"Für Syrien und die Hisbollah kam es einer politischen Niederlage gleich: Im September 2004 verabschiedete der Sicherheitsrat der UN die Resolution 1559, wonach Syrien aufgefordert wird, seine Truppen aus dem Libanon zurückziehen und die Regierung in Beirut den Auftrag erhält, die pro-syrische Hisbollah-Miliz zu entwaffnen. Vorbereitet hat diesen wegweisenden Beschluss der libanesische Premier Rafik Hariri. Nach fast drei Jahrzehnten Besatzung durch die Syrer möchte er sein Land aus den Klauen des Regimes in Damaskus befreien und die Hisbollah als innenpolitische Bedrohung neutralisieren.
Doch fünf Monate später ist Hariri tot. Mit einer Tonne Sprengstoff wird er nach einer Parlamentssitzung am 14. Februar 2005 aus dem Weg geräumt. Der Verdacht fällt umgehend auf Syrien. Die USA ziehen aus Protest 24 Stunden später ihre Botschafterin aus Damaskus ab und fordern Konsequenzen. In Beirut kommt es zu Demonstrationen. Zuerst gehen die Anhänger der Hisbollah auf die Straße und solidarisieren sich mit Syrien. Wenige Tag später kommt es zu einer überwältigen Gegendemonstrationen. Eine Millionen Menschen fordern den Abzug der ausländischen Truppen. Bashar Assad, Syriens Staatschef, muss sich schließlich dem Druck beugen. Nach 29 Jahren verlassen die Syrer den Libanon.
Aber damit ist der Fall nicht erledigt. Nach wie vor fordern - allen voran die USA und Frankreich - die Aufklärung des Mordes. Die UN verspricht, den Fall zu untersuchen. Ende Mai 2005 beruft UN-Generalssekretär Kofi Annan den Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis zum Leiter einer entsprechenden Untersuchungskommission. Der erfahrene Mehlis legt bereits fünf Monate später dem UN-Sicherheitsrat seinen ersten Report vor. Danach führen alle Spuren in dem Mordfall nach Syrien. Libanesische Geheimdienstoffiziere solle n im Zusammenspiel mit hochrangigen syrischen Offiziellen das Attentat geplant und organisiert haben. Zudem weist Mehlis daraufhin, dass Syrien in den vergangenen Monaten alles unternommen hat, um die Arbeit der UN-Ermittlungen zu behindern. Der Sicherheitsrat verlängert daraufhin das Mandat von Mehlis und erlässt eine neue Resolution, mit der von Syrien verlangt wird, mit dem Sonderermittler zu kooperieren, andernfalls drohen Sanktionen.
Bei den weiteren Untersuchungen verdichten sich die Hinweise, dass Syriens Staatsspitze selbst in das Attentat verwickelt ist, die alles daran setzt, die Ermittlungen zu behindern und Mehlis mit gekauften Zeugen zu diskreditieren. Parallel dazu wird die Hisbollah aktiv. Im Südlibanon kommt es Ende November 2005 zu einem heftigen Scharmützel mit israelischem Militär. Es sind die schwersten Kämpfe seit dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon im Jahre 2000.
Mehlis lässt sich davon nicht beeindrucken. Er setzt vielmehr den Syrern ein Ultimatum. Mit Bezug auf die jüngste Resolution fordert er bedingungslose Kooperation und verlangt, eine Reihe von verdächtigten syrischen Geheimdienstoffizieren vernehmen zu dürfen. UN-Generalsekretär Annan schaltet sich nun ein. Aber statt seinem Sonderermittler den Rücken zu stärken, fängt Annan an, hinter dem Rücken von Mehlis mit dem syrischen Staatschef Assad persönlich zu verhandeln, denn er befürchtet, dass die USA einen Militärschlag planen, falls sich herausstellen sollte, dass das Regime in Damaskus hinter dem Hariri-Mord steckt."