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Brown, S: Gefährliche Sünden

Roman


Denn nur die Leidenschaft zählt

Jordan Hadlock hat alles, um glücklich zu sein: Einen guten Job und Helmut Eckherdt, einen reichen Schweizer Industriellen, der sich nur eins wünscht – sie zu heiraten. Doch als ein attraktiver Fremder vor ihrer Tür steht, weiß sie nicht mehr, was sie wirklich will. Zwischen ihnen ist es Liebe auf den ersten Blick. Nach einer leidenschaftlichen Nacht wacht Jordan allein wieder auf. Einige Tage später gibt Helmut auf einer Party ihre Verlobung bekannt und stellt sie einem Journalisten vor. Es ist Reeves Grant, der Mann, in dessen Armen sie die Leidenschaft wiederentdeckt hat. Und Jordan muss sich entscheiden – zwischen einem anständigen Mann, der sie zu seiner Frau machen will, und einem, den sie begehrt …

Portrait
Sandra Brown arbeitete mit großem Erfolg als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie mit ihrem Roman 'Trügerischer Spiegel' auf Anhieb einen großen Erfolg landete. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten internationalen Autorinnen, die mit jedem ihrer Bücher die Spitzenplätze der New-York-Times-Bestsellerliste erreicht! Ihren großen Durchbruch als Thrillerautorin feierte Sandra Brown mit dem Roman 'Die Zeugin', der auch in Deutschland auf die Bestsellerlisten kletterte – ein Erfolg, den sie mit jedem neuen Roman noch einmal übertreffen konnte. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und South Carolina.
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  • Liebe Leserin,
    bevor ich anfing, Thriller zu schreiben, habe ich jahrelang Romanzen verfasst. Gefährliche Sünden wurde zum ersten Mal vor ungefähr zwanzig Jahren veröffentlicht.
    Die Geschichte spiegelt die damals modernen Trends und Einstellungen wider, das Thema aber hat allzeit universelle Gültigkeit. Wie in allen Romanzen geht es auch in diesem Werk um zwei Menschen, deren Liebe unter einem schlechten Stern zu stehen scheint. Es gibt Augenblicke der Leidenschaft, des Schmerzes und der Zärtlichkeit - sie alle gehören dazu, wenn man sich in jemanden verliebt.
    Das Schreiben von Romanzen hat mir großen Spaß gemacht. Sie haben eine optimistische Ausrichtung und einen ganz eigenen Charme. Falls Sie zum ersten Mal ein Buch dieser Gattung lesen, wünsche ich Ihnen dabei viel Spaß.
    Sandra Brown
    1
    Der Mann leerte das Champagnerglas mit dem zerbrechlichen Kristallstiel und stellte es auf das silberne Tablett, das ein vorbeilaufender Kellner in die Höhe hielt. Der mit einem Frack bekleidete Ober blieb kurz stehen, während sich der Mann ein neues Glas voll Schaumwein nahm, bevor er im Gedränge der plaudernden Gästeschar verschwand.
    Reeves Grant nippte an seinem frischen Glas und fragte sich, weshalb er es sich überhaupt genommen hatte. Denn im Grunde wollte er es nicht. Mit einem Mal war nichts mehr, wie es eben noch gewesen war. Selbst das erlesenste Getränk der Welt hinterließ einen metallischen Geschmack in seinem Mund. Der Blick seiner grünen Augen wanderte verächtlich über die illustre Menge von Berühmtheiten und VIPs und drückte nachsichtige Langeweile aus.
    Eine alternde, aber noch immer wunderschöne französische Filmschauspielerin hatte sich bei ihrem neuesten Ehemann, einem Ölmagnaten aus Tulsa, Oklahoma, eingehakt. Der westdeutsche Abfahrtslauf-Olympiasieger machte sich an die schmollende sinnliche Prinzessin eines Mittelmeerlandes heran, doch sie ignorierte ihn. Ein New Yorker Designer und sein »Begleiter und Protege«, beide in leuchtend pinkfarbenen Smokings, unterhielten eine Gruppe interessierter Zuhörer mit einer boshaften Geschichte von einem ehemaligen Top-Model, das zwanzig Kilo zugenommen hatte und mit der Bitte um ein Outfit, das seine Figur kaschierte, zu ihnen gekommen war.
    Alles in allem waren die hier versammelten Personen reich, wichtig, berühmt. Oder zumindest eins von diesen Dingen. Oder hatten wenigstens auf irgendeine Art Schlagzeilen gemacht.
    Eingeladen zu dem üppigen Empfang hatte ein Mann, der dank seiner großen, muskulösen und geschmeidigen Gestalt genau wie der unermesslich reiche Schweizer Industrielle aussah, der er war. Er hatte blondes Haar und blaue Augen und war derart attraktiv, dass ihm ein Platz auf der Liste der »weltweit schönsten Menschen« sicher war.
    Doch ein Paar grüner Augen weigerte sich rundheraus, weiter auf dem Gastgeber zu ruhen, sondern wanderte zielstrebig weiter zu der Frau, die an seiner Seite stand. Sie trug ein umwerfendes weißes Kleid. Ausgerechnet weiß!, ging es dem Betrachter hämisch durch den Kopf.
    Die letzten vierundzwanzig Stunden hatten Reeves' Erinnerung an ihre Schönheit nicht getrübt. Das Etuikleid von Dior, das eine Schulter frei ließ, war genauso elegant wie all die anderen Kleider, die man auf der Feier sah, und die opal- und diamantbesetzte Kette, die ihren schlanken Hals betonte, war nicht weniger erlesen als der Schmuck, den all die anderen Frauen trugen, nahm sich aufgrund ihrer Schlichtheit im Vergleich zu all dem anderen Geschmeide aber beinahe bescheiden aus.
    Das Haar hatte sie für den förmlichen Anlass beinah etwas zu nachlässig frisiert. Anders, als er es zuletzt gesehen hatte, fiel es nicht in losen Wellen über ihre Schultern, sondern war zu einem Knoten aufgesteckt. Aber die versteckten Nadeln fanden in den dunklen, dichten, weich schimmernden Strähnen offenkundig nur mit Mühe Halt, denn einige der Locken hatten sich bereits wieder befreit. Wahrscheinlich würde schon der kleinste Anreiz - wie zum Beispiel ein sanftes Streicheln - genügen, damit sich die wunderbare Pracht über die Finger des Glücklichen ergoss.
    Verdammt! Was ist bloß mit dir los?, fragte er sich selbst. Sie hatte ihn hereingelegt, doch als wäre er nicht nur ein Narr, sondern obendrein auch noch ein Masochist, sah er sie immer wieder an.
    Dabei ging ihm immer wieder eine Frage durch den Kopf: Was hatte sie gestern Abend in der Buchhandlung gemacht? Oder, besser noch, was machte sie an diesem Abend hier? Auf diesem exklusiven Fest? Inmitten aller dieser Leute? Neben diesem Mann? Das bescheidene, über der Buchhandlung gelegene Apartment passte nicht zu diesem palastartigen Empfangssaal mit den mit Fresken verzierten, vergoldeten Decken, den marmornen Böden und den glitzernden Kronleuchtern. Sie gehörte nicht hierher. Sie gehörte in die winzig kleine Küche, in der fröhlich die
    Espressokanne brummte und in der es nach frischem Kaffee roch. Er konnte sie noch, eins der weichen Kissen vor der Brust, mit angezogenen Beinen in der Sofaeckesitzen sehen _ verflucht!
    Ohne sein Champagnerglas zu leeren, stellte er es neben sich auf einen kleinen Tisch. Seine NikonKamera hing an der dünnen Lederschnur um seinen Hals, und er rückte sie vor seiner Brust zurecht. Er war es derart gewohnt, mit einer Kamera herumzulaufen, dass sie, selbst wenn er wie jetzt einen eleganten Smoking trug, wie ein natürlicher Bestandteil seines Körpers für ihn war. Und auch die Gäste waren es derart gewohnt, fotografiert zu werden, dass ihnen die Kamera nicht weiter aufzufallen schien, als Reeves sich einen Weg durch das Gedränge bahnte und dabei das fein gemeißelte Profil der Frau betrachtete, die gerade mit einem belgischen Diplomaten sprach. Der Mann an ihrer Seite hatte ihn ihr eben vorgestellt.
    Sie beugte sich zu ihrem Gegenüber vor, das deutlich kleiner war als sie, und wechselte ein paar höfliche Worte, während Reeves die Kamera vor sein geübtes Auge hob. Er verstellte das Objektiv, bis er ihr fein geschnittenes Gesicht in seiner ganzen Schärfe sah.
    Der Diplomat hob beflissen ihre Hand an seine Lippen, und genau in dem Moment klickte der Verschluss. Der automatische Blitz der Kamera erschreckte sie, und sie drehte ihren Kopf in die Richtung, aus der das grelle Licht gekommen war. Abermals verstellte er das Objektiv, und ihr herrliches
    Gesicht füllte den Sucher vollständig. Ihr Lächeln
    wirkte zögernd, scheu und etwas unsicher, als er den Auslöser betätigte.
    Jetzt traf der Blitz sie direkt in die Augen, weswegen sie kurzfristig geblendet war. Ein Wald aus dunklen Wimpern schloss sich mehrmals über ihren grauen Augen, bis sie wieder richtig sah. Langsam nahm der Fotograf die Kamera von seinen grünen Augen und bedachte sie mit einem bösen, vorwurfsvollen Blick.
    Ihr freundliches Lächeln wurde starr, sie riss die Augen auf, und die geheimnisvollen Ringe um die Iris herum verdunkelten sich zusehends. Sie leckte sich plötzlich ihre trocknen Lippen, und ihr Mund formte ein kleines, rundes, überraschtes O.
    Denselben Ausdruck der Verwunderung und Vorsicht hatte Reeves schon letzte Nacht bei ihr gesehen. Es hatte gegossen, und das laute Donnergrollen, das die Steinmauern der alten Häuser in der Altstadt von Luzern zurückgeworfen hatten, hatte ihn fast taub gemacht, während ihm der dichte Regen auf den unbedeckten Kopf geprasselt war.
    Plötzlich aber hatte das Gewitter keine Rolle mehr gespielt. Als er ihr Gesicht durch die Glastür einer kleinen Buchhandlung gesehen hatte, hatten alle seine anderen Sinne ihre Arbeit eingestellt.
    »Oh!«, hatte Jordan Hadlock ausgerufen. Erschrocken hatte sie das schwere Buch an ihre Brust gedrückt, denn unter dem nächsten lauten Donnerhall hatten die Schaufenster ihres Geschäfts gebebt. Dann aber war ihr bewusst geworden, dass das Klirren nicht nur eine Folge des Gewitters war. Jemand klopfte lautstark an die Tür.
    Da sie vor einem Regal auf einer Leiter stand, konnte sie die Ladentür sehen. Doch als sie vor ein paar Stunden abgeschlossen hatte, hatte sie zugleich die Jalousien zugezogen. Weshalb einzig die vom Blitz erhellte Silhouette der Person zu sehen war, die dort im Regen stand und krachend gegen die Scheibe schlug.
    Der Größe und der Gestalt nach war es offenbar ein Mann. Er hatte seine Hände links und rechts von seinem Gesicht gegen das Glas gelegt und versuchte, an der Jalousie vorbei etwas zu sehen. Dabei stieß er eine Reihe lauter Flüche aus, die ein anständiger Mensch noch nicht mal hätte murmeln sollen, ehe er erneut kräftig gegen die Scheibe schlug.
    Ihr Herz schlug fast genauso laut wie die geballte Faust des Fremden vor der Tür, als Jordan von der Leiter stieg und an den Körben voller Bücher und den Ständern voller Zeitungen vorbei in Richtung Eingang ging.
    Ein neuerlicher Blitz enthüllte eine große, männliche Gestalt, die mit leicht gespreizten Beinen und die Hände in die Hüften gestützt vor dem Laden stand. Die Ungeduld ihres Besuchers nahm sekündlich zu. Unentschlossen wog sie die verschiedenen Möglichkeiten ab. Es wäre gefährlich, derart spät am Abend einem Mann die Tür zu öffnen, der ganz offensichtlich bereits furchtbar wütend war. Aber hätte er es darauf abgesehen, ihr etwas anzutun, hätte er wohl
    kaum derart vernehmlich an die Tür geklopft. Vielleicht brauchte er ja Hilfe? Vielleicht einen Arzt? Auf alle Fälle sah er recht verzweifelt aus.
    Ehe sie es sich noch einmal überlegen konnte, trat sie an die Tür und zog die Jalousie ein Stück zur Seite, um hinauszusehen. Das Licht aus dem Geschäft fiel auf eine breite Brust in einem regennassen Baumwollhemd. Das Hemd war oben aufgeknöpft, und ihr neugieriger Blick wanderte über den muskulösen Hals hinauf zu dem Gesicht.
    Ihre Augen wurden groß. Trotz der grimmigen, erbosten Miene sah dieses Gesicht beim besten Willen nicht bedrohlich aus. Das straffe Kinn, die lange, schmale Nase und die fragend hochgezogenen Brauen über den leuchtend grünen Augen schienen sie zu fragen: Also, wollen Sie mich weiter einfach anstarren, oder machen Sie mir vielleicht endlich auf?
    Natürlich ließe sie den armen Kerl herein.
    Sie ließ die Jalousie fallen, öffnete den Riegel, drehte an dem Messingknauf und zog die Ladentür auf. Zwei Taschen, die sie bisher nicht gesehen hatte, flogen durch die Öffnung, und sie machte eilig einen Schritt zur Seite, als die Taschen auf den Boden krachten und ein Schauer kalter Regentropfen ihre nackten Füße traf.
    Direkt nach der braunen Leder- und der dunkelblauen Leinentasche platzte auch der Mann herein und warf die Tür hinter sich zu. Eine schneidende Bemerkung, weil sie ihn so lange hatte draußen stehen lassen, auf den Lippen, wirbelte er zornentbrannt
    zu ihr herum, doch als er auf sie heruntersah, bekam er keinen Ton heraus.
    Für einen endlos langen Augenblick starrten sie einander einfach schweigend an. Die einzige Bewegung war die ihrer Augen, während sie einander musterten, aber bereits nach wenigen Sekunden nahm man außer dem Geräusch der Regentropfen, die von seinen Kleidern auf den Fliesenboden fielen, nur ihrer beider lauten Atemzüge wahr. Er atmete flach und schnell, da er durch das Unwetter gelaufen war, und aus ungeklärten Gründen passte Jordan ihren eigenen Atem daran an.
    Dann riss sie ihren Blick als Erste los und sah hinunter auf die Pfütze, die zu Füßen ihres ungebetenen Gasts entstanden war.
    »Haben Sie ein Handtuch?«, stieß er unvermittelt aus.
    »Was?«, fragte sie ihn krächzend, denn aus irgendeinem Grund war sie hoffnungslos verwirrt.
    »Haben Sie ein Handtuch?«, wiederholte er.
    »Oh _ oh ja. Ich _ einen Augenblick
    Sie flog beinahe durch den Raum, machte Licht im Treppenhaus und stolperte in den ersten Stock hinauf, als wäre der Teufel hinter ihr her. Sie schnappte sich ein Handtuch vom Ständer im Bad, merkte, dass es das Tuch war, mit dem sie sich nach ihrer Dusche abgetrocknet hatte, warf es auf den Boden, fluchte, weil sie derart dämlich war, und zerrte ein frisches Handtuch aus dem Schrank. Zur Vorsicht nahm sie gleich ein zweites Handtuch mit.
    Dann stürzte sie wieder los, blieb abermals stehen, atmete tief durch und ging in langsamerem, vorsichtigem Tempo zu dem Fremden ins Geschäft zurück. Was war nur mit ihr los?
    Er hatte sich nicht vom Fleck gerührt, sah sich aber neugierig in den Regalen um. Er hatte seinen Kopf ein wenig schräg gelegt, um einen Buchtitel zu lesen, und sie merkte, dass ein Rinnsal kalten Regenwassers über seinen Hals in den Kragen seines Hemdes floss.
    »Ich habe gleich zwei Handtücher mitgebracht. Sie sehen so aus, als würden Sie sie brauchen«, meinte sie und hielt ihm eins der Frotteetücher hin.
    Mit einem knappen »Danke« drückte er den weichen Stoff vor sein Gesicht und blieb mehrere Sekunden reglos stehen, bevor er auch sein wild zerzaustes dunkles Haar, den Hals und anschließend die feuchten Locken in der Öffnung seines Hemdes trocken rieb. Eilig lenkte Jordan ihren Blick woanders hin.
    Er blickte auf die Pfütze auf dem Boden des Geschäfts. »Tut mir leid. Ich habe eine Riesensauerei gemacht.«
    »Schon gut. Ich werde es nachher aufwischen. Wer…«
    »Verdammt, Entschuldigung. Ich bin Reeves Grant.« Er reichte ihr die Hand, und beinahe hätte Jordan einen Satz zurück gemacht. Aus irgendeinem Grund erschien es ihr furchtbar riskant, diesen Menschen zu berühren, selbst wenn es nur ein freundschaftliches Händeschütteln war. Sie wusste nicht,
    warum, wusste nur, dass es gefährlich wäre, käme sie mit diesem Menschen in Kontakt.
    Trotzdem überwand sie ihre unsinnige Angst und ergriff die ausgestreckte Hand. Sobald jedoch seine Finger sie berührten, zogen sich die Muskeln ihres Herzens auf dieselbe Art zusammen, und sie hielt erschreckt den Atem an. Schließlich holte sie aber instinktgesteuert genügend Luft, um zu murmeln: »Jordan Hadlock«, während sie ihm ihre kribbelnde Hand wieder entzog.
    »Danke, dass Sie mich hereingelassen haben«, sagte er.
    »Was machen Sie an einem solchen Abend draußen auf der Straße? Haben Sie aus irgendeinem Grund nach mir gesucht?«
    Er sah sie mit einem reumütigen Lächeln an. »Nein. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass es so einfach war. Ich bin heute Nachmittag - oder eher am frühen Abend - hier angekommen. Ich bin zum ersten Mal in Luzern und wollte mich noch ein bisschen umsehen, bevor ich mir ein Zimmer nehme. Also habe ich das Taxi weggeschickt, bin eine Weile am See entlangspaziert, habe einen Happen gegessen und dann eine Tour durch die Altstadt gemacht. Dann kam plötzlich das Gewitter, und ich hatte keinen blassen Schimmer, wo ich war.« Er sah sie mit einem verschämten, jungenhaften Grinsen an, und sie musste lachen.
    »Seien Sie nicht so streng mit sich. Man kann sich leicht verlaufen, wenn man zum ersten Mal hier in der Altstadt ist.«
    »Ja, aber ich bin ein erfahrener Reisender. Ich war schon so gut wie überall und habe mich noch nie verirrt. Sie werden doch wohl niemandem verraten, dass ich heute Abend hier gestrandet bin, oder?«, flüsterte er in verschwörerischem Ton.
    »Versprochen«, gab sie ebenso gedämpft zurück, bevor sie von ihm wissen wollte: »Weshalb sind Sie so oft unterwegs?«
    »Ich bin Fotojournalist. Meistens freiberuflich. Aber manchmal arbeite ich auch für irgendwelche Nachrichtenagenturen, wenn bei ihnen gerade jemand fehlt.«
    Sie riss die Augen auf. »Reeves Grant. Sind Sie etwa der >R. Grant Er nickte.
    »Ich habe schon viele Ihrer Aufnahmen gesehen. Ich lese jede Menge Zeitschriften.« Lächelnd wies sie auf die Ständer hinter sich. »Ihre Arbeit muss wirklich faszinierend sein.«
    Er zuckte bescheiden mit den Schultern.
    »Tja, meine Miete kann ich davon zahlen. Oder könnte ich, wenn ich einen festen Wohnsitz hätte. Meistens lebe ich in Hotels«, erklärte er. »Aber wie dem auch sei, ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für ein Gottesgeschenk Ihr Laden war. Ich bin eine geschlagene halbe Stunde durch den Regen gelaufen, bis ich plötzlich die Lichter sah. Ich konnte es kaum glauben, als ich das Schild über dem Eingang sah. Ein englisches Zeitschriftengeschäft! Ein Licht in der Dunkelheit, ein Leuchtturm inmitten des
    Sturms«, stieß er dramatisch aus, und Jordan lachte abermals.
    »So beeindruckend ist dieser Laden sicher nicht«, klärte sie ihn lächelnd auf. »Doch es freut mich, dass er Ihnen gelegen kam.«
    »Haben Sie ein Telefon? Und können Sie mir ein Hotel empfehlen, bevor ich Ihren Boden völlig ruiniere?«
    »Ja und ja.« Sie trat vor den Tresen mit der altmodischen Kasse und zog ein Telefon und eine zerfledderte Broschüre darunter hervor. »Was möchten Sie für ein Hotel? Die Hotels am See sind alle exzellent, falls Ihr Budget
    »Mein Auftraggeber zahlt«, erklärte er ihr grinsend. »Suchen Sie einfach eins für mich aus.«
    »Also gut.« Sie hielt den Telefonhörer ans Ohr und stieß ein lautes Stöhnen aus. »Oh nein!«
    »Was ist los?«
    »Das Telefon ist tot. Tut mir leid. Das kommt
    manchmal vor, wenn wir ein Gewitter haben Sie sah ihn unglücklich an.
    Wieder zuckte er nur mit den Schultern. »Kein Problem. Ich werde schon ein Zimmer finden, wenn Sie mir einfach sagen, in welche Richtung ich von hier aus gehen muss.«
    »Aber es regnet noch immer«, protestierte sie. »Warum bleiben Sie nicht noch ein bisschen hier?« Sie war selbst von ihren Worten überrascht, und als sie seine amüsierte Miene sah, fügte sie eilig hinzu: »Vielleicht hört das Gewitter ja bald auf.«
    Er blickte aus dem Fenster in das Unwetter hinaus. Statt weniger zu werden, nahmen Blitz und Donner eher noch an Wildheit zu.
    »Ich bin kein Märtyrer«, räumte er ein. »Ich werde also noch ein wenig bleiben. Halte ich Sie vielleicht von irgendeiner Arbeit ab?«
    »Nein - ich habe nur ein paar Bücher in die Regale einsortiert.« Sie zeigte auf die Leiter, von der sie eben geklettert war.
    »Dann werde ich Ihnen einfach dabei helfen, während ich hier bin.«
    »Nein, das kann bis nachher warten. Ich
    »Das bin ich Ihnen schuldig«, meinte er. »Das heißt, falls Sie sich nicht an meinen nassen Kleidern stören.«
    Sie störte sich daran, doch auf eine andere Art, als er wahrscheinlich dachte. Denn der feuchte dünne Stoff von seinem blauen Hemd klebte so eng an seinem Leib, dass sie die Konturen seines muskulösen Oberkörpers überdeutlich sah. Und auch seine Jeans schmiegte sich eng an seine schmalen Hüften und die langen, geschmeidigen Oberschenkel an.
    »Nein«, stieß sie mit zitternder Stimme aus. »Ich bin schließlich auch nicht gerade für Besuch gekleidet.« Plötzlich wurde sie sich ihres eigenen Erscheinungsbilds bewusst. Nachdem sie den Laden geschlossen hatte, hatte sie eine Kleinigkeit gegessen, geduscht, eine bequeme Stoffhose und einen gestrickten Baumwollpulli angezogen, ihr Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und mit einer Schildpattklammer festgesteckt. Ihre Füße waren nackt.
    Und sie hatte keinen Büstenhalter an - was ihr, als er seinen Blick an ihrer schlanken Figur hinunterwandern ließ, überdeutlich zu Bewusstsein kam. Jordan spürte deutlich, wie sich ihre Brustwarzen unter ihrem weichen pinkfarbenen Oberteil strafften, und noch während sie versuchte, sie in einen Zustand der Entspannung zurückzuversetzen, wandte sie sich eilig von ihm ab.
    Warum hatte sie nicht einen ihrer praktischen Röcke oder einen ihrer geschäftsmäßigen Hosenanzüge an? Durch ihre legere Kleidung wurde diese seltsame Begegnung wesentlich intimer, als es angeraten war.
    Allerdings war die Intimität so real, dass sie beinahe mit Händen greifbar war. Sie brauchte Reeves Grant nur anzusehen, damit ihr ein erwartungsvoller Schauer über den Rücken lief. Doch inwiefern erwartungsvoll? Die ganze Angelegenheit war vollkommen absurd, und sie war sich sicher, dass das Chaos einzig und allein in ihrer Einbildung bestand. Er merkte ganz sicher nichts davon.
    Tatsächlich kniete er, als sie ihn wieder ansah, mit dem feuchten Handtuch auf dem Boden und wischte die Pfütze auf. »Bitte machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie, während sie, die Arme voller Bücher, wieder auf die Leiter stieg.
    »Ich glaube, meine Kleider sind schon etwas trockener, und wenn ich das Wasser aufwische, habe ich nicht mehr solche Schuldgefühle, weil ich einfach hier in Ihren Laden eingedrungen bin. Wohnen Sie auch hier?«, wollte er plötzlich von ihr wissen.
    Die Frage überraschte sie und rief einen gewissen Argwohn in ihr wach. Dann aber fiel ihr wieder ein, dass sie die Handtücher holen gegangen war. Und aus ihrem ungezwungenen Aufzug konnte er natürlich schließen, dass über dem Laden ihr Apartment
    lag.
    »Ja«, erwiderte sie. »Über dem Geschäft gibt es eine kleine Wohnung. Ich lebe seit drei Jahren hier.«
    »Seit drei Jahren?« Er wirkte schockiert. »Sie sind Amerikanerin.«
    Obwohl dies keine Frage war, antwortete sie. »Ja. Ich stamme aus dem Mittleren Westen. Vor drei Jahren wusste ich plötzlich nichts mehr mit mir anzufangen und bin nach London gegangen. Geschäftspartner meines Vaters haben mir diesen Job besorgt. Es gibt eine Reihe dieser englischen Zeitschriftenläden in Europa, hauptsächlich in kleineren Städten, in denen amerikanische und britische Zeitungen schwer zu bekommen sind. Natürlich kaufen hauptsächlich englisch sprechende Touristen bei uns ein.«
    »Weshalb wussten Sie vor drei Jahren plötzlich nichts mehr mit sich anzufangen?« Natürlich sprach er sie direkt auf den Teil ihrer Geschichte an, von dem sie wünschte, er hätte ihn überhört. Am liebsten hätte sie gesagt, das ginge ihn nichts an, und sich einem anderen Thema zugewandt.
    Er aber starrte aus seinen grünen Augen zu ihr auf, und ihm war deutlich anzusehen, dass er wirklich wissen wollte, was damals geschehen war. Eine seiner starken Hände, deren Finger so sensibel waren, dass sie mühelos die kleinen Knöpfe seiner Kameras bedienen konnten, hatte er dicht neben ihrem nackten Fuß auf der Leitersprosse abgelegt.
    Sie riss ihren Blick von seinen Augen los, murmelte: »Weil damals mein Mann gestorben ist« und schob mit zitternden Händen Bücher in das oberste Regal. Es dauerte viel länger als normal.
    »Was stellen Sie da oben hin?«, durchbrach er die Stille, die sich allmählich gefährlich in die Länge zog.
    »Philosophie und Religion«, erwiderte sie. »Die momentanen Beststeller sortiere ich in Augenhöhe ein. Je pikanter das Buch, umso tiefer das Regal.« Sie sah ihn mit einem spitzbübischen Lächeln an.
    »Eine gute Verkaufstaktik«, stellte er lachend fest. »Hier. Das ist alles.« Er reichte ihr die letzten Bücher an, und sie beugte sich zu ihm hinab.
    Im selben Augenblick schlug ein Blitz ganz in der Nähe ihres Ladens ein, sie hörten erst ein Zischen, danach eine Explosion, und mit einem Mal gingen die Lichter aus.
    »Jordan!« Sie hatte kurz das Gleichgewicht verloren, doch er streckte beide Arme nach ihr aus und hielt sie auf der Leiter fest. »Alles in Ordnung?«, fragte er sie in der vollkommenen Dunkelheit.
    »Ja«, antwortete sie atemlos. Sie spürte die Wärme seiner Hände durch die dünne Wolle ihres Oberteils. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg über die jetzt unsichtbaren Sprossen, bis sie wieder vor ihm auf dem Boden stand. »Ich fürchte, Ihr erster Eindruck von Luzern ist nicht der Allerbeste«, stellte sie mit rauer
    Stimme fest. Seine Hände lagen noch immer um ihren Körper.
    »Ich würde sagen, er ist sogar wunderbar«, widersprach er nachdrücklich, wobei er seine Hände unmerklich ein Stückchen höher schob, bis er ihren Brustkorb hielt.
    »Ich werde ein paar Kerzen holen«, meinte sie nervös. »Wissen Sie, der Strom fällt hier in dieser Gegend öfter einmal aus.« Sie trat eilig einen Schritt zurück. »Ich bin sofort wieder da.«
    »Oh nein. Ich habe Angst im Dunkeln«, meinte er. »Deshalb komme ich lieber mit.« Er schob einen Daumen in eine der Gürtelschnallen ihrer Hose, sodass seine Faust auf ihrer Hüfte lag. »Gehen Sie einfach vor.«
    Sie tastete sich zwischen Ständern und Regalen durch die Dunkelheit, wobei sie mit der Gestalt, die sich dicht hinter ihr bewegte, ein ums andere Mal zusammenstieß.
    »Jetzt müssen wir rechts die Treppe rauf. Vorsicht, sie ist ziemlich schmal.«
    »Ich bin direkt hinter Ihnen«, raunte er und legte auch die zweite Hand auf ihrer Hüfte ab.
    Der Weg das enge Treppenhaus hinauf dauerte eine halbe Ewigkeit, denn noch nicht einmal die Blitze spendeten dort irgendwelches Licht.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 240
Erscheinungsdatum 19.09.2011
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-37695-7
Verlag Blanvalet
Maße (L/B/H) 18,8/12/2,3 cm
Gewicht 226 g
Originaltitel Not Even for Love
Übersetzer Uta Hege
Buch (Taschenbuch)
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