Neukunde?

Hier starten

Erweiterte Suche
Name:
Michael Lehmann-Pape Top 100 Rezensent
Rezensionen:
808 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 165

nicht hilfreich: 12

Rang:
17

Michael Lehmann-Papes Rezensionen

50

17.06.2013

„Knackige Kurzbiographie”

Der Chefredakteur des „New Yorker“ hat mit diesem eher unscheinbar wirkenden buch ein doch besonderes Stück Musikgeschichte vorgelegt. Eine Geschichte, die sich nicht mit vielen Einzelheiten aufhält, die, vor die Wahl gestellt, nicht hunderte von Seiten über das durchaus bewegte und bewegende Leben und die Musik von „The Boss“ füllt, sondern, das ist nach der Lektüre deutlich im Raum, zur „Essenz“ vordringt. Sich mit dem Kern von Mann, Musik und, vor allem, dem Land und der gegenseitigen Befruchtung und Bedeutung von Springsteen für Amerika und von Amerika für Springsteen beschäftigt.

Knapp 80 Seiten, ausgewählte, prägnante Fotografien und ein Blick auf ein Leben immer mit dem Hintergrund der Bedeutung für „alles“.

„Die Kämpfe meiner Eltern, das ist das Thema meines Lebens“. Und da Musik und Leben bei Springsteen in eins gehen, er schon rein physisch (auch das im Buch hervorragend herausgestellt) seine Musik und seine Auftritte „arbeitet“, finden sich hier in der Jugend, im Aufwachsen, in den Erkenntnissen vor allem der Schattenseiten des „American Dreams“ Grundpfeiler für Leben und Werk. Sehr, sehr nahe und verständlich wird nach der Lektüre die manches Mal fast aggressive Haltung auf der Bühne, die eher ungelenke Körpersprache, die so wenig geschmeidiges und lockeres hat. Das Leben, das Bruce Springsteen sieht und aus dem er kommt ist eben nicht smart, geschmeidig, tänzerisch locker, es ist harte Arbeit und ein harter Kampf für die eigenen Rechte. Immer schon gewesen.

Der oft und oft kantig nach vorne geschobenen Unterkiefer beim Singen, die Gitarre, die ebenso oft wie ein Schmiedehammer „bearbeitet“ wird, folgt man den empathischen Ausführungen Remnicks, dann ist das kein „Image, keine „Show“, dann sind das Ausdrucksweisen der echten Persönlichkeit Springsteens. Die sich 1975 im Wer völlig entfaltete.

„Born to run“ als der Beginn der echten Karriere, des „echten Springsteens“ mitsamt der 10 Konzerte im Bottom Line werden so im Buch ebenso in ihrer Bedeutung gewürdigt, wie Remnick wie die „andere Seite“ des Musikers, die „Boss-Seite“. Einer, der sich durchsetzt, der sich ohne Hemmungen trennt. Von Band und Musikerkollegen, von seinem Freund und zeitweise engstem Berater, dem Journalisten Jon Landau, der schon früh prognostiziert hatte: „Ich sah die Zukunft des Rock´n Roll“.

Springsteen ist kein „all american boy“, kein allein „in Musik versunkener“. Sondern, man kann es kaum anders bezeichnen, ein „Kerl“, musikalisch und privat. Bei dem „das kreative Talent immer von den dunklen Strömungen seiner Psyche genährt wird“.
„Weißt Du, man sollte die feine Macht des Selbsthasses in all dem nicht unterschätzen“, wie es Springsteen selber ausdrückt.

All das stellt Remnick präzise getroffen und wunderbar nüchtern in der Sprache heraus.

Wer Bruce Springsteen verstehen will, seine Geschichte (auch die Innere) zumindest ein stückweit kennen lernen möchte und die „Allianz“ zwischen dem „eigentlichen Amerika“ und Springsteen verstehen will, nachfühlen möchte, warum diese Bindung so eng ist, der ist mit diesem Buch auf das allerbeste versorgt.

40

17.06.2013

„Vom Verlust der Unschuld und der Verantwortung des eigenen Tuns”

„Mit elf begann ich, vor meinen Freunden die Wörter „Mist“, „Scheiße“ und „verdammt“ zu benutzen, auch wenn sich keiner von uns an das Wort „Fuck“ herantraute, weil es zu derb war“.

Die Pubertät, mithin das erwachsene Leben also, klopft an bei Jack, der in durchaus guten Verhältnissen in Südafrika aufwächst, der halb Engländer, halb Bure in sich vereint, die verschiedenen Traditionen in der eigenen Familie auch mit ihren Reibungen erlebt und für den es normal ist, dass er und seine Freunde aus der Nachbarschaft „Personal“ haben. Vor allem eine „zweite Mutter“ (natürlich alles Schwarze), weil die eigenen Eltern den Beruf durchaus mit nach vorne stellen und man nu ebene einfach so lebt in diesem Südafrika vor allen gravierenden Veränderungen, durchaus aber bereits mit Vorboten beginnender Unruhen und Kämpfe gegen die Apartheid.

Susie ist Jacks „zweite Mutter“. Man ist sich zugetan, vertraut und doch spürt der Leser von Beginn an diese feine Grenze, dieses auch Wissen des Jungen, dass er „besser“ ist als Susie. Dass er eine noch unbekannte, aber spürbare Macht besitzt. Noch ist er zu sehr einfach vertrauensvolles Kind in seiner kindlichen Welt (in der die Masturbation aber schon drängend Einzug gehalten hat), um böswillig vorzugehen.

Aber als er unter Druck gerät, zeigt sich die „Tradition“, das „Erbe“ mit bösen Folgen. Folgen, die Jack selbst in innere Reibung treiben, die schwer auf ihm lasten.

Susie hat einen Sohn, der eigentlich beim Vater leben soll, was aber nicht funktioniert. Ein Jugendlicher bereits. Aggressiv. Der will sich nichts mehr vormachen lassen von einer vermeintlich trauten und heilen Welt, die nur für weiße Erwachsene als Illusion existiert. Von Beginn an knistert es zwischen Percy und Jack, bis Percy etwas in die Hände fällt. Ein Wissen über Jack. Das Jack beunruhigt und ihn zu einem Verrat an seiner „zweiten Mutter“ Susie treibt. Mit massiven Folgen. Zunächst nicht für ihn, sondern für Percy und Susie

Im eigentlichem Sinne legt Strauss somit einen Entwicklungsroman auf der bekannten Blaupause zwischen Kind und erwachsen werden vor. Wo die unbedarfte und spielerische Unschuld spürbar noch im Raum stehen, aber der eigene Körper, das eigene Wollen ebenso fühlbar sich Wege sucht. Dies in Verbindung mit einem starken gesellschaftlichen Machtgefälle, wo erwachsene Menschen (Schwarze) letztlich gar Kindern (weißen) machtlos gegenüber stehen, dass ist die brisante Mischung, die in diesem Roman zur Eskalation und zum harten Erlernen dessen führen wird, dass ein erwachsen werdendes Leben auch Verantwortung für das eigene Handeln lernen muss.

Zudem bietet der Roman eine Rückkehr in das Südafrika vor den hart erkämpften politischen Veränderungen und zeigt, wie sehr das gewohnte Leben und das konkrete Aufwachsen Denken und Handlungen prägen.

Auch wenn die Geschichte über weite Strecken sehr harmlos daherkommt, eine kindliche Welt treffend darstellt, liest sich der Roman im Gesamten gut und lässt auch den Leser hier und da zur eigenen Reflexion des eigenen Verhaltens anderen gegenüber innehalten.

50

13.06.2013

„Vom Suchen und Finden des Besonderen”

Auf Spurensuche ist Andreas Kieling fast beständig und legt nun in diesem National Geographic Band in Bild und (durchaus breiten) Textbeiträgen ein beredetes Zeugnis dieser Spurensuche vor.

„Warum in die Ferne schweifen“, auch dahingehend hätte dabei der Titel lauten können, denn fast „vor der Haustür“ schon beginnt Kieling mit seinen beeindruckend vorgelegten Eindrücken des „wilden Deutschlands“. Mit Ausdauer, Fotoapparat, begleitet von seinem Hund wandert Kieling quer durch Deutschland und legt sich überall „auf die Lauer“ um das Unverfälschte, die „wilden Tiere“ zu finden, zu beobachten, zu fotografieren.

Ebenso, wie seine Erläuterungen im Text informativ und kurzweilig daherkommen, gelingen ansprechende und faszinierende Bilder. Wobei gerade das „alltägliche“ diese Fotografien ausmacht. Nicht auf doppelseitige Hochglanzformate getrimmt sind die Meisten der Bilder, sondern sich einfügend in das Alltägliche. Und beileibe nicht nur Tiere sind es, die im Buch ausführlich „gewürdigt“ werden, selbst in eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten zum Appell auf grüner Weise reiht sich Kieling mit seinem Hund Cleo ein.

Neben manch humorigen Schnappschuss und der ein oder andern durchaus dröge (aber eben realistisch abgebildeten) Landschaft finden sich natürlich auch die ganz besonderen Aufnahmen zu Hauf im Buch.

Dülmener Wildpferde in rasanter Bewegung, eine fast erstarrte Gottesanbeterin, Kieling mit einem kapitalen Wels auf dem Arm lassen sich im Buch ebenso finden, wie eine Unterwasseraufnahme von Kleinfischen, ein frisch geborenes Rotwildkalb oder das Portrait einer Mauereidechse in der Pfalz.

Alles dies erläutert Kieling ausführlich und bietet somit eine Menge an Hintergrundinformationen über das entsprechende Wild, die konkrete Landschaft, seine Wanderrouten und das, was ihm hier und da am Wegesrand fast zufällig begegnet ist.

Von Helgoland über Mecklenburg, Brandenburg, Bayern, Ostsee und Berchtesgadener Land (und so manchem dazwischen) reicht dabei die Breite seiner Erforschungen und Eindrücke.

Alles in allem ein intensiver Eindruck vielfacher Lebensformen, der nie aufdringlich, sondern immer sympathisch und unterhaltsam im Buch bebildert und erläutert wird. Ein Buch, dem man die Freude Kielings an dem, was er tut, deutlich anmerkt.

50

11.06.2013

„Eine weise Hilfe zur Problemlösung”

Jedes menschliche Leben trifft auf Probleme. Je nach Schwere der Probleme (und innerer Befindlichkeit) werden diese dann im besten Falle als Herausforderung, im schlechteren Falle als schwere Belastung empfunden.
Wobei ebenso oft der Satz zum tragen kommt: „Es kommt doch anders, als man denkt“.
Trotz vielfacher Versuche des vorausschauenden Handelns, Kontrolle über das eigene Leben und den Ablauf der Dinge zu nehmen, trotz des Dranges nach Risikominimierung, immer wieder geschieht Unvorhergesehenes, stehen Probleme plötzlich (und oft drängend) im Raum.

Und ebenso oft ist dann eigentlich rasches Handelnd gefordert. Eine nicht allzu breit verbreitete Kompetenz unter Menschen.

Rabbi Nilton Bonder setzt genau dies zu seinem Thema. Rasch Handeln zu können, nicht gelähmt vor Problemen zu stehen und zugleich auch nicht überstürzt „irgendwie“ zu handeln (oder gar um sich zu schlagen, um dem Druck der Situation zu entweichen), sondern im Gegenteil unter Druck und rasch dann auch noch „klug“ handeln zu können.

Wobei Nilton Bonder nicht Rabbi wäre, ohne auf den „Schatz der Weisheit“ des Judentums bei seinen Betrachtungen zurück zu greifen. Das „Buch der Weisheit“ in der Bibel ist ja z.B. letztlich nichts anderes als eine Sammlung kollektiver Erfahrungen für ein „sicheres und problemlösendes“ (und –vermeidendes) Leben. In den Wirren und Stürmen des Lebens zu bestehen hat (nicht nur) im Judentum eine lange Tradition.

„Not macht erfinderisch ..... und was der Mensch erfindet, sind nichts anderes als Problemlösungen“.

Auch erfinderisch, was die eigenen, inneren Haltungen angeht. Eine Kunst, die Dinge auch aus anderen Perspektiven heraus zu betrachten, sich ein stückweit „neben sich selbst“ stellen zu können. Was im Judentum der „jiddische Kopp“ genannt wird.
Wie das geht und vor allem, wie wichtig, ja entscheidend es ist, in Problemen Perspektivwechsel rasch und sicher vorzunehmen, das fasst Rabbi Bonder in klarer, einfacher, humorvoller, warmer und faszinierend treffender Sprache und Inhalt im Buch zusammen.

Und führt den Leser damit mitten hinein in einen „anders als gewohnten“ Prozess der Problemlösung.
Nicht ständig wegweichen und sich ducken, sondern die Probleme kommen lassen können. Im Wissen und Vertrauen darauf, dass irgendwann dann eine „ kritische Masse“ erreicht ist. Ein Zustand, der einen „existentiellen Prozess“ im Bewusstsein auslöst. Ein rasantes und schnelles Überlegen nach Lösungen, die Frage, ob denn „das, was bisher als unmöglich erschien, wirklich unmöglich ist“. Lösende Perspektivwechsel also.

Ein sehr interessanter Ansatz ist es, den Bonder im Buch anbietet und den er unaufdringlich dem Leser schlüssig erläutert. Im Geflecht von Wissen, Verstehen, Weisheit und Glaube erschließt sich im Gesamten ein spannender Zugang zu einem Vertrauen auf die eigene Intuition und eine, vor allem, Schärfung dieser Intuition.
Eine sehr anregende und empfehlenswerte Lektüre.

buch

Bedroht

Hans Koppel

EUR 14,99 *
auf Merkliste

30

10.06.2013

„Gradlinig, aber auch vorhersehbar”

Eine „fatale Affäre“ steht zum wiederholten Mal nun im Raum und ist Thema dieses Buches. Wobei einen der Eindruck nicht ganz loslässt, dass hier der damalige Film mit Michael Douglas und Glenn Close mehr als nur einen Impuls gesetzt hat.

Selbst die eindrucksvollste Szene des Films, die „Wiederkehr aus der Badewanne“ taucht, natürlich in deutlich veränderter Form, doch aber ähnlicher Struktur, im Buch mit auf.
Wobei Koppel im Gesamten die Rollen vertauscht. Nicht ein Mann ist hier das Opfer einer „stalkenden Frau“, sondern eine eher nur mittelmäßig attraktive Frau, Teil der Redaktion eines „bunten Blattes“, wird bei einem wesentlich jüngeren, sehr attraktiven Mann, schwach.
Mehrfach. Im Übrigen.

Eine Schwäche mit Folgen, denn der Junge Mann hat eine „Vergangenheit“. Ist durchaus auch „Opfer“ (wobei dies nur angedeutet wird durch Dritte im Buch). Das aber mit Erik nicht zu spaßen ist, dass zeigen schon die wenigen, nüchternen Zeilen des Prologs.

Und so nimmt dieser Thriller seinen vorhersehbaren Verlauf eigentlich schon, bevor Anna, zufriedene Ehefrau und Mutter einer Tochter, nachts an die Zimmertür Eriks im Hotel klopft.

In klarer und gradlinige Sprache erzählt Koppel dabei seine Geschichte, fügt durchaus in sich überraschende Wendungen ein (die aber auf dem Hintergrund von bekannten Werken zu „fatalen Affären“ eben nicht mehr sonderlich überraschend wirken) und geht, in Teilen, durchaus nachvollziehbar auf das innere Erleben seiner Protagonisten ein.

Ein simpel strukturierter Ehemann, der nur beim Kauf eines neuen Wagens echte Leidenschaft zeigt. Eine durchaus zugewandte Ehefrau, bei der der Leser mitverfolgen kann, wie auch der nachlassende Respekt vor dem eigenen Mann den attraktiven „Anderen“ so verheißungsvoll in den Raum stellt. Ein Liebhaber, der in sich gefährlich instabil ist (gut getroffen in Teilen von Koppel) und eine Mutter, die für ihre Tochter in die Bresche springen will (mit gefährlichen Folgen).

Mitsamt zudem einer wachsenden Bedrohung für ein Kind, die Koppel nicht intensiv genug ausführt. Allein in diesem Motiv schon wäre wesentlich mehr an Spannung und Beklemmung darstellbar gewesen.

So verbleibt alles in allem ein durchaus unterhaltsamer, stringent vor sich hin verlaufender Thriller, der in den Hauptzügen seiner Geschichte in dieser Form schon mehrfach verarbeitet wurde und daher wenig überraschendes oder tief spannendes bereit hält. Eine durchaus solide Unterhaltung „für nebenbei“, aber keine mitreißende andere Gestaltung des Motivs einer „fatalen Affäre“.

50

10.06.2013

„Über „biographische Identitätsmodi“”

Zwar lassen sich die Reaktionen auf und die Folgen der Arbeitslosigkeit durchaus auch in Linien und Kategorien aufzeigen. Nicht jeder Fall ist völlig unterschiedlich von jedem anderen Fall. Dennoch aber, so das Ergebnis dieser Studie von Bernard Rogge, stellt sich die Umgangsweise mit einer Arbeitslosigkeit und die Folgen derselben für den Einzelnen Betroffenen in differenzierter Weise dar. Verallgemeinerungen in Form allzu grober Klassifizierungen treffen die Realität nicht.

Dies ist das Ergebnis, dass Rogge im Buch im Übrigen nicht aus abstrakten Überlegungen heraus generiert, sondern handfest aus der Praxis heraus, dem konkreten Befinden und den konkreten biographischen Daten von knapp 60 Personen heraus entwickelt.

Diese Sichtung und Ergebnisse der Fallbeispiele liegen seiner Reflektion und seiner „Theorie der biographischen Identitätsmodi“ zu Grunde.

Was genau kann bei einem „Statuswechsel“ geschehen? Folgt Ernüchterung und Resignation, Angst und Sorge oder werden konstruktive Kräfte freigesetzt, dem eigenen Leben eine neue Richtung und neuen Sinn zu geben? Ist der Verlust einer konkreten Arbeitsstelle der Beginn für einen Abstieg ins „Bodenlose“ oder eine Befreiung aus lähmenden Strukturen?

Alles trifft zu, soweit das Ergebnis der Auswertung Fallbeispiele. Je nachdem, welche konkrete Persönlichkeit in welchen konkreten Umständen ihre Arbeit erlebt und unter welchen konkreten Entwicklungen dieser verlustig ging.

In den Kernstücken der Studie, „Umstellung des Selbst“ (Statuswechsel als episodische, aber vertraute Beeinträchtigung des Selbst), „Verfall des Selbst“ (Erleben als schicksalhafte Katastrophe), „Transformation des Selbst“ (Arbeitslosigkeit als Bestandteil eines guten Lebens), Kampf um das Selbst“ (Arbeitslosigkeit als Drama mit ungewissem Ausgang), „Befreiung des Selbst“ (Arbeitslosigkeit als vorübergehende, aber erwünschte Freistellung) und deren Überprüfung im Blick auf soziale Ungleichheiten, Kontexte des Identitätsprozesses und der zeitlichen Dynamik dieses Prozesses, findet Rogge zu einer wesentlich differenzierteren Unterteilung der Reaktion auf und der Folgen von Arbeitslosigkeit.

„Identitätsmodi“, die konträre Reaktionen hervorrufen und sich wesentlich deutlicher in sich unterscheiden als die allgemeinen Vorurteile der Arbeitslosigkeit gegenüber vermuten ließen. Neben „Angst, Sorge, Abstieg“ oder „Eh keine Lust auf nichts mehr“ finden sich erkennbar mehr reale Reaktionsweisen des individuellen Umgangs mit einem „Statuswechsel“.

So ergibt sich in der Verbindung von Arbeitslosigkeit, dem Identitätsprozess und der psychischen Gesundheit einer Person eine Situationsbeschreibung, die sich einerseits in Typologien fassen lässt und andererseits das Betrachtungsfeld deutlich weitet, dies ist die Essenz dieser Studie unter dem „Schlüsselkonzept der qualitativen Datenauswertung“ als Kernmethode.

Verständlich und klar entfaltet Rogge seine Ergebnisse und bietet so einen tatsächliche Erweiterung dieses Feldes sozialer Forschung.

buch

The Doors

Greil Marcus

EUR 9,99 *
auf Merkliste

30

07.06.2013

„Musik - Geschichte”

Auch Marcus Greil kann sich nicht ganz davon freimachen, im Blick auf die Doors sehr intensiv um Jim Morrison zu kreisen, dem im Buch zumindest der „Abspann“ alleine gehört.

Das mag zudem zu Recht der Fall sein, denn ohne Morrisson gab es zwar noch „Rest-Doors“, aber diese lebten zum einen von den gemeinsamen Tagen und den „alten Liedern“ und wurden kaum mehr wirklich in der Breite wahrgenommen in ihrem späteren Schaffen.

Wobei eine völlige Fokussierung auf den Sänger und Texter der Doors, der Marcus Greil zum Glück auch nicht erliegt, am Gesamtwerk der Band vorbeigehen würde.
Denn sowohl der prägende Sound von Manzareks Orgel als auch das komprimierte Spiel der Gitarre durch Krieger und die sehr prägnante Rhythmik von Densmors Schlagzeug entfalten erst im Zusammenspiel den unverwechselbaren Sound und die bis heute bedeutsame Gesamtumsetzung von „The End“ oder „Light my fire“.

Der „Kernphase“ der Band geht Marcus Greil umfassend und kenntnisreich nach, von der Mitte der 60er Jahre bis zum Ende der 60er Jahre. Und legt dabei seinen Schwerpunkt tatsächlich auf die Musik und das Gesamtkunstwerk der Band. Natürlich reichen hier und da auch persönliche Entwicklungen, Abstürze, Einfälle im Blick auf die Bandmitglieder herein, aber das Besondere an dieser Biographie ist das nachvollziehen von Musik, Komposition, auch der Entwicklung einzelner Stücke, die Greil detailliert zu beschreiben versteht und auf die Unterschiede in den Variationen (und damit dem persönlichen Ausdruck durch die Band jeweils) präzise verweist.

„Light my fire“ gibt es eben in „Kurzform“ und in der 21minütigen Fassung Ende der 60er Jahre und dazwischen in so manchen „Darreichungsformen“, denen sich Greil ebenso widmet, wie er andere Lieder, Platten, kreative Phasen der Band beleuchtet.

Wer sich von den biographischen Daten und einer allzu intensiven „Innerlichkeit“ der Personen zu lösen vermag und sich tatsächlich vor allem der Musik der Doors nähern möchte, der ist mit dieser Band-Geschichte gut bedient. Das Umfeld, die Atmosphäre der Zeit, die innere Entwicklung der beteiligten Personen, dies aber kommt zu kurz und ist auch nicht klar nachzuvollziehen im Buch.

Um die Musik der Doors als “Gesamtpaket“ kennenzulernen und den Blick einmal an der vorherrschenden Gestalt Morrissons vorbei auf das Werk selbst zu lenken, das leistet das Buch durchaus.

buch

Resilienz

Christina Berndt

EUR 14,90 *
auf Merkliste

50

03.06.2013

„Kraft für das Leben”

Es ist gar nicht so einfach, den Begriff „Resilienz“ treffend zu übersetzen oder zu umschreiben.
Es geht um „Widerstandsfähigkeit“ ,aber nicht im Sinne einer einfachen Stärke, oder Coolness oder Ignoranz. Auch nicht um „ausgefahrene Ellbogen“ oder ein „Gehen über Leichen“.
Am ehesten trifft man den Begriff noch mit einem Verweis auf eine ausgeprägte „Nervenstärke“, die nichts mit einem gekonnten Bluff im Poker zu tun hat, sondern eine „in sich gewachsene“ Kraft darstellt, gerade mit den Unwägbarkeiten, den Risiken des Lebens einen konstruktiven Umgang zu finden. Eine „Hornhaut auf der Seele“, wie Berndt es ausdrückt. Die aber nicht undurchlässig und abkapselnd wirkt, sondern das Leben zulässt, um „daran zu wachsen“. Eben und gerade auch an den unglücklichen Situationen, an den stressreichen Erlebnissen.

Was genau ist diese „Stärke“? Wie drückt sie sich aus, wohin führt sie und, vor allem, wie kann man eine solche Stärke in sich entwickeln?
Das sind die Themen, denen sich Christina Berndt im Buch zuwendet. Auf verständliche und sprachlich eingängige Weise und mit einer klaren Gliederung, die vom Alltag her ihren Verlauf nimmt, die Folgen der Resilienz in diesem Alltag sehr praktisch orientiert an eingängigen Beispielen aufzeigt, um dann auf die „Quellen dieser Widerstandsfähigkeit“ zu sprechen zu kommen.

Dass eine Resilienz zu tun hat mit dem Umfeld, das der Mensch zunächst vorfindet und sich später selber schafft, dass Ursachen im Gehirn vorliegen und dort beeinflusst werden können, welche Rolle die Genetik spielt und dass auch die Haltung zur inneren Stärke und Resilienz epigenetisch durch Eltern mit geformt werden.

Natürlich ist es daher folgerichtig, dass Berndt vor allem eine Lanze für „starke Kinder“ bricht und aufzeigt, welche Faktoren Kindern zu einer Entwicklung hin zu einer Lebensstärke verhelfen. Aber auch für bereits Erwachsene ist eine solche Lebensstärke noch erlernbar, denn „Menschen können sich ändern“ in jeder Phase ihres Lebens.

All dies beruht auf ganz praktischen Beobachtungen, die Berndt von Beginn an im Buch anspricht. Die Zunahme von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Burn-Out. Die erkennbare Veränderung der Lebensumstände hin zu einer sehr fordernden und stressreichen Lebensweise. Trotz Wohlstands und geringer werdender körperlicher Belastung. Lebensumstände und Anforderungen, die eine Zuversicht benötigen, mit diesem Leben in seinen konstruktiven und belastenden Momenten umgehen zu können.

Durchaus einprägsam und eingängig öffnet Berndt hierbei im Buch den Weg für eine Darstellung jener Faktoren, die eine solche Widerstandsfähigkeit eröffnen und bietet Haltungen an, mit denen der Leser selber sich zum einen einzuschätzen lernt und zum anderen Wege finden kann, in sich selbst widerstandskräftiger zu werden.

Verständlich, klar gegliedert, praxisorientiert und das Thema der Resilienz von der Notwendigkeit, den Folgen für das Leben und den Quellen für diese Stärke her auf den punkt bringend. Lesenswert.

buch

Der verlorene Freund

Carlos María Domínguez

EUR 17,95 *
auf Merkliste

40

03.06.2013

„Ein komplexes Leben hinter einfacher Fassade”

Die schönen Künste, Malerei, Opern, dass ist die Welt von Waldemar Hansen. Ein genügsames, ruhiges Ruhestandsleben.

„Ich begann ihn regelmäßig zu besuchen, weil ich einen dieser einsamen Männer in ihm vermutete, die in Montevideo immer für Überraschungen gut sind“.

Einsam ein wenig ja, das ist Waldemar. Getrennt von seiner Frau, der Mutter seiner Tochter seit langem, sich sorgend um die Tochter all die Jahre, die allerdings seit geraumer Zeit erwachsen ist und in Italien lebt.

Aber noch anderes trägt dieser Waldemar in sich, wie allerdings der Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive Dominguez seine Geschichte erzählt, erst viel später feststellen wird. Nun ja, einige kleinere Ungereimtheiten, eine Reserviertheit was das Persönliche angeht, ein merkwürdiger Kamin in der Wohnung, dass fällt ihm bei seinen Besuchen schon auf, doch Waldemar geht nicht darauf ein. Allgemein, intellektuell, abstrakt sind die Gesprächsthemen der beiden älteren Herren bei ihren Treffen.

Und dann springt Waldemar einfach aus dem Fenster und stirbt. Beerdigung, die Tochter reist an, eine Schwester, mit der kaum mehr Kontakt bestand. Ein Geschehen, ein Leben, das keine Ruhe lässt, dass den Ich-Erzähler auf den Weg bringt, den Grund für das Geschehen, diesen Selbstmord, herauszufinden. Sicher auch wegen eigener, leichter Schuldgefühle, denn hätte nicht er als einzig regelmäßiger Kontakt etwas ahnen, sehen müssen?

So begibt sich der Protagonist des Buches auf eine Reise in die Vergangenheit, sucht die Familie, Bekannte Waldemars auf und dringt ein in ein Geflecht eines durchaus komplex scheinenden Lebens mit Tiefen. Und wird doch eine ganz einfache Lösung für all die Ereignisse finden. Aber kann er am Ende diese einfache Lösung glauben? Oder bleiben Fragen offen?

Geschickt verwebt Dominguez die Ereignisse dieses Lebens und zeigt vor allem auf, das hinter einer (jeder?) einfachen Fassade und scheinbar ganz klarer Verhältnisse eine verzweigte, mit dem Leben und anderen verwobene Welt zu finden ist. Diese innere Ebene der Motive, der gelebten Leben, der Spuren, die ein solches Leben hinterlässt und denen man auf Dauer nicht entkommen kann, das ist das eigentliche Thema dieses Romans.

In einer sehr verdichteten, auf den punkt gebrachten, äußerlich sachlich-ruhigen Sprache, die immer wieder an die Substanz der Personen rührt. Mit der Dominguez allein vom Sprachlichen her den Leser zu fesseln versteht. Selten versteht es ein Schriftsteller, mit eher wenigen, aber genau gesetzten Worten kräftige Bilder in den Raum zu setzen und das Innere einer Romanfigur mit ebenso knappen und präzisen Sätzen wie in einem stetigen Fluss auszuleuchten. So dass sich Motive und Lösungen von Fragen nicht immer ganz geklärt auf der Faktenebene, wohl aber im inneren Verständnis Waldemars durch den Leser zweifelsfrei ergeben.

Sprachlich, im Erzählrhythmus und in der Offenlegung des Inneren der Personen ein sehr treffendes, lesenswertes Buch.

50

03.06.2013

„Zwischen Tod und neuem Leben”

„Diese Geschichte aufzuschreiben ist auch eine Läuterung für mich. Ein reinigender Akt. Wie kann man den Dingen ausgesetzt sein, denen ich ausgesetzt war, ohne von ihnen verfolgt zu werden?“

Einer, der schon bei der Verlegung in den Hochsicherheitstrakt in Tucker „gefängnisalt“ war. Einer, eigentlich, der schon eigentlich bevor er hinter Schloss und Riegel, dann in den Todestrakt geriet, ein hartes Leben erlebt hatte.

Und einer, der den Leser von der ersten Seite bis zum letzten Wort daran gemahnt, was eigentlich mit all jenen ist, die vielleicht ein ähnliches Schicksal wie er erlebt haben, ohne den Erweis der Unschuld kurz, bevor alles zu spät gewesen wäre? Im eigentlichen Sinne ist das Buch kein Plädoyer gegen die Todesstrafe, sondern eine mitreißende und emotional mitnehmende Lebensgeschichte. Dennoch aber stellt sich die Frage immer wieder und im Hintergrund deutlich, ob nicht auch nur ein falsches Urteil dazu führen müsste, diese unsägliche „Strafe“ endgültig und überall abzuschaffen.

Daneben aber bietet Echols in ganz einfacher, treffender Sprache einen intensiven Blick auf sein gesamtes Leben, auf die 18 Jahre nach seiner Verurteilung im Gefängnis, in denen eine ganz andere Innerlichkeit, ganz andere Regeln, ein „Tag für Tag“ einfach nur dahingleiten sehen und lassen und, daneben, auf die Zeit vor allem nach Erweis seiner Unschuld und sich dem zuwenden, as für den großen Rest der Bevölkerung der „einfache Alltag“ ist. Für Echols aber eine andere, chancenreiche Welt.

Beginnend aber bereits bei der Härte seiner Kindheit, der Aggression seines bigotten Stiefvaters Jack, der zwar nur selten unverhohlen gewalttätig wurde, aber eine Atmosphäre beständiger Bedrohung um die Familie und vor allem Damien herum schaffte.

Nicht unbedingt absolut zwingend sieht Echols seine Entwicklung, wohl aber fügt er viele Puzzlesteine zusammen, die ihn in jene Situation brachten, in der er 18 Jahre hinter Gittern verbrachte. Ohne daran Schuld zu tragen, im Übrigen. Eine Zeit, für die „keine spirituelle Übung“ eine Hilfe war, in der echte Gespräche nicht möglich waren und nur Dumpfheit das Leben beherrschte.

Bis dann dahin, wie er nach seiner Haftentlassung tatsächlich auch innere Freiheit entfaltete, Unterstützung auch von Fremden erhielt, seinen Weg Schritt für Schritt nicht nur in äußerer, sondern auch innerer Eigenverantwortung unter die Füße nahm. Mit einer inneren Kraft und Haltung, die sich nicht entwickelt hat „trotz“ seiner Jahre im Gefängnis, sondern „durch“ diese Zeit. Der er nicht nachkartet, auch wenn er das System drastisch von Innen zu beschrieben versteht. Sondern das er im Buch einfließen lässt als Teil seiner eigenen, wichtigen Entwicklung.

Ein kraftvolles Buch, ungekünstelt geschrieben und ohne Pathos berührend. Und nicht zuletzt ein Buch über die (lebens-) rettende Kraft der Liebe.