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Eine Kundin / Ein Kunde Unsere Top-BuchhändlerInnen

Gesamte Bewertungen 468 (ansehen)


Lieblingsautoren:
Neil Gaiman, Michael Cunningham, Amber Dermont, Joey Goebel, Kevin Hearne, Ruth Ozeki Jane Austen, Haruki Murakami, Johanna Sinisalo, DBC Pierre, Chris Adrian, Floortje Zwigtman, Patrick Spät und viele, viele mehr :-)

Meine Bewertungen

Eine Dreiecksbeziehung die gar keine ist

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.01.2017

Garnet ist von Narben völlig entstellt und seine Haut hat die Farbe von Maulbeersaft angenommen. Der Kriegsveteran ist erst vor kurzem nach Hause gekommen und hängt dort seiner alten Jugendliebe nach. Die Witwe Rance nimmt zwar seine Liebesbekundungen an, will ihm aber nicht unter die Augen treten. Garnet vermutet das seine Narben und Kriegsverletzungen daran Schuld tragen. Eines Tages trifft Garnet auf einen jungen Mann, der nicht sofort von seinen Verletzungen abgestoßen ist. er ist auf der Flucht und in Garnte regen sich schön langsam Gefühlte für diesen schönen jungen Mann.

Seit Längerem habe ich den umstrittenen amerikanischen Schriftsteller James Purdy ins Auge gefasst. Allerdings gibt es zurzeit nur zwei Romane die ins Deutsche übersetzt wurden und im regulären Buchhandel erhätlich sind. Der eine ist - Der Gesang des Blutes - und der andere trägt den Titel - Die Preisgabe. Der in den Weiten der literarischen Welt ein wenig in Vergessenheit geratene geniale Schriftsteller, bekommt meiner Meinung nach nicht die Aufmerksamkeit, die er wohl verdient hätte.

In dieser prosaischen Erzählung treffen vier verschiedene Hauptprotagonisten aufeinander: Garnet Montrose, Georginia Rance, Quintus Pearch und Potter Deventry. Aus dieser Konstellation entwickelt sich nicht eine Dreiecks- sondern eine Vierecksbeziehung zwischen einem Mörder, Diener, Kriegsveteran und einer Witwe, dabei ist Letztere, in dieser Geschichte, über einen längeren Zeitraum nur passiv präsent. In Zentrum des Romans stehen die Leidenschaft und die Sexualität der Protagonisten. Bei zweien der Männer entbrennt eine tiefe Freundschaft und Zuneigung, die allerdings nicht offen ausgelebt wird und wie so oft, wenn Gefühle unterdrückt werden, enden sie teilweise in Gewaltätigkeiten.

Der Schriftsteller James Purdy bedient sich einem einzigartigem und eloquentem Stil, der Lust macht mehr von ihm zu entdecken und um seine Werke kennenzulernen. Für mich gehört er zu einer fixen Größe der sogenannten Südstaatenliteraten, genauso wie es auch Carson McCullers, Harper Lee und Truman Capote für mich tun. Der Gesang des Blutes ist 1976 das erste Mal auf Englisch erschienen und im Jahr 1988 erschien sogar ein Film (=Im Zeichen des Feuers, oder in einer neueren Auflage als: In A Shallow Grave - Die Rückkehr des Garnet Montrose) der auf der Grundlage dieses Romans produziert worden ist. Niemand geringerer als Patrick Dempsey spielt darin den Potter Deventry, wenn nun jemand sehen möchte wie der Schauspieler, der mit der Serie Grey's Anatomie berühmt geworden ist, als Jugendlicher ausgesehen hat, dem lege ich diesen Film näher.

Der Gesang des Blutes
von James Purdy
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
17,99

"Du wirst niemals glücklich sein"

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.01.2017

Vincent beginnt mit dem Satz „Tut mir leid, dass Du es ausgerechnet von mir erfährst, aber Du wirst niemals glücklich sein.“ Und ist zugleich der erste Satz eines Briefes, den der etwas betrunkene Harlan an den kleinen Vincent schreibt. „Du wirst niemals glücklich sein.“ Harlan ist ein Musikmanager mit nur einen einzigen Klienten und dass ist Vincent. Er begleitet Harlan ab frühester Kindheit und sorgt persönlich dafür, dass diesem mit sehr vielen Talenten ausgestatteten Künstler, niemals die Tragödien des Lebens ausgehen. Denn nur ein Künstler der leidet kann wahre Kunst erschaffen. Jedenfalls glaubt Harlan fest daran.

Vincent ist in drei Teile geteilt und ist nicht wie man vermuten könnte aus der Sicht Vincents geschrieben, sondern aus der seines Managers Harlan Eiffler. Darin kritisiert der wirklich talentierte Romancier Joey Goebel die Unterhaltungsindustrie und erzählt bewegend die Sehnsüchte und Enttäuschungen von Heranwachsenden. Meiner Meinung nach gibt es, trotz der Unmengen an guter und neuer Unterhaltungsliteratur, nur wenige, die das Geschichtenerzählen so gut beherrschen wie es eben Goebel vermag. In einem Interview hat er verraten, dass er die Idee zu diesem Roman hatte während er ein Liebeslied im Radio hörte. Welcher Song es war weiß er heute nicht mehr oder will es vielleicht nicht verraten. Das Lied brachte ihn auf einen Gedanken: Was wäre wenn hinter allen Liebesballaden ein einziger Künstler steckte? Was müsse passieren damit dieser Künstler für eine lange Zeit auf einem hohen Niveau kreativ bleiben könnte? Goebel kam zu dem Schluss, dass dieser Künstler schlussendlich leiden müsse. Künstlerische Höchstleistungen würden vor allem aus der seelischen Not heraus enstehen. Dadurch ist der Hauptprotagonist der Geschichte ein richtiges Ekelpaket, der den armen Vincent immer weiter quält, um aus ihm noch den letzten Tropfen Kreativität zu pressen. Die Idee das Schicksal für einen anderen Menschen zu spielen und ihn aus dem Verborgenen heraus zu lenken ist dem Schriftsteller gut gelungen. Falls es nun noch jemanden gibt, der die Romane von Joey Goebel noch gar nicht kennt, dem sei nun jedes einzelne empfohlen. Jeder ist einzigartig und großartig verfasst.


Vincent
von Joey Goebel
(31)
Buch (Taschenbuch)
11,90

Champagner für Zimmer 205

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.01.2017

Der junge Béla hat eine harte und karge Kindheit hinter sich gelassen und kommt mit 14 Jahren zu seiner Mutter nach Budapest. In der großen Stadt will er sein Glück nun endlich finden, aus seinen Plänen weiter zur Schule zu gehen, wird allerdings nichts. Die Mutter haust in erbärmlichen Zuständen und muss, ob er will oder nicht, auch Geld beisteuern und verdienen. Sie verschafft ihm zunächst eine unbezahlte Stelle als Boy in einem Grandhotel und hofft dort auf reichlich Trinkgeld. Als er das erste mal auf ihre Exzellenz trifft, eine junge Frau die ihm Grandhotel wohnt, ist es um den jungen Béla geschehen.

Ich hab mich sehr gefreut, dass der Diogenes Verlag diesen "vergessenen" ungarischen Klassiker neu aufgelegt hat. Der Roman spielt in der Zwischenkriegszeit und literarisch finde ich die Zwanziger und Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts sehr interessant. Dabei ist es mir einerlei ob es sich die Geschichte bloß in dieser Zeit handelt, oder ob sie selbst zu dieser Zeit entstanden sind. Beides ist mir gleich lieb. Vielleicht liegt es auch daran, dass diese Zeit mit der unsrigen vergleichbar ist, dass zwischen Dekadenz, politischen Unruhen, Reichtum und Armut hin und her schwankt. Und welcher Platz wäre besser um das perfekte Zusammentreffen dieser verschiedenen Gegensätze zu präsentieren als in einem Grandhotel? Mir würde auf Anhieb keines einfallen. Man leidet mit der Dienerschaft mit und verflucht insgeheim die reichen Herrschaften. János Székely hat mit - Verlockung - allerdings keinen fiktiven Roman geschrieben, viel mehr wollte er Zeitlebens eine Trilogie schreiben, die er aber nicht mehr fertiggestellt hat. Schade, denn dieser Schriftsteller hätte bestimmt noch einige interessante Geschichten auf Lager gehabt. Die sehr bildhafte und einfache Sprache haben die beinahe eintausend Seiten sehr schnell verfliegen lassen. Nur noch ein Kapitel war meine Devise und dann sind es doch mehr geworden als geplant. So gehört dieser Roman zu lesereichen Nächten; wer nun nach ähnlicher Literatur sucht, dem kann ich - Der große Gatsby - von F. Scott Fitzgerald und - Menschen im Hotel - von Vicky Baum wärmstens empfehlen.

Verlockung
von János Székely
(1)
Buch (Taschenbuch)
14,00

Dem Meister über die Schulter schauen

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.12.2016

Der heurige literarische Bücherherbst hat ein ganz besonderes Gustostückerl auf Lager: Haruki Murakamis wohl persönlichstes Werk. Vom Beruf Schriftsteller handelt, wie man es vom Titel eigentlich schon erahnen kann, übers Schreiben. Ja, er schreibt über das Schreiben und es ist beinahe so, als ob man dem Meister über die Schulter schaut. Und wenn es jemand erklären kann dann er, schließlich schreibt Murakami seit über 35 Jahren. Letztlich wird niemand sein Talent leugnen können und dass trotzdem er sich selbst für einen ganz normalen Menschen hält. Hier kommt, meiner Meinung nach, ein ganz typischer japanischer Wesenszug zum Vorschein. Er nimmt aber auch Stellung zu der Atomkatastrophe Fukushima, erklärt weshalb er nur wenig Wert auf Auszeichnungen und Literaturpreise legt und zeigt die Unterschiede zwischen westlicher und östlichen Buchveröffentlichungen auf. Interessant ist, dass dieser Roman in Japan nicht online erhältlich war, sondern nur in Buchläden. Trotzdem war die erste Auflage schwuppdiwupp, innerhalb weniger Tage vergriffen. Der geneigte Murakami-Fan weiß, dass der große Meisterromancier, eigentlich sehr zurückgezogen lebt und kaum Interviews gibt, daher ist - Vom Beruf Schriftsteller - ein Musthave, nicht nur für seiner Anhänger. Ein bisschen lässt er in sein Privatleben blicken, auch wenn man sich hier keine Autobiografie erwarten darf. In - Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede - hat er bereits in seinen Alltag blicken lassen. Das steht auf meinem SuB (=Stapel ungelesener Bücher) nun ganz weit oben.

Von Beruf Schriftsteller
von Haruki Murakami
(3)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,00

Von Frauen die sich selbst retten

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.12.2016

In diesem "Bilderbuch" für Erwachsene finden wir verschiedene Elemente eines Märchens. Zwerge, eine junge Frau in Nöten, ein Dornen und Ranken umwittertes Schloss, Mut und Tapferkeit. Aber eines finden wir nicht: Einen Prinzen der die Jungfrau in Nöten rettet. So macht sich dann eben eine Königin auf, um eine Prinzessin zu retten.

Neil Gaiman ist einer meiner liebsten Romanciers von fantasievollen Büchern und in seinen Romanen hat er es immer wieder bewiesen welche Talente ihn ihm stecken. Die Message zwischen den Zeilen: Selbst ist die Frau und wieso auf einen Mann warten, wenn man selbst ebenso stark und tapfer sein kann? Es ist aber auch die Kombination aus Text und Bildern, letzteres hauptsächlich in Schwarz-Weiß-Gold gehalten, die sich sehen lassen kann. Die Mischung machts und hier ist ein Duo am Werk, dass mir in der Gesamtheit sehr gut gefallen hat und auch immer wieder gut gefallen wird. Die Erfolgsgeschichte der beiden geht weiter: Heuer ist von den Künstlern eine illustrierte Ausgabe von "Neverwhere" (=zu Deutsch Niemalsland) erschienen. Mit diesem Roman debütierte Gaiman, die bereits zum zweiten Mal als Serie verfilmt worden, und das erste mal heuer in einer ungekürzten Fassung im Eichborn Verlag erschienen ist. Allerdings ohne den Illustrationen von Chris Riddell. Die Englische Ausgabe ist jetzt auf meiner Wunschliste gelandet. Ich für meinen Teil kann nur hoffen, dass sie sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen und noch viele Geschichten gemeinsam veröffentlichen.

Der Fluch der Spindel
von Neil Gaiman
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
16,95

Das geheime Innenleben von Bibliotheken

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.12.2016

In „Die unheimliche Bibliothek“ entführt uns der Maître de littérature und den namenlosen Hauptcharakter dieser Kurzgeschichte in eine Bibliothek. Eigentlich wollte er nur zwei Bücher zurückbringen, allerdings wird er dort gefangen gehalten und bekommt Besuch eines Schafmannes.

Bei solchen Schätzen der Literatur und den darin enthaltenen Zeichnungen muss man als bibliophiler Leser, dass Buch in gedruckter Form besitzen. Auch wenn man die elektronische Variante bereits besitzt. Kat Menschik hat in diesem Werk, genauso wie auch schon in - Schlaf - und in - Die Bäckereiüberfälle -, die Illustrationen gemacht und hat ein weiteres Mal ihre Kunstfertigkeit unter Beweis gestellt. An dieser Stelle möchte ich aber auch die beiden von ihr zuletzt illustrierten Werke von Kafka - Der Landarzt - und von Shakespeare - Romeo und Julia - aus dem Galiani Verlag erwähnen. Beide sind mit wunderschönen Zeichnungen versehen. Auch wenn ich meinen eReader aufgrund der vielen Vorzüge sehr schätze, Erzählungen wie - Die unheimliche Bibliothek - kommen in gedruckter Form einfach besser zur Geltung.

Haruki Murakami ist ein Meister seines Fachs und ich möchte meinen, wohl einer der wenigen seiner Art. Damit meine ich jene, die das Geschichtenerzählen perfektioniert haben und uns, vornehmlich seine leidenschaftlichen Anhänger, an seinem Genie teilhaben lassen. Es gibt aber auch sehr wenige Schriftsteller, deren Kurzgeschichten ich ebenso genieße. Charles Bukowski und Truman Capote fallen mir spontan ein, aber es war Haruki Murakami, der mich auf den Geschmack gebracht hat. Aber genug der Lobhudelei über den Schriftsteller und hin zum Buch: Wie schon oben erwähnt ist es der Kunstfertigkeit Kat Menschik zu verdanken, die der Erzählung die kafkaeske Tiefe der Erzählung verleiht und interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die japanische Ausgabe eher einem illustriertem Kinderbuch gleicht. Dabei ist der Inhalt der Kurzgeschichte doch eher sehr düster. Ständig geschehen rätselhafte Dinge und die Grenze zwischen Realität und Illusion verwischt der Schriftsteller gekonnt. Angst, Einsamkeit und das Gefühl von Ausgeliefertsein stehen dabei in Zentrum der Geschichte. Wer unheimliche Kurzgeschichten mag wird seine Freude damit haben, wer sich dem Schaffen von Haruki Murakami noch nicht genähert hat, dem empfehle ich seinen Roman - Afterdark-.

Die unheimliche Bibliothek
von Haruki Murakami
(18)
Buch (gebundene Ausgabe)
14,99

Ein Anwalt auf Abwegen

Eine Kundin / Ein Kunde , am 04.11.2016

Bobby Dollar ist ein Anwaltsengel. Er lebt auf der Erde, genauer gesagt in San Judas - Kalifornien und steht dadurch in der Hierarchie der Engel ganz weit unten. Dabei hat er einen wichtigen Job: Stirbt ein Mensch wird sofort nach dem Tod über seine Seele Gericht gehalten. In diesem Schnellverfahren werden sie, je nach dem wie das Verfahren ausgeht, dem Himmel oder eben der Hölle zugeordnet. Als Bobby zu der Verhandlung über die Seele von Edward Lynes Walker gerufen wird, ist nichts mehr wie es war. Walkers Seele ist nämlich verschwunden, obwohl das gar nicht sein kann. Der Engel fängt an zu recherchieren und kommt einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur.

"Bobby Dollar: Die dunkeln Gassen des Himmels" ist der Auftakt zu einer fulminanten Trilogie, die mir ungemein gut gefallen hat, wenn auch nicht von Anfang an, da der Hauptprotagonist, mit seiner derben und unflätigen Ausdrucksweise, eher unsympathisch aufgefallen ist und keineswegs einem klassischen Engel aus dem Himmel nachempfunden wurde. Deswegen ist auch sein Faible für Waffen nicht verwunderlich, wer sich einem pazifistischen Engel vorstellt, ist bei Bobby an der falschen Adresse. Dabei reiht sich dieser Charakter in eine Reihe von Privatermittlern ein, dessen literarisches Vorbild wohl Sam Spade ist (Dashiell Hammet - Der Malteser Falke) und sehr menschliche Züge hat. Selbst der Clinch zwischen Himmel und Hölle ist keineswegs klassisch oder religiös erzählt, sondern kann im weitesten Sinne, mit dem kalten Krieg zwischen den USA und der damaligen UDSSR vergleichen. Das Ganze ist sehr detailverliebt erzählt, und macht Laune mehr von diesem Autor zu lesen. Der nächste Band in dieser Trilogie ist - Happy Hour in der Hölle - und ist mindestens genauso schwarz-humorig wie dieser!

Die dunklen Gassen des Himmels
von Tad Williams
(43)
eBook
9,99

Ein Klavierspiel ohne Ende

Eine Kundin / Ein Kunde , am 04.11.2016

"Das war's." waren Marek Olsbergs letzte Worte auf der Bühne der Berliner Philharmonie. Der weltberühmte Pianist, der von seiner Assistentin aufs Fürsorglichste umsorgt und gehegt wird, bricht mitten in der Hammerklaviersonate das Konzert ab. Ohne vorher bewusst diesen Schritt zu gehen, der sich völlig unbewusst, sich in die Freiheit katapultiert hat, geht erst mal in die nächste Bar etwas trinken.

Der rote Faden in dieser Geschichte ist der plötzliche Weggang des Pianisten, und um dieses Geschehnis herum, lässt Sulzer einige Figuren zu Wort kommen und zeigt auf, wie schnell sich durch eine unvorhergesehene Begebenheit, viele Leben eine neue Wendung nehmen kann. Aus den Fugen beinhaltet ein Panoptikum der Charaktere, deren Lebensentwürfe nicht mehr gelten. Sulzer zeigt auf, wie schnell unser sorgsam geplantes Leben aus den Fugen geraten kann. Manche sind komisch, tragisch und romantisch und durch die schnörkellose Erzählweise macht es auch nichts, dass die eine oder andere Geschichte ein bisschen zu hollywoodlike, vielleicht sogar ein wenig aufgesetzt wirkt. Trotzdem oder vielleicht auch deswegen konnte ich mich dem Sog kaum erwehren und hab diesen Roman, der 2012 auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises stand, viel zu schnell gelesen gehabt. Und seinen schnörkellosen Stil hab ich bereits bei - Ein perfekter Kellner - bewundert. Wie allerdings die einzelnen Geschichten ausgehen, bleibt im dunklen. Der Leser muss sich durch das offene Ende selbst ausmalen, wie sie weitergehen. Meine Erwartungen wurden erfüllt und einer seiner nächsten Romane wartet bereits in meinem Bücherregal darauf, gelesen zu werden.

Aus den Fugen
von Alain Claude Sulzer
(16)
eBook
8,99

Eine Kindheit in den Südstaaten

Eine Kundin / Ein Kunde , am 04.11.2016

Nach dem Tod seiner Mutter kommt der erst 13 jährige Joel Knox bei einer Freundin der Verstorbenen unter. Allerdings kann er dort nicht beleiben und so soll er zu seinem, ihm bisher völlig unbekannten Vater, nach Alabama ziehen. Dort angekommen wird er allerdings von ihm ferngehalten. Seine eigenartige Stiefmutter Amy, lässt ihn nicht zu ihm..

Andere Stimmen, andere Räume ist der Debütroman von Truman Capote und sorgte bei seiner Veröffentlichung im Jahr 1948, bereits ungelesen für Furore. Schuld daran war das Portrait-Foto am Umschlag. Es zeigt den 15 jährigen in einer lasziven und zu einladenden, sexuell unterschwelligen Körpersprache. So der Vorwurf seiner Kritiker. Es war 1948 der am meisten diskutierte Roman und stand 9 Wochen auf der Bestsellerliste des New Yorkers. Heutzutage kann man es sich kaum vorstellen, dass ein Roman nur wegen eines Portrait-Fotos so eine Publicity zu teil wird.

Ich musste den Roman erst ein wenig sacken lassen, bevor ich diesen Roman bespreche und hab mir natürlich auch Gedanken darum gemacht. Er hat insgesamt sehr wenig Handlung, es ist ein Coming of Age Roman und lebt von den Beschreibungen und der Stimmung und der stilistischen Erzählung, die Truman Capote sein eigen nennt. Joel, der Hauptprotagonist, ist sich anfänglich noch ziemlich unsicher. Ihm gegenüber steht eine unbekannte ländliche Welt der Südstaaten, der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, eigenartige Menschen und sein Vater, der ihm ein Unbekannter bleibt. Hier würde ich behaupten, dass auch biografisches mit eingeflossen ist, denn für den Schriftsteller war auch der eigene Vater ein Unbekannter. Und Truman Capote hat seine Kindheit in den Südstaaten verbracht. Ab Mitte des Romans bleibt vieles nur Angedeutet. Vage verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Surrealität. Diese metaphernschwere Erzählung muss man schon mögen, ihm allerdings nun Langeweile vorzuwerfen, grenzt schon an einem Sakrileg. Nachdem ich - Wo die Welt anfängt - mit Begeisterung gelesen habe, war ich mir sicher, dass mir auch seine restlichen Werke gefallen. Dieser Roman ist auch Teil der neu editierten Werke Truman Capotes, im achtbändigen Schmuckschuber, den der Kein&Aber Verlag 2008 herausgebracht hat.

Andere Stimmen, andere Räume
von Truman Capote
(1)
eBook
11,99

Roadtrip der Gefühle

Eine Kundin / Ein Kunde , am 01.10.2016

Nancys Mutter litt in ihren fortgeschrittenen Alter an Alzheimer. Ihren Jugendfreund Bob hat sie das Versprechen abgewonnen, dass er ihr im Falle des Falles behilflich ist und sie eher umbringt, als auch daran zu leiden. Jahrzehntelang hat Gene von Nancy nichts mehr gehört, bis sie sich bei ihm wieder und nun das meldet und das Einlösen des Versprechens fordert.

Auch wenn ich hier eine kurz umrissene Inhaltsangabe gemacht habe und sie natürlich auch stimmt, kann sie doch nicht alles umfassen und ich finde es bei – Letzter Bus nach Coffeeville – der unter anderem für den International Dublin Literary Award 2016 nominiert wurde, etwas schwierig davon zu erzählen und nicht zu sehr zu spoilern. Deswegen erzähle ich an dieser Stelle lieber ein bisschen zu wenig, als zu viel. Selber wurde mir der Roman empfohlen und mit - Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand - verglichen. Letzeres hab ich noch nicht gelesen und daher kann ich auch diesen Vergleich nicht ziehen. Gefallen hat mir diese Geschichte aber dennoch.

Persönlich bevorzuge ich es, wenn der Einstieg in eine Geschichte nicht zu abrupt ist und man Seite für Seite an die Erzählung herangeführt wird. Bei diesem Roman hat man beinahe die Hälfte durch, bevor die eigentliche Geschichte anfängt. Ja, dass hat mir durchaus gefallen und bekommt dadurch einen ganz eigenen Stil. Die einzelnen Charaktere profitieren natürlich durch die detaillierte Erzählung und bekommen eine besondere Tiefe und Einzigartigkeit, die diesen Haufen merkwürdiger Typen ausmacht, und die der geneigte Leser diesen Romans noch Kennenlernen wird. Es ist ein Roadtrip quer durch Amerika, es ist auch ein Trip durch Themen wie Krieg, Religion, Rassismus, Liebe und Freundschaft. Dabei bleibt der Autor wunderbar leicht in der Erzählung, selbst wenn es um ernste Themen geht und bewahrt sich dabei auch immer einen feinen Humor. Der letzte Bus nach Coffeeville ist der erste Roman des Schriftstellers, der auf Deutsch erschienen ist. Ich bin auf alle Fälle gespannt was er noch in petto hat. Das seine weiteren Werke den Weg in mein Bücherregal finden, versteht sich von selbst.

Letzter Bus nach Coffeeville
von J. Paul Henderson
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

 
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