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Ein Haus in Yorkshire. Roman
Caroline Benett
EAN 9783943797404
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I (S. 1-5)Yorkshire. War ja klar.
Ich meine, wenn ich schon irgendwo neu anfangen sollte, dann in Yorkshire. In der umtriebigen Geschäftigkeit Londons kann jeder neu anfangen. Auch in Cornwall mit seinen Steilklippen und seinen kleinen, ach so pittoresken Fischerorten. Im boomenden Schottland erst recht. Oder in den Cotswolds. Selbst in Nordirland ist es inzwischen kein Problem mehr. Nein, die wirklich Harten gehen nach Yorkshire. Umgeben von unendlichem Wind, durchtosten Hochflächen mit Schafzucht, Kälte und Heide. Nochmal Schafzucht, nochmal Heide, nochmal Kälte. Und Menschen, deren Dialekt niemand versteht.
Habe ich die Kälte schon erwähnt? Die Harten gehen nach Yorkshire und behaupten sich dort. Oder gehen unter. Wie die Brontes. Und das war der andere Grund, warum es klar war, dass ich gerade in Yorkshire neu anfangen würde. Weil sich im Leben immer Kreise schließen. Weil man dahin kommt, wohin man einfach kommen muss. Wie es vorbestimmt oder einfach nur logisch ist. Und insofern konnte es bei mir nur Yorkshire sein. In die Gegend, in der die Brontes gelebt hatten. Meine geliebten Brontes. Die wundervollen Bücher dieser so begabten Schwestern. Das leidenschaftliche "Sturmhöhe" von Emily oder das besonnenere "Jane Eyre" von Charlotte. Bücher, die mir so viel bedeuteten und die ich fast auswendigkonnte, so oft hatte ich sie gelesen.
Es war daher eindeutig Schicksal – jedenfalls redete ich es mir ein, dass es nur Schicksal sein konnte, kein Zufall! – dass mich mein Lebensweg nun genau dorthin führte. Nicht nur nach Yorkshire, nicht nur ins nördliche Yorkshire. Nein, fast ins Nachbardorf von Haworth, dem Ort, wo die Brontes gelebt hatten. Und wo sie auch teilweise begraben lagen. Trotz meiner Begeisterung für die Brontes und meines Studiums der englischen Literatur hatte ich es bisher gerade ein einziges Mal geschafft, Haworth zu besuchen. Haworth mit dem ehemaligen Pfarrhaus, in dem die Brontes gewohnt hatten und in dem sich jetzt ein Museum befindet. Mit dem "Black Bull", dem Pub, der heute Touristen empfängt und damals der Trunksucht von Branwell Bronte, dem einzigen Sohn der Familie, gedient hatte. Mit der kleinen Apotheke, heute ein süßer Laden für alles und jedes, und damals der Ort, wo derselbe Branwell sein Opium bezogen hatte. Mit der steil abfallenden Hauptstraße, die heute von Touristengeschäften und Pensionen gesäumt ist und damals eher ein Slum als eine Straße war. Und mit der Heide, die vermutlich als einziges heute noch genauso aussieht wie damals.Dieser einzige Besuch war während meines Studiums gewesen, mit meinem Literaturseminar. Eine Rundreise zu den wesentlichen Stätten der englischen Dichtkunst. Seitdem hatte ich immer den Wunsch gehabt, hier noch einmal her zu kommen. Und hatte es nie geschafft. Warum eigentlich nicht? Zeitgenug hätte ich gehabt. Mal ehrlich, von Südengland nach Yorkshire waren es gerade mal ein paar Stunden über die Autobahn, schon ein einfaches Wochenende hätte vollkommen gereicht. Aber wie es halt so ist. Man studiert, bekommt einen Job, zieht nach Südengland, lernt einen netten Mannkennen, lebt mit ihm zusammen. Macht Urlaube in allen anderen Ländern Europas, aber nicht im eigenen. Ich kannte inzwischen die Toskana wesentlich besser als auch nur die nähere Umgebung meines englischen Wohnortes. Ganz zu schweigen von der nächsten Grafschaft, die ich allenfalls aus dem Fenster des Autos bei den Fahrten über die Autobahn zum Flughafen kannte. Und von gelegentlichen Stopps an der Autobahn, um zu tanken, einen Tee zu trinken oder sich in einem Schnellrestaurant etwas rein zu stopfen. Und so vergehen die Jahre. Ichdachte natürlich immer wieder dran, doch mal wieder nach Yorkshire zu fahren, und sei es eben nur für ein Wochenende, aber wurde nie konkret.
Was vermutlich auch daran lag, dass mein Mann mit Literatur im Allgemeinen und den Brontes im Besonderen wenig anzufangen wusste. Seine literarischen Neigungen gingen eher in Richtung der Sportseiten der Zeitungen im Allgemeinen und den Fußballberichten im Besonderen. Und so wäre ich vermutlich irgendwann tot umgefallen, ohne jemals wieder in Haworth gewesen zu sein. Es war wirklich verrückt, dass mich mein Lebensweg nun nach Yorkshire führte. Und es war gut so. Selten habe ich mich so frei gefühlt. Befreit von dem Mist, den man alltäglich mit sich rumschleppt. Yorkshire, das war`s! Nachdem die Entscheidung gefallen war, war ich in einer unvergleichlichen Hochstimmung gewesen. Eine Freundin hatte mich sogar besorgt gefragt, ob ich mich vielleicht umbringen wolle. In dieser Lage und dennoch so gut gelaunt seien nur Personen, deren Entscheidung zum Selbstmord gefallen war und die nun erkannt hatten, dass bald alle Schmerzen, alle Trübsal von ihnen genommen sein würde. Selbstmord wäre natürlich auch eine Lösung gewesen. Und war auch immer als "Plan B" im Hinterkopf. Aber "Plan A" im Sinne von Neuanfang in Yorkshire gefiel mir dann doch besser.
Zum Sterben war ich einfach viel zu jung. Okay, mit 35 ist man nicht mehr knackig jung, Aber ich fühlte mich viel zu jung, um schon endgültig zu gehen. Dafür gab es immer noch viel zu viel, das ich mal sehen wollte. Vielleicht nie sehen würde, aber jedenfalls noch sehen wollte. Zugegebenermaßen war mein Leben in den letzten Monaten komplett aus den Fugen geraten. Erst der Tod meiner besten Freundin, die beim Treppensteigen ausgerutscht und gestürzt war. Und es dabei tatsächlich geschafft hatte, sich das Genick zu brechen. Ich meine, was ist das denn? Eben geht man noch frohgemut eine Treppe hoch und im nächsten Moment ist man tot? Dann die Erkenntnis, dass mein geliebter Mann so ein toller und hübscher Kerl war. So ein toller und hübscher Kerl, dass ihm dummerweise auch andere Frauen nicht widerstehen konnten. Was er weidlich ausgenutzt hatte. Der Mistkerl. Und der sich bei der darauf folgenden Trennung allen Ernstes als Opfer fühlte und einen furchtbaren Kleinkrieg anzetteln musste. Und dazu der alltägliche Ärger in meinem ehemaligen Traumberuf, der mir in den letzten Jahren immer unerträglicher geworden war. Die Queen hatte mal ein Jahr als "annus horribilis", als furchtbares Jahr, bezeichnet. Für mich waren es zumindest furchtbare Monate gewesen. Und das mit der Aussicht, weitere furchtbare Jahre zu erleben. In einer solchen Situation muss man sich eigentlich zusammenreißen, sie durchstehen, und nach ein paar Jahren sagen: "Das waren harte Jahre, aber ich möchte sie nicht missen. Sie haben mir viel über mich beigebracht und mich stärker gemacht." Worte, wie sie Helden in Filmen sprechen. Was für ein Blödsinn. Kein Mensch will solche Zeiten, keiner. Keiner will den Tod der besten Freundin erleben.Keiner will gedemütigt und verletzt werden, keiner will sich in den Schlaf weinen. Und härter wird man dadurch höchstens in dem Sinne, dass man sich beibringt, nichts und vor allem keinen Mann mehr an sich heran zu lassen. Aber vermutlich wäre genau das passiert. Ich hätte einfach mein Leben weiter gelebt, zu feige, etwas Neues zu beginnen. Wäre älter und härter geworden, einfach so. Und irgendwann totumgefallen. Nein, viel schlimmer, nach Jahren im Pflegeheim lebendig verfault. Aber dann kam der Zufall – die göttliche Fügung! – mit dieser Erbschaft. Dem unscheinbaren Brief einer Rechtsanwaltskanzlei, die mir lapidar mitteilten, dass ich wohl die einzige Erbin einer Meredith Fox wäre, die netterweise nun gestorben war und mir ihre Besitztümer hinterlassen hatte. Ich hatte erst einmal überlegen müssen, wer denn überhaupt diese mir vollkommen unbekannte Person sein konnte, deren Erbe ich nun antreten sollte. Fox war der Mädchenname meiner Mutter gewesen. Eine Schwester hatte sie garantiert nicht gehabt, das hätte ich gewusst.
Es musste eine weiter entfernte Verwandte gewesen sein, vielleicht eine Großtante, eine Cousine, irgend so etwas. Da meine Verwandtschaft schon immer so klein gewesen und mit dem Tod meiner Eltern letztlich komplett ausgestorben war, konnte ich mit solchen weitergehenden Verwandtschaftsgraden noch nie etwas anfangen, sodass ich die Grübelei bald wieder sein ließ. Die Anwälte würden schon wissen, wer das gewesen war und in welcher Beziehung ich zu ihr gestanden hatte. Ein Anruf bei der Kanzlei hatte mich nur bedingt weiter gebracht. Tatsächlich war Meredith die Angehörige einer Nebenlinie der Familie meiner Mutter gewesen, wohl irgend so etwas wie eine Cousine. Oder Tante? Jedenfalls wenn ich es richtig verstanden hatte, was mir der Anwalt namens Leach zu erklären versuchte. Und diese Nebenlinie war mit ihr nun auch ausgestorben, Meredith hatte keine Kinder gehabt. Womit nun die gesamte Familie auf mich reduziert war. Da auch ich ohne Kinder war, war es offenbar das Schicksal dieser Familie Fox, sang- und klanglos einzugehen.
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09.05.2013
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