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Sehr persönlicher Bericht

Michael Lehmann-Pape , am 27.05.2016


In Form eines journalistischen Berichtes, im Ton weitgehend sachlich, beobachtend, an manchen Stellen allerdings auch deutlich emotional (da, wo die Distanz des Journalisten der persönlichen Betroffenheit des Sohnes weicht), so gibt Andreas Wenderoth Einblick in die Demenz-Erkrankung seines Vaters. Und gibt damit ebenso Einblick in das Vater-Sohn Verhältnis, über das, was es bedeutet, wenn die Lebensverhältnisse sich umkehren, aus Eltern Kinder werden und Söhnen plötzliche auch eine Verantwortung zufällt eben für jenes betroffene Elternteil, die auch erst einmal angenommen, geschultert und verarbeitet werden muss.

„Entschuldige mich bitte für meine Inhaltlosigkeit, aber ich bin nur noch ein halber Held“.

Einer, dessen Beruf es war, geistig rege und sprachlich gewandt zu arbeiten. Einer, der nun immer mehr vergisst, Ängste erlebt, die Ehefrau als Feindin, die ihm ans Leder will, zu manchen Zeiten betrachtet (und behandelt). Und doch einer, der mit dem Rest einer inneren Ahnung und Haltung noch versucht, der „alten Rolle“ gerecht zu werden. Ganz besonders schön formulieren, sprachliche Volten mit einbauen, ohne zu merken, wie inhaltsleer, floskelhaft all das wird.

Vorgänge, Situationen, kleine Gesprächsausschnitte mit dem 87jährigen Vater immer wieder mit eingestreut, ebenso, wie nüchtern und sachlich die Krankheit und die jeweiligen Diagnosen der Ärzte mit beschreibend, die den Leser von Beginn an mit in diesen „langen Abschied“ einbeziehen.

Den Abschied vom Vater, vor allem aber den „Abschied von sich selbst“, dieses auch quälende Wissen und Erleben, dass man sich selbst fremd wird, seinen Platz, seinen „Wert“ in den eigenen Augen in dieser Welt dahingleiten sieht.

„bin ein bisschen wirrwarig….dann muss ich was warmes essen oder irgendwas, Ich weiß zum Beispiel heute nicht, wie ich zum Arzt gekommen bin, das Auto steht doch dort unten“ (der Arzt war ins Haus gekommen).

Vom Versorgen mit Insulin bis zur (fast unmöglichen) Pflege der Fingernägel, von Verzweiflung und aggressiven Episoden, von einer überforderten Ehefrau (und Mutter) hin zu dem ein oder anderen sehr klaren Moment, der unmittelbar berührt,

„Wir freuen uns über dieses Zwischenhoch“. Aber es wird selten, sehr selten.

Ungeschminkt, klar, berührend, aber über weite Strecken auch mit einer guten, beobachtenden Distanz bietet dieser Lebensbericht einen tiefen Einblick in das, was Demenz für alle Beteiligten vor allem praktisch bedeutet und ist somit eine interessante Lektüre für jeden, der alternden Eltern erlebt oder erleben wird.

Ein halber Held
von Andreas Wenderoth
(1)
Buch
19,99

Kongenial vertont

Michael Lehmann-Pape , am 27.05.2016

Diese Rezension bezieht sich auf das Hörbuch, dem natürlich der Fantasy Roman zu Grunde liegt.

„Einst in der kalten Zeit, rote Felder, rot wie Glut. Gefallen waren Tausende, jedoch niemand fiel der Mut. Stahl auf Stahl“.

Das, was anderen Vertonungen von Romanen in der Regel nicht gegeben ist, findet sich in besonderer Weise auf dieser mp3 Vertonung von „Feuerstimmen“. Eine eigene Musik. Die nicht nur gedanklich in den 18 „Bardenliedern“ den Inhalt des Romans mit aufnimmt, sondern die, vor allem, für eine ganz eigene, intensive Stimmung beim Hören sorgen.

Mehr noch als beim Lesen wird der Hörer zum einen durch die expressive Lesung von Ferenc Husta und zum anderen durch die Musik von „Van Canto“, die mit ihrer ganz eigenen Art der Gesangsgestaltung hier auf den Punkt Atmosphäre und Stimmung Treffen.

Ebenso, wie der Roman, beginnt die Geschichte zunächst fast unauffällig, stellt die Protagonisten in ihrer Fantasy-Welt vor, die gar nicht sonderlich Fantasy-orientiert wirkt, sondern zunächst eher mittelalterlich angehaucht erscheint.

Doch schon bald werden Hintergründe deutlich, kommt das eigentliche (und immer wieder ursprüngliche) Thema des Kampfes „Gut gegen Böse“ zum Tragen und findet auch die Magie (kunstvoll unaufdringlich zunächst gestaltet) den Weg in die Ereignisse.

Wobei es weniger die Geschichte als solche ist, die neue Impulse setzen würde (Ähnlichen von einzelnen starken Gestalten, die sich auf dem Weg zum Kampf gegen die drohende Gefahr zusammenschließen werden, hat man schon häufig gelesen), sondern die sehr flüssige, sehr anschauliche und dabei doch einfach bleibende Art des „Geschichten-Erzählens“ von Christoph Hardebusch macht hier den Unterschied.

Hardebusch versteht es, den Leser hineinzuziehen, emotional zu beteiligen, die Figuren so einzuführen und zu vertiefen, dass sie dem Leser naherücken. Dies dann noch ergänzt durch den gelesenen Hörspielrahmen und die stimmungsvollen Lieder lässt einen der Geschichte überaus gerne weiter folgen.

„Einst in der kalten Zeit gingen Freunde, schnell der Tod“ so die Ausgangslage, die zunächst erst einmal langsam in den Blick gerückt wird. Und das Ziel ist auch bald geklärt:
„Endlich ist es soweit, es kommt die neue Zeit. Das, was sie bringt, klingt unendlich weit“.

Aber bis dahin ist es ein weiter und gefahrvoller Weg, den dieses Hörbuch überaus lebendig in den Raum setzt.

Feuerstimmen (MP3+Audio-CD)
von Ferenc & Van Canto-Vocal Metal Musical Husta
(1)
Musik
16,99

Interessante Einblicke

Michael Lehmann-Pape , am 24.05.2016


Weltbewegend ist das Thema, dessen sich Krüger in diesem schmalen Band annimmt, nun eher nicht und ob man die einzelnen Etappen der Geschichte des hochgereckten Mittelfingers nun kennt oder nicht entscheidet auch nicht über die persönliche Lebensqualität.

Aber interessant ist es schon, kundig erzählt, mit humorvollen Exkursen und einem durchaus ernst gesponnenen, roten Faden versehen. Das schon in der Antike der Phallus omnipräsent (gar als Waffe) vorhanden war und schon bei Aristophanes der gereckte Mittelfinger seine Bedeutung besaß, das sind durchaus nicht breit bekannte Informationen.

Vielfach trägt Krüger aus allen Bereichen und allen Zeiten die Nutzung der Geste zusammen. Wie der gereckte Mittelfinger im Mittelalter weit verbreitet in verschiedenen Gesten genutzt wurde, warum das nach Ende des Mittelalters plötzlich vorbei war (unklar, vielleicht durch die Herausbildung des „Gentleman“ bedingt) und wie der gereckte Finger dann doch so langsam wieder weltweit verbreitet Einzug in die non-verbale „Alltagssprache“ gefunden hat.

„Der Mittelfinger als kollektive Äußerung“ führt den Leser gegen Ende der Betrachtungen nämlich in die Moderne der Geste als „globales Ausdrucksmittel“, in dem „das Zeigen des Mittelfingers tatsächlich die elementare Aufgabe einer jeden Kommunikation übernimmt“, als verbindendes Element in der Nutzung „gleichartiger Zeichen“.

Bis dahin, dass der gereckte Finger „gattungsübergreifend“ seinen Platz finden könnte. Wer weiß, was die Affen in Indien so alles übernehmen von jenen Menschen, die ihnen ganz gerne den gereckten Mittelfinger zeigen.

Informativ und breit in der Betrachtung ist dies vielleicht nicht das wichtigste Thema der Weltgeschichte, aber doch interessant zu lesen.

Der Stinkefinger
von Reinhard Krüger
(1)
Buch
16,99

Sehr hilfreicher Überblick mit ebenso hilfreichen Vertiefungen

Michael Lehmann-Pape , am 18.05.2016


In lexikalischer Form von „A-Z“ mit teils knappen, komprimierten, teils längeren Artikeln setzt dieser „Kindler Klassiker“ immer noch und weiterhin Maßstäbe für den Überblick und den Startpunkt zur Erarbeitung und Vertiefung konkreter Autoren und Werke der amerikanischen Literatur der letzten fünf Jahrhunderte.

Wobei deutlich sein muss, dass aufgrund der Komprimierung tatsächlich vor allem die wichtigsten Informationen und teils auch anspruchsvoller Sprache sich im Werk wiederfinden.

Dennoch gelingt es, in den einzelnen Abschnitten auch grundsätzliche Techniken quasi „am Rande“ mit zu benennen“. So wird im Blick auf Edward Albee knappe biographische Daten neben einer Erläuterung des dramatischen Werkes und einem speziellen Eingehen auf das „Hauptwerk“ („Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ mit zum Anlasse genommen, ebenso die „Technik der parodistischen Verfremdung“ kurz zu erläutern, wie auch (kurz) auf das Konzept des „Theater der Grausamkeit“ hinzuweisen.

Ähnlich verhält es sich bei William S. Burroughs (der im Verhältnis zu seinem schriftstellerischen Einfluss arg kurz abgehandelt wird) oder bei William Faulkner (der in weitaus größerer Ausführlichkeit und Tiefe im Kindler gewürdigt wird).

Aber auch das lyrische Werk kommt im Kindler nicht zu kurz. Wie in Bezug auf M.S.Merwin auch symbolistische Lyrik kurz erläutert und an am Werk Merwins vertieft wird, ergibt einen informativen Überblick über Werk und Rezenption.

Die je am Ende der einzelnen Erläuterungen angehängten Literaturhinweise dürften allerdings gerade für den nächsten Schritt einer möglichen Vertiefung hilfreich sein.

Insgesamt bietet dieses Nachschlagwerk weiterhin die wohl umfangreichste Darstellung zur amerikanischen Literatur und führt den Leser komprimiert, aber ausreichend informativ in einen Überblick über die vielfachen Autoren, Werke und Stile der amerikanischen Literatur.

Für ein Studium oder eine anderweitige wissenschaftliche Beschäftigung mit Autoren und Werken unerlässlich zum Überblick, für den interessierten Laien gerade ob der klaren Gliederung und knappen Darstellungsform ebenfalls ein überaus hilfreiches Nachschlagewerk der „kurzen Wege“.

Amerikanische Literatur aus fünf Jahrhunderten
(1)
Buch
49,95

Sehr flüssig und fesselnd

Michael Lehmann-Pape , am 12.05.2016


Natürlich ist das Schema, das Weitz seinem ersten Roman um Jefferson und Donna, jugendliche Überlebende einer apokalyptischen Seuche, allseits und sattsam bekannt.

Ein dramatisches Ereignis, alle Erwachsenen und kleineren Kinder einem Virus zum Opfer gefallen, Organisation in jugendlichen Gruppen, die sich selbst als „Clans“ bezeichnen, eine gefährliche Welt im Kampf um die knapper werdenden Ressourcen an Nahrung und Brennstoff.

Und dann der „Funke Hoffnung“ auf ein Gegenmittel. Denn die Seuche ist nicht ausgerottet, wer „erwachsen“ wird, so um den 18. Geburtstag herum, stirbt umgehend an den Folgen des Virus. Doch es scheint, als wäre dieser Virus nicht vom Himmel gefallen, sondern gemacht worden und als wäre der Ort, an dem alles seinen Anfang nahm, nicht unerreichbar weit entfernt.

So schließt sich eine kleine Gruppe des Clans zusammen, um Licht ins Dunkle der tödlichen Krankheit zu bringen und macht sich auf den Weg durch die nun hochgradig gefahrvolle Reise durch die „Wüste der Metropole“.

Als Motiv somit alles bereits bekannt, auch in den einzelnen Ereignissen, Gefährdungen und Kämpfen, sogar darin, dass harte Opfer gebracht werden müssen und die Gruppe durchaus auch dezimiert werden wird. Inklusive natürlich auch der wie immer stattfindenden Romanze.

Doch dieses starke Wiedererkennungsgefühl führt nun bei der Lektüre nicht zur Langeweile, sondern durch den sehr flüssigen und temporeichen Stil den Leser zunehmend in den Bann zieht und mühelos in der Lektüre verhaftet hält.

Das zudem, jugendgerecht einerseits, aber auch für die Augen von erwachsenen Lesers nicht platt oder zu simplifiziert, eine gehörige Portion Kritik an der breiten Oberflächlichkeit des modernen Lebens, an der Orientierung an kleinen „Gadgets“ alleine ihren Platz findet, gehärt dabei ebenso zu den Stärken des Buches, wie die Aufnahme auch komplexerer Emotionen (wenn man sich mehreren gegenüber sieht, welche die Hormone in Wallung bringen und Gefühle hervorrufen). Was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind und das der Weg dahin nicht immer gerade und einfach ist, das lässt Weitz mühelos in den Ablauf der Ereignisse mit einfließen.

So mischt er gekonnt Gefahr, Action, Abenteuer, Sinnsuche, erwachsen werden und Gesellschaftskritik und bietet in all dem eine sehr unterhaltsame und anregend zu lesende Lektüre. Sicher in erster Linie für Jugendliche verfasst, die sich im Alter der Protagonisten (16, 17 Jahre) befinden, aber auch für erwachsene Leser ein flüssiges Leseerlebnis.

Young World - Die Clans von New York
von Chris Weitz
(24)
Buch
18,95

Empathie als Schlüssel zum Verkaufserfolg

Michael Lehmann-Pape , am 04.05.2016

0

Verkaufspsychologisches Know-How
von Warren P. van Hasz
(1)
Buch
29,80

Was sich so beste Freundin nennt….

Michael Lehmann-Pape , am 22.04.2016


Wenn der Klappentext schwärmt, Paula Daly besagt die Gabe, „feinste psychologische Nuancen“ einzufangen, dann ist dies zumindest im Thriller selbst in dieser hohen Form wiederzufinden.

Eher generalisierend und nur an wenigen Stellen bietet Daly dem Leser Erklärungsmuster und spinnt feinste, psychologische Fäden (in der ein oder anderen Verführungsszene oder wenn sich eine Mutter im Buch Gedanken über Narzissmus macht).

Ansonsten verbleibt Daly in der Motivation des Handelns ihrer Personen eher ein Stück an der Oberfläche, bietet aber nichtsdestotrotz eine sehr geschickt und strategisch auf den punkt auftretende Frau, die nicht zeigt, was sie will, dies aber sehr genau weiß. Wie sie auch weiß, wie sie bekommt, was sie will.

Wobei im Lauf der Ereignisse aus dieser einen trickreichen Frau durchaus zwei Frauen werden, denn Natty wird, nachdem sie erst einmal gründlich schockiert ist, danach gründlich in die Ecke getrieben sich wiederfindet und zudem alles beginnt, gegen sie zu sprechen, das Feld nicht kampflos räumen.

Im Gegenteil, was das Ende des Thrillers angeht, erschauert der Leser fast vor dem, was an Härte auch in Natty liegt. Das hätte man von dieser hart arbeitenden, sich als Mutter aufopfernden Frau kaum gedacht.

Zudem bietet der Verzicht auf seitenweise tiefe und psychologische Erläuterungen über mögliche „Krankheitsbilder“ einen zweiten Vorteil. Das Tempo im Buch wird durchgehend hochgehalten, die emotionale Nähe des Lesers bei den Beteiligten, vor allem für die beiden beteiligten Kinder wird immer wieder neu unterfüttert, so dass durchaus eine spannungsreiche Unterhaltung entsteht.

Wer gewinnt, wer verliert, warum tun die, was sie tun und wer wird alles am Ende als Opfer im Raum stehen, das sind die Fragen, die Paula Daly von Beginn an mitschwingen lässt, die sie an den entsprechenden Stellen auch mit nachdrücklicher Härte umsetzt und den Leser darin immer wieder neu „aufschreckt“.

In eher einfacher, schlichter Sprache und mit einigen doch eher unglaubwürdigen Verkettungen (wie schnell da der ein oder andere Mann mit glasigen Augen fast sabbert, wie wenig so manches an der Geschichte von Eve anfangs hinterfragt wird, wie schnell man scheinbar „aus dem Verkehr“ gezogen werden kann) entfaltet Daly so zwar nicht unbedingt hoch realistisch, aber dennoch hoch-spannend das Wirken einer „Femme Fatal“ und das Werden zu einer, zumindest in Teilen, einer eher burschikosen Frau zu einer ebensolchen „Femme Fatal“, wenn es um Schutz und Rettung ihres Lebensgebäudes geht.

Auch wenn das ein oder andere nicht ganz auserzählt wirkt und manche Hintergründe ein Mehr an Erläuterungen verdient gehabt hätten, unterhaltsam und spannend ist das Buch allemal und auch in Kleinigkeiten (was die Schwiegermutter und deren Haltung zu Natty angeht) lassen Boshaftigkeiten hier nicht lange auf sich warten.

Herzgift
von Paula Daly
(2)
Buch
14,99

Poetische Fantasy

Michael Lehmann-Pape , am 11.04.2016


„Vom Hof des Bauernhauses betrachtete Jeannot den Kriegsschauplatz, und zum ersten Mal sah er seinen Bruder wieder mit dem Gesicht der Kindheit…….und dass Jeannot nicht mehr den Geschmack des Glücks gekostet hatte, das an diesem Tag die Gestalt eines Frauenkörpers und einer weißen Schulter annahm, an der man sich ausweinen konnte“.

Eine Weichheit, ein „in Fluss kommen“ des inneren Gefühlshaushaltes, die nicht nur Jeannot in diesem Roman erleben wird, sondern die, auf die ein oder andere Weise, so ziemlich alle beteiligten (bis auf die „dunkle Macht“) Personen anfassen, angehen wird.

Die einen samt aller anderen Dörfler weil jahrelang das Leben so richtig sich anfühlt., Winter Winter sind, Sommer, Sommer, Missernten nicht mehr vorkommen, das Leben lau und leicht, harmonisch und passend erscheint. Seitdem dieses Waisenkind, dieses Findelkind im Dorf lebt. Maria. Einfach so gefunden. Eine, die ihren Jahren weit voraus zu sein scheint, auch wenn sie nicht viel redet. Aber das braucht sie vielleicht auch nicht, wenn sie die „Gabe des Blickes“ trägt, auf einer Lichtung im Wald mit Nebelschwaden kämpft, welche die Form schwarzer Pfeile annehmen oder sich mit einem grauen Pferd zu unterhalten scheint.

Die anderen samt des Pfarrers und dessen Bruder Allessandro Centi. Ein „verlebter“ Bruder, ein gescheiterter, eigentlich. Der die Liebe verloren hat. Der mit dafür sorgt, dass in der kleinen Dorfkirche ein Klavier aufgestellt wird, das er selbst ein wenig schon zu bedienen vermag. Nichts aber ist seine handwerkliche Musik dagegen, wenn dieses andere Waisenkind, Claire sich an die Tasten setzt. Den Blick nach irgendwo gerichtet, wohin die Zuhörer kaum zu folgen vermögen. Die Partituren liest, nur um sich ein Bild zu machen und dann in einer Weise das Klavier spielt, dass Tränen laufen, Herzen weit werden, Klänge wie aus einer anderen, inneren Welt den Raum füllen.

„Man hätte meinen können, die Tiere hätten ihren eigenen Überfluss demonstriert, bevor die Dinge wieder ihren gewohnten Lauf nahmen“. So geht es im Dorf von Maria mit vielerlei anderen, Herz-Öffnenden Ereignissen zu.

„In diesem Moment erhellte das warme Mondlicht einen Teil….im Pfarrgarten und Allessandro wurde für Sekunden wieder zu dem feurigen, jungen Mann, der er einmal gewesen war“.

Wunder also geschehen, unterschwellig, seelenberührend. Und doch, die beiden Mädchen an den verschiedenen Orten und in den verschiedenen Dörfern, die sich zu Beginn nicht kennen, tragen auch eine andere Seite in sich. Kontakte zur „hellen Welt“ der Elfen und ebenso, wie sollte es auch anders sein, steht das „Dunkle“ im Raum.

In sehr bildkräftiger, wunderschöner, überaus poetischer Sprache, durchgehend sanft wie das Sommerlicht oder der leichte Herbstwind erzählt Marbery diese fantastische Geschichte von Waisen, die einander begegnen werden, von der Welt der Elfen und der Welt der Menschen, die zunächst nur auf einer einzigen Waldlichtung einander begegnen können (und das auch nicht jedem). Vom Kampf gegen das Böse, das sich regen wird und von der Harmonie des Lebens, die möglich ist. Aber erst, wenn all die verhärteten Mauern und das dichte Gestrüpp, dass sich im Lauf des Lebens um die Seele des Menschen gelegt hat, weichen werden.

Sicher, man muss diese Form der poetischen Fantasy mögen, aber in diesem Bereich rundherum gelungen und sprachlich hervorragend ist, was Muriel Barbery erzählt.

Das Leben der Elfen
von Muriel Barbery
(3)
Buch
22,90

Analog statt Digital und das mit Recht

Michael Lehmann-Pape , am 11.04.2016


Haben in der Gegenwart, jener Zeit der Millionen Bilder auf digitalen Kameras und, noch mehr und zunehmend auf den Handys der Menschen und in den Clouds der Sicherungsspeicher, analoge Bilder, Polaroids, Fotos von „Sofortbildkameras“ irgendeinen Nutzen? Braucht das jemand noch?

Ja, auf jeden Fall. Sagt Stephen Herchen nicht nur im Vorwort dieses Bildbandes, sondern zeigt dieser Bildband von der ersten Fotografie her auf.

Dies, zumindest Menschen über 45 vertraute Bildatmosphäre, dieser besondere Reiz der analogen Farben, des leichten Bildrauschens, gebannt in Momentaufnahmen, die sofort Gedanken, Assoziationen wachrufen und den Leser auf die Spur einer Geschichte bringen. Die gar nicht tatsächlich faktisch geschehen sein muss, die Fantasiereise ans ich ist schon die ruhige Betrachtung der vielen Momentaufnahmen im Buch wert.

„Das ist etwas Magisches, ein „instant analog Foto“ in der Hand zu halten“.

Ein besonderer, dynamischer Charakter wohnt den Fotografien inne. Allein schon durch die Klarheit, dass es diese Aufnahme genau nur einmal gibt, sie nicht beliebig digital reproduzierbar ist, nicht von tausenden von Menschen zur gleichen Zeit (im Original wohlgemerkt) betrachtet werden kann.

Herchens Vergleich zwischen dem Erhalt einer Email und dem Erhalt eines handgeschriebenen Briefes trifft dabei den Unterschied bildhaft wunderbar.

Dieses verwachsene Foto von Günter Grass, das Gesicht kaum zu erkennen, ist ein Paradebeispiel für diese Dynamik des Fotos selbst im Buch und der Dynamik in der Vorstellungskraft des Betrachters. Dass da einer „in Bewegung“ ist, dennoch aber klar als Person erkennbar, trotz verwaschener Unschärfe des Bildes.

Oder die demgegenüber glasklar ausgelichtete und getroffene Person dieses älteren, amerikanischen Mannes vor der verfallenden Mauer. Wobei „glasklar“ eben Klarheit und Schärfe nach den Möglichkeiten eines Polaroid bedeutet, Farbe leicht verwaschen wirkt, die Konturen des Gesichtes durch die niedere Auflösung der Bilddichte schattig noch klarer hervortreten.

Portrait über Portrait legt sich so vor die Augen des Betrachters, teils auch in schwarz-weiß, wie jenes von Bryan Adams.

Und immer wieder ist es erstaunlich, am eigenen Betrachten zu erkennen, wie sich die Sehgewohnheiten verändert haben, wie unscharf selbst ausgelichtete Polaroids des Weges daherkommen und wie verbunden man sich umgehend damit fühlt. Wie genau der Blick wird, um Details zu erkennen, die bei der digitalen Fotografie ohne Mühe ins Auge springen und hier die ein oder andere Entdeckungsreise ins Foto hinein notwendig machen.

Und, auch das besonders an diesem Bildband, das Weglassen zeigt Wirkung. Weiße Seiten, die gar nicht so selten (aber nicht durchgehend) den Blick konzentriert auf das dann „einzige“ Bild der jeweiligen Doppelseite wirft.

Ein gelungenes, intensives Erlebnis bietet diese Zeitreise, die Wehmut aufkommen lässt, aber auch das Besondere der analogen Polaroids unmittelbar erfahrbar gestaltet.

Once There Were Polaroids
von Jonas Wettre
(1)
Buch
27,00 bisher 30,00

Die drohende Vernichtung

Michael Lehmann-Pape , am 04.04.2016


Hat schon im ersten Thriller Sehlbergs der Computervirus „MONA“ sich weltweit verbreitet (und wartet in der Gegenwart dieses zweiten Thrillers immer noch in den Weiten des Internet), hat schon jener „Mona-Virus“ den Sprung aus der Maschine hinaus ín den Menschen hineingeschafft, für tödliche Infektionen gesorgt, bekommen es nun die aus dem ersten Thriller weitgehend bekannten Protagonisten mit einer noch größeren Bedrohung zu tun.

Was geschieht, wenn ein Pharmakonzern skrupellos auf mögliche kommende „Blockbuster“ an Medikamenten schaut und was geschieht, wenn sich mit diesem Motiv noch ein radikaler, fanatischer Islamismus verbindet und dies zudem hinter allen Kulissen und für keinen der Beteiligten ersichtlich, das legt Sehlberg in kurzen, knackigen Kapiteln und hohem Tempo jetzt vor.

Und wiederum sind es vor allem der IT Professor Eric Söderqvist mit seiner Frau Hanna (die MOAN überlebt hat und deren Blut die Grundalge für das einzige Gegenmittel gegen diese Virus-Bauweise ist) zusammen (aber in eigenen Handlungssträngen im Buch) mit der knallharten Mossad Agentin Rachel Papo im Mittelpunkt der sich zuspitzenden Ereignisse.

Immer neue Infektionen mit dem neuartigen, von MONA stammenden Virus NCoLV tauchen auf, Epidemien könnten drohen, eine rasche Verbreitung des Virus muss gestoppt werden, den ein Gegenmittel will einfach nicht in Sicht kommen.

Und genau in diesem Moment soll der fanatische Islamist und Spion Akim Katz in einem Geiselaustausch freigelassen werden. Ein Ansinnen, welches der israelische Ministerpräsident nie und nimmer zulassen kann. Wobei dieser vielleicht zu leichtfertig übersieht, dass Rachel Papo in dieses „Geschäft“ mehr als nur am Rande verwickelt ist.

Dass Selhberg durchaus in der Virologie kundig ist, zeigt er auch in diesem Thriller, wie schon in MONA. Dass er in der Lage ist, sprachlich auch Härte zu zeigen, Blut fließen zu lassen und bei so manchen Folterszenen den Kopf nicht wegdreht, gibt auch diesem Thriller eine gewisse Härte, die dem Buch gut zu Gesicht steht.

Dass an der ein oder anderen Stelle dennoch sich die Ereignisse doch etwas zu betont heimlich, zu ausfasernd in die Länge ziehen, ist allerdings im Mittelteil des Thrillers ebenso zu konstatieren. Gerade durch die Kürze der Kapitel, der raschen Perspektivwechsel, die am Anfang für anregendes Tempo sorgen, geht im mittleren Teil doch der ein oder andere Faden zunächst verloren, den der Leser an diesen Stellen dann vielleicht gerne länger verfolgt hätte.

Das Ende wiederum ist durchaus gelungen, zieht Spannung, Härte und Tempo noch einmal an, wenn auch in durchaus eher vorhersehbarer Weise.

Alles in allem ein sehr guter Nachfolger von „MONA“, der mit ähnlichen Mitteln, fast gleichem „Personal“ und ähnlicher Handlung durchaus gut zu unterhalten versteht.

Sinon
von Dan T. Sehlberg
(2)
Buch
14,99

 
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