schritt und an

    den Schenkeln herab. Er schob den Stuhl zurück und stand auf, um das

    Malheur näher in Augenschein zu nehmen.

    Dann verharrte er, die Hände um die Stuhllehnen gekrallt, und

    horchte hinaus.

    Täuschte er sich?

    Nein, er hörte Schreie. Schwere Stiefel rannten über das Deck. Irgendetwas ging da draußen vor sich. Das Zittern wurde heftiger. Das

    Schiff verfiel in Vibrationen, und plötzlich hebelte ihn etwas aus dem

    Gleichgewicht. Ächzend stolperte er gegen seinen Schreibtisch. Im

    nächsten Moment sackte der Boden unter ihm weg, als ob das komplette Schiff in ein Loch fiele. Bauer wurde rücklings zu Boden geschleudert. Angst nahm Besitz von ihm, tiefe, schreckliche Angst. Er rappelte sich auf und taumelte aus seiner Kammer hinaus auf den Gang. Lautere Schreie drangen an sein Ohr. Die Maschine wurde angeworfen. Jemand brüllte etwas auf Isländisch, das Bauer nicht verstand, weil er nur Englisch sprach, aber er hörte das Entsetzen in der Stimme, und noch größeres Entsetzen in der Stimme, die antwortete.

    Ein Seebeben?

    Hastig lief er den Gang entlang und die Treppe hinauf zum Deck.

    Das Schiff schwankte wie wild hin und her. Er hatte Mühe, sich auf den

    Beinen zu halten. Als er nach draußen wankte, schlug ihm ein entsetzlicher Gestank entgegen, und mit einem Mal wusste Lukas Bauer, was los war.

    Er schaffte es zur Reling und sah hinaus. Ringsum brodelte weiß die

    See. Als säßen sie in einem Kochtopf.

    Das waren keine Wellen. Kein Sturm. Es waren Blasen. Riesige, aufsteigende Blasen.

    Wieder sackte der Schiffsboden weg. Bauer fiel nach vorn und schlug

    mit dem Gesicht hart auf die Planken. In seinem Kopf explodierte der

    Schmerz. Als er wieder aufsah, war seine Brille zu Bruch gegangen.

    Ohne Brille war er so gut wie blind, aber er sah auch so, dass die See

    über dem Schiff zusammenschlug.

    Oh Gott!, dachte er. Oh Gott, hilf uns [...]
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 987
Erscheinungsdatum 01.11.2005
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-596-16453-0
Verlag Fischer Taschenbuch Verlag
Maße (L/B/H) 19/13,2/4,8 cm
Gewicht 640 g
Auflage 29. Auflage
Verkaufsrang 1668
Buch (Taschenbuch)
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Kundenbewertungen

Durchschnitt
219 Bewertungen
Übersicht
149
44
14
7
5

Spannend bis zum Schluss
von einer Kundin/einem Kunden aus Bern am 09.07.2019

Wissenschaftlich fundiertes kombiniert mit Science Fiction. Spannend und Abwechslungsreich auch mit der aktuellen Klimadebatte wieder Top-Aktuell.

Gut, aber fast schon zu langatmig
von einer Kundin/einem Kunden aus Hannover am 27.05.2019

Wäre das Buch nicht "maritim" ausgelegt, hätte ich es wohl nicht beendet. Im Grunde super toll und für Bücher-Hardliner mit Sicherheit bombe. Aber mir ist die Geschichte viel zu ausgeschmückt und zu langatmig. Sie hat zwar ordentlich Höhepunkte, das wäre aber glaube ich auch auf 500 Seiten gegangen. Ein 1000Seiter überfordert mi... Wäre das Buch nicht "maritim" ausgelegt, hätte ich es wohl nicht beendet. Im Grunde super toll und für Bücher-Hardliner mit Sicherheit bombe. Aber mir ist die Geschichte viel zu ausgeschmückt und zu langatmig. Sie hat zwar ordentlich Höhepunkte, das wäre aber glaube ich auch auf 500 Seiten gegangen. Ein 1000Seiter überfordert mich fast immer. Ansonsten ein tolles Buch. Bin im Grunde froh, es gelesen zu haben.

Der Schwarm - Frank Schätzing
von einer Kundin/einem Kunden aus Wuppertal am 24.04.2019
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Mit das beste von Frank Schätzing. Kann ich nur empfehlen! Zum Einstieg bei diesem Autor auch lesenswert "Tod und Teufel" sowie "Lautlos" beide nicht ganz so gewaltig und seitenstark!


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