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Polar aus Aachen

Gesamte Bewertungen 319 (ansehen)


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Aus der Traum

Polar aus Aachen , am 03.02.2009

Mit dem Seziermesser hat Arthur Schnitzler das gehobene Bürgertum wie die adelige Gesellschaft seiner Zeit beobachtet und beschrieben. Ihre geheimen Wünsche haben schon im Reigen auf den Bühnen für einen Skandal gesorgt. In der Traumnovelle geht der Autor subtiler vor. Der Seitensprung ist hier etwas, was erträumt, erdacht und zur Qual wird. Fridolin und Albertine geraten in Versuchung und setzen ihre Ehe aufs Spiel, indem sie ehrlich zueinander sind. Dass dies nicht unbedingt der beste Ratschlag ist, muss der Arzt feststellen, als seine Ehefrau ihm von einem Traum erzählt und unglücklich zu sein scheint, vor ihm noch nie mit einem Mann zusammen gewesen zu sein. Wegen eines Patientenbesuchs muss der Arzt aus dem Haus und streift von da an durch das nächtliche Wien, getrieben von dem Gedanken an Albertine und ihren Sehnsüchten. Er durchlebt seltsame Begegnungen, beinah kommt es zu einem Duell und landet schließlich auf einem erotisch aufgeladenen Kostümball, zu dem er sich die Parole erschlichen hat und als ungebetener Gast entlarvt wird. Schnitzler versteht sich darauf, die Demaskierung seines männlichen Helden als schlechtes Gewissen darzustellen, seine Entwurzelung durch einen einzigen Traum, als etwas zu beschreiben, was längst in ihm ruhte und nun ausgebrochen ist, ohne dass es sich wieder einfangen lässt. Als es gegen Ende zu einem Geständnis kommt, empfindet der Leser die mühselige Beibehaltung dieser Ehe wie die Vertreibung aus einem Paradies, das sowohl Albertine als auch der Arzt für sich maßgerecht geschneidert hatte. Außerhalb des Traums jedoch, im Alltag hat das Paradies nie existiert.

7 von 8 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Traumnovelle
von Arthur Schnitzler
(1)
Buch
4,95

Auf dem Operationstisch

Polar aus Aachen , am 20.01.2009

Dieser Thriller ist nichts für jemanden, der nicht gerne zum Arzt geht und weißen Kitteln misstraut. Abseits der bewährten Serientäter, die Jane Rizzoli jagt, erzählt Tess Gerritsen in Kalten Herzen mitten aus dem Operationssaal, einem Bereich, in dem sie sich bestens auskennt. Und so führt die Autorin uns durch eine Welt, in der Entscheidungen über Leben und Tod gefällt werden, wo jegliche Moral am besten ausgeklammert wird, um Karriere zu machen und das Gewinnstreben zur obersten Maxime erklärt wird. Natürlich gibt es auch da Menschen, die sich einen Rest Mitgefühl bewahrt haben und Fragen stellen, die Kollegen unangenehm sind. Auch wenn gleich zu Beginn. der Plot um russischen Organhandel durchscheint, auf den Gerritsen ein Polizist aufmerksam gemacht haben soll, gelingt es ihr, der angehenden Chirurgin Abby zunehmend eine Schlinge um den Hals zu legen. Das Ganze beginnt, als sie sich entscheidet, einem Jungen zu helfen, der ohne Transplantation sterben würde, und die Erfahrung machen muss, dass man sich besser nicht gegen das eigene Krankenhaus stellen sollte, wenn ein reicher Ehemann auf Rache sind. Die Götter in Weiß sind nicht unangreifbar. Auch sie kann man mit fingierten Prozessen überhäufen. Brenzlig wird es erst wenn die Kollegen einen im Regen stehen lassen. Dem Plot fehlt es mitunter an Spannung, erinnert in ihrer Chefetagenkriminalität an Die Firma von Grisham doch die Innenansicht macht das platte Konstrukt wett. So abschreckend, dass man sich ernsthaft fragt, ob man seinen Spenderausweis noch bei sich tragen will. Als Ersatzteillager ohne Einfluss wandert eine Niere schon mal in den Müll, wenn sich zu gegebener Zeit kein Abnehmer findet, während vielleicht Herz und Leber auf Wanderschaft gehen. Allein der Gedanke, dass mit einem gehandelt wird, macht die Galle schon unbrauchbar.

4 von 7 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Kalte Herzen
von Tess Gerritsen
(17)
Buch
9,99

Unter Schatten

Polar aus Aachen , am 14.12.2008

Selten entgehen Serienhelden einer gewissen Langeweile, weil sie sich Fall für Fall durchs Leben kämpfen und einem zu vertraut werden. Jo Nesbos Harry Hole gehört nicht dazu. Dass verdankt er einem Autor, der ihn nicht nur mit einem schillernden Charakter ausgestattet hat, der sich vielmehr darauf versteht, die Verbrechen so geschickt zu verschlüsseln, dass sie, selbst wenn es an die Aufdeckung geht, überraschende Haken schlagen. Niemand kann ein Ende wie hier so überzeugend vertreten wie Nesbos Harry Hole. Dass er nicht nur vom Alkohol gezeichnet ist, sich Anweisungen seiner Vorgesetzten durch stoisches Überhören zu widersetzen weiß, kennt man aus früheren Romanen. In Der Erlöser verliebt er sich beinah wieder, widersteht der Versuchung jedoch im letzten Moment, weil er einen Schatten zu spüren glaubt. Die persönliche Tragödie geschieht nebenher. Harry Hole schwimmt die ganze Zeit gegen den eigenen Strom an. Er weiß, wenn er sich nicht mehr bewegt, wird er untergehen. Das dunkle Geheimnis einer Vergewaltigung, die am Anfang beschrieben wird, wächst zum bleiernen Gefühl der Erniedrigung an, mit dem sich die Opfer durchs Leben schleppen. Nesbo braucht die Tat nicht auszustellen, um Gewalt an sich zu stilisieren. Er beschreibt sie als ein Verbrechen, von dem man nicht erlöst wird. Dass er die Handlung ausgerechnet ins Milieu der Heilsarmee verlegt, verschafft ihr zusätzliche Brisanz. Unter den scheinbar Gutmütigen toben sich die Abgründe ebenso aus, wie in der normalen Welt. Auch hier geht es um Einfluss, Macht, lässt man sich bestechen. Mit Der Erlöser wirft Jo Nesbo wiederum einen scharfen Blick auf seine Welt. Seine Antwort ist nicht unbedingt konsensfähig, bei weitem nicht Besserwisserisch. Sein Harry Hole ist zu schwach, um sich zum Helden aufzuschwingen. Er lebt von Tag zu Tag. Wie wir mit Nesbo von Fall zu Fall.

0 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Der Erlöser
von Jo Nesbo
(7)
Buch
9,95

FSK

Polar aus Aachen , am 12.12.2008

Dies ist nichts für zarte Seelen. Aber es erwartet einen auch kein Schocker, wie er blutrünstiger nicht sein kann. Die schonungslose Darstellung von Menschen wird nicht jedem behagen. Marek Krajewski hat einfach keine Lust auf Schwarz-Weiß, Gut und Böse. Seine Seelen sind auf beiden Seiten abgrundtief hässlich. Und so gerät der Fall eines Mörders in den Hintergrund, der auf Verbrechen in der Vergangenheit aufmerksam machen will, indem er sich in der Gegenwart an ein Kalenderblatt hält, um durch die Daten darauf hinzuweisen. Krajewski rückt die feine Gesellschaft und ihre abseitigen, sexuellen Spiele in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit, lässt einen eifersüchtigern Kommissar seine Freundin überwachen und kann dem Hang nicht widerstehen sich das Vergessen mit Alkohol zu erkaufen. Krajewski zeigt eine Welt abseits moralischer Grundsätze. Orgien, Drogen, selbsternannte Heilsverkünder bevölkern das Bild, indem es irgendwo ein Gesetz gibt, dem Geltung verschafft werden muss. Die Mordfälle sind bestialisch durchgeführt, erscheinen trotz ihrer Kaltblütigkeit jedoch eher wie eine Bühnenkulisse. Kriminalrat Eberhard Mock ist nun einmal Polizist. In ihm spiegelt sich das untergegangene Deutschland am Vorabend der Machtübernahme durch die Nazis. Ein Roman bestens geeignet zur Verfilmung durch den viel zu früh verstobenen Rainer Werner Fassbinder. Dieses Leben glitzert unter verpfändeten Kronleuchtern, wie in Kaschemmen und stickigen Ehebetten. Diese Stimmung eingefangen zu haben, ist Krajewskis Verdienst.

2 von 5 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Der Kalenderblattmörder
von Marek Krajewski
(2)
Buch
10,95

Im großen Bogen

Polar aus Aachen , am 08.12.2008

Weit ist die Geschichte gespannt, die Michael Köhlmeier in seinem Roman erzählt. Auch wenn man sich zwischendurch wünscht, er hätte den einen oder anderen Schlenker ausgelassen, um nicht jedes Feld seit der K.u.K-Monarchie zu besetzen und mit seiner Familiengeschichte zu verknüpfen, ist ihm doch ein unterhaltsamer Roman gelungen, der mit glänzenden Passagen aufwartet. Nicht zuletzt wenn ein Nachbarn den Hund des Helden tötet, obwohl er nur auf ihn aufpassen soll, der Besitzer ausrastet, sich rächen will und seinerseits in einen Gewehrlauf stiert, um als Nazi beschimpft zu werden und erniedrigt davonzuschleichen. Köhlmeiers ausgeprägter Hang zur Beschreibung einer glänzenden, von Selbstzweifeln geprägten Musikerexistenz, die detailliert Abgründe wie Triumphe eines solchen Lebens nachzeichnet, fasziniert in ihrer gnadenlosen Spiegelung. Der Begnadete Vater des Helden ist ein Genie und doch zerbricht sein Leben und das seiner Familie fast mit. So tauchen in dem Roman Figuren auf, die allesamt irrlichtern, sich begegnen, kreuzen, verlieren. Mit dem Etikett Künstlerroman ist der Geschichte schwer beizukommen. Eher hastet hier ein Sohn der Vergangenheit hinterher und versucht den Menschen gerecht zu werden, denen er darin begegnet, indem er sie aus der Zeit, den Träumen, dem Scheitern zu verstehen versucht. Nicht zuletzt, um zumindest dem Vater zu verzeihen. Bemerkenswert wie Köhlmeier dabei Fiktion und Fakten verbindet und eine Familie vor uns entsteht. Vom Sterbebett aus - und was sind Erinnerung anders als in ein Sterbebett eingebunden - lässt sich vermutlich leichter, versöhnlicher erzählen.

1 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Abendland
von Michael Köhlmeier
(7)
Buch
10,90

Vereint

Polar aus Aachen , am 26.11.2008

Dr. Jekyll & Mr. Hyde ist ein Urahn heutiger Psychothriller. Ihm haftet etwas Manisches, ein Fieberzustand, pure Schizophrenie an, wenn der Schuldige erzählt, wie er aus Wissensdurst, Neugier sich auf abseitige Pfade begeben hat, seinem dunklen Charakter mehr und mehr verfiel. Robert Louis Stevenson beweist nicht nur in dieser Geschichte, welch hervorragender Erzähler er ist. Wenn heute von Klassikern gesprochen wird, liegt auf seinem Werk wohl der wenigste Staub. Ohne der Neigung zur Effekthascherei nachzugeben, beschreibt er minutiös den Verfall eines Mannes. Er nähert sich ihm von außen her, wegen eines seltsamen Testaments. Sein Schrecken besteht vor allem in der Frage an uns selbst, was womöglich da in jedem von uns schlummert, und das nur deswegen nicht zu Tage tritt, weil wir uns noch keinen Trank zusammengemixt haben, der es freisetzt. Heutzutage würde die Geschichte in Blut und Schrecken ertränkt werden. Der Schrecken bei Stevenson besteht in der Angst, die der Mensch vor sich selbst hat, in der Unumkehrbarkeit des einmal in Gang gesetzten Prozesses. Wer heute über Psychopathen schreibt, sollte bei Stevenson nachschlagen. Er kommt mit recht wenig aus. Er lässt seine Figuren nur zu Wort kommen.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde
von Robert Louis Stevenson
(1)
Buch
6,00

Zerstörerisch gegen sich selbst

Polar aus Aachen , am 17.11.2008

Eine Tote in einer Fischerhütte, die sich als die engste Mitarbeiterin eines Bergbaumagnaten herausstellt. Asa Larssons Schwarzer Steg entwickelt sich zu Anfang verheißungsvoll. Die Autorin sprengt die Ketten der ersten Romane um die Polizeikommissarin Anna Maria Mella und die Anwältin Rebecka Martinsson und wendet sich dem Wirtschaftsverbrechen zu. Zwei Starke Frauen, von denen eine sich immer wieder in Bredouille bringt, obwohl sie ein sehr auf sich bedachtes Leben führt, geradeso als lege sie es darauf an, verletzt zu werden. Im Mittelpunkt steht Mauri Kallis, der das Verlierersyndrom auf dem Weg nach oben abgestreift hat, um in den Olymp der Reichen aufzusteigen, in dem man nur miteinander umgeht und sich abschottet. Nicht selten wird in diesem Kreis auf den Niedergang einer Aktie gewettet, ein Machtwechsel in der dritten Welt betrieben, um Schürfrechte abzusichern. So führt Asa Larsson ihre Geschichte erstmals über die Grenzen Schwedens nach Afrika und weist die Flecken nach, die ein ungebrochener Aufschwung mit sich bringt. Was in den beiden Vorgängern durch religiöse Verstrickungen zu einer komplexen Persönlichkeitsstruktur vor allem bei Rebecca Martinsson führt, verblasst in diesem Roman. Der schwarze Steg ist vorhersehbar, moralisch abgesichert, die Geschichte der Guten gegen die Bösen und endet, wie der Titel vorgibt, auf einem wackligen Steg. Wer die beiden Vorgänger nicht kennt, mag die Autorin für sich entdecken, wer bereits mehr von Asa Larssons psychologischen Abgründen gelesen hat, wird enttäuscht sein.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Der schwarze Steg
von Åsa Larsson
(3)
Buch
9,99

Von außen betrachtet

Polar aus Aachen , am 04.11.2008

Eines muss man mit dem Abstand der Jahre sagen dürfen: Die Deutschen sind noch da. Sie fechten dieselben intellektuellen Gefechte aus und in der breiten Masse, ist es ihnen vollkommen egal, was ihre Vordenker ausbrüten. Es kommt häufig vor, dass Schriftsteller persönliche Erfahrungen direkt in ihr Werk einfließen lassen. Manche suchen sogar extra neue Herausforderungen, um den Horizont zu erweitern, der Arbeit einen neuen Anstoß zu geben. Nicht zuletzt Günter Grass, der selbst sein Heil einmal in Indien suchte. Was sich verändert hat, seitdem wir nicht mehr von einer Literatur sprechen, die eng an die Bundesrepublik gebunden ist, sondern als Wiederentdeckung des Erzählens seit Jahren in den Feuilletons deutscher Zeitungen gefeiert wird, zeigt sich an Günter Grass Kopfgeburten deutlich. Natürlich soll der Titel seine Leser auf das Kommende vorbereiten, ihn warnen, dass er es eher mit einem Thesenroman als mit einer rein fiktionalen Geschichte zu tun hat, doch löst sich die Distanz nicht auf, die der Autor sich selbst und seinen Erlebnissen auferlegt. Teilweise doziert er, will Anstöße geben, teilweise erzählt, aber eine Einheit ergibt das nicht. Haben wir es mit einer Erzählung zu tun, mit einem Essay? Vielleicht mit einem ins Fiktionale ausgeweiteten Tagebuch. Wer Grass Überlegungen zu Deutschland und seinem Stand in der Welt heute liest, ist überrascht, wie radikal ihm die Grenzlinien dazwischen egal sind, er legt es darauf an, private Gedanken in Form zu bringen. Dies ist von literarhistorischem Wert. Wer dem fulminanten Erzähler, Lyriker begegnen will, greift besser zu einem seiner anderen Bände.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus
von Günter Grass
(1)
Buch
9,00

An der Klippe

Polar aus Aachen , am 03.11.2008

Wer träumt nicht heimlich davon, eines Tages den Mut aufzubringen, seine bessere Hälfte zu beseitigen. Al Greenwood tut's. Sein Leben fühlt sich so bescheiden an, dass er als Taxifahrer im Betrieb seiner Frau einen Stoß von der Klippe als Befreiung empfindet. Wie unverhohlen er den Plan am Anfang zugibt, um so sympathischer finden wir den mutmaßlichen Mörder. Da ist mal einer, der sich was traut. Leider nicht an seiner Frau, denn die sitzt Zuhause auf dem Sofa, statt auf den Klippen zerschellt zu liegen. Dafür ist die ehemalige Geliebte
verschwunden, womöglich von Al getötet worden. Ein Missverständnis, beide trugen dieselbe Regenjacke. Eine Laune des Schicksals. Tim Bindings Roman ist köstlicher, englischer Humor. Wir beginnen, unseren Mördern zu bedauern, nicht mal das kann er. Wie folgen ihm durch alle Verstrickungen und Lügen und hoffen nach einem zweiten Mordanschlag inständig, dass sich am Ende herausstellt, der erste sei nicht geschehen und bei dem zweiten handele es sich um einen Unfall. Doch auch hier werden wir überrascht. Warum soll nicht dieser Militär an allem Schuld sein, der in einer Tasche die Unterwäsche der Toten spazieren trägt, ein neues Leben mit ihr beginnen wollte, und dem Greenwood das Angebot unterbreitet, ihm die Tasche zurückzugeben, wenn der Mann ihm seine Frau überlässt. Der charmanteste Zug in dieser vergnüglichen Geschichte ist, dass Greenwood und seine Frau Audrey sich wieder einander annähern, gar ein, zwei glückliche Stunden verleben. Tim Binding hat ein Gefühl für skurrile Charaktere. Dass er sie mühelos in eine Geschichte einzuweben versteht, davor kann man nur den Hut ziehen.

1 von 3 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Cliffhanger
von Tim Binding
(10)
Buch
19,90

Verbunden

Polar aus Aachen , am 23.10.2008

In Zeiten der Chatrooms, der Mails mag ein Gespräch über eine Telefonleitung etwas antiquiert erscheinen. Die Grundlage für freimütige Geständnisse, die nur auf Grund von Anonymität Zustande kommen, ist weiter verfeinert worden, zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Bei Baker stellt ein erotischer Kontaktservice die Verbindung zwischen Jim und Abby her. In unseren Zeiten streunen im Netz Nicknames auf der Suche nach Gleichgesinnten umher. Ist die Verbindung erst hergestellt, wachsen die verklemmte wie offene Erotik, der folgenlose Flirt wie die Entblößung, das Geständnis wie die Lüge schnell heran. Niemand kann sich sicher sein, dass der andere die Wahrheit über sich preisgibt. Was einen Reiz ausmacht, herauszufinden, wie weit jemand geht, sich in Widersprüche verstrickt, Vertrauen aufzubauen beginnt. Was bei Baker als Konzert zweier Stimmen beginnt, verschmilzt im Verlauf zum Abbild einer Gesellschaft, die sich weiterhin versteckt, wenn sie sich aus dem Dickicht des Alltags hervortraut. Bakers Anfang der neunziger Jahre erschienener Roman behält auch unter veränderten Vorzeichen den Finger am Puls der Zeit. In ihm geht es um zutiefst menschliche Anliegen: Was darf ich mich trauen, was darf ich nicht, darf ich es vor allem aussprechen, mir selbst eingestehen, indem ich es jemand anderem anvertraue. Das Gefühl einsam zu sein, sich selbst als fremd zu empfinden, weht durch Bakers Geschichte trotz aller marktschreierischer Eingeständnisse. Dass der Autor dies allem mit Humor beizukommen versucht, gehört zu den Stärken seiner verlorenen Stimmen.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Vox
von Nicholson Baker
(5)
Buch
7,99

 
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