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11

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123

ebooks

Das Ende von Eddy

Édouard Louis

EUR 16,99 *
auf Merkliste

50

01.03.2015

„Das Ende einer Kindheit”

Als kleiner und schmächtiger Junge wächst Eddy in einem kleinen Dorf in der Picardie auf. Hier arbeiten die Männer alle in derselben Fabrik und die Frauen irgendwo an der Kassa, wenn sie sich nicht gerade um die zahlreichen Kinder kümmern müssen. In der Schule wird er wegen seines Namens und seiner femininen und sensiblen Art gehänselt und gequält. Die Grausamkeit ist ein fester Bestandteil des Alltags und die rauen Sitten im Dorf machen ihm zusätzlich zu schaffen.

Im Fundus der jährlichen Neuerscheinungen den Überblick zu behalten ist nicht immer leicht. Immer wieder geraten Bücher mehr aus Zufall in meine Hände, als nach einem bestimmten Plan. Mein Intuition als Buchhändler lässt mich da ganz selten in Stich, selbst wenn mir, so wie bei „Das Ende von Eddy“, der Titel und der Einband nur wenig gefallen haben. Hier bewahrheitet sich für mich wieder der Spruch: „Man soll nicht immer vom Aussehen, auf das Innere schließen.“

Mit Gelassenheit und Distanz, erzählt der geniale Schriftsteller die Geschichte aus der Sicht seines Hauptprotagonisten Eddy. Er verleiht ihr, gerade weil sie von seiner eigenen Kindheit inspiriert ist, eine ganz eigene und große beschwörende Kraft. Interessant an dieser Stelle ist, dass er seinem Hauptprotagonisten seinen realen Namen gegeben hat. Èdouard Louis ist nur sein Pseudonym. Was in diesem außergewöhnlichen Werk biographisch und was Fiktion ist, bleibt dem Leser nicht wirklich erschließbar und schenkt man diversen französischen Medien Glauben, war die Familie über die Veröffentlichung und seine Darstellung von Gewalt, Homophobie und Rassismus mehr als geschockt und haben die vermeintlichen Vorwürfe brüsk abgewiesen. Man könnte nun mit dem Schriftsteller hart ins Gericht gehen und ihm eine überspitzte Karikatur des Alltages im Dorf Hallencourt, in der Picardie wo er aufgewachsen ist, vorwerfen. Das wäre allerdings ein wenig vorschnell, ist doch dieser Roman eigentlich eine Darstellung der Empfindungen eines jungen Geistes und dessen subjektiven Erfahrungen.

Ich war ganz hin und hergerissen beim Lesen. Einerseits hegte ich, alleine nur wegen der vielen unerbittlichen Gewalt der er ausgesetzt ist, natürlich Mitgefühl mit dem Hauptprotagonisten, und andererseits hatte ich auch immer ein wenig das Gefühl, hier eine persönliche und schreckliche Lebensgeschichte auf dem Präsentierteller serviert zu bekommen. Die Szenen sind von Elend und Leid durchwachsen und mit der Entdeckung von Emotionen und den ersten Annäherungsversuchen Pubertierender, spiegelt sich der geneigte Leser ein Stück weit in Eddy wieder. Schließlich ist es auch ein Teil der Kindheit, sich selbst isoliert von den anderen zu erfahren, und auch Zeiten des Ausgeschlossenseins oder der Einsamkeit zu erleben. Hier nun nicht auch von Voyeurismus zu sprechen wäre nicht richtig, denn unweigerlich ist mir dieses Gefühl immer wieder in den Sinn gekommen.

Von Èdouard Louis Sprachvirtuosität bin ich ganz angetan und bedenkt man das junge Alter des Schriftstellers, mit nur 19 Jahren hat er die erste Fassung von „Das Ende von Eddy“ geschrieben, kann man sich kaum vorstellen was er in zu Papier bringen wird, wenn er etwas älter und reifer ist. Derweil studiert er Soziologie und ich kann nur hoffen, dass er der Literatur nicht gänzlich abschwört. Auch wenn ich diese Rezension im Februar schreibe, kann ich mit Recht und Fug behaupten, dass dieser Roman für mich mein persönlicher Favorit dieses Jahres ist. An dieser Stelle wünsche ich mir mehr! Ich wünsche mir mehr von Édouard Louis zu lesen.

buch

Das Ende von Eddy

Edouard Louis

EUR 18,99 *
auf Merkliste

50

01.03.2015

„Das Ende einer Kindheit”

Als kleiner und schmächtiger Junge wächst Eddy in einem kleinen Dorf in der Picardie auf. Hier arbeiten die Männer alle in derselben Fabrik und die Frauen irgendwo an der Kassa, wenn sie sich nicht gerade um die zahlreichen Kinder kümmern müssen. In der Schule wird er wegen seines Namens und seiner femininen und sensiblen Art gehänselt und gequält. Die Grausamkeit ist ein fester Bestandteil des Alltags und die rauen Sitten im Dorf machen ihm zusätzlich zu schaffen.

Im Fundus der jährlichen Neuerscheinungen den Überblick zu behalten ist nicht immer leicht. Immer wieder geraten Bücher mehr aus Zufall in meine Hände, als nach einem bestimmten Plan. Mein Intuition als Buchhändler lässt mich da ganz selten in Stich, selbst wenn mir, so wie bei „Das Ende von Eddy“, der Titel und der Einband nur wenig gefallen haben. Hier bewahrheitet sich für mich wieder der Spruch: „Man soll nicht immer vom Aussehen, auf das Innere schließen.“

Mit Gelassenheit und Distanz, erzählt der geniale Schriftsteller die Geschichte aus der Sicht seines Hauptprotagonisten Eddy. Er verleiht ihr, gerade weil sie von seiner eigenen Kindheit inspiriert ist, eine ganz eigene und große beschwörende Kraft. Interessant an dieser Stelle ist, dass er seinem Hauptprotagonisten seinen realen Namen gegeben hat. Èdouard Louis ist nur sein Pseudonym. Was in diesem außergewöhnlichen Werk biographisch und was Fiktion ist, bleibt dem Leser nicht wirklich erschließbar und schenkt man diversen französischen Medien Glauben, war die Familie über die Veröffentlichung und seine Darstellung von Gewalt, Homophobie und Rassismus mehr als geschockt und haben die vermeintlichen Vorwürfe brüsk abgewiesen. Man könnte nun mit dem Schriftsteller hart ins Gericht gehen und ihm eine überspitzte Karikatur des Alltages im Dorf Hallencourt, in der Picardie wo er aufgewachsen ist, vorwerfen. Das wäre allerdings ein wenig vorschnell, ist doch dieser Roman eigentlich eine Darstellung der Empfindungen eines jungen Geistes und dessen subjektiven Erfahrungen.

Ich war ganz hin und hergerissen beim Lesen. Einerseits hegte ich, alleine nur wegen der vielen unerbittlichen Gewalt der er ausgesetzt ist, natürlich Mitgefühl mit dem Hauptprotagonisten, und andererseits hatte ich auch immer ein wenig das Gefühl, hier eine persönliche und schreckliche Lebensgeschichte auf dem Präsentierteller serviert zu bekommen. Die Szenen sind von Elend und Leid durchwachsen und mit der Entdeckung von Emotionen und den ersten Annäherungsversuchen Pubertierender, spiegelt sich der geneigte Leser ein Stück weit in Eddy wieder. Schließlich ist es auch ein Teil der Kindheit, sich selbst isoliert von den anderen zu erfahren, und auch Zeiten des Ausgeschlossenseins oder der Einsamkeit zu erleben. Hier nun nicht auch von Voyeurismus zu sprechen wäre nicht richtig, denn unweigerlich ist mir dieses Gefühl immer wieder in den Sinn gekommen.

Von Èdouard Louis Sprachvirtuosität bin ich ganz angetan und bedenkt man das junge Alter des Schriftstellers, mit nur 19 Jahren hat er die erste Fassung von „Das Ende von Eddy“ geschrieben, kann man sich kaum vorstellen was er in zu Papier bringen wird, wenn er etwas älter und reifer ist. Derweil studiert er Soziologie und ich kann nur hoffen, dass er der Literatur nicht gänzlich abschwört. Auch wenn ich diese Rezension im Februar schreibe, kann ich mit Recht und Fug behaupten, dass dieser Roman für mich mein persönlicher Favorit dieses Jahres ist. An dieser Stelle wünsche ich mir mehr! Ich wünsche mir mehr von Édouard Louis zu lesen.

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40

28.02.2015

„Band Vier”

Im vierten Band der erfolgreichen Shadow Fall Camp Reihe, weiß zwar Kylie das sie ein Chamäleon ist, allerdings kann sie mit dieser Info so rein gar nichts anfangen. Niemand scheint so recht zu wissen, was für ein Übernatürliches Wesen sie nun ist, und jene die etwas wissen, schweigen. Als sie plötzlich dann doch noch ein bestimmtes Gehirnmuster annimmt, sind alle überrascht.

Ein bisschen ist die Luft schon raus und das ewige Gezanke zwischen ihren Freundinnen, das ewige Hin und Her in den Liebesdingen ist schon ein bisschen mühselig. Dem gegenüber stehen natürlich auch der sehr flüssige Erzählstil und der besondere Humor, der in „Verfolgt im Mondlicht“ wieder zur Geltung kommt. Erwählt in tiefster Nacht ist der letzte Band in dieser Reihe und bin schon sehr gespannt wie diese Reihe zu Ende geht. (=Und für wem sie sich nun endlich entscheidet)

buch

Göttlich verliebt

Josephine Angelini

EUR 9,99 *
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30

28.02.2015

„Ein göttliches Ende”

Gerade noch so, hatten Helen, ihre Freunde und die Scions es geschafft, die Insel Nantucket vor den Göttern zu erretten. Dennoch ist die Gefahr noch nicht vollkommen gebannt und nun muss sie sich und die ganze Welt vor den wiederkehrenden Göttern beschützen.

Mit "Göttlich verliebt" geht nun auch eine weitere Jugendliteraturtrilogie in ihre letzte Runde. Und ich muss sagen, dass sie mir der letzte Band durchwegs gefallen hat, wenn ich auch ein paar Abstriche, gegenüber den vorigen Bänden machen muss. Mir hat der Humor von der einen oder anderen Protagonistin gefehlt, und zu Ende hin, hat Josephine Angelini versucht noch so viele Infos wie möglich rein zu quetschen. Daher war mir das Ende ein bisschen zu durchkonstruiert. Die Idee hinter den vermeintlichen bösen Göttern hat mir sehr gut gefallen. Die Spannung war konstant aufrecht, kaum konnte ich das Buch aus den Händen geben und auch wenn es nicht der beste Teil der Trilogie ist(=ist und bleibt für mich „Göttlich verdammt“), wird der geneigte Fan seine hellste Freude daran haben.

buch

Mirage

Matt Ruff

EUR 21,90 *
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50

26.02.2015

„9/11 vs. 11/9”

Die vereinigten arabischen Staaten, kurz VAS, wurden in ihren Grundfesten erschüttert, als im Jahr 2001 christliche Fundamentalisten Flugzeuge kaperten und in die Tigris und Euphrat Zwillingstürme lenkten. Ein drittes Flugzeug stürzte in das arabische Verteidigungsministerium, das vierte wäre für Mekka bestimmt gewesen und stürzte dann doch, mithilfe von mutigen Passagieren, in der Wüste ab. Im Jahr 2009 ist der Terror, der vom amerikanischen Kontinent ausgeht noch immer nicht gebannt. Als Mustafa, Samir und Amal, allesamt Bundesagenten, einen christlichen Selbstmordattentäter dingfest machen, behauptet der schier Unglaubliches: Eigentlich sei Amerika die wahre Supermacht, während die VAS nicht existieren würde und aus dem arabischen Raum die eigentliche Terrorgefahr ausgehen würde. Außerdem würden es bestimmte Artefakte sogar beweisen.

Einen satirischen Roman über die terroristischen Anschläge auf das World Trade Center zu schreiben, ist bestimmt kein Honiglecken und für dieses literarisch sehr wohl anspruchsvolle Kleinod, brauchte Matt Ruff knapp viereinhalb Jahr bis zur Vollendung. Es ist aber auch nicht der einzige, der sich mit dem Thema Terrorismus literarisch und fantasievoll auseinandersetzt. Ich denke da zum Beispiel auch an Lavie Tidhar, der mit „Osama“ den World Fantasy Award 2012 gewonnen hat, der sich ähnlich liest und in Dick Tracy Manier einen Fall lösen muss, bei dem es um eine Buchreihe geht, in der Osama bin Laden als Hauptprotagonist fungiert. Aber zurück zu Matt Ruffs neuestem Geniestreich:

Mirage funktioniert bis ins kleinste Detail, und ich denke da auch an eine nebenbei erwähnte Bemerkung von Samir, dass ein bestimmtes Hotel in Wien durch den Angriff Israelis zerstört worden ist und das bedauert, wo er doch so gerne diesen einen bestimmten Schokoladenkuchen mit Aprikosenmarmeladenfüllung, den es nur in diesem Hotel gegeben hat, gerne mal gekostet hätte. Der israelische Staat mitten in Europa macht deswegen Sinn, weil nach dem errungenen Sieg über Hitler, Deutschland in einen jüdischen und in einen christlichen Staat geteilt wurde. Als sachertortenliebender Österreicher musste ich schon ein paar Mal schlucken, aber auch laut loslachen, dass Matt Ruff die Welt wirklich ganz arg auf den Kopf stellt und keinen Stein auf den anderen liegen lässt. Als sich der Fall, an dem die Bundesagenten angesetzt sind, nicht mehr auf den arabischen Teil der Welt begrenzen lässt, müssen die 3 Hauptprotagonisten, Achtung jetzt muss ich ein bisschen spoilern, in das gefährliche Amerika. Untergebracht sind sie, so wie die dort stationierte Marineinfanteriegarnison im Watergatehotel. Das sind aber nur ein paar kleine Anekdoten, aus dem so reichhaltigen literarischen Leckerbissenbuffet, mit dem uns der großartige Schriftsteller mit Mirage verwöhnt. Gerade hier merkt man diesem Roman an, dass er mit Freude geschrieben und erdacht wurde. Und auch wenn man „Mirage“ eindeutig ein anspruchsvolles literarisches Lesevergnügen ist, konnte ich dann doch immer wieder bei den Einträgen aus der „Bibliothek von Alexandria“, eine fiktive von Internetz-Benutzern erstellte Enzyklopädie, die zwischen den Kapiteln, die Handlung mit Wissen um bestimmte Themen dieser anderen Welt auffrischt, innehalten. Das Pendant zur „Bibliothek von Alexandria“ in der unsrigen Welt, wird der geneigte Leser meiner Rezensionen höchstwahrscheinlich kennen, ohne dass ich es an dieser Stelle namentlich erwähnen muss. Nur so viel sei verraten, es macht durchaus Sinn, den einen oder anderen Protagonisten in Mirage namentlich dort nachzuschlagen, nicht alle auch real vorkommende Personen waren mir geläufig, z.B. David Koresh, und es war dann doch recht amüsant, die „richtige“ Biographie zu lesen. Bis auf diesen Roman, habe ich von Matt Ruff noch nichts gelesen, was ich nun sehr bedauere und in nächster Zeit bestimmt ändern werde.

ebooks

Leb wohl, Berlin

Christopher Isherwood

EUR 15,99 *
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40

12.02.2015

„An Englishman in Berlin”

Christopher Isherwood, lebte Anfang der Dreißiger Jahre und kurz vor der Machtübernahme der Nazis, in der wohl dekadentesten Stadt ihrer Zeit: Berlin. Erst wohnt er zur Untermiete bei Frau Schröder, die ihm liebevoll Herr Issyvoo nennt, lernt dort auch Sally Bowles, eine mittellose Schauspielerin kennen, und genießt das glitzernde Nachtleben. Zwischendurch verlässt er Berlin und erlebt auf Rügen das ständige Auf und Ab der Beziehung zwischen Otto und Peter. Schließlich landet er wieder in Berlin, diesmal bei den Nowaks. Eine Arbeiterfamilie, die in einer ärmlichen Wohnung haust.

Liza Minelli hat Sally Bowles, und indirekt damit auch Christopher Isherwood ein Denkmal gesetzt, das viele inklusive mir, so gar nicht gewusst haben. Der Film und auch das Musical Cabaret beruhen auf diesem, episodenhaft erzählten Roman. Allerdings sei der Film sehr, sehr weit von seinem Buch entfernt, so hatte der Romancier, der meiner Meinung nach zur klassischen englischen Literatur gehört, einmal angemerkt. Aber schließlich geht es nicht nur um Sally in Berlin, sondern auch darum, dass Isherwood ein Chronist dieser speziellen Zeit des Umbruchs ist, auch wenn er mit englischer Distanziertheit und Contenance an das Erzählen ran geht und Berlin auf eine ganz eigentümliche Weise porträtiert. Manchmal hatte ich das Gefühl, ein Tagebuch vor mir liegen zu haben, hauptsächlich lag es wohl auch an der fragmentarischen Erzählweise und daran, dass der Hauptprotagonist denselben Namen trägt, wie auch der Schriftsteller. Dennoch möchte Isherwood nicht mit seinem fiktiven Protagonisten verwechselt werden. Der geneigte Leser kann nur raten und mutmaßen, wo der Geschichtenerzähler Fakten, und wo er Fiktion einbringt. Manche Dinge werden im Roman nur angedeutet, schließlich darf man nicht vergessen, dass diese Geschichte 1939 das erste Mal erschienen ist und das liberale und freizügige Berlin, sich den aufmarschierenden Nazischergen ergeben musste. Für alle die nun den Schriftsteller näher kennenlernen möchten, kann ich auch „A Single Man“ empfehlen, dass im selben Verlag neuerschienen ist, allerdings von einem anderen Übersetzer stammt.

buch

Leb wohl, Berlin

Christopher Isherwood

EUR 20,00 *
auf Merkliste

40

12.02.2015

„An Englishman in Berlin”

Christopher Isherwood, lebte Anfang der Dreißiger Jahre und kurz vor der Machtübernahme der Nazis, in der wohl dekadentesten Stadt ihrer Zeit: Berlin. Erst wohnt er zur Untermiete bei Frau Schröder, die ihm liebevoll Herr Issyvoo nennt, lernt dort auch Sally Bowles, eine mittellose Schauspielerin kennen, und genießt das glitzernde Nachtleben. Zwischendurch verlässt er Berlin und erlebt auf Rügen das ständige Auf und Ab der Beziehung zwischen Otto und Peter. Schließlich landet er wieder in Berlin, diesmal bei den Nowaks. Eine Arbeiterfamilie, die in einer ärmlichen Wohnung haust.

Liza Minelli hat Sally Bowles, und indirekt damit auch Christopher Isherwood ein Denkmal gesetzt, das viele inklusive mir, so gar nicht gewusst haben. Der Film und auch das Musical Cabaret beruhen auf diesem, episodenhaft erzählten Roman. Allerdings sei der Film sehr, sehr weit von seinem Buch entfernt, so hatte der Romancier, der meiner Meinung nach zur klassischen englischen Literatur gehört, einmal angemerkt. Aber schließlich geht es nicht nur um Sally in Berlin, sondern auch darum, dass Isherwood ein Chronist dieser speziellen Zeit des Umbruchs ist, auch wenn er mit englischer Distanziertheit und Contenance an das Erzählen ran geht und Berlin auf eine ganz eigentümliche Weise porträtiert. Manchmal hatte ich das Gefühl, ein Tagebuch vor mir liegen zu haben, hauptsächlich lag es wohl auch an der fragmentarischen Erzählweise und daran, dass der Hauptprotagonist denselben Namen trägt, wie auch der Schriftsteller. Dennoch möchte Isherwood nicht mit seinem fiktiven Protagonisten verwechselt werden. Der geneigte Leser kann nur raten und mutmaßen, wo der Geschichtenerzähler Fakten, und wo er Fiktion einbringt. Manche Dinge werden im Roman nur angedeutet, schließlich darf man nicht vergessen, dass diese Geschichte 1939 das erste Mal erschienen ist und das liberale und freizügige Berlin, sich den aufmarschierenden Nazischergen ergeben musste. Für alle die nun den Schriftsteller näher kennenlernen möchten, kann ich auch „A Single Man“ empfehlen, dass im selben Verlag neuerschienen ist, allerdings von einem anderen Übersetzer stammt.

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Mirage

Matt Ruff

EUR 18,99 *
auf Merkliste

50

12.02.2015

„9/11 vs. 11/9”

Die vereinigten arabischen Staaten, kurz VAS, wurden in ihren Grundfesten erschüttert, als im Jahr 2001 christliche Fundamentalisten Flugzeuge kaperten und in die Tigris und Euphrat Zwillingstürme lenkten. Ein drittes Flugzeug stürzte in das arabische Verteidigungsministerium, das vierte wäre für Mekka bestimmt gewesen und stürzte dann doch, mithilfe von mutigen Passagieren, in der Wüste ab. Im Jahr 2009 ist der Terror, der vom amerikanischen Kontinent ausgeht noch immer nicht gebannt. Als Mustafa, Samir und Amal, allesamt Bundesagenten, einen christlichen Selbstmordattentäter dingfest machen, behauptet der schier Unglaubliches: Eigentlich sei Amerika die wahre Supermacht, während die VAS nicht existieren würde und aus dem arabischen Raum die eigentliche Terrorgefahr ausgehen würde. Außerdem würden es bestimmte Artefakte sogar beweisen.

Einen satirischen Roman über die terroristischen Anschläge auf das World Trade Center zu schreiben, ist bestimmt kein Honiglecken und für dieses literarisch sehr wohl anspruchsvolle Kleinod, brauchte Matt Ruff knapp viereinhalb Jahr bist zur Vollendung. Es ist aber auch nicht der einzige, der sich mit dem Thema Terrorismus literarisch und fantasievoll auseinandersetzt. Ich denke da zum Beispiel auch an Lavie Tidhar, der mit „Osama“ den World Fantasy Award 2012 gewonnen hat, der sich ähnlich liest und in Dick Tracy Manier einen Fall lösen muss, bei dem es um eine Buchreihe geht, in der Osama bin Laden als Hauptprotagonist fungiert. Aber zurück zu Matt Ruffs neuestem Geniestreich:

Mirage funktioniert bis ins kleinste Detail, und ich denke da auch an eine nebenbei erwähnte Bemerkung von Samir, dass ein bestimmtes Hotel in Wien durch den Angriff Israelis zerstört worden ist und das bedauert, wo er doch so gerne diesen einen bestimmten Schokoladenkuchen mit Aprikosenmarmeladenfüllung, den es nur in diesem Hotel gegeben hat, gerne mal gekostet hätte. Der israelische Staat mitten in Europa macht deswegen Sinn, weil nach dem errungenen Sieg über Hitler, Deutschland in einen jüdischen und in einen christlichen Staat geteilt wurde. Als sachertortenliebender Österreicher musste ich schon ein paar Mal schlucken, aber auch laut loslachen, dass Matt Ruff die Welt wirklich ganz arg auf den Kopf stellt und keinen Stein auf den anderen liegen lässt. Als sich der Fall, an dem die Bundesagenten angesetzt sind, nicht mehr auf den arabischen Teil der Welt begrenzen lässt, müssen die 3 Hauptprotagonisten, Achtung jetzt muss ich ein bisschen spoilern, in das gefährliche Amerika. Untergebracht sind sie, so wie die dort stationierte Marineinfanteriegarnison im Watergatehotel. Das sind aber nur ein paar kleine Anekdoten, aus dem so reichhaltigen literarischen Leckerbissenbuffet, mit dem uns der großartige Schriftsteller mit Mirage verwöhnt. Gerade hier merkt man diesem Roman an, dass er mit Freude geschrieben und erdacht wurde. Und auch wenn man „Mirage“ eindeutig ein anspruchsvolles literarisches Lesevergnügen ist, konnte ich dann doch immer wieder bei den Einträgen aus der „Bibliothek von Alexandria“, eine fiktive von Internetz-Benutzern erstellte Enzyklopädie, die zwischen den Kapiteln, die Handlung mit Wissen um bestimmte Themen dieser anderen Welt auffrischt, innehalten. Das Pendant zur „Bibliothek von Alexandria“ in der unsrigen Welt, wird der geneigte Leser meiner Rezensionen höchstwahrscheinlich kennen, ohne dass ich es an dieser Stelle namentlich erwähnen muss. Nur soviel sei verraten, es macht durchaus Sinn, den einen oder anderen Protagonisten in Mirage namentlich dort nachzuschlagen, nicht alle auch real vorkommende Personen waren mir geläufig, z.B. David Koresh, und es war dann doch recht amüsant, die „richtige“ Biographie zu lesen. Bis auf diesen Roman, habe ich von Matt Ruff noch nichts gelesen, was ich nun sehr bedauere und in nächster Zeit bestimmt ändern werde.

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40

06.02.2015

„Eine ganz besondere Geschichte”

Amber zieht eher widerwillig, nach dem Tod ihrer Mutter, von Deutschland zu ihren Vater nach San Francisco. Bisher hat er eher mehr durch seine Abwesenheit geglänzt, deswegen ist sie mit diesem Schritt nicht gerade sehr glücklich. Auf einem Streifzug durch die Stadt wird sie auf ein scheinbar verlassenes Haus aufmerksam in das sie sich in ihrer Einsamkeit und Traurigkeit immer wieder zurückzieht. Eines Tages taucht dort ein seltsam gekleideter Junge auf, der aber zunächst auf Distanz zu Amber bleibt.

„In dieser ganz besonderen Nacht“ ist ein wirklich ganz gut gelungener Fantasy Roman, der mir auf Anhieb sehr gut gefallen hat. Die Charaktere bleiben obwohl der eher ungewöhnlichen Geschichte relativ realistisch und sind durchwegs sehr sympathisch gezeichnet, vielleicht auch mitunter deswegen, weil die Schriftstellerin Nicole C. Vosseler sich mit diesem Roman das erste Mal ein neues Genre in Angriff genommen hat. Ich habe bisher noch nichts von ihr gelesen, bin mir aber nach der Lektüre dieser Geschichte sicher, dass es nicht das einzige Buch sein wird, das ich von ihr lesen werde.

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50

06.02.2015

„Das große Fesseln”

Anastasia Steele soll für ihre verhinderte Mitbewohnerin, ein Interview mit dem mysteriösen Mr. Grey führen und der hat eigentlich ganz andere Dinge im Sinn, als er sie sieht. Eine leidenschaftliche Affäre entspinnt sich, und der Anschein der Aufgeschlossenheit trügt, denn nicht alle heißen die Affäre gut.

Wenn man mit „Shades of Grey – Geheimes Verlagen“ zu lesen beginnt, darf man kein literarisches Meisterwerk erwarten, man würde sonst enttäuscht werden. Dennoch ist die Geschichte rund um Mr. Christian Grey und seiner Bettgespielin Anastasia Steele spannend, leidenschaftlich und manchmal auch sehr humorvoll. Und Sex bindet die Autorin mehr als genug in die Handlung mit ein, ohne jedoch zu sehr ins ordinäre abzudriften. Schmerz, Macht und Dominanz spielen eine wesentliche Rolle in diesem ganz passablen Roman. Hier hätte ich mir aber, sagen wir mal so, ein wenig mehr Action gewünscht. Sex, in nur wohldosierten Mengen, dürfte mitunter auch einer der Gründe gewesen sein, wieso es im sonst so prüden Amerika ein großer Erfolg geworden ist. Der einfache Erzählstil hat mich schnell in die Geschichte rein gezogen und was mir besonders gut gefallen hat, waren Anastasias innere Göttin und ihr Unterbewusstsein. Sie verdeutlichten Anas tragisches Dilemma. Soll sie sich dem geheimnisvollen Mr. Grey unterwerfen und ihre Lust voll ausleben? Oder sollte sie sich von diesem eindeutig auch gefährlichen Mann fern halten? Die deutsche Übersetzung war, bis auf ein paar Ausnahmen sehr gut. Der eine oder andere Wortwitz funktioniert im Original einfach besser. Interessant ist, dass die Autorin einen ganz eigentümlichen Weg der Veröffentlichung gewählt hat, denn zuallererst ist eigentliche Urform der Shades of Grey Trilogie als Fanfiction im Internet erschienen. Der Weg in die deutschsprachigen Buchhandlungen war nicht mehr weit und et voilà: Der Erfolg gipfelt ihrer weltweiter Bestseller auch in der Verfilmung der Reihe. Auch wenn gerade bei dieser Reihe die Wogen hoch gehen und die Meinungen auseinander, sollte man zumindest mal den ersten Teil gelesen haben und sich ein eigenes Urteil darüber bilden. Der Cliffhanger hat mir sehr, sehr gut gefallen, da konnte ich ja auch gar nicht anders und hab auch den nächsten Teil „Gefährliche Liebe“ gelesen.

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