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40

12.05.2013

„Ein schwieriges Thema”

Anja Röhl hat mit ihrem sehr persönlichen Buch ein sehr schwieriges und mit Sicherheit extrem kontrovers zu diskutierendes Buch geschrieben. Es ist die Erinnerung an eine sehr schwierige Kindheit und Jugend in der Zeitspanne von ca. 1958 bis 1976. Es ist aber auch die Erinnerung an Ulrike Meinhof.

Wie kommt Anja Röhl dazu über Ulrike Meinhof so zu schreiben? Ganz einfach – Ulrike Meinhof ist die zweite Frau ihres Vaters Klaus Rainer Röhl. Anja Röhl war noch sehr jung, als sich ihre Eltern scheiden ließen. Sie lebte bei der Mutter, die mit der gesamten Situation überfordert war. Zu der Zeit war es für eine Frau noch ein extremer Makel, wenn sie geschieden war, denn eine Frau ohne Mann war nix wert. Als ihr Vater ihr eines Tages an einem „Papitag“ Ulrike Meinhof vorstellt, lernt Anja Röhl eine ganz andere Art mit Menschen umzugehen kennen. Ulrike Meinhof ist eine Frau, die auf sie eingeht, ihr zuhört, ihr Fragen beantwortet, ihr viel erklärt und sich schützend vor das Kind stellt, wenn der Vater mal wieder durchdreht. Das prägt das Leben der jungen Anja Röhl ungemein.

Das Buch ist durchgängig in der 3. Person geschrieben. Im ersten Teil redet die Autorin von „das Kind“, dann kommt die Zeit der Pubertät und sie spricht von „das Mädchen“. Am Ende des Buches wird die Geschichte von „die junge Frau“ erzählt. Sie erzählt erschreckende Erfahrungen, die sie in der Schule und in Heimen gemacht hat. Sie erzählt auch sehr intime Details, die sie mit ihrem Vater erlebt hat. Ihr Vater war zwar politisch links, aber er hatte eine extrem frauenverachtende Art und Weise an sich, die er früh seiner Tochter mitgeteilt hat. Einzig seine zweite Frau hat es gewagt, ihm zu widersprechen. Dementsprechend bewundert die Autorin ihre Stiefmutter. Das ändert sich allerdings auch nicht, nachdem sich Klaus Rainer Röhl und Ulrike Meinhof haben scheiden lassen, und Ulrike in den Untergrund gegangen ist, bzw. später verhaftet wurde.

Mich hat dieses Buch einerseits sehr erschüttert. Ich bin nur acht Jahre jünger als die Autorin, habe aber zum Glück schon eine ganz andere Kindheit und Jugend gehabt. Ich kann schon verstehen, dass die Autorin als Kind und junges Mädchen zu Ulrike Meinhof aufgesehen hat. Allerdings ist mir ihre Betrachtung später zu undifferenziert. Sie verklärt die späte Ulrike Meinhof und geht überhaupt nicht darauf ein, was in dem Zeitraum passiert ist, nachdem Ulrike Meinhof in den Untergrund gegangen ist. Nichtdestotrotz finde ich dieses Buch auch sehr wichtig, denn es gibt ein Leben der Ulrike Meinhof vor der RAF. Und damals war sie eine sehr angesehene Journalistin. Dies darf man meiner Meinung nach auch nicht vergessen.

Einige Stellen des Buches mussten geschwärzt werden, nachdem die Halbschwestern Anja Röhl juristische Schritte angedroht hatten. Es ist eine sehr persönliche Abrechnung mit dem Vater und eine Hommage an die Stiefmutter.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal dem am 01. Mai 2013 verstorbenen Verleger Lutz Schulenburg danken, der mit seinen Verlagskolleginnen und –kollegen den Mut hatte, dieses schwierige Buch herauszubringen.

50

10.05.2013

„Die Geschichte zweier total verschiedener Schwestern”

Dieser Roman ist das Debüt der kanadischen Autorin Beverly Jensen. Sie erzählt darin die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits.

Der Roman beginnt 1916 in New Brunswick in Kanada, einer kargen, wildromantischen Küstengegend in Kanada. Dort leben die beiden Schwestern Idella und Avis mit ihrem größeren Bruder Dalton und ihren Eltern. Der Vater verdient den Lebensunterhalt mehr schlecht als recht mit Landwirtschaft. Dalton trägt durch Hummerfang noch zusätzlich zum Lebensunterhalt bei. 1916 sind Idella acht und Avis sechs Jahre alt. Im ersten Kapitel geht die Tragödie der Familie gleich richtig los. Die Mutter stirbt bei der Geburt der kleinen Schwester Emma. Da der Vater den Tod seiner Frau nicht verkraften kann und seiner neugeborenen Tochter die Schuld an dem Tod gibt, gibt er sie der Familie seiner Schwägerin zur Pflege. Die anderen drei Kinder bleiben allerdings bei ihm. So versucht Idella den Haushalt zu führen. Unterstützung sucht die Familie immer wieder bei wechselnden französischstämmigen Dienstmädchen, die nie lange bei der Familie bleiben. Doch irgendwann versuchen die Schwestern dem armen kargen Leben in Kanada zu entkommen und versuchen ihr Glück in den USA.

Beverly Jensen erzählt die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Tante in Kurzgeschichten. Da diese Kurzgeschichten aber immer ihre Familie zum Thema haben, konnte man sie wunderbar zu einem Roman zusammenfügen. Sie sind teilweise unterschiedlich in der Art der Erzählweise. Die meisten Geschichten werden von einem außenstehenden Beobachter erzählt, aber es gibt immer wieder Berichte, die von Idella, Avis oder einer Tochter von Idella erzählt werden. Das Buch gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil ist die Kindheit der beiden Schwestern, danach kommt die Zeit als junge Frauen in den USA, dann die frische Ehezeit von Idella und zum Schluss das Alter.

Es sind herrliche Geschichten von zwei Frauen, die völlig unterschiedlich sind. Idella ist tatkräftig, packt an und ist sehr in sich gekehrt. Ganz anders ihre Schwester Avis. Avis setzt eher auf ihr Äußeres und bezirzt die Männer. Sie durchleben schwere Zeiten, aber sie lassen sich nie unterkriegen und halten doch auch irgendwie immer zusammen.

Leider werden wir keine weiteren Bücher dieser kanadischen Autorin mehr lesen können, denn sie starb mit 49 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ihre Familie hat dieses Buch erst nach ihrem Tode herausgebracht. Vielleicht hätte sie noch etwas daran verändert, aber auch so ist es eine großartige Geschichte geworden.

Für Leser/innen von Elizabeth Strout „Mit Blick aufs Meer“, Annie Proulx „Schiffsmeldungen“ und David Guterson „Schnee, der auf Zedern fällt“.

50

09.05.2013

„Was ist vor 28 Jahren passiert?”

Ich habe Ihnen an dieser Stelle bereits zwei sehr spannende politische Thriller von Alex Berg vorgestellt – „Machtlos“ und „Die Marionette“. Sie schreibt aber auch unter dem Namen Stefanie Baumm Krimis, die ich bisher allerdings noch nicht gelesen habe. Umso gespannter war ich auf das neue Buch von Alex Berg, das als Roman tituliert war. Ist es ein Krimi oder ein Roman?

Der Roman erzählt die Geschichte von Caroline, genannt Lillie. Caroline wurde in Schweden als Tochter einer Deutschen und eines Schweden geboren. Sie lebte in einem kleinen Ort in Mittelschweden und ihre besten Freunde waren Maybrit, Ulf und Björn. Ulf war ihr Liebster, sie wollten heiraten. Doch plötzlich vor 28 Jahren verlässt sie ihren Heimatort ohne sich von Irgendjemand zu verabschieden. Und niemand weiß, was passiert ist und wohin Caroline gegangen ist. Doch jetzt ist sie plötzlich wieder da. Sie sucht die Einsamkeit ihres Elternhauses, denn ihre Tochter Lianne ist tot. Sie wurde überfahren. Maybrit und Björn leben nach wie vor in diesem kleinen Ort, aber Ulf ist in der Zwischenzeit Kommissar in Stockholm. Per Zufall bekommt er ein Foto auf seinen Schreibtisch – Caroline, die in Schweden geblitzt wurde. Ganz spontan fährt er für ein Wochenende nach Hause. Er will endlich wissen, was damals passiert ist. Und so treffen die vier ehemaligen Freunde plötzlich wieder aufeinander. Bevor Ulf wirklich an Caroline herangekommen ist, erfährt er von seinem direkten Kollegen Hakan, dass Caroline international zur Fahndung ausgeschrieben ist. Er konfrontiert sie nicht direkt. Doch die ganze Situation eskaliert, als Ulf sie endgültig zur Rede stellen will. Caroline und Ulf werden eingeschneit, und Caroline findet nur einen Ausweg aus dieser Situation.

Alex Berg hat ein unglaublich spannendes und stimmiges Buch geschrieben. Die Spannung hält sich wirklich bis zum Ende, wo die Geschichte endlich aufgelöst wird. Mich hat auch die Beschreibung der Landschaft in Schweden fasziniert. Ich habe wirklich gemeint, diese Kälte zu spüren, die sie beschrieben hat.

Und ist es jetzt ein Krimi? Auf gar keinen Fall ein klassischer! Aber ich werde ihn bei uns auf jeden Fall bei den Krimis lassen, denn das Buch ist unglaublich spannend und läuft auf ein großes Finale hinaus.

40

09.05.2013

„Wer ist Gabriel Delacruz?”

Jordi Punti ist ein katalanischer Autor, Journalist und Übersetzer. Beim Kiepenheuer & Witsch Verlag ist bereits sein Band mit Erzählungen „Erhöhte Temperatur“ erschienen.

„Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ ist ein schwer zu erzählender Roman über vier Halbbrüder, die sich im erwachsenen Alter plötzlich auf die Suche nach ihrem Vater machen, den sie alle eine sehr lange Zeit nicht mehr gesehen haben. Alles beginnt damit, dass Cristofol eines Tages eine Benachrichtigung erhält, dass sein Vater schon seit einem Jahr spurlos verschwunden ist. Die Wohnungsverwaltung fragt bei ihm an, wie es mit der Wohnung und der ausstehenden Miete weitergehen soll. Cristofol ist völlig irritiert, schließlich hat er seit fast 30 Jahren nichts mehr von seinem Vater gehört. Er besucht die Wohnung und findet einen Zettel mit drei weiteren Namen und Adressen in Frankfurt, London und Paris. Er forscht nach und entdeckt, dass er noch 3 Halbbrüder in Europa hat. Er ermittelt sie alle und sie treffen in Barcelona zusammen. Und hier beginnt das Buch. Christof, der Deutsche, ist der älteste, dann kommt Christopher, der Brite, danach Christophe, der Franzose und zuletzt Christofol aus der Heimatstadt seines Vaters Barcelona. Sie alle stehen in der Zwischenzeit Mitten im Leben und haben ihren Vater nur als kleine Kinder kennengelernt. Ihre Mütter wussten nichts voneinander und haben die Situation einfach als gegeben hingenommen. Aber wer ist dieser Gabriel, der in vier Ländern vier Söhne mit dem gleichen Namen hat? Es entspinnt sich ein spannender Roman über einen Mann, der als Findelkind von Nonnen aufgezogen wurde und per Zufall Fahrer und Möbelpacker einer Speditionsfirma wurde. Er reiste mit seinem besten Freund Bundo und einem weiteren Kollegen quer durch Europa. Sie erleben einige Abenteuer und haben ihre ganz eigene Lebensphilosophie. Doch eines Tages ist damit plötzlich Schluss. Was ist passiert? Langsam aber sicher basteln sich die vier Chris die Geschichte ihres Vaters zusammen. Und plötzlich scheint es, als ob etwas Unheimliches in Gabriels Wohnung vor sich geht. Lebt er noch? Werden die vier Chris ihn finden? Und falls ja, welche Geschichte hat er zu erzählen?

Jordi Punti hat einen sehr unterhaltsamen und ungewöhnlichen Roman über einen charmanten Lebenskünstler geschrieben. Es ist ein Roman voller ungewöhnlicher Geschichten, und er spiegelt sehr schön die Geschichte Europas in den sechziger Jahren wieder. In Spanien herrscht der Diktator Franco, aber in Paris demonstrieren die Studenten. Und so ungewöhnlich wie das Leben von Gabriel war, so überraschend löst der Autor die Geschichte auf.

buch

Wahr

Riikka Pulkkinen

EUR 9,99 *
auf Merkliste

50

09.05.2013

„Eine Geschichte von Liebe”

Dieses Buch fällt einem zuerst einmal auf, weil es optisch ganz anders als das Gros ist. Man nimmt es in die Hand. Der Titel sagt auch noch nicht wirklich was über das Buch aus. Dann der Autorenname Riikka Pulkkinen. Ist es ein Mann oder eine Frau? Und dann erst liest man den Klappentext und entscheidet sich für oder gegen dieses Buch.

Riikka Pulkkinen erzählt die Geschichte von Elsa einer Psychologin und ihrem Mann Martti, einem Maler. Und sie erzählt die Geschichte von Eeva, die Kindermädchen von Ella, der Tochter von Elsa und Martti war. Elsa hat Krebs und ist zum Sterben nach Hause gekommen. Unterstützung erhält sie durch ihre Familie. Denn sowohl ihre Tochter Eleonoora, genannt Ella als auch ihre eine Enkelin, Maria, sind Ärzte. An einem Nachmittag, als Anna, die andere Enkelin, sich um ihre kranke Großmutter kümmern soll, findet sie ein Kleid im Schrank ihrer Großmutter. Und plötzlich erzählt Elsa ihr von Eeva, der dieses Kleid gehört hat. Anna, die gerade selber eine unglückliche Liebesbeziehung hinter sich hat, ist geschockt und versucht ohne ihre Großeltern und ihre Mutter weiter zu befragen, etwas über Eeva herauszufinden. Und während dieser Suche findet sie auch gleichzeitig etwas über sich selbst heraus. Dazwischen kommen immer wieder Momentaufnahmen von Elsa, Martti und Eleonoora, die sich an Früher erinnern, die über ihr Leben und die Liebe nachdenken. Eingebettet in diese Momentaufnahmen sind die Erinnerungen von Eevi selber aus der Zeit von 1962 bis 1969. Gerade diese Zeit der sechziger Jahre hat die Autorin besonders schön eingefangen. Die Jahre, in der sich die Welt durch den Vietnamkrieg massiv verändert hat, sich neu erfunden hat.

Die Geschichten verschwimmen ineinander. Ist es wirklich Eeevas Geschichte, die sie selbst erzählt? Oder ist dies die Geschichte, die Anna sich ausdenkt, weil sie ihrer eigenen unglücklichen Liebesgeschichte ähnelt?

Dies ist ein schönes Buch. Dies ist ein nachdenkliches Buch. Ist es ein trauriges Buch? Doch, ich finde, es ist ein trauriges aber zeitgleich wunderschönes Buch. Und es ist ein philosophisches Buch, das zum Nachdenken anregt.

50

09.05.2013

„Die Kraft der Puppen”

Eva Weaver ist eine in Deutschland geborene britische Autorin, die ursprünglich als Trauma- und Kunsttherapeutin gearbeitet hat. Bei diesem Hintergrund passt die Geschichte des Romans „Jakobs Mantel“ hervorragend.

Denn Eva Weaver erzählt die Geschichte eines jungen Juden, der im Warschauer Ghetto die Menschen als Puppenspieler wenigstens kurzzeitig von ihrer Situation ablenkt. Mika hat ursprünglich mit seiner Mutter und seinem Großvater, einem allseits beliebten Universitätsprofessor, in guten Verhältnissen gelebt. An seinen Vater kann er sich kaum erinnern. Dann marschieren die Deutschen in Polen ein, und für die Juden verschlechtert sich die Lebenssituation dramatisch und endet erstmals 1940 im Warschauer Ghetto. Doch es wird noch schlimmer. Mikas Großvater wird von den Deutschen erschossen, als er einer Frau helfen will. Mika erbt seinen Mantel und macht in den diversen heimlichen Taschen des Mantels eine ungeheuerliche Entdeckung – sein Großvater hat Puppen gebastelt. Mika ist davon fasziniert und entdeckt, dass er Talent als Puppenspieler hat. Erst führt er nur im kleinen Kreis Stücke auf, doch denn spricht sich sein Talent im Ghetto herum, und er spielt vor immer größerem Publikum. Eines Tages macht er einen Fehler, und plötzlich will der deutsche Wehrmachtssoldat Max, dass er für die Deutschen spielt. Mika ist entsetzt, kann dadurch aber auch etwas für die anderen Juden im Ghetto tun. Dies alles und noch viel mehr erzählt der alte Mika 2009 seinem Enkel Danny in New York als er ein Plakat entdeckt, das ein Puppenspiel über den Puppenspieler des Warschauer Ghettos ankündigt. Im zweiten Teil wird die Geschichte des Soldaten Max erzählt, nachdem Deutschland den Krieg verloren hat. Auch hier spielt wieder eine der Puppen aus dem Ghetto eine zentrale Rolle.

Eva Weaver hat eine unglaublich ergreifende Geschichte erzählt. Sie beschreibt das Grauen des Ghettos sehr genau. Unter diesen schrecklichen Lebensumständen muss Mika erwachsen werden. Er wächst wie viele andere Menschen in dieser Situation über sich hinaus. Dabei helfen ihm die Puppen. Und diese Puppen lenken die Menschen von ihrer Situation, ihrem Hunger, ihrer Angst ab. Sie geben ihnen einen kleinen Moment Glück und Normalität. Aber sie beschreibt nicht nur die Situation der Opfer, sondern sie beschreibt auch sehr genau, wie es dem deutschen Soldat ergeht. Und sie zeigt auf, wie schmal der Grat ist, auf dem sich die Menschen im 3. Reich bewegt haben. Grundsätzlich steht der Soldat Max hinter der Politik von Adolf Hitler, aber in Mika erkennt er einfach einen Jungen, der im Alter seines Sohnes ist. Und dieser Junge ist gar nicht so anders. Gleichzeitig zeigt sie auch auf, wie schwierig die Situation für die Kriegskinder und -enkel ist. Es dauert lange, bis die Menschen wirklich darüber sprechen können.

Ein großartiger und beeindruckender Roman über die Kraft der Menschen in Extremsituationen. Und es ist gleichzeitig auch ein versöhnlich stimmender Roman. Er hat mich ähnlich beeindruckt wie „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne.

50

09.05.2013

„Was ist vor 28 Jahren passiert?”

Ich habe Ihnen an dieser Stelle bereits zwei sehr spannende politische Thriller von Alex Berg vorgestellt – „Machtlos“ und „Die Marionette“. Sie schreibt aber auch unter dem Namen Stefanie Baumm Krimis, die ich bisher allerdings noch nicht gelesen habe. Umso gespannter war ich auf das neue Buch von Alex Berg, das als Roman tituliert war. Ist es ein Krimi oder ein Roman?

Der Roman erzählt die Geschichte von Caroline, genannt Lillie. Caroline wurde in Schweden als Tochter einer Deutschen und eines Schweden geboren. Sie lebte in einem kleinen Ort in Mittelschweden und ihre besten Freunde waren Maybrit, Ulf und Björn. Ulf war ihr Liebster, sie wollten heiraten. Doch plötzlich vor 28 Jahren verlässt sie ihren Heimatort ohne sich von Irgendjemand zu verabschieden. Und niemand weiß, was passiert ist und wohin Caroline gegangen ist. Doch jetzt ist sie plötzlich wieder da. Sie sucht die Einsamkeit ihres Elternhauses, denn ihre Tochter Lianne ist tot. Sie wurde überfahren. Maybrit und Björn leben nach wie vor in diesem kleinen Ort, aber Ulf ist in der Zwischenzeit Kommissar in Stockholm. Per Zufall bekommt er ein Foto auf seinen Schreibtisch – Caroline, die in Schweden geblitzt wurde. Ganz spontan fährt er für ein Wochenende nach Hause. Er will endlich wissen, was damals passiert ist. Und so treffen die vier ehemaligen Freunde plötzlich wieder aufeinander. Bevor Ulf wirklich an Caroline herangekommen ist, erfährt er von seinem direkten Kollegen Hakan, dass Caroline international zur Fahndung ausgeschrieben ist. Er konfrontiert sie nicht direkt. Doch die ganze Situation eskaliert, als Ulf sie endgültig zur Rede stellen will. Caroline und Ulf werden eingeschneit, und Caroline findet nur einen Ausweg aus dieser Situation.

Alex Berg hat ein unglaublich spannendes und stimmiges Buch geschrieben. Die Spannung hält sich wirklich bis zum Ende, wo die Geschichte endlich aufgelöst wird. Mich hat auch die Beschreibung der Landschaft in Schweden fasziniert. Ich habe wirklich gemeint, diese Kälte zu spüren, die sie beschrieben hat.

Und ist es jetzt ein Krimi? Auf gar keinen Fall ein klassischer! Aber ich werde ihn bei uns auf jeden Fall bei den Krimis lassen, denn das Buch ist unglaublich spannend und läuft auf ein großes Finale hinaus.

40

09.05.2013

„Wer ist Gabriel Delacruz?”

Jordi Punti ist ein katalanischer Autor, Journalist und Übersetzer. Beim Kiepenheuer & Witsch Verlag ist bereits sein Band mit Erzählungen „Erhöhte Temperatur“ erschienen.

„Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ ist ein schwer zu erzählender Roman über vier Halbbrüder, die sich im erwachsenen Alter plötzlich auf die Suche nach ihrem Vater machen, den sie alle eine sehr lange Zeit nicht mehr gesehen haben. Alles beginnt damit, dass Cristofol eines Tages eine Benachrichtigung erhält, dass sein Vater schon seit einem Jahr spurlos verschwunden ist. Die Wohnungsverwaltung fragt bei ihm an, wie es mit der Wohnung und der ausstehenden Miete weitergehen soll. Cristofol ist völlig irritiert, schließlich hat er seit fast 30 Jahren nichts mehr von seinem Vater gehört. Er besucht die Wohnung und findet einen Zettel mit drei weiteren Namen und Adressen in Frankfurt, London und Paris. Er forscht nach und entdeckt, dass er noch 3 Halbbrüder in Europa hat. Er ermittelt sie alle und sie treffen in Barcelona zusammen. Und hier beginnt das Buch. Christof, der Deutsche, ist der älteste, dann kommt Christopher, der Brite, danach Christophe, der Franzose und zuletzt Christofol aus der Heimatstadt seines Vaters Barcelona. Sie alle stehen in der Zwischenzeit Mitten im Leben und haben ihren Vater nur als kleine Kinder kennengelernt. Ihre Mütter wussten nichts voneinander und haben die Situation einfach als gegeben hingenommen. Aber wer ist dieser Gabriel, der in vier Ländern vier Söhne mit dem gleichen Namen hat? Es entspinnt sich ein spannender Roman über einen Mann, der als Findelkind von Nonnen aufgezogen wurde und per Zufall Fahrer und Möbelpacker einer Speditionsfirma wurde. Er reiste mit seinem besten Freund Bundo und einem weiteren Kollegen quer durch Europa. Sie erleben einige Abenteuer und haben ihre ganz eigene Lebensphilosophie. Doch eines Tages ist damit plötzlich Schluss. Was ist passiert? Langsam aber sicher basteln sich die vier Chris die Geschichte ihres Vaters zusammen. Und plötzlich scheint es, als ob etwas Unheimliches in Gabriels Wohnung vor sich geht. Lebt er noch? Werden die vier Chris ihn finden? Und falls ja, welche Geschichte hat er zu erzählen?

Jordi Punti hat einen sehr unterhaltsamen und ungewöhnlichen Roman über einen charmanten Lebenskünstler geschrieben. Es ist ein Roman voller ungewöhnlicher Geschichten, und er spiegelt sehr schön die Geschichte Europas in den sechziger Jahren wieder. In Spanien herrscht der Diktator Franco, aber in Paris demonstrieren die Studenten. Und so ungewöhnlich wie das Leben von Gabriel war, so überraschend löst der Autor die Geschichte auf.

40

30.04.2013

„hat dieser Alessandro bloß an sich?”

2011 habe ich Ihnen Natasa Dragnic mit ihrem Erstling „Jeden Tag, jede Stunde“ (btb Taschenbuch) vorgestellt. Dieser Roman ist ein unglaublich schöner Liebesroman in einer wunderbaren Sprache. Und jetzt ist ihr zweiter Roman erschienen. Auch dies ist wieder eine Liebesgeschichte. Anscheinend wird Natasa Dragnic ein Garant für ungewöhnlich geschriebene, nicht immer leicht zugängliche Liebesromane.

Dieses Mal erzählt sie die Geschichte einer großen Liebe. Alles läuft auf eine Hochzeit hinaus. Doch welche der drei Schwestern wird Alessandro nun heiraten. Roberta, die älteste, Lucia, die erfolgreiche Bankerin oder die Jüngste, Nanina? Natasa Dragnic erzählt diese Geschichte in drei unterschiedlichen Erzählsträngen, die auf das große Finale hinzulaufen. Er beginnt mit dem Satz „Heute heirate ich Alessandro Lang, den berühmten italienischen Dichter“. Ursprünglich dachte ich, dass das aber eine sehr ungewöhnliche Kapitelüberschrift ist. Und wieso steht sie allein auf einer Seite? Doch dann stellt sich heraus, dass der eine Erzählstrang von einer der drei Schwestern in Ich-Form erzählt wird. Dieser Erzählstrang berichtet über das ganze Buch verteilt nur von dem Hochzeitstag, vom morgendlichen Aufstehen bis hin zu der eigentlichen Trauung am Ende des Buches. Dann kommt der zweite Erzählstrang, der die Geschichte der Familie Alessi erzählt. In diesem Erzählstrang erfahren wir, wie die einzelnen drei Schwestern Alessandro nach und nach kennen- und lieben lernen. Es wird das Familienleben in einzelnen Episoden von 1984 bis ins Jahr 2010 erzählt. Und der dritte Erzählstrang erzählt wiederum in Ich-Form, wie die beiden Eltern der drei Schwestern langsam sterben und dabei zum Teil von den Schwestern begleitet werden.

„Immer wieder das Meer“ ist ein ungewöhnlicher Liebesroman, und er macht es einem nicht leicht. Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich diese drei Erzählstränge vernünftig unterscheiden konnte und damit die Geschichte auch wirklich verstanden habe. Es ist eine großartige Familiengeschichte, die teilweise in Italien, Deutschland und den USA spielt. Die Mutter von Roberta, Lucia und Nanina ist Deutsche und Nanina selbst zieht als junge Erwachsene zu ihrer deutschen Großmutter nach München. Roberta flieht nach ihrer unglücklichen Liebe, die sie aber nie loslassen kann, in die USA. Dort erlebt sie fast unmittelbar das Grauen vom 09.11.2001 mit. Alessandro zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Buch, aber wirklich zu fassen bekommt man ihn nicht. Er ist der einzige Protagonist, der mir nicht wirklich sympathisch war. Er ist für mich zu sehr wie ein Chamäleon und wechselt seine Farben je nach der Frau, die er gerade liebt. Unwahrscheinlich schön, einfühlsam, aber auch sehr traurig empfand ich den Erzählstrang, der sich mit dem Sterben der Eltern befasste.

40

30.04.2013

„Gibt es eine zweite Chance?”

Bisher war mir die schwedische Autorin Karin Alvtegen nur als Krimi-Autorin bekannt. Nun ist im btb Verlag ein Roman mit einem sehr ansprechenden Cover erschienen, der mich neugierig gemacht hat. Das Cover als auch der Klappentext versprach einen „herzerwärmenden Roman über zwei Menschen, denen es vergönnt ist, noch einmal von vorne zu beginnen. Ich dachte so an die Richtung Kajsa Ingemarsson. Doch damit sollte ich mich täuschen!

Karin Alvtegen erzählte keine leichte Unterhaltungsgeschichte von zwei Menschen, denen so ganz einfach ein Neuanfang gelingt. Sondern es ist eine Geschichte von vier Menschen, von denen drei zumindest zutiefst unglücklich sind und nicht wirklich wissen, wie ihr jetziges Leben weitergehen soll. Die beiden eigentlichen Hauptpersonen sind Helena und Anders. Helena ist fünfundvierzig Jahre alt und lebt mit ihrer Tochter in einem kleinen Ort im Norden Schwedens, wo sie sich ihren Traum erfüllt und ein kleines Hotel eröffnet hat. Ursprünglich hat sie diesen Traum allerdings mit ihrem Ehemann geteilt. Doch die Ehe ist zerbrochen und Helena und ihre Tochter Emelie bleiben alleine in dem halbfertigen Hotel zurück. Helena ist überfordert und kommt nicht mehr an ihre Tochter heran. Anders ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, ebenfalls in den Vierzigern, der sich aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hat und sein Geld lebt. Doch er muss feststellen, dass Geld die Geister der Vergangenheit nicht vertreiben kann. Der Zufall verschlägt ihn in Helenas Hotel. In zwei wichtigen Nebenrollen gibt es noch Ann-Kathrin und Verner. Ann-Kathrin ist eine Freundin aus Kindertagen von Helena. Wegen der großartigen Erinnerungen von früher ist Helena überhaupt auf die Idee gekommen an diesen Ort zurückzukehren. Ann-Kathrin hat es dagegen nie geschafft, diesen Ort zu verlassen. In der Zwischenzeit ist sie ebenfalls mehrfach geschieden und völlig verbittert. Und Verner ist eine Art Einsiedler, der im Wald am Rande des Dorfes zurückgezogen lebt. Verner ist sehr hellsichtig, was andere Menschen angeht und gerade deshalb ist er ausschlaggebend dafür, dass Helena, Anders und Ann-Kathrin ihr jetziges Leben noch einmal überdenken müssen. Vielleicht gibt es für sie tatsächlich noch einmal eine zweite Chance und sie bekommen ihr Leben wieder in den Griff.

Lassen Sie sich also nicht wie ich von dem Cover des Buches täuschen. Es ist keine seichte Liebesgeschichte sondern ein psychologisch sehr stimmiger Roman über Menschen, die in einer Situation erstarrt sind und erst Hilfe von außen benötigen, um sich aus dieser Erstarrung zu lösen. Karin Alvtegen erzählt diese Geschichte sehr gut und regt dabei auch zum Nachdenken an, wie wir mit unserem Leben und den Menschen in unserer näheren Umgebung umgehen. So jemanden wie Verner würde ich auch gerne kennenlernen. Er hat erkannt, wie er sein Leben zufrieden leben kann und hat auch keine Probleme damit bei anderen Menschen mit seiner direkten Art anzuecken.