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Michael Lehmann-Pape Top 100 Rezensent
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757 Rezensionen
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nicht hilfreich: 12

Rang:
15

Michael Lehmann-Papes Rezensionen

12

buch

Das Kartell

Don Winslow

EUR 16,99 *
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50

23.06.2015

„Klar, stringent, umfassend, spannend”


„Und ich hier, denkt Keller – Don Quijote im Kampf gegen Windmühlenflügel, Ahab auf der Jagd nach dem weißen Wal. Alles meine Besessenheit, wie ein Junkie an der Nadel hängt. Mein privater Drogenkrieg, meine private Sucht“.

Und der „Stoff“ für den „Junkie“ Art Keller heißt Adan Barrera. Mit dem er in jungen Freunden eng war, den er in späteren Jahren, in Kellers Zeit als „Herr der Grenze“ gejagt und gefangen gesetzt hat.
Der nicht mehr im Gefängnis sitzt. Der nicht zu fassen zu sein scheint, während Barrera im Hintergrund offensiv seine ehemalige Machtposition wieder erbaut und darüber hinaus die Hände ausstreckt nach der „Alleinherrschaft“ üb den mexikanischen Drogenhandel.

Ein Krieg ist im Gange, hinter den Kulissen und ganz offen auf den Plätzen der umkämpften Drogen-Umschlagorten an der mexikanischen Grenze.

Ein Kampf, in dem Menschen bei lebendigem Leib von den einen verbrannt werden, von den anderen kurz entschlossen mit Schüssen oder Granaten niedergestreckt werden.

Kartell gegen Kartell mit wechselnden Verbindungen, Sondereinheiten gegen Kartelle, je nachdem, welches der anderen Kartelle sie entsprechend schmiert und bezahlt. Die Politik korrupt, die Leitungen der Sondereinheiten nicht einschätzbar und Keller gegen alle.

In klarer, direkter Sprache, mit einfachen Sätzen, die manches Mal fast wie eine Aneinanderreihung von Stichworten wirken, stellt Winslow diese Gemengelage in Form traditioneller Mafia und Verbrechensepen dem Leser vor Augen.

„Der Pate“, „Die Sopranos“, „French Connection“, sowohl vom Umfang her als auch von der (langesamen) Einführung und Vertiefung des „Personals“ stellt sich Winslow mit diesem Thriller in eine illustre Reihe harter und gewalttätiger Darstellungen des organisierten Verbrechens und ebenso gelingt es ihm, seinen Personen echte Tiefe zu verleihen, eine hohe Differenzierung im Innenleben genauso spannend zu gestalten, wie er die vielfach hin- und herwogenden Machtkämpfe minutiös gestaltet.

Mitsamt des menschlichen und emotionalen Preises, den diese Lebensform auf allen Seiten fordert und kostet.

Wobei auch der Hintergrund dieses umfassenden Drogensumpfes nicht zu kurz kommt, die ganz praktische, aber auch die politische Geschichte des Drogenhandels entlang der amerikanischen Grenze mitsamt einer detaillierten Erläuterung der Praxis desselben im Buch aufzeigt, dass Winslow fest im Thema verankert ist und seine Hausaufgaben der Recherche umfassend gemacht hat.

Ein sehr empfehlenswerter, trockener, harter, informierter und äußerst unterhaltsamer Thriller, den man am Ende nur ungern aus der Hand legt.

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50

23.06.2015

„Wunderbare Einblicke auf und in das „grüne Irland“”


Wie eine verwunschene Kulisse aus einem alten Film, so wirkt die bewachsene Treppe, die von einem der vielfachen, im Buch abgebildeten Gärten in den Wald hinaus führt. Verwittert, je nach Fantasie bereit, von den Seiten her Elfen auf den Betrachter loszulassen oder eher düstere Gestalten wie aus „Sleepy Hollow“ einem entgegen zu werfen.

Ein „Ausgang“ Aus dem Garten, der der Gartenanalage mit ihren alt wirkenden Wohnhäusern und den vielfachen Nutzpflanzen organisch entspricht.

Nicht anders ergeht es dem Betrachter mit dem Weg durch 44 Paar Silber-Tannen au fdem „Noble Fair Walk“. Demgegenüber die Blumenterrassen des üppigen Gartens (angelegt bereits 1850) das fröhliche, helle, blühende Gegenüber ergeben.

Parkanlagen mit üpiigem Grün der Bäume und wunderbar angelegtem Rasen, Kräuter und Salatbeete in einem gestochen im Wegkreuzraster wirkenden Garten neben überbordendem Rhododendron und Narzissen.

Vielfältig und von ganz eigener Atmosphäre sind die Gärten in Irland. Eine Atmosphäre, die im Buch in bester, fassbarer Form durch die vielfältigen Fotografien wunderbar eingefangen wird.

Abwechslungsreich und von langer Tradition des Gartenanabaus und der Gartengestaltung geprägt sind die gestalteten Gartenlandschaften in Irland zu erleben, die den Besuch ungemein lohnen und die in diesem Bildband beeindruckend in Szene gesetzt vor die Augen des Betrachters geführt werden.

„Die Gärten passionierter Pflanzenkenner“, das spürt man den Bildern und Gärten regelrecht ab. Mit Leidenschaft und, vor allem, großer, tradierter Sachkunde finden sich vielfach üppige Gartenanalagen, die mit einfachen Ziergärten oder auch liebevoll gestalteten Blumenbeeten kaum etwas gemein haben, sondern in verschiedensten Formen von urwüchsiger Schönheit sich vor den Augen entfalten.

Ob „Romantische Zwischenspiele“, „herrschaftliche große Gärten“, ob „Traumhafte Paradiese“ (mit einem verspielten Charme) oder „fast zu schön zum Essen“, wenn es an die textliche und bildliche Darstellung von vollendeten Küchengärten im Buch geht, bis hin zum „Malen mit Pflanzen“ zu lebendigen Gemälden wie in Mount Congreve oder in Blick auf den Dillon-Garten in Dublin, jeder einzelne Garten ist mit treffenden Perspektiven im Buch bildlich aufgenommen und ausführlich jeweils in den Texten beschrieben.

So bietet dieses Werk einen breiten und differenziert erläuterten Einblick in die Gartenkunst und Gartenlandschaft Irlands, die durchweg „irische Atmosphäre“ ausstrahlen in aller Verschiedenheit der Gartenkonzepte.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre über eine ganz eigene, durchaus auch einmal eigentümliche „Landschaft der Gärten“ Irlands.

buch

Bannwald

Julie Heiland

EUR 16,99 *
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40

23.06.2015

„Gelungenes Fantasy-Debüt”


„Regel Nr.1: Wir, der Stamm der Leonen, sind immer minderwertig. Wir haben keine Rechte und schulden unseren Herrschern, dem Stamm der Tauren, bedingungslosen Gehorsam“.

So sind die Verhältnisse in diesem Wald, der den Lebensraum beider Stämme bietet. Und wenn dann noch klar wird, dass die „Leonen“ Anhänger der „weißen Magie der Natur“ sind und die „Tauren“ jene „schwarze Magie der Macht“ benutzten, sind die Verhältnisse auch innerlich beschrieben und durchaus breit bekannt.

Denn in ihrem Grundsetting verlässt Julie Heiland in keiner Weise die Form der „klassischen Fantasy“ und bietet somit eine weitere, neue Version des uralten Dualismus und Kampfes zwischen gut und Böse.

Dies allerdings durchaus frisch erzählt, weniger poetisch oder episch wie ansonsten überwiegend in Fantasy Romanen üblich, sondern modern und umgangssprachlich. Diese Robin, ihre weibliche Hauptfigur, hat ihr Herz am rechten Fleck, hält zu ihren Freunden, ist mutig und durchaus auch widerborstig.

„„Ich gebe nicht kampflos auf“, keife ich ihn an“.

Und muss erkennen, dass die einfache schwarz.weiß Malerei den Umständen der Welt, auch dieser Fantasy Welt, nicht unbedingt gerecht wird. Denn da gibt es diesen einen Tauren, der sich anders zu verhalten scheint, der nicht kühl und kalt rein auf Macht versessen ist.

Oder doch?

Es wird sich erweisen, denn Robin ist (auch das ein bekanntes Motiv der Fantasy) etwas „Besonderes“. Eine Möglichkeit zur Freiheit und eine Bedrohung der „dunklen Macht“.

„…..ihr alles zu nehmen, was ihr etwas bedeutet. Und sie dann mit offenen Armen in Empfang zu nehmen“. So ist der Plan der „Gegenseite“, von dem Robin zu Anfang weder etwas ahnt noch überhaupt wüsste, dass sie selbst so im Mittelpunkt des Interesses eines entscheidenden Spieles der Macht im Wald steht.

Gefahren werden allerdings früh entstehen, die nicht nur Robin, sondern auch die Ihren mit betreffen. Gefühle tastender Liebe entfalten sich da, wo sie eigentlich nicht sein dürften und ebenfalls Gefahr mit sich bringen.

Aber Robin wird ihre Kräfte schon noch kennenlernen im Lauf der Zeit und diese im Finale dieses ersten Bandes einer geplanten Trilogie zum Einsatz bringen.

Alles in allem eine frische Stimme im „Reich der Fantasy“, flüssig erzählt und in einer in sich überzeugenden Fantasywelt angesiedelt. Eher für den jugendlicher Leser natürlich geeignet durch die doch eher stereotypen Verteilungen der „Rollen“ im Buch, aber für diesen Leserkreis spannend und unterhaltsam geschrieben.

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50

23.06.2015

„Dialogische Fragetechnik”


In nun dritter, überarbeiteter Auflage legt Harlich H. Stavemann seine therapeutische Methode der „sokratischen Gesprächsführung“ vor.

Das Ziel des „eigenverantwortlichen Denkens“ wird durch die philosophisch begründete „Form des Gesprächs“ unter Anleitung zur Reflexion und Selbstbesinnung mit gleichzeitiger Prüfung übernommener Normen und Vorurteile zu einer neuen, freien Form des „Selbstdenkens“ geführt.

Den Kern der Arbeit bildet dabei die „regressive Abstraktion“. Ausgehend von Alltagsbeobachtungen wird von dem „Besonderen“ solcher Situationen auf „das Allgemeine“ geschlossen und „übergeordnete Einsichten und Erkenntnisse gesucht“.

Voraussetzung für ein Gelingen dieser „Neuordnung“ des Denkens und der Emotion und die Hineinahme der philosophischen Methode in den Raum der Psychotherapie ist die Kompetenz zum „Perspektivwechsel“ auf Seiten des Therapeuten, zunächst und eine sorgsame und empathische Anleitung zum Perspektivwechsel dann für den Patienten zu ermöglichen.

In dieser dritten Auflage hat Stavemann noch einmal die Gliederung gestrafft und vor allem in der Betrachtung der „sokratischen Haltung“ und der „Kunst des Perspektivwechsels“ vertieft. Zudem finden sich neue Praxisbeispiele zum „funktionalen sokratischen Dialog“.

Insgesamt bleibt natürlich die Struktur und der dargebotene Inhalt in dieser dritten Auflage bestehen.

Die sehr ausführliche und sorgsame Heranführung an die „Methode Sokrates“ und deren allmähliche Rezeption in der Philosophie und der modernen Psychotherapie setzt im ersten Teil des Buches sehr verständlich für den Leser die Grundlagen der Methode selbst und deren Einbindung in den therapeutischen Prozess.

Im zweiten Hauptteil legt Stavemann überaus praxisnah die Nutzung sokratischer Dialog anhand einer ganzen Reihe von Fallbeispielen dar.

„Was ist das?“; „Darf ich das?“; „Soll ich das?“; als Grundfragen des therapeutischen Prozesses werden umfassend geschildert und reflektiert, praktische Hinweise für die Nutzung der Methode in der eigenen therapeutischen Praxis werden dem Leser verständlich an die Hand gegeben.

Wobei in der gesamten Darstellung im Hintergrund der rote Faden der Überzeugung des Autors zu erkennen ist, eine „philosophische Wende“ in Psychotherapie und Beratung zu befördern und hier ein wichtiges und wesentliches Moment nicht nur in der Methode, sondern auch in der Haltung und Herangehensweise des Therapeuten grundlegend zu setzen.

Insgesamt eine überzeugende, fundierte und sehr praxisnahe Erläuterung der sokratischen Gesprächsführung, die zu eigenen Versuchen zu motivieren versteht

buch

Die Suche

Nick Louth

EUR 12,99 *
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40

23.06.2015

„Malaria, Verschwinden und das große Geld”



„Ich will von Ihnen das nächste Prozac oder Valium…. Ich will, dass sie die Welt nach Blockbustern abklappern, die eine Milliarde im Jahr einbringen. Und unter uns gesagt, ein Heilmittel gegen Krebs können sie sich abschminken“.

So sieht es aus, wenn „Iron Jack“, der Pharmavorstand, vor den jungen Angestellten doziert.

Heilung nicht erwünscht, aber Wirksamkeit schon. Dass in den ersten Jahren eines neuen Medikamentes die „Ernte“ eingefahren wird für die Forschungskosten (auch der vielen Versuche, die es nicht zur Marktreife gebracht haben) und dass dann am besten chronische Krankheiten noch lange behandelt werden können.

Das trifft übrigens auch auf die Malaria zu. Nicht nur im Buch. Geographisch relativ eingegrenzt, ein ganz einträgliches Geschäft mit lindernden Mitteln oder vorbeugenden Impfungen, wenn auch kein „Blockbuster“.

Da wäre es nicht im Interesse von Iron Jack und seinen Vertrauten, wenn eine Forscherin scheinbar kurz vor dem Durchbruch zu einem echten Heilmittel steht. Sei es, wie in Ericas Fall, in Bezug auf Malaria, sei es in Bezug auf irgendein Heilmittel, was nur einmal verkauft werden könnte.

Sachkundig und flüssig führt Nick Louth den Leser ein in diese Welt der Pharmazie auf Börsenebene, in die Überlegungen und Strategien hinter den verschlossenen Türen. Auch wenn seien Figuren überwiegend recht plakativ und stereotyp angelegt sind, die Grundprinzip veranschaulicht Louth in unterhaltsamer Weise.

Durch den häufigen Perspektivwechsel aus Ericas Tagebüchern in die Vergangenheit der Forscherin in Afrika hinein werden die Ursachen für gegenwärtige Feindschaften und Seilschaften und für den „Anschlag“ in Europa (eben durch Malaria) Schritt für Schritt langsam verdeutlicht und die Situation vor Ort ebenso breit und fundiert dargelegt, wie auch im Rest des Buches Louth seine Hausaufgaben gemacht hat und den Leser informiert zurücklässt.

Weniger mitreißend über weite Teile des Thrillers gelungen ist der Spannungsteil. Durch die eher kühle Sprache gelingt es dem Leser nicht hundertprozentig, an das Liebespaar Max und Erica und an Max Verzweiflung über Ericas plötzliches Verschwinden emotional anzudocken. Manches an gefahrvollen Situationen und innerem Druck bei Max, der männlichen Hauptfigur des Thrillers, wirkt doch konstruiert und gekünstelt.

Wofür das Finale des Buches doch entschädigt, Hier zieht Louth spürbar Tempo und Spannung an.

Alles in allem ein sehr informiertes und informierendes Buch konkret über den pharmazeutischen Umgang mit Malaria, allgemein über die Strategien der Pharmaindustrie in manchen Bereichen oder Personen, das Geschäft zu sehr in den Kern der Interessen zu rücken. Im Thriller-Teil nicht durchweg ganz überzeugend, aber flüssig und unterhaltsam zu lesen.

buch

Verführerisch

Sophie Dahl

EUR 19,99 *
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40

18.06.2015

„Jahreszeitlich strukturiertes Kochbuch”


Nach den Jahren ihrer erfolgreichen Koch-Show im britischen Fernsehen legt Sophia Dahl nun wiederum ein durchaus umfangreiches, in sich klar gegliedertes Kochbuch vor.

Jahreszeitlich in den Zutaten und Rezepten geordnet nach Herbst, Winter, Frühling, Sommer und in sich dann noch einmal unterteilt in die „Tageszeiten“ (Frühstück, Mittagessen, Abendessen) ist es zunächst ein leichtes für den Leser, sich in diesem Buch zurecht zu finden. Wozu unter anderem auch die Übersichten verhelfen, die den jeweiligen „Jahreszeiten“ geordnet vorweggestellt sind. Leider fehlen in diesen konkreten Rezeptübersichten im Buch zu nächst die Seitenzahlen, so dass ein wenig blättern nötig ist.

Vor allem für jene Leser, denen es nur um die Rezepte und weniger um die ausführlichen Einleitungen zu den einzelnen Abschnitten im Buch, in denen Sophia Dahl ihren persönlichen Zugang biographisch erzählt. Einschübe, die für jene Leser interessant sind, welche an Sophia Dahl als Person interessiert sind, die aber für die konkreten Rezepte wenig austragen (was ebenso für die persönliche Einleitung des Buches gilt).

Die Rezepte selber allerdings lohnen die Lektüre und das Nachkochen durchaus. Überwiegend nicht kompliziert gehalten (auch wenn das ein oder andere größere Gericht dabei ist), finden sich doch viele kreative Anregungen.

Ob ein „Musikerfrühstück“ mit selbstgebackenem Brot und Parmaschinken oder ein Kurkuma-Tofu mit Pilaf, ob eine Salatsuppe oder ein ausgewachsenes Kokosnuss-Curry mit Garnelen.

Ob ein Wackelpudding mit gewissem Pfiff oder ein einfaches Bananenbrot.

Viel Gemüse und Salat, viel Fisch, der in verschiedenen Varianten eine Rolle spielt, hier und da Geflügel oder Lamm, eine leichte Küche ist es, die Sophie Dahl in einfachen, aber anregenden Kreationen mit der ein oder anderen exotischen „Zugabe“ anbietet. Rezepte, die ohne großen Aufwand zu Kochen oder herzurichten sind und bei denen es Sicherlich Freude bereitet, die verschiedenen Zutaten zu besorgen.

„Mit Leidenschaft kochen“, das ist das Credo der Autorin und des Buches und Engagement kann man den Rezepten dabei durchaus abgewinnen.

buch

Mitten in Deutschland

Rüdiger Dingemann

EUR 29,99 *
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50

18.06.2015

„Spurensuche”


Von der Ostsee bis an die Elbe, vom Wendland bis in den Harz, vom Harz bis in die Rhön, von der Rhön bis ins Vogtland, das sind die Etappen, in die Dingemann seine Reise entlang der ehemaligen Deutsch-Deutschen Grenze aufteilt.

Dort, wo Wachtürme, Todesstreifen, entsiedelte Zonen, Stacheldraht und gerodetes, ödes Land über Jahrzehnte hinweg die Kulturlandschaft geprägt haben, zeigt Dingemann, wie es heute aussieht. Wie die Zeit, die Natur und die Menschen vielfach die Spuren verwischt hat, wie aber auch heute noch rudimentäre Reste hier und da auf das „Damals“ hin verweisen.

Der alte Wachturm, der immer noch wie drohend in den Abendhimmel ragt. Der ausgetretene „Frei-Streifen“, der sich durch Flora und Faune aus der Vogelperspektive heraus noch einwandfrei erkennen lässt, aber auch Landschaften, Flüsse, Auen, in denen nichts mehr von der ehemals trennenden, brachialen Kraft der Systeme erkennen lässt.

„Die einstigen deutschen Grenzregionen sind in ihrer Vielgestaltigkeit noch unbekannt, auch 25 Jahre nach der Grenzöffnung“.

Orte, Landschaften, die gerade ob ihrer herausgehobenen Lage in diesen Jahren der Grenzen oft von wirtschaftlicher Ausbeutung und „Zu-Siedelung“ verschont geblieben sind und mittlerweile Refugien teils unberührter Natur darstellen, deren Ursprünglichkeit, Schönheit und Atmosphäre Dingemann in vielfache großformatige, hervorragend getroffene Fotografien vor die Augen des Lesers führt.

Seien es unberührt wirkende Fluss- oder Waldlandschaften, seien es wie gemalt wirkende, in der Zeit stehen gebliebene Gebäude wie das „Duderstädter Rathaus“, das in mittelalterlicher Pracht erstrahlt, sei es „alte Industrie“ wie der „Monte Kali“ mit einigen Einblicken in die Arbeit im Kali-Werk, die Dingemann prägnant illustriert vermittelt.

Eine interessante, treffend ins Bild gerückte Reise in besondere, stille, urtümliche Landschaften und in die Geschichte einer Grenze, die immer noch nicht ganz verschwunden ist. Zumindest nicht an prägnanten Stellen ist der Verlauf noch deutlich sichtbar.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre einer ganz besonderen Seite Deutschlands.

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50

18.06.2015

„Assoziative Lebenserinnerungen”


Es ist schon selten und nicht einfach zu verkraften, wenn man mit 15 Jahren einen internationalen Hit schreibt. Wobei Dorau weniger von „Schreiben“ sprechen würde und sich selbst weniger als begabten Musiker sieht (9 resignierte Gitarrenlehrer sprechen da eine ganz eindeutige Sprache), sondern sich als „Schichter“ versteht.

Vier Spur Geräte, einfache Strukturen, Beat aus dem Computer (Atari damals) und dann das alles aufeinander Schichten, einige (minderjährige, was ein Problem noch sein sollte) Sängerinnen aus der Schule anfragen (die gleich am Text mäkeln und diesen verändern) und fertig ist „Fred vom Jupiter“.

Im Übrigen nicht die erste Single Doraus und bei Weitem nicht das letzte Wort zu seinem künstlerischen Schaffen. Das im Übrigen Dorau mit dem „klassischen“ Musikerleben (Platte, Tournee, Band, Platte, bis man keine Lust mehr hat oder das Geld reicht) wenig am Hut hat, das dringt aus jeder Zeile des Buches und findet seinen interessant zu lesende Verdichtung da, wo Dorau selber über sein Unbehagen, seine Unlust, seine Aversion gegen alle spricht, was eine „Band“ sein könnte.

Chronologisch hin und her springend, immer einzelne Episoden erzählend (wie er Ray Wood traf und diesen dann nicht mochte, wie eine Bierdose in Töttensen verschwand, obwohl Dieter Bohlen gar nicht die Tür öffnete, wie zwischen New Wave und Dance plötzlich zwei Alben entstehen mussten, weil die „Zielgruppe“ einen solchen Spagat nicht verkraftet hätte, wie es überhaupt zuging im „Indie-Leben“ der 80er Jahre (und später), das ist schon anregend, ganz anders als gewohnt in Ton und Sprache im Buch nachzulesen.

Nicht selten fühlt man sich an Wiegald Boning einerseits oder an Olli Dietrich in einer seiner wunderbaren Persiflagen erinnert, folgt man allein dem Duktus der Formulierungen, die Dorau benutzt, aber auch einigen seiner „Werke“, vor allem der Filme, die schon bei der sachlichen Beschreibung im Buch dadaistische Züge annehmen.

„Die Filmleute mögen es nicht, wenn man sie verarscht. Was ich aber auch gar nicht getan hatte oder vorhatte“.

Aber vielleicht doch irgendwie dann doch so zu verstehen war?

Und trotz der Sprunghaftigkeit der Erinnerungen, die wie voneinander getrennte Episoden im Buch Niederschlag finden, nach einer Weile ergibt sich doch ein roter Faden, kristallisiert sich die „Denke“ Doraus heraus und ergibt sich ein umfassender und breiter Einblick in eine Zeit und Szene, die von außen betrachtet nur sperrigen Zugang ermöglicht.

Eine empfehlenswerte Lektüre der ganz anderen Art.

buch

Rom

Greg Woolf

EUR 29,95 *
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50

18.06.2015

„Alles gesagt?”


Ganze Legionen von Büchern sind bis dato aus allen erdenklichen Betrachtungswinkeln heraus über das römische Reich verfasst worden. Sei es als Gesamtdarstellung der Geschichte Roms, sei es als vielfache Untersuchungen und Darstellungen einzelner Aspekte der breiten und langen Geschichte des römischen Reiches.

Unbedingt bahnbrechend Neues ist somit von einer Neuerscheinung zur „Biographie eines Weltreiches“ nicht zu erwarten und so trifft der Leser in diesem Werk allseits bekannte, vertraute Inhalte an. Was im Übrigen der Freude an der Lektüre in keiner Form schadet.

Denn vor allem durch seinen sehr narrativen Stil, die teils legere Form der Darstellung und die interessante, andere, themenorientierte Gliederung gelingt es Greg Woolf fast spielend, die Geschichte Roms frisch und interessant neu zu erzählen.

Dass die „Freuden der Reichsherrschaft“ mit einem Unterkapitel zu einer sehr realen, dichten Beschreibung des Lebens im Reich (mit einem Seitenblick auf das wichtige griechische Geistesleben) einen ganz eigenen Ton in diese geschichtliche Darstellung mit hineingeben, ist dabei nur eine der erfreulichen Lektüre-Begleiterscheinungen.

Seien es die Feldherren, die Krisen der „letzten Großmacht“, die Kaiser am Ende der „freien Republik“, sei es vor allem die zentrale Frage nach der Integrität des römischen Reiches zu Zeiten seiner größten Ausdehnungen („Römer….verzweifelt gesucht“) bis hin zum (natürlich ebenfalls bekannten) Ende der Geschichte „Alles zerfällt“, durch die Bank stellt Woolf die Ereignisse vom Aufstieg des römischen Reiches bis zu dessen Zerfall (und einem Ausblick auf die „römische Zukunft“) fließend, mit Tempo und in fast romanhaftem Stil vor, ohne dabei auf gründliche Recherche und eine fundierte Quellenauswertung zu verzichten.

Das er zudem eine „Schnellübersicht“ dieser Geschichte komprimiert im ersten Kapitel vorlegt, ist ein weiteres technisches Hilfsmittel für den Leser, sich umgehend orientiert der weiteren Lektüre und ihren Vertiefungen zuwenden zu können.

Den Schwerpunkt legt Woolf bei all dem erklärtermaßen auf „das Reich als solches“.

Wie isst Rom gewachsen? Was waren die wichtigen Parameter, um Niederlagen gestärkt zu überstehen? Wie gelang es, aus chaotischen Zuständen nach Feldzügen überaus effizient und schnell geordnete Zustände zu schaffen.

Die „Schaffung und Erhaltung“ eines Weltreiches mit den entsprechend hohen logistischen und technischen Fähigkeiten ist somit der rote Faden, der das Buch durchzieht und immer wieder den Leser mit in den Bann dieses riesigen, zu seinen guten Zeiten dennoch sehr wendig und professionell geordneten und regierten Reiches zieht.

Eine sehr empfehlenswerte, ganz hervorragend zur umfassenden Betrachtung der Geschichte Roms geeignete Lektüre, die genügend auf weiterführende Literatur hinweist, um dem interessierten Leser dann stärkere Vertiefungen zu ermöglichen, so dies gewünscht ist.

buch

Wolkenläufer

Angela Köckritz

EUR 19,99 *
auf Merkliste

50

09.06.2015

„Individuelles aus dem „Reich der Mitte“”


Es sind schon teils sehr individuelle, besondere Menschen und Lebensweisen, denen Angela Köckritz in diesem Buch „mitten aus dem Leben Chinas“ nachgeht.

Nicht unbedingt ihre Treffen und ihr Portraits der beiden Architekten, die mit ihren innovativen Ideen ihren Platz im boomenden China behaupten.

Aber wenn sie einen „waschechten“ Römer in diesem kleinen Dorf in China aufsucht, dessen Physionomie sich vielleicht tatsächlich auf Kriegsgefangene aus dem Jahrhundert vor Christus zurückführen lässt und dieser dann tatsächlich als Beruf „Teilzeit-Römer“ angibt und in Legionärsrüstung posiert, dann ist das schon ein Lebensentwurf und eine Lebensgeschichte, die man in China kaum vermutet hätte.

Wobei Köckritz sehr geschickt und sehr flüssig zu lesen solche individuellen Besonderheiten im Buch immer auch nutzt, dem Leser fundiert Grundsätzliches zum Alltagsleben in China mit auf den Weg zu geben.

Das da um dieses Dorf mit seinen teils blau- und grünäugigen Bewohnern ein direktes Touristenzentrum mit Nachbauten alter europäischer Wahrzeichen und Gebäude entsteht, das ist eben auch eine Art des „chinesischen Weges“.

Wie Köckritz ebenso im Blick auf „den Hochstapler“ eine grundlegende Einführung in das System der „Beamtenhörigkeit“ vorlegt und diese besondere „Speichelleckerei“ mit einem kurzen, aber prägnanten historischen Exkurs auf die Entwicklung unter Mao und die Veränderungen unter seinen Nachfolgern historisch verankert.

Inklusive einer professionellen Einschätzung und Darlegung dessen, was Mao und, dann sehr verändert, seine Nachfolger unter „Sozialismus“ eigentlich verstanden haben.

„Für Mao war der Marxismus nie mehr als ein theoretischer Rahmen gewesen, eine kraftvolle Legitimation, als Praxisleitfaden hielt er ihn für unbrauchbar“.

Was so einiges erklärt an konsequenter und massiver Zerstörung traditionellen Denkens und Mao und die einzigartige Verbindung zwischen Kapital und Kommunismus seit Beginn der 80er Jahre in China.

Das nebenbei noch der „Meistverehrte Anwalt des einfachen Volkes“ kurz portraitiert wird und die verbreitet Haltung der „Kopie von allem“ in China angeführt wird, ergänzt diese historischen Hinweise in bester Weise.

12 Portraits, vom „Wandersänger“ über „Die Mätresse“ bis zum „Der Nachbar“ zeigen an sehr besonderen Lebenswegen und Lebenshaltungen immer auch einen grundsätzlichen, wichtigen Aspekt der Gegenwart und der Lebensweise Chinas auf, die dem europäischen Leser sachgerecht und anregend zu lesen auf diese Weise interessante und gute Einblicke verschafft.

12