Es war einmal ein junger Psychiater namens Hector.
Eigentlich war er kein ganz junger Psychiater mehr, aber Vorsicht, ein alter Psychiater war er eben auch noch nicht! Von weitem hätten Sie ihn für einen jungen Mann halten können, der seinen Doktortitel noch nicht erworben hatte, aber aus der Nähe erkannten Sie besser, daß er bereits ein richtiger Doktor mit einer gewissen Erfahrung war.
Als Psychiater hatte Hector eine sehr wichtige Eigenschaft: Wenn man mit ihm sprach, wirkte es immer so, als würde er viel nachdenken über das, was man ihm erzählte. Die Leute, die in seine Sprechstunde kamen, mochten ihn dafür sehr, denn sie hatten den Eindruck, daß er über ihren Fall nachsann (was auch fast immer stimmte) und das Mittel herausfinden würde, mit dem es ihnen wieder besser ging. Zu Beginn seiner Karriere hatte sich Hector beim Nachdenken den Schnurrbart gezwirbelt, aber jetzt trug er keinen mehr. Als debütierender Psychiater hatte er sich einen wachsen lassen, um älter auszusehen, und heute war das nicht mehr nötig, weil er eben kein wirklich junger Psychiater mehr war. Die Zeit war, wie man so sagt, nicht spurlos an ihm vorübergegangen.
An den Möbeln seines Sprechzimmers allerdings war sie durchaus ein bißchen vorübergegangen, denn Hector hatte die Einrichtung seiner Anfänge behalten – mit einer altertümlichen Couch, die ihm von seiner Mutter geschenkt worden war, als er sich niedergelassen hatte, mit hübschen Bildern, die er sehr mochte, und sogar einer kleinen Skulptur, die ihm ein Freund aus dem Land der Eskimos mitgebracht hatte: einem Bären, der sich gerade in einen Adler verwandelte, was bei einem Psychiater ziemlich originell war. Von Zeit zu Zeit, wenn Hector den Patienten zuhörte und sich schon allzulange in seinem Sprechzimmer eingezwängt fühlte, blickte er auf den Bären mit den großen Flügeln, die ihm aus dem Rücken wuchsen, und dann träumte er, daß er selbst abheben und davonfliegen würde – aber nur eine kleine Weile, denn schnell kamen ihm Schuldgefühle, wenn er der Person, die da vor ihm saß und von ihrem Unglück erzählte, nicht richtig zuhörte. Hector war nämlich ein gewissenhafter Bursche.
Die meiste Zeit sah er erwachsene Leute, die einen Psychiater zu konsultieren beschlossen hatten, weil sie zu traurig waren oder zu unruhig oder nicht zufrieden mit ihrem Leben. Hector ließ sie reden, stellte ihnen Fragen und gab ihnen manchmal auch kleine Pillen – und oft alles drei zusammen, ein bißchen wie jemand, der mit drei Bällen gleichzeitig jongliert, und mindestens ebenso schwierig ist die Psychiatrie auch. Hector liebte seinen Beruf sehr, zuallererst einmal, weil er oft das Gefühl hatte, nützlich zu sein. Außerdem interessierte ihn fast immer, was seine Patienten ihm erzählten.
Von Zeit zu Zeit sah Hector zum Beispiel eine junge Dame, Sabine, die ihm stets Sachen berichtete, über die er nachdenken mußte. Denn mit Hectors Beruf ist es kurios: Wenn man seinen Patienten zuhört, lernt man eine Menge Dinge, während die Patienten häufig annehmen, man wüßte schon beinahe alles.
Das erste Mal war Sabine in Hectors Sprechstunde gegangen, weil ihr bei der Arbeit zu viele Emotionen hochkamen. Sabine arbeitete in einem Büro, und ihr Chef war nicht nett zu ihr, er brachte sie oft bis an den Rand der Tränen. Zum Weinen versteckte sie sich selbstverständlich immer, aber ganz schön ärgerlich war es trotzdem.
Nach und nach ließ Hector das Gefühl in ihr entstehen, daß sie vielleicht etwas Besseres verdient hatte als einen unnetten Chef, und Sabine gewann genügend Selbstvertrauen, um sich eine neue Stelle zu suchen, und jetzt war sie glücklicher.
Allmählich hatte sich Hectors Arbeitsweise gewandelt. Zu Beginn hatte er den Leuten vor allem helfen wollen, ihren Charakter zu ändern. Das tat er natürlich immer noch, aber jetzt versuchte er ihnen auch zu helfen, ein neues Leben zu finden, das besser zu ihnen paßte. Denn – um einen schönen Vergleich anzustellen – wenn Sie eine Kuh sind, werden Sie es niemals schaffen, sich in ein Pferd zu verwandeln, selbst mit einem guten Psychiater nicht, und es wäre besser, Sie fänden eine hübsche Weide an irgendeinem Fleck, wo man Milch braucht, statt immerfort zu versuchen, auf der Pferderennbahn herumzugaloppieren. Und vor allem sollten Sie keine Stierkampfarena betreten, denn so etwas ist immer eine Katastrophe.
Sabine wäre nicht besonders erfreut gewesen, wenn man sie mit einer Kuh verglichen hätte, die doch ein sanftmütiges und sympathisches Tier ist und außerdem, wie Hector schon immer gedacht hatte, eine sehr gute Mutter. Man muß dazu sagen, daß Sabine auch sehr intelligent war, und bisweilen machte sie das nicht froh, denn wie Sie vielleicht selbst schon bemerkt haben, bedeutet Glück manchmal, daß man nicht alles begreift.
Eines Tages meinte Sabine zu Hector: »Manchmal sage ich mir, daß das Leben ein einziger Betrug ist.«
Hector schreckte hoch.
»Was wollen Sie damit sagen?« fragte er. (Das waren seine üblichen Worte, wenn er es beim ersten Mal nicht richtig verstanden hatte.) »Na ja, man wird geboren, muß sofort funktionieren, in die Schule gehen, arbeiten, Kinder kriegen, und dann sterben einem die Eltern weg, und wutsch, schon wird man selber alt, und es ist vorbei.«
»Aber das dauert immerhin eine gewisse Zeit, nicht wahr?«
»Ja, aber es geht alles so schnell vorüber. Vor allem, wenn man nie Zeit hat, mal richtig innezuhalten. Ich zum Beispiel – tagsüber der Job, abends die Kinder und mein Mann. Und auch er kommt nie zum Atemholen, der Ärmste.«
Sabine hatte einen netten Ehemann (einst hatte sie auch einen netten Vater gehabt, was die Chancen erhöht, gleich beim ersten Versuch einen netten Mann zu finden). Er arbeitete eine Menge, und zwar ebenfalls in einem Büro, und dann hatten sie noch zwei kleine Kinder, von denen das eine gerade in die Schule gekommen war.
»Ich habe immer das Gefühl, mir würde eine Uhr im Bauch stecken«, sagte Sabine. »Morgens muß ich alles vorbereiten, dann rechtzeitig loskommen, um die Kleine zur Schule zu bringen, danach flitze ich ins Büro, und es gibt Sitzungen, zu denen man pünktlich erscheinen muß, während sich die restliche Arbeit immer mehr anhäuft, und auch abends muß ich mich beeilen, das Kind abholen oder pünktlich dasein, wenn das Kindermädchen Schluß hat, und dann ist das Abendessen zuzubereiten, und die Hausaufgaben sind durchzusehen, und dabei gehöre ich ja noch zu den Glücklichen, denn mein Mann hilft mir. Spät am Abend haben wir gerade noch ein paar Augenblicke Zeit, miteinander zu reden, und dann schlafen wir sofort ein, weil wir so erledigt sind.«
Hector wußte das alles, und vielleicht war dies auch ein wenig der Grund gewesen, weshalb er eine Menge Zeit damit verbracht hatte, darüber nachzudenken, ob man es nicht in Erwägung ziehen könnte, es sich vielleicht einmal zu überlegen, ob man sich dafür entscheiden sollte, allen Ernstes daran zu denken, sich zu verheiraten und Babys in die Welt zu setzen.
»Ich wünschte mir, die Zeit würde langsamer verrinnen«, sagte Sabine. »Ich möchte Zeit haben, das Leben auszukosten. Zeit für mich selbst, um all das machen zu können, was mir vorschwebt.«
»Und wie ist es im Urlaub?« fragte Hector.
Sabine lächelte.
»Sie haben keine Kinder, nicht wahr?«
Hector gab zu, daß er tatsächlich kinderlos war, vorläufig jedenfalls.
»Ich glaube, letzten Endes komme ich auch deshalb in Ihre Praxis«, sagte Sabine. »Diese Konsultation ist der einzige Augenblick, an dem der Zeiger für mich stillsteht und die Zeit voll und ganz mir gehört.«
Hector verstand Sabine gut, um so mehr, als auch er während des Arbeitstages oft den Eindruck hatte, eine Uhr im Bauch zu tragen – und all seinen Kollegen erging es ebenso. Wenn Sie Psychiater sind, müssen Sie immerzu auf die Zeit achten, denn wenn Sie einen Patienten zu lange reden lassen, sitzt im Wartezimmer schon der nächste und wird ungeduldig, und dann geraten Sie mit allen restlichen Terminen in Verzug. (Manchmal war es sehr schwierig, denn es konnte passieren, daß drei Minuten vor Ende der Konsultation, gerade in dem Moment, wo Hector in seinem Sessel hin- und herzurutschen begann, um anzudeuten, daß die Zeit gleich vorüber war, die Person ihm gegenüber plötzlich sagte »Doktor, im Grunde glaube ich, daß meine Mutter mich niemals geliebt hat« und daraufhin in Tränen ausbrach.)
Die Uhr im Bauch, sagte sich Hector. Das war ein Problem für so viele Menschen. Was aber sollte er tun, um ihnen zu helfen?