»Diese Maisbeignets schmecken einfach orgiastisch!«
Deidre McIntosh errötete verlegen und versuchte, sich nicht allzu deutlich anmerken zu lassen, wie verdutzt sie war, als Manuela Jamison, Erbin der Firma Jamison Cookies and Confections, abermals von dem Maisküchlein abbiss, das Deidre gerade zubereitet hatte. Manuela kaute langsam und verdrehte dabei genüsslich die Augen zur Decke, während in ihren Mundwinkeln noch Reste von gekochtem Ei klebten. Deidre widerstand jedoch der Versuchung, ihrem Gast eine Serviette anzubieten oder die alles andere als appetitlich anzuschauenden Eikrümel kurzerhand einfach selbst wegzuwischen - schließlich waren sie im Fernsehen, und noch dazu in einer Livesendung.
Also lächelte Deidre einfach verbissen und wartete höflich, während Manuela den Rest ihres Maisbeignets vertilgte und dabei mit großer Befriedigung mit den Lippen schmatzte. Schließlich seufzte Manuela, öffnete die Augen wieder und legte dann ihren Arm um Deidres Schultern. Deidre taumelte unwillkürlich; sie konnte einfach nichts dagegen tun, schließlich war sie bei ihrer Größe von gerade mal eins siebenundsechzig und ihren knapp siebenundfünfzig Kilo Gewicht ein Hänfling im Vergleich zu Manuela, die einen Meter siebenundsiebzig maß und sicherlich gut über neunzig Kilo weiblichen Elans auf die Waage brachte.
»Sie sind ein echtes Genie«, verkündete Manuela, bevor sie Deidre einen fettigen Kuss auf die Wange drückte und ihre Lippen einen perfekt geformten roten Abdruck hinterließen. »Ich bin ja sonst immer mehr für das Süße zu haben gewesen, pikante Häppchen waren bisher eigentlich nicht so mein Ding, aber für diese grandiosen Maisküchlein bin ich doch glatt bereit, aufs andere Ufer überzuwechseln.« Sie zwinkerte Deidre anzüglich zu, woraufhin diese vor Schreck beinahe den leeren Teller in ihren Händen fallen gelassen hätte.
Zum Glück konnte Deidre sich gerade noch fangen, und so wandte sie sich wieder der Kamera zu, setzte ein noch breiteres Lächeln auf als sonst und sagte: »Danke, dass Sie uns auch heute wieder eingeschaltet haben. Ich bin Deidre McIntosh, und mein Tipp an Sie lautet wie immer ...«
»Lebe einfach, denn erst dann lebst du richtig!«, antwortete ihr Publikum gehorsam im Chor. Gleich darauf setzte der Applaus ein, dann ertönte auch schon die Schlussmelodie. In der Sekunde, in der das rote Licht an der Kamera erlosch, verschwand auch das aufgesetzte Lächeln aus Deidres Gesicht, sie ließ die Schultern hängen und stellte den Teller zurück auf die Anrichte.
»Oh, Deidre-Schätzchen, ich habe Sie ja total mit Lippenstift eingeschmiert!«, rief Manuela betont erschrocken. Sie schnappte sich ihre zusammengeknüllte Serviette und betupfte damit hektisch Deidres Wangen in dem Versuch, die Lippenstiftspuren zu entfernen, wobei sie Deidre für deren Geschmack allerdings ein klein wenig zu dicht auf den Pelz rückte.
»Ist schon in Ordnung, Manuela, lassen Sie nur, ich werde mich gleich selbst darum kümmern. Nochmals vielen herzlichen Dank, dass Sie in unserer Sendung waren. Es war uns wirklich eine Ehre, Sie hier gehabt zu haben.« Deidre wich zurück, wollte sich möglichst schnell verdrücken, doch Manuela ließ sich nicht so einfach abschütteln, sondern heftete sich sogleich an Deidres Fersen.
»Schätzchen, wenn ich gewusst hätte, dass Sie so fantastisch kochen können, wäre ich schon vor Jahren in Ihre Sendung gekommen.«
Wieder zwang Deidre sich, ein breites Lächeln aufzusetzen. Sie tätschelte Manuelas Arm, bevor sie sich abermals abwandte, um zu ihrer Garderobe zu gehen. »Es hat mich wirklich sehr gefreut, Sie zu sehen. Passen Sie auf sich auf und grüßen Sie bitte Frank von mir.«
Mit einer gebieterischen Handbewegung winkte Manuela die Horde von persönlichen Assistenten fort, die wie wild irgendwelche Fragen brabbelten und ihre Chefin dazu zu bewegen suchten, das Studio zu verlassen. Dann beugte sie sich vertraulich zu Deidre runter. »Frank ist im Moment nicht da. Er verbringt das Labor-Day-Wochenende auf irgendeinem Jagdausflug im Westen Kanadas, bevor er wieder auf Tour geht und ein paar unserer Fabriken abklappert. Ich habe diese Woche also etwas freie Zeit. Falls Sie sich mit mir treffen und, Sie wissen schon, ein bisschen fachsimpeln möchten. Ich glaube, wir beide haben eine Menge gemeinsam«, fügte sie noch hinzu und bedachte ihr Gegenüber mit einem wissenden Blick.
Deidre blieb angesichts dieses Blicks regelrecht die Luft weg. Unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen, zeigte sie auf ihren Hals und wich sicherheitshalber noch einen weiteren Schritt zurück. »Entschuldigen Sie mich, Manuela«, krächzte sie, »aber ich brauche jetzt erst mal dringend ein Glas Wasser. Es war wirklich schön, Sie zu sehen - machen Sie's gut!« Deidre täuschte einen Hustenanfall vor, dann bog sie hastig um die Ecke und marschierte, so schnell sie konnte, den Korridor hinunter.
Sicher in ihrem Büro angelangt, warf sie als Erstes einen Blick in den großen Spiegel über der Kommode und stöhnte laut auf. Sie hatte tatsächlich überall auf der Wange schmierige Lippenstiftspuren, und Manuelas Versuch, die Abdrücke abzuwischen, hatte nur dazu geführt, das Ganze noch weiter über ihr Gesicht zu verteilen. Seufzend gab Deidre Make-up-Entferner auf einen Wattebausch und rubbelte damit energisch über ihre Wange, während sie mit der anderen Hand den Telefonhörer abnahm und die Nummer des Produzenten von Lebe einfach, Len Stevens, wählte. Kaum hatte es ein Mal geklingelt, nahm Len auch schon den Hörer ab.
»Deidre, eine super Sendung! Das war echt orgastisch!« Sein englischer Akzent klang noch übertriebener als gewöhnlich. Im Hintergrund konnte Deidre Gelächter hören - wahrscheinlich machten die Jungs im Aufnahmestudio gerade irgendwelche obszönen Gesten.
»Schon gut, schon gut. Freut mich, dass ihr alle euren Spaß gehabt habt.« Gereizt schleuderte Deidre den rot verschmierten Wattebausch in den Papierkorb. »Aber wenigstens hat sie einfach orgastisch gesagt - das passt dann doch wieder zur Sendung. War der Lippenstiftabdruck eigentlich deutlich zu sehen?«
»Beängstigend deutlich, aber zum Glück hatte auch Dan in diesem Moment gerade eine ziemlich gute Einstellung auf dich, sodass wir auf seine Kamera, die Vier, gewechselt haben. Keine Sorge, Mädchen. Das Einzige, was die Zuschauer wirklich wahrgenommen haben, war dein umwerfendes Lächeln.«
Ihr umwerfendes Lächeln. Len war zuversichtlich, dass ihnen dieses Lächeln eines Tages noch ordentlich was einbringen würde, indem es ihnen nämlich gelänge, die Sendung noch an diverse andere Programmanbieter zu verkaufen.
»Gut. Wir sehen uns dann in Kürze.«
Deidre legte auf, schleuderte ihre Cole-Haan-Slingpumps von sich und dehnte und streckte ihre malträtierten Füße. Der gesunde Menschenverstand sagte ihr, dass sie sich besser etwas bequemere Schuhe zulegen sollte - Aufnahmen von unterhalb des Tisches zeigte die Kamera grundsätzlich nicht -, aber ihr Modebewusstsein sträubte sich beharrlich dagegen.
In dem Moment klingelte ihr Handy. Es war William Sen, ihr bester Freund und Mitbewohner.
»O Gott, ich fass es nicht! Sag mal, wollte die dich anmachen, oder was?«
Deidre grinste und verdrehte die Augen zur Decke. »Du hast die Sendung gesehen?«
»Nur die letzten zehn Minuten. Ich hab einfach behauptet, ich müsste ins Leichenschauhaus und eine Leiche obduzieren. Dadurch konnte ich dann ein bisschen Zeit herausschinden.«
Deidre erschauderte. William war Chirurg im King County General Hospital.
»Hast du die Crème fraîche in den Backteig gegeben?«, erkundigte er sich.
»Natürlich.«
»Und auch den Sherry?«
»Hab ich. Sogar die doppelte Menge. Ich glaube, dass könnte auch der Grund für Manuelas, äh, reichlich überschwängliche Reaktion gewesen sein.«
William kicherte. »Nein, mon chérie, das lag bestimmt nicht am Sherry. Hast du etwa unsere geheime Zutat vergessen?«
Deidre überlegte angestrengt, zermarterte sich regelrecht das Hirn, konnte sich aber an nichts erinnern. Sie kramte in ihrer Tasche herum, bis sie den Zettel fand, auf dem sie am Abend zuvor das Rezept notiert hatte.