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Der Fliegenfänger

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Artikeldetails zu Der Fliegenfänger

AutorWilly Russell

Untertitel Roman

Abbildungsvermerk 19 cm

  • ISBN-103-453-86428-X
  • ISBN-139783453864283
  • Verlag Heyne Taschenbuch
  • ReiheHeyne-Bücher...
  • ÜbersetzerSabine Hübner
  • EinbandartTaschenbuch
  • Seiten524
  • Auflage4. Auflage
  • Veröffentlicht01.12.2002
  • GenreRoman
  • Gewicht493g
  • SpracheDeutsch
  • OriginaltitelThe Wrong Boy

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Leseprobe aus Der Fliegenfänger

16. Juni 1991 Birch Services, M62 Motorway
Lieber Morrissey,
ich fühl mich total down und deprimiert. Wie eine Straßenlampe ohne Birne oder eine Weihnachtsgans im Advent. Jedenfalls hab ich gedacht, jetzt schreib ich mal ein paar Zeilen an jemand, der mich versteht. Ich weiß, dass du wahrscheinlich gar nicht antworten wirst; ich weiß ja nicht mal, ob dich das hier überhaupt erreicht. Und selbst wenn du mir antworten würdest, würde mich deine Antwort nicht mehr erreichen, weil ich schon weg bin. Obige Adresse ist nämlich eine Raststätte, an der ich vorbeigekommen bin. Wahrscheinlich werf ich diesen Brief nicht mal ein. Ich schreib ihn nämlich in das Heft, in dem ich auch meine Songtexte und Ideen festhalte. So 'ne Art Tagebuch wahrscheinlich; obwohl das jetzt gleich so großartig klingt. Jedenfalls schreib ich in dieses Heft, während ich unter lauter Fernfahrern, Touristen, Vertretern und Durchreisenden sitze. Mir kam gerade der Gedanke, dass du vielleicht selber schon mal in dieser Cafeteria warst, vielleicht ganz früher, auf der Heimfahrt von einem Auftritt, du und die Jungs, und ihr habt hier angehalten und einen Tee getrunken. Irgendwie ist das ein Trost, der Gedanke, dass du vielleicht schon mal hier warst, Morrissey, und vielleicht sogar genau am gleichen Tisch gesessen hast wie ich jetzt. Was dir wohl durch den Kopf ging, hier in diesem Selbstbedienungstempel mit seiner Vollkornbrotbar, dem frittier- ten Kabeljau und dem panierten Schellfisch - auf einer Warmhalteplatte gestrandet, weit, weit weg vom brausenden Meer.
Ich sitze hier einem voll fetten Fernfahrer gegenüber, der mich mitgenommen hat. Mir wär's lieber, der Arsch hätte nicht wegen mir angehalten. Zu Fuß w är ich schneller gewesen. Wir haben von Manchester bis hierher fast zwei Stunden gebraucht, weil er unterwegs an jedem Restaurant und jedem Imbiss aussteigen und was essen muss.
Als ich zu ihm ins Führerhaus kletterte, fragte er: »Wo soll's denn hingehen?«
Ich sagte: »Grimsby.«
Darauf er: »Was machst du denn da?«
Ich: »Arbeiten.«
Er nickte zu meiner Gitarre hin. »Und als was?«, fragte er lachend. »Straßenmusikant?«
»Nein«, sagte ich. »Ich arbeite auf dem Bau!«
Er machte ein skeptisches Gesicht.
»Dies und das«, sagte ich, »Tee kochen und so.«
Er nickte. Dann fragte er: »Warum fährst du denn zum Arbeiten so weit weg?«
Ich dachte nach. Und dann sagte ich: »Wegen Morrissey.«
»Morris wer?«, fragte er.
»Morrissey«, sagte ich, »nicht Morris wer. Morrissey, der größte lebende Songschreiber. Der war früher mal bei den Smiths.«
»Ach so«, sagte er, »dieses langweilige Arschloch!«
Damit war das Gespräch für mich beendet. Er legte eine Phil-Collins-Kassette ein, furzte ein paar Mal und ich fand, dass das zu dieser Musik ganz gut passte.
Jetzt hat er sich gerade noch eine Speckstulle zwischen die Zähne gestopft und lacht so hemmungslos, dass man den Brei aus zerkautem Brot, Speck und Speichel in seinem Mund sieht. Er findet es rasend komisch, dass ich gesagt hab, ich sei Vegetarier. Darum lacht er jetzt so.
»Ich weiß wirklich nicht, was es zu lachen gibt«, erklärte ich, »alle möglichen Leute sind Vegetarier; George Bernard Shaw war zum Beispiel Vegetarier. Und Mahatma Gandhi!
Überhaupt sind die meisten Menschen Vegetarier«, sagte ich, »inklusive Morrissey. Und mir.«
Er kriegte sich gar nicht mehr ein vor Lachen.
»Und deshalb«, schloss ich, » bin ich Vegetarier geworden. Wegen Morrissey.«
Aber das hätte ich mir alles genauso gut sparen können und deshalb hielt ich den Mund und ließ ihn weiterlachen. Was soll man auch zu einem Banausen sagen, der auf Phil Collins und Dire Straits und derlei seichtes Zeug steht? Ich hab jetzt meinen Walkman auf, damit ich wenigstens nicht höre, wie er lacht. Das einzig Positive daran, dass er mich mitgenommen hat, ist: Er ist so fett, dass ich mir im Vergleich echt dünn vorkomme. Ich bin zwar nicht übergewichtig oder so, jedenfalls nicht mehr, Morrissey. Aber obwohl ich heute nicht mehr dick bin, vergesse ich das manchmal und denke immer noch, ich sei ein Schwergewicht. Und ich hasse Bilder von früher, auf denen ich noch dick bin. Fotografien sind wie Computer - sie sagen nie die Wahrheit. Das ist wie bei diesem Bild von Oscar Wilde, Morrissey, du weißt schon, wo er die Stiefel anhat und an der Wand lehnt. Wenn das das einzige noch existierende Bild von Oscar Wilde wär, würde doch jeder denken, er sei dick gewesen, oder? Aber Oscar Wilde war nie dick, nicht innerlich. Und ich war auch nie dick, jedenfalls nicht innerlich. Und wahrscheinlich war das einfach so eine Phase, die Oscar Wilde durchgemacht hat, und er konnte nichts dafür, genauso wenig wie ich. Moby Dick haben sie mich damals genannt! Als wir nach Wythenshawe zogen, steckten sie mich in diese Gesamtschule, wo ich keinen kannte, und es war auch noch mitten im Schuljahr. Ich kam ins Klassenzimmer, und Steven Spanswick hob den Kopf und sagte: »Verdammte Scheiße - da kommt Moby Dick!«
Und die ganze Klasse brach in Gelächter aus, sogar der Lehrer!
Aber das lässt mich jetzt kalt - Spegga Spanswick und Barry Tucknott und Mustapha Golightly und dieser ganze Haufen.
Lauter Witzfiguren! Eigentlich bin ich ihnen sogar dankbar. Wegen Typen wie Steve Spanswick und Jackson und solchen Trotteln hab ich damals nämlich meinen ersten Song geschrieben, »Lässt mich kalt«. Der Text ging so:
Lässt mich kalt Wenn ihr mir eine knallt Wenn ihr auf meine Nikes rotzt Oder mir auf mein Skateboard kotzt Lässt mich kalt
Lässt mich kalt, wenn ihr mich überfallt Euer Schrott in meinen Ohren schallt Lässt mich kalt
Wenn ihr mich blöde Fettsau nennt Euren Ball in meine Eier brennt Lässt mich kalt Mir geht so was nicht nah Denn ich bin gar nicht da Lässt mich kalt
Im Rückblick kommt mir das schrecklich belehrend und irgendwie allzu simpel vor. Es ist wirklich total peinlich, vorhersehbar und epigonal. Aber schließlich muss jeder Künstler mal irgendwo anfangen, und entscheidend ist doch, dass ich überhaupt angefangen hab, selbst zu schreiben, egal mit was für Texten. O Scheiße, was will Speckfresse denn jetzt schon wieder von mir _ ?
Später,
hinten im Lastwagen eines Teppichlegers, irgendwo in den Penninen (wie mir scheint)
Lieber Morrissey,
ich könnte immer noch vor Scham im Erdboden versinken. Ich kam gar nicht schnell genug aus der Raststätte raus!
Diese Bodenleger fahren nach Halifax und haben gesagt, sie würden mich dort absetzen. Ich weiß nicht mal, ob Halifax auf dem Weg liegt, aber ich wär überallhin mitgefahren, bloß um von der Raststätte wegzukommen.
Ich bin froh, dass das Ganze wenigstens dort passiert ist, wo alle Leute nur auf der Durchreise sind, und dass ich sie deshalb hoffentlich nie wiedersehe!
Da ich ja meinen Walkman aufhatte und an dich schrieb, war mir völlig entgangen, dass das Fettmonster etwas zu mir sagte. Als ich dann den Kopfhörer abnahm, schrie er: »Hey! Schau mal! Schau mal!«
Mein Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger. Und da sah ich sie an der Selbstbedienungsmüslitheke stehen. Sie lächelte mich an und winkte mir kurz zu. Und obwohl ich normalerweise nicht so leicht lächle, konnte ich einfach nicht anders und lächelte zurück; denn ich war ihr zwar erst ein einziges Mal am Altglasbehälter an der Bushaltestelle Fails- worth Boulevard begegnet, aber ich hatte es nie vergessen, das Mädchen mit den Kastanienaugen. Ich kannte sie nicht und sie kannte mich nicht. Wir standen da in der Schlange, die auf den Bus wartete - sie fast ganz vorn und ich ganz hinten. Erst war ich ein bisschen geschockt, als sie mir einfach so zunickte. Ich muss wohl ziemlich ratlos ausgesehen haben, denn sie lächelte erneut und machte ihre Jeansjacke auf, damit ich ihr T-Shirt sehen konnte. Und jetzt begriff ich. Und lächelte zurück. Sie trug genau das gleiche T-Shirt wie ich! Das gleiche, das ich auch heute trage, das, wo man vorn das Bild von Edith Sitwell sieht und hinten Morrissey draufsteht. Es ist immer toll, wenn man einem andern Morrissey-Fan begegnet. Auch wenn man die Person noch nie gesehen hat, weiß man doch, es gibt etwas Wichtiges, das man mit ihr teilt. Sie rief mir vom vorderen Ende der Schlange etwas zu und zwar: »Wo hat Morrissey seine Tasche verloren?«
Ich lachte. Und sagte: »Das ist ganz leicht: Newport Pag- nell!«
Da lachte sie auch und alle Leute in der Schlange starrten uns an, als seien wir bescheuert oder gehörten zu diesen dekadenten, drogenbenebelten Randalierern, über die ständig in der Failsworth Fanfare berichtet wird. Aber das ließ mich kalt. Ließ uns kalt. Wir waren Morrissey-Fans!
Ich sagte: »Für welchen Job hat er sich beim CVJM beworben?«
Sie lachte wieder und sagte: »Das ist doch kinderleicht! Als Rückenschrubber.«
Wir amüsierten uns prächtig an der Bushaltestelle, ich und das Mädchen mit den Kastanienaugen.
»Was hatte Morrissey bei sich«, fragte sie, »als er ins Palace einbrach?«
Wir riefen die Antwort gleichzeitig: »Einen Schwamm! Und einen rostigen Schraubenschlüssel!«
Und dann lachten wir beide. Und da sah ich ihre Augen, sah, dass sie dunkel glänzten wie Kastanien, die man gerade aus der Schale gepellt hat. Ich glaube, ich hab sie angestarrt, denn plötzlich zuckte sie die Achseln. Und dann fragte sie mich: »Hast du zufällig den New-York-Mix von>This Charming Man Ich nickte. Und sie sah mich an, als sei sie wirklich tief beeindruckt. Aber dann kam der Bus und irgendjemand hinter ihr meinte, sie solle nicht die ganze Schlange aufhalten. Also ging sie und stieg ein. Hoffentlich hielt sie mich jetzt nicht für eingebildet oder selbstgefällig, weil ich gesagt hatte, dass ich den New-York-Mix von »This Charming Man« mit dem verdruckten Cover besitze. Ich wollte nicht, dass sie mich für einen Wichtigtuer hielt. Als ich in der Schlange weiterrückte, nahm ich mir vor, falls sich im Bus noch ein Gespräch ergab, keinesfalls zu erwähnen, dass ich auch das verdruckte New Yorker Cover von »Hand In Glove« besitze. Vielleicht hätte sie es wirklich protzig oder sogar ein bisschen ordinär gefunden, dass jemand nicht nur eins, sondern gleich zwei der begehrtesten Morrissey-Sammlerstücke besitzt.
Doch es kam zu keinem Gespräch mehr im Bus. Ich kam gar nicht erst rein! Denn als ich endlich beim Fahrer angekommen war, sagte der: »Schluss. Wir sind voll!«, und als ich protestieren wollte, drückte er einfach auf den Hebel und die Türen knallten mir vor der Nase zu.
Danach hab ich es nie mehr gesehen, das Mädchen mit den Kastanienaugen. Nirgends. Ich hoffte immer, dass sie mir mal wieder über den Weg laufen würde, aber ich wusste auch, dass das sehr unwahrscheinlich war, vor allem, weil ich das Haus nur verlasse, wenn es absolut nötig ist. Meistens bin ich ganz glücklich damit, unglücklich in meinem Zimmer zu hocken. Und selbst wenn ich mehr rausginge, wozu mich meine Mam ja dauernd drängt, glaub ich trotzdem nicht, dass es mir noch mal über den Weg gelaufen wär, das Mädchen mit den Kastanienaugen. Ich hatte an ihrem Akzent erkannt, dass sie gar nicht aus Failsworth kam. Also war sie wahrscheinlich an jenem Tag, als ich sie an der Bushaltestelle traf, zum ersten und einzigen Mal in ihrem ganzen Leben in Failsworth gewesen. Deshalb wusste ich, dass ich sie wahrscheinlich nie mehr wiedersehen würde. Und ab und zu dachte ich, ich hätte sie gar nicht wirklich gesehen, sie sei einfach nur der Mensch gewesen, den ich gern gesehen hätte, das Mädchen mit den Kastanienaugen.
Aber heute, als ich diesem Fettmonster von Fernfahrer gegenübersaß, stand sie plötzlich da, mitten in der Cafeteria! Und sie erkannte mich und lächelte mir wieder zu und näherte sich mit ihrem Tablett dem Tisch, an dem ich saß. Doch sie kam nicht an! Sie kam nicht bis zu mir. Denn als sie näher kam, hörte ich plötzlich Speckfresse Fernfahrer sagen: »Ja, Süße, setz dich zu mir. Ich sag dir mal was: So schnell kannst du gar nicht gucken, wie ich dir den Schornstein fege!« Was darauf folgte, Morrissey, war wie die unheimliche Stille nach einer Bombenexplosion. Das Lächeln des Mädchens mit den Kastanienaugen erlosch. Und das Allerschlimmste war, dass sie mich immer noch anschaute, aber jetzt las ich nur noch Schmerz und Kränkung in ihrem Blick, als hätte man sie tödlich verwundet. Sie blickte mich immer noch an, aber jetzt total ernüchtert und enttäuscht, dann blieb sie abrupt stehen, wandte sich ab und ging zu einem andern Tisch, an dem ein älteres Ehepaar sie mit freundlichem Lächeln und wässrigen Augen empfing. Und dann, während ich dasaß, starr vor Schreck über das, was Fernfahrer Speckfresse gerade zu ihr gesagt hatte, wurde mir plötzlich klar: Sie musste ja denken, dass ich und er zusammengehörten! Dass ich jemand war, der so einen Typen wie Fernfahrer Speckfresse kannte! Ich rappelte mich auf und ging zu ihr rüber, um ihr alles zu erklären! Aber da grölte er schon wieder los, lauter dummes primitives Zeug, und sie blickte auf, sah mich kommen und wollte sofort wieder weg. Ich streckte die Hand aus, um sie festzuhalten; ich wollte ihr alles erklären und mich für alles entschuldigen. Doch als meine Hand ihren Arm berührte, riss sie ihn weg und ihr gesamter Müslimix ergoss sich über die beiden Rentner, deren Frühstück aus Speck und Spiegelei jetzt mit Haferflocken, Weizenkeimen und Rosinen garniert war.
»Lass mich in Ruhe«, sagte das Mädchen mit den Kastanienaugen. Und sie stand da und zitterte leicht wie ein im
Flug abgeschossenes Vögelchen, in dessen Flügel eine Schrotkugel steckt.
»Ja, mach, dass du weiterkommst! Lass das arme Mädchen in Ruhe!«, fuhr mich die Rentnerin an.
»Und uns auch!«, sagte der Mann. »Schau dir das an!«, sagte er. »Schau bloß, was du angerichtet hast! Den Tee kann ich jetzt nicht mehr trinken. Da schwimmen ja lauter Körner und Obststückchen und alles mögliche Zeug drin rum!«
Ich bot ihm an, einen neuen Tee zu besorgen. Und seiner Frau auch. Ich bot an, ihnen ein neues Frühstück zu bringen. »Und dir auch«, sagte ich zu dem Mädchen. »Dir hol ich eine neue Schale Müslimix.«
Aber sie würdigte mich keines Blickes. Sie starrte nur vor sich auf den Tisch, als sei sie ganz in sich gekehrt. Und sie sagte: »Lass mich in Ruhe. Verschwinde. Hau ab.«
Und daran, wie sie es sagte, merkte ich, dass es zwecklos war, ihr weiter zu widersprechen oder sie überzeugen zu wollen. Ich konnte nur noch murmeln, es tue mir Leid.
Dann drehte ich mich um und ging weg und hätte mir vor Scham und Verlegenheit am liebsten eine Decke über den Kopf gezogen. Ich ging zu meinem Tisch zurück, schnappte mir meine Gitarre und meine Tasche und wollte einfach bloß weg. Aber plötzlich sah ich, dass sich diese wandelnde Obszönität von einem Fernfahrer mein Songbook geklaut hatte! Er hatte es aus meiner Tasche genommen und las meinen Brief an dich, Morrissey, er las ihn und lachte! Ich wollte ihm das Heft aus der Hand reißen, aber er war schneller und hielt es so hoch, dass ich nicht drankam. Und dabei spottete er die ganze Zeit: »Okay, Moby, immer mit der Ruhe, Moby. Was ist denn los, Moby Dick, hat sie dich nicht rangelassen?«
Ich überlegte krampfhaft, was in einer solchen Situation wohl Oscar Wilde getan hätte, welch beißendes Epitheton er wohl geprägt hätte, um seinen Gegner zu demütigen, zu verletzen, zu vernichten. Aber da mir nichts einfiel, schnappte ich mir einfach eine Gabel und stieß sie dem Fettsack in die
Hand. Er brüllte wie am Spieß und ließ mein Songbook fallen. Doch als ich mich bückte, um es aufzuheben, rammte er mir voll das Knie ins Gesicht. Ich sah nicht einfach nur Sterne; ich sah die Festbeleuchtung von Blackpool.
Offenbar griffen an diesem Punkt die Teppichleger ein und konnten gerade noch verhindern, dass er mir auf dem Kopf herumtrampelte. Als ich wieder zu mir kam, führte mich einer der Teppichleger zur Tür und der andere trug meine Sachen hinterher. Als wir uns dem Tisch des schönen Mädchens näherten, sagte der Teppichleger, der meine Sachen trug, zu dem Teppichleger, der mich stützte: »Hey, der Kleinen da würde ich's gern mal so richtig besorgen.«
Und ich hörte sie so widerlich gröhlend lachen, wie das nur Männer können. Und als ich an ihr vorbeiging, hob das Mädchen mit den Kastanienaugen den Kopf und warf mir einen bitter enttäuschten Blick zu. Da blieb ich stehen, direkt vor ihrem Tisch, und sagte zu ihr: »Ich teile nicht ihre Gedanken und nicht ihr Tun. Du schätzt mich ganz falsch ein. Ich hab nämlich zufällig ein Zölibatsgelübde abgelegt!«
Tja, und so kamen die Teppichleger auf die Idee, dass ich Priesteranwärter sei. Als mir der eine hinten auf den Lastwagen half, entschuldigte sich der andere, der meine Sachen trug, für seine derbe, schlüpfrige Bemerkung. Und jetzt sitze ich auf sechs Rollen geblümtem Plüschvelours und fahr die Bergkette der Penninen rauf. Und die Teppichleger benehmen sich wie Musterknaben und sagen dauernd »Pater« zu mir.
Ich hab Gewissensbisse, weil ich behauptet habe, ich hätte ein Zölibatsgelübde abgelegt. Nicht wegen der Teppichleger, sondern wegen des Mädchens. Jetzt hab ich sie auch noch angelogen, Morrissey. Ich hab nämlich gar nicht extra ein Zölibatsgelübde abgelegt, sondern ich bin einfach so! Zölibatär! So ist das eben. Wasser ist nass. Gras ist grün. Raymond ist zölibatär. Und da dies eine unbestreitbare Tatsache ist, kann ich genauso gut so was wie eine Tugend draus machen. Einmal war ich samstags in der Stadt und da hab ich an der Wand von Kentucky Fried Chicken dieses Graffiti gesehen. Es lautete: »Raymond Marks hat es noch nie getan!« In der gleichen Nacht kam ich mit einer Spraydose zurück und schrieb: »Raymond Marks will es auch gar nicht tun!«
Da hatte ich gerade den Artikel über dich gelesen, Morrissey, wo du dem Interviewer sagst, dass du ein »abgefallener Zölibatär« bist. Das fand ich klasse. Ich wünschte, ich könnte von mir das Gleiche sagen, doch bisher fällt mir der Teil mit dem »zölibatär« leichter als der mit dem »abfallen«. Aber ich mache mir nicht allzu viele Gedanken drüber. Ich hab meine Morrissey-Platten und meine Smiths-Platten und mein Buch mit Oscar-Wilde-Zitaten.Und ich schreib meine Texte und das ist mir total wichtig. Und weißt du, was mir aufgefallen ist, Morrissey, wenn ich was über andere Schriftsteller gelesen oder mir Interviews angehört hab? Viele von ihnen sagen das Gleiche - dass Schreiben letzten Endes besser ist als Sex. Also, wenn das stimmt, geht's mir super.
Mit freundlichen Grüßen Raymond Marks

Rezensionen der Redaktion zu Der Fliegenfänger

"Wie ein englischer Huck Finn - todkomisch, todtraurig, sensationell." (Stern)
"Willy Russell präsentiert mit Raymond Marks einen merkwürdig liebenswerten, verletzlichen und doch starken Helden. Unvergesslich!" (Elle)

Kurzbeschreibung zu Der Fliegenfänger

Der Tag, an dem der elfjährige Raymond Marks in einer Schulpause per Zufall das "Fliegenfangen" erfindet, ändert alles. Das harmlose Spiel führt für Raymond zu einem tragikomischen Leben als Außenseiter und Sonderling, bis er schließlich seine ganz persönliche Unabhängigkeitserklärung entwickelt.


Portrait

Willy Russell:
Willy Russell, geboren in Whiston bei Liverpool, verließ früh - mit 15 Jahren - die Schule. Er war u. a. Damenfriseur und fahrender Folksänger, bevor er ernsthaft zu schreiben begann.Vorliegendes Buch ist sein erster Roman. Er ist außerdem Autor erfolgreicher Musicals (Drehbücher waren oscar-nominiert).

Bewertung unserer Kunden zu Der Fliegenfänger

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50

18.03.2011

„Wunderbares Buch!”

von einer Kundin oder einem Kunden
Tolles Buch über einen Jungen namens Raymond. Raymond schreibt Briefe an sein Idol, den Sänger Morrissey. Aus diesen lakonischen Briefen erfährt der Leser die Geschichte des Jungen, der aufgrund von unglücklichen Ereignissen zu einem Außenseiter wurde. Den wunderbaren Raymond habe ich sofort ins Herz geschlossen und mitgelitten. Eine spannende Geschichte zum Lachen, zum Weinen - einfach wunderbar und unbedingt lesenswert.

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Diese Artikel haben mir auch gefallen: Luke und Jon - Robert Williams

40

29.06.2010

„Außenseiter”

von einer Kundin oder einem Kunden
Durch ein totales Missverständnis und die daraus entstehende Vorverurteilung wird der junge Raymond zum Außenseiter. Wie er dennoch sein Leben meistert wird in diesem tragisch – komischen Roman erzählt.
Beim Lesen auf Taschentücher nicht vergessen!

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50

14.11.2009

„Der Fliegenfänger”

von Stephanie Hofmann
Ich habe es innerhalb einer Woche gelesen und kann es nur jedem ans Herz legen. Es ist wirklich ein grandioses Werk.
Die traurige Geschichte von Raymond James Marks geht einem total unter die Haut. Ich musste mich zu kleinen Pausen zwischen den Briefen an Morrissey zwingen, damit ich auch ein bisschen darüber nachdenken konnte und nicht atemlos weiter las.
Die gerade beginnende Jugend des 11-jährigen Raymond beginnt ganz plötzlich sich tragisch zu wenden. Als die Menschen seiner Heimatstadt sich wegen einem eigentlich harmlosen Jungenspiel an einem Kanal gegen ihn wenden und ihn schließlich sogar einer Sexualstraftat beschuldigen, was seine alleinerziehende Mutter natürlich nicht verkraftet.
Ich glaubte erst, dass es nicht mehr schlimmer für den Jungen werden könnte, doch immer setzten ihm die Menschen noch mehr zu.
Acht Jahre seines Lebens sind für immer verloren.
Während er seine Geschichte in Briefform dem Sänger Morrissey erzählt, zweifelt man seine Unschuld niemals an. Man möchte ihm nur so oft anschreien, dass er sich doch verdammt noch mal wehren soll, den Mund aufmachen soll... Aber in diesem Punkt ist er wohl wie sein Vater. Er schweigt einfach einen Moment zu lange...

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50

17.08.2009

„Einfach klasse !!!”

von einer Kundin oder einem Kunden aus Illerkirchberg
Der Erzählstil ist sehr flüssig und sehr angenehm zu lesen. Die Geschichte ist wunderschön, spannend, und man leidet die ganze Zeit mit. Ein wirklich wunderbares Buch, nur zu empfehlen !!

War diese Bewertung hilfreich? Ja, Nein

50

03.08.2009

„Großartig!”

von einer Kundin oder einem Kunden
Eigentlich ist Raymond Marks ein ganz normaler Junge. Doch eines Tages erfindet er durch Zufall das Spiel „Fliegenfangen“. Dieses harmlose Spiel wird völlig missverstanden: Raymond fliegt von der Schule und führt von nun an ein Leben als Außenseiter. Acht Jahre nach diesem Vorfall, der sein Leben für immer veränderte, schildert Raymond in Briefen an sein Idol Morrissey sein verkorkstes Leben.
Russell hat mit Der Fliegenfänger einen überwältigenden Roman verfasst, humorvoll und todtraurig zugleich. Für alle Morrissey und The Smiths-Fans natürlich ein besonderes Lesevergnügen.

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

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50

15.07.2007

„Supergut!!!! ”

von einer Kundin oder einem Kunden aus Petze
Eine echte Überraschung!

1 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

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Diese Artikel haben mir auch gefallen: "Die Asche meiner Mutter", "Das Haus der Schwestern", "Die Nadel"

50

04.07.2007

„Der FLEIGENFÄNGER”

von einer Kundin oder einem Kunden aus Hövelhof
EINFACH GENIAL;
EIN WIRKLICH AUSGESPROCHEN GUTES BUCH ; KANN MAN NUR EMPFEHLEN ZU LESEN

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

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