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13

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50

23.01.2013

„Eine erste Liebe – lebensklug und so wunderschön!”

Alessandro d’Avenia ist ein italienischer Autor und Lehrer. „Weiß wie Milch, rot wie Blut“ ist sein erster Roman, der auf Deutsch erhältlich ist. Und damit hat er gleich einen richtigen Knaller hingelegt.

Er beschreibt eine wunderbare erste Liebe aus der Sicht von Leo. Leo ist 16 Jahre alt. Bisher liebte er Fußball und sein Moped über alles. Seine Freizeit verbrachte er am liebsten mit seinem Kumpel Niko. Doch dann verliebt er sich in Beatrice. Eine bildhübsche, rothaarige Mitschülerin. Wie soll er ihr nur näherkommen und ihr seine Liebe gestehen? Sein Freund und seine Eltern braucht er dazu gar nicht zu fragen. Eine Möglichkeit wäre noch seine Klassenkameradin Silvia, mit der er sich blendend versteht. Er bezeichnet sie gerne als seinen Schutzengel. Aber irgendwie reagiert Silvia auf sein Ansinnen sehr zurückhaltend und merkwürdig. Bevor Leo Beatrice näher kommen kann, erkrankt sie an Leukämie. Leo weiß nicht, wie er mit dieser neuen Situation umgehen soll, wächst aber im Laufe der Geschichte über sich hinaus. Hierbei spielt ein junger Geschichts- und Philosophie-Lehrer, genannt der Träumer, der als Ersatzlehrer eingesprungen ist eine große Rolle. Er schafft es, dass Leo viel mehr über das Leben, seine Träume und die Liebe nachdenkt. Wie heißt es so schön an einer Stelle im Buch: „Ich hasse den Träumer, er kriegt mich immer wieder und macht mich neugierig.“

Alessandro d’Avenia hat einen wunderschönen, einfühlsamen Roman über die erste Liebe geschrieben. Das Buch ist überraschend philosophisch und doch jugendlich, teilweise schnodderig, teilweise humorvoll erzählt. Der Autor arbeitet mit schönen Bildern. Ganz besonders gefällt mir sein Bild, wie er die zwei Mädchen in Leos Leben beschreibt. „Silvia ist wie die Brandung, sie ist immer da, auch wenn man sie nicht hört. […] Doch die Liebe ist nicht Brandung, sie ist Sturm.“

Ein wunderschönes Buch über die erste Liebe und das Erwachsenwerden. Dieses Buch muss man einfach lesen, auch wenn die eigene Verliebtheit schon etwas her ist, denn darin steckt so viel Lebensweisheit. Ich musste lachen und weinen – so schön war es!

buch

Das Erbstück

Anne B. Ragde

EUR 9,99 *
auf Merkliste

40

20.01.2013

„Eine Autorin für schwierige Familienkonstellationen”

Endlich mal wieder ein neues Buch von einer Autorin, die ich sehr schätze, dachte ich, aber Vorsicht: Das Buch „Das Erbstück“ von der Norwegerin Anne B. Ragde wurde vom btb Verlag nur in neuer Optik wiederaufgelegt. Es ist ursprünglich schon einmal 2001 im gleichen Verlag erschienen.

Nachdem mir die „Trondheim-Trilogie“ um „Das Lügenhaus“, „Einsiedlerkrebse“ und „Hitzewelle“ ausgesprochen gut gefallen haben, „Mord in Spitzbergen“ etwas ganz anderes, aber auch sehr gut geschriebenes Buch, war, habe ich mich auf eine neue Familiengeschichte der Autorin gefreut. Einzig „Die Liebesangst“ hat mir gar nicht gefallen.

In „Das Erbstück“ erzählt sie die Geschichte um die Familie von Amalia „Thalia“ Thygesen, genannt Malie. Das Buch ist in 6 Teile unterteilt. Der erste Teil beginnt gleich mit einem Knall: Amalia ist gestorben und ihre Tochter Ruby erzählt dies total befreit und glücklich ihrer eigenen Tochter Therese. Ruby und Therese leben in Norwegen. Ruby stammt allerdings wie ihre Mutter aus Dänemark. Ruby und Therese fahren zusammen hin und räumen gemeinsam mit Ib, dem jüngeren Bruder von Ruby, und seiner Frau Lotte das Haus aus. Ab dem zweiten Teil geht es immer weiter in der Familiengeschichte zurück. Der zweite Teil beginnt 1940, zu der Zeit, wo die Deutschen in Dänemark einmarschiert sind. Wir erfahren viel über die schwierige Kindheit von Ruby, die zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt ist. Der zweite Teil endet, als sie als junge Frau selbst ein Kind bekommen hat. Der dritte Teil geht noch weiter zurück und zeigt, wie sich Amalia und Mogens kennengelernt haben. Sie hatten beide ihre Träume. Amalia feiert gerade ihren ersten Triumph als Schauspielerin als Mogens sich in sie verliebt. Teil vier erzählt von der überraschend glückliche Kindheit Mogens, die allerdings zu früh tragisch endete. Und der fünfte Teil erzählt endlich von der schwierigen Kindheit Malies. Den Abschluss bildet die Beerdigung Amalias. Damit schließt sich der Kreis zurück zum Anfang des Buches.

Wer war der Mann, den Amalia geliebt hat? Warum ist sie eine so harte und unglückliche Frau geworden? Warum hassen ihre Kinder Ruby und Ib sie so, dass sie sich tatsächlich freuen, als sie erfahren, dass ihre Mutter tot ist? Und warum hat Amalia ihrer Enkelin all die Liebe geschenkt, die sie ihrer eigenen Tochter verweigert hat?

Irgendwie eint die Romane der norwegischen Autorin immer wieder eins: Die Protagonisten kommen aus kaputten Familien und kämpfen ihr Leben lang mit Nähe und Liebe. Dies ist aber auch schon das Einzige, worin sich die Romane ähneln. Denn die Geschichten, die Anne B. Ragde erzählt sind gänzlich unterschiedlich, aber immer spannend und gut geschrieben! So auch in diesem Roman. Es ist eine ergreifende Familiengeschichte, bei der man sich am Ende nicht wundert, warum es zu all diesem Leid gekommen ist. Es ist aber auch eine interessante Geschichte, die von der schwierigen Situation der Dänen im 20. Jahrhundert erzählt.

40

16.01.2013

„Was für eine starke Frau”

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich Ihnen das Buch „Wer wir sind“ von Sabine Friedrich vorgestellt und besonders ans Herz gelegt. In diesem umfangreichen und großartigen Roman ging es um den Widerstand in Deutschland gegen Hitler. Und dieses Buch hat mich dazu angeregt, mich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen. Ich werde Ihnen sporadisch einige Bücher zu diesem Thema vorstellen. Den Anfang mache ich mit Freya von Moltke, denn die Familie von Moltke hatte mich am meisten fasziniert. Demnächst werde ich Ihnen dann auch noch die Biografie über Helmuth James von Moltke und die ergreifenden Briefe der beiden, die er aus dem Gefängnis Tegel geschrieben hat, vorstellen (alle im C. H. Beck Verlag erschienen).

Die Autorin Frauke Geyken hatte das Glück, dass sie Freya von Moltke tatsächlich an deren 90. Geburtstag persönlich begegnet ist. Allerdings hat sie erst ein paar Jahre später den Mut gefasst, diese große, alte Dame anzuschreiben, um sie um Erlaubnis zu bitten, ihre Biografie schreiben zu dürfen. Freya von Moltke lernte erst ab, gab dann aber doch ihre Zustimmung. Doch bevor es zu einem Treffen kam, verstarb Freya von Moltke im stolzen Alter von 98 Jahren. So konnte die Autorin nur auf ein umfangreiches Archiv zurückgreifen, hatte aber auch das Glück, dass sie noch mit einigen Familienmitgliedern und Freunden der Verstorbenen reden konnte. Herausgekommen ist diese Biografie einer ungewöhnlichen und starken Frau.

Freya von Moltke wurde 1911 als Tochter des Kölner Privatbankiers Deichmann geboren. Sie war das jüngste von drei Geschwistern und das einzige Mädchen. Sie wuchs privilegiert auf und genoss eine gute Schulbildung. Im Sommer 1929 lernt sie Helmuth James von Moltke kennen. Für sie ist es Liebe auf den ersten Blick, er ist von ihr ebenfalls fasziniert, braucht aber einige Zeit bis er sich zu einer Heirat durchringen kann. Der Teil ihres Lebens, der bis Ende 1945 kam, ist weitaus bekannter als ihr Leben nach dem Krieg. Doch Freya von Moltke ist immer eine politisch aktive Frau geblieben. Sie hat zeitweise in Südafrika, den USA und Deutschland gelebt. Sie hat viel dafür getan, dass die Arbeit ihres Mannes und seiner Mitstreiter im Widerstand nicht vergessen wurde. Sie hat sich aber auch immer wieder um Menschen gekümmert, die es im Leben nicht einfach hatten. Und ein großes Anliegen war für sie, das Gut Kreisau noch einmal wiederzusehen. Interessant ist auch, dass sie ein zweites Mal eine große Liebe gefunden hat, die aber niemals ihre Liebe zu ihrem ersten Mann verdrängt hat.

Die Autorin hat dies alles zu einer gut lesbaren Biografie zusammengetragen. Es gibt viele Zitate aus Briefen von Helmuth und Freya von Moltke, bzw. anderen Weggefährten. Abgerundet wird das Buch durch eine Zeittafel, Stammtafeln der Familien, Anmerkungen und eines umfangreichen Quellen- und Literaturverzeichnis.

Ich hätte mir dieses Buch noch etwas ausführlicher gewünscht, aber es ist eben eine Biografie und kein biografischer Roman. Da das Leben dieser Frau aber so spannend und faszinierend ist, hoffe ich, dass irgendwann einmal jemand einen biografischen Roman über diese tolle Frau schreibt. Verdient hätte sie es allemal!

40

15.01.2013

„Ein Frauenleben in den Suburbs”

Silvia Tennenbaum habe ich Ihnen bereits schon einmal im letzten Jahr vorgestellt. Da hatte der Schöffling Verlag ihren stark autobiografisch gefärbten Roman „Straßen von gestern“ wieder aufgelegt. Ursprünglich war er bereits 1983 auf Deutsch erschienen. Darin erzählt die Autorin verfremdet die Geschichte ihrer Familie von den Großeltern im kaiserlichen Deutschland bis zur Ankunft eines Teiles der Familie in den USA. Da mir das Buch ausgesprochen gut gefallen hat, interessierte mich, was es noch von dieser Autorin zu lesen gibt. Und da habe ich „Rachel, die Frau des Rabbi“ gefunden. Da die Autorin selbst über 30 Jahre mit einem Rabbi verheiratet war, spielt hier sicherlich auch wieder die eigene Geschichte eine große Rolle. Dieser Roman ist übrigens ihr erster Roman gewesen. Auf Deutsch gibt es keine weiteren von ihr.

Der Roman „Rachel, die Frau des Rabbi“ spielt in einem kleinen Ort Gateshead in der näheren Umgebung von New York. Der Zeitrahmen ist ein Jahr in dem Leben von Rachel. Das Buch spielt in den siebziger Jahren und Rachel ist zu dem Zeitpunkt knapp vierzig Jahre alt. Rachel ist nicht nur die Frau des Rabbi, sondern sie ist vorrangig Künstlerin. Die Gemeindearbeit, die von ihr als Rebbezin erwartet wird, liegt ihr nicht. Sie ist nicht die Frau von, sondern ein eigenständiges und selbstbestimmtes Wesen. Dies stößt in ihrer Umgebung immer wieder auf Unverständnis. Am Anfang ihrer Ehe und Mutterschaft war sie mit ihrer vorgegebenen Rolle zufrieden. Sie malte nur nachts, aber irgendwann war ihr das nicht mehr genug. Die Künstlerin in ihr verlangte ihr Recht. Und damit beginnen die Schwierigkeiten im Haus Sonnshein. Außerdem sind sie und ihr Mann sehr engagiert, sie setzten sich für soziale Gerechtigkeit ein und stoßen damit bei seiner Gemeinde häufig auf Widerstand.

Es ist ein ruhiges Buch, das das Leben einer ungewöhnlichen Frau in einer typischen amerikanischen Vorstadt in den siebziger Jahren aufzeigt. Rachel ist intelligent und hat eine eigene Meinung. Sie versucht aus dem klassischen Rollenmuster auszubrechen. Doch die Gemeinde ihres Mannes zeigt der Familie schnell die Grenzen auf, denn Rabbis werden nicht auf Lebenszeit eingestellt. Sie haben auf jeden Fall zu der Zeit nur befristete Verträge bekommen. Und diese werden nicht immer verlängert. Die Autorin seziert sehr genau die amerikanische Mittelschicht der Suburbs in den siebziger Jahren. Herausgekommen ist ein Buch, das ein wenig an Marilyn French „Frauen“ und ein wenig an John Updike erinnert. Sehr interessant empfand ich, dass die Juden auch in Amerika nicht unbedingt wohlgelitten sind. Allerdings hat die Autorin die Gemeinde auch nicht sehr sympathisch dargestellt. Die Menschen dort sind sehr konservativ und schauen nicht über ihren Tellerrand hinaus.

„Rachel, die Frau des Rabbi“ ist ganz anders als ihr Roman „Straßen von gestern“. Mir haben beide Romane gut gefallen. Gerade „Rachel, die Frau des Rabbi“ zeigt einmal ein ganz anderes Amerika auf. Mir war nicht bewusst, dass die Juden in den siebziger Jahren dort nicht wirklich assimiliert und angekommen sind.

Vermisst habe ich bei diesem Buch einen Anhang mit den jüdischen Begriffen und Feiern.

50

10.01.2013

„Für Traditionalisten und England-Fans”

Julian Fellowes ist ein preisgekrönter englischer Autor von Romanen und Drehbüchern. Für sein Drehbuch zu „Gosford Park“ wurde er sogar mit einem Oscar ausgezeichnet. Jetzt ist gerade seiner neuer Roman als Taschenbuch erschienen. Und was für ein schöner, spitzfindiger, boshafter Roman – typisch englischer Humor vom feinsten!

Julian Fellowes erzählt die Geschichte einer Gruppe von jungen Menschen aus dem Adelsstand, die 1968 ihr Debüt in der englischen Gesellschaft geben. Sie waren damals alle so um die 18 Jahre alt und standen zwischen Tradition und den Swinging Sixties. Allerdings wird diese Geschichte rückwirkend und mit einer gehörigen Portion Altersweisheit aus der Gegenwart von einem der Beteiligten erzählt. Der Ich-Erzähler ist Romanautor, selber adelig und hat eigentlich keinen Kontakt mehr zu seinen Mit-Debütanten, denn es hat damals 1970 einen großen Skandal gegeben. Plötzlich erhält er einen Brief von seinem damaligen Freund Damian Baxter, der offensichtlich Schuld an diesem Skandal war. Der Ich-Erzähler ist neugierig und geht auf den Wunsch von Damien ein. Dort angekommen bestaunt er die Pracht, mit der sich sein ehemaliger Freund umgibt. Damien, der damals versucht hat in diese Gesellschaftsschicht einzudringen, ist in der Zwischenzeit enorm reich, aber auch sterbenskrank. Sein letzter Wunsch ist es, herauszufinden, ob er einen Erben hinterlassen hat. Vor Jahren hat er nämlich einen anonymen Brief bekommen, der dieses nahelegt. Allerdings kommen insgesamt fünf Frauen in Frage. Da er davon ausgeht, dass der Ich-Erzähler noch in diesen Kreisen verkehrt, bittet er ihn diese Frauen aufzusuchen und diskret herauszubekommen, welche dieser Frauen sein Kind zur Welt gebracht und einem anderen Mann untergeschoben hat. Widerwillig macht er sich auf die Suche und taucht ein in seine Vergangenheit. Sehr zu seiner eigenen Überraschung erfährt er sehr viel, was ihm damals verborgen geblieben ist. Die Geschichte wechselt sehr geschickt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit.

Julian Fellowes beschreibt eine fast ausgestorbene Klasse der englischen Gesellschaftsschicht. Sie haben sich noch nicht wirklich von den gesellschaftlichen Veränderungen, die die beiden Weltkriege mit sich gebracht haben, erholt, haben aber trotzdem immer noch ihren Standesdünkel. Natürlich versuchen immer wieder Menschen von außen in diesen Kreis hineinzukommen, aber diese Menschen haben viel Geld. Jemand wie Damien, der zwar ausgesprochen intelligent, charmant und ehrgeizig ist, aber nur aus dem Mittelstand entstammt, passt dort einfach nicht hinein. Und das lassen sie ihn auch spüren. Und diese Geschichte erzählt uns der Autor mit viel Hintergrundwissen. Er macht dies mit sehr viel Charme, subtilem Humor und großer sprachlicher Eleganz.

Ein großartiger, typisch englischer Roman für Fans von Stephan Fry oder dem Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ von Evelyn Waugh.

Julian Fellowes ist übrigens auch der Drehbuchautor der gerade sehr aktuellen Fernsehserie „Downton Abbey“.

ebooks

Requiem

Eoin McNamee

EUR 12,99 *
auf Merkliste

40

10.01.2013

„Ein wahrer Fall”

Eoin McNamee hat sich für diesen Roman ein interessantes Sujet ausgesucht. Er hat einen wahren Kriminalfall aus seinem Geburtsjahr 1961, der bis heute sehr umstritten abgeschlossen wurde, genommen.

30. Januar 1961 wird eine nackte, weibliche Leiche in einem Feld gefunden. Sie wurde erstochen und erwürgt. Ein Sexualdelikt liegt nicht vor. Die Ermordete ist Pearl Gamble, eine neunzehnjährige Kaufhausangestellte, die auf dem Heimweg von einer Tanzveranstaltung war. Als Täter steht für die Polizei schnell Robert McGladdery fest. Obwohl es nur wenige Indizien gibt, wird er zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung am 16. Oktober 1961 durch den Strang ist das letzte Todesurteil, welches in Nordirland vollstreckt wurde. Bis heute ist unklar, ob Robert McGladdery wirklich schuldig war. Eoin McNamee hat sich dieses wahren Falls angenommen und daraus ein spannenden Roman geschrieben, indem er geschickt Fakten und Fiktion mischt. Eddie McCrink, sein ermittelnder Chefinspektor der königlichen Polizeitruppe ist eine erdachte Person, Richter Lance Curran, Innenminister Brian Faulkner, Harry West, ein Mitglied der Regierung und die ermittelnden Beamten Speers und Johnston gab es wirklich.

Sehr interessant hat der Autor die Fakten und das Vorgehen der Ermittlungsbeamten zusammengetragen. Aus welchem Umfeld stammen die Ermordete und er vermeintliche Mörder? Warum ist für alle sofort klar, dass es nur Robert McGladdery gewesen sein kann? Was ist damals vor 9 Jahren wirklich geschehen, als Richter Lance Currans Tochter ermordet wurde. Liegt hier ein bewusst herbeigeführter Justizirrtum vor?

Es ist schon ein erschreckender Fall. Bei der Lektüre stellten sich mir zeitweise die Nackenhaare auf, weil einfach nur so einseitig ermittelt wurde. Der Autor berichtet aber ganz neutral von diesem Fall. Es kommt niemand wirklich glücklich und positiv in dieser Geschichte rüber, jeder hat irgendwie Dreck am Stecken und ist deshalb verdächtig oder erpressbar. Am Ende des Buches stellt sich die berechtigte Frage: Ist Recht das gleiche wie Gerechtigkeit?

Der Übersetzer Hansjörg Schertenleib ist übrigens selbst ein anerkannter Autor. Er lebt seit einigen Jahren in Irland. Falls Sie sich für ihn interessieren, finden Sie an dieser Stelle Besprechungen von den beiden Büchern „Cowboysommer“ und „Nachtschwimmer“.

50

10.01.2013

„Für Traditionalisten und England-Fans”

Julian Fellowes ist ein preisgekrönter englischer Autor von Romanen und Drehbüchern. Für sein Drehbuch zu „Gosford Park“ wurde er sogar mit einem Oscar ausgezeichnet. Jetzt ist gerade seiner neuer Roman als Taschenbuch erschienen. Und was für ein schöner, spitzfindiger, boshafter Roman – typisch englischer Humor vom feinsten!

Julian Fellowes erzählt die Geschichte einer Gruppe von jungen Menschen aus dem Adelsstand, die 1968 ihr Debüt in der englischen Gesellschaft geben. Sie waren damals alle so um die 18 Jahre alt und standen zwischen Tradition und den Swinging Sixties. Allerdings wird diese Geschichte rückwirkend und mit einer gehörigen Portion Altersweisheit aus der Gegenwart von einem der Beteiligten erzählt. Der Ich-Erzähler ist Romanautor, selber adelig und hat eigentlich keinen Kontakt mehr zu seinen Mit-Debütanten, denn es hat damals 1970 einen großen Skandal gegeben. Plötzlich erhält er einen Brief von seinem damaligen Freund Damian Baxter, der offensichtlich Schuld an diesem Skandal war. Der Ich-Erzähler ist neugierig und geht auf den Wunsch von Damien ein. Dort angekommen bestaunt er die Pracht, mit der sich sein ehemaliger Freund umgibt. Damien, der damals versucht hat in diese Gesellschaftsschicht einzudringen, ist in der Zwischenzeit enorm reich, aber auch sterbenskrank. Sein letzter Wunsch ist es, herauszufinden, ob er einen Erben hinterlassen hat. Vor Jahren hat er nämlich einen anonymen Brief bekommen, der dieses nahelegt. Allerdings kommen insgesamt fünf Frauen in Frage. Da er davon ausgeht, dass der Ich-Erzähler noch in diesen Kreisen verkehrt, bittet er ihn diese Frauen aufzusuchen und diskret herauszubekommen, welche dieser Frauen sein Kind zur Welt gebracht und einem anderen Mann untergeschoben hat. Widerwillig macht er sich auf die Suche und taucht ein in seine Vergangenheit. Sehr zu seiner eigenen Überraschung erfährt er sehr viel, was ihm damals verborgen geblieben ist. Die Geschichte wechselt sehr geschickt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit.

Julian Fellowes beschreibt eine fast ausgestorbene Klasse der englischen Gesellschaftsschicht. Sie haben sich noch nicht wirklich von den gesellschaftlichen Veränderungen, die die beiden Weltkriege mit sich gebracht haben, erholt, haben aber trotzdem immer noch ihren Standesdünkel. Natürlich versuchen immer wieder Menschen von außen in diesen Kreis hineinzukommen, aber diese Menschen haben viel Geld. Jemand wie Damien, der zwar ausgesprochen intelligent, charmant und ehrgeizig ist, aber nur aus dem Mittelstand entstammt, passt dort einfach nicht hinein. Und das lassen sie ihn auch spüren. Und diese Geschichte erzählt uns der Autor mit viel Hintergrundwissen. Er macht dies mit sehr viel Charme, subtilem Humor und großer sprachlicher Eleganz.

Ein großartiger, typisch englischer Roman für Fans von Stephan Fry oder dem Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ von Evelyn Waugh.

Julian Fellowes ist übrigens auch der Drehbuchautor der gerade sehr aktuellen Fernsehserie „Downton Abbey“.

40

10.01.2013

„Ein spannender Titanic-Roman”

Eigentlich ist der deutsche Autor Titus Müller bekannt für seine historischen Romane. Ob man diesen Roman ebenfalls als historischen bezeichnen möchte, hängt davon ab, wie eng man diesen Zeitrahmen setzten möchte. Für mich sind Romane, die Anfang des 20. Jahrhunderts spielen immer etwas grenzwertig, ich welches Genre man sie einsortieren sollte. Diesen Roman empfinde ich nicht als klassisch historischen Roman.

Titus Müller vermischt verschiedene Handlungsstränge, die auf der Jungfernfahrt der Titanic im April 1912 zusammenlaufen. Den Hauptstrang bildet die Geschichte der Berliner Familie Singvogel. Matheus Singvogel ist ein evangelischer Pastor, der seinen Beruf als Berufung sieht. Über seine vielfältigen Aufgaben in der Gemeinde vergisst er teilweise seine Ehefrau Cäcilie und seinen Sohn Samuel. Gerade für Cäcilie ist die Situation sehr schwierig, denn sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und hat für ihre Ehe alles aufgegeben. Als Matheus ein Angebot aus den USA erhält, begreift er dieses als Chance für einen Neuanfang und setzt die ganzen Ersparnisse der Familie ein, um ihnen eine Überfahrt auf der Titanic zu ermöglichen. Eine weitere Hauptperson ist der Engländer Lyman Tundale. Lyman Tundale arbeitet als Spion für den neugegründeten englischen Secret Service. Er macht sich an die Bankierstochter Cäcilie heran und versucht über sie herauszufinden, wie weit Deutschland schon in der Vorbereitung für einen Krieg ist. Weiter wichtig für die Handlung sind die junge Tänzerin Nele Stern und der Dieb Adam. Sie alle treffen auf der Titanic zusammen und in dieser großartigen Kulisse entspinnen sich ein Krimi und gleichzeitig eine Liebesgeschichte, die in allen Klassen dieses imposanten Schiffes spielt. Einen Höhepunkt bildet natürlich der Untergang der Titanic, aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Titus Müller vermischt in diesem Roman sehr schön eine spannende Spionage- und Liebesgeschichte mit einer sehr genauen Beobachtung dieser Zeit. Er beschreibt wunderbar das Lebensgefühl und die politische und wirtschaftliche Situation im Berlin kurz vor und nach dem 1. Weltkrieg. Deutschland ist auf dem Weg ganz nach oben, pokert zu hoch und verliert am Ende alles. Ähnlich geht es einigen Hauptpersonen.

Den Abschluss des Romans bildet ein 26 seitiger Anhang, der nochmal auf Fragen nach dem Unglück der Titanic, dem Wettrüsten der Europäer sowie der wirtschaftlichen Situation Deutschlands beantwortet.

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Requiem

Eoin McNamee

EUR 12,99 *
auf Merkliste

40

08.01.2013

„Ein wahrer Fall”

Eoin McNamee hat sich für diesen Roman ein interessantes Sujet ausgesucht. Er hat einen wahren Kriminalfall aus seinem Geburtsjahr 1961, der bis heute sehr umstritten abgeschlossen wurde, genommen.

30. Januar 1961 wird eine nackte, weibliche Leiche in einem Feld gefunden. Sie wurde erstochen und erwürgt. Ein Sexualdelikt liegt nicht vor. Die Ermordete ist Pearl Gamble, eine neunzehnjährige Kaufhausangestellte, die auf dem Heimweg von einer Tanzveranstaltung war. Als Täter steht für die Polizei schnell Robert McGladdery fest. Obwohl es nur wenige Indizien gibt, wird er zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung am 16. Oktober 1961 durch den Strang ist das letzte Todesurteil, welches in Nordirland vollstreckt wurde. Bis heute ist unklar, ob Robert McGladdery wirklich schuldig war. Eoin McNamee hat sich dieses wahren Falls angenommen und daraus ein spannenden Roman geschrieben, indem er geschickt Fakten und Fiktion mischt. Eddie McCrink, sein ermittelnder Chefinspektor der königlichen Polizeitruppe ist eine erdachte Person, Richter Lance Curran, Innenminister Brian Faulkner, Harry West, ein Mitglied der Regierung und die ermittelnden Beamten Speers und Johnston gab es wirklich.

Sehr interessant hat der Autor die Fakten und das Vorgehen der Ermittlungsbeamten zusammengetragen. Aus welchem Umfeld stammen die Ermordete und er vermeintliche Mörder? Warum ist für alle sofort klar, dass es nur Robert McGladdery gewesen sein kann? Was ist damals vor 9 Jahren wirklich geschehen, als Richter Lance Currans Tochter ermordet wurde. Liegt hier ein bewusst herbeigeführter Justizirrtum vor?

Es ist schon ein erschreckender Fall. Bei der Lektüre stellten sich mir zeitweise die Nackenhaare auf, weil einfach nur so einseitig ermittelt wurde. Der Autor berichtet aber ganz neutral von diesem Fall. Es kommt niemand wirklich glücklich und positiv in dieser Geschichte rüber, jeder hat irgendwie Dreck am Stecken und ist deshalb verdächtig oder erpressbar. Am Ende des Buches stellt sich die berechtigte Frage: Ist Recht das gleiche wie Gerechtigkeit?

Der Übersetzer Hansjörg Schertenleib ist übrigens selbst ein anerkannter Autor. Er lebt seit einigen Jahren in Irland. Falls Sie sich für ihn interessieren, finden Sie an dieser Stelle Besprechungen von den beiden Büchern „Cowboysommer“ und „Nachtschwimmer“.

50

08.01.2013

„Auf den Spuren der Schwester”

„Die Landkarte der Liebe“ ist der Erstling der jungen britischen Autorin Lucy Clarke. Überraschenderweise ist er zuerst auf Deutsch erschienen, in Englisch erscheint er erst im April und wird dort „The Sea Sisters“ heißen. Der englische Titel hätte mir persönlich besser gefallen, weil er direkten Bezug zum Inhalt des Buches hat.

Lucy Clarke erzählt die Geschichte von zwei Schwestern. Katie steht gerade kurz vor ihrer Hochzeit mit Ed als sie einen verhängnisvollen Telefonanruf erhält. Ihre jüngere Schwester Mia, die gerade auf einer Weltreise unterwegs ist, hat sich in Bali das Leben genommen. Katie kann es nicht fassen. Als sie mit den sterblichen Überresten ihrer Schwester auch deren persönlichen Dinge, speziell ihr Reisetagebuch, erhält, trifft Katie eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern wird. Sie macht sich allein auf die Reise und folgt der Route ihrer Schwester. Sie will versuchen zu verstehen, warum ihre Schwester anscheinend keinen anderen Ausweg mehr wusste.

Die Autorin wechselt mit jedem Kapitel sehr geschickt die Perspektive. Das Buch beginnt mit Katie, als diese die erschütternde Nachricht vom Tode ihrer Schwester erhält. Es gibt einen ersten Rückblick auf die beiden jungen Frauen, die verschiedener nicht sein könnten. Katie ist klein, zierlich, aber gleichzeitig sehr selbstbewusst und vernünftig. Sie fühlt sich seit dem Tod ihrer Mutter für die kleinere Schwester verantwortlich. Mia hingegen hat noch nicht ihren Platz im Leben gefunden. Sie ist flippig, trinkt gerne zu viel Alkohol und fühlt sich durch ihre große Schwester eingeengt. Im zweiten Kapitel geht die Autorin ein halbes Jahr zurück. Mia startet mit ihrem besten Freund Finn zusammen ihre Weltreise. Katie hat sie zum Flughafen gebracht. Und so wechselt jedes Kapitel zwischen den beiden Schwestern hin- und her. Immer, wenn Katie etwas Außergewöhnliches in Mias Tagebuch entdeckt, wird diese Episode aus Mias Sicht geschildert. Nach und nach erfahren wir, warum Mia sich überhaupt zu dieser Reise entschieden hat. Wir lernen die familiären Hintergründe der beiden Frauen kennen. Und wir werden Zeugen, wie sich Mias Leben immer schwieriger gestaltet.

Die Autorin schafft es, die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht zu erhalten. Man ist lange im Unklaren, was wirklich passiert ist. Es ist ein wunderbarer, spannender Frauenroman, der mir richtig viel Spaß gemacht hat. Die beiden Hauptpersonen sind so verschieden, so dass sicherlich jede Leserin eine der beiden in ihr Herz schließen kann. Man leidet richtig mit den beiden mit und fiebert dem Ende entgegen. Und zusätzlich bekommt man noch schöne Beschreibungen der mehr oder weniger exotischen Reiseziele von Mia und Finn (Kalifornien, Maui, Australien und Bali) und erfährt einiges zum Thema Surfen. Und die Autorin weiß wovon sie spricht, denn ihr Mann ist ein professioneller Windsurfer, und sie haben diese Orte beide gemeinsam bereist.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und spannende Unterhaltung mit diesem Buch!