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Name:
Polar Top 100 Rezensent
Ort:
Aachen
Rezensionen:
650 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 391

nicht hilfreich: 762

Rang:
83

Polars Rezensionen

123

buch

Traumnovelle

Arthur Schnitzler

EUR 4,95 *
auf Merkliste

50

03.02.2009

„Aus der Traum”

Mit dem Seziermesser hat Arthur Schnitzler das gehobene Bürgertum wie die adelige Gesellschaft seiner Zeit beobachtet und beschrieben. Ihre geheimen Wünsche haben schon im Reigen auf den Bühnen für einen Skandal gesorgt. In der Traumnovelle geht der Autor subtiler vor. Der Seitensprung ist hier etwas, was erträumt, erdacht und zur Qual wird. Fridolin und Albertine geraten in Versuchung und setzen ihre Ehe aufs Spiel, indem sie ehrlich zueinander sind. Dass dies nicht unbedingt der beste Ratschlag ist, muss der Arzt feststellen, als seine Ehefrau ihm von einem Traum erzählt und unglücklich zu sein scheint, vor ihm noch nie mit einem Mann zusammen gewesen zu sein. Wegen eines Patientenbesuchs muss der Arzt aus dem Haus und streift von da an durch das nächtliche Wien, getrieben von dem Gedanken an Albertine und ihren Sehnsüchten. Er durchlebt seltsame Begegnungen, beinah kommt es zu einem Duell und landet schließlich auf einem erotisch aufgeladenen Kostümball, zu dem er sich die Parole erschlichen hat und als ungebetener Gast entlarvt wird. Schnitzler versteht sich darauf, die Demaskierung seines männlichen Helden als schlechtes Gewissen darzustellen, seine Entwurzelung durch einen einzigen Traum, als etwas zu beschreiben, was längst in ihm ruhte und nun ausgebrochen ist, ohne dass es sich wieder einfangen lässt. Als es gegen Ende zu einem Geständnis kommt, empfindet der Leser die mühselige Beibehaltung dieser Ehe wie die Vertreibung aus einem Paradies, das sowohl Albertine als auch der Arzt für sich maßgerecht geschneidert hatte. Außerhalb des Traums jedoch, im Alltag hat das Paradies nie existiert.

7 von 8 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Verdammnis

Stieg Larsson

EUR 9,95 *
auf Merkliste

50

28.01.2009

„Im Netz verfangen”

Wie einfach ist es doch einen Thriller zu schreiben. Wenn man's kann. Stieg Larsson braucht keine exotischen Schauplätze, kein modernes Waffenarsenal, keine Explosionen, sein Schauplatz ist der Alltag, der Schmutz von Sehnsüchten, Versprechungen, Hoffnungen, aus denen sich Geld pressen lässt, sobald sie zum Geschäft werden. Im Mittelpunkt seines zweiten Bandes um Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist steht vordergründig der Mädchenhandel, der den Stoff für eine brisante Enthüllungsgeschichte ergibt, dessen Verstrickung bis in den internationalen Geheimnisdienst dazu führt, das aus dem geplanten Buch darüber zwei Morde erwachsen und ein Dritter der Vertuschung dient. All dies wäre weniger interessant, würde Larsson nicht über ein Personal in seinen Büchern verfügen, die ihre Unzulänglichkeit geradezu vor sich hertragen. Selbst Helden sind bei Larsson nur aus dem Unglück Gestrauchelte, die darauf vertrauen wollen, nicht erneut belogen oder hintergangen zu werden. Das Misstrauen treibt die Handlung um die faszinierende Figur der Lisbeth Salander voran, die moralisch von einigen Lesern sicher nicht goutiert werden kann, da sie strafrechtlich zumeist in der Schattenwelt agiert, und deren konsequente Loslösung von menschlichen Beziehungen ihr jene Freiheit eröffnet, Talente zu entwickeln, die anderen fremd bleiben. Ihr Hass ist unverblümt. Er ist konkret auf Menschen in ihrem Umfeld gerichtet. Ihr Leben jedoch erscheint so bizarr zu überzeugen, dass ihr John-Wayne-Ritt zugunsten der Vergeltung auf Verständnis trifft. Mikael Blomkvist die blankere Seite der Moral glaubt, mit ihr befreundet zu sein. Obwohl sie sich ihm entzogen hat, beharrt er auf der Unschuld der in Verdacht geratenen Mörderin. Die Fäden in Larssons Thriller sind so fein gesponnen, dass der Wechsel vom Mädchenhandel in die Familiengeschichte Lisbeth Salanders nahtlos vor sich geht. Selbst der Zufall, selbst eine Dreiviertel Tote, die sich aus ihrem Grab erhebt, stören da nicht. Vielmehr erinnert man sich an die griechischen Tragödien erinnert, deren großen Gesten dazu führen, Zuschauer, wie Leser zu fesseln, um von einem menschlichen Abgrund zu berichten. Larsson beschreibt eine weibliche Verdammnis als kriminalistisches Oratorium, in der Hoffnung, dass irgendjemand darin überlebt, um davon erzählen zu können.

4 von 5 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Kalte Herzen

Tess Gerritsen

EUR 9,99 *
auf Merkliste

40

20.01.2009

„Auf dem Operationstisch”

Dieser Thriller ist nichts für jemanden, der nicht gerne zum Arzt geht und weißen Kitteln misstraut. Abseits der bewährten Serientäter, die Jane Rizzoli jagt, erzählt Tess Gerritsen in Kalten Herzen mitten aus dem Operationssaal, einem Bereich, in dem sie sich bestens auskennt. Und so führt die Autorin uns durch eine Welt, in der Entscheidungen über Leben und Tod gefällt werden, wo jegliche Moral am besten ausgeklammert wird, um Karriere zu machen und das Gewinnstreben zur obersten Maxime erklärt wird. Natürlich gibt es auch da Menschen, die sich einen Rest Mitgefühl bewahrt haben und Fragen stellen, die Kollegen unangenehm sind. Auch wenn gleich zu Beginn. der Plot um russischen Organhandel durchscheint, auf den Gerritsen ein Polizist aufmerksam gemacht haben soll, gelingt es ihr, der angehenden Chirurgin Abby zunehmend eine Schlinge um den Hals zu legen. Das Ganze beginnt, als sie sich entscheidet, einem Jungen zu helfen, der ohne Transplantation sterben würde, und die Erfahrung machen muss, dass man sich besser nicht gegen das eigene Krankenhaus stellen sollte, wenn ein reicher Ehemann auf Rache sind. Die Götter in Weiß sind nicht unangreifbar. Auch sie kann man mit fingierten Prozessen überhäufen. Brenzlig wird es erst wenn die Kollegen einen im Regen stehen lassen. Dem Plot fehlt es mitunter an Spannung, erinnert in ihrer Chefetagenkriminalität an Die Firma von Grisham doch die Innenansicht macht das platte Konstrukt wett. So abschreckend, dass man sich ernsthaft fragt, ob man seinen Spenderausweis noch bei sich tragen will. Als Ersatzteillager ohne Einfluss wandert eine Niere schon mal in den Müll, wenn sich zu gegebener Zeit kein Abnehmer findet, während vielleicht Herz und Leber auf Wanderschaft gehen. Allein der Gedanke, dass mit einem gehandelt wird, macht die Galle schon unbrauchbar.

4 von 7 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Die Abrechnung

Andy McNab

EUR 8,95 *
auf Merkliste

50

14.01.2009

„Unter Söldnern”

Andy MacNab kennt sich aus. Er entwirft nicht irgendwo einen hochdramatischen Krieg auf der Welt, um unser aller Untergang zu beschreiben. Er zeigt das Sterben im Schatten, dort wo niemand hinsehen will. Der Tod versteckt sich in Afrika. Als Stellvertreterkrieg. Wenn MacNab davon erzählt, wie er um Rohstoffe geführt wird, damit die Zulieferindustrie für Handys andere Luxusprodukte weiterhin billige Produkte auf den Markt werfen kann, wird der Bogen überall dorthin gespannt, wo man sich am liebsten hinter Soaps versteckt und gleichzeitig mit dem besten Freund, der besten Freundin zum Flatrat-Tarif telefoniert. Gleichzeitig bekriegen sich in Afrika unterschiedliche Machthaber, teilen ein Land in Süden und Norden auf, kontrollieren es mit Hilfe von unter Drogen gesetzten Kindersoldaten und Minenarbeitern, die ihr Leben fristen. Es gilt, den Einfluss zu sichern. Wird ein Machthaber gestürzt, muss man den nächsten installieren. MacNabs Geschichte verlässt sich dabei auf den Abenteurer Nick Stone, der angewidert von einer misslungen Militäraktion sich ins Privatleben zurückgezogen hat. Wäre da nicht Silke, die sich berufen fühlt, in einem der härtesten Krisengebiete in einem Flüchtlingslager zu helfen, und Stone so in den Konflikt um eine Miene zieht, die Rebellen in die Hand zu fallen droht. Als ehemaliger SAS Agent kennt sich MacNab mit Waffen, mit Militäraktionen und dem Chaos gegenseitigen Abschlachtens aus. An manchen Stellen wuchert das Militärische allzu sehr, auch gehorcht das Ende dem Diktat des Genres, dass die Bösen gerichtet werden müssen, doch verliert der Autor sein Anliegen nicht aus dem Blick, die Not und das Elend von Kindern zu beschreiben, die Hass erfüllt, bewaffnet, blind Schrecken verbreiten und in den eigenen Tod rennen.

1 von 3 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Der perfekte Tod

Iain McDowall

EUR 8,95 *
auf Merkliste

30

30.12.2008

„Nichts als Pech”

Der Krimi ist als Milieustudie gedacht. Immer wieder schieben sich die Stimmen der Betroffenen hinein, die teils gehetzt, teils vom Leben frustriert sich ihrem Schicksal ausliefern. Am Anfang, nachdem schon der Einstieg misslingt, man statt einer Strafaktion gleich einen Toten am Haken hat und einen Feuer legen muss, um Spuren zu vernichten, klingt dies überzeugend, offenbart Humor, doch dann verliert McDowall sich in zu viel Personal. Man ist dauernd bemüht, sich daran zu erinnern, welcher Name das jetzt noch war, der gerade genannt wurde. McDowall ist dem Hard-Boiled zugeneigt, die Sprache kommt nicht selten derb daher, verleiht der Geschichte trotzdem zu wenig kriminalistischen Swing, um gespannt aufs Ende zu sein. Das alles hat man in irgendeiner Form schon mal gelesen. Die Schilderung des Drogenmilieus erinnert einen phasenweise an Trainspotting, doch Inspector Jacobson wird die Dinge schon richten. Um was für einen perfekten Tod es sich dabei überhaupt handeln soll, das mag derjenige zu erklären versuchen, der den Titel gewählt hat. Der Tod in McDowalls Geschichte kommt rein zufällig daher, die Mörder, in bester Tradition, werden dazu getrieben, nach dem Teekessel zu greifen, um zu morden und handeln nicht nach Kalkül. Vielleicht soll dies die Doppelbödigkeit unterstreichen, die man bei den kleinen Gangstern und einem blassen Inspektor vermisst. So muss auch ein Hund mit dem Leben bezahlen, der sich zu oft auf dem Teppich erleichtert hat. Was für ein Tod für einen Hund. Nahezu Perfekt.

1 von 3 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

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