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952 Rezensionen
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hilfreich: 80

nicht hilfreich: 4

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13

Rezensionen

40

16.03.2013

„Ein ganz anderer Afrika-Roman”

Gina Mayer stelle ich Ihnen an dieser Stelle ja nicht zum ersten Mal vor. Mit diesem Buch kehrt die Autorin einmal mehr zu den Wurzeln ihrer ersten Bücher („Die Protestantin“ und „Das Medaillon“) zurück. Alle drei Bücher beschäftigen sich in irgendeiner Weise mit der protestantischen Kirche.

In diesem Roman erzählt sie die Geschichte von Henriette (genannt Jette) aus ihrer eigenen Sicht, die als siebzehnjähriges Mädchen mit ihrer verwitweten Mutter 1900 nach Deutsch-Südwest ausgewandert ist. Eigentlich war es ihr Traum, Lehrerin zu werden wie ihr Vater. Doch die äußeren Umstände lassen es nicht zu. Und deshalb nimmt ihre Mutter einen Heiratsantrag von einem ihr unbekannten Missionar, den ihr der Pastor der Heimatgemeinde empfohlen hat, in dem deutschen Schutzgebiet an. Weder Henriette noch ihre Mutter haben die leiseste Vorstellung davon, wie es dort aussieht und wie sich ihr Leben dort gestalten wird. Die Missionarsstation Bethanien und der Pastor Freudenreich waren so ganz anders als Henriette es sich vorgestellt hat. Nach einem schweren Schicksalsschlag flieht Henriette mit Hilfe des Ochsentreibers Petrus. Sie will zu der Familie Cordes, die sie während der Überfahrt kennengelernt hat, in die Kap-Region. Unterwegs müssen die beiden Flüchtlinge einige schwierige Situationen bestehen. Dies schweißt sie fester zusammen als es die damalige Moral zulässt. Henriette erfährt einiges über die Schwarzen und ihre Lebensumstände: „Bevor ihr Weißen hier wart, war bestimmt nicht alles gut. … Aber damals waren meine Leute frei. Wir konnten gehen, wohin wir wollten, und leben, wie es uns gefiel. … Und ein einziger Deutji braucht mehr Platz als ein ganzer Nama-Stamm.“ S. 278 und „Die einen sagen, die Kaffer sind Tiere, man kann sie schlagen und treten. Und die anderen sagen, die Schwarzen sind arme Schweine, man muss sie bekehren, damit sie in den Himmel kommen, wenn sie sterben. Aber keiner sagt, dass wir ganz normale Menschen sind wie die Weißen auch.“ S. 300. Henriette bleibt aber weiterhin sehr idealistisch, muss letztendlich aber feststellen, dass die Wirklichkeit doch eine ganz andere ist.

Während ich dieses Buch gelesen habe, erschien es mir nie wie ein Jugendbuch. Es ist ein wunderbares Buch, welches einem die Augen über die Situation der Menschen in den Regionen Deutsch-Südwest und Kap-Region Anfang des 20. Jahrhunderts öffnet. Und dadurch, dass die Ich-Erzählerin ein junges Mädchen ist, ist es sicherlich auch schon für Mädchen ab 12 Jahren interessant.

Es ist einmal ein ganz anderer Afrika-Roman, hervorragend recherchiert und sehr realistisch.

ebooks

Hannahs Briefe

Ronaldo Wrobel

EUR 15,99 *
auf Merkliste

40

16.03.2013

„Max und Hannah – eine Liebesgeschichte?”

Dies vorab: Es ist ein ungewöhnliches Buch und ganz anders als ich es mir an Hand des Klappentextes und des Covers vorgestellt hatte. Denn es ist beim besten Willen keine klassische Liebesgeschichte!

Ronaldo Wrobel ist ein brasilianischer Jude, der als Schriftsteller, Journalist und Rechtsanwalt in Rio de Janeiro lebt. Sein erster Roman wurde vom brasilianischen Kulturministerium, die Übersetzung vom Deutschen Übersetzerfond gefördert. Er erzählt darin einen Teil der jüdischen Geschichte, nämlich den der jüdischen Auswanderen aus dem Osten Europas nach Brasilien.

Seine Hauptperson ist Max. Max ist ein jüdischer Schuster, Mitte Dreißig und lebt in Rio de Janeiro. Er lebt ganz unauffällig und allein. Manchmal geht er zu Prostituierten, aber nicht zu den jüdischen, den sogenannten Polacas. Das passt nämlich nicht in sein Weltbild. Eines Tages wird er auf die Polizeistation gebeten, wo man ihn zwangsverpflichtet, dass er Briefe aus dem jiddischen ins portugiesische übersetzt. Und bei dieser Tätigkeit entdeckt er Hannah, die einen regelmäßigen Briefverkehr mit ihrer Schwester Guita in Buenos Aires unterhält. Hannahs Briefe sind so wunderbar, teilweise lebensklug, teilweise poetisch, so dass er sich nur auf Grund dieser Briefe in sie verliebt. Er hat keine Adresse von ihr, und doch versucht er sie ausfindig zu machen. Und eines Tages steht sie in seinem Laden und erkennt sie an Hand ihrer Handschrift. Doch wer ist Hannah wirklich? Erst nach und nach entdeckt er die Wahrheit über Hannah. Und immer, wenn er denkt, er weiß jetzt wirklich alles über sie, erfährt er wieder etwas Neues. Und so jagt er eigentlich ein Phantom.

Das Buch hat mich mehrfach überrascht. Der Autor versteht es fesselnd zu erzählen. Aber er ist auch ein typischer lateinamerikanischer Autor und erzählt seine Geschichte nicht stringent durch, sondern schweift immer mal wieder ab. Und so kommt man der eigentlichen Geschichte nur sehr langsam näher, erfährt aber viel über das jüdische Leben in Polen und Russland Anfang des 20. Jahrhunderts als auch über das jüdische Leben in Brasilien in den dreißiger Jahren. Kennen Sie die Verbrecherorganisation Zwi Migdal? Wenn nicht, werden Sie sie in diesem Roman kennenlernen. Und gerade wo ich dachte, jetzt kommt das große Finale mit der Auflösung, wechselt der Autor plötzlich die Erzählperspektive.

Ein spannendes Buch über einen mir völlig unbekannten Aspekt in der jüngeren jüdischen Geschichte. Es ist teilweise eine Liebesgeschichte und doch auch wieder ein Spionage-Roman. Sehr ungewöhnlich und sehr lesenswert.

40

16.03.2013

„Ein ganz anderer Afrika-Roman”

Gina Mayer stelle ich Ihnen an dieser Stelle ja nicht zum ersten Mal vor. Mit diesem Buch kehrt die Autorin einmal mehr zu den Wurzeln ihrer ersten Bücher („Die Protestantin“ und „Das Medaillon“) zurück. Alle drei Bücher beschäftigen sich in irgendeiner Weise mit der protestantischen Kirche.

In diesem Roman erzählt sie die Geschichte von Henriette (genannt Jette) aus ihrer eigenen Sicht, die als siebzehnjähriges Mädchen mit ihrer verwitweten Mutter 1900 nach Deutsch-Südwest ausgewandert ist. Eigentlich war es ihr Traum, Lehrerin zu werden wie ihr Vater. Doch die äußeren Umstände lassen es nicht zu. Und deshalb nimmt ihre Mutter einen Heiratsantrag von einem ihr unbekannten Missionar, den ihr der Pastor der Heimatgemeinde empfohlen hat, in dem deutschen Schutzgebiet an. Weder Henriette noch ihre Mutter haben die leiseste Vorstellung davon, wie es dort aussieht und wie sich ihr Leben dort gestalten wird. Die Missionarsstation Bethanien und der Pastor Freudenreich waren so ganz anders als Henriette es sich vorgestellt hat. Nach einem schweren Schicksalsschlag flieht Henriette mit Hilfe des Ochsentreibers Petrus. Sie will zu der Familie Cordes, die sie während der Überfahrt kennengelernt hat, in die Kap-Region. Unterwegs müssen die beiden Flüchtlinge einige schwierige Situationen bestehen. Dies schweißt sie fester zusammen als es die damalige Moral zulässt. Henriette erfährt einiges über die Schwarzen und ihre Lebensumstände: „Bevor ihr Weißen hier wart, war bestimmt nicht alles gut. … Aber damals waren meine Leute frei. Wir konnten gehen, wohin wir wollten, und leben, wie es uns gefiel. … Und ein einziger Deutji braucht mehr Platz als ein ganzer Nama-Stamm.“ S. 278 und „Die einen sagen, die Kaffer sind Tiere, man kann sie schlagen und treten. Und die anderen sagen, die Schwarzen sind arme Schweine, man muss sie bekehren, damit sie in den Himmel kommen, wenn sie sterben. Aber keiner sagt, dass wir ganz normale Menschen sind wie die Weißen auch.“ S. 300. Henriette bleibt aber weiterhin sehr idealistisch, muss letztendlich aber feststellen, dass die Wirklichkeit doch eine ganz andere ist.

Während ich dieses Buch gelesen habe, erschien es mir nie wie ein Jugendbuch. Es ist ein wunderbares Buch, welches einem die Augen über die Situation der Menschen in den Regionen Deutsch-Südwest und Kap-Region Anfang des 20. Jahrhunderts öffnet. Und dadurch, dass die Ich-Erzählerin ein junges Mädchen ist, ist es sicherlich auch schon für Mädchen ab 12 Jahren interessant.

Es ist einmal ein ganz anderer Afrika-Roman, hervorragend recherchiert und sehr realistisch.

40

12.03.2013

„Abgründe tun sich auf”

Im November 2011 habe ich Ihnen das erste Buch des niederländischen Autoren und Komikers Herman Koch „Angerichtet“ (ebenfalls Kiepenheuer & Witsch) empfohlen. Jetzt ist sein zweiter Roman als Taschenbuch erschienen. Das erste Buch hatte mich ja total begeistert, aber auch sehr erschreckt. Nun war ich sehr gespannt, ob er noch einmal so ein großartiges Buch hinbekommen hat.

Auch dieses Buch wird wieder aus der Ich-Perspektive der männlichen Hauptperson erzählt. Diese Hauptperson ist Marc Schlosser, ein Allgemeinmediziner, verheiratet mit der attraktiven Caroline und Vater zweier Töchter (11 und 14 Jahre alt). Als er seine Geschichte beginnt, ist der eigentliche Zwischenfall schon Geschichte. Marc muss sich vor der niederländischen Ärztekammer verantworten, weil sein Patient, der berühmte Schauspieler Ralph Meier, gestorben ist. Es deutet darauf hin, dass er einen Kunstfehler begangen hat. Aber war es wirklich ein Kunstfehler? Marc erzählt, wie er und seine Frau Ralph und dessen Frau Judith kennengelernt haben. Wie es dazu gekommen ist, dass beide Familien zusammen den Urlaub im Sommerhaus mit Swimmingpool verbracht haben. Und was in diesem Urlaub dramatisches passiert ist. Und während er diese Geschichte erzählt, tun sich Abgründe auf. Marc ist ein ganz spezieller Hausarzt, zu dem Patienten kommen, die bei ihren eigentlichen Hausärzten nicht die Hilfe bekommen, die sie sich eigentlich wünschen. Marc mag seine Patienten nicht wirklich, sondern sieht auf sie herab. Und er hat keine gute Meinung von den Menschen per se. Sein großes Vorbild war sein Biomedizinprofessor, der die Auffassung vertrat, dass der Instinkt unausrottbar ist und dementsprechend schlechte Menschen sich eben nicht bessern können. Und jetzt denken Sie mal nach, was so ein Mediziner bereit ist zu tun, wenn er seine Familie verteidigen muss.

Herman Koch ist ein Autor, der seine Protagonisten Dinge denken und sogar machen lässt, die sich viele von uns nicht einmal zu denken trauen. So ist Selbstjustiz bei ihm immer ein probates Mittel für seine Hauptpersonen, deren Denkweise von der politisch korrekten Norm abweicht. Diese Romane sind deshalb schon eine ganz schön schwere Kost, aber sie regen zum Nachdenken an und sind unwahrscheinlich spannend, obwohl ich sie nicht als Krimis bezeichnen würde. Sie sind ein großartiges Abbild unserer heutigen Gesellschaft.

Irgendwie hat der erste Roman mir aber doch noch etwas besser gefallen. Da war mir der Protagonist nicht von Anfang an so unsympathisch.

buch

Orient-Express

John Dos Passos

EUR 18,90 *
auf Merkliste

40

12.03.2013

„Der Nahe Osten im Umbruch”

John Dos Passos ist ein amerikanischer Autor, der neben Ernest Hemingway, William Faulkner und F. Scott Fitzgerald als einer der Hauptvertreter der Moderne gilt. Politisch verstand er sich als Sozialrevolutionär. Er kämpfte als Freiwilliger bei den Republikanern im spanischen Bürgerkrieg, doch dort ging er auf Distanz zu den stalinistischen Linken, obwohl er die Sowjetunion als wichtigste antifaschistische Macht ansah. Seine Nähe zum Kommunismus wurde ihm immer negativ angekreidet, so dass er fast in Vergessenheit geraten ist. Ich habe als junge Frau von ihm die Romane „Manhattan Transfer“ und „U.S.A.“, ein in drei Bänden angelegtes Sittengemälde der amerikanischen Gesellschaft von 1890 bis 1930, mit absoluter Begeisterung gelesen. Leider sind diese beiden Bücher nur noch antiquarisch erhältlich. Für mich ist er einer der großen US-amerikanischen Autoren, die sich intensiv mit der amerikanischen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt hat. Jetzt hat der Nagel & Kimche Verlag sehr zu meiner Freude sein Reisetagebuch von 1921, welches ursprünglich 1927 veröffentlicht wurde, wieder aufgelegt.

1921 war John Dos Passos 25 Jahre alt. Er besucht den Nahen Osten. Durch ein Erbe von seinem Vater hat er etwas Geld, so dass er sich diese Reise leisten konnte. Die erste Station ist Istanbul. Danach geht es zum Teil mit dem Zug und zum Teil per Kamel weiter bis nach Damaskus. Es ist die Zeit nach dem 1. Weltkrieg und es ist die Zeit des Zerfalls des osmanischen Reichs. Das Massaker der griechischen Truppen an türkischen und muslimischen Bewohnern von Smyrna im Jahr 1919 hat bereits stattgefunden. Der Gegenschlag der Türken gegen die Griechen und Armenier 1922 stand noch bevor. Es gab russische Flüchtlinge, die vor den Sowjets geflohen sind. Die Stadt war noch ein hochexplosiver Hexenkessel. Während seiner ganzen Reise ist er ein großartiger Beobachter. Zu Beginn beobachtet er noch mehr, was um ihn herum geschieht und beschreibt dies, wie es scheint, teilweise ohne große Emotionen. Trotzdem kommt das Leid, welchem er auf seiner Reise begegnet, gut rüber. Im Nahen Osten sind der 1. Weltkrieg und die russische Revolution noch nicht vollständig vorbei. Es entstehen neue Länder durch das Eingreifen der Westalliierten und der Sowjetunion, aber noch kann man ungehindert reisen. Und genau dies tut der Autor. Im zweiten Teil seiner Reise durch die Wüste beobachtet er eher sich selbst. Wie kann man ohne die Dinge leben, die im Westen etwas ganz gewöhnliches sind. Wie kann man leben, wenn man fast ganz auf sich selbst reduziert wird.

Es ist ein sehr interessanter Bericht über eine Region, die es in dieser Weise heute nicht mehr gibt. Und es ist erstaunlich, dass dieser ganze Umbruch erst in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts stattgefunden hat. Wenn man sich mit der Geografie und der Geschichte dieser Region nicht so sehr auskennt, ist es teilweise etwas verwirrend zu lesen, aber am Ende des Buches gibt es einen hervorragenden Artikel, der die Hintergründe verständlich macht.

Interessant für Leser, die sich für die jüngere Geschichte des Nahen Ostens interessieren. Denn dieses Buch zeigt auch einiges auf, warum diese Region noch heute ein Hexenkessel ist.

40

12.03.2013

„Abgründe tun sich auf”

Im November 2011 habe ich Ihnen das erste Buch des niederländischen Autoren und Komikers Herman Koch „Angerichtet“ (ebenfalls Kiepenheuer & Witsch) empfohlen. Jetzt ist sein zweiter Roman als Taschenbuch erschienen. Das erste Buch hatte mich ja total begeistert, aber auch sehr erschreckt. Nun war ich sehr gespannt, ob er noch einmal so ein großartiges Buch hinbekommen hat.

Auch dieses Buch wird wieder aus der Ich-Perspektive der männlichen Hauptperson erzählt. Diese Hauptperson ist Marc Schlosser, ein Allgemeinmediziner, verheiratet mit der attraktiven Caroline und Vater zweier Töchter (11 und 14 Jahre alt). Als er seine Geschichte beginnt, ist der eigentliche Zwischenfall schon Geschichte. Marc muss sich vor der niederländischen Ärztekammer verantworten, weil sein Patient, der berühmte Schauspieler Ralph Meier, gestorben ist. Es deutet darauf hin, dass er einen Kunstfehler begangen hat. Aber war es wirklich ein Kunstfehler? Marc erzählt, wie er und seine Frau Ralph und dessen Frau Judith kennengelernt haben. Wie es dazu gekommen ist, dass beide Familien zusammen den Urlaub im Sommerhaus mit Swimmingpool verbracht haben. Und was in diesem Urlaub dramatisches passiert ist. Und während er diese Geschichte erzählt, tun sich Abgründe auf. Marc ist ein ganz spezieller Hausarzt, zu dem Patienten kommen, die bei ihren eigentlichen Hausärzten nicht die Hilfe bekommen, die sie sich eigentlich wünschen. Marc mag seine Patienten nicht wirklich, sondern sieht auf sie herab. Und er hat keine gute Meinung von den Menschen per se. Sein großes Vorbild war sein Biomedizinprofessor, der die Auffassung vertrat, dass der Instinkt unausrottbar ist und dementsprechend schlechte Menschen sich eben nicht bessern können. Und jetzt denken Sie mal nach, was so ein Mediziner bereit ist zu tun, wenn er seine Familie verteidigen muss.

Herman Koch ist ein Autor, der seine Protagonisten Dinge denken und sogar machen lässt, die sich viele von uns nicht einmal zu denken trauen. So ist Selbstjustiz bei ihm immer ein probates Mittel für seine Hauptpersonen, deren Denkweise von der politisch korrekten Norm abweicht. Diese Romane sind deshalb schon eine ganz schön schwere Kost, aber sie regen zum Nachdenken an und sind unwahrscheinlich spannend, obwohl ich sie nicht als Krimis bezeichnen würde. Sie sind ein großartiges Abbild unserer heutigen Gesellschaft.

Irgendwie hat der erste Roman mir aber doch noch etwas besser gefallen. Da war mir der Protagonist nicht von Anfang an so unsympathisch.

ebooks

Orient-Express

John Dos Passos

EUR 14,99 *
auf Merkliste

40

12.03.2013

„Der Nahe Osten im Umbruch”

John Dos Passos ist ein amerikanischer Autor, der neben Ernest Hemingway, William Faulkner und F. Scott Fitzgerald als einer der Hauptvertreter der Moderne gilt. Politisch verstand er sich als Sozialrevolutionär. Er kämpfte als Freiwilliger bei den Republikanern im spanischen Bürgerkrieg, doch dort ging er auf Distanz zu den stalinistischen Linken, obwohl er die Sowjetunion als wichtigste antifaschistische Macht ansah. Seine Nähe zum Kommunismus wurde ihm immer negativ angekreidet, so dass er fast in Vergessenheit geraten ist. Ich habe als junge Frau von ihm die Romane „Manhattan Transfer“ und „U.S.A.“, ein in drei Bänden angelegtes Sittengemälde der amerikanischen Gesellschaft von 1890 bis 1930, mit absoluter Begeisterung gelesen. Leider sind diese beiden Bücher nur noch antiquarisch erhältlich. Für mich ist er einer der großen US-amerikanischen Autoren, die sich intensiv mit der amerikanischen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt hat. Jetzt hat der Nagel & Kimche Verlag sehr zu meiner Freude sein Reisetagebuch von 1921, welches ursprünglich 1927 veröffentlicht wurde, wieder aufgelegt.

1921 war John Dos Passos 25 Jahre alt. Er besucht den Nahen Osten. Durch ein Erbe von seinem Vater hat er etwas Geld, so dass er sich diese Reise leisten konnte. Die erste Station ist Istanbul. Danach geht es zum Teil mit dem Zug und zum Teil per Kamel weiter bis nach Damaskus. Es ist die Zeit nach dem 1. Weltkrieg und es ist die Zeit des Zerfalls des osmanischen Reichs. Das Massaker der griechischen Truppen an türkischen und muslimischen Bewohnern von Smyrna im Jahr 1919 hat bereits stattgefunden. Der Gegenschlag der Türken gegen die Griechen und Armenier 1922 stand noch bevor. Es gab russische Flüchtlinge, die vor den Sowjets geflohen sind. Die Stadt war noch ein hochexplosiver Hexenkessel. Während seiner ganzen Reise ist er ein großartiger Beobachter. Zu Beginn beobachtet er noch mehr, was um ihn herum geschieht und beschreibt dies, wie es scheint, teilweise ohne große Emotionen. Trotzdem kommt das Leid, welchem er auf seiner Reise begegnet, gut rüber. Im Nahen Osten sind der 1. Weltkrieg und die russische Revolution noch nicht vollständig vorbei. Es entstehen neue Länder durch das Eingreifen der Westalliierten und der Sowjetunion, aber noch kann man ungehindert reisen. Und genau dies tut der Autor. Im zweiten Teil seiner Reise durch die Wüste beobachtet er eher sich selbst. Wie kann man ohne die Dinge leben, die im Westen etwas ganz gewöhnliches sind. Wie kann man leben, wenn man fast ganz auf sich selbst reduziert wird.

Es ist ein sehr interessanter Bericht über eine Region, die es in dieser Weise heute nicht mehr gibt. Und es ist erstaunlich, dass dieser ganze Umbruch erst in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts stattgefunden hat. Wenn man sich mit der Geografie und der Geschichte dieser Region nicht so sehr auskennt, ist es teilweise etwas verwirrend zu lesen, aber am Ende des Buches gibt es einen hervorragenden Artikel, der die Hintergründe verständlich macht.

Interessant für Leser, die sich für die jüngere Geschichte des Nahen Ostens interessieren. Denn dieses Buch zeigt auch einiges auf, warum diese Region noch heute ein Hexenkessel ist.

50

08.03.2013

„Wunderbar zärtliche Liebesgeschichte”

Was für ein Titel für ein Buch – und er trifft den Inhalt so gut! Dieses Mal gefällt er mir sogar besser als der Originaltitel „ La Délicatesse“, wobei der Originaltitel natürlich etwas zweideutig ist.

David Foenkinos ist ein Schriftsteller und Drehbuchautor aus Frankreich, der bereits einige Romane geschrieben hat. Hier hat er uns eine wunderbare zarte Liebesgeschichte geschenkt. Seine Hauptpersonen sind Nathalie, Francois, Charles und Markus. Nathalie lernt Francois kennen und lieben. Die beiden heiraten und alles ist wunderschön. Sie haben sieben Jahre miteinander, doch dann geschieht das Unfassbare. Francois kommt vom Joggen nicht zurück. Wie soll Nathalie weiterleben? Bekommt sie noch eine weitere Chance? Nach einer längeren Trauerphase kehrt sie wieder ins Büro zurück. Sie vertieft sich völlig in ihre Arbeit als Abteilungsleiterin. Ihr Chef Charles versucht alles, um ihr die Rückkehr in das Leben einfach zu machen, doch irgendwann verliebt er sich in sie und geht zu weit. Nathalie zieht sich noch weiter zurück. Doch eines Tages küsst sie plötzlich und völlig unerwartet ihren Mitarbeiter Markus, einen unscheinbaren jungen Mann. Was ist in sie gefahren? Wie soll Markus das verstehen, was Nathalie selbst nicht versteht. Und er ergreift die Initiative. Im Büro brodeln bald die Gerüchte. Was hat er, was die anderen nicht haben? Ist es nur eine Affäre oder steckt mehr dahinter?

Wunderbar zart und federleicht beschreibt der Autor seine Hauptpersonen. Die Geschichte kommt einem fast wie ein Märchen vor, dabei ist sie durchaus nicht realitätsfern. Ganz langsam entwickelt sich etwas und ausgelöst wurde es einfach nur dadurch, dass Nathalie küsst. Eine wunderschöne, typische französische, leichte, aber nicht platte Liebesgeschichte für alle Fans von Daniel Glatthauer, Rainer Moritz und Mathias Nolte. Herrlich die leicht philosophischen Betrachtungen des Autors und die netten kleinen humorvollen Abschweifungen zwischen den einzelnen Kapiteln. Einfach zum Dahinschmelzen!

30

08.03.2013

„Hat Hildegunst von Mythenmetz das Orm verloren?”

Es ist schon einige Zeit her seitdem wir uns über ein neues Buch von Hildegunst von Mythenmetz und seinem Übersetzer Walter Moers freuen konnten. Nun ist eins erschienen und nach der Lektüre bin ich etwas zweigespalten bezüglich des Vergnügens!

Hildegunst von Mythenmetz schreibt dieses Mal keinen neuen Roman, sondern er lässt uns wieder an seinem Leben teilhaben. Seit seiner Biografie „Die Stadt der Träumenden Bücher“ ist er 200 Jahre älter geworden, ein erfolgreicher Autor und hat so einige Starallüren entwickelt. Während einer schöpferischen Pause auf der Lindwurmfeste erhält er einen verstörenden Brief, der mit dem Postskriptum endet, dass der Schattenkönig zurückgekehrt ist. Hildegunst macht sich erneut auf in das inzwischen komplett neu erschaffene Buchhaim. Und diese Eindrücke, die das neue Buchhaim auf ihn macht, schildert er sehr detailliert in diesem Buch. Eigentlich gibt es hier keine wirklich spannende Handlung. Er trifft im Laufe seiner Schilderung seine beiden alten Freunde den Eydeeten Dr. Hachmed Ben Kibitzer und die Schreckse Inazea Anazazi wieder. Mit der Schreckse Inazea besucht der das berühmte Puppentheater Puppaecircus Maximus und sieht ein grandios gemachtes Puppentheater über seine Abenteuer im Labyrinth der Träumenden Bücher. Wer also das erste Buch nicht gelesen hat, bekommt hier auf ca. 80 Seiten eine Zusammenfassung des Buches. Durch dieses grandiose Theaterstück interessiert sich Hildegunst von Mythenmetz jetzt für die neue Kunstform des Puppetismus und wir als Leser lernen diese neue Kunstform auch ausführlichst kennen. Und erst ganz am Ende des 427 Seiten starken Buches geht das Abenteuer los. Doch dann ist das Buch zu Ende!!!

Im Nachwort schreibt der Übersetzer Walter Moers, dass Hildegunst von Mythenmetz sein gesamtes Buch bereits fertig hat, er als Übersetzer es allerdings nicht fristgerecht geschafft hat. Er muss dieses Buch nicht nur übersetzen sondern auch noch kürzen. Und gerade dieses hätte meiner Meinung nach dem jetzt vorliegenden Buch auch noch ganz gut getan. Nichtsdestotrotz gibt es auch hier wieder einiges zu entdecken und seinen Witz hat das Autorengespann nicht verloren. Es gibt wieder einige Anagramme zu entschlüsseln und eine wenn auch etwas zu lang geratene Betrachtung über die verschiedenen Kunstepochen.

Hat der Autor einfach Chuzpe oder ist dieses Buch in der jetzt vorliegenden Form eine Frechheit? Nach Beendigung weiß ich immer noch nicht wirklich, ob ich mich über dieses Buch ärgern soll oder ob ich es einfach als typischen Walter Moers abtue? Er hat ja schon einige skurrile Ideen in seinen Büchern gehabt. Auf jeden Fall hab ich das Buch trotz allem mit einem breiten Schmunzeln beendet und warte auf den Folgeband, von dem ich Ihnen leider noch keinen Erscheinungstermin mitteilen kann. Für Hardcore-Walter-Moers-Fans sicherlich ein Muss, aber für Einsteiger gibt es viele andere Titel von ihm, die um Längen besser sind!

40

08.03.2013

„CSI trifft Avalon”

Kennen Sie schon die Totenleserin Vesuvia Adelia Rachel Ortese Aguilar – kurz Adelia genannt? Wenn nicht, sollten Sie zuerst die beiden Vorgängerbücher „Die Totenleserin“ und „Die Teufelshaube“ (beide Knaur Taschenbuch) lesen, damit Sie die einzelnen Personen näher kennenlernen. Wenn ja, dann können Sie sich auf einen neuen Fall dieser Ermittlerin freuen!

Glastonbury, der Sitz einer großen Abtei, die angeblich von Joseph von Arimathia gegründet wurde, wird von einem schweren Erdbeben erschüttert. Ein alter Mönch beobachtet dabei, wie ein Sarg in der Erde versenkt wird. Er vermutet, dass es der sagenumwobene König Artus und seine Frau sind, die angeblich bis dahin nur in Avalon, der sagenumwobenen Gegend um Glastonbury, geschlafen haben sollen. Er teilt dies seinem Neffen Rhys mit. Zwanzig Jahre später quält sich König Henry II. mit den aufständischen Walisern rum. Er denkt, wenn er sie davon überzeugen kann, dass König Artus tot ist, werden sie sich ihm endlich unterwerfen. Deshalb kommt es ihm sehr gelegen, als er von dem inzwischen gefangengenommenen Waliser Rhys erfährt, dass die Leiche dieses Königs in Glastonbury beerdigt sein soll. Was liegt näher als seine Totenleserin Adelia dorthin zu schicken, damit sie dieses Gerücht bestätigt. Doch Adelia ist bockig wie immer, lässt sich aber doch überzeugen, denn der König sitzt am längeren Hebel. Also macht sie sich mit ihrem „Gefolge“ bestehend aus ihrer Tochter Allie, ihrer Freundin und Kinderfrau Gyltha und ihres sarazenischen Begleiters und Leibwächters Mansur auf den Weg. Und Adelia wäre nicht Adelia, wenn sich alles ohne Probleme lösen lassen würde. Stattdessen entdeckt sie mehr als ein Verbrechen und bringt sich und ihre Freunde mal wieder in Todesgefahr.

Wie immer schreibt Ariana Franklin einen ausgesprochen spannenden Krimi, der im Mittelalter spielt. Ihre Hauptpersonen sind wieder köstlich respektlos und lebendig. Natürlich fehlt auch Rowley, der Bischof von St. Albans nicht. Und das Ende des Romans lässt vermuten, dass wir uns noch auf mindestens einen weiteren Fall freuen können. Im Anhang erfährt man noch wieder einiges der wahren Geschichte, die die Autorin zum Teil natürlich etwas verbiegen musste, damit eine stimmige Geschichte daraus wird.

Wieder eine gelungene Mischung aus historischem Roman und Krimi, diesmal mit ein bisschen Mystik!