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775

Rezensionen

123456

40

10.04.2013

„Nichts ist wie es scheint...”

„Die Welt da draußen ist manchmal krank, aber dich geht das nichts an.
Bist du sicher?
Ganz sicher?
Was, wenn es dich doch betrifft?
Was, wenn du eines Tages aufwachst und entdeckst, dass in dir ein Monster lebt? Und sosehr du dich auch bemühst, es lässt sich nicht vertreiben oder beherrschen, es hat von dir Besitz ergriffen und lässt dich nicht mehr los. Was tust du dann?“
Marie plagen mörderische Gedanken. Sie leidet unter aggressiven Zwangsgedanken und lebt jeden Tag mit der Angst, sie könnten zur bitteren Realität werden. Diese Angst wird Wirklichkeit als Marie neben ihrem toten Freund aufwacht und sich an nichts erinnern kann! Im Maßregelvollzug in der forensischen Psychiatrie hilft ihr der junge Arzt Jan Falkenhagen schließlich ihre Geschichte aufzuarbeiten und plötzlich ist nichts mehr wie es scheint…
Der Autorin, sonst besser bekannt als ‚Anne Hertz‘, gelingt es den schmalen Grad nachzuzeichnen, der zwischen den ‚normalen‘ Zwangsgedanken, die jeder von uns hat und den krankhaften Gedanken liegt. Dabei begeistert Wiebke Lorenz nicht nur mit einem gut durchdachten Kriminalfall, sondern vor allem mit professionell recherchierter Psychologie.
Erschreckend einfühlsam geschrieben, so dass man fast das Gefühl hat selbst an Zwangsgedanken zu leiden!

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Aller Tage Abend

Jenny Erpenbeck

EUR 15,99 *
auf Merkliste

40

10.04.2013

„Was wäre wenn...”

Es sind häufig die kleinen Dinge, die über Leben oder Tod eines Menschen entscheiden: Ein Säugling stirbt, aber was wäre gewesen, wenn die Eltern den plötzlichen Kindstod zu verhindern gewusst hätten? Ein junges Mädchen nimmt sich das Leben, aber was wäre gewesen, wenn sie den Mann mit der Pistole nie kennen gelernt hätte? Eine Mutter fällt die Treppe hinunter und bricht sich das Genick, aber was wäre gewesen, wenn sie nicht ausgerutscht wäre? „Eine ganze Welt aus Gründen gab es, warum ihr Leben nun an ein Ende gekommen sein könnte, wie es gleichzeitig eine ganze Welt aus Gründen gab, warum sie jetzt noch am Leben sein könnte und sollte.“
Mit diesen kurzen aber entscheidenden Schicksalsmomenten beschäftigt sich Jenny Erpenbeck in ihrem neuen Roman „Aller Tage Abend“ und lässt ihre Protagonistin, die erst im letzten Kapitel einen Namen bekommt, so ein ganzes Jahrhundert durchleben – Judentum, Nationalsozialismus, Exil und Kommunismus. Nach jedem Sterben der Figur verändert die Autorin nur ein winziges Detail und lässt sie so weiterleben und einen neuen Lebensabschnitt entdecken.
Wie schon in ihrem Roman „Heimsuchung“ verbindet Jenny Erpenbeck die individuelle Geschichte ihrer Protagonistin mit Zeitgeschichte und ihrer eigenen Familiengeschichte, vor allem der ihrer Großmutter Hedda Zinner, ebenfalls Schriftstellerin.
„Aller Tage Abend“ ist ein wunderschön komponierter Roman, in dem die Autorin es schafft, die getrennten Lebensabschnitte beispielsweise durch Familienbesitztümer, die sich in allen Kapiteln wiederfinden, nicht auseinander fallen zu lassen und zu einem runden Ganzen zu machen. Absolut lesenswert!

50

10.04.2013

„Potenzial zum Lieblingsbuch”

Drei Sprachlehrer in Paris starten den Tag gemeinsam in einem Café und beschließen ihn abends mit einem gemeinsamen Glas Rotwein. Dazwischen liegen drei Versionen eines Tages – Nicos Tag mit Josie, die eigentlich gar keinen Sprachlehrer braucht, aber nach einer Möglichkeit sucht den Tod ihres Freundes zu überwinden; Philippes Tag mit Riley, die seit einem Jahr in Paris lebt und deren eigenes Leben zwischen Mann und Kindern zu verschwinden droht und Chantals Tag mit Jeremy, der seine Frau liebt und trotzdem die Lust auf ein Abenteuer verspürt.
In den drei Tagesentwürfen zeichnet Ellen Sussman drei Spaziergänge durch Paris nach, in die sie die Geschichten der Protagonisten einbettet. Dabei zeichnet die Amerikanerin, die fünf Jahre in Paris gelebt hat, ein authentisches Bild der „Stadt der Liebe“.
Sie spielt gekonnt mit Erzählperspektiven und Erzählzeit, lässt den Leser mit fiebern und schafft es, die Geschichten zu einem unvorhersehbaren Ende zu bringen, ohne sie abwegig und konstruiert wirken zu lassen.
„An einem Tag in Paris“ ist ein Buch über Paris, das dazu einlädt selbst eine Reise zu starten; es ist ein Buch über das Leben, über die verschlungenen Wege die es geht und es ist ein Buch über die Liebe, über ihre hohen und tiefen Töne!

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Raum

Emma Donoghue

EUR 8,49 *
auf Merkliste

50

10.04.2013

„Kein Thriller und trotzdem nichts für schwache Nerven”

„Raum“ ist kein Tatsachenbericht, aber von der Realität angeregt. Emma Donoghue hat ihren Roman an die Geschichte von Elisabeth Fritzl angelehnt, die jahrelang von ihrem Vater eingesperrt lebte und mehrere Kinder von ihm bekam.
Jack ist fünf und erzählt die Geschichte von seiner Ma und ihm. Für ihn besteht die Welt nur aus einem 12 Quadratmeter großen Raum und den Dingen die sich in ihm befinden. Er kann besser lesen und schreiben als andere Kinder in seinem Alter, aber er hat noch nie in seinem Leben frische Luft geatmet. Bis zu dem Tag, an dem seine Mutter beginnt, Jack von der Welt außerhalb von ‚Raum‘ zu erzählen und einen unglaublichen Plan schmiedet.
In „Raum“ nimmt die Autorin nicht nur die Perspektive des Fünfjährigen ein, sondern übernimmt auch seinen Wortschatz und seine Sprache. Was für den Leser zunächst befremdlich wirken mag, erweist sich schnell als ein Mittel unglaublicher Nähe zwischen Leser und Protagonisten.
Gerade durch diese Nähe ist „Raum“ ein unglaublich verstörende und gleichzeitig unglaublich liebevolle Geschichte. Dennoch stellt sich einem die Frage: Darf man das? Darf man eine solch grausame Geschichte in einem Roman verwerten und damit Geld verdienen? Man darf, denn Emma Donoghue gelingt es, nicht in die reißerischen Stimmen der Presse mit einzustimmen, sondern gibt den Opfern eine Stimme und beschäftigt sich auch noch mit ihnen als das Interesse der Öffentlichkeit längst geschwunden ist. Denn der Kampf von Jack und seiner Ma geht weiter: "[…] in Raum war ich in Sicherheit, und im Draußen ist es gruselig." …

40

10.04.2013

„Nicht nur für Paris-Fans”

„Letztes Jahr im November hat ein Buch mein Leben gerettet.“ Schon mit diesem ersten Satz nimmt der Autor, selbst Buchhändler, jeden Liebhaber guter Bücher gefangen. Der erste Satz eines Buches ist es auch, der Aurélie, die Hauptfigur in Nicolas Barreaus Roman, das Leben rettet. Gerade von ihrem Freund verlassen, entdeckt sie in einer Buchhandlung dieses eine besondere Buch, das von ihr selbst zu handeln scheint. Nun hat Aurélie nur noch einen Wunsch: Den Autor dieses Buches kennen lernen. Doch wie so oft verlaufen die Dinge anders als geplant!
Neben der Liebesgeschichte die sich daraus entspinnt ist „Das Lächeln der Frauen“ auch eine wunderbare Beschreibung Paris‘. Barreau selbst schreibt dazu in seinem Nachwort: „Vieles an meinem Buch ist erfunden, manches ist wahr. Aber alle Cafes, Bars und Restaurants gibt es wirklich.“ Darüber hinaus trägt die unverwechselbare Sprache, die Sophie Scherrer gekonnt ins Deutsche übersetzt hat, zum französischen Charme dieses Romans bei.
Am besten beschreibt es jedoch Christine Westermann in ihrer Buchbesprechung: „Die Geschichte von Aurélie ist wie ein Souffle. Raffiniert zubereitet, zart und locker, aber man weiß wie heimtückisch Souffles sein können. Sie fallen auch schon mal ganz gern ohne Vorwarnung in sich zusammen. Aber das passiert zum Glück nicht und genau das macht das Buch zu einer großen Freude.“

40

10.04.2013

„Paris, ein Fest fürs Leben”

In „Madame Hemingway“ beschreibt die Autorin Paula McLain die Pariser Jahre des Schriftstellers Ernest Hemingway aus der Sicht seiner ersten Frau Hadley Richardson. Der amerikanische Originaltitel „The Paris Wife“ gibt Aufschluss darüber, dass Hemingways zahlreichen Ehefrauen nach den Städten benannt wurden in denen er mit ihnen gelebt hat.
Umso schöner ist es, dass nun zum ersten Mal eine seiner Frauen und nicht der Schriftsteller selbst im Mittelpunkt des Interesses steht. Dabei kommt Hemingway selbst nicht besonders gut weg. Er verprellt Freunde und Förderer, trinkt und betrügt seine Frau. Fast scheint es, als sei McLains Roman eine Art Antwort auf Hemingways Darstellung derselben Jahre in „Paris, ein Fest fürs Leben“, die ein viel unbeschwerteres und glücklicheres Leben beschreiben.
Zwar ist „Madame Hemingway“ ein Roman und keine Biographie, „Aber es besteht immer die Chance, dass solch ein Werk der Phantasie einiges Licht auf das wirft, was als Tatsache geschrieben worden ist.“ wie Ernest Hemingway selbst einmal gesagt hat. Und diese Aussage trifft wohl auch auf „Madame Hemingway“ zu. Nicht umsonst hat sich die Autorin vor Beginn ihres Romans ausführlich mit der Biographie beider Protagonisten und den zahlreichen Briefwechseln beschäftigt, um ihrem Roman einen realistischen Rahmen zu geben.
Paula McLain ist es gelungen einen sehr persönlichen Ton zu treffen, der es ihren Lesern nicht nur ermöglicht sich ganz in die Zeit der 20er Jahre und die Figur der Hadley hineinzuversetzen, sondern auch einen sehr intimen Blick auf den Schriftsteller und Ehemann Ernest Hemingway zu werfen.
Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass auch dieses Buch ein „Fest fürs Leben“ ist!

50

10.04.2013

„Mehr als eine Dreiecksbeziehung”

Mit ihrem Debüt erfüllt die studierte Literaturwissenschaftlerin und heute als Drehbuchautorin tätige Hélène Grémillon wohl ein Klischee: Franzosen können am besten melancholische Liebesgeschichten schreiben. Doch „Das geheime Prinzip der Liebe“ ist mehr als ein Klischee.
Mit der Dreiecksbeziehung zwischen Madame M., die sich nichts mehr wünscht als ein Kind, Annie, die ihr dieses Kind schenken möchte und dem Ehemann, der zum Spielball der beiden Frauen wird, erzählt die Autorin eine Geschichte über Verrat und Vertrauensmissbrauch, die am Ende nur Verlierer kennt und umso tragischer ist, als jeder der Protagonisten am Anfang tatsächlich nur aus Liebe gehandelt hat.
"Am Anfang wusste ich nur, dass ich Lust hatte, einen Konflikt zwischen zwei Frauen zu beschreiben. Konkreter war es zunächst nicht. Wenn man eine Idee hat und an ihr festhält, zieht das im Allgemeinen weitere Einfälle nach sich, und so hat sich nach und nach die Welt des Romans herausgebildet." beschreibt Hélène Grémillon ihre Arbeit.
Vier verschiedenen Ich-Erzähler und diverse Zeitsprünge erzeugen Spannung und konfrontieren mit stets neuen und anderen Blicken auf die Geschehnisse der Vergangenheit. Der Leser kann sich keiner ‚Wahrheit‘ sicher sein - was eben noch stimmte, wird gleich wieder übermalt. Durch diese starke Verschachtelung und den Perspektivenwechsel lernt der Leser, dass es kein Gut und kein Böse, keinen Täter und kein Opfer gibt, sondern immer zwei Seiten einer Medaille.
Ein wunderbar fesselndes Buch mit einer wunderbar fesselnden Sprache.

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Ewig Dein

Daniel Glattauer

EUR 13,99 *
auf Merkliste

40

10.04.2013

„Anti-Liebesroman”

Nach seinem zweiteiligen Liebes-E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ (der es sogar auf die Theaterbühne geschafft hat) hat der österreichische Autor Daniel Glattauer nun so etwas wie einen „Anti-Liebesroman“ geschrieben.
In „Ewig Dein“ beschreibt der Autor nicht die prickelnde, verklärte Seite der Liebe, sondern die dunkle, beklemmende Seite einer besessenen Liebe.
Hannes ist anderes als die Männer, die Judith bisher kennen gelernt hat und weckt gerade deshalb ihr Interesse. Er trägt sie auf Händen, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab und zieht auch ihre Familie und ihre Freunde in seinen Bann. Als Judith jedoch bemerkt, dass ihr diese Liebe zu viel wird, dass Hannes unbegrenzte Liebe beginnt sie zu erdrücken, ist es bereits zu spät! Hannes gibt sie nicht mehr frei!
Daniel Glattauer schafft es, sich in seine Protagonistin hineinzuversetzen. Ihre Ängste, ihre Bedrängnis, ihr Verfolgungswahn gehen geradezu auf den Leser über. Man fühlt sich getrieben und gejagt, genauso wie Hannes Stalking-Opfer. Die Anspannung legt sich erst mit dem letzten Punkt des Romans.
Spätestens nach „Ewig Dein“ ist klar: Daniel Glattauer kann mehr als seichte, glatt geschliffene Liebesromane zu schreiben!

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Sunset

Klaus Modick

EUR 7,49 *
auf Merkliste

50

10.04.2013

„Ein Meisterwerk”

„Sunset“ ist ein Meisterwerk der Gegenwartsliteratur!
Ausgehend vom Tode Brechts im Jahr 1956 beschreibt Klaus Modick die Beziehung zwischen den Schriftstellern Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht, deren Dreh- und Angelpunkt Feuchtwangers Villa Aurora gewesen zu sein scheint, in der auch Modick selbst ein Stipendium genossen hat. „In stummer Zwiesprache mit dem toten Freund ruft Feuchtwanger die Stationen dieser Freundschaft wach, ihren Beginn im München der Räterepublik, die literarischen Triumphe der Zwanzigerjahre, die Flucht und das Leben im Exil.“ - Eine Beziehung zwischen Hassliebe und väterlicher Freundschaft, die geprägt war von politisch brisanten Zeiten, Vertreibung und Verrat.
Modick, der sich schon seit Jahrzehnten mit Lion Feuchtwanger beschäftigt und auch über ihn promovierte, gewährt dem Leser einen Einblick in den Alltag der Schriftsteller im amerikanischen Exil. Nicht jedes Detail basiert auf der Wirklichkeit, dennoch hält der Autor sich eng an die Fakten.
Trotz dieses zunächst trocken anmutenden Themas, ist „Sunset“ nicht nur ein Buch für eingeweihte Literaturwissenschaftler, sondern durchaus eines für die breite Masse der Literaturinteressierten, denn Modick erzählt mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Nicht umsonst hat Klaus Modick es in diesem Jahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

50

10.04.2013

„Ein modernes romantisches Märchen”

"Die Träumerin von Ostende" ist eine Sammlung von fünf Erzählungen ("Die Träumerin von Ostende", "Ein perfektes Verbrechen", "Die Heilung", "Miserable Bücher", "Die Frau mit dem Blumenstrauß").
Auf den ersten Blick scheinen die fünf Erzählungen, jede für sich ein Meisterwerk, nicht viel miteinander gemeinsam zu haben; doch der Schein trügt. Alle fünf Geschichten und die ihnen zugrunde gelegten Protagonisten lassen die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit verwischen. Sie zeigen, dass sich das wahre Leben oft in unseren Träumen abspielt – sei es eine vergangene Liebe, ein grausamer Ehemann oder eine scheinbar real gewordene Bedrohung.
Am Ende jeder Erzählung lässt Eric-Emmanuel Schmitt schließlich viel Raum für die eigenen Träume und Fantasien des Lesers.

Ich kann mich in meinem Urteil nur dem "Magazine Littéraire" anschließen, das schreibt: "Die Träume, die uns verfolgen sind keine flüchtigen Bilder oder Illusionen, sie machen den Reiz des Lebens aus, sind der Stimulus unseres Handelns. Eric-Emmanuel Schmitt hat den Ton genau getroffen, mit dem er diese Erfahrung in Literatur verwandelt."
Der Autor hat auch mich träumen lassen und ich denke noch immer über Wahrheit und Fiktion der Geschichten nach.
"Die Träumerin von Ostende" – ein Buch das nachklingt – typisch Eric-Emmanuel Schmitt!

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