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Name:
Dr. Christian Rößner
Ort:
Göttingen
Rezensionen:
239 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 130

nicht hilfreich: 39

Rang:
114

Dr. Christian Rößners Rezensionen

50

07.12.2010

„Von Krankheit und Hoffnung”

Helene Wesendahl, 44-jährige Schriftstellerin aus Berlin, erwacht eines Tages im Krankenhaus, kann aber ihre Umwelt nur schlaglicht- und schemenhaft wahrnehmen. Nach und nach erfährt sie – im Wachkoma liegend -, dass sie eine Hirnblutung, ein Aneurysma, erlitten hat und jetzt nicht nur körperlich gelähmt ist, sondern auch ihre Erinnerungen und ihre Sprache verloren hat. Dabei erfährt die Protagonistin neben der körperlichen Einschränkung vor allem den Verlust der Worte als existentielle Bedrohung. Kathrin Schmidts beeindruckender Roman schildert Helenes mühsamen Weg aus der Krankheit mit Hilfe von Erinnerungen an ihr Leben vor der Krankheit, langwierigen Therapien und der Neuordnung ihrer Familienverhältnisse. Der besonders erzählerische Clou liegt in der Perspektive des Romans: Der Leser erfährt unmittelbar aus der Sicht Helenes ihr Ringen mit diesem Realität gewordenen Alptraum und lässt damit den Leser an jeder noch so kleinen Gemütsregung teilhaben. Ein wirklich großartiger Roman, der auf eine ganz ungewöhnliche Art und Weise betroffen, aber nie mutlos macht.

40

07.12.2010

„Bedrückendes Drama aus Afghanistan”

Nicht erst seit Khaled Hosseinis fulminanten „Drachenläufer“ stehen Geschichten aus dem zerrissenen Afghanistan hoch im Kurs. Und Atiq Rahimi kann sich mit seinem Roman „Der Stein der Geduld“ durchaus mit Khaled Hosseini messen. Die Ausgangssituation ist denkbar einfach: Irgendwo in Afghanistan sitzt eine Frau am Bett ihres durch eine Kriegsverletzung im Wachkoma liegenden Mannes. Er kann sich weder rühren noch verständlich machen – doch er atmet. Draussen tobt der Krieg. Die Frau pflegt nun ihren Mann aufopferungsvoll – und beginnt mit ihm zu reden. Und aus dem einfachen Reden wird eine schonungslose Abrechnung mit ihrem Mann, der patriarchalischen Gesellschaft, der unterhöhlten Religion und den unmenschlichen Verhältnissen im Krieg. Und obwohl sich der "Angeklagte" nicht rührt, kann man kann sich nie sicher sein, ob er nicht doch alles hören kann und eines Tages erwacht... Ein bedrückendes Leseerlebnis!

2 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

40

07.12.2010

„Tolles Debüt aus Italien!”

Das Prädikat „literarisches Wunderkind“ wird zumeist leichtfertig und vorschnell vergeben. Allerdings neigt der Rezensent vor Paolo Giordanos Roman „Die Einsamkeit der Primzahlen“ mit größter Hochachtung sein Haupt - vor allem vor der spielerischen poetischen Leichtigkeit der Handlung und gleichzeitig glasklaren Sprache des jungen italienischen Autors. Auf der einen Seite gelingt die Schilderung der beiden gleichzeitig so gleichen wie ungleichen Protagonisten, deren Schicksal in unterschiedlichen Lebensabschnitten gespiegelt wird, so überzeugend, dass man sehr präzise an deren Schicksal teilhaben kann. Auf der anderen Seite schafft es Giordano, seinen Figuren eine kühle Strenge zu verleihen, so dass die Geschichte trotz aller Alltäglichkeit nie ins Belanglose anrutscht. Ob nun Giordano ein „literarisches Wunderkind“ ist oder nicht, ist am Ende vollkommen egal: Wichtig ist nur, dass ihm hier ein exzellent durchkomponierter und dabei höchst unterhaltsamer Roman gelungen ist, der eine große Leserschaft verdient hat.

50

30.10.2010

„Das Leben der Wünsche”

Dass Thomas Glavinic zur ersten Garde der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt, hat er nicht zuletzt durch Publikums- und Kritikerfolge wie „Die Arbeit der Nacht“ und „Das bin doch ich“ unter Beweis gestellt. Nun legt er mit „Das Leben der Wünsche“ einen Roman vor, der diesem Anspruch erneut mehr als gerecht wird. In diesem modernen Märchen werden dem Ehemann, Vater, Werbetexter und notorischen Fremdgeher Jonas drei Wünsche angeboten, die dieser nach kurzem Zögern annimmt. Doch wie in jedem guten Märchen sind Wünsche gleichsam Segen und Fluch. Und so erlebt der Leser eine extreme Berg- und Talfahrt der handelnden bzw. vom Schicksal getriebenen Figuren. Bei aller philosophischen und literarischen Ambiguität des Textes wird die Handlung bis zum (versöhnlichen?) Ende unerbittlich vorangetrieben. Ein Roman, der keine Wünsche offen lässt!

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Grenzgang

Stephan Thome

EUR 9,99 *
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50

24.10.2010

„Grenzgang”

Dies ist die Geschichte zweier Menschen Mitte 40, die in der Provinz gestrandet sind. Er, ledig, gescheitert auf dem Weg an der Uni Karriere zu machen und in sein Heimatdorf als Gymnasiallehrer zurückgekehrt und sie, geschiedene Mutter eines 16-jährigen Sohnes, nie dem Dorf entwachsen, pflegt ihre demenzkranke Mutter. Die beiden treffen nun an verschiedenen Stationen ihres Lebens zusammen; Situationen, die manchmal peinlich beklemmend, freundschaftlich oder auch hocherotisch ausfallen. Eng verbunden mit ihrer (manchmal vorhandenen) Beziehung steht das alle 7 Jahre im Dorf stattfindende Volksfest – der „Grenzgang“. Hier wird die Überschreitung von Grenzen gefeiert und auch Thomas Weidmann und Kerstin Werner, die beiden Protagonisten, überschreiten immer wieder die Grenzen von Provinzialität, Autonomie und Intimität. Geschickt konstruiert – der Leser wirft über die erzählten Jahre hinweg stets zu Zeiten des „Grenzgangs“ einen Blick auf die Protagonisten – und sprachlich elegant formuliert gelingt Stephan Thome ein fulminantes Buch, das viele Leser verdient hat.

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Kokoschkins Reise

Hans Joachim Schädlich

EUR 8,99 *
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50

24.10.2010

„Ein Jahrhundert voller Geschichte”

Der Exilrusse Fjodor Kokoschkin begibt sich 95-jährig im Jahr 2005 auf eine Schiffspassage von Europa nach New York. Zuvor hat er die Orte seiner Kindheit und Jugend in Europa – von St. Petersburg über Berlin, Paris, Prag usw. - besucht. Auf der Schiffreise diskutiert Kokoschkin mit seinen Mitreisenden über die aktuelle politische Lage und reflektiert über einhundert Jahre Zeitgeschichte von der russischen Oktoberrevolution, zur Machterlangung Hitlers, dem Prager Frühling bis zur Zerstörung des World Trade Centers. Ereignisse, die sein Leben nachhaltig bestimmt und verändert haben.
Schädlich schafft es auf knapp 200 Seiten die Geschichte des 20.Jahhunderts in der Figur Kokoschkins wie in einem Brennglas einzufangen. Oft werden die Geschichten nur angerissen und erfahren durch diese Reduktion eine enorme erzählerische Intensität – und letztendlich Qualität. Ein Buch, das lange nachhallt. Unbedingt empfehlenswert!

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Cowboysommer

Hansjörg Schertenleib

EUR 7,99 *
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50

24.10.2010

„Cowboysommer”

Als der fast 60-jährige Schriftsteller Hanspeter nach einer Lesung seinem Jugendfreund Boyroth nach Jahren wieder begegnet, werden Erinnerungen an seine Jugend wach. In der Mitte der 70er Jahre wächst Hansi in engen kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, macht eine Setzerlehre und frisiert sein Mofa. Als talentierter Fußballer lernt er bei seinem neuen Verein Boyroth, seinen zukünftigen besten Freund, und mit ihm Yolanda, Boyroths Schwester und Hansis erste große Liebe, kennen. Musik, Drogen, Motorräder, Fußball und Mädchen bestimmen den Alltag der Jungs. Und Hanspeter entdeckt seine Liebe zur Literatur. Während sich Hanspeter allein per Interrail-Ticket auf nach Norwegen macht, überschlagen sich zuhause die Ereignisse und bei seiner Rückkehr wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.
Hansjörg Schertenleibs Buch über Freundschaft und Liebe ist eine große Hommage an die Unschuld der Jugend der 70er Jahre und ein Buch über das unbestechliche Schicksal, das alles zunichtemachen kann. Schertenleib beweist in dieser wunderbar melancholischen und vor Leben nur so brodelnden Geschichte erneut, dass er ein großer Erzähler ist!

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