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Michael Lehmann-Pape Top 100 Rezensent
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19

Michael Lehmann-Papes Rezensionen

123
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50

16.09.2014

„Leicht verständliche Hilfestellungen”


Seit Längerem bereits bietet Regina Swoboda „Flirt-Kurse“ im Rahmen ihres „Open4Life“ Seminars an und natürlich spürt man ihrer flüssigen, angenehmen Form der Darstellung diese praktische Erfahrung und Kompetenz durchgehend an.

In der Sache (nach einigen tausend Jahren des „sich Näherns“ an das weibliche Geschlecht) hat natürlich auch Swoboda nun nicht „den Durchbruch“ oder „das absolut neue, durchschlagende „Flirt-System“ erfunden. Vielfache Elemente aus der Kommunikationsforschung, aus Empathie („Die weibliche Denke“) und „Eisbrechern“, aus „Ich-Botschaften“ („Eigenes Spiel – Ehrlichkeit) und Körpersprache bindet sie in ihre Darstellung ein.

Dennoch aber gelingt es Swoboda, viele der (ja durchaus erprobten) Erfolgsfaktoren schlüssig in ein „großes Ganzes“ einzubetten und damit dem (in diesem Buch männlichem Leser) Schritt für Schritt, sehr praxisnah und damit zur Umsetzung einladend, die zentralen Momente der „Annäherung“ an die Hand zu geben.

Wobei es einer auch im Buch immer wiederkehrenden Fähigkeit bedarf, die nicht schwer zu erlernen, aber eben oft ungeübt vorliegt: Aus dem „eigenen Ego“ heraustreten zu können und echtes Interesse am anderen zu entfalten. Und dies auch kommunizieren zu können.

Hilfen für diese empathische Gesprächsführung, des sich „von sich aus Einlassens“ bietet Swoboda zu Hauf im Buch und bleibt in dieser Hinsicht jederzeit am einfachen Machbaren, eine große Stärke der Autorin, auch wenn es hier und da ein wenig zu allgemein und vage formuliert ist (erster Körperkontakt und „Nachgeben“ wird z.B. nicht weiter erläutert).

Wie Swoboda auch Grundlagen setzt, das „gute Gefühl an einem Mann“ als zentrales Element nicht müde wird, zu betonen. Eine Ebene, die weder im Fitnessstudio noch in Kursen a la „positives Denken“ wirklich erlernt werden kann.

Das man sich letztendlich mit ein paar Regeln und Hilfsmitteln eigentlich nur auf sich selbst zu besinnen braucht, das tatsächliche Interesse am anderen „nur“ freizusetzen braucht, das wirkt im Verlauf der gesamten Lektüre entspannend und motivierend. Es geht eher darum, eigene „Masken“ abzulegen und Interesse gezielt zu leben ( mit vielfachen Tipps im Buch über „den ersten Satz“ hinaus), als darum, sich eine „Rolle“ wie in einem „Drehbuch“ mühsam antrainieren zu müssen.

Und auch die Folgen hält Swoboda im Blick. Das Vermeiden der „Kumpelfalle“ und die Fähigkeit, „das Feuer am Lodern zu halten“.

Alles in allem kein Selbstläufer, sondern auch mit einiger Selbstreflexion verbunden, bietet Regina Sowoboda hier ein Kompendium ihrer langjährigen Erfahrungen, „was es tut“ und „was es nicht tut“, das für den Leser leicht zu verstehen ist und zum „Training“ motiviert. Wenn auch einiges doch selbst erschlossen werden muss und etwas vage und kurz im Buch gehalten ist.

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40

10.09.2014

„Dramatische Familiengeschichte”


„Lauf so schnell wie du kannst und dreh Dich nicht um…..“

Das ist ein guter Rat für Audrey Kepler, nachdem sich einiges im neuen Haus entwickelt und entfaltet hat und nachdem sie in diesem Haus im ländlichen Queensland mehr und mehr von dem aufgedeckt hat, was die Vorbesitzer in drei Generationen an dramatischen Wendungen erlebt und initiiert haben.

Es braucht nicht lange nach dem Einzug in das geerbte Haus, als ihr die ersten Ungereimtheiten auffallen. Nicht nur, das der Vorbesitzer kurz nach dem Krieg eine junge Frau umgebracht haben soll, auch andere, dunkle Geheimnisse warten in so manchen Ecken und hinter manchen Türen des Hauses.

Ein Geflecht von Hass, Lüge, Liebe, Tod und Gewalt ist es, das mehr und mehr zum Vorschein kommt, das zu Zeiten die drei vorhergehenden Generationen im Haus in oft unguter Weise miteinander und untereinander verbunden hat.

So intensiv geht Audrey ihren Recherchen nach, dass im Lauf der Zeit Erinnerung, Traum und Realität vor ihren Augen verschwimmen und sie selbst in Gefahr geraten wird, eine durchaus reale Gefahr.

So entfaltet Anna Romer mehr und mehr eine auch den Lesser fesselnde Geschichte im Nachgang der Klärung, was genau geschehen ist und wer mit wem oder gegen wen über die Jahrzehnte im Haus agiert hat.

Eine Entwicklung im Roman, die das Weiterlesen trotz des eher einfachen Stils lohnt. Auch wenn der Beginn der Geschichte eher stereotyp auf ein bekanntes und „klassisches“ Setting zu deuten scheint und luftig leicht daherkommt. Ein Eindruck von Oberflächlichkeit, den das Buch nach einiger Zeit durchaus eines Besseren belehrt.

Im Stil sehr flüssig und griffig zieht Romer den Leser mehr und mehr bis zum Ende hin hinein in dieses vielschichte Geschichte mit den ebenso vielschichten Protagonisten.

buch

Der Code

Fredrik T. Olsson

EUR 16,99 *
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50

09.09.2014

„Hervorragend getimt”


In seinem Debüt lässt Olsson erkennen, das er in der Lage ist, seiner Geschichte eine hervorragende, genau auf die Spannungskurven und überraschenden Momente des Buches hin abgestimmte, Geschwindigkeit zu geben.

Seien es die Hintergründe über seine Protagonisten, die er je zum passenden Moment in genau der richtigen Breite einfließen lässt, sei es die vagen Vermutungen, die zunächst im Raum stehen, bevor sich die Dinge ein wenig mehr entfalten und klarer wird, worum es genau geht, seien die klug gesetzten Eröffnungen und Erkenntnisse für den Leser bis hin zu den ebenfalls den Ereignissen angemessen gewählten Örtlichkeiten (das riesige Schloss in der Schweiz) und seien es die, ebenfalls genau zum richtigen Zeitpunkt spannend eingesetzten, punktuellen Katastrophen, die Olsson beschreibt.

Dies alles bietet einen flüssigen, in sich stimmigen, unterhaltsamen und spannenden „Wissenschaftsthriller“ mit dem entscheidenden mythischen Element, das den Leser schon deshalb bei der Stange hält, um die Erklärung, die Olsson dem allem am Ende geben wird, nicht zu verpassen. Auch wenn diese Erklärung dann nicht unbedingt völlig realistisch wirkt und die ein oder andere offene Frage nach dem abrupten Ende des „Codes“ nicht ganz beantwortet wird, so konzipiert Olsson auch das Finale mit genügend Spannung, um bis zur letzten Seite eine anregende Lektüre zu liefern.

Eine Geschichte, die mit zwei Entführungen beginnt, Unerklärliche Entführungen, denn wozu William Sandberg lange nach seiner aktiven Zeit als Kryptologe für irgendjemanden aktuell von Interesse sein sollte, versteht vor allem seine Frau nicht wirklich.

Die als kompetente Journalistin allerdings, trotz ihrer Trennung von William, in keiner Weise dazu bereit ist, ihren Mann einfach abzuschreiben.

Von jetzt auf gleich verschwunden, alles an Besitz eingepackt und mitgenommen und das nach einem gerade überstandenen Selbstmordversuch? Das lässt Christina Sandberg keine Ruhe und mit einem jungen Mitarbeiter setzt sie sich unnachgiebig auf die Fährt der Entführer.

Ohne zu ahnen, dass hier nicht „das Böse“ am Werk ist, sondern das eine Gruppe von Menschen bereits seit geraumer Zeit händeringend versuchen, wissenschaftlich eine apokalyptisch wirkende Botschaft in der menschlichen DANN zu entschlüsseln und die Drohung, die sie hinter diesen DANN Sequenzen vermuten, zu entschärfen.

Auf allen Seiten beginnt somit ein Wettlauf mit der Zeit, der alle Beteiligten beständig in Gefahr schweben lässt, der seine Opfer fordern wird und der die Eindämmung der Bedrohung „im Menschen“ kaum mehr möglich sein lässt.

Ein interessanter, intelligenter Thriller, der moderne Wissenschaft mit mittelalterlichen Seuchen und etwas, das wie ein moderner Fluch anmutet verbindet.

Bestens unterhaltender Lesestoff.

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40

04.09.2014

„Wunderbar erzählt”


Es hat schon seine Vorteile, wenn man Immobilienmakler ist und zudem von Kind auf die Neigung besitzt, aus einem sicheren Versteck heraus „die anderen“ näher unter die Lupe zu nehmen.

Sei es die eigene Schwester, seien es Mitschüler, sei es so ziemlich jeder, zu dessen Haus oder Wohnung man, auf keinen Fall zufällig, einen Schlüssel besitzt. Da hat Mr. Heming schon für gesorgt im Zuge seiner Jahre als Makler, für jedes gemakelte Objekt einen Schlüssel aufzubewahren. Was im Übrigen schon bei der Berufswahl eine gewichtige Rolle gespielt hatte.

Es hat seine Vorteile, wenn ein unfreundlicher Mann seinen Hund sein Geschäft mitten auf dem Weg zur eigenen Wohnung machen lässt und sich dann einfach schulterzuckend entfernt.

Man kann dann, wie es Mr. Heming umgehend in die Tat umsetzt, den Haufen sorgfältig aufnehmen, das Haus des unfreundlichen Mannes betreten und den Haufen schön platziert auf dem Flokati im Wohnzimmer hinterlassen.

Man kann aber natürlich auch noch viel breiter, mehr und umfassender in die Privatsphäre anderer eindringen. Als „stiller Beobachter“, als einer, der im Hintergrund (und natürlich, ohne dass man das weiß), das Leben mit einem teilt.

Natürlich liegen die Wurzeln für diese „intime Bedürfnis“ tief in der Kindheit und Jugend Mr. Hemings verborgen und werden in diesem flüssigen, unaufgeregten, mit großem Sprachschatz ausgestattetem Stil Hogans langsam und Schritt für Schritt vor den Augen des Lesers ausgebreitet. Was beim Lesen nicht nur ein tiefes Verständnis für das „Sein“ M. Hemings hervorruft samt breiter Sympathien für diesen Mann (trotz seines übergriffigen „Lebensstils“), sondern auch sprachlich und literarisch für ein großes Vergnügen sorgt.

Für die nötige Lebendigkeit der Geschichte mitsamt einer gewissen Spannung und, vor allem, viel trockenem Humor (trotz der zu verurteilenden Tat) sorgt in der Gegenwart des Maklers späterhin noch eine Leiche, die „sich so ergibt“ und die er nicht so einfach wieder los werden wird.

Phil Hogan legt eine sehr interessante Gestalt kreativ dieser Geschichte zu Grunde und versteht es, viele Fäden in den beiden Zeitebenen des Romans zunächst verwirrend erscheinen zu lassen, aber dennoch späterhin zu einem großen Ganzen zusammenzuführen.

Das eine hohe Sympathie für einen durchweg unsympathisch handelnden Mann entsteht, vollzieht sich in einem ganz natürlich anmutenden Prozess, dem der Leser sich kaum entziehen kann.

Trotz einiger Unklarheiten und trotz der ständigen Frage, ob das alles wirklich so unentdeckt bleiben kann, wie Mr. Heming es gelingt, eine lesenswerte, unterhaltsame und sprachlich hervorragend gestaltete Lektüre.

buch

Todeszimmer

Jeffery Deaver

EUR 19,99 *
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50

29.08.2014

„Im Dunkeln tappen”


Lange Zeit zunächst werden Lincoln Rhyme und seine kongeniale Partnerin, die Polizistin Amelia Sachs (die inzwischen ja auch im Leben seine Partnern geworden ist) bei diesem Fall im Dunkeln tappen. Zunächst tappen müssen.

Denn der Tatort liegt außerhalb ihrer Reichweite auf den Bahamas. Und Indizien sind schwer zu erhalten, denn die Polizei dort hat es verdächtig eilig, den Fall bereits als abgeschlossen zu betrachten und auf keinen Fall Dinge um den Mord herum zur Verfügung zu stellen. Weder einfachen Sand noch scharfe Glasscherben noch die tödliche Kugel noch Bilder vom Tatort.

Mühsam, Schritt für Schritt, mühen sich die Ermittler daher, ein wenig Licht ins Dunkle des Geschehens zu bekommen. Einerseits durch eine (wie in allem bei Deaver in der Recherche realistisch und ausführlich dargestellt) Internetjagd auf Orte, von denen Emails abgesandt wurden bis hin zu Handys, welche der Täter vielleicht immer noch benutzt.
Andererseits wird sich letztendlich der schwer behinderte Lincoln Rhyme selbst der Erschwernis aussetzen, vor Ort seine hervorragenden Beobachtungsfähigkeiten zur Geltung zu bringen. Wobei das nicht ohne Widerstand der dortigen Staatsgewalt und so manch anderer ausgehen wird, die ein hohes Interesse daran haben, die wahren Hintergründe des Morde an einem sehr amerikakritischen Geschäftsmann zu verschleiern.

Zieht sich dies alles im ersten Teil des Buches doch um einiges hin und beginnt für den Leser, das hier und da eingeblendete „White Plain“ des Ermittlers (zu oft und zu unübersichtlich, letztlich) leicht zu nerven, zieht das Tempo des Buches nach der ausführlichen Vorbereitung der Fakten und der beteiligten Personen doch (ebenfalls wie bei Deaver gewohnt), zügig an.

Vor allem der Part des Gegners ist in diesem Lincoln-Rhyme Thriller ganz hervorragend besetzt. Auch wenn eine deutliche gestalterische Nähe zu „Hannibal Lecter“ ganz offenkundig im Raum steht (mit klaren Unterschieden allerdings, zumindest was das angeht, was bei „Täter 516“ im Buch auf den Teller kommt), gelingt Deaver hier eine tatsächlich furchteinflößende Figur, deren Nutzung des ultrascharfen Küchenmessers durchaus für Schaudern auf breiter Ebene sorgt.

Wie Deaver zudem mit Gefahrensituationen spielt (als der letzte Mietwagenfahrer des Ermordeten aufgesucht werden soll), wie er hinter einer vermeintlichen Lösung wieder neue Fäden und überraschende Wendungen eröffnet, das lässt auch diesen Thriller im Ganzen zu einem hervorragend unterhaltsamen, filmreifen Leseerlebnis werden.

Auch wenn es zu Rhyme und Sachs wenig Neues zu erzählen gibt, diese Figuren in ihrer inneren Befindlichkeit inzwischen sattsam bekannt sind, durch das Einführen neuer „Mitspieler“ erhält dieser Fall auch von dieser Seite einen neuen Schwung und setzt die unterschwellige Abneigung zwischen Sachs und der beteiligten Staatsanwältin gut in Szene.

Wie nun tatsächlich heute „sauber“ gemordet wird, wie Regierungsorganisationen dabei durchaus das Maß verlieren, wie andererseits in einer digitalen Welt ein mehr oder minder „analoger“ Täter seine Kreise zieht und sich der wahre Schuldige erst ganz am Ende überraschend präsentieren wird (und selbst das Opfer mehr und mehr in seiner Rolle fragwürdig wird), das lohnt durchaus die Lektüre dieses neuen Lincoln-Rhyme Falles.

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40

29.08.2014

„Hass”


Es muss ein tiefer Hass sein, der den oder die Täter zu ihren brachialen Morden und dieser ganz besonderen Art der öffentlichen Darstellung treibt.

10 Videos erscheinen auf gecrackten Konten bei Youtoube. 10 mal schwarzes Rauschen, das zunächst nicht weiter Beachtung findet.

Dann aber erscheinen kurze Videos brutalen Morden.

Menschen werden zu Tote getreten, mit ungeheurer Wucht. Vor den Augen der Öffentlichkeit. Drei Leichen werden auf einmal gefunden, doch dem „Studio“ und allen voran den beiden Freundinnen Mari und Kia schwant, dass die noch „schwarzen Videos“ bald mit ähnlichen Szenen gefüllt werden könnten.

Mit all ihren technischen Möglichkeiten schließen die beiden daher ihren aktuellen Fall, die Rehabilitation eines Radiomoderatoren, aber und machen sich auf die Suche. Nach möglichen Tatorten. Nach Hintergründen in den einschlägigen Bars der Stadt, in denen Männer verkehren, um einander kennen zu lernen.

Doch dieser Einsatz wird schnell dramatische Folgen nach sich ziehen und alle Beteiligten in massive Gefahr stürzen. Wobei die beiden jungen Frauen dem möglichen Täter lang keinen Schritt näher kommen, selbst aber in den Fokus geraten.

Mit viel Hintergrundgeschichten vor allem zur Vergangenheit und Geschichte Mari´s führt Hiltunen in diesem zweiten Fall um die beiden Freundinnen und ihren idealistischen Einsatz für die Gesellschaft im „Studio“ ansprechend fort.

Allerdings bietet der Stil Hiltunens eine gewisse emotionale Distanz, die im Lauf des Buches nie wirklich überwunden wird. Sehr beschreibend, aufeinander aufbauend vermag der Leser daher nicht durchgehend den Figuren auch innerlich nahe zu rücken, wie auch so manche gefährliche und tödliche Situation zwar differenziert beschrieben aber letztlich nicht mit knisternder Spannung versehen wird. So verbleibt der Leser eher wie ein Zuschauer am Geschehen als dass er emotional mit hineingezogen wird.

Das Thema selbst wiederum ist wichtig und überzeugend dargestellt. Die Homophobie in weiten Teilen der Gesellschaft, die Zurückhaltung auch auf Seiten der Polizei bei Verbrechen dieser Art öffnet die Augen für ein Thema, dass nicht an den Rand der Gesellschaft gehört, sondern sich mitten in dieser befindet.

Wie ebenfalls überzeugend und Augen öffnend der erste Fall im Buch, die Zerstörung der Reputation eines angesehenen Radiomoderators vor Augen führt, wie anfällig das allgemeine Empfinden für einfach zunächst nur Anwürfe sich zeigt.

Alles in allem ein gut zu lesender Thriller mit überzeugender Geschichte, dem es allerdings an emotionaler Dichte mangelt und der daher nicht uneingeschränkt in seinen Bann zu ziehen vermag.

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40

29.08.2014

„Der „drollige Wahnsinn“ der Verliebtheit”


„Nun fanden wir uns als Liebespaar im Veteranenstatus wieder“.

Was wahrscheinlich nur wieder eine Erscheinungsform der Beziehung zwischen Max und Katja darstellt. Falls Max sich das nicht nur ein wenig „denkt“.

Philosophiestudenten eben. Alles ergründend, über Gott und die Welt am diskutieren, am sinnieren und dabei vor allem das einfach Naheliegende, praktische, das „reale Leben“ ausblenden. Was beide natürlich nicht wirklich merken.

Das Drängende abwehren, zerdenken, zerreden, immer unter der Gefahr, dass die wichtigen Dinge im Leben und untereinander einfach durch diese Haltung versiegen werden wie eine austrocknende Quelle.

Dennoch, auch für das Denken braucht es Geld und so schließen sich die beiden einer Band mittelalterlicher Musik an, „Kobold“ bietet „Rock´n Roll in Gewandung“ an. Daneben aber auch ein Ort echten Erlebens und klarer „Realität“, die langsam auch zu den beiden abgehobenen jungen Menschen durchdringen wird.

Vor allem Max gelingt es nicht mehr länger, seine Augen vor sich selbst verschlossen zu halten.

Durch Zerwürfnisse, Streit, Spaß, das „ganz normale Leben“ eben, rückt sein Übergesicht, seine pubertäre Unentschlossenheit, seine heimliche und daher auch leicht verlogene Schwärmerei für Katja sichtbar vor seine Augen.

Wir er dafür bereit sein, seine bequeme Distanz, sein „philosophieren“ auch als Schutz zu lockern?

„So mutiert die romantische Liebe zur Monsterqualle“, aber immerhin wird sie spürbar.

Eine Geschichte über Freundschaft und Liebe, über die Entscheidung, erwachsen zu werden, über die Gefahr, alles nur zu bereden und zu zerreden, aber auch über die Wichtigkeit, sich selbst kennen zu lernen, die Gratwanderung zwischen Erfahrung und Reflexion, Leben und Theorie auszutarieren.

„Schließlich saß ich Samstagnachmittag wie ein dicker Hofnarr mit gebrochenen Gliedmaßen auf einer Wiese am Rande des Geschehens und fühlte mich scheiße“.

So liest sich diese „moderne Liebesgeschichte“ wie ein Abbild vieler „Verdrehungen der Liebe“, bietet aber, gerade durch die klugen Einwürfe Katjas im Buch, ebenso viel an Nachdenkenswertem für den Leser, gibt Anstöße, sich selbst ein stückweit in den Blick zu nehmen im Spiegel der Geschichte dieser beiden.

Trotz mancher Längen und auch unrealistisch anmutender „Verwicklungen“ (manchmal möchte man Max schon schütteln, jetzt aber einfach mal „praktisch“ zu werden), eine flüssig und unterhaltsam geschriebene, kluge Lektüre über die Liebe und das „wahre Leben“.

buch

Level

Hugh Howey

EUR 19,99 *
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50

25.08.2014

„Ruft in bester Weise nach Fortsetzung”


Wer „Silo“ gelesen hat, der wird mit Spannung dieses Buch erwartet haben.

Wie entstanden die Silos?
Was ist passiert, das die Welt zu einem unbewohnbaren Ort wurde?
Wer ist der Mann am Funkgerät von Silo 1, der am Ende von „Silo“ mit Jules kommuniziert?
Wie viele Silos gibt es eigentlich?
Warum sind manche zerstört?
Was ist das besondere am „Schichtsystem“ in Silo 1?
Wer hatte die Idee und was bedeutet eigentlich „Saat“?
Und, wer ist eigentlich „Solo“ einmal gewesen?

Viele Frage und so manche Perspektiven, denen Howey temporeich und in fast noch dichterer Atmosphäre als in „Silo“ in diesem „Prequel“ nachgeht. Von 2049 ist zu erzählen, von Nanotechnologie und dem Plan weniger „starker Männer“ mit den notwendigen Mitteln.

Durch die Zeiten danach, teilweise in 100-Jahresabschnitten, lässt Howey den Leser eintauche in seine Protagonisten, in Pläne, Verträge, Heimlichkeiten, in Tricks und Gegentricks, in menschliche Dramen und einen wahnwitzigen Plan, der für viele der noch bestehenden Silos dramatische Folgen hätte.

Allein schon, wie Howey den „Werdegang“ von „James“ zu „Solo“ beschreibt, die allmähliche Vereinsamung, den Kampf hinter der Stahltür, das Reiten auf der Grenze zwischen Wahnsinn und überleben zeigt die Fähigkeit zu emotionalen Dichte, die Howey´s Stil auszeichnet.

Dass alles in sich geschlossen wirkt, die einzelnen Fäden im Buch selbst zunächst zueinander führen und sich dann mit den Ereignissen und einigen Personen aus „Silo“ verknüpfen steht als umfassend gelungen am Ende der Lektüre von „Level“.

Von Kleinigkeiten wie „Pflanzenlampen“ bis zu Erdmassen bewegendem Großgerät, von Drohnen mit eingebauten Einschränkungen bis hin zu kleinen Nanoteilchen, alle Elemente von „Level“ wirken überzeugend durchdacht und realistisch dargestellt.

Mitsamt der ständigen Spannung, einer beständigen Gefahrensituation zum einen untereinander und zum anderen von ganz anderer Seite, von „Außen“ (wovon das ein oder andere rot gefleckte Taschentuch noch künden wird).

Alles in allem ein ebenso starkes Szenario wie in „Silo“, überzeugende Protagonisten, eine hervorragende Verzahnung von Erzählfäden durch die Zeiten und Orte hindurch, den den Leser durchweg anregt und im Erzählfluss hält.

So kann man sich nur auf den (hoffentlich) nächsten Band freuen. Nicht nur, weil „Level“ an gleicher Stelle endet, wie „Silo“, sondern ebenso aufgrund der durchweg spannenden und anregenden Unterhaltung, die Howey vor die Augen führt.

buch

Der Mond flieht

Rax Rinnekangas

EUR 16,99 *
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50

25.08.2014

„Lebensfreude, Liebe, Drama und Trauer ”


13 Jahre alt ist Lauri, als sich sein Leben verändert. Innerlich. Von jetzt auf gleich fast, in einem sehr komprimierten Ablauf.

Latvala, das Dorf in Finnland, in dem Lauri seinen Sommer verbringt. Bei seinem Onkel. In einer Familienkonstellation, die lange vor seiner Zeit einen tiefen Bruch erfahren hat.

Lauris Großvater hat, einfach so, nach dem Tod seiner Frau, seine Kinder verlassen. Diese ausgesetzt, „dem Dorf anvertraut“ und sich der Fremdenlegion angeschlossen. Nun ist er seit Jahren wieder da. Im Dorf. Hat sein Recht auf das Haus genommen, eine Firma aufgebaut, lebt ganz für sich inmitten einer tief frommen Gemeinschaft, deren Tagewerk aus Arbeit und Gebet und Radiogottesdiensten besteht. Alles ist festgefügt, alles ist klar, alle Beziehungen stehen fest.

Nicht aber bei den Kindern. Sonja, die Mutige, die Anführerin, die Abenteuerlustige.
Leo, Sonjas Bruder, der sich mitreißen lässt in die Magie der Erlebnisse, das Klettern auf den Bäumen, der die Nähe genießt.
Und eben Lauri, Cousin der beiden und Teil des Triumvirats.

Eine innige Nähe, die körperlich werden wird. Erste, tastende Gefühle, die schnell überborden können, in die ein oder andere Richtung. Ein Erleben, welches Rinnekangas mit schlichten Worten in intensiver Atmosphäre fassbar und fühlbar zu vermitteln versteht. Emotionen, die den Leser umgehend erinnern an seine eigenen, ersten Schritte ins erwachsene Leben, in die Pubertät.

Gefühle, die ebenso verantwortlich sind für ein Drama, für einen unglaublichen Fluss der Trauer im zweiten Teil des Buches, der ebenso ertragen, verarbeitet werden muss.

„Alles geschah wir im Traum. Leo sah mich bestürzt an, ich fing an zu schreien“.

Nähe, Geheimnis, Drama, Distanz, Versuch der Nähe und ein fliegender Stein, eine ganze Welt des emotionalen Erlebens breitet Rinnekangas vor den Augen des Lesers aus und stellt diesem in einer einzigen und doch tief nachhaltigen Sequenz die Abgeklärtheit des Lebens gegenüber. Als der Großvater ein einziges Mal mit Lauri sprechen wird.

„Er lachte über seine Erinnerungen, die ihm nicht mehr weh taten“.

Lernen, Entscheidungen zu treffen. Für sich. Eine Haltung und einen Weg zu finden durch alle auch harten Momente des Lebens hindurch, das steigt in den Vordergrund des Romans.

„Denn der Tod liebkoste und trug sie. Zwischendurch kam der Tod auch zu mir und streichelte mich, dann kehrte er wieder zurück, um die anderen in der Schwebe zu halten“.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

buch

Was tot ist

Belinda Bauer

EUR 14,99 *
auf Merkliste

50

25.08.2014

„Die Suche nach der Einbahntür”


Von Beginn an gelingt es Belinda Bauer, den Leser in ihre Geschichte, zu ihren Personen hin, in diese Personen ein stückweit zumindest mit hinein zu ziehen.

Eine Geschichte, die sie in der ersten Hälfte des Buches aus zwei Perspektiven heraus erzählt, von denen erst langsam deutlich wird, wie eng diese zusammenhängen.

Sam Galen hat einen schweren Autounfall.

Tracy ist Krankenschwester auf eine Station für Komapatienten, nimmt ihre Aufgabe aber kaum wirklich an, sondern ist mehr damit beschäftigt, einen männlichen Angehörigen von ihren Reizen zu überzeugen.

Patrick leidet unter dem Asperger-Syndrom . Wobei, für ihn ist er selbst eigentlich ganz normal, nur die Welt ist so ungeordnet und komisch. So trifft der Begriff „leiden unter“ viel eher auf seine Mutter zu. Vor allem, weil Patricks Vater tot ist. Autounfall. Vor den Augen des Jungen.

Dieses Geschehen lässt Patrick keine Ruhe. Wohin gehen die Toten? Was ist das für eine „Einbahnstraßen-Tür“, die den Lebenden verschlossen bleibt? Wo ist diese zu finden?
Logisch, dass sich Patrick, hochbegabt in mancherlei Hinsicht, der Anatomie zuwendet.

„Es interessierte ihn nicht, wie Menschen funktionieren. Ihn interessierte nur, was passierte, wenn sie aufhören zu funktionieren“.

Dort, auf dem Tisch, liegt eine Leiche zu Studienzwecken bereit, deren Todesursache sich einfach nicht zeigen will, so sehr die Nachwuchsmediziner auch Schicht für Schicht abtragen.

Bis Patrick eine Eingebung hat. Die mit Sam Galen zu tun haben wird. Der im zweiten Erzählstrang zu Beginn langsam wieder zu sich kommt. Auf dieser Koma Station.

Wie nun Belinda Bauer den Leser mit hineinnimmt, einerseits in diese Sichtweise der Welt aus dem Inneren des Asperger heraus und andererseits intensiv die Empfindungen, die Ohnmacht, das Erleben des Koma-Patienten vor Augen führt, das liest sich ganz hervorragend sehr treffend bis hin zur atmosphärisch dichten Beklemmung, die sich in Sam Galen mehr und mehr steigern wird.

„Sie zu töten ist keine Sünde. Sie am Leben zu halten ist Sünde“.

Ein Satz, der späterhin vieles erklären wird und ein Geschehen, dessen Ahnung den Leser von Beginn an begleitet und für starke Spannung sorgt. Perspektiven, die Bauer Schritt für Schritt miteinander verwebt und so am Ende ein stimmiges Gesamtbild vorlegt.

„Er hatte es satt, verwirrt zu sein. Wegen allem“. Und wird Klarheit finden. Auch was das Geschehen um den Unfall seines Vaters angeht.

Spannend, emotional intensiv, in sich stimmig und logisch aufgebaut, ein hervorragender Thriller.

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