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Name:
Polar
Ort:
Aachen
Rezensionen:
343 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 266

nicht hilfreich: 388

Rang:
106

Polars Rezensionen

12

buch

Traumnovelle

Arthur Schnitzler

EUR 4,95 *
auf Merkliste

50

03.02.2009

„Aus der Traum”

Mit dem Seziermesser hat Arthur Schnitzler das gehobene Bürgertum wie die adelige Gesellschaft seiner Zeit beobachtet und beschrieben. Ihre geheimen Wünsche haben schon im Reigen auf den Bühnen für einen Skandal gesorgt. In der Traumnovelle geht der Autor subtiler vor. Der Seitensprung ist hier etwas, was erträumt, erdacht und zur Qual wird. Fridolin und Albertine geraten in Versuchung und setzen ihre Ehe aufs Spiel, indem sie ehrlich zueinander sind. Dass dies nicht unbedingt der beste Ratschlag ist, muss der Arzt feststellen, als seine Ehefrau ihm von einem Traum erzählt und unglücklich zu sein scheint, vor ihm noch nie mit einem Mann zusammen gewesen zu sein. Wegen eines Patientenbesuchs muss der Arzt aus dem Haus und streift von da an durch das nächtliche Wien, getrieben von dem Gedanken an Albertine und ihren Sehnsüchten. Er durchlebt seltsame Begegnungen, beinah kommt es zu einem Duell und landet schließlich auf einem erotisch aufgeladenen Kostümball, zu dem er sich die Parole erschlichen hat und als ungebetener Gast entlarvt wird. Schnitzler versteht sich darauf, die Demaskierung seines männlichen Helden als schlechtes Gewissen darzustellen, seine Entwurzelung durch einen einzigen Traum, als etwas zu beschreiben, was längst in ihm ruhte und nun ausgebrochen ist, ohne dass es sich wieder einfangen lässt. Als es gegen Ende zu einem Geständnis kommt, empfindet der Leser die mühselige Beibehaltung dieser Ehe wie die Vertreibung aus einem Paradies, das sowohl Albertine als auch der Arzt für sich maßgerecht geschneidert hatte. Außerhalb des Traums jedoch, im Alltag hat das Paradies nie existiert.

7 von 8 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Verdammnis

Stieg Larsson

EUR 9,95 *
auf Merkliste

50

28.01.2009

„Im Netz verfangen”

Wie einfach ist es doch einen Thriller zu schreiben. Wenn man's kann. Stieg Larsson braucht keine exotischen Schauplätze, kein modernes Waffenarsenal, keine Explosionen, sein Schauplatz ist der Alltag, der Schmutz von Sehnsüchten, Versprechungen, Hoffnungen, aus denen sich Geld pressen lässt, sobald sie zum Geschäft werden. Im Mittelpunkt seines zweiten Bandes um Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist steht vordergründig der Mädchenhandel, der den Stoff für eine brisante Enthüllungsgeschichte ergibt, dessen Verstrickung bis in den internationalen Geheimnisdienst dazu führt, das aus dem geplanten Buch darüber zwei Morde erwachsen und ein Dritter der Vertuschung dient. All dies wäre weniger interessant, würde Larsson nicht über ein Personal in seinen Büchern verfügen, die ihre Unzulänglichkeit geradezu vor sich hertragen. Selbst Helden sind bei Larsson nur aus dem Unglück Gestrauchelte, die darauf vertrauen wollen, nicht erneut belogen oder hintergangen zu werden. Das Misstrauen treibt die Handlung um die faszinierende Figur der Lisbeth Salander voran, die moralisch von einigen Lesern sicher nicht goutiert werden kann, da sie strafrechtlich zumeist in der Schattenwelt agiert, und deren konsequente Loslösung von menschlichen Beziehungen ihr jene Freiheit eröffnet, Talente zu entwickeln, die anderen fremd bleiben. Ihr Hass ist unverblümt. Er ist konkret auf Menschen in ihrem Umfeld gerichtet. Ihr Leben jedoch erscheint so bizarr zu überzeugen, dass ihr John-Wayne-Ritt zugunsten der Vergeltung auf Verständnis trifft. Mikael Blomkvist die blankere Seite der Moral glaubt, mit ihr befreundet zu sein. Obwohl sie sich ihm entzogen hat, beharrt er auf der Unschuld der in Verdacht geratenen Mörderin. Die Fäden in Larssons Thriller sind so fein gesponnen, dass der Wechsel vom Mädchenhandel in die Familiengeschichte Lisbeth Salanders nahtlos vor sich geht. Selbst der Zufall, selbst eine Dreiviertel Tote, die sich aus ihrem Grab erhebt, stören da nicht. Vielmehr erinnert man sich an die griechischen Tragödien erinnert, deren großen Gesten dazu führen, Zuschauer, wie Leser zu fesseln, um von einem menschlichen Abgrund zu berichten. Larsson beschreibt eine weibliche Verdammnis als kriminalistisches Oratorium, in der Hoffnung, dass irgendjemand darin überlebt, um davon erzählen zu können.

4 von 5 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Kalte Herzen

Tess Gerritsen

EUR 9,99 *
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40

20.01.2009

„Auf dem Operationstisch”

Dieser Thriller ist nichts für jemanden, der nicht gerne zum Arzt geht und weißen Kitteln misstraut. Abseits der bewährten Serientäter, die Jane Rizzoli jagt, erzählt Tess Gerritsen in Kalten Herzen mitten aus dem Operationssaal, einem Bereich, in dem sie sich bestens auskennt. Und so führt die Autorin uns durch eine Welt, in der Entscheidungen über Leben und Tod gefällt werden, wo jegliche Moral am besten ausgeklammert wird, um Karriere zu machen und das Gewinnstreben zur obersten Maxime erklärt wird. Natürlich gibt es auch da Menschen, die sich einen Rest Mitgefühl bewahrt haben und Fragen stellen, die Kollegen unangenehm sind. Auch wenn gleich zu Beginn. der Plot um russischen Organhandel durchscheint, auf den Gerritsen ein Polizist aufmerksam gemacht haben soll, gelingt es ihr, der angehenden Chirurgin Abby zunehmend eine Schlinge um den Hals zu legen. Das Ganze beginnt, als sie sich entscheidet, einem Jungen zu helfen, der ohne Transplantation sterben würde, und die Erfahrung machen muss, dass man sich besser nicht gegen das eigene Krankenhaus stellen sollte, wenn ein reicher Ehemann auf Rache sind. Die Götter in Weiß sind nicht unangreifbar. Auch sie kann man mit fingierten Prozessen überhäufen. Brenzlig wird es erst wenn die Kollegen einen im Regen stehen lassen. Dem Plot fehlt es mitunter an Spannung, erinnert in ihrer Chefetagenkriminalität an Die Firma von Grisham doch die Innenansicht macht das platte Konstrukt wett. So abschreckend, dass man sich ernsthaft fragt, ob man seinen Spenderausweis noch bei sich tragen will. Als Ersatzteillager ohne Einfluss wandert eine Niere schon mal in den Müll, wenn sich zu gegebener Zeit kein Abnehmer findet, während vielleicht Herz und Leber auf Wanderschaft gehen. Allein der Gedanke, dass mit einem gehandelt wird, macht die Galle schon unbrauchbar.

4 von 7 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Die Abrechnung

Andy McNab

EUR 8,95 *
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50

14.01.2009

„Unter Söldnern”

Andy MacNab kennt sich aus. Er entwirft nicht irgendwo einen hochdramatischen Krieg auf der Welt, um unser aller Untergang zu beschreiben. Er zeigt das Sterben im Schatten, dort wo niemand hinsehen will. Der Tod versteckt sich in Afrika. Als Stellvertreterkrieg. Wenn MacNab davon erzählt, wie er um Rohstoffe geführt wird, damit die Zulieferindustrie für Handys andere Luxusprodukte weiterhin billige Produkte auf den Markt werfen kann, wird der Bogen überall dorthin gespannt, wo man sich am liebsten hinter Soaps versteckt und gleichzeitig mit dem besten Freund, der besten Freundin zum Flatrat-Tarif telefoniert. Gleichzeitig bekriegen sich in Afrika unterschiedliche Machthaber, teilen ein Land in Süden und Norden auf, kontrollieren es mit Hilfe von unter Drogen gesetzten Kindersoldaten und Minenarbeitern, die ihr Leben fristen. Es gilt, den Einfluss zu sichern. Wird ein Machthaber gestürzt, muss man den nächsten installieren. MacNabs Geschichte verlässt sich dabei auf den Abenteurer Nick Stone, der angewidert von einer misslungen Militäraktion sich ins Privatleben zurückgezogen hat. Wäre da nicht Silke, die sich berufen fühlt, in einem der härtesten Krisengebiete in einem Flüchtlingslager zu helfen, und Stone so in den Konflikt um eine Miene zieht, die Rebellen in die Hand zu fallen droht. Als ehemaliger SAS Agent kennt sich MacNab mit Waffen, mit Militäraktionen und dem Chaos gegenseitigen Abschlachtens aus. An manchen Stellen wuchert das Militärische allzu sehr, auch gehorcht das Ende dem Diktat des Genres, dass die Bösen gerichtet werden müssen, doch verliert der Autor sein Anliegen nicht aus dem Blick, die Not und das Elend von Kindern zu beschreiben, die Hass erfüllt, bewaffnet, blind Schrecken verbreiten und in den eigenen Tod rennen.

1 von 3 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Der Erlöser

Jo Nesbo

EUR 9,95 *
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50

14.12.2008

„Unter Schatten”

Selten entgehen Serienhelden einer gewissen Langeweile, weil sie sich Fall für Fall durchs Leben kämpfen und einem zu vertraut werden. Jo Nesbos Harry Hole gehört nicht dazu. Dass verdankt er einem Autor, der ihn nicht nur mit einem schillernden Charakter ausgestattet hat, der sich vielmehr darauf versteht, die Verbrechen so geschickt zu verschlüsseln, dass sie, selbst wenn es an die Aufdeckung geht, überraschende Haken schlagen. Niemand kann ein Ende wie hier so überzeugend vertreten wie Nesbos Harry Hole. Dass er nicht nur vom Alkohol gezeichnet ist, sich Anweisungen seiner Vorgesetzten durch stoisches Überhören zu widersetzen weiß, kennt man aus früheren Romanen. In Der Erlöser verliebt er sich beinah wieder, widersteht der Versuchung jedoch im letzten Moment, weil er einen Schatten zu spüren glaubt. Die persönliche Tragödie geschieht nebenher. Harry Hole schwimmt die ganze Zeit gegen den eigenen Strom an. Er weiß, wenn er sich nicht mehr bewegt, wird er untergehen. Das dunkle Geheimnis einer Vergewaltigung, die am Anfang beschrieben wird, wächst zum bleiernen Gefühl der Erniedrigung an, mit dem sich die Opfer durchs Leben schleppen. Nesbo braucht die Tat nicht auszustellen, um Gewalt an sich zu stilisieren. Er beschreibt sie als ein Verbrechen, von dem man nicht erlöst wird. Dass er die Handlung ausgerechnet ins Milieu der Heilsarmee verlegt, verschafft ihr zusätzliche Brisanz. Unter den scheinbar Gutmütigen toben sich die Abgründe ebenso aus, wie in der normalen Welt. Auch hier geht es um Einfluss, Macht, lässt man sich bestechen. Mit Der Erlöser wirft Jo Nesbo wiederum einen scharfen Blick auf seine Welt. Seine Antwort ist nicht unbedingt konsensfähig, bei weitem nicht Besserwisserisch. Sein Harry Hole ist zu schwach, um sich zum Helden aufzuschwingen. Er lebt von Tag zu Tag. Wie wir mit Nesbo von Fall zu Fall.

0 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Der Erlöser

Jo Nesbo

EUR 9,95 *
auf Merkliste

50

14.12.2008

„Unter Schatten”

Selten entgehen Serienhelden einer gewissen Langeweile, weil sie sich Fall für Fall durchs Leben kämpfen und einem zu vertraut werden. Jo Nesbos Harry Hole gehört nicht dazu. Dass verdankt er einem Autor, der ihn nicht nur mit einem schillernden Charakter ausgestattet hat, der sich vielmehr darauf versteht, die Verbrechen so geschickt zu verschlüsseln, dass sie, selbst wenn es an die Aufdeckung geht, überraschende Haken schlagen. Niemand kann ein Ende wie hier so überzeugend vertreten wie Nesbos Harry Hole. Dass er nicht nur vom Alkohol gezeichnet ist, sich Anweisungen seiner Vorgesetzten durch stoisches Überhören zu widersetzen weiß, kennt man aus früheren Romanen. In Der Erlöser verliebt er sich beinah wieder, widersteht der Versuchung jedoch im letzten Moment, weil er einen Schatten zu spüren glaubt. Die persönliche Tragödie geschieht nebenher. Harry Hole schwimmt die ganze Zeit gegen den eigenen Strom an. Er weiß, wenn er sich nicht mehr bewegt, wird er untergehen. Das dunkle Geheimnis einer Vergewaltigung, die am Anfang beschrieben wird, wächst zum bleiernen Gefühl der Erniedrigung an, mit dem sich die Opfer durchs Leben schleppen. Nesbo braucht die Tat nicht auszustellen, um Gewalt an sich zu stilisieren. Er beschreibt sie als ein Verbrechen, von dem man nicht erlöst wird. Dass er die Handlung ausgerechnet ins Milieu der Heilsarmee verlegt, verschafft ihr zusätzliche Brisanz. Unter den scheinbar Gutmütigen toben sich die Abgründe ebenso aus, wie in der normalen Welt. Auch hier geht es um Einfluss, Macht, lässt man sich bestechen. Mit Der Erlöser wirft Jo Nesbo wiederum einen scharfen Blick auf seine Welt. Seine Antwort ist nicht unbedingt konsensfähig, bei weitem nicht Besserwisserisch. Sein Harry Hole ist zu schwach, um sich zum Helden aufzuschwingen. Er lebt von Tag zu Tag. Wie wir mit Nesbo von Fall zu Fall.

0 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

auf Merkliste

50

12.12.2008

„FSK”

Dies ist nichts für zarte Seelen. Aber es erwartet einen auch kein Schocker, wie er blutrünstiger nicht sein kann. Die schonungslose Darstellung von Menschen wird nicht jedem behagen. Marek Krajewski hat einfach keine Lust auf Schwarz-Weiß, Gut und Böse. Seine Seelen sind auf beiden Seiten abgrundtief hässlich. Und so gerät der Fall eines Mörders in den Hintergrund, der auf Verbrechen in der Vergangenheit aufmerksam machen will, indem er sich in der Gegenwart an ein Kalenderblatt hält, um durch die Daten darauf hinzuweisen. Krajewski rückt die feine Gesellschaft und ihre abseitigen, sexuellen Spiele in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit, lässt einen eifersüchtigern Kommissar seine Freundin überwachen und kann dem Hang nicht widerstehen sich das Vergessen mit Alkohol zu erkaufen. Krajewski zeigt eine Welt abseits moralischer Grundsätze. Orgien, Drogen, selbsternannte Heilsverkünder bevölkern das Bild, indem es irgendwo ein Gesetz gibt, dem Geltung verschafft werden muss. Die Mordfälle sind bestialisch durchgeführt, erscheinen trotz ihrer Kaltblütigkeit jedoch eher wie eine Bühnenkulisse. Kriminalrat Eberhard Mock ist nun einmal Polizist. In ihm spiegelt sich das untergegangene Deutschland am Vorabend der Machtübernahme durch die Nazis. Ein Roman bestens geeignet zur Verfilmung durch den viel zu früh verstobenen Rainer Werner Fassbinder. Dieses Leben glitzert unter verpfändeten Kronleuchtern, wie in Kaschemmen und stickigen Ehebetten. Diese Stimmung eingefangen zu haben, ist Krajewskis Verdienst.

2 von 5 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Abendland

Michael Köhlmeier

EUR 10,90 *
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40

08.12.2008

„Im großen Bogen”

Weit ist die Geschichte gespannt, die Michael Köhlmeier in seinem Roman erzählt. Auch wenn man sich zwischendurch wünscht, er hätte den einen oder anderen Schlenker ausgelassen, um nicht jedes Feld seit der K.u.K-Monarchie zu besetzen und mit seiner Familiengeschichte zu verknüpfen, ist ihm doch ein unterhaltsamer Roman gelungen, der mit glänzenden Passagen aufwartet. Nicht zuletzt wenn ein Nachbarn den Hund des Helden tötet, obwohl er nur auf ihn aufpassen soll, der Besitzer ausrastet, sich rächen will und seinerseits in einen Gewehrlauf stiert, um als Nazi beschimpft zu werden und erniedrigt davonzuschleichen. Köhlmeiers ausgeprägter Hang zur Beschreibung einer glänzenden, von Selbstzweifeln geprägten Musikerexistenz, die detailliert Abgründe wie Triumphe eines solchen Lebens nachzeichnet, fasziniert in ihrer gnadenlosen Spiegelung. Der Begnadete Vater des Helden ist ein Genie und doch zerbricht sein Leben und das seiner Familie fast mit. So tauchen in dem Roman Figuren auf, die allesamt irrlichtern, sich begegnen, kreuzen, verlieren. Mit dem Etikett Künstlerroman ist der Geschichte schwer beizukommen. Eher hastet hier ein Sohn der Vergangenheit hinterher und versucht den Menschen gerecht zu werden, denen er darin begegnet, indem er sie aus der Zeit, den Träumen, dem Scheitern zu verstehen versucht. Nicht zuletzt, um zumindest dem Vater zu verzeihen. Bemerkenswert wie Köhlmeier dabei Fiktion und Fakten verbindet und eine Familie vor uns entsteht. Vom Sterbebett aus - und was sind Erinnerung anders als in ein Sterbebett eingebunden - lässt sich vermutlich leichter, versöhnlicher erzählen.

1 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

auf Merkliste

50

26.11.2008

„Vereint”

Dr. Jekyll & Mr. Hyde ist ein Urahn heutiger Psychothriller. Ihm haftet etwas Manisches, ein Fieberzustand, pure Schizophrenie an, wenn der Schuldige erzählt, wie er aus Wissensdurst, Neugier sich auf abseitige Pfade begeben hat, seinem dunklen Charakter mehr und mehr verfiel. Robert Louis Stevenson beweist nicht nur in dieser Geschichte, welch hervorragender Erzähler er ist. Wenn heute von Klassikern gesprochen wird, liegt auf seinem Werk wohl der wenigste Staub. Ohne der Neigung zur Effekthascherei nachzugeben, beschreibt er minutiös den Verfall eines Mannes. Er nähert sich ihm von außen her, wegen eines seltsamen Testaments. Sein Schrecken besteht vor allem in der Frage an uns selbst, was womöglich da in jedem von uns schlummert, und das nur deswegen nicht zu Tage tritt, weil wir uns noch keinen Trank zusammengemixt haben, der es freisetzt. Heutzutage würde die Geschichte in Blut und Schrecken ertränkt werden. Der Schrecken bei Stevenson besteht in der Angst, die der Mensch vor sich selbst hat, in der Unumkehrbarkeit des einmal in Gang gesetzten Prozesses. Wer heute über Psychopathen schreibt, sollte bei Stevenson nachschlagen. Er kommt mit recht wenig aus. Er lässt seine Figuren nur zu Wort kommen.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Der schwarze Steg

Åsa Larsson

EUR 9,99 *
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30

17.11.2008

„Zerstörerisch gegen sich selbst”

Eine Tote in einer Fischerhütte, die sich als die engste Mitarbeiterin eines Bergbaumagnaten herausstellt. Asa Larssons Schwarzer Steg entwickelt sich zu Anfang verheißungsvoll. Die Autorin sprengt die Ketten der ersten Romane um die Polizeikommissarin Anna Maria Mella und die Anwältin Rebecka Martinsson und wendet sich dem Wirtschaftsverbrechen zu. Zwei Starke Frauen, von denen eine sich immer wieder in Bredouille bringt, obwohl sie ein sehr auf sich bedachtes Leben führt, geradeso als lege sie es darauf an, verletzt zu werden. Im Mittelpunkt steht Mauri Kallis, der das Verlierersyndrom auf dem Weg nach oben abgestreift hat, um in den Olymp der Reichen aufzusteigen, in dem man nur miteinander umgeht und sich abschottet. Nicht selten wird in diesem Kreis auf den Niedergang einer Aktie gewettet, ein Machtwechsel in der dritten Welt betrieben, um Schürfrechte abzusichern. So führt Asa Larsson ihre Geschichte erstmals über die Grenzen Schwedens nach Afrika und weist die Flecken nach, die ein ungebrochener Aufschwung mit sich bringt. Was in den beiden Vorgängern durch religiöse Verstrickungen zu einer komplexen Persönlichkeitsstruktur vor allem bei Rebecca Martinsson führt, verblasst in diesem Roman. Der schwarze Steg ist vorhersehbar, moralisch abgesichert, die Geschichte der Guten gegen die Bösen und endet, wie der Titel vorgibt, auf einem wackligen Steg. Wer die beiden Vorgänger nicht kennt, mag die Autorin für sich entdecken, wer bereits mehr von Asa Larssons psychologischen Abgründen gelesen hat, wird enttäuscht sein.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

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