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Der Ritter der Königin

Historischer Roman. Deutsche Erstausgabe

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Artikeldetails zu Der Ritter der Königin

AutorElizabeth Chadwick

Untertitel Historischer Roman. Deutsche Erstausgabe

Abbildungsvermerk 18,5 cm

  • ISBN-103-442-36903-7
  • ISBN-139783442369034
  • Verlag Blanvalet
  • ReiheBlanvalet Taschenbücher
  • ÜbersetzerMonika Koch
  • EinbandartTaschenbuch
  • Seiten607
  • Veröffentlicht13.05.2008
  • GenreHistorischer Roman
  • Gewicht468g
  • SpracheDeutsch
  • OriginaltitelThe Greatest Knight

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Leseprobe aus Der Ritter der Königin

Festung von Drincourt, Normandie, Sommer 1167


In der dunklen Stunde kurz vor Tagesanbruch waren die Fensterläden der großen Halle noch fest vor den Unbilden der Nacht geschlossen, und die letzte Glut unter der mächtigen Esse über der Feuerstelle erinnerte an das erloschene Auge eines Drachens. Auf den zahlreichen Strohsäcken entlang den Wänden gewahrte man die Umrisse der schlafenden Ritter und Gefolgsleute. Ihre Atemzüge erfüllten die Luft mit leisem Seufzen, von Zeit zu Zeit hallte auch ein kehliges Schnarchen durch den Raum.
Auf einem der ungemütlicheren Plätze am äußersten Ende der großen Halle, nahe beim zugigen Tor und weitab vom heimeligen Feuer, wälzte sich ein junger Mann schlaftrunken hin und her. Er runzelte die Stirn, als er im Traum aus der mächtigen normannischen Festung in die sehr viel kleinere, vertraute Halle von Hamstead, der Burg seiner Familie in Berkshire, zurückgetragen wurde.
Im Traum war er gerade einmal fünf Jahre alt. Er trug seine beste blaue Tunika, und seine Mutter presste ihn an ihren Busen, während sie ihm mit beinahe versagender Stimme einschärfte, sich gut zu benehmen. »Denk immer daran, dass ich dich liebe, William.« Der Kleine bekam kaum Luft, so fest drückte sie ihn an sich. Als sie ihn endlich losließ, rang er nach Atem - und sie um Fassung. »Küss mich und dann geh mit deinem Vater«, sagte sie.
Der kleine William drückte die Lippen auf die weiche Wange seiner Mutter und sog ihren Duft ein. Den süßen Duft nach frisch gemähtem Gras. Plötzlich wollte er nicht mehr fort. Sein Kinn begann zu zittern.
»Hört auf zu weinen, Frau. Ihr macht ihm nur Angst.« William spürte, wie sich die Hand seines Vaters hart und unerbittlich auf seine Schulter legte. Mitten im von der Sonne durchfluteten Raum, in Gegenwart aller Mitglieder des Haushalts, drehte er ihn zu sich herum. Seine drei großen Brüder Walter, Gilbert und John verfolgten die Szene mit ernsten Mienen. Johns Lippen bebten ebenfalls.
»Bist du bereit, mein Sohn?«
William hob den Blick. Geschmolzenes Blei vom Dach einer brennenden Kirche hatte das rechte Auge seines Vaters zerstört. Obendrein hatte das heiße Metall eine grausige Narbe von der Stirn bis zur Wange in die Haut gegraben, sodass die eine Hälfte seines Gesichts einer wahren Teufelsfratze nahekam, während die andere dem Antlitz eines Engels glich. Da William seinen Vater jedoch nicht ohne diese Male kannte, erwiderte er seinen Blick fest.
»Ja, Sir«, gab er zurück und wurde durch ein kurzes Aufleuchten in den Augen seines Vaters belohnt. »Braver Junge.«
Unten im Burghof warteten bereits die Stallburschen mit den Pferden. John Marshal schob seinen Fuß in den Steigbügel und schwang sich auf seinen Hengst. Dann beugte er sich hinunter, zog den kleinen William empor und setzte ihn vor sich in den Sattel. »Denke immer daran, dass du der Sohn des königlichen Hofmarschalls und Neffe des Earl of Salisbury bist.« Er gab seinem Pferd die Sporen, und bald darauf trabten sie zusammen mit ihren Begleitern durch das Burgtor hinaus. Dabei beobachtete er die von vielen Schlachten gezeichneten, großen Hände seines Vaters, die vor ihm die
Zügel hielten, und darüber die leuchtend bunte Stickerei an den Ärmeln seiner Tunika.
»Werde ich lange wegbleiben?«, fragte die kleine Traumgestalt mit heller Kinderstimme.
»Das hängt davon ab, wie lange König Stephan dich behalten möchte.«
»Warum will er mich denn haben?«
»Weil ich ihm etwas versprochen habe. Du sollst so lange beim König bleiben, bis mein Versprechen erfüllt ist.« Die Stimme des Vaters klang so rau wie eine Schwertklinge auf dem Wetzstein. »Sozusagen als Pfand für meine Ehre.«
»Und was habt Ihr ihm versprochen?«
William spürte erneut, wie sich die Brust seines Vaters ruckartig zusammenkrampfte, und vernahm eine Art Grunzen, das fast an ein Lachen erinnerte. »Etwas, das nur ein Dummkopf von einem Verrückten fordern würde.«
Eine merkwürdige Antwort. Der kleine William drehte sich um und sah zum entstellten Gesicht seines Vaters empor, während sich der große William wieder unruhig auf seiner Schlafstatt herumwälzte. Die Furchen auf seiner Stirn vertieften sich, und die Augäpfel rollten hinter den Lidern heftig hin und her, als die Stimme seines Vaters im Nebel des Traums verklang und er stattdessen hörte, wie eine Frau und ein Mann in der Nähe miteinander stritten.
»Der Bastard ist auf Ehrenwort heimgekehrt, hat seine Burg befestigt, sie bis zum Dachstuhl mit Männern und Vorräten vollgestopft und sämtliche Breschen abgesichert.« Verachtung schwang in der rauen Stimme mit. »Der hatte niemals vor, sich zu ergeben.«
»Aber was wird jetzt aus seinem Sohn?«, flüsterte die Frau mit banger Stimme.
»Das Leben des Kleinen dient dem König als Pfand. Der Vater sagt jedoch, dass ihn das nicht schere und er noch Manneskraft genug besäße, um weitere und bessere Söhne zu zeugen als diesen einen, den er nun womöglich verlieren wird.«
»Das meint er doch nicht im Ernst ...«
Der Mann spuckte aus. »Ich rede von John Marshal - und der ist ein verrückter Hund. Niemand weiß, wozu der imstande ist. Aus diesem Grund hat sich der König ja den Jungen als Pfand ausbedungen.«
»Aber Ihr . Ihr werdet doch nicht . das könnt Ihr nicht tun!« Vor Entsetzen wurde die Stimme der Frau immer lauter.
»Nein, nein, ich doch nicht. Das hat allein der König mit seinem Gewissen zu entscheiden. Und der verfluchte Vater. Das Essen brennt an, Frau. Kümmert Euch lieber um Eure Pflichten.«
Im nächsten Moment wurde die kleine Traumgestalt am Arm gepackt und unsanft durch ein weitläufiges Feldlager gezerrt. William spürte den bläulichen Rauch, der aus den Feuerstellen quoll, in der Nase kitzeln und beobachtete, wie die Soldaten ihre Waffen schärften. Eine Gruppe Söldner baute etwas zusammen, das, wie er heute wusste, eine Steinschleuder war.
»Wohin gehen wir?«, fragte er.
»Zum König.« Plötzlich trat das bisher verschwommene Gesicht des Mannes in aller Deutlichkeit hervor. Unter der lederbraunen Haut zeichneten sich scharfkantige Knochen ab. Der Mann hieß Henk. Ein flämischer Söldner in Diensten König Stephans.
»Und warum?«
Ohne ein weiteres Wort bog Henk unvermittelt nach rechts ab, wo zwischen einer Belagerungsmaschine und einem geräumigen Zelt aus blau und gold gestreiftem Tuch einige Männer beisammenstanden und sich miteinander unterhielten. Zwei Wachsoldaten versperrten Henk und William mit ihren Lanzen den Weg, doch als sie den Söldner erkannten, traten sie zurück und winkten die beiden durch. Nach zwei weiteren Schritten sank Henk auf die Knie und zog William mit sich auf die Erde. »Sire.«
William wagte einen kurzen Blick durch seine fransigen Haare, da er nicht erkennen konnte, welchen der Männer Henk angesprochen hatte. Keiner von ihnen trug eine Krone oder sah so aus, wie er sich einen König vorstellte. Lediglich einer der Lords hielt eine Lanze in der Hand, an der ein seidenes Banner befestigt war.
»Dies ist also der Junge, der seinem Vater nicht mehr als einen läppischen Zeitgewinn wert war«, bemerkte der Mann neben dem Lanzenträger. Sein helles Haupthaar ergraute bereits, seine Züge waren zerfurcht und sorgenvoll. »Steh auf, Junge. Wie heißt du?«
»William, Sir.« Die kleine Traumgestalt erhob sich artig. »Seid Ihr der König?«
Überrascht zwinkerte der Mann einige Male. Dann zog er die Brauen über den blassblauen Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander. »Ja, der bin ich - fürwahr. Auch wenn dein Vater das zu bezweifeln scheint.« Einer der Lords beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte etwas in sein Ohr. Der König lauschte, dann schüttelte er heftig den Kopf. »Nein«, sagte er.
Ein Windstoß ließ das seidene Banner flattern, sodass der daraufgestickte rote Löwe sich zu strecken und zu räkeln schien. Der Anblick fesselte den Jungen. »Darf ich die Lanze einmal halten?«, fragte er voller Eifer.
Der Lord runzelte die Stirn. »Als Bannerträger scheinst du mir ein bisschen klein, mein Junge.« Er schmunzelte und übergab William dann zögerlich die Lanze. »Also sei vorsichtig.«
Der Griff war noch warm, als Williams kleine Faust sich darum legte. Er schwenkte die Lanze hin und her und lachte vor Begeisterung, als das Banner durch die Luft zischte.
Inzwischen hatte sich der König von seinem Ratgeber abgewandt und vollführte negierende Gesten.
»Sire, falls Ihr Euch jetzt erweichen lasst, werdet Ihr nur John Marshals Verachtung ernten ...«, wiederholte der Höfling.
»Bei Christus am Kreuz! Ich würde meine Seele ins Fegefeuer stürzen, wollte ich dieses unschuldige Wesen für die Untaten seines Erzeugers hängen! Seht ihn Euch doch nur an ... seht nur!« Mit dem Zeigefinger deutete der König auf den Jungen. »Nicht um alles Gold der Christenheit werde ich diesen Jungen am Galgen aufknüpfen! Seinen Höllenhund von Vater ja, aber nicht ihn.«
Ohne zu ahnen, in welcher Gefahr er schwebte, wirbelte William die Lanze durch die Luft.
»Komm her, Junge.« Der König winkte ihn zu sich. »Du gehst jetzt in mein Zelt und wartest dort, bis ich entschieden habe, was mit dir geschehen soll.«
William war nicht allzu enttäuscht, als er das Spielzeug an seinen Besitzer zurückgeben musste, der sich später als Earl of Arundel entpuppte. Dafür durfte er schließlich das aufregende gestreifte Zelt betreten, in dem sich vielleicht noch andere Waffen befanden. Und womöglich sogar mit diesen spielen - mit den Waffen des Königs. In freudiger Erwartung eilte er an dessen Seite.
Vor dem Zelt standen zwei Ritter in voller Rüstung auf Posten, außerdem waren dem König mehrere Diener und Knappen zu Diensten. Den Eingang deuteten zwei schmale Stoffbahnen an, die man zur Seite geschlagen hatte. Der Boden innerhalb des Zelts war mit frisch gemähtem Gras bestreut, sodass die Luft im Inneren betäubend duftete. Neben dem großen Bett des Königs, auf dem zahlreiche bestickte Polster und Kissen aus Seide lagen ebenso wie flauschige Felldecken, stand genau wie im Zimmer seiner Eltern in Hamstead eine verzierte Truhe. Außerdem fanden auch noch eine Bank und ein Tisch mit silberner Karaffe und Bechern Platz. Zwei graue gekreuzte Stangen trugen die glänzend polierte Rüstung des Königs, obenauf thronte der Helm. Schild und Schwertscheide lehnten an der Konstruktion. Sehnsüchtig betrachtete William die prächtige Rüstung.
Der König lächelte. »Möchtest du eines Tages auch ein Ritter werden, William?«
Der Junge nickte eifrig, und seine Augen leuchteten.
»Und deinem König die Treue schwören?«
Wieder nickte William. Dieses Mal verriet ihm sein Instinkt, was von ihm erwartet wurde.
»Ich muss nachdenken.« Seufzend bedeutete der König einem Knappen, einen der Becher mit blutrotem Wein zu füllen. »Junge, sieh mich an.«
William hob den Kopf. Der harte Blick des Königs erschreckte ihn ein wenig.
»Ich möchte, dass du dich später genau an diesen Tag erinnerst«, erklärte König Stephan langsam und deutlich. »Du sollst wissen, dass ich dir trotz allem, was dein Vater mir angetan hat, erlaube, erwachsen zu werden und seinen Fehler auszugleichen. Präge dir den folgenden Satz auf ewig ein: Ein König schätzt die Treue höher als alle anderen Tugenden.« Er trank einen Schluck und drückte dann den Becher in Williams kleine Hände. »Trink und versprich mir, dass du dich immer an diesen Tag erinnern wirst.«
William gehorchte, obgleich der Wein wie Feuer in seinem Hals brannte.
»Versprich es mir«, wiederholte der König, als er den Becher wieder an sich nahm.
»Ich verspreche es«, sagte der kleine William. Und als ihm der Wein glühend heiß in den Magen fuhr, war der Traum mit einem Mal zu Ende.
Der erste Hahn krähte, und die Schlafenden in der großen Halle von Drincourt wurden langsam munter. Auch William schlug leise stöhnend die Augen auf. Einige Augenblicke lang verharrte er ganz still und versuchte, sich in seiner Umgebung zurechtzufinden. Es war längere Zeit her, seit ihn seine Träume zuletzt in den Sommer der Schlacht um Newbury zurückversetzt hatten, die er als Geisel auf König Stephans Seite miterlebt hatte. Im Wachen dachte er so gut wie nie mehr daran zurück. Doch es war kein besonderer Anlass nötig - und schon wurde aus dem gerade Zwanzigjährigen im Traum wieder der kleine blonde Junge von fünf Jahren.
Trotz all seines Geschickes und trotz der Bereitschaft, seinen viertgeborenen Sohn zu opfern, hatte Williams Vater die Burg von Newbury damals nicht halten können und in der Folge auch die Lehnsherrschaft über Marlborough eingebüßt. Doch trotz alledem hatte sich letztlich das Schicksal zu seinen Gunsten gewendet. König Stephan war ohne Erben ins Grab gesunken, und Kaiserin Matildas Sohn Heinrich, der Spross ihrer zweiten Verbindung mit Gottfried Plantagenet von Anjou, saß als Heinrich II. seit nunmehr dreizehn Jahren fest auf dem englischen Thron.
»Und ich wurde vor kurzem zum Ritter geschlagen«, murmelte William. Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen, wenn er an seine Knappenzeit zurückdachte, als er Rüstungen poliert, Botengänge erledigt und sich unter der Anleitung von Guillaume de Tancarville, dem Großkämmerer der Normandie und entfernten Verwandten seiner Mutter, alle Fertigkeiten seines zukünftigen Handwerks angeeignet hatte. Die Schwertleite hatte ihn endlich unter die erwachsenen Männer eingereiht und ihn auf einer äußerst schlüpfrigen Leiter eine Stufe nach oben befördert. Dadurch war sein Verbleib im Gefolge de Tancarvilles jedoch nicht sicherer geworden. Im Grunde hatte Lord Guillaume keinen Platz für frisch geschlagene Ritter, die sich noch nie in einem wirklichen Gefecht hatten beweisen müssen.
Für kurze Zeit hatte William mit dem Gedanken geliebäugelt, nach Hamstead zurückzukehren und sich seinem Bruder John als Verteidiger des Familienbesitzes zur Verfügung zu stellen. Doch im Grunde betrachtete er die heimatliche Burg eher als letzte Zuflucht, und obendrein fehlten ihm die Mittel, um die Rückfahrt über die Meerenge nach England zu bezahlen. So gesehen boten die ständigen Zwistigkeiten zwischen der Normandie und Frankreich die beste Gelegenheit, gleich an Ort und Stelle die notwendigen Erfahrungen und Fertigkeiten zu erwerben. Überall entlang der Grenze versuchten französische Truppen in die Normandie vorzudringen, wobei sie große Verwüstungen anrichteten. Da die Festung von Drincourt die nördlichen Straßen in Richtung Rouen absicherte, waren gerade hier bewaffnete Verteidiger dringend erforderlich.
Während die Traumbilder langsam verblassten, glitt William in eine Art Dämmerschlaf, und endlich lockerte sich auch seine Anspannung. Das Blondhaar seiner Kinderzeit war im Lauf der Jahre etwas nachgedunkelt und hatte inzwischen fast einen kastanienbraunen Ton angenommen. Aber im Sommer zauberte die Sonne noch immer goldene Strähnen hinein. Wer John Marshal gekannt hatte, der bemerkte stets, dass der Sohn seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war - bevor das schmelzende Blei des Daches von Wherwell Abbey dessen Züge verunstaltet hatte. Außerdem war ihnen die dunkelgraue Iris gemein, die sich wie das lebhafte Farbenspiel eines winterlichen Flusses ständig änderte.
»Guter Gott! Ich gehe jede Wette ein, dass du sogar die Trompeten des Jüngsten Gerichts verschläfst. Steh endlich auf, du fauler Kerl.« Die laute Stimme wurde von einem unsanften Knuff begleitet. Stöhnend schlug William die Augen auf, um Gadefer de Lorys zu erblicken, einen von de Tancarvilles älteren Rittern, der sich über ihn beugte.
»Ich bin doch längst wach.« Er dehnte seinen Brustkorb und setzte sich auf. »Darf ein Mann nicht einmal seine Gedanken sammeln, ehe er aufsteht?«
»Ha! Die würdest du noch bei Sonnenuntergang suchen, wenn man dich ließe. Ein solcher Langschläfer ist mir noch nie untergekommen. Wenn du nicht mit unserem Lord verwandt wärst, hätte ich dich längst mit einem Tritt an die Luft befördert!«
Es war allgemein bekannt, dass Gadefer morgens immer schlecht gelaunt war. Am besten stimmte man ihm in allem zu und machte, dass man schnell fortkam. William wusste, dass einige der Ritter nicht gut auf ihn zu sprechen waren, weil sie um ihren Platz in de Tancarvilles Gefolge fürchteten. So gesehen war seine Verwandtschaft mit dem Lordkämmerer ebenso hinderlich, wie sie andererseits von Vorteil war. »Ihr habt recht«, sagte er und grinste entschuldigend. »Ich werde mich also höchstselbst an die frische Luft befördern und mich lieber meinen Reitübungen widmen.«
Brummelnd stapfte Gadefer davon. William schnitt verstohlen eine Grimasse. Dann rollte er seinen Strohsack zusammen, faltete die Decke und ging nach draußen. Beinahe meinte er schon den feinen Staub des Mittsommertags riechen zu können, obgleich sich noch die Feuchte der Nacht im Schatten der Wälle hielt. Sie würde erst durch die Kraft der aufgehenden Sonne von den mächtigen Mauern vertrieben werden. Er blickte kurz zu den Ställen hinüber, doch dann besann er sich eines Besseren und folgte zunächst einmal seinem knurrenden Magen in die Küche jenseits des Hofs.
Die Köche der Festung waren an Williams häufige Besuche gewöhnt, und so dauerte es nicht lang, bis er an einem der Tische lehnte und gierig ein noch ofenwarmes Brot mit schmelzender Butter und süßem Kleehonig verzehrte. Die Frau des Kochs schüttelte nur den Kopf. »Gott weiß, wohin Ihr das alles steckt. Würde es mit rechten Dingen zugehen, dann müsste Euer Bauch so rund sein wie der einer Frau kurz vor der Niederkunft.«
Grinsend klopfte William auf seinen flachen Bauch. »Ich arbeite eben hart.«
Mit einem tiefen Blick, der mehr sagte als viele Worte, wandte sich die Frau wieder ihrer Arbeit zu und hackte weiter Gemüse klein. Genüsslich leckte sich William die letzten Honigtropfen von den Fingern, stützte sich gegen den Türbalken und sah in den wunderschönen Sommertag hinaus. Doch plötzlich wurde die friedliche Stille des Burghofs jäh von lautem Rufen unterbrochen. Gleich darauf eilte der Earl of Essex in voller Rüstung quer über den Hof zu den Ställen. Weitere Ritter und Sergeanten folgten ihm auf dem Fuße. William stürzte ihnen nach. »Was ist los?«, rief er. »Was ist geschehen?«
Einer der Ritter sah über die Schulter zurück. »In den Außenbezirken der Stadt wurden Franzosen und Flamen gesichtet!«, keuchte er.
Seine Worte durchzuckten William wie ein Blitz. »Sie haben die Grenze überschritten?«
»Genau. Sie haben die Bresle überquert und sind von dort aus nach Eu marschiert. Inzwischen stehen sie vor unseren Mauern. Matthew of Boulogne führt sie an. Lauf und hol deine Waffen, Marshal. Das Essen muss vorerst warten.«
In riesigen Sätzen rannte William zurück in die große Halle. Sein Herz hämmerte wie verrückt. Mit einem Mal war ihm übel, und er wünschte, nicht so viel Brot und Honig in sich hineingestopft zu haben. Ein Knappe stand schon bereit, um ihm beim Anlegen des wattiertes Wamses und des Kettenhemds zu helfen. Guillaume de Tancarville lief in seinem Harnisch rastlos auf und ab und stieß mit schnarrender Stimme knappe Kommandos aus, während seine Ritter in großer Eile ebenfalls ihre Rüstungen anlegten.

Rezensionen der Redaktion zu Der Ritter der Königin

Detailverliebt recherchiert und atmosphärisch dicht, überzeugen die Historienromane von Elizabeth Chadwick, die qualitativ weit über dem im Genre Üblichen liegen. - Ein Ritterabenteuer für alle, die das Mittelalter unverklärt und ohne falsche Romantik erleben wollen. HörZu

Kurzbeschreibung zu Der Ritter der Königin

Nichts ist so stark wie das Herz eines Ritters ... - ein opulenter, farbenprächtiger Mittelalterroman voller Romantik und Abenteuer!


England im 12. Jahrhundert: Für den jungen Adeligen William Marshal nimmt das Leben eine entscheidende Wende, als er der faszinierenden Eleonore von Aquitanien das Leben rettet. Fortan ist er Ritter in ihrem persönlichen Gefolge und Tutor des Thronfolgers. Doch in der Gunst der Königin zu stehen, ruft auch viele Neider auf den Plan. Und so muss einer der edelsten und loyalsten Ritter der englischen Geschichte im bewegten 12. Jahrhundert hässliche Intrigen erleiden, viele Kämpfe überstehen und mehreren Herren dienen - bis er endlich die Liebe seines Lebens finden kann ...


Beschreibung der Redaktion zu Der Ritter der Königin

Nichts ist so stark wie das Herz eines Ritters ... - ein opulenter, farbenprächtiger Mittelalterroman voller Romantik und Abenteuer! England im 12. Jahrhundert: Für den jungen Adeligen William Marshal nimmt das Leben eine entscheidende Wende, als er der faszinierenden Eleonore von Aquitanien das Leben rettet. Fortan ist er Ritter in ihrem persönlichen Gefolge und Tutor des Thronfolgers. Doch in der Gunst der Königin zu stehen, ruft auch viele Neider auf den Plan. Und so muss einer der edelsten und loyalsten Ritter der englischen Geschichte im bewegten 12. Jahrhundert hässliche Intrigen erleiden, viele Kämpfe überstehen und mehreren Herren dienen ? bis er endlich die Liebe seines Lebens finden kann ... ?Ein exzellenter, eindrucksvoller und fesselnder Roman!? The Historical Novels Review ?Dieser Roman ist romantisch, wenn William seiner jungen Braut den Hof macht, skandalös und intrigant, wenn Höflinge und Herrscher ihre Ränke schmieden, aber was ihn besonders auszeichnet, ist die detailgenaue Schilderung des Mittelalters. Das kann niemand so gut wie Chadwick!? The Oxford Times ?Elizabeth Chadwick zeichnet ein lebendiges Bild des Rittertums. Ihr Protagonist ist William Marshal. In seiner Zeit so berühmt wie David Beckham heute verkörpert er wie kein zweiter die ritterlichen Tugenden des Mittelalters: Edelmut, Loyalität und Pflichterfüllung ? und gerät doch in die politischen Machtspiele und Intrigen des Hofs der Plantagenets von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien.? Nottingham Evening Post

Autorenportrait zu Der Ritter der Königin

Elizabeth Chadwick lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Nottingham. Sie hat inzwischen 15 historische Romane geschrieben, die allesamt im Mittelalter spielen. Vieles von ihrem Wissen über diese Epoche resultiert aus ihren Recherchen als Mitglied

Portrait

Elizabeth Chadwick:
Elizabeth Chadwick lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Nottingham. Sie hat historische Romane geschrieben, die allesamt im Mittelalter spielen. Vieles von ihrem Wissen über diese Epoche resultiert aus ihren Recherchen als Mitglied von Regia Anglorum, einem Verein, der das Leben und Wirken der Menschen im frühen Mittelalter nachspielt und so Geschichte lebendig werden lässt. Elizabeth Chadwick wurde u. a. mit dem Betty Trask Award ausgezeichnet, und ihre Romane gelangten immer wieder auf der Auswahlliste des Romantic Novelists Award.

Autorenportrait

Elizabeth Chadwick lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Nottingham. Sie hat inzwischen 15 historische Romane geschrieben, die allesamt im Mittelalter spielen. Vieles von ihrem Wissen über diese Epoche resultiert aus ihren Recherchen als Mitglied

Bewertung unserer Kunden zu Der Ritter der Königin

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50

21.02.2010

„Hervorragend, spannend & genial”

von wbenti aus Münster
Elizabeth Chadwick beweist hier wieder eindrucksvoll, wie spannend historische Romane sein können. Die Figuren sind lebensnah und man kann sich leicht in die Geschichte reinlesen. So müssen historische Romane sein.!!!Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Jetzt ganz schnell zum Folgeroman "Der scharlachrote Löwe" ...................!!!!!

20

23.08.2008

„Schade...”

von C@rolin
Ich musste das erste Buch aus der Chadwick-Triologie über William Marshal einfach haben, ist er doch eine meiner absoluten Lieblings-Personen des Mittelalters, wenn man das so nenen darf.
Das Buch startet unterhaltsam und flüssig, ab der Hälfte quälte ich mich dann allerdins nur noch Seite um Seite vorwärts und legte es schließlich ganz beiseite. Seitdem habe ich von Elizabeth Chadwicks Büchern die Finger gelassen, dabei fand ich "Die normannische Braut" wirklich gelungen.

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