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Zitronenblau Top 100 Rezensent
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470 Rezensionen
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47
Über mich:

lese ab und zu mal ein Büchlein...

Zitronenblaus Rezensionen

30

27.10.2011

„Kein Märchen, - ein Prozess!”

Frischs Spätwerk "Blaubart" erinnert vom Titel her an das berühmte Märchen vom frauenmordenden Ritter Blaubart. Im Märchen selbst wurde er nach einer mir bekannten Fassung von den Brüdern seiner letzten Frau, nachdem sie im von ihm verbotenem Zimmer war und er sie dafür strafen wollte, erschlagen. In Frischs Buch geht alles weniger mittelalterlich zu. Blaubart ist der Pressename des Arztes Felix Schaad, der in Verdacht steht bzw. stand, eine seiner Exfrauen ermordet zu haben. Er wird jedoch wegen der Unbeweisbarkeit vom Gericht freigesprochen.
Die Erzählung vollzieht sich nicht episch-erzählerisch. Sie erinnert an den Joyceschen stream of consciousness. Die Stimmen des Staatsanwalts, des Richters und der Zeugen zu ihren Aussagen wiederholen sich im Kopf des Dr. Schaad. Dabei arbeitet Frisch wie in anderen seiner Werke mit der Montagetechnik, d.h. in diesem Falle, dass das Gedankengewebe zwischen der Wiedergabe des Prozesses und der normalen Alltagsgedanken springt. Die Syntax ist wieder sehr stark reduziert. Insgesamt bleiben die Gedanken unreflektiert. Die Gedanken werden dann auch zu Reminiszenzen, nachdem der laufende Prozess endet, jedoch ein innerlicher Prozess in Schaad fortführt, der so einen starken Einfluss auf die Außenwahrnehmung Schaads hat, dass er am Ende ein Geständnis ablegt und dann einen Unfall baut. Das Geständnis wird jedoch nicht abgenommen, da man meinte, der Täter wäre ein gewisser Nikos Grammaticos gewesen.
Frisch behandelt hier evident das Motiv der Schuld. Doch mit genauso großer Priorität ist ihm an der Identitätsproblematik gelegen (wie bei Stiller). Denn das Ich wird hier während des Prozesses konstruiert - jedoch zum Zwecke der Schuldbarmachung durch die Staatsanwaltschaft einerseits, durch die Unschuldbarmachung durch die Verteidigung andererseits. Die Qualität Schaads kann nicht en Detail offenbart werden. Weder der Vorgang des Prozesses selbst mit seiner formaliter zweckreduzierten Sprache (Sieg der Sprachstruktur = Nikos Grammaticos) noch seine ohnehin nur auf Urteilsfindung ausgerichtete Verhandlungslogik bieten Raum und Zeit einer Realkonstruktion. Schlimmer noch, die Urteilswut treibt einen innerlichen Prozess in Schaad auch nach Prozess voran, der die ganze Person destabilisiert, bis an den Rand der Wahrnehmung!
"Blaubart" ist kein Meilenstein der Literaturgeschichte. Der Bezug zum Märchen ist m.E. ausgesprochen oberflächlich. Das Licht seiner literarischen Billanz fällt auf dieses seiner Werke kaum...

30

23.10.2011

„Qualitätsmanagement nach DIN ISO 9001:2008”

Pfitzinger versucht mit diesem Buch ein Verfahrensmodell zur Einführung des QMS nach der DIN ISO-Norm vorzustellen. Daher wird die Erreichung des Ziels in Schritten von der Entscheidung durch die Leitung bis hin zum Zertifizierungsaudit dargestellt. Pfitzinger macht schon im Titel deutlich, dass die Entwicklung und Implementierung vor dem Hintergrund der normativen Anforderungen wie ein Projekt zu verstehen ist.
Das Buch baut sich nach drei Hauptpunkten auf: Die ersten 7 Kapitel des ersten Komplexes führen den Leser in die Normengruppe ein, behandelt die Revision (2008) sowie die Problembereiche bei der QMS-Einführung. Der zweite Komplex ist der Kern des Buches und nennt wie oben erwähnt die 26 Schritte von der Entscheidung bis hin zur Zertifizierung. Diese werden im Einzelnen duchleuchtet. Der letzte Komplex umschließt den Projekt- und Prozessmanagementcharakter von Entwicklung, Implementierung und Nachhaltigkeit des QMS.
Der Autor geht dabei so gut wie gar nicht auf die Inhalte der Norm ein. Daher sollten Leser die Norm zumindest einmal gelesen haben, um sich unter den formalen Anleitungen auch den entsprechenden Gehalt hinzu vorstellen zu können. Das Buch gibt daher zwar eine Vorgehensweise vor, die m.E. auch sehr gut und schlüssig aufgezeigt wird. Ohne Kenntnisse der Norm bringt dieses Modell aber relativ wenig. Besonders schade ist, dass in den Erläuterungen viel mehr Input hätte gegeben werden können, gerade was die Dokumentation, Dokumente, Aufzeichungen etc. betrifft. Hier und da zeigen sich einige Formblätter, das war es dann auch schon. Da der Verlag, der die Norm verlegt der gleiche ist, der das vorliegende Buch verlegt, wird dahinter wohl eine Cross-Selling-Strategie stecken, die einfach zur Vermarktung teurer Komplementärprofukte dienen soll. Das Buch erfüllt die Erwartungen nicht. Relativ gut finde ich zwar, dass im 3. Komplex (Projekt- und Prozessmanagement) die Referenz zum Vorgehensmodell hergestellt wird, insgesamt aber gibt das Buch zu wenig anwendungsfähigen Stoff her.

50

15.10.2011

„"Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht."”

Geiser ist der tragische Protagonist in Frischs später Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän". In dem Buch wird dessen Isolation in einem Bergtal erzählt, einhergehend mit einem präsenten Gewitter und Geisers parallel stärker werdenden Demenz bis zum Schlaganfall (wobei hier natürlich auch der parabolische Bezug herauskristallisiert).
Die Genialität dieses Werks steckt in Frischs perfektem Einklang der literarisch-ästhetischen Trias: Inhalt, Form und Stil. Die Erzählung wird aus der personalen Perspektive Geisers beschrieben. Die Syntax ist stark reduziert. Sie kulminiert in bloßen Wiederholungen der Feststellungen - der Vergewisserung des Daseins als geschichtlicher Mensch, der erinnert, um zu wissen. Die kriechende Demenz ist Ursache dieser sprachlichen Reduktion. Geiser versucht sich festzuhalten. Das Festhalten scheint ihm nur noch durch das Niederschreiben und Entäußern des Wissens von lexikalischen Einträgen auf Materiales, ins räumliche Draußen zu gelingen. Die Erinnerung von der Bergtour mit seinem Bruder Klaus auf den Matterhorn umschreibt parabolisch die einstige Stärke im Sich-Festhalten-Können an der Welt, im Erklimmen der Höhe, der Flucht aus jenem Tal der Krankheit, die in der Vergangenheit selbstverständlich war (Frisch wechselt hierbei auch in den entsprechenden, sonst im Präsenz gehaltenen Tempus). Im auch gelingenden Versuch der erneuten Wanderung, des abermaligen Ausbruchs, bleibt nur die Frage: wozu eigentlich? Der Sinn verloren, vergessen. Eine bittere Erfahrung ohne jede Erkenntnis.
Frisch spielt mit der Symbolik. Geiser sieht den Salamander in seinem Bad. Ist er nur noch ein kleiner Lurch. Wieder werden lexikalische Collagen ausgeschnitten von Sauriern, den großen und majästätischen Riesen. Nur noch Lurche in der fortgeschrittenen Zeit. Frisch gelingt auch eine kleine Philosophie der Sprache. Wissen ist versprachlicht, den Dingen sind Namen angeheftet. Doch was ändert sich, wenn der Mensch von Geiser - wie im Lexikoneintrag - nicht etwa im Pleistozän, sondern im Holozän erscheint? Der Ausdruck der Verwechselung hat die Ordnung eines Menschenbildes (sei es um der Pathologie willen) zerstört. Ist diese Ornung aber eben doch nur eine menschliche. In der Collage des Schlaganfalls wird Geisers Tragödie realisiert - ein letztes Gewusstes bleibt: "Was heißt Holozän! Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht."
Das Buch ist sehr einfach zu lesen. Und doch steckt in ihm eine Brillanz, die erst nach einer Analyse der eingesetzten Technik und Stilistik sich offenbart. Für eine Interpretation reicht leider meine Kenntnis über das Gesamtwerk und das Leben des Schrifstellers nicht, der vermutete autobiographische Züge als "Schwachsinn" abgetan hat. Die Stellung des Menschen in einen Titel mit dem Wort "Holozän" ist klar eine philosophische Fragestellung. Die Stellung des Menschen im Kosmos, in der Zeit, in der Geschichte wird thematisiert, wie die Collage von der Eschatologie uns glauben machen will. Auch die metaphysische Frage, was denn von den Dingen bliebe, ohne uns. Darauf antwortet Geiser: "Was heißt Holozon!" Das Ausrufezeichen rhetorisiert die Frage, die ihre Antwort ist...

buch

Der Doppelgänger

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

EUR 5,80 *
auf Merkliste

30

13.10.2011

„Der Doppelgänger - ein kanonisches Motiv”

Dostojewskis Petersburger Dichtung gehört zwingend in sein Gesamtwerk. Denn das Motiv des Doppelgängers ist so alt wie diese Gattunsgart selbst. Es hängt stark zusammen mit unserem Identitätsdenken sowie unserer individellen Stellung im Kosmos. Der Hebel der Erklärung ist zumeist der Zwilling. Somit aber der Reiz des Motivs ad acta. Dass Dostojewksi dieses Motiv "zwillingsfrei" verwendet, verwundert daher nicht; noch weniger, dass es negativ konnotiert wird - wo bliebe der epische Fundus? Der biedere Titularrat Goljädkin wird als ein schreckhafter, sehr konzentrierter und allzu gedankenverlorener Mensch beschrieben, dessen Charakteristik der Autor eingehend in den ersten Kapiteln ausdekliniert - ich glaube mit einem ersten Kulminationspunkt: der Besuch bei dem Arzt. Da liegt etwas im Busch, erkennt der Leser. Es folgt der Haupthandlungsstrang, in dem der "Held", obschon der Dichter seine Ironie nicht verbirgt, sich selbst begegnet. Ich werde mir die Mühe sparen die Einzelheiten darzulegen. Im Wesentlichen greift dieser "jüngere Goljädkin" in das Leben des Protagonisten - im Job, in der Gesellschaft, in dessen Kopf und Herz. So fühlt sich der Held schikaniert, verlacht, kompromittiert. In einem zweiten Parallelstrang - auch den Protagonisten betreffend (und vor allem durch das Moment des literarischen Briefes in die Handlung verflochten; übrigens vielverwendet im Gesamtwerk des Schriftstellers) - wird seine Liebe zu Olsuf'evna nicht erwiedert. So kulminiert dessen geistige Dekadenz und es geht schließlich ab in die Anstalt.
Das Buch ist sehr schmal (etwa 200 Seiten). Also wenig Raum für eine minutiöse Handlung. Wichtiger ist vielmehr die Form der Epik. Dostojewski wechselt zwischen der auktorialen Erzählweise (in der er sich selbst auch immer dem Leser als aktiver Erzähler zu erkennen gibt) sowie jener des Protagonisten, welcher wiederum in der deskriptiven Handlung in der 3. Person, im Gang der Gedanken in der 1. Person pendelt. Schwierig ist nun wie wir das literarische Werk beurteilen wollen. Man spürt den anfänglichen Witz von Dostojewski (Ironie z.B.). Noch war er nicht im Lager... Enthalten im Verhalten des Helden ist dennoch eine scharfe Kritik am gesellschaftlichen System. Hinter dem paranoiden Gehabe steckt eine umfassende Furcht bzw. das Gefühl einer sozialen Determination. Der Prozess der Umnachtung ist m. E. der Vorfall, den wir uns besonders anschauen müssen. Hierin sollte nun die Kunst stecken, alogische und akausale Linien innerhalb einer chonologischen Abfolge von Ereignissen zu zeichnen. Ich denke, dass ist Dostojewski gelungen. Begegnungen mit dem Doppelgänger tragen diese "Unnatur" genau so wie die Gespräche mit den Beamtenkollegen oder seinem Diener. Der dramaturgische Schlüssel ist insofern nicht ganz glücklich gewählt, als dass das Schloss zur höchsten Spannung durch das des Arzt-am-Anfang-Arzt-am-Ende-Bogens, der den Rahmen vorgibt, ein wenig durch Antizipation der Handlung ersetzt wird. Und auch sonst überzeugt Dostojewski zwar mit Süffisanz (ich mag diesen Stil ungemein), an eleganten Tropen und Stilmitteln fehlt es aber hier und da. Der Roman ist somit kein großer Wurf. Es wäre aber auch wieder recht verwunderlich gewesen, hätte der große russische Dichter dieses Motiv nie verarbeitet...

50

08.10.2011

„Für eine Erneuerung der Gebrauchstheorie der Bedeutung”

Loppes Entwurf einer Semantik im Anschluss an Wittgenstein und Putnam wendet sich nicht dezidiert gegen die heutigen Konzepte der kognitiven Semantik, stellt diese aber in Frage und kontert mit - Wittgenstein. Daher baut sich die Arbeit naturgemäß folgendermaßen auf. Zuerst bespricht Loppe das kognitive Paradigma. Ich werde hier nicht ins Detail gehen. Wesentlich ist, dass das Konzept "Konzept" prägend ist in der kognitivistischen Semantik (insbes. geht er auf Modelle ein wie Kategorien, Prototypen, NHB-Modell etc. und diskutiert Jackendoff sowie Bierwisch/Lang mit deren Zwei-Stufen-Semantik) und konstatiert schließlich dessen Nutzen für die Forschung: "Wir können nicht den entscheidenden Schritt zurücktreten und das reine Denken hinter der Sprache betrachten."
Daran anknüpfend müsste nun ein erklärungstaugliches Modell alternierend herhalten. Loppe versucht es mit Wittgenstein und widmet sich ausführlich dessen "Philosophischen Untersuchungen", welche ich auch an dieser Stelle nicht vertiefen werde. Wichtiger ist sein Ergebnis: Bedeutung ist der regelgeleitete Gebrauch von Wörtern. Das Hauptproblem dieser Lesart Wittgensteins ist in der Evidentmachung von jenen Regeln. Regelgeleitetes Handeln (in diesem Falle also Sprechen) soll ja explizit gemacht werden, jedoch sind Regeln unterdeterminiert wie Wittgenstein formuliert: "Kannst du die Grenzen angeben? Nein. Du kannst welche ziehen: denn es sind noch keine gezogen [...]." (PU 68). An anderer Stelle heißt es nach einem Zital von Vossenkuhl: "Wir können Regeln vernünftig oder unvernünftig, richtig oder falsch gebrauchen. Die Regeln selbst sind aber weder das eine noch das andere. [...] Wir können die Kriterien der Korrektheit also nur auf den Gebrauch, auf die Verwendung von Regeln anwenden." Loppe bezieht ihre "Realität" auf den bekannten Lewis'schen Konventionsbegriff: "Gebrauchsbedingungen ergeben sich aus dem Zusammenspiel sprachlicher und gesellschaftlicher Konventionen."Der Zusammenhang von Begriff und Gebrauchsregel [...] bedeutet [...] die Klärung des Zusammenhangs von Semnatik und Kognition." Regel ist eine "Vielzahl individueller Handlungen, die aufgrund wechselseitiger Erwartungen, ähnlicher Präferenzen etc. ein gewisses Maß an Übereinstimmung zeigen". Loppe skizziert nun seine methodischen Ansätze und Fehlerbehebungen (Abgrenzung Regel/Zweck, Bedeutungsminimalismus, Sprechaktfehlschluss) und zeigt die (und das ist methodisch von hoher Bedeutung, zugleich auch lange das Problem der Gebrauchstheorie) Formalisierbarkeit von Gebrauchsregeln. Jetzt erst entfaltet Loppe seinen gebrauchstheoretischen Ansatz seiner Semantik. Er gibt die Parameter des Gebrauchs an (Begriffsklassen nach Keller: Eigenschafts- und Nutzungsmerkmale sowie nach Muster- und Merkmalsorientierung; Parameter nach Radtke: Bereich der äußeren Welt, Welt der Gefühle und Handlungen, Welt des Sozialen, die sprachliche Welt und die Welt des Diskures). Repräsentation, "dass mit der Fähigkeit des Wortgebrauchs die Bildung eines Begriffs einhergeht [...]". Und die Rehabilitierung (Integration) des Putnamschen Stereotyps als Komponente der Gebrauchsregel (Klassifizierung nach essentiellen und kontingenten sowie nicht korrigierbaren und korrigierbaren Begriffen). Wichtig ist hierbei die Feststellung das Korrektheit (also Wahrheit!) bzgl. Referenz und Prädikation "sich folglich auch nicht an objektiv feststellbaren Objektmerkmalen, sondern daran [bemisst], ob die in der Rollendefinition festgelegten Bedingungen erfüllt sind." Am Ende wird aber bemerkt, dass institutionelle Abstrakta keine Stereotypen enthalten im Gegensatz zu Ausdrücken für natürliche Arten. Für die Abbildung der Stereotypen empfiehlt Loppe Matrixframes nach Ballmer/Brennenstuhl und Kondering (s. Orange). Loppe räumt ein, dass hier nur ein Ansatz vorliegt und es nun daran ist Methodik/Theorie zu verfeinern.

40

28.09.2011

„Verständlich und konzise”

Tugendhats und Wolfs "Logisch-semantische Propädeutik" ist für den Einstieg äußerst zu empfehlen. Auf wenig Raum befassen sich die Autoren mit den (aussagen-)logischen Elementen (Satz, Aussagensatz, Aussage, Urteil) und führen über die logische Implikation ("Analytisch wahr ist eine Aussage, wenn ihre Negation einen Widerspruch impliziert."), den Satz vom Widerspruch und die Syllogistik (Quadrat der Gegensätze) hin zu der Logik expandierenden Semantik (z.T. auch Pragmatik vor dem Hintergrund der Bedeutung durch die Verwendung von Worten und Sätzen in actu). Somit erweitert sich der logische um den grammatischen Raum (singuläre Sätze, generelle Sätze, komplexe Sätze und ihre Wahrheitsfunktionen). Mit der prädikatenlogischen Einführung handeln die Autoren Begriffe wie generelle Termini, Begriffe als soche, Klassen, Prädikate und Symbolik ab (Fa). Einen eigenen Artikel erhalten die singulären Termini (Eigennamen (Wolfs Spezialgebiet), Deixis-/Kontextpronomina und Kennzeichnungen. Die weiteren Kapitel beschäftigen sich mit dem Begriff der Identität (Freges Problem vom Morgenstern, der der Abendstern ist), der Existenz und dem Sein überhaupt - einer der philosophisch schwierigeren Begriffe, da "'existiert' im logisch-semantischen Sinn kein Prädikat ist." Sein ist ohnehin multifunktional und somit ausschließlich logisch gar nicht anwendungsfreundlich (teilprädikativ, Kopula etc.). Tugendhats Thema der Wahrheit wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen: "Die Wahrheit in diesem Sinn ist also eine Eigenschaft von Aussagen (oder Sätzen oder Urteilen)..." Im Wesentlichen werden auf knappem Raum die Theorien besprochen: Redundanztheorie, Wahrheitspragamtismus Konsensustheorie (Habermas) und Kohärenztheorie, die mehr oder weniger - bis auf letztgenannte - abgeschmettert werden. So wird von den Autoren die klassische Korrespondenz- bzw. Adäquationstheorie vertreten: veritas est adaequatio rei et intellectus. Zwar wird Tarskis semantische Wahrheitsdefintion herangezogen, jedoch an sich nicht geltend gemacht (d.h. wenn überhaupt nur für logische Kalküle). Seine Theorie wird (um dies zu verstehen empfehle ich den Tarskitext in Suhrkamp "Wahrheitstheorien" von Skirbekk herausgegeben) als Bedeutungstheorie demaskiert. Anders ist jedoch das Verstehen von Bedeutung eines Satzes (Sätze, die Wahrheit beanspruchen sind Behauptungen, also Assertionen) abhängig von seinen Wahrheitsbedingungen (Erfüllungen), mit Wittgensteins Worten aus dem Tractatus: "Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist." Die Autoren weisen darauf hin, dass Tatsachen eben wahre Gedanken/Sätze über Gegenstände sind (an sich also keine Gegenstände darstellen). Sie können sagen: "Ein Aussagesatz 'p' ist wahr gdw., sofern die von seinen Bedeutungsregeln geforderte Prozedur befolgt wird, dies zu einem Ergebnis führt, das mit dem in der Behauptung vorweggenommenen Ergebnis übereinstimmt (identisch ist)." Sie geben zu, dass diese Definition von jenen Bedeutungsregeln abhängt und von selbst nicht stehen kann. Das letzte Kaptitel bezieht in die bisher genannten logischen Elemente die modallogischen Operatoren "möglich" und "notwendig" ein. Die Autoren verweisen viel auf Kripke, der hierzu einiges zum Thema Kontingenz und mögliche Welten, aber auch Mythen der Apriorität etc. beisteuerte (s. "Naming & Necessity").
Die Autoren halten sich knapp, verständlich und fokussiert. Sie Verweisen auf die Klassiker mit Anmerkungen und geben zu allen Kapiteln Literatur- und Vertiefungshinweise. Für eine Einführung sehr gut! Gewünscht sei eine kleine Aktualisierung um den Semantischen Inferenzialismus (Brandom).

30

24.09.2011

„Verstehen”

Wellmer grenzt von Beginn an ein, dass es sich im vorliegenden Buch nicht um einen Überblick sondern vielmehr um eine Einführung mit egoistischer Richtung in die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts handelt. Dabei geht er zum einen intensiv auf Wittgenstein und Davidson ein, zum anderen auf Heidegger und Gadamer, wobei er besonders den Bogen vom Davidsonschen Verstehensansatz zur Gadamerschen Hermeneutik ins Zentrum seiner Vorlesung stellt. Im ersten Teil rekapituliert er konzise die Wittgensteinsche Gebrauchstheorie der Bedeutung, die dem Pragmatismus gegenüber der Semantik einen gewissen Primat einräumt. Dabei erörtert Wellmer (wie gesagt) die Wittgensteinschen Kernthesen zur Verwendung von Worten, zum Sprachspiel und Regelfolgen als Praxis sowie zum Privatsprachenargument. "Wir können jetzt sehen, dass Wittgensteins Gebrauch des Regelbegriffs [...] die Merkmale der Differentialität, Wiederholbarkeit, Normativität der Sprachzeichen mit den Merkmalen der Offenheit, der Unabgeschlossenheit, ja, der Unvorhersehbarkeit der sprachlichen Bedeutung verknüpft, dass zugleich ein Boden sprachlicher Gewissheiten [...] als Bedingung der Möglichkeit [...] des sprachlichen Bedeutens erscheint." Das Meinen und Bedeuten wird gerade in der intersubjektiven Kommunikation ergänzt um den Begriff des Verstehens. Damit also in praxi erfolgreiche Identität zwischen Sprecher und Hörer stattfindet, ist das Deuten von Bedeutung unter der Bedingung einer "Gemeinsamkeit vor Urteilen". Davidsons Verstehenstheorie (radikale Interpretation etc.) ist insofern spannend, als dass es "nur persönliche Idiolekte und Überlappungen solcher Idiolekte" gibt, "und der theoretisch relevante Kern dessen, was wir [...] mit einer gemeinsamen Sprache meinen, ist die Übereinstimmung der wechselseitigen Interpretationstheorien. Zwar greift Wellmer das Konzept der "Wahrheitssemantik" an, dass Davison von Tarski modifizierte, akzeptiert aber das "principle of charitiy"-Modell (Prinzip der wohlwollenden Interpretation), sofern es die pragmatische Dimension mit umfasst. Eo ipso einleuchtend sind Wellmers Ausführungen zum Wahrheitsbegriff. "Das die Wahrheit intersubjektiv ist, bedeutet zugleich, dass die Wahrheit streitig ist." Es ist logisch, dass nur vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Praxis und deren Anerkennung Boden für den Nährstoff des Gebens und Verlangens von Gründen geliefert wird, um Überzeugungen zu rechtfertigen: "Dann aber lässt sich der primäre Sinn dessen, was Wahrheit bedeutet [...] vielmehr nur auf dem Weg einer reflexiven Vergewisserung von Grundstrukturen jener [sozialen] Praxis bestimmen." Ich finde diesen Satz außerordentlich nebulös, was soll reflexive Vergewisserung innerhalb einer Praxis sein? Und was sind deren "Grundstrukturen" im Lichte einer Wahrheitsdebatte? Den Zirkel zu Heidgger und Gedamer kann ich nun leider nur anschneiden, in nuce behauptet Wellmer folgendes: "Wenn man das Problemfeld des Verstehens in dieser Weise kartographiert, so erscheint die Hermeneutik Gadamers gleichsam als die Ausarbeitung einer Davidsonschen Problematik mit anderen Mitteln [...]. Heideggers Daseinsanalyse in 'Sein und Zeit' [...] lässt sich [...] als ein Gegenstück zu Wittgensteins Analyse der Sprache als Lebensform verstehen." Dieses Wellmersche Projekt ist interessant für Experten, für den "Bedeutungsforscher" weicht dieses etwas von der Erwartung ab. Dennoch sind die einzelnen Einführungen zu Wittgenstein, Davidson, Heidegger und Gadamer äußerst lesenswert! Wellmer weist gleichwohl auf moderne Philosophen wie Brandom, Tugendhat etc. hin. Daher ist der Kauf des Buches empfehlenswert!

40

17.09.2011

„Begriffe, Handlung und Pragmatismus”

Brandoms "Begründen und Begreifen" ist eine Zusammenfassung seines Werks "Making it explicit". Daher würde ich es nicht als Einführung werten, da das Buch sehr verdichtet ist. Brandoms Ansatz folgt dem späten Wittgenstein. "Dieses Buch handelt vom Gebrauch und Gehalt von Begriffen." Wobei der Autor das Propositionale besonders hervorhebt. Mit der These "Der Gehalt wird durch den Akt erläutert und nicht andersherum" umschreibt er sein prgamatistisch angelegtes Programm. Daran ist erst einmal nichts Neues. Brandom führt daher den Begriff des semantischen Inferentialismus ein. Inferenz hat Primat vor der Referenz. Ich verstehe das so, dass Bedeutung im Sinne des Gehalts von Begiffen im sprachgemeinschaftlichen Raum der Feststellungen, Überzeugungen, Behauptungen und Urteile, im Spiel des Gebens und Verlangens von Gründen, Rechtfertigungen und Schlussfolgerungen in der sprachpraktischen Rolle der Begriffsverwendung konstituiert wird, die immer schon ein inferentiell-holistisches Netz von impliziten Begriffen darstellt. "Der Gebrauch jedes gehaltvollen Satzes beinhaltet eine implizite Festlegung auf die [...] Korrektheit der Inferenz, die von den mit diesem Satz assoziierten Umständen der angemessenen Verwendung auf die Folgen einer solchen Verwendung übergeht." Brandom will von der (ursprünglich) fregeschen Bedeutungstheorie weg, die sich referenziell und wahrheitsbezogen beschreibt. M. a. W.: das Was der Bedeutung wird durch das Wie des Gebrauchs im sozialen Kontext erschlossen. Daher distanziert er sich auch vom Begriff der geistigen Repräsentation (Abbilder) und bekennt sich zum "Geist-als-Lampe-Paradigma" - den Expressionismus, der im Explizitmachen impliziter Propositionen und Ausdrucksgehalte generell die "Kraft" in der intersubjektiven Kommunikation darstellt. "Ein solcher relationaler Expressisvismus wird sprachliche Performanzezn und die intentionalen Zustände, die durch sie ausgedrückt werden, jeweils als wesentliche Bestandteile eines Ganzes verstehen das nur in Begriffen ihrer Relation verständlich ist."
Hinzu kommt die Normativität des Begrifflichen um im praktischen Begründen, wiewohl der Logik eine expressivistische Funktion zugewiesen wird, d.h. dass sie semantische Praktiken in Prinzipien umwandelt: "Normatives Vokabular spielt auf der praktischen Seite die gleiche expressive Rolle, die Konditionale auf der theoretischen Seite spielen." Ich denke, hier wird in gewisser Weise auf das regelgeleitete Handeln (und Sprechhandeln) hingedeutet, d.h. in den festgelegten Übereinstimmungen des Gebrauchs von Begriffen: "Die Sprachgemeinschaft legt den richtigen Gebrauch einiger Sätze fest, und damit auch der darin enthaltenen Wörter, und bestimmt auf diese Weise die korrekte Verwendungsweise aller übrigen Sätze, die mit diesen Wörtern ausgedrückt werden können." Brandom geht u. a. auf die Substitution/Ersetzung ein: "Zwei subsententiale Ausdrücke der gleichen grammatischen Kategorie teilen genau in dem Fall einen semantischen Gehalt, wenn ihre wechselseitige Substitution das pragmatische Potential jener Sätze [...] unverändert lässt..." Vom Urteil übernimmt Brandom die Kantische These, dass diese die kleinsten Einheiten darstellten, für die man kognitiv Verantwortung übernehmen könne. "Für Kant haben Begriffe die Form von Regeln." Den Begriff der Behauptung unterteilt er in die beiden Begriffe: Festlegung und Berechtigung. "Neben der festlegenden Dimension der Behauptungen der Behauptungspraxis gibt es auch noch die kritische Dimension, nämlich den Aspekt der Praxis, bei dem es um die Beurteilung der Richtigkeit jener Festlegungen geht. Abseits der kritischen Dimension findet das Konzept der Gründe keinen Halt." Leider ist Brandoms Theorie zu komplex, um sie hier angemessen und in Tiefe darzustellen.

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