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Name:
Xirxe Top 100 Rezensent
Ort:
Hannover
Rezensionen:
517 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 62

nicht hilfreich: 25

Rang:
56
Über mich:

lese und lese und lese....und trotzdem gibt es noch immer zu viele Bücher die ich nicht gelesen habe.

Xirxes Rezensionen

123
auf Merkliste

40

30.03.2015

„Auch für Nichtfussballfans geeignet ;-”

Wenn ich eines sicherlich nicht bin, dann Fussballfan - selbst eine WM sehe ich wenn überhaupt, dann nur zu kleinen Teilen und auch ein deutsches Finale ist für mich kein unabdingbares Muss. Von mir also eine Lobeshymne auf dieses Buch zu erwarten ist sicher nicht selbstverständlich.
Doch wider Erwarten habe ich mich beim Lesen wirklich gut unterhalten. Der Autor, Fussballfan seit der WM 1966, die er mit sieben Jahren miterleben durfte, beschreibt seinen eigenen Enthusiasmus zu dieser 'schönsten Nebensache der Welt' mit erfreulich viel Selbstironie. Hauptthemen sind die Weltmeisterschaften 1990 und 2014 - beides Jahre, in denen Deutschland Weltmeister wurde. 1990 lag er mit gebrochenem Wadenbein (natürlich vom Fussballspielen) wenig mobil in seiner Wohnung, sodass er kurzerhand sein Wohnzimmer zum WM-Studio umwandelte. Umgeben von sehr guten Freunden, alles Experten wie er selbst, war somit garantiert, dass vor, nach und selbstverständlich während den Spielen fundierte Fachgespräche zwischen ausreichend Bier, Chips und Rollmöpsen stattfinden konnten (Zitat: "...ein gesundheitsgefährdender Spielrhythmus, der bis zum Viertelfinale täglich Leber wie Lunge attackieren würde."). 24 Jahre später, immerhin gesund, findet das Mitfiebern an verschiedenen Orten mit wechselnder Besetzung statt: daheim mit ebenfalls mitbibbernder Freundin, gemeinsam mit der 15jährigen Tochter, mit KollegInnen beim Arbeitgeber usw. Und trotz des mittlerweile gesetzteren Alters und deutlich weniger Alkohol tut es der Begeisterung des Autors keinen Abbruch. Jochen Staat hat einen locker-leichten Schreibstil, wobei er Dinge sehr offen und direkt beschreibt, was wie seine bildhaften Formulierungen zur vergnügten Lektüre beiträgt (Zitat zum Spiel Deutschland-Schweden, WM 1974: 'Das Rheinstadion wurde umgegraben wie ein Kartoffelacker, offensichtlich auf der Suche nach den dort verbuddelten urdeutschen Tugenden.').
Für Fussballfans hat das Ganze sicherlich einen hohen Wiedererkennungswert, während der Rest sich immerhin gut unterhalten kann und bei Einigen vielleicht das Verständnis für die LiebhaberInnen der 'schönsten Nebensache der Welt' vergrößert. Bei mir zumindest ist es gelungen ;-)

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40

30.03.2015

„ Nicht immer ist die Erfüllung eines Traumes das große Glück”

Felix hat alles, was man braucht um glücklich zu sein - eigentlich. Einen tollen Job mit vielversprechenden Karriereaussichten, eine wunderschöne ebenso erfolgreiche Freundin und eine Familie, mit der er sich noch immer eng verbunden fühlt. Doch von jetzt auf gleich bekommt er allergische Anfälle und die Diagnose ist alles andere als schön: Es sei die Folge auf zu große emotionale Reaktionen - eine Glücksallergie, wie Felix schnell klar ist. Aus diesem Grund versucht er auf jedem erdenklichen Weg sich schlechte Laune zu verschaffen, um sein Glück besser zu verkraften. Glücklicherweise ist seine neue Kundin Ruby eine Nervensäge hoch zehn, was dazu führt, dass er mehr Zeit mit ihr verbringt als ihm lieb ist - eigentlich...
Selten bin ich in einem Buch auf eine sympathischere Hauptfigur gestoßen wie hier. Felix berichtet in Ich-Form von seiner 'Krankheit' und das in einer Weise, dass ich immer das Gefühl hatte, hier sitzt mir ein guter Freund gegenüber, der mir das alles gerade direkt erzählt. Das führt dazu, dass man nur noch weiterlesen möchte, was auch dadurch erleichtert wird, dass Alles als Blogbeitrag geschrieben wird in einem Stück ohne Unterbrechung. Mich hat es nicht weiter gestört, ausser dem 'die Zeit vergessen' und lesen, bis einem die Augen zufallen. Aber das ist ja nicht die schlechteste Empfehlung für ein Buch, oder ;-) ?
Alles in allem eine schöne, kurzweilige und amüsante Unterhaltung mit dem mehr oder weniger indirekten Hinweis, vielleicht etwas genauer hinzuschauen, wo und was das Glück denn wirklich ist.

buch

Immer schon vegan

Katharina Seiser

EUR 25,00 *
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50

30.03.2015

„Einfach schön und lecker!!!”

Vegan ist ja voll im Trend und so scheinen entsprechende Kochbücher im Minutentakt auf den Markt zu kommen. Was mich dabei jedoch häufig stört: Die Zutaten der Speisen sind in normalen Supermärkten nur schwer zu bekommen und wirken so exotisch, dass Kiwis schon fast wie eine heimische Pflanzenart anmuten. Tofu gibt es mittlerweile ja sogar bei Discountern, aber Sachen wie Seitan, Tempeh, Guakernmehl oder Agar-Agar - ist das wirklich notwendig?
Da kam mir Katharina Seisers Kochbuch gerade recht. Bereits von ihrem 'Italien vegetarisch' war ich sehr begeistert, da es zumeist einfache aber überaus leckere Rezepte enthält. Und auch dieses Kochbuch hier hat mich nicht enttäuscht.
Die Aufmachung allein macht schon Einiges her: In leuchtend gelbem Leinen gebunden mit grünen Gemüseillustrationen - es ist schon eine Freude, es in der Hand zu halten. Die Rezepte sind in bewährter Manier übersichtlich angeordnet: Eine Seite Rezept mit Zutatenliste, die gegenüberliegende Seite ein ansprechendes Photo der Mahlzeit. Sortiert ist alles nach Jahreszeiten, was auch Sinn macht, da die Hauptzutaten für diese Essen Gemüse sind und es daher sinnvoll ist, das zuzubereiten, was der Garten bzw. der Markt zur Zeit anbietet. Zusätzlich gibt es am Ende noch ein jahreszeitenunabhängiges Kapitel und zu Beginn eine Übersicht über die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen und worin diese enthalten sind. Die Rezepte sind meistens nicht allzu schwierig und bei der Zutatenliste liegt die Exotik mehr bei den Gemüsesorten und Gewürzen, denn überwiegend liegt deren Herkunft nicht gerade bei uns um die Ecke. Es gibt viel aus Asien, dem Nahen Osten aber auch aus Süd- und Osteuropa. Das leuchtet auch ein: Gemüse ist dort in großer Vielfalt aufgrund der Wetterbedingungen so gut wie das ganze Jahr verfügbar, während Mittel- und Nordeuropa eher mit seinem Kohl und seinen Kartoffeln auskommen musste (vermute ich mal ;-)).
Wer einen Einstieg in die vegane Küche sucht, wird mit diesem Kochbuch überaus gut versorgt sein, denn die Sachen sind durchweg lecker (zumindest die, die ich bisher versucht habe).

buch

Phantom

Jenk Saborowski

EUR 9,99 *
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40

30.03.2015

„Untergetaucht”

In unserer modernen Welt scheint es kein Entrinnen mehr zu geben: wohin wir gehen, mit wem wir sprechen, was wir kaufen, wem wir mailen - Alles ist unter der Kontrolle der scheinbar allmächtigen Geheimdienste. Weil Jeder glaubt, auf den Komfort nicht verzichten zu können, den elektronische Dienstleistungen uns bieten. Doch eine salafistische Terrorgruppe unterläuft diese Allmacht, indem sie bewusst all diese Bequemlichkeiten vermeidet, um so ihren Anschlag in der BRD ungestört vorbereiten zu können. Doch mit einiger Verzögerung kommt man auf ihre Spur - rechtzeitig?
Mit einer relativ langen Vorgeschichte (ca. die Hälfte des Buches) wird u.a. die Rekrutierung dieser Terroristen beschrieben, die alle aus Deutschland stammen. Immer wieder wird auch deutlich gemacht, wie leicht es Salafisten und anderen Menschenfängern gemacht wird, insbesondere junge Erwachsene auf ihre Seite zu ziehen, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen und/oder keinen Halt besitzen. Denn sie bieten beides: den Sinn im Hier und Jetzt wie auch im Jenseits und die Unterstützung und den Rückhalt durch die Gemeinde. Doch wie schon geschrieben, das macht nur einen eher kleinen Teil der Vorgeschichte aus. Daneben gibt es die Undercoveraktion von Solveigh Lang in Südamerika, die durchaus spannend ist, mit der eigentlichen Geschichte aber nur wenig zu tun hat. Meiner Meinung nach hätte man daraus durchaus ein eigenes Buch machen können.
Für mich war dieser vierte der erste Band der Solveigh-Lang-Reihe, den ich gelesen habe. Wobei ich mich nach dem Lesen etwas wunderte, weshalb es nicht Paul-Regen-Reihe heißt, denn er scheint mir fast mehr im Mittelpunkt zu stehen als Solveigh. Aber egal: Ich finde, 'Phantom' ist ein spannender Krimithriller, bei dem man zwar bereits von Beginn an die Täter kennt, aber bis zum Ende mitfiebert, ob der Anschlag verhindert werden kann. Ich denke, ich werde mir die anderen Bände dieser Reihe auch mal genauer anschauen ;-)

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40

30.03.2015

„Ein normales Leben? Hoffentlich nicht!”

Seit 18 Jahren lebt der Schweizer Andreas als Lehrer in Paris, ein Tag so unspektakulär wie der andere. Seit er die Chance vertan hat, sich seiner Jugendliebe Fabienne zu offenbaren, nimmt er das Leben wie es kommt und verschwendet keine Energien darauf, den Ablauf seines Daseins zu verändern oder Beziehungen zu vertiefen. Nichts berührt ihn wirklich, seine Freundschafts- wie auch Liebesverhältnisse und die Verbindungen zu seiner Familie bleiben oberflächlich, als ob mit der Nichterfüllung seiner Liebe zu Fabienne jegliches Interesse an Anderen erloschen sei. Erst als der Verdacht entsteht, er habe eine ernsthafte Krankheit, beschließt er aus dieser Monotonie seines Lebens auszubrechen.
Obwohl ich das Buch gerne gelesen habe, fällt es mir nicht leicht, es Anderen zu empfehlen. Die Handlung ist weder übermäßig spannend geschweige denn humorvoll, der Protagonist dröge und eher langweilig - weshalb sollte man es dann lesen? Vielleicht weil es ein Abbild des wahren Lebens ist, gerade in dieser Gleichförmigkeit, wo sich kaum ein Tag vom anderen unterscheidet. Doch letzten Endes liegt es nur an einem selbst, dies zu ändern. Andreas' Krankheit veranlasst ihn dazu: Statt in seinen Träumen weiter zu verharren und den verpassten Chancen nachzutrauern, ergreift er selbst die Initiative und erkennt, dass die Träume nur wenig bis nichts mit der Realität zu tun haben. Das echte Leben befindet sich genau vor ihm, er muss nur den Schritt hineinmachen.
Ein Buch, das weniger Unterhaltung bietet als Stoff zum Nachdenken.

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50

30.03.2015

„Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne (Jean Paul)”

Der 12jährige Bobby hat es nicht leicht: Seine Mutter ist von einem Tag auf den andern verschwunden und so lebt er nun alleine mit seinem jähzornigen Vater und dessen klatschsüchtiger Freundin unter einem Dach. Sein einziger Halt ist sein Freund Sunny und die Spuren seiner Mutter zu archivieren: Haare, Kleidungsstücke, Bürsten, alles was er finden kann. Doch dann verschwindet auch noch Sunny und er droht zu verzweifeln, aber die plötzliche Freundschaft zu Rosa, einem Nachbarmädchen und deren Mutter Val gibt ihm neuen Mut. Als sich dann plötzlich jede Menge Schlamassel ankündigt, brechen die drei mit einem gestohlenen Bibliotheksbus zu einer Abenteuerfahrt auf. Und ein Abenteuer wird es...
Eine richtig schöne herzerwärmende Geschichte, die jedoch ebenso ein nicht gerade kleines Maß an Traurigkeit zu bieten hat. Wie Bobby seine Mutter vermisst, von seinem Vater und Klassenkameraden drangsaliert wird ebenso wie Rosa von größeren Jungs, wie bei der ganzen Unternehmung stets die Ahnung mitschwingt, dass es kein gutes Ende nehmen wird - das ist nicht gerade amüsante Unterhaltung. Doch dem Autor gelingt es immer wieder, diese allzu traurigen Momente mit wenigen Worten in eine heitere Situation zu verwandeln. So war ich beim Lesen hin und her gerissen zwischen traurig und wunderschön - ach, es ist einfach Beides.
Natürlich kommen auch die Bücher nicht zu kurz, schließlich findet die Reise ja in einem Bibliotheksbus statt. Val, die Rosa viel vorliest, führt auch Bobby ans Lesen heran. Und so beginnt er alles zu verschlingen, was ihm in die Finger fällt und stellt fest, dass viele Abenteuer die er kurz zuvor gelesen hatte, er selbst in ähnlicher Form erlebt. Auch das Ende (das ich natürlich nicht verrate) ereignet sich durch die Inspiration eines Buch.
Alles in allem: einfach schön!

buch

In guten Kreisen

Amber Dermont

EUR 22,00 *
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40

30.03.2015

„Segeln gegen den Wind”

Es ist Ende der 80er: Jason gehört mit seinen 18 Jahren zu den reichen jungen Erwachsenen, die sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen müssen. Die Familien haben Geld, mehr als genug, man genießt das Leben und irgendetwas wird sich schon ergeben. Doch Jason fühlt sich nicht zugehörig zu seinen Altersgenossen. Seine Liebe gehört dem Segeln zusammen mit seinem besten Freund Cal, doch als dieser sich umbringt, gerät Jasons Leben in Schieflage. Er wechselt das College und kommt in ein Internat, wo alle mit dem entsprechenden 'Hintergrund' ihr Abschlusszeugnis erhalten werden. Dort lernt er Aidan, eine Aussenseiterin, kennen, mit deren Hilfe er vorsichtig beginnt, Cals Tod zu verarbeiten. Doch bei einem schweren Sturm stirbt sie unter merkwürdigen Umständen und Jason ist wieder allein.
Es scheint eine recht unspektakuläre Geschichte zu sein, die hier erzählt wird: Ein 18jähriger, der mühsam versucht, seinen eigenen Weg zu finden und dabei immer wieder auf die Vergangenheit schaut. Doch Jason als Ich-Erzähler schildert mit überraschend genauem, empfindsamen Blick und auch mit Humor das Leben in dieser Luxuswelt, in der man die eigenen Privilegien als selbstverständlich hinnimmt und auf Andere, denen es nicht so gut geht, mit Gleichgültigkeit wenn nicht sogar Verachtung herabsieht. Jason versucht anders zu sein, was nicht so einfach ist, denn er stößt dabei immer wieder auf Misstrauen vonseiten der Menschen, die ausserhalb seiner Welt leben. Viele Vorurteile über das Leben der Reichen werden bestätigt (Oberflächlichkeit, Arroganz, Egoismus...), doch es wird auch klar, dass diese Jugendlichen letzten Endes zu großen Teilen nur ein Produkt ihrer Erziehung sind.
Ein schön zu lesender Roman mit einem Einblick in eine andere Welt, der mir persönlich nur etwas zu viel Segelsprache enthielt. Manche Seiten habe ich deshalb einfach quer gelesen, da ich eh nichts verstanden habe ;-)

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30

30.03.2015

„Eine Hymne auf Montana”

Montana ist die Heimat von Alma, doch mittlerweile lebt sie als erfolgreiche Anwältin in Seattle, hängt aber noch immer mit ganzem Herzen an diesem rauen, wunderschönen Land mit seinen einsilbigen Menschen, auch wenn sie es vor sich selbst nicht zugeben möchte. Als der überraschende Tod ihrer jüngeren Schwester Vicky sie mehr oder weniger nötigt in ihre Heimatstadt Billings zurückzukehren, sieht sie sich gegen ihren Willen gezwungen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dazu belastet sie der mysteriöse Tod ihrer Schwester, bei dem es einige Ungereimtheiten gibt wie auch die Sorge um ihre Nichte Brittanny. Nur wenige Tage will Alma in Montana verbringen, doch diese gestalten sich als eine Herausforderung, wie die toughe Anwältin noch keine zu bewältigen hatte.
Mehr oder weniger sind es eigentlich zwei Geschichten die hier erzählt werden. Zum Einen die Aufklärung der Umstände die zum Tode Vickys führten, zum Anderen Almas Gefühlsleben, das durch die Rückkehr in ihre Heimat und der Begegnung mit ihrer früheren Liebe in ein heftiges Chaos gestürzt wird. Während mir Ersteres zusagte (recht spannend mit einer für mich überraschenden Auflösung), empfand ich den anderen Teil zunehmend eher nervig. Nicht nur die Sprache störte mich ("Alma begreift allmählich die ozeanische Gewalt ihrer Gefühle..." S. 138 oder "...Bergkuppen, die wie Halbgötter über der Herrlichkeit eines Universums aus Hochebenen thronten." S. 152), auch die Vorhersehbarkeit der Handlung. Wer kriegt wen, wer macht was, die Guten (wenn auch mit kleinen Fehlern) sind in Montana, die Schlechten in der Stadt. Nach ca. 1/3 bis zur Hälfte des Buches ahnte ich, wie es ausgehen würde - und so war es denn auch, wie ich am Ende leider feststellen musste (aber, wie schon geschrieben, nicht beim 'Krimiteil').
So fällt mein Resümee etwas unentschieden aus: Die Aufklärung der Todesursache von Vicky habe ich mit Freude gelesen, Almas Gefühlsleben und Vergangenheitsbewältigung war nicht so mein Fall.

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40

30.03.2015

„Poetische Rückblicke”

Als Zehnjährige floh die Autorin gemeinsam mit ihren Eltern aus Vietnam und gelangte über Malaysia nach Kanada. In kurzen Stücken, die selten mehr als eine Seite umfassen, blickt die nunmehr 40jährige in diesem Buch in nicht chronologischer Reihenfolge zurück auf ihre Vergangenheit und die ihrer Familie. Viele dieser Erinnerungen bergen den Ansatz für den Sprung zu einer anderen in sich.
Ein Beispiel: Sie berichtet von Kindern der GIs in Vietnam, die zumeist Waisen und/oder Obdachlose wurden. Einem dieser ehemaligen Kinder, einer mittlerweile jungen, obdachlosen Frau, begegnet sie in New York ohne ihr helfen zu können. Dabei erinnert sie sich an einen Onkel, der in Princeton seinen Doktor in Statistik machte und sie fragt sich, ob er die Anzahl der Risiken und Hindernisse berechnen könnte, denen diese junge Frau ausgesetzt war. Davon ausgehend überlegt sie, ob ihm dies auch mit der Berechnung der Wahrscheinlichkeit des Überlebens von Herrn An möglich wäre. Auch Herr An, ein früherer Richter und Universitätsprofessor, ist ein Flüchtling, der Grauenvolles durchmachte und ihr 'die Nuancen gelehrt' hat so wie Herr Minh in ihr den Wunsch zu schreiben weckte. Der Herr Minh, der an der Sorbonne französische Literatur studiert hatte. Und so weiter...
Menschen und Geschehnisse aus der Vergangenheit wecken Erinnerungen an Bekannte aus jüngerer Zeit und andersherum. Und so entsteht nach und nach ein Bild eines vielschichtigen, bunten Lebens, das neben Leid und Schmerz auch viel Wärme und Freude erlebt hat. Besonders eindrucksvoll empfand ich die Liebe und Dankbarkeit zum Dasein, die immer wieder durch die poetischen Sätze hervorklingen trotz all der entsetzlichen Dinge, die Kim Thúy erlebt hat. Ein berührendes Buch!

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40

30.03.2015

„Schach - das Eintauchen in den Ozean”

Ein kleiner Junge, geboren mit zusammengewachsenen Lippen und entstellt durch eine verpfuschte Operation, entdeckt (indirekt durch einen Toten) seine Liebe zum Schachspiel. Ein ehemaliger Busfahrer, der jetzt als Hausmeister im Wohnheim seiner früheren Kollegen arbeitet und nun in einem ausrangierten Bus lebt, lehrt dem Kleinen die Regeln, aber auch den tieferen Sinn für das Spiel. Dieser taucht völlig darin ein, in 'Ein Meer, in dem Elefanten baden.', zumal er dort einen der wenigen Freunde wiederfindet, die er hat: Es ist Indira, ein verstorbener, früher auf dem Dach eines Kaufhauses lebender Elefant, den er in seinen Läufern wiederentdeckt (statt des Läufers gab es ursprünglich eine Figur 'fil' bzw. 'alfil', was Elefant bedeutet. Im Russischen heisst der Läufer noch immer Elefant.) Durch die Vermittlung seines Lehrers erhält er die Möglichkeit, in einem mysteriösen Schachclub zu spielen, jedoch nicht wie üblich an einem Tisch sondern unerkannt in einem Schachautomaten, was dem kleinen Jungen sehr entgegenkommt. Denn seine Fähigkeiten entfaltet er am besten, wenn er unter dem Tisch sitzt und das Spiel von unten betrachtet. Sein Können spricht sich herum und so erhält der Schachautomat schon bald den Namen 'Kleiner Aljechin' nach einem berühmten Schachweltmeister.
Es ist eine Geschichte, die zu Beginn trotz ihres poetischen Stils recht realistisch anmutet. Doch je weiter sie fortschreitet, umso unerklärlicher und seltsamer wirkt das Geschehen. Für den Jungen, der beschließt nicht mehr zu wachsen ('Größerwerden ist eine Katastrophe'), ist Schach nicht nur ein Zeitvertreib, sondern das Leben, einfach alles. Mir schien es immer mehr wie eine Art des Zen: Der Junge als Zen-Schüler, der durch seinen Meister an die Praxis herangeführt wurde und diese immer weiter verbessert hat (lt. Wiki: 'Ein anderer, ebenso wichtiger Teil der Zen-Praxis besteht aus der Konzentration auf den Alltag. Dies bedeutet einfach nur, dass man sich auf die Aktivität, die man gerade in diesem Augenblick ausübt, vollkommen konzentriert, ohne dabei irgendwelchen Gedanken nachzugehen.'...'Den Schülern wird die Bereitschaft zur Aufgabe ihres selbstbezogenen Denkens und letztlich des Selbst abverlangt.'), bis am Ende die Erleuchtung steht. Lt. Wiki '...ein oft plötzlich eintretendes Erleben universeller Einheit, d. h. die Aufhebung des Subjekt-Objekt-Gegensatzes...'.
Ob dies nun stimmen mag oder nicht, in jedem Fall ist es eine schöne, poetische und etwas märchenhafte Geschichte, deren eigentliche Bedeutung sich ohne Hinweise wohl nie erschließen wird. Aber muss man immer alles verstehen ;-) ?

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