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Tyrannen müssen nicht sein

Warum Erziehung allein nicht reicht - Auswege


Auswege aus der Krise: Michael Winterhoff macht klar, was Kindern wirklich hilft

Wie kann man verhindern, dass Kinder zu Tyrannen werden? In seinem neuen Buch weist Michael Winterhoff anhand zahlreicher aus dem Leben gegriffener Fallbeispiele Wege aus der Erziehungskrise: Wenn Erwachsene ihre Verantwortung ernst nehmen und Kinder wie Kinder behandeln, können diese fröhlich und gesund aufwachsen und sich zu beziehungs- und arbeitsfähigen Erwachsenen entwickeln.

Portrait
Dr. Michael Winterhoff, geboren 1955, Dr. med., ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie in Bonn. In seinen bisherigen sehr erfolgreichen Büchern analysiert er gesellschaftliche Entwicklungen mit Schwerpunkt auf den gravierenden Folgen veränderter Eltern-Kind-Beziehungen für die psychische Reifeentwicklung junger Menschen und bietet Wege aus diesen Beziehungsstörungen an. Winterhoff lebt und arbeitet in Bonn.
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  • Als im Januar 2008 mein Buch »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« erschien, war ich auf vieles eingerichtet, aber nicht auf das, was mich in den kommenden Monaten erwarten sollte. Ich hatte mich jahrelang mit dem Gedanken getragen, meine Erkenntnisse zu publizieren, um sie einem breiten Publikum bekannt zu machen. Aber es sollte noch eine Weile dauern, bis ich das Gefühl bekam, die Stimmung unter meinen potenziellen Lesern sei nun derart günstig, dass mit einer interessierten Aufnahme des Buches zu rechnen sei.
    Meine dennoch sehr zurückhaltenden Erwartungen wurden jedoch weit übertroffen. Unzählige Reaktionen von Lesern und nicht zuletzt die enorme Verbreitung des Buches haben gezeigt, dass ich direkt den Nerv der Zeit getroffen habe und die Grundlagen für meine Thesen von vielen Menschen nachempfunden werden konnten. Das Heraustreten aus den vier Wänden meiner Praxis, in denen meine Thesen entstanden sind, hat mir neben Bestätigung aber auch viele neue Anregungen und konstruktive Kritik gebracht. Einiges davon soll im vorliegenden Buch zur Sprache kommen und bekannte Aspekte des ersten Buches um bedeutende neue Facetten bereichern.
    Ein paar wichtige Anmerkungen möchte ich an dieser Stelle vorausschicken, da sie zum Verständnis des Buches wichtig sind. Da ist zunächst einmal die Einordnung meiner Analyse. Vielfach hat man das Etikett des »Ratgebers«, genauer gesagt, des »Erziehungsratgebers« auf das Buch geklebt und war der Meinung, es damit in eine sattsam bekannte und bereits gut gefüllte Schublade einordnen zu können. Das ist schlicht und ergreifend falsch. Als Psychiater bin ich weit davon entfernt, einen Ratgeber zu verfassen, der Menschen scheinbar einfache Regeln an die Hand gibt, mit denen sie ihr Leben (oder eben: ihre Kinder) endlich in den Griff bekommen. Das Leben ist mehrdimensional, selten gibt es einen Königsweg zur Erreichung eines bestimmten Zieles. Viele Wege führen bekanntlich nach Rom, und auch was die heranwachsenden Kinder betrifft, ist die ultima ratio noch nicht gefunden worden. Es kann sie meines Erachtens auch gar nicht geben.
    Vor allem im Bereich der bis sechsjährigen Kinder ist die Entwicklung so diskrepant, dass eine generelle Erziehungslinie in Buchform quasi nicht vermittelbar wäre. Das bedeutet nicht, dass es keine Bücher gäbe, die viele interessante Aspekte zur Säuglings- und Kleinkindentwicklung aufzeigten. Nur den definitiven Ratgeber für den Umgang mit den Kleinen sollte man nicht erwarten. Zum Thema Kinder ab dem sechsten Lebensjahr gibt es auf dem Markt einige wenige sehr gute Bücher, indes auch viel überflüssige und verunsichernde Literatur, die meist von einem sehr funktionalen Verständnis der Kinderseele zeugt und Kindererziehung in Checklistenform abhandeln möchte.
    Ich hingegen verstehe meine Ausführungen als Beitrag zu einer gesellschaftlich notwendigen Diskussion über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu voll gesellschaftsfähigen sozialen Wesen. Dabei geht es im Übrigen nicht um angepasste Jasager, die sich anderen in devoter Art und Weise unterordnen, sondern um Menschen, die verstehen können, dass um sie herum andere Menschen leben, die ebenfalls berechtigte Bedürfnisse und Meinungen haben. Gerade weil wir oft beklagen, heute habe die Ellbogengesellschaft überhandgenommen, und es zähle nur noch konsequenter Individualismus oder, besser gesagt: Egoismus, ist es wichtig aufzuzeigen, wie die Entwicklung des Menschen so beeinflusst werden kann, dass das Entstehen dieser Egoisten verhindert wird.
    Der Begriff des Egoisten führt mich zu einem weiteren Punkt, den ich an dieser Stelle ansprechen möchte. Manch einer hat sich am Begriff des »Tyrannen« gestoßen, der an markanter Stelle im Titel des Buches auftaucht und auch an einigen Textstellen wieder aufgegriffen wird. »Tyrannen«, so wurde argumentiert, seien bewusst handelnde, grausame Diktatoren, die zielgerichtet das Leben anderer Menschen beeinflussen. Dieser Begriff dürfe folglich keinesfalls auf Kinder übertragen werden, denn dies zeuge von Kinder verachtendem Denken.
    Nun liegt mir nichts ferner als eine solche Sichtweise. Als ich mich für die Bezeichnung »Tyrann« entschied, dachte ich an die ursprüngliche Bedeutung des griechischen tyrannos, ein Ausdruck, welcher im alten Griechenland moralisch wertfrei gebraucht wurde, um - im politischen Sinne - legitime von illegitimer Macht zu unterscheiden. Auf Kinder übertragen hieße das: Der »Tyrann« ist nichts anderes als eine Umschreibung für die Machtumkehr, welche sich auf Grund von Beziehungsstörungen bei immer mehr Erwachsenen in Bezug auf Kinder manifestiert.
    Der heutige Tyrannenbegriff geht von einem bewusst negativen Verhalten aus. Diese Voraussetzung ist bei den Kindern und Jugendlichen, um die es mir geht, jedoch nicht vorhanden. Sie handeln vielmehr unbewusst, da ihre psychische Reifeentwicklung nachhaltig gestört ist. Heraus kommt schließlich aber ein oft als tyrannisch empfundenes Verhalten. Der Gebrauch des Ausdrucks »Tyrann« drückt ein Gefühl der Hilflosigkeit aus, welches Erwachsene empfinden, wenn sie mit den Auswirkungen fehlgeleiteter Entwicklung von Kindern zu tun haben.
    Es ist eben das Gefühl, einem Menschen, konkret: einem Kind, gegenüberzustehen, das mit seinem Verhalten alles um sich herum zu bestimmen vermag und gegen Beeinflussungsversuche von außen absolut immun ist. Es ist das Gefühl, das entsteht, wenn man merkt, dass junge Erwachsene keinen Respekt vor anderen Menschen mehr zu zeigen vermögen.
    Die natürliche Respektlosigkeit eines anderthalb- oder zweijährigen Kindes führt zu einem Verhalten, das den Erwachsenen ständig in einer Art »stand-by«-Modus hält, aber selbstverständlich noch nicht als tyrannisch empfunden wird, weil man eben ein sehr kleines Kind vor sich hat. Auch Fünfjährige würde ich nicht als tyrannisch in ihrem Verhalten bezeichnen, allerdings sind sie in einem ganz wichtigen Alter hinsichtlich der psychischen Entwicklung. Bei ihnen müssen sich viele psychische Funktionen jetzt intensiv ausbilden, deren Fehlen ich bei Jugendlichen heute attestiere. Das respektlose und verweigernde Verhalten bei einem beispielsweise Fünfzehnjährigen kommt jedoch in seiner Auswirkung auf sein Umfeld der Empfindung von Tyrannei schon wesentlich näher, weil jeder erwarten darf, dass ein vom Alter her fast erwachsener Mensch sich respektvoll gegenüber seinen Mitmenschen verhalten und in der Lage sein müsste, ein Mindestmaß an sozialer Anpassung zu zeigen. Daher sprach der Titel meines ersten Buches davon, dass »unsere Kinder Tyrannen werden«. Und wenn ich in diesem Buch sage, »Tyrannen müssen nicht sein«, hat diese Aussage die gleiche Stoßrichtung: Was müssen wir tun, um den kleinen Kindern eine Entwicklung zu ermöglichen, die verhindert, dass sie später im Leben Probleme bekommen und schließlich selbst als Problem empfunden werden?
    Ich befasse mich in meinen Ausführungen also deshalb so viel mit den kleineren Kindern (jedoch ausdrücklich nicht mit Säuglingen!), weil in der frühen Lebensphase die Ursachen für das Verhalten der später als tyrannisch empfundenen Jugendlichen liegen. Und nur Ursachenforschung kann zu einer Besserung der Situation beitragen, nicht das oftmals typische »Behandeln« von Symptomen. Wenn ein Kind permanente Respektlosigkeit im Sinne von Frechheit und Verweigerung zeigt, macht es allemal mehr Sinn, sich auf die Suche nach der Ursache dafür zu machen, als sofort ein Maßnahmenpaket zu entwickeln, welches zwar vorübergehend die Frechheit und Verweigerung für den Moment auf der Oberfläche in den Griff zu bekommen scheint, jedoch keine Langzeitwirkung zeigt. Letzteres können solche Maßnahmen gar nicht bewirken, eben weil sie den zugrunde liegenden Entwicklungsprozess der kindlichen Psyche ignorieren.
    Kinder, die in einer Beziehungsstörung aufwachsen, haben manipulatives Verhalten gegenüber Erwachsenen gelernt, da sie kein Gegenüber mehr erkennen und als Begrenzung des eigenen Ich erfahren können. Das Kind manipuliert also zwar durchaus gezielt, allerdings nicht bewusst oder berechnend. Hier besteht ein wichtiger Unterschied, denn die manipulativen Handlungen dieser Kinder sind nicht rational gesteuert, ihre Zielgerichtetheit besteht lediglich aus einer erlernten Reaktion auf das Verhalten ihres jeweiligen Gegenübers. Wir müssen daher aufhören, diese Kinder als krank anzusehen oder sie immer weiter krank zu reden. Wären sie krank, könnte man ihnen mit einer Symptombehandlung helfen. Das geht jedoch nicht, weil es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine Entwicklungsstörung handelt.
    Als zentrale Aufgabe der Gesellschaft kristallisiert sich folglich für mich heraus: Die von mir beschriebenen Probleme müssen auf allen zuständigen Ebenen erkannt werden, also bei Eltern, in Kindergärten und Grundschulen, in der Jugendhilfe und vor allem auf politischer Ebene, wo richtungweisende Entscheidungen für das Leben von Kindern und Jugendlichen getroffen werden. Aus der Erkenntnis der Probleme muss folgen, dass nicht symptomorientiert gearbeitet werden darf, sondern bei den grundlegenden Ursachen begonnen werden muss. Da diese in falschen Konzepten vom Kind liegen, die sich in Beziehungsstörungen äußern, müssen die heutigen Konzepte der Erwachsenen dringend überprüft werden. Erst wenn dies geschehen ist und man wieder dazu zurückkommt, Kinder als Kinder zu sehen, kann man fehlende psychische Funktionen bei Kindern und Jugendlichen nachreifen lassen. Wenn das gelingt, bin ich zuversichtlich, dass wir wieder in eine Zukunft blicken können, die Erwachsene hervorbringt, die konstruktiv und positiv zusammenleben können.
    Mein Anliegen ist es also nicht, Kinder zu diskreditieren und allgemeine Verunsicherung zu stiften. Es gibt nach wie vor viele sich nicht in einer der beschriebenen Beziehungsstörungen befindliche Erwachsene und vollkommen normal entwickelte Kinder und Jugendliche. Diese sollten sich durch meine Ausführungen nicht in ihren Verhaltensweisen kritisiert fühlen, falls sie sich einmal wiederzuerkennen glauben. Mir geht es um generelle Handlungslinien und nicht um Einzelfälle von falschem oder richtigem Verhalten. Wer das richtig versteht, wird sich in der Regel durch meine Erkenntnisse bestätigt fühlen und diesen Weg weitergehen. Es gibt auf das erste Buch eine Menge positiver Reaktionen, die mir genau das bestätigen.
    Gegenüber »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« hat dieses Buch vor allem zwei Schwerpunkte, welche meine Thesen vertiefen und erweitern sowie auch Hoffnung wecken sollen. Ich möchte vermitteln, wie Erwachsene erkennen können, ob sie sich in einer Beziehungsstörung befinden, und ich möchte Wege aufzeigen, wie man dem Dilemma entkommen, die Störung also auflösen kann. Es wird allerdings sehr schnell deutlich werden, dass es sich dabei nicht um das Abhaken von Checklisten handelt, sondern um langsame Bewusstwerdungsprozesse, die in den Entschluss zu einem veränderten persönlichen Verhalten münden.
    Dies ist ein Schwerpunkt, der zweite liegt auf der Analyse von Kommunikationsstörungen, die den gerade angesprochenen Bewusstwerdungs- und Lösungsprozessen massiv im Wege stehen. Die Frage dabei lautet: Was meinen wir eigentlich, wenn wir vom Kind sprechen? Meint jeder das Gleiche, oder kann es sein, dass alle dasselbe Wort benutzen, dabei aber über ganz unterschiedliche »Objekte« sprechen?
    Zwar lasse ich an vielen Stellen immer wieder Beispiele aus konkreten Fällen einfließen, die Reaktionen auf mein erstes Buch haben mir jedoch gezeigt, dass manchen Lesern dies noch nicht umfassend genug erschien, um ihr Verhalten wirklich analysieren zu können. Daher halte ich es für sinnvoll, an ausgewählten Beispielen aus dem Alltagsleben explizit zu erläutern, inwiefern sich das Verhalten von Erwachsenen in derselben Situation durch unterschiedliche Konzepte verändert. Ich orientiere mich dabei an Begebenheiten, die jeder täglich oder fast täglich mit seinen Kindern daheim erlebt und bei denen es in vielen Familien immer wieder zu kritischen Momenten kommt, in welchen die Kinder scheinbar nicht mehr zu kontrollieren sind. Die Beschreibung dieser Situationen ist an verschiedenen Stellen im Text eingefügt.
    Meine Aufgabe als Psychiater ist es, Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie ihr Verhalten erkennen können, um darüber nachzudenken. Dazu diente das erste Buch, und auch dieses Buch soll dazu beitragen, dass Kinder in Liebe unter Anleitung verantwortungsbewusster Erwachsener aufwachsen können, die ihre Rolle als leitendes Gegenüber für das Kind einnehmen und dem Kind damit eine angemessene Reifeentwicklung ermöglichen. Kinder brauchen die Chance auf eine solche Entwicklung mehr denn je, und es ist an uns Erwachsenen, unser Verhalten daraufhin zu überprüfen, ob wir ihnen diese Chance geben.
    Darüber hinaus sei auch gesagt: Wer Kinder als Kinder sieht, sich ihnen gegenüber intuitiv liebevoll verhält und damit eine gesunde Entwicklung fördert, macht auch sich selbst das Leben leichter.
    Warum Erziehung allein nicht reicht
    Es ist mittags, dreizehn Uhr, irgendwo im Deutschland des Jahres 2008. In der dreiköpfigen Familie Schmidt ist soeben das Mittagessen beendet worden, folgende Szene schließt sich an: Die zweijährige Tochter Mia wird von ihrer Mutter gefragt, ob sie denn heute gerne einen Mittagsschlaf halten möchte, oder lieber doch nicht. Mia überlegt hin und her, ihre Eltern warten geduldig auf die Entscheidung ihrer Tochter, denn manchmal hat Mia auch einfach keine Lust auf Mittagsschlaf.
    Doch heute befindet sie, sie sei müde und wolle durchaus schlafen. Es müsse aber selbstverständlich das übliche Einschlafritual ablaufen. Und das sieht so aus: Mia legt sich in die Mitte, rechts und links davon liegen Vater und Mutter. Nun darf Mia beide so lange an der Nase festhalten, bis sie irgendwann eingeschlafen ist.
    Sie glauben nicht, dass sich solche Szenen wirklich abspielen? Dass sich Eltern von ihren Kindern im wahrsten Sinne des Wortes an der Nase herumführen lassen, ohne dass ihnen auffällt, dass dieser Zustand möglicherweise nicht in Ordnung ist?
    Nun, Kinder tun genau das, und die Eltern spielen mit. Jeden Tag, in immer mehr Familien. Die Zahl der Kandidaten, die, den Kinderschuhen entwachsen, zu tyrannischem Verhalten neigen werden, ist hoch, die Dunkelziffer ist um einiges höher. Ich sehe sie jeden Tag in den verschiedensten Zusammenhängen. Tendenz steigend.
    Wenn Eltern früher meine Praxis aufsuchten, hatten ihre Probleme in der Regel einen anderen Hintergrund als bei den von mir aktuell analysierten Fällen. Es handelte sich dabei zumeist um Fälle, die aus der persönlichen Lebensgeschichte der Eltern resultierten. Die kleinen Patienten damals waren also Kinder, deren Eltern selbst eine hochgradig belastete Vergangenheit mit sich herumtrugen und daher beim Umgang mit ihren Kindern in Schwierigkeiten geraten waren. Diese Fälle waren Einzelfälle, die auch einzeln erklärbar und behandelbar waren.
    Das ist eben gerade der große Unterschied zur heutigen Situation: der Wandel von individuellen Hintergründen zu einem Massenphänomen im Sinne einer nicht mehr zu verkraftenden negativen gesellschaftlichen Tendenz, die dazu führt, dass Eltern sich in großer Zahl unbewusst falsch verhalten. Nur aus diesem Umstand ist es auch zu erklären, dass so viele - und immer mehr - Kinder betroffen sind. Die derzeit aus Familien, Kindergärten und Schulen kolportierten Zahlen problematischer Kinder sind mit individuellen Hintergründen keinesfalls mehr zufriedenstellend erklärbar.
    Ich habe in meinem ersten Buch anhand eines dreistufigen Modells von Beziehungsstörungen analysiert, warum es in immer mehr Fällen so weit kommt, dass Kinder von ihren Eltern und ihrer außerfamiliären Umgebung nicht mehr als schützenswert empfunden werden. Diese Kinder werden einerseits als selbstständige Persönlichkeiten wahrgenommen, die scheinbar wissen, wo es langgeht, andererseits aber als unausstehliche Bestimmer empfunden, welche eine komplette Machtumkehr im Verhältnis Erwachsener - Kind hinbekommen haben. Diese drei Beziehungsstörungen, Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose, sind auch der beständige Hintergrund für die hier ausgeführten Betrachtungen und Analysen. An dieser Stelle möchte ich Ihnen zur Orientierung nochmals einen groben Überblick darüber verschaffen:
    Partnerschaft:
    Der Erwachsene sieht Kinder auf gleicher Ebene und unterliegt der Vorstellung, man könne bereits kleine Kinder über Erklären und Verstehen erziehen. Dahinter steht ein Freundschaftskonzept und ein starker Wunsch nach Harmonie. Eltern, die so handeln, wollen um jeden Preis im Einklang mit ihren Kindern leben, setzen auf allzeit gutes Verständnis und das Verschwinden innerfamiliärer Hierarchien. Daraus resultierende endlose Diskussionen nehmen den Kindern jegliche Sicherheit im Umgang mit Erwachsenen. Das Kind soll als gleichberechtigter Partner für seine Eltern fungieren und wird dadurch häufig zusätzlich mit Themen und Verhaltensweisen überfordert, für die es definitiv zu jung ist. Die Folge ist, dass sich psychische Funktionen, wie beispielsweise Frustrationstoleranz, Gewissen, Arbeitshaltung und Teamfähigkeit, nicht ausreichend bilden können.
    Projektion:
    Der Erwachsene gerät in Abhängigkeit vom Kind, weil er die positiven Bezüge zu seiner Umwelt weitestgehend verloren hat. Er fühlt sich häufig von der technischen Entwicklung, von sozialen Einflüssen oder von der schieren Informationsflut überfordert und sucht deshalb verstärkt nach Anerkennung und Liebe. Das Kind bietet sich hier als ideale Kompensation an. Dieser Prozess findet natürlich unbewusst statt, nichtsdestotrotz handelt es sich um einen emotionalen Missbrauch des Kindes. Der Wunsch nach Liebe und Anerkennung wird nämlich nun in das Kind hineinprojiziert. Folglich wird das Kind verantwortlich, dem Erwachsenen zu geben, was jener entbehrt. Der Erwachsene seinerseits möchte vom Kind geliebt werden. Das hat, um es noch einmal ausdrücklich zu sagen, nichts damit zu tun, dass sich jeder Vater, jede Mutter freut, wenn er oder sie Liebe und Zuneigung vom Kind erfährt. Diese Erfahrung ist normalerweise an keinerlei Bedingungen geknüpft, sie wird immer wieder durch Zufall gemacht. Die Beziehungsstörung der Projektion dagegen bedeutet, dass Erwachsene auf diese Liebe und Zuneigung angewiesen sind und damit dem Kind keine Struktur mehr vorgeben können. Es herrscht die latente Angst, das Kind könne diese Vorgabe als restriktiv empfinden und dann dem Erwachsenen die Zuneigung verweigern. Die Folge ist eine Machtumkehr: Das Kind verbleibt in der frühkindlichen Fantasie, über dem Erwachsenen zu stehen und ihn steuern zu können.
    Symbiose:
    In der Symbiose verschmilzt die Psyche eines Elternteiles mit der des Kindes. Hintergrund dafür ist eine scheinbar nicht zukunftsweisende Gesellschaft. Die beim Elternteil fehlenden Anteile wie Glücklich- oder Zufriedensein werden unbewusst aus der Psyche des Kindes entnommen und in die eigene Psyche integriert. Aus diesem Grund ist dann das Glück des Kindes plötzlich das des Elternteiles. Dieser fühlt für das Kind, er denkt für das Kind und geht beispielsweise auch für das Kind in die Schule. Diese Eltern nehmen vieles im Hinblick auf das kindliche Verhalten gar nicht mehr wahr. Sie sind blind für eigentlich offensichtliches Fehlverhalten, es stört sie überhaupt nicht. Aufträge werden völlig selbstverständlich mehrfach gegeben, solange bis das Kind diese irgendwann einmal ausführt. Die Eltern bemerken nicht, dass sie sich steuern lassen. Das Kind, welches psychisch als Teil des betroffenen Erwachsenen verarbeitet wird, kann nach dessen Empfinden nichts extra machen, weil ein Teil seines Körpers nichts extra machen kann. Daraus folgt, dass der Erwachsene für ein Fehlverhalten seines Kindes, auf das er von außen aufmerksam gemacht worden ist, immer eine vom Kind unabhängige Begründung parat hat. Dabei liegt dieser Grund dann entweder bei den anderen (Lehrer oder Mitschüler) oder, wenn das offensichtlich nicht der Fall ist, kann das Kind »nichts dafür« und braucht daher aus Sicht der Eltern, etwa in der Schule, mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung. Dies ist ein häufiger Grund von Vorwürfen an Erzieher und Lehrer. Aussagen (= Impulse) des Kindes stimmen immer, sie werden nicht mehr hinterfragt. Genauso wie man es nicht in Frage stellt, wenn ein Körperteil einen Schmerzimpuls gibt, wenn wir uns stoßen (der Schmerzensschrei ist nicht bewusst von mir gesteuert), genauso werden auch Angaben des Kindes nicht mehr auf Wahrheitsgehalt überprüft. Das kann dazu führen, dass auf Grund der Äußerungen ihrer Kinder von Eltern mitunter massiv gegen Lehrer oder Erzieher oder auch gegen andere Eltern vorgegangen wird.
    Wenn sich das Kind gegenüber dem Elternteil dauerhaft verweigert, kann es kritisch werden. Der Erwachsene versucht nun, das Kind unbedingt dahin zu bringen, dass es etwas ausführt. Dies gleicht dem Verhalten gegenüber einem Körperteil, den ich dazu bringen kann, etwas auszuführen.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 237
Erscheinungsdatum 14.12.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-17202-3
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 18,5/12,6/1,9 cm
Gewicht 244 g
Verkaufsrang 64851
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