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64

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40

07.05.2012

„Die Leiden eines irischen Buchhändlers”

Colin Bateman hat mit "Ein Mordsgeschäft" eine bitterböse Krimi-Satire geschrieben, in der die eigentlichen Ermittlungen relativ lang im Hintergrund bleiben. Stattdessen steht der Ich-Erzähler im Mittelpunkt, dessen leidgeprüftes Wesen mit seinen vielen Ängsten, nervösen Ticks und Anwandlungen für unzählige heitere Momente und einige herrliche Gags sorgt. Anstatt uns einen gediegenen Möchtegern-Poirot vor zusetzen oder die Wandlung eines ruhigen Bücherwurms zum hart zupackenden Detektivs zu beschreiben, blicken wir einer Person über die Schulter, die aus Angst vor einer Kugel ohne zu zögern die Liebe ihres Lebens (die bildhübsche Alison aus dem Juwelierladen gegenüber) in die Schusslinie schiebt und für die Kunden eher störend als König sind. Das spiegelt sich dann auch im Service wider.

Ganz klar, der Roman steht und fällt mit der erzählenden Hauptfigur. Wer mit ihr nicht kann, ihren Humor nicht teilt, wird über kurz oder lang Ein Mordsgeschäft an die Seite legen. Alle anderen jedoch erhalten Einblick in die Gedankenwelt eines höchst neurotischen Buchhändlers, der mit den Helden und Meisterdetektiven des Krimi-Genres so gar nichts gemein hat, und der in seinen Handlungen für den Leser bis zum Schluss völlig unberechenbar bleibt. Das wiederum sorgt für die ein oder andere Überraschung, und im Verbund mit dem streckenweise tiefschwarzen Humor, immer wieder für Lacher. Selbiges gilt auch für die anderen Charaktere, die, wie es sich für eine irische Satire gehört, arg überzeichnet daherkommen. Von der Noir-typischen Femme Fatale über den bösen Nazi bis hin zum soziopathischen Taxifahrer wird hier alles abgedeckt, was Nordirland an verrückten Gestalten hergibt, wobei sich Bateman den ein oder anderen Hieb auf die Geschichte des Landes nicht verkneifen kann.

In Punkto Spannung reißt das Buch insgesamt keine Bäume aus. Besonders in der Mitte drohen die vielen Anekdoten zu den durch den Buchhändler gelösten »Fällen« ein wenig zu ermüden. Bateman bekommt allerdings noch zur rechten Zeit die Kurve, platziert punktgenau eine Leiche und gibt der Handlung damit den vorher vermissten Schwung zurück. Der ebbt bis zum Schluss dann auch nicht mehr ab, da der Autor mit knapper, knackiger Sprache das Tempo hoch hält. Highlights sind hier besonders die rasante Fahrt mit einem Taxi sowie die unausweichliche Auflösung im Kreise aller Verdächtigen, modern in Szene gesetzt mit einer Power Point-Präsentation. Bis hierhin wird alles über den Löffel barbiert, was im Krimigeschäft Rang und Namen hat. Da kriegt John Grisham ebenso sein Fett weg, wie Henning Mankell oder Vielschreiber James Patterson (»Das hier ist eine pattersonfreie Zone. Wenn wir nämlich damit anfingen, Pattersons vorrätig zu haben, wäre kein Platz mehr für irgendetwas anderes. Dann könnten wir den Laden gleich in Patterson-Bücher umtaufen.«).

Colin Batemans Ein Mordsgeschäft ist eine pechschwarze, sarkastische Krimisatire an der, auch wegen des sehr speziellen Humors, sicher nicht jedermann seine Freude haben wird. Für den Gelegenheitsleser eine kurzweilige Abwechslung. Für den Krimikenner eine echte Empfehlung. Für den Buchhändler nicht zuletzt wegen solcher Passagen ein absolutes Muss:

"Bücher verkaufen ist wie Prostitution, du bietest deine Ware an, schließt die Augen und verliebst dich niemals in den Kunden. Und du betest, dass keiner was Perverses von dir verlangt."

40

02.05.2012

„Humoriger Schauer-Krimi-Mischling mit viel Esprit”

„Es war überall gut, doch am Besten war es in der Bibliothek. Vielleicht weil ich meistens nicht zum Arbeiten oder Studieren hinging, sondern um Urlaub zu machen ..." O-Ton Antal Szerb. Es bedarf nur weniger gelesener Seiten, bis man begreift, dass es sich beim Hauptprotagonisten von "Die Pendragon-Legende", dem eigenwilligen Büchernarr János Bátky, wohl um des Autors Alter ego handelt. Und auch sonst findet sich viel vom Künstler im Künstlichen wieder: Szerb, bis zu seiner Ermordung im Jahre 1945 einer der angesehensten Literaturwissenschaftler Ungarns, nutzt sein gesamtes Repertoire, um auf höchst intellektuellem Niveau zu unterhalten und mit erfrischender Leichtfüßigkeit über die Genre-Grenzen zu springen.

Mit einer für das Jahr seiner Entstehung (1934) unerwarteten Lockerheit, mixt der Autor in "Die Pendragon-Legende" Elemente von klassischem Kriminal- und Gruselroman, wobei sowohl Spannung als auch Schauder stets vom spritzig-witzigen Grundton unterwandert werden. Die Geschichte um düstere Rituale und Verschwörungen in einem von Wales' ältesten Schlössern besticht durch Ironie und schwarzen Sarkasmus, baut Grusel und Horror auf, nur um den Leser im nächsten Moment in Heiterkeit ausbrechen zu lassen. Und obwohl sich alles selbst nicht so ernst nimmt, unterstreicht doch jeder Satz Szerbs Ernsthaftigkeit und dessen wohlpointierte Stilsicherheit. Jedes Rädchen greift hier nahtlos ins andere über. Langatmige Passagen oder unnötige Pausen sucht man vergebens.

So rast man, auch aufgrund der vielen Schauplatzwechsel, förmlich durch das Buch. Durchquert dunkle Wälder, nachtschwarze Katakomben und steinige Gebirgsketten, begegnet Geisterreitern, verrückten Propheten und gnomähnlichen Kreaturen, während Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen, Szerbs launigen Wundern untergeordnet, mit der er der alles ordnenden "Zivilisation" ein Schnippchen schlagen wollte. Ganz in der Tradition der Schwarzen Romantik, dem klassischen "Gothic"-Novel, rückt er die Selbsterfahrung, das Erlebnis in den Vordergrund. Und besonders Letzteres ist dieses Buch dann auch wirklich.

Eine schaurig-schöne, rasante und (auch dank der gelungenen Übersetzung) extrem wortwitzige Mischung aus Edmund Crispin und Umberto Eco, der leider auf den letzten Seiten ein klein wenig die Puste ausgeht.

40

30.04.2012

„Boyds Zauber wieder erlegen”

Mit „Die blaue Stunde“ tritt Boyd einmal mehr den Beweis an, das er den Vergleich mit Größen wie Graham Greene nicht scheuen muss und man für einen packenden Plot nicht unbedingt seitenweise Leichen oder Blut bedarf. Hier ist es lediglich eine geheimnisvolle Figur und ihre Geschichte, die ausreicht, um uns in den Bann zu ziehen und dabei gleichzeitig längst Vergangenes und Vergessenes im Geiste neu zum Leben zu erwecken. So sympathisch Kay Fischers Auftritt am Anfang da bereits ist, steht außer Zweifel, dass „Die blaue Stunde“ natürlich in erster Linie von Carriscants Erlebnissen auf den Philippinen des frühen 20. Jahrhunderts lebt.

Schwüle, tropische Hitze, eine von Intrigen, Missgunst, Neid und kolonialem Denken geprägte Bevölkerung, unterschwelliger Hass und menschliche Abgründe. Boyds Worte dringen durch unsere Poren, nehmen gefangen und lassen einfach nicht mehr los. Auf einmal beginnt man selbst zu schwitzen, glaubt man gewisse Gerüche selbst wahrzunehmen. Wenn Carriscant sein Skalpell ansetzt, um eine Operation auszuführen, meint man jeden selbst noch so kleinen Schweißtropfen auf dessen Stirn sehen zu können. Ein Buch aus der Feder William Boyds zu lesen, bedeutet eine besondere Erfahrung. Nicht zuletzt deshalb, weil der britische Schriftsteller stets sonderbare, exotische Orte für seine Handlung wählt und seine auf den ersten Blick so offensichtlichen, konstruierten Geschichten immer einen Verlauf nehmen, der an den unwahrscheinlichsten Stellen für Überraschungen gut ist. Der Trivialität dieses Besondere, diesen Glanz abzugewinnen, darin liegt Boyds Stärke.

Boyd wirkt mit seiner Geschichte nicht nur diesem Vergessen entgegen, sondern zeigt auch die Tragik in den geschichtlichen Ereignissen. Während in der Heimat der „Way of Life“ zelebriert wurde, die Freiheitsstatue den „Müden, Armen und geknechteten Massen“ ein Licht wies, beging selbige Nation Völkermord an tausenden Filipinos, darunter Kindern von gerade mal zehn Jahren. Hier wird von Menschen berichtet, die es in die Ferne treibt, nur um dort wieder das aufzubauen, was sie hinter sich lassen wollten.

Im Kleinen betrifft dies auch Carriscant, der einerseits das veraltete Denken verflucht und medizinischen Fortschritt propagiert, andererseits aber gerade die westlichen Einflüsse verdammt, die dem vollkommenen Glück im Wege stehen und ihn dazu zwingen, eine Affäre im Geheimen zu führen. Das seine Liebe zu Delphine kein gutes Ende nehmen kann und wird, ahnt man zwar schnell. Der Faszination für die Figur Carriscant tut das jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mit dem Doktor ist Boyd ein fehlbarer Held gelungen, dessen Leid und Glück man nur allzu gern teilt und der die Geschichte, im Verbund mit ebenso ausgeprägten Charakteren wie Delphine, Bobby oder Pantaleon, mit einer großen Bandbreite von Gefühlen versieht. Das wird dem ein oder anderen vielleicht zu sentimental sein. Mich persönlich hat dies, insbesondere auf den letzten siebzig Seiten, sehr berührt und nachhaltig beeindruckt.

Eine herausragende, souverän und melancholisch erzählte Geschichte, die durch exotische Vielfalt und mit Liebe zum Detail besticht.

buch

Treibeis

John Farrow

EUR 8,95 *
auf Merkliste

40

30.04.2012

„Brandheißes Thema, eiskalter Roman”

John Farrow hat sich mit „Treibeis“, nochmals deutlich gesteigert, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise von der eigenen Linie abzuweichen. Farrow behält seinen Stil bei, konzentriert sich in seiner Geschichte wieder auf ein brandheißes und aktuelles Thema und meidet weiterhin die Fallen der üblichen Serienheld-Krimis. Auch wenn Émile Cinq-Mars und Bill Mathers die treibende Kraft hinter den polizeilichen Ermittlungen sind, stellen sie doch nur einen Teil des großen Mosaiks dar, aus denen dieser Kriminalroman zusammengesetzt ist. Wo manche Autoren mit detaillierten Einblicken ins Seelenleben der Protagonisten gleich ganze Seiten füllen, wird einem dies hier nur ausschnittsweise zuteil. Besonders zu Beginn ist zudem hohe Aufmerksamkeit vom Leser gefordert, da Farrow durch die Zeiten springt und man sich so, nachdem das Buch mit der Ankunft zweier New Yorker Cops begonnen hat, rückblickend dem Status Quo nähert. Ein geschickter Schachzug, der nicht nur die Dramaturgie verdichtet, sondern auch ganz nach dem alten „Columbo“-Rezept die „Wie“-Frage über die „Wer“-Frage stellt.

Und wie Farrow im weiteren Verlauf die individuellen Beweggründe der Protagonisten schildert und diesen Schmelztiegel aus Profitgier, Lug und Betrug zu einem stimmigen Ganzen formt, ist äußerst beeindruckend. Wenngleich auch hier der Bodycount sich durchaus sehen lassen kann, bezieht der Plot seine Spannung besonders aus der Realitätsnähe. Die Tatsache, dass sich der Autor eigentlich nicht weit von der Wirklichkeit entfernt, das organisierte Verbrechen keine Ausnahmeerscheinung darstellt, sondern Teil der Gesellschaft ist, lässt schwer schlucken. Alte moralische Grenzen sind längst verschwommen, die Ethik wurden dem Gewinnstreben geopfert. Gauner in Rockerkluft machen gemeinsame Sache mit gut situierten Geschäftsführern, bestimmen gar deren Geschäftspraxis. Farrow hebt mit sicherer Hand diese Verflechtungen hervor, macht den eiskalten Mord zum bitteren Tagesgeschäft. Wofür andere Autoren Tonnen von Blut und eine Handvoll schleimiges Gedärm brauchen, das erledigt hier ein kurzer Dialog – man ist angeekelt, angewidert und doch, aufgrund von morbider Neugier, fasziniert.

Dennoch taucht Farrow nicht gänzlich in die Dunkelheit ein. Cinq-Mars und Mathers bleiben erstaunlich menschlich, versuchen ihren Teil beizutragen, um das Böse einzudämmen, das, wie sie selbst gut wissen, zwar nicht besiegt werden kann, aber immer wieder auch Fehler begeht. Und es ist ein wahres Vergnügen Cinq-Mars dabei zu beobachten, wie er diese Ausrutscher entdeckt und geschickt nutzt, um seine Gegenspieler in die Ecke zu treiben. Überhaupt sind die Dialoge ein Genuss, fasziniert die rauhe, grobe Art des alten Wolfs Cinq-Mars, der gegen alle Widerstände vorausgeht und für den erfolgreichen Abschluss auch mal die Gesetze bis an ihre Grenzen dehnt. „Treibeis“ lebt von seinen großartigen Figuren und dieser intelligent konzipierten Komplexität, welche im Vergleich zum Vorgänger nun viel zielgerichteter geraten ist. Das sorgt wiederum für besseren Lesefluss, wenngleich man auch diesmal die ein oder andere Schwierigkeit mit den vielen Handlungsebenen und Schauplätzen hat. Das Buch verweigert sich dem „page-turning“, sorgt gleichzeitig aber damit auch dafür, dass das Gelesene umso eindringlicher in Erinnerung bleibt.

Insgesamt ist „Treibeis“ ein eiskalter, äußerst düsterer Polizeiroman-Noir-Mischling, der vor allem gegen Ende eine intensive Dramatik entfaltet, die dem Thema Serienkiller ein paar neue, beängstigende Facetten abringt und den Leser wortwörtlich aufs "Glatteis" führt.

50

27.04.2012

„Ein unerreichter Klassiker und Referenz für alle heutigen "Hardboiled" und "Noir"-Romane ”

Auch wenn es Dashiell Hammett war, der das "Hardboiled"-Genre eigentlich aus der Taufe hob - kein anderer hat es so geprägt und letztlich salonfähig gemacht, wie Raymond Chandler. Sein Stil gilt bis heute als richtungsweisend und taktgebend, für alle Schriftsteller, die sich im "Noir"-Bereich tummeln. Kaum einer, der den in Chicago gebürtigen Autor nicht als Vorbild angibt. Wann immer man zu einem Buch von Connolly, Lehane und Co. greift - der Name Chandler fällt einem, meist schon auf dem Klappentext, direkt ins Auge. Das diese an Heldenverehrung grenzende Würdigung durchaus seine Berechtigung hat, wird man bereits nach der Lektüre von Chandlers Erstling "Der große Schlaf" feststellen.

Im Jahre 1939 erschienen, war die Wirkung dieses Buchs mit einem Urknall in der Literatur vergleichbar. Während auf der anderen Seite des Atlantiks die Morduntersuchung als fairer Sport unter Gentleman das "Golden Age" der "Whodunits" trug, stellte Philip Marlowe eine gänzlich neue Art des Ermittlers dar. Er ist der Ur-Typus des unbestechlichen, harten und melancholischen Einzelgängers. Ein Privatdetektiv, dem der Auftrag wichtiger ist als Geld, der gnadenlos tötet, wenn es sein muss und der sich doch zwischen all den korrupten und geschmierten Bullen des sonnigen Kaliforniens seine Moral bewahrt hat. Chandler hat ihn mit lakonischem Witz, tiefschwarzem Sarkasmus und einer unerreichten Coolness aufs Papier gebracht, die bis heute beeindruckt und seinesgleichen sucht. Weit weg vom Glamour Hollywoods tauchen wir in düstere Gassen ein, harren in dunklen Ecken aus und treffen bildhübsche Frauen, deren Attraktivität aber letztlich nicht reicht, um uns von unserem Weg, der Aufklärung, abzubringen.

Über knapp 200 Seiten führt uns Chandler durch die erstaunlich komplexe Geschichte aus Erpressung, Entführung, Mord und Prostitution - mit einer Sprache, die schnurrt wie ein Kätzchen, mit einer atmosphärischen Dichte, welche man mit dem Messer schneiden könnte, mit Twists and Turns, die uns mit den Ohren schlackern lassen. "Der große Schlaf" ist nicht mehr und nicht weniger, als ein (auch sprachlich) herausragendes Kunstwerk. Ein kultiger Klassiker, der keinerlei Staub angesetzt hat, der in jeder Zeile vor Leben sprüht, und der alles, ja, aber auch alles bietet, was ich an dem "Hardboiled"-Genre so liebe.

buch

Katzentisch

Michael Ondaatje

EUR 19,90 *
auf Merkliste

50

24.04.2012

„Innen wie außen - ein Buch von exotischer Schönheit”

Schön. Zwischen all den Superlativen der Neuzeit nimmt sich dieses gute, alte Wort mittlerweile irgendwie recht bescheiden und wertlos aus. Aber gerade dieses Wort war es, das mir während der Lektüre von Ondaatjes neuestem Werk, "Katzentisch", immer wieder durch den Kopf ging.

Die Geschichte dreier Jungen, die Anfang der 50er auf dem alten Dampfschiff "Oronsay" gen England reisen, mag an sich auf dem Klappentext keine Begeisterungsstürme auslösen - das Besondere offenbart sich dem Leser jedoch im Detail. Mit feiner Feder, lyrischem Gespür und sicherer Hand skizziert Ondaatje das Leben an Bord, erzählt immer wieder kleine Anekdoten über Passagiere und Besatzung. Von der Frau, mit den Tauben im Mantel über den diebischen Baron bis hin zum mysteriösen Gefangenen. Nach und nach ergibt sich aus diesen vielen Mosaiksteinchen ein stimmiges Gesamtbild, dem allerdings stets ein lockerer Ton anhaftet, schaut der Leser doch von unten, aus der Sicht der Kinder, auf die Welt der Erwachsenen. Durchbrochen sind diese "Reiseberichte" von Rückblenden und Blicken in die Zukunft, welche vermeintlich harmlosen Nebengeschichten plötzlich eine ganz neue Bedeutung und streckenweise gar anrührenden Tiefgang verleihen. Gewürzt wird das Ganze mit einem Schuss Exotik, die für soviel herrliches Kopfkino sorgt, dass man sich bald als Gast am "Katzentisch" glaubt.

Eine ruhiges, aber unheimlich gefühlsintensives kleines Kunstwerk über den Aufbruch ins Erwachsensein und die Wunder der Kindheit. Grandios erzählt, eindringlich, reichhaltig - und, ja, einfach schön.

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

25 Stunden

David Benioff

EUR 7,95 *
auf Merkliste

50

20.04.2012

„Letzte Stunden in Freiheit”

Der erste Blick in den Klappentext verspricht eine Handlung, die so spannend ja eigentlich nicht sein kann. Was will man schon in diese „25 Stunden“ pressen? Schießereien? Morde? Abrechnungen mit alten Feinden? Benioffs Erstling spielt mit den Erwartungen, um dann letztlich etwas zu bieten, mit dem man nicht gerechnet hat. In verschachtelten Rückblenden erfährt der Leser, wer Monty ist, und wie er zu dem wurde, der er nun ist. Ziemlich schnell wird dabei deutlich: Brogan ist smart, beliebt und angesehen. Ein Mensch, der bisher fast immer nur auf der Sonnenseite gelebt und alles erreicht hat, was er wollte. Und der damit im krassen Widerspruch zu den üblichen Gangsterklischees steht. Selbst die Kindheit war eine glückliche, wäre da nicht der frühe und schmerzliche Tod seiner Mutter gewesen, der ihn aus der Bann geworfen hat. Eine einzige Entscheidung, getroffen aus dem Bauch heraus und doch die falsche, ein simpler Zufall, begründet schließlich seine kriminelle Laufbahn. Und hier zeigt sich das Besondere an diesem Buch: Benioff verurteilt nicht, noch ergreift er Partei. Er überlasst den Leser seinen Betrachtungen, lässt ihn sich seine eigene Meinung bilden. Und diesem wird es schwer fallen, Monty nicht zu mögen.

Benioff pflegt dabei eine Dramaturgie der wenigen und vor allem der ruhigen Worte. Das pulsierende Leben in der Großstadt, die einsamen Momente in der Dämmerung am Fluss, Montys Gedanken, Ängste und unerfüllte Träume, Schuld und Sühne, eine Ahnung von Glück. Alles wird so klar und treffen geschildert, als würde man es selbst erleben. Benioff greift die großen Themen der Literatur auf: mitreißend und nachdenklich, bewegend und differenziert. Hierbei spielt New York eine wesentliche Rolle. Wie Monty selbst liebt David Benioff diese Stadt, diesen Ort der Verführung, des Zynismus, aber auch der unbegrenzten Möglichkeiten, der Treue und der Heimat, dessen Kulturszene der Autor ebenso beschreibt, wie die Menschen und die vor Eis klirrenden, kalten Winternächte. „25 Stunden“ ist eindeutig mehr als nur der Abgesang auf einen Gangster. Es ist eine Liebeserklärung an New York und die Suche nach der Antwort auf existentielle Fragen: Wer bin ich? Was macht das Leben wirklich aus? Sind Ruhm und das Geld es wert, seine Träume und Ideale zu verraten?

Die gefühlvollen Inneneinsichten der einzelnen Protagonisten werden für den Leser zu einem unterschwelligen Appell an die Dinge, die im Leben von Bedeutung sind: Freundschaft, Liebe, Vertrauen. Gleichzeitig ist es eine Warnung vor dem falschen Weg, vor dem was am Ende wartet. Wenn man so will ist „25 Stunden“ also ein Knastroman, der sich zwar nie in die Mauern des Gefängnisses begibt, aber trotzdem – oder gerade deswegen – die Atmosphäre einer solchen Institution vor Augen führt. Eine Hölle für diejenigen, die zu viel Gutes in sich haben, die eben noch nicht skrupellos und abgestumpft sind.

„25 Stunden“ ist ein Buch, das mich atemlos und nachhaltig beeindruckt zurückgelassen hat, gerade weil es diese in der heutigen Zeit verloren gegangene Erkenntnis, dass das Leben einzigartig und schätzenswert ist, wieder mehr ins Bewusstsein gerückt hat.

50

20.04.2012

„The War on Drugs - uncensored”

Im Jahre 2005 veröffentlicht, hat Don Winslow sechs Jahre für dieses gewaltige und hoffnungslos düstere Meisterwerk recherchiert. Und Recherche bedeutet in diesem Fall nicht den Aufenthalt in staubigen Bibliotheken, sondern das hautnahe Erleben vor Ort. Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten. Allein die Personen (teilweise nur deren Namen) und ihre Aktionen sind ersonnen. Jedwede Brutalität, jede noch so perfide, grauenhafte Mordmethode beruht auf Tatsachen und ist tatsächlich begangen worden. Sie sind einer Realität entnommen, die in ihrer Erbarmungs- und Maßlosigkeit jede Fiktion weit hinter sich lässt. Somit ist es kein Wunder, dass Winslow sich hier einer kurzen, knappen, aber prägnanten Sprache bedient. „Tage der Toten“ liest sich wie das Buch eines Mannes, der sich etwas von der Seele geschrieben hat. Der Blut, Dreck, Scheiße und Tod aus der Erinnerung hervorgekramt hat, um sie auf Papier zu pressen. Aufgeteilt ist die Handlung dabei in drei Stränge, die immer wieder für kurze Zeit verzahnt werden, bis Winslow sie am Ende in einem Showdown zusammenführt. Und jeder für sich ist gleichsam spannend, besitzt seine eigene, schreckliche Faszination.

Wer von Winslow den sonstigen Humor der Pacific-Reihe erwartet hat, erlebt hier ein böses Erwachen. Der nur selten und gezielt platzierte Witz in „Tage der Toten“ ist tiefschwarz. Ein Grinsen stirbt bereits nach wenigen Sekunden auf dem Gesicht, zu grausam und brutal, das was vorhergehend geschildert wurde und noch auf einen wartet. Winslow verzichtet dabei auf die typischen Aha-Effekte der Thrillerkollegen. Er lässt den Leser nicht in der Luft hängen, verzichtet auf die üblichen Cliffhanger. Stattdessen spricht die Geschichte für sich selbst, wachsen Spannung und Unruhe aufgrund des unvermeidlichen Ausbruchs am Ende. Der Weg dorthin ist gespickt mit einer explizit geschilderten Brutalität, welche mir bis dato noch nicht begegnet ist. Sie schockiert, widert an und macht gleichzeitig, weil man sich immer der Authentizität des Buchs bewusst ist, tief traurig. Wie abgestumpft derjenige unter uns, der angesichts solchen Leids und solch sinnloser Tode keinen Kloß im Hals hat und ohne Verzögerung zum Alltag übergehen kann.

Einziger Kritikpunkt: Winslows roter Faden ist mir in seiner Gänze dann doch etwas zu gerade. Wie das Buch ausgeht, weiß man bereits relativ früh, was das Lesevergnügen zwar nicht schmälert, „Tage der Toten“ aber knapp die durchaus mögliche Maximalwertung kostet.

Mit „Tage der Toten“ katapultiert sich Don Winslow ganz hoch auf den Krimi-Olymp. Ein erschütterndes, spannendes und schwer verdauliches Werk, das den Leser mit der Wucht eines Hammers trifft und dringend auf die Leinwand gehört. Ob soviel Brutalität allerdings überhaupt filmisch umsetzbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Ein Highlight des Jahres 2010, das mir sicher noch einige Zeit in Erinnerung bleiben wird.

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

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