Lasten der Vergangenheit: Traditionslinien zum Nationalsozialismus

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Beschreibung

Details

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

22.01.2020

Verlag

Disserta

Seitenzahl

372

Beschreibung

Details

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

22.01.2020

Verlag

Disserta

Seitenzahl

372

Maße (L/B/H)

22/15,5/2,3 cm

Gewicht

585 g

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-95935-526-1

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Textprobe:
Kapitel 1.1. Melancholie und gesellschaftliche Fluchten:
Nach Herbert Marcuse besteht der affirmative Charakter der Kultur darin, daß in der bürgerlichen Epoche die Welt des Geistigen als ein selbständiges Reich der Werte, jenseits der Zivilisation, die gesellschaftliche Wirklichkeit überhöht. Ihr entscheidender Beitrag liegt in ihrem Versprechen, eine ewig bessere und wertvollere Welt zu bejahen, die sich vom alltäglichen Daseinskampf unterscheidet, die jedoch, ohne die Tatsächlichkeiten zu verändern, von jedem Individuum, von Innen her, realisiert werden kann. Mit anderen Worten: Es läßt sich demzufolge innerhalb der Kultur leben, ohne in der Welt gegenwärtig zu sein. In diesem Sinne antwortet sie auf die Not des isolierten Einzelnen "mit der allgemeinen Menschlichkeit", die Schönheit der Seele kompensiert das leibliche Elend und die "äußere Knechtschaft" erfährt ihre Erlösung durch die "innere Freiheit".1 Während im Dritten Reich die Kultur und ihre Verheißungen für zahlreiche Denker und Künstler der Raum zur inneren Emigration wurde, in dem sie "überlebten", zog sich der bürgerliche Mensch der Romantik in seine innere Welt zurück und fühlte sich vor den äußeren Bedingungen seines entmündigten Daseins geschützt. Insbesondere die Romantik trug mit ihrer melancholischen Grundstimmung alle Merkmale einer Kultur der Innerlichkeit, in der das Subjekt sich in seinen seelischen Refugien behaupten konnte. Hierin lag bereits der Grund einer historischen Fehlentwicklung der Kultur, die in ihrer Substanz ausgehöhlt wurde und somit ein Jahrhundert später den Nationalsozialisten als Fassade ihrer barbarischen Zwecke dienen konnte.
Zu den herausragenden Merkmalen deutscher Mentalitäten gehört daher die Romantik, die infolge der Politikabgewandtheit des Bürgertums die psychischen Grundlagen des Obrigkeitsstaates schuf, der in seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung eine autoritäre Grundstimmung und das verspätete Demokratiebewußtsein vorantrieb. Vorwiegend in den bürgerlichen Kreisen des frühen 19. Jahrhunderts galt die Romantik als individuelle und kollektive Daseinsorientierung. In gewisser Weise war sie eine "Erfindung" des Bürgertums, welches in den deutschen Kleinstaaten vom politischen Leben ausgeschlossen blieb.
Mit ihren idealisierten, ins Ästhetische getriebene, überhöhten Bildern, mit der sie die Natur nachempfand, entwarf sie eine Gegenwelt zur Tristesse des gesellschaftlichen Alltages. Indes, so wie die Gesellschaft war auch die Natur nicht das Refugium uneingeschränkter Harmonie und Vollendung irdischen Daseins; vielmehr blieb auch sie, wie die Literatur, die sie verklärend beschrieb, nur ein Fluchtraum des Individuellen, fernab von der Wirklichkeit.
Jenseits der Sorgen und Nöte des profanen Daseins durchzog die Romantik schon immer ein stetiges Suchen nach einer heilen und ganzheitlichen Welt. In ihr sollte sich die schwärmerische Lethargie und Melancholie eines sich selbst vergessenden und selbstbeklagenden Individuums inmitten einer komplexen Umwelt, als Lebensentwurf äußerster Weltentfremdung verwirklichen lassen. Denn im Grunde waren die Traumwelten und die von den gesellschaftlichen Problemen entleerten Ideen der Romantik nichts anderes, als die unbewußten Schatten tiefster Depression und Melancholie jener Epoche. Im 18. Jahrhundert sprach Wilhelm von Humboldt von der "kränkelnden Gemütsstimmung", die auch in jenem Zeitalter, mehr als in den vorherigen und sogar den Deutschen, mehr als den Auswärtigen, eigen ist. Sie führt dazu, daß im Leben überhaupt "das Räsonierende" mehr im Vordergrund steht, als das "Handelnde und sich Befreiende".
Rüdiger Safranski sieht in den romantischen Strömungen des 19. Jahrhunderts Feuerwerke triumphierender Subjektivität. Indem die Romantiker tief ins eigene Innere schauten, glaubten sie die großen Weltzusammenhänge und Geheimnisse des Lebens zu enthüllen. Die Abstiege ins eigene Zentrum lassen die Vernunft in
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