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Zitronenblau Top 100 Rezensent
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lese ab und zu mal ein Büchlein...

Zitronenblaus Rezensionen

40

20.06.2011

„Wissenschaft und Technik- Ideale oder Ideologie?”

Habermas versammelt fünf Aufsätze in diesem Buch, die zwar Bezüge untereinander aufweisen, aber dennoch für sich allein stehen könnten. Der erste Aufsatz "Arbeit und Interaktion" beschäftigt sich insbes. mit Hegels Jenenser Philosophie des Geistes, deren Kern die Erfassung des Geistes als etwas Absolutes und zugleich Konkret-Individuelles ausmacht: "Geist ist dann nicht das Fundamentum, das der Subjektivität des Selbst im Selbstbewusstsein zugrunde liegt, sondern das Medium, in dem ein Ich mit einem anderen Ich kommuniziert und aus dem, als einer absoluten Vermittlung, beide zu Subjekten wechselseitig sich erst bilden. Bewusstsein existiert als die Mitte, in der die Subjekte sich treffen, so dass sie, ohne sich zu treffen, als Subjekte nicht sein könnten." Es wieder deutlich, dass die Interaktion des subjektiven Geistes wesentlich zu seiner Genese beiträgt. Hegels Brillanz erschließt sich nicht aus der bloßen Reflexion, sondern aus der Interaktion als eine Kategorie! Habermas isoliert daneben die Begriffe Arbeit und Sprache (Verwendung darstellender Symbole): "Der Name [also der Begriff im Denken, in der Sprache] ist das Bleibende gegenüber dem verschwindenden Moment der Wahrnehmung; ebenso ist das Werkzeug das Allgemeine gegenüber dem verschwindenden Momenten der Begierde."
Im zweiten Aufsatz "Technik und Wissenschaft als 'Ideologie'" - vor allem Weber- und Marcuse-Deutung - wird kritisiert: "Die wissenschaftliche Methode, die zur stets wirksamer werdenden Naturbeherrschung führte, lieferte dann auch die reinen Begriffe wie die Instrumente zur stets wirksamer werdenden Herrschaft des Menschen über den Menschen vermittels der Naturbeherrschung." Der neue Primat ist nicht Herrschaft durch sondern als Technologie. Habermas spricht die "Verwissenschaftlichung der Technik" an: "Mit der Industrieforschung großen Stils wurden Wissenschaft, Technik und Verwertung [d.h. kapitalistische Produktionsweise] zu einem System zusammengeschlossen." Daraus folgt der technokratische Ansatz, dass die Entwicklung des gesellschaftlichen Systems durch die Logik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts bestimmt zu sein scheint. Das geht dann soweit, dass an der "Schwelle zur Moderne" ein Rationalisierungsprozess einsetzt, der den institutionellen Rahmen durch die Sub-Systeme zweckrationalen Handelns angreift, wenn Zweck-Mittel-Beziehungen vor dem Hintergrund des technokratischen Bewusstseins die bürgerlichen Ideologien substituieren und sich als neue Ideologie - die somit gleichursprünglich Ideologiekritik ist - manifestiert.
Der Aufsatz "Technischer Fortschritt und soziale Lebenswelt" behandelt in nuce die Frage der Übersetzung des technisch verwertbaren Wissens in das praktische Bewusstsein einer sozialen Lebenswelt. Habermas kritisiert ein Übersetzungsproblem, dem Abhilfe geschaffen werden soll, "... wenn wir diese Dialektik [von Können und Wollen] mit politischem Bewusstsein auszutragen vermöchten..."
Im Folgeaufsatz "Verwissenschaftlichte Politik und öffentliche Meinung" bewertet Habermas drei Rationalisierungsmodelle der Herrschaft (dezisionistisch, technokratisch, pragmatisch). Diese nun unbeachtet lassend rekurriert er auf den Übersetzungsprozess zwischen Wissenschaft und Politik, der in letzter Instanz auf öffentliche Meinung bezogen sei. Die "zwingende Hoffnung": "Die Aufklärung eines wissenschaftlich instrumentierten politischen Willens kann nach Maßstäben rational verbindlicher Diskussion nur aus dem Horizont der miteinander sprechenden Bürger selbst hervorgehen und muss in ihn zurückführen."
Kurz: trotz aller Kritik - die sich nicht in der Reflexion sondern als aufklärerische Vernunft in der öffentlichen Meinung nach Maßstäben entsprechenden Bewusstseins zu erkennen gibt - wird die Möglichkeit genau dieses absoluten Geistes als Medium der Interaktion, Arbeit und Sprache für die Gattungsgeschichte erhofft.

buch

Geist und Welt

John McDowell

EUR 15,00 *
auf Merkliste

40

17.06.2011

„Geist und Welt”

McDowells "Geist und Welt" (d.h. ihre "Reibung") ist im Wesentlichen ein Versuch, sich von den Fesseln ein Dilemmas zu befreien. Zum einen ist da der Mythos des Gegebenen, d.h. Erkenntis ist durch bloße empirische Wahrnehmung (des Gegebenseins von Sinnesdaten) legitimiert, einfach weil ein Bewusstsein sich dieser durch sinnliche Gewissheit irgendwie zu erkennen gibt. Diese Letztbegründung von Gewusstem geht gegen den Kantischen Satz, dass Anschauungen ohne Begriffe blind seien. Das Kantische Modell operiert mit Begrifflichkeit, d.h. ein A-priori-Begriffsvermögen vor dem Hintergrund (!) eines kategorialen Erkenntnisrahmens (s. Transzendentallogik Kants). McDowell gibt diesem Begriffsvermögen die Eigenschaft der Spontaneität, die mit einem Rezeptionsvermögen "unauflöslich" verbunden ist. "Rationale Beziehungen bilden die Topographie der begrifflichen Sphäre." Und: "Erfahrung ermächtigt die Beschaffenheit der Realität selbst, einen rationalen Einfluss auf das Denken eines Subjekts auszuüben." McDowell setzt hier das "Bild der Offenheit". D.h. irgendwie muss der Verstand immer schon mit dem von der Sinnlichkeit gelieferten Material verwoben sein. "Erfahrungen haben ihren Inhalt kraft der Tatsache, dass begriffliche Fähigkeiten in ihnen tätig sind, d.h. solche Fähigkeiten, die eigentlich zum Verstand gehören."
Zum anderen geht McDowll gegen die Kohärenztheorie vor, da sie die Realität vom Gedanken zu trennen drohe. Z.B. müssen Anschauungen rationale Beziehungen und nicht bloß kausale Beziehungen zu unserem Denken haben, weil sonst keine Erklärung herhalten würde, wie bloß kausale Relationen "die Gedanken mit Inhalten füllen" ("Fluch der Leere") - das einleuchtet.
Schwierig wird es mit dem Tierargument, dass diese auch wahrnehmen, vermutlich ähnlich wie wir, dennoch keinen begrifflichen Bezug herzustellen vermögen (hier würde mich eine "Papageienargumentation" reizen). McDowell führt hier von dieser Natur und hin zum menschlichen Verstand den Begriff der "zweiten Natur" ein - dieses Argument ist zwingend, fühlt sich aber irgendwie auch eigenartig an. Mit ihr durch "Erziehung und Bildung" (McDowell verwendet Bildung im Deustchen) werden die Struktur des Raums der Gründe mit dem Bereich der Naturgesetze verbunden. "Lebewesen ohne begriffliche Fähigkeiten haben kein Selbstbewusstsein und können [...] die objektive Realität nicht erfahren." Der Mensch ist in der Welt, weil seine Sinnlichkeit nicht begriffliche Inhalte liefert, die sich auf die Welt beziehen. Tiere haben in diesem Sinne keine "Welt", in der sie leben.
Mit diesem Repertoire können intentionale körperliche Handlungen (also auch performative Sprechakte) als "Aktualisierungen unserer aktiven Natur" erklärt werden, in die begriffliche Fähigkeiten unauflöslich verwickelt sind.
Freilich muss er das Gedächtnis als Voraussetzung für den Geist auf Welt mit einbeziehen. Nicht nur "Welt-Greifen" durch Begriffe genügt zur "Bildung" in einer zweiten Natur, sondern auch das Speichern dieser Propositionen, das zwangsläufig ein Gedächtnis voraussetzt.
McDowell gelingt es in seinem Buch nicht, seine eigene Theorie klar und abgegrenzt zu strukturieren. Seine Anker werden mal hier, mal dort ausgeworfen in diesen Gewässern vor allem der Kontrargumentation gegen andere gängige Theoriegebäude. Und doch dankt man ihm diesen Versuch, dieses Moment der Verbindung zwischen Geist und Welt heraus arbeiten zu wollen, ohne monistisch zu werden, trotz des Unterfangens einer Auflösung des cartesischen Dualismus.
Insofern ein sehr spannendes Buch unserer Zeit.

40

14.06.2011

„Öffentlichkeit - eine Analyse einer bürgerlich-gesellschaftlichen Kategorie”

Habermas' Habilitationsschrift hat den reizvollen Charakter einer (in nuce) sozio-historischen Begriffsanalyse der so g. (bürgerlichen) Öffentlichkeit, die sich "vorerst als die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute begreifen" lässt. Waren Staat und Gesellschaft in der Antike (mehr oder weniger) identisch, kam es im 18. Jahrhundert zu einer prozessualen Polarisierung von Privatbereich (bürgerliche Gesellschaft, Privatautonomie) und Staat, gleichwohl sich inmitten dieses "Spannungsfeldes" eine politische sowie anfangs literarische Öffentlichkeit (Räsonnements) abzeichnete. Publikum und das Prinzip der Publizität werden analysiert. Gerade die sich formierende Öffentlichkeit des privaten Publikums räsonnierte durch publizistische Medien der Zeit (Literatur etc.) zum einen, fungierte zunehmend politisch, "erhält den normativen Status eines Organs der Selbstvermittlung der bürgerlichen Gesellschaft mit einer ihren Bedürfnissen entsprechenden Staatsgewalt." Die Idee: politisch funktionierende Öffentlichkeit "soll voluntas in eine ratio überführen, die sich in der öffentlichen Konkurrenz der privaten Argumente als der Konsensus über das im allgemeinen Interesse praktisch Notwendige herstellt." Denn dass sich ein Publikum selbst aufkläre, sei eher möglich (öffentliche Meinungsbildung). Die Geschichte zeigt aber mit Hegel und Marx eine begriffliche Denunziation der öffentlichen Meinung als Ideologie in der Phase der Industrialisierung. "Öffentlichkeit dient bloß der Integration des subjektiven Meinens in die Objektivität..." Im 19. Jahrhundert wird durch die Wahlrechtsreform (bürgerlicher Wandel) die Erweiterung des Publikums erreicht. Doch im liberalen Kapitalismus scheint Öffentlichkeit "in dem Maße die Kraft ihres Prinzips [...] zu verlieren, in dem sie sich als Sphäre ausdehnt und noch den privaten Bereich aushöhlt." Die Dialektik fortschreitender Verstaatlichung der Gesellschaft und sich durchsetzender Vergesellschaftlichung des Staates zerstört die Basis (Trennung Staat - Gesellschaft) bürgerlicher Öffentlichkeit. Mit dem auflebenden Konsumismus desavouiert Räsonnement zum "Geschmacks- und Neigungsaustausch". Mit dem Entzug der Kriterien des Räsonablen kommt es zu einer Refeudalisierung der Öffentlichkeit. Politisch heißt das, aus einem Prinzip der Kritik sei Publizität zu einem Prinzip der gesteuerten Integration umfunktioniert worden (Verkümmerung zur Demonstration und Manipulation). "Die in der sozialstaatlichen Massendemokratie [institutionalisierte] Idee der Öffentlichkeit [Rationalisierung der Herrschaft im Medium des öffentlichen Räsonnements der Privatleute] ist jetzt nur mehr zu verwirklichen als eine [...] Rationalisierung der sozialen und politischen Machtausübung unter der wechselseitigen Kontrolle rivalisierender [...] Organisationen." Der Publizitätsschwund und die Publizitätsflucht resultieren "aus dem unaufgehobenen Pluralismus der konkurrierenden Interessen". Habermas schlägt vor, dass "sich unter Bedingungen sozialstaatlicher Massendemokratie der Kommunikationszusammenhang eines Publikums nur in der Weise herstellen, dass der förmlich kurzgeschlossene Kreislauf der 'quasi-öffentlichen' Meinung mit dem informellen Bereich der bisher nicht-öffentlichen Meinungen durch eine in organisationsinternen Öffentlichkeiten entfachte kritische Publizität vermittelt wird." - Aber wie? Darüber schweigt sich Habermas aus. Dennoch zeigt sich die Analyse der Kategorie und vor allem ihr Wandel in der gesellschaftlichen Entwicklung als erstaunlich vielschichtig und überzeugend. Ein Klassiker!

20

01.06.2011

„Keine gute Zusammenstellung”

Ich kann mich der Rezension des Vorgängers bedauerlicherweise nicht anschließen. Mit der Brille des literaturwissenschaftlich Interessierten aber durchaus auch mit philosophischer Bereitschaft bin ich an das Reclam-Buch gegangen und wurde leider enttäuscht. Der Untertitel macht wett, was dem eigentlichen Titel fehlt: klare Inhalte zur Postmoderne und zur Dekonstruktion. Die Einleitung von Engelmann, die Schriften von Lyotard sind akzeptabel ("Beantwortung der Frage: Was ist postmodern"), meinetwegen auch noch Derridas "différance-Schrift". Eine gelungene Einführung wäre für mich eher eine reflexive Auseinandersetzung mit den Begriffen der Postmoderne sowie der Dekonstruktion gewesen. Dies geschieht hier nur zum Teil durch die referierten Philosophen. D.h. wenn schon eine Anthologie französischer Texte ZUR Postmoderne und Dekonstruktion ediert wird, dann sollten diese inhaltlich eine entsprechend begriffliche Reflexion inhärieren. Das ist bei den meisten Texten nicht der Fall. Der interessierte Laie kann schließlich nicht sagen, was Postmoderne für die Literatur bedeutet, z.B. für Gattungen. Er bleibt unfähig, die philosophische Bedeutung zu erahnen. Er erfährt nichts über den Einfluss auf Diskurs oder politische Theorie. Er weiß nicht, warum Heideggers Hand etwas mit Dekonstruktion zu tun haben soll (der Essay ist auch nicht "dekonstruktivistisch", wenn man da nur an Nancy denkt). Die Position der Postmoderne zur Moderne wird von Engelmann viel zu lakonisch erörtert. Und eine Auswahl von gerade einmal 4 Autoren kann kaum einen einführenden Überblick zu irgendwas geben. Inhaltlich kann man den Texten natürlich dennoch etwas abgewinnen, gerade WEIL sie von Poststrukturalisten und Postmodernen verfasst sind, in ihrer begriffspraktischen Gegebenheit das Theoretische zwischenzeilig mitschwingt.

50

16.05.2011

„Ein Philosoph, der pendelt zwischen Kopf und Herz”

Menasses Roman "Selige Zeiten, brüchige Welt" gehört zu seiner Triologie der Entgeisterung. Der Protagonist, Leo Singer, ist Sohn einer vor dem Krieg nach Brasilien, Sao Paulo, ausgewanderten, jüdischen Familie. Gleiches gilt für die Judith Katz, einer unnahbaren Frau mit der "Maske". Sie treffen sich in Wien als Studenten. Er, Singer, studiert Philosophie, in besonderer Weise ist er Exeget der Hegelschen Phänomenologie. Sein Lebensziel wird die Vollendung dieser durch ihren logischen Abschluss: "Phänomenologie der Entgeisterung. Geschichte des verschwindenden Wissens."
Zugleich liebt er Judith abgöttisch. Sie bleibt jedoch unnahbar, unliebbar, sie ist seine Hoffnung und sein Hass. So zieht er zurück nach Brasilien. Während seine Eltern im Laufe der Jahre versterben, erhält Singer moralische, finanzielle sowie materielle Obhut bei einem Ex-Bankier und großen Kunstsammler, Löwinger. Irgendwann erreicht ihn der Brief, Judith sei durch Selbstmord ums Leben gekommen. Singer treibt seine Studien voran, um dieses letzte philosophische System zu bilden, wird zu seiner Sternstunde ans Podium der philosophischen Fakultät zum Referat berufen, welches jedoch in den politischen Tumulten nicht einmal den Anfang erreicht. Und plötzlich erscheint Judith wieder. Sie war nie tot. Und alles beginnt von vorn: die Sehnsucht nach ihr, seine unerträgliche Liebe zu ihr, die ihn auffrisst, die seine schöpferische Kraft vernichtet, die ihn in den Wahnsinn treibt. Zwischendurch begegnen sie einem jungen Mann, Roman, dem Menasse in der Triologie ein Buch widmet: "Sinnliche Gewißheit". Während Judith sich am Ende dem Kokainkonsum hingibt und mehr und mehr zerfällt, entschließt sich Singer zu einer letzten, alles beendenden Handlung. Schließlich veröffentlicht er doch noch sein Werk, um die Welt zu verändern. Das Echo ist kaum zu hören...

Menasse schreibt im Wesentlichen aus der Singer-Perspektive. Manchmal wechselt er auch zu Judith über. Dabei wird der Fortgang des Buches bewusstseinsstromartig vorangetrieben, sodass eine sehr starke Identifikation mit Singer stattfindet. Der Leser leidet mit dem Protagonisten. Die vollzogene Lebensleere, dieses unerträgliche Pendeln zwischen Geisteswerk und sehnsüchtiger Hassliebe wird zur Odyssee der Sinnlosigkeit. Doch niemand wartet in Ithaka auf ihn. Singer wird zum Opfer seiner eigenen Phänomenologie der Tragik: das traurige Bewusstsein wird Opfer seiner einer Dialektik der Täuschung.

buch

Nachtgewächs

Djuna Barnes

EUR 14,80 *
auf Merkliste

40

12.05.2011

„"Liebe ist die erste Lüge, Weisheit die letzte"”

Barnes' Roman "Nachtgewächs" ist etwas besonderes. Die Schriftstellerin gehört zu den wenigen, die einen ganz eigenen Stil entwickelt haben. Die Handlung beginnt mit der Geschichte über die Geburt des (Pseudo-)Barons Felix und spielt im Folgenden vor allem in Paris der 20er Jahre. Felix verliebt sich in die wenig reflektierende Robin, die ihn nach der Geburt seines retardierten Sohnes für die engelsgleiche Nora verlässt, um dann wieder von der perfiden Jenny verführt zu werden, das ein eifersüchtiges Liebesleid in Nora auslöst, während Felix sich dem Alkohol ergibt. Das ganze Geschehen wird kommentiert vom Dr. Matthew O'Connor, einem Mediziner, der eine zentrale Rolle im Buch einnimmt. Die Handlung (bzw. das Geschehen) vollzieht sich aber weniger durch die eher neutrale Erzählsituation der Autorin (die besonders durch hyperbolische Darstellung und inflationärer Avjektivierung wie Adverbalisierung besticht), vielmehr bewegt sie sich achronistisch und sprunghaft in den direkten Reden der Protagonisten. Und hier gewinnt Barnes ihre Klasse, ihre von T. S. Eliot in seinem Vorwort zurecht attestierte Brillanz: die Dialoge sind voll der Tropen und Stilfiguren wie (dunkle) Metaphorik und Metonymie. Sie dienen als Mittel zur Ausdrückbarkeit des an der Grenze der Sprache stehenden Unsagbaren zwischen den großen Motiven Liebe, Lust, Leid, Wahnsinn und Tod. "Wir sind nur die Hülle im Wind, Muskeln, die sich gegen Sterblichkeit wehren." Die Bilder in Wort und Satz erschließen eine tiefere Dimension (die Schattenseite, die Seelen der Nachtgewächse), die der Geist mit althergebrachten Mitteln nicht zu erschließen vermag. Die Verknüpfung aus Liebe und Leid wird zentralthematisiert. Sie bietet den Ursprung des Barnes'schen Romans, legt die wertnihilistische Spirale der bis in die Sinnlosigkeit sich verlierenden Interrelationen (Hildesheimer) frei: "Ruhig jetzt, da du weißt, um was es in der Welt geht - nämlich um nicht!" Die Tragik des Romans endet mit dem Untergang der Protagonisten, denen das Licht des Tages abgeht, von der Nacht verschlungen, chronischer Verfall ihrer Herzen: "Aber der Tod ist Intimität, die rückwärts wandelt." " Altern ist eben nichts anderes als das Leben rückwärts wegzuwerfen [...]"
Das schauerliche "Psychopanoptikum der Nachtgewächse" im Einzelnen zu durchleuchten, ist Aufgabe psychoanalytischer Interpreten. Ich möchte mich daher zum Schluss insbes. dem Doktor zuwenden. Für T. S. Eliot scheint er ein Therapeut zu sein, der für sein Geben nichts erhält, das ihn rasend macht. Seine Reden sind sehr gehaltvoll und tiefsinnig; am Ende jedoch scheitert er und fällt: "Er versuchte, auf die Füße zu kommen, gab es auf." Als Mediziner erhält er einen symbolischen Bezug der Leidenshilfe und der Rekonvaleszenz. Die Leiden der anderen sind aber keine organischen sondern seelische. Barnes evoziert eine Seelenvernichtung im Vorgang der Belichtung undurchdringlicher Nachtgewächse (mit übrigens psychoanalytisch sinnvollem Gehalt bzgl. der Therapeut-Patitient-Dialogik), die den für seine Zeit größten Experten zur Heilung in den gleichen Strudel geraten lässt, die er so eloquent versucht zu "sprechtherapieren". Er stürzt hinein, versagt und verzweifelt: "'Jetzt -', sagte er, '- das Ende - denkt daran - jetzt nichts als Wut und Weinen!'"
Barnes hat hier ein düstres Meisterwerk geschaffen, voll der sprachlich-stilistischen Raffinesse, voll des menschlich-seelischen Tiefgangs und voll der bitter-süßen Ironie.

buch

Rituale

Cees Nooteboom

EUR 9,50 *
auf Merkliste

40

09.05.2011

„Tod und Sinn”

Nootebooms kurzer Roman "Rituale" ist ein symbolisch-existentialistischer... Über knapp drei Jahrzehnte wird die Geschichte des Inni Wintrop erzählt. Im ersten Teil des Buches, "Intermezzo", hat er Selbstmord begangen, wacht jedoch am nächsten Morgen auf und stellt fest, dass er überlebt hat. Im zweiten Teil des Buches begegnet er Arnold Taads, einem alten "Alpen-Emeriten" und Liebhaber von Wintrops alkoholkranker Tante (die für eine gewisse Dekadenz und "Extravaganz" der ganzen Linie Wintrop steht), über den wir erfahren, dass er in den Bergen stirbt (wohl an Selbstmord). Die wohl zentralen Ereignisse der Handlung sind Taads Ansichten zum Existentialismus, das Mahl und der Streit mit dem Katholiken sowie Wintrops Entdeckung der Lust und Begierde an Frauen, das dem Roman neben seinem literarisch-unterhaltsamen Intellektualismus eine gewisse erotische Spannung verleiht. Im dritten und letzten Teil des Buches macht Wintrop dann "zufällige" Bekanntschaft mit Taads Sohn, Philip, der seinen Vater nie kennengelernt hat. Dieser spart sein Leben lang auf eine kostbare Raku-Schale, ein Utensil für eine traditionelle Tee-Zeremonie. Nachdem er sie beim Kunsthändler erschwingen konnte, bringt er sich um. Wintrop selbst lebt weiter...

Der Stil Nootebooms ist recht konventionell. Der Roman liest sich sehr einfach und flüssig. Der Autor besticht vielmehr durch tiefe Gedankengänge, durch geistreiche Urteile über die Menschen und ihre Rituale, das Verhältnis zwischen Leben und Tod, zwischen dem Menschen der Gesellschaft und dem des einsamen Eskapismus, zwischen Vater und Sohn. Nooteboom geht es, und das ist hinreichend rezipiert, um das Rituelle, das Traditionelle, die Wiederholung von Handlungen hin zu ihrer Mythologisierung und damit Sinn gebenden Herrschaft über die subjektive Geschichte im Geworfensein in der Welt.
Besonders deutlich sind die Symbolkraft (z.B. Raku-Schale) aber auch die zahlreichen christlich-religiösen Anspielungen in dem Roman, wenngleich Nooteboom hier einen Konflikt zwischen dem Existenzialismus seiner Zeit und dem Erlösungsmodell des Christentums evoziert.
Im weitesten Sinne ist der Roman auch Chronik seiner Zeit, zudem ein Wendepunkt für den Schriftsteller selbst. Damit erhält "Rituale" einen ganz besonderen (wohl auch autotherapeutischen) Stellenwert innerhalb des Nooteboomschen Gesamtwerkes.
An einer Stelle zitiert Notteboom Cioran, der für mich die Sinnlosigkeit des Daseins glorifiziert hat. Ciorans ganzes Werk ist eine einzige Apotheose des überpessimistischen, nihilistischen Sinnlosen in der Welt und immer schon wieder der Widerspruch zu sich im Lebensvollzug. Die Taads' scheinen die einzigen in diesem Roman zu sein, die wirklich konsequent waren, zugleich aber auch der Ritualisierung in concreto und der mythologisierenden Wiederholung in abstracto ihrer Macht zur Sinngebung eine Abfuhr erteilen...

40

13.04.2011

„Was ist Wahrheit und was sind ihre Kriterien?”

Die Suhrkampausgabe "Wahrheitstheorien" versammelt Texte aus dem 20. Jahrhundert zur Diskussion über den philosophischen Begriff der Wahrheit. Im Grunde ist die Adäquationstheorie (oder auch Korrespondenztheorie) die seit der Antike anerkannteste. Aristoteles nannte sie nicht beim Namen, inaugurierte jedoch, was von Aquin dann fortführte. Ganz simpel ausgedrückt meint sie die Übereinstimmung von Sache und Idee (Denken und Sein). Die Korrespondenztheorie ist demnach Ausgangspunkt für die erst jüngst geführten Diskussionen der Moderne. Mal abgesehen von der dialektisch-materialistischen Widerspiegelungs- und der logisch-empiristischen Abbildungstheorie (Wittgenstein) beginnt der vorliegende Band mit dem Pragmatismus (James) und dem logischen Positivismus (Russell, Carnap). Der Pragmatismus meint hier u. a.: "'Wahr' ist der Name für jede Vorstellung, die den Verifikationsprozess auslöst und 'Nützlich' der Name für die in der Erfahrung sich bewährende Wirkung." Woanders heißt es: "Wahrheit ist die Funktion unserer Urteile, die inmitten der Tatsachen entstehen und enden." Die Positivisten gehen dem Begriff der Wahrheit ernsthaft begrifflich-analytisch auf die Spur, bleiben aber dem Ideal formalisierter Sprache verhaftet und vermögen über die Tautologien ihrer Systeme nicht hinauszugehen. Der erste, der dem entgegenzuwirken gedachte, war Alfred Tarski mit seiner semantischen Konzeption der Wahrheit. In der großen sprachanalytischen Frage also, ob und wann der Prädikator "wahr" (Tarski nennt diesen "Term") einem Gegenstand zugewiesen werden kann, gelingt dem Polen eine Aussagentheorie über eine Meta- und Objektsprache, die weite Verbreitung genoss. Und doch ist das Ende der Diskussion noch nicht erreicht! Es folgte eine Art sprachperformativer Wahrheitsbegriff (Austin, Strawson), der jedoch die Aussageformen analysiert, z.B. ist eine Proposition dergestalt, dass ein "wahr"-Prädikator in Redundanz (Redundanztheorie von Ramsey) ausgedrückt wird, gehaltvoll hinsichtlich der Performanz der Aussage (die Aussage dient einer Bestätigung). Strawson schreibt: "Ärgerlich an den Korrespondenztheorien ist [...], dass sie die 'Korrespondenz von Aussage und Tatsache' fälschlich als irgendeine Art Relation zwischen Ereignissen, Dingen oder Gruppen von Dingen darstellen." Im Weiteren wird auf die Kohärenztheorie eingegangen (im Buch insbes. durch Rescher vertreten). Die Kohärenztheorie diskutiert Kritierien für Wahrheit: Aussagen, die wahr sein solllen, müssen Teil eines kohärenten Systems von Aussagen sein, wogegen eingewandt wird, dass es Aussagen gäbe, die Teil sich widersprechender Aussagensysteme sein können. Die letzteren Beiträge des Bandes beziehen sich auf den phänomenologischen Wahrheitsbegriff (Husserl, Heidegger): "Wahrheit [ist] als Korrelat eines identifizierenden Aktes ein Sachverhalt, und als Korrelat einer denkenden Identifizierung eine Identität: die volle Übereinstimmung zwischen Gemeintem und Gegebenen als solchem." Husserl drückt sich ganz klar adäquationstheoretisch aus (adaequatio rei et intellectus). Sehr löblich sind die Referenzschriften Tugendhats (zu Tarski und Heidegger)! Das Buch endet mit Kamlahs Theorie der interpersonalen Verifizierung. Hier wird der transzendentalpragmatische Diskurs vorweggenommen. Leider ist das Buch nicht aktualisiert, um wenigstens noch die Konsensustheorie zu besprechen. Der Herausgeber sollte hier reagieren, um seines Titels würdig zu bleiben. Insgesamt informative und breite Anthologie zur Diskussion über Wahrheit im 20. Jahrhundert.

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