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Name:
Xirxe Top 100 Rezensent
Ort:
Hannover
Rezensionen:
491 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 58

nicht hilfreich: 25

Rang:
54
Über mich:

lese und lese und lese....und trotzdem gibt es noch immer zu viele Bücher die ich nicht gelesen habe.

Xirxes Rezensionen

123

buch

Unsere Namen

Dinaw Mengestu

EUR 22,90 *
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40

17.09.2014

„Die Kraft der Liebe”

Zwei Erzählstränge umfasst dieses Buch, von denen einer sich langsam dem anderen annähert. Es ist Anfang der 70er in den USA, die Rassegesetze sind gerade einige Jahre zuvor aufgehoben worden, als die Sozialarbeiterin Helen den Auftrag erhält, sich um den afrikanischen Austauschstudenten Isaac zu kümmern. Es gibt nur wenige Informationen über seine Person und Helen beschleicht das Gefühl, dass er ein, wenn nicht mehrere Geheimnisse hat. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) verliebt sie sich in ihn, eine Liebe, die ihr bisheriges Leben völlig durcheinanderwürfelt.
Der zweite Erzählstrang berichtet von Isaacs Leben in Uganda und wie er zu dem Menschen wurde, den Helen kennenlernt. Es ist die Geschichte eines armen Dorfjungen, der in der Hauptstadt eher zufällig in Unruhen und die Anfänge einer Revolution gerät und Zeuge wird, wie aus Liebe Entsetzen und Terror entstehen können.
Mir gefiel die Geschichte dieser zwei Menschen, die einerseits so viel gemeinsam haben, andererseits aber unglaublich viel trennt. Bei Beiden löst die Liebe erhebliche Veränderungen aus, doch die Erfahrungen die Isaac macht, bleiben Helen in dieser Grausamkeit glücklicherweise erspart. Dennoch wird auch ihr Leben schwieriger, denn die Liebe zu einem Afrikaner in jenen Zeiten ist alles andere als erwünscht. Leider werden die gesellschaftlichen Hintergründe nur grob umrissen - mehr Details hätten das Buch sicherlich um einige 100 Seiten anwachsen lassen können, was ich jedoch nicht als Nachteil empfunden hätte.
So bleibt es bei einer, nein zwei Liebesgeschichten vor dem Hintergrund der 70er Jahre in Uganda und den USA.

Hörbuch

Galveston

Nic Pizzolatto

EUR 19,99 *
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40

16.09.2014

„Es ist zwar kein Krimi, aber trotzdem gut”

Roy Cady hat gerade keinen guten Lauf. Erst erklärt ihm der Arzt, dass er Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium habe; dann erteilt ihm sein Boss einen Auftrag, allerdings mit der Absicht ihn dabei umbringen zu lassen. Doch der Plan geht schief und Cody gelingt es zu flüchten. Mit dabei ist die junge Rocky, der er das Leben rettete sowie einige brisante Unterlagen, die seinen nunmehr Exboss derbe Schwierigkeiten machen könnten. Auf ihrer Flucht nehmen sie noch (gegen den Willen Roys) Rockys kleine Schwester Tiffany mit und mieten sich in Galveston an der texanischen Küste in einem schäbigen Motel ein.
Angekündigt wird diese Geschichte als Krimi bzw. Krimi Noir. Doch wer nun einen spannenden Reißer mit actionreichen Verfolgungsjagden oder ähnlichem erwartet, wird wohl enttäuscht sein. Sieht man von der Rahmenhandlung ab, einem überaus blutigen und gewalttätigen Beginn und (Fast)Ende, kann man das Ganze wohl eher als Introspektion eines Gangsters bezeichnen, der angesichts seines nahestehenden Todes eine Art Bilanz seines Lebens zieht, die nicht gerade berauschend ausfällt. Doch bevor er resigniert den Whiskyflaschen verfällt, entdeckt er eine weitere Seite an sich: Gegen seinen Willen beginnt er, sich für Rocky und ihre kleine Schwester verantwortlich zu fühlen...
Auch wenn die üblichen Action- bzw. Spannungselemente fehlen, mich hat diese Ich-Erzählung des Syndikat-Killers Roy Cady in seinen Bann gezogen, nicht zuletzt auch aufgrund der genialen Lesung Walter Kreyes. Seine leicht raue Stimme und sein lakonischer Tonfall geben die Person Roys überzeugend wieder - nichts wirkte aufgesetzt oder gekünstelt. Eine gute Geschichte in typischer Südstaatenmanier mit einem ebenso guten Vorleser!

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50

14.09.2014

„ In Mexiko ist es das Beste, wenn man ein hässliches Mädchen ist...”

...oder ein Junge.
Dass Frauen in vielen Gegenden dieser Welt unterdrückt, misshandelt und vergewaltigt werden, ist nichts Neues. Liest man jedoch diesen Roman, erhalten solche Fakten eine völlig andere Brisanz.
Die junge Ladydi erzählt uns von ihrem Leben im mexikanischen Guerrero, tief in den Bergen im Süden des Landes, wo Drogen- und Menschenhändler die Macht besitzen. Hier werden kleine Mädchen von ihren Müttern als Jungen verkleidet und als Teenager auf hässlich getrimmt: die Haare kurz geschnitten, die Zähne mit Filzer schwarz bemalt, alte Männerklamotten als Kleidung. Tauchen am Horizont SUVs auf, verstecken sich die Töchter in Erdlöchern. Dennoch werden immer wieder Mädchen entführt und verkauft, so auch eine der besten Freundinnen von Ladydi. Der Berg, auf dem sie mit ihrer Mutter wohnt, ist wie die übrige Gegend eine männerfreie Zone. Entweder sind die Brüder und Väter auf die Dealerseite gewechselt oder sie sind in die USA geflohen, wo sie ein neues Leben begonnen haben. Als Ladydi nach Acapulco geht um dort als Kindermädchen zu arbeiten, hofft sie die Schrecken ihrer Jugend hinter sich zu lassen. Doch nach kurzer Zeit findet sie sich in einem Alptraum wieder: sie wird des Doppelmordes an einem Drogendealer und seiner Tochter beschuldigt.
Jennifer Clement hat eine unglaublich bildhafte und direkte Sprache für ihre junge Protagonistin gefunden. Man sieht und fühlt die Szenarien unmittelbar vor sich und kann angesichts des alltäglichen Grauens und Elends, das die Frauen dort durchleben, nur ungläubig den Kopf schütteln. Es ist ein rauhes, heisses Land (über 40 Grad), das keinerlei Aussichten auf die geringste Chance einer Verbesserung verspricht. Die Drogenmafia regiert diese Gegend und man ist deren Wilkür vollkommen ausgeliefert.
Mir ist dieses Buch sehr nahe gegangen und ich kann nicht ausdrücken, wie dankbar ich dafür bin, in einem anderen Teil der Welt geboren worden zu sein.
Ansonsten bleibt nur, den letzten Satz von Ladydis Mutter zu wiederholen: Bete bloß, dass es ein Junge wird.

buch

Barbarische Hochzeit

Yann Queffelec

EUR 19,80 *
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50

04.09.2014

„Grausam und barbarisch gut”

Dies ist eines der wenigen Bücher, die ich aufgrund der darin enthaltenen Grausamkeiten immer wieder zur Seite legen musste, da mich der Versuch des Hineinversetzens in den Protagonisten stets auf's Neue zu sehr deprimierte.
Hauptfigur des Romans ist der kleine Ludovic, der das Kind einer brutalen Vergewaltigung der fast 14jährigen Nicole ist. Aus Scham vor sich selbst und den Nachbarn wird der kleine Junge auf dem Dachboden untergebracht, nein, besser: gefangengehalten, wo er zwar Essen und Trinken erhält (immer so, dass er nicht verhungern oder verdursten kann), jedoch keinerlei Zuneigung geschweige denn Liebe. Stattdessen schlägt ihm Wut, Verachtung und Hass entgegen, ohne dass er weiß weshalb, während er sich nach Zuwendung sehnt. Lediglich eine ferne Verwandte bringt ihm einmal die Woche für kurze Zeit etwas Zärtlichkeit und Herzenswärme entgegen, doch es reicht nicht um sein Bedürfnis nach Liebe zu stillen. Als Ludo sechs Jahre alt ist, wird seine Mutter mit dem Witwer Micho verheiratet, ein deutlich älterer, aber vermögender Mann mit einem etwas größeren Sohn als Ludo, der bereit ist, sich um Nicoles kleinen Jungen zu kümmern. Doch auch in dem neuen Zuhause wird Ludos Bedürfnis nach Zuwendung nicht erfüllt: Tatav, der Sohn Michos, schikaniert ihn ebenso wie Nicole. Und Micho, der einzige der dem kleinen Jungen gegenüber positive Gefühle hat, ist nicht in der Lage diese auszudrücken. So kommt Ludo nach ausdrücklichem Drängen seiner Mutter in ein Heim für 'Irre'. Doch auch hier findet er keinen Frieden, denn er hat nur einen Wunsch: geliebt zu werden von seiner Mutter.
Ich empfand die Geschichte ungeheuer grausam, wie diesem kleinen Kind nur Kälte und Härte entgegengebracht wird. Dass Ludo unter solchen Bedingungen ein merkwürdiges Verhalten aufweist, versteht sich vermutlich von selbst (ich musste während des Lesens immer wieder an Kaspar Hauser denken). Von seiten Anderer (insbesondere seiner Mutter) führt es jedoch dazu, ihn immer mehr zu hassen und auch zu fürchten. Erzählt wird die Geschichte fast vollständig aus Ludos Sicht, die sehr überzeugend wirkt, so dass man sowohl seine Sehnsucht nach menschlicher Nähe wie auch seine Verletzbarkeit beinahe körperlich spüren kann. Doch nicht nur Ludo ist ein Opfer fehlender Zuwendung: Nicole, die Heimleiterin, Micho, die anderen 'Irren' - alle sehnen sich nach Liebe.
So ist dieser Roman nicht nur eine grausame Geschichte über das unglückliche Leben eines ungewünschten Kindes, sondern zudem ein bemerkenswertes Plädoyer für die Liebe.

buch

Letzte Ernte

Tom Hillenbrand

EUR 8,99 *
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40

02.09.2014

„Xavier Kieffer ermittelt wieder”

Xavier Kieffer, der luxemburgische Koch, steckt wider Willen mal wieder mittendrin in einem Verbrechen. Ein Unbekannter stolpert offensichtlich betrunken in Kieffers Stand auf der Luxemburger Kirmes und verliert dabei Schlüssel und eine Magnetkarte. Als der Fremde am nächsten Morgen tot aufgefunden wird, rufen die beiden Männer, die am Vorabend nach ihrer eigenen Aussage ihren betrunkenen Freund heimbringen wollten, einen unguten Verdacht bei Xavier wach, der noch durch einen mysteriösen Anruf einer unbekannten Firma verstärkt wird, die die Rückgabe der Karte und der Schlüssel wünscht. Xavier beginnt zu ermitteln...
Auch in diesem dritten Band dreht sich der Krimi um ein aktuelles Thema: spekulative Wertpapiergeschäfte im Nahrungsmittelbereich. Doch keine Sorge: Selbst für völlig unwissende Lesende wird hier in verständlicher wie auch unterhaltsamer Form eine Art Einführung zu diesem Gebiet geliefert. Das Ganze ist um einen angenehm spannenden Krimi drumrum gestrickt, der wie üblich jede Menge luxemburgisches Lokalkolorit liefert (wobei mir einfällt: Ich war immer noch nicht dort ;-)).
Gefehlt haben mir indes die ausführlichen Koch- und Essbeschreibungen der vorherigen Bücher. Nicht, dass in diesem Band davon nicht die Rede wäre. Aber es fällt doch deutlich weniger detailgetreu aus und kommt auch seltener zur Sprache - was ich eindeutig daran festmachen kann, dass mir beim Lesen kaum das Wasser im Munde zusammenlief und ich dieses Mal an keinem Rezept Interesse zeigte.
Doch alles in allem: Eine schöne kurzweilige Krimiunterhaltung mit sympathischen Figuren und viel luxemburgischen Flair.

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40

29.08.2014

„Unterhaltsame und lebendige Familiengeschichte”

Auch wenn Luisas Eintritt ins Leben etwas, nun ja, ungewohnt luftig war, scheint sie doch ein vom Glück begünstigtes Kind. Ihre Mutter Aza lässt sie kurz nach der Geburt aus ihrem Zimmer im 5. Stock des Krankenhauses fallen, doch wie ein Wunder wird sie von Fergus' großen Händen aufgefangen, der zufällig gerade zur Stelle ist. Da Aza verschwunden ist, zieht Luisa zu ihrem Vater Paul in die Studenten-WG und ihr Lebensretter kommt gleich mit. So wächst die Kleine wohl behütet und geliebt in einem unorthodoxen Umfeld auf, sodass das Fehlen ihrer Mutter ihrem Vater mehr zu schaffen macht als Luisa. Als sich sieben Jahre später, wie der Zufall es will, ein Lebensumbruch für beinahe alle WG-BewohnerInnen abzeichnet und nun auch die ersten Fragen von Luisa nach ihrer Mutter kommen, entscheidet Paul, sich gemeinsam mit seiner Tochter auf die Suche nach Aza zu machen.
Drei Teile umfasst diese schön zu lesende Familiengeschichte, die von Luisa als 20jähriger erzählt wird: Zuerst von ihrem wohlbehüteten Aufwachsen in der WG und den dort lebenden und teilweise wechselnden BewohnerInnen. Dann folgt der Aufbruch mit ihrem Vater, um Azas Vergangenheit in Deutschland aufzuspüren und zuguterletzt machen sich die Beiden nach Brasilien auf, wohin Azas Spur führt und Paul eine Stelle als Referendar bekommen hat. Sehr liebevoll und lebendig werden all die Menschen beschrieben, die Luisa von klein auf um sich hat und ich konnte gut nachvollziehen, wie sie diese ihr zugewandte Aufmerksamkeit und Liebe zu einem glücklichen und fröhlichen Kind machte - auch ohne Mutter. Wie heisst es in einem afrikanischen Sprichwort: Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf. Hier ist es eine WG - und die macht ihre Sache gut :-)
Abwechslungsreich und überwiegend vergnüglich liest sich diese Suche nach Aza, denn selbst die traurigsten Stellen (und davon gibt es einige) bleiben es nicht allzu lange. Lediglich der Umstand, dass hier eine sehr junge Frau in einer derart lebendigen Wortvielfalt erzählt, die ich einer 20jährigen schlicht nicht zutraue (ich bitte schon im Voraus alle 20jährigen um Entschuldigung, falls ich ihnen Unrecht tue ;-)), wirkte zu Beginn etwas irritierend auf mich.

buch

Der Mann aus Zelary

Kveta Legátová

EUR 7,95 *
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50

26.08.2014

„Was wirklich zählt”

Dies ist ein kleines Büchlein mit einer Liebesgeschichte, die aber soviel mehr enthält als 'nur' eine zärtliche Romanze. 152 Seiten die deutlich machen, was wirklich wichtig ist im Leben, was wahre Liebe ist. Hört sich großspurig an? Nun ja, vielleicht. Doch lest selbst!
Eine junge Ärztin leistet in den Jahren 1942/43 für eine Widerstandsgruppe Kurierdienste, doch die Gruppe fliegt auf. Einige werden verhaftet, ihr verheirateter Geliebter flieht mit Frau und Kind ins rettende Ausland, andere versuchen ebenfalls zu entkommen. Ihr bester Freund drängt sie zur Flucht mit einem ihrer Patienten, einem Einfaltspinsel aus den Bergen, wie sie ihn selbst bezeichnet. Unter einem falschen Namen soll sie ihn heiraten um sich in Sicherheit zu bringen. Joza der Hinterwäldler, der in sie verliebt ist, willigt in diese Scheinehe ein und so bricht sie mit ihm in sein Dorf in den Bergen auf - nach Želary.
Dort erlebt sie eine Rückkehr zu den Wurzeln: ein einfaches schlichtes Leben. Und entdeckt nach und nach in ihrem Mann einen Menschen voller Liebe und Gefühl - ganz im Widerspruch zu seinem Äußeren. Legátová beschreibt das langsame Ankommen der jungen Frau aus der Stadt derart überzeugend und einfühlsam, dass man ihre sich ständig ändernden Empfindungen stets deutlich nachvollziehen kann. Was sie zuvor als tumbe Beschäftigung gefürchtet hat wie Kochen, Beeren sammeln usw. entwickelt sich zusehends zur völlständig befriedigenden Tätigkeit - neudeutsch würde man schreiben: Sie gerät immer öfter in einen Flow ;-) Sie lernt Menschen kennen, die in ihrem Tun voll und ganz aufgehen und darin glücklich sind, egal wie schwer die Last ist die sie zu tragen haben. Und ihren Mann, der ihr zu Beginn mehr Furcht als Wohlgefühl einflößte, lernt sie lieben obwohl ihr bisheriger Traummann das genaue Gegenteil von Joza ist.
Eine wunderschöne Geschichte die auf ungewöhnliche Weise zeigt, was im Leben wirklich wichtig ist.

buch

1:0 für die Idioten

Karlijn Stoffels

EUR 6,95 *
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50

20.08.2014

„Schonungslos offen”

Die 14jährige Louisa kommt in die Villa Strandlust, eine psychiatrische Unterbringung für Jugendliche, weil sie versuchte sich umzubringen. Sie erzählt ihre Geschichte selbst und entsprechend verwirrend ist der erste Eindruck. In ihr herrscht ein Druck, der irgendein Ventil sucht und so läuft und läuft und läuft sie, ihr Zimmer hoch und runter, runter und hoch. Das Summen in ihrem Kopf lässt sie ihn gegen die Wand hauen, sodass sie wiederholt in die 'Weichzelle' muss, wie es die Sozios (Therapeuten) nennen. Nachdem sich der Druck etwas verringert hat und Louisa auch keine Fluchtversuche mehr unternimmt, kommt sie in eine Gruppe mit anderen Jugendlichen, um langsam darauf vorbereitet zu werden, wieder am 'normalen' Leben teilzunehmen.
Louisa erzählt sehr offen und in ihrem so ganz und gar eigenem Ton von sich wie auch von den Gruppenmitgliedern, die eines offenbar verbindet: In ihrem jeweils eigenen Leben scheinen sie völlig einsam und verlassen zu sein, ohne zu irgend jemandem Vertrauen fassen zu können. Doch nach und nach werden die Hürden kleiner, und trotz mancher Rückschläge machen fast alle Fortschritte.
Die Sprache ist ungewohnt, denn Louisa berichtet sehr direkt, wie bestimmte Dinge auf sie einwirken und was sie in ihr auslösen. Während sie die Bedürfnisse der Anderen überraschend schnell erkennt, steht sie ihren eigenen eher hilflos gegenüber, sodass es zu plötzlichen 'Ausfällen' ihrerseits kommt, die in ihrer Heftigkeit immer wieder erschreckend wirken.
Alles in allem hat Louisa auf mich sehr überzeugend gewirkt und ich frage mich, wie sich die Autorin so tief in das Denken einer verletzten jungen Seele hineinversetzen konnte, um es derart glaubhaft darzustellen.
Ein teilweise sehr schonungsloses Buch, das einen aber nicht mutlos zurücklässt.

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30

20.08.2014

„Nette Spielerei für zwischendurch”

Nachdem Wissensquiz sowohl im Fernsehen, online wie auch als App der große Renner sind, darf die gedruckte Ausgabe ja wohl nicht fehlen. 149 Seiten hat dieses Buch und gerade mal eine Frage mehr als Inhalt - das ist doch etwas mager. Man hätte gut das Doppelte unterbringen können ohne dass die Lesbarkeit oder die Inhalte der Antworten darunter gelitten hätten. Statt dessen gibt es allgemeingültige Aussagen zum Thema Wissen (Ältere Teilnehmende schnitten besser ab als jüngere - wie überraschend) sowie zwei Interviews mit einem 'Wer-wird-Millionär'-Gewinner und dem Moderator Günther Jauch, was ich persönlich lieber durch zusätzliche Fragen ersetzt gesehen hätte.
Der Frageteil ist aufgegliedert in die fünf Abschnitte Politik, Geschichte, Wirtschaft, Kultur und Naturwissenschaften zu jeweils 30 Fragen, die entweder frei oder durch Auswahl beantwortet werden sollen. Vom Zeitraum her werden sowohl historische Ereignisse wie auch aktuelles Geschehen abgefragt, was das Buch vermutlich schneller altern lässt. Denn nicht alles Aktuelle ist es wert, auch nach vier oder fünf Jahren noch gewusst zu werden beziehungsweise hat sich einfach mittlerweile geändert (Zum Beispiel: Wie heisst der Chef der Europäischen Zentralbank? Jean-Claude Trichet). Ob es zur Allgemeinbildung dazugehört, berühmte Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Wirtschaft usw. auf einem Bild zu erkennen, sei dahingestellt. Doch immerhin werden durch die Fotografien das Layout des Fragenkatalogs aufgelockert.
Das Ergebnis ergibt sicherlich keine verlässliche Aussage über den eigenen Stand der Allgemeinbildung. Aber wie auch beim Quizduell ist das gemeinsame 'Abarbeiten' der Fragen ein netter Zeitvertreib - und man erfährt durchaus auch ein paar interessante wissenswerte (?) Dinge.

buch

Im Keller

Jan Philipp Reemtsma

EUR 8,99 *
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40

18.08.2014

„Ganz tief unten”

Ein Mann wird entführt und nach Zahlung von unglaublichen 30 Millionen DM nach 33 Tagen wieder freigelassen. Das hört sich nach einem Thema für eine spannende und actionreiche Räuberpistole an, doch 'Im Keller' ist eher ein psychologisches Kammerspiel als ein packender Kriminalroman. Jan Philipp Reemtsma, der im Jahre 1996 entführt wurde, berichtet des Geschehene aus drei Perspektiven: Zum einen die Außenseite (wie er es mit eigenen Worten bezeichnet) wie sie seine Frau und sein Sohn durchlebten. Dann folgen seine eigenen Erlebnisse soweit er sich daran erinnern kann, während er im dritten und letzten Teil zusammenzufassen versucht, was das ihm Widerfahrene in ihm auslöste.
Schon die gerade mal ersten 40 Seiten lösen beim Lesen eine anhaltende Erschrockenheit aus, obwohl es sich im Grunde genommen um nichts anderes als eine sachliche, chronologische Darstellung dieser 33 Tage und der Zeit danach handelt. Doch insbesondere das Verhalten der Presse war selbst damals (fast 20 Jahre liegt das Ganze zurück) so rücksichts- und respektlos, dass man nur ungläubig den Kopf schütteln kann ('Wenn man nicht will, dass einem ins Fenster hineinphotographiert wird (und man will nicht), muss man die Vorhänge vorziehen. ...man bleibt im Haus - das dann eben kein Zuhause mehr ist, sondern ein Versteck, das man abdichten muss gegen unbefugten Einblick.').
Die nächsten 100 Seiten beschreiben die Entführung selbst aus der Sicht des Opfers in der dritten Person Singular. Es ist der Versuch des Autors, das Ganze mit Abstand zu berichten um so auch zu zeigen, '...dass es keine Ich-Kontinuität von meinem Schreibtisch zu dem Keller gibt...'. Mir fiel es hier teilweise schwer, dem Ganzen zu folgen, da immer wieder ein Wechsel von der ersten zur dritten Person Singular eintritt, sobald der Autor aus seiner Perspektive den Geschehnissen etwas hinzuzufügen hat. Dennoch wird überdeutlich, welcher Druck in dieser Zeit herrschte: Würde er lebend den Keller verlassen, seine Familie wiedersehen? Wie würde er sterben? Würden sie ihn zuvor verstümmeln? Dennoch versucht er seine Würde zu bewahren so weit dies, gefesselt an eine Fußkette, möglich ist. Selbst sein Humor verlässt ihn nicht ganz.
Im letzten Teil mit knapp 70 Seiten analysiert Jan Philipp Reemtsma, was in diesem Keller mit ihm geschehen ist. Dies ist wohl der erschreckenste Teil des Buches, denn es wird überdeutlich klar, dass von dem Mensch der in solch eine Situation gerät, nicht mehr viel bleibt. Die Ohnmacht ist absolut und diese entsetzliche Erfahrung wird man wohl nie wieder los.
Ein bedrückendes aber auch lehrreiches Buch, das nicht immer ganz einfach zu lesen ist.

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