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Xirxe aus Hannover Top 100 Bewerter

Gesamte Bewertungen 274 (ansehen)


Über mich:
lese und lese und lese....und trotzdem gibt es noch immer zu viele Bücher die ich nicht gelesen habe.

Meine Bewertungen

Dystopie mit Hoffnung

Xirxe aus Hannover , am 10.02.2016

Der zweite Teil dieser Dystopie beginnt nahtlos dort, wo der erste endete, was es für NeueinsteigerInnen etwas problematisch machen dürfte, der Geschichte ohne Verständigungsschwierigkeiten zu folgen. Während im ersten Teil ausführlich die Gesellschaft wie auch die Entwicklung der Personen beschrieben wurde, ist man zu Beginn von NOX - Anderswo sofort mitten in der Geschichte. Die früher engen Freunde Lucen und Gerges stehen nun auf entgegengesetzten Seiten, wobei Gerges Lucen nichts sehnlicher als den Tod wünscht. Lucen muss aufgrund einer Intrige sechs Monate in den verseuchten Wäldern arbeiten, bevor sein Todesurteil vollstreckt wird, während seine schwangere Freundin versucht, sich und ihr Kind zu retten. Ludmilla, das Mädchen aus der Oberstadt, findet sich plötzlich in Dinge verwickelt, die sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringen.
Während das erste Buch den Schwerpunkt auf die Entwicklung der Hauptpersonen legte, geht es nun ums nackte Überleben. Die obere Gesellschaft gegen die untere, die Mächtigen gegen die Machtlosen, die Starken gegen die Schwachen. Wer das Pech hatte, auf der falschen Seite geboren worden zu sein, muss sehen wo er/sie bleibt. Gerechtigkeit gibt es nicht und Solidarität herrscht bei den Meisten nur innerhalb ihrer eigenen Gruppe. Ob Ähnlichkeiten zur aktuellen Weltlage gewollt sind - wer weiß.
Wie schon zuvor erzählen die Hauptpersonen stets abwechselnd das von ihnen Erlebte, wobei die Überschneidungen hier deutlich geringer sind als im ersten Teil, was sicherlich den auseinanderstrebenden Lebenswegen geschuldet ist. Zu den bisherigen drei Protagonisten ist noch Firmie, die Freundin Lucens, hinzugekommen, die wie die Anderen ziemlich kühl und sachlich berichtet. Selbst die größten Ängste und Schmerzen werden beinahe emotionslos mitgeteilt, was mir beim Lesen immer wieder merkwürdig vorkam. War das im ersten Teil auch so? Vielleicht gab es dort aber auch einfach weniger solcher Situationen.
Insgesamt ist dieses Buch sicherlich fesselnder als der erste Band, dennoch gefiel mir jener besser. Es gibt einfach viele Dinge, die mir zu gewollt waren: junge Mädchen morden von jetzt auf gleich; ein brutaler Vater wandelt sich beinahe ins Gegenteil; am Ende Gedanken an Brüder, die die 300 Seiten vorher nie ein Thema waren; Happyend für Alle usw. So bleibt es bei einer Dystopie, die mit viel Potential begann, das zum Ende hin jedoch bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft wurde.

NOX. Anderswo
von Yves Grevet
(2)
Buch 14,95

Georgien - wo der Mensch an erster Stelle steht

Xirxe aus Hannover , am 08.02.2016

Dieses Buch ist nicht ganz einfach zu beschreiben, denn so richtig viel Handlung gibt es nicht. Der Ich-Erzähler Slims, der in der georgischen Hafenstadt Batumi lebt und als Anwalt im Seerechtsministerium arbeitet (und seit Monaten kein Gehalt mehr erhalten hat), träumt davon, seinem geliebten Heimatland zum Aufschwung zu verhelfen: keine Korruption mehr, ständig verfügbare Elektrizität, regelmäßige Gehaltszahlungen usw. Er schreibt Briefe an Hillary Clinton und erhält daraufhin eines Tages tatsächlich eine Einladung in die USA, um sich in puncto Wirtschaft weiterbilden zu können. Doch alles läuft anders als geträumt...
Der überwiegende Teil des Buches beschreibt mehr die Gesellschaft Georgiens und seiner Bewohner als dass er einer wirklichen Handlung folgt: Es ist wirr, chaotisch, liebenswert ;-) Die genannte Handlung hangelt sich eher an einem dünnen sogenannten roten Faden entlang, der als Anlass genommen wird, weitere Beschreibungen einfließen zu lassen. Obwohl die Autorin Amerikanerin ist, gelingt es ihr meiner Meinung (ich kenne das Land nicht - leider, muss ich nach der Lektüre schreiben) sehr überzeugend, die Atmosphäre Georgiens wie auch das Besondere seiner Bewohner darzustellen. Sie lieben ihr Land - aber die Menschen noch viel mehr. Alle versuchen sich auf irgendeine Art und Weise durchzumogeln, meist mit nicht ganz legalen Mitteln, doch immer wird auch an die Anderen gedacht. Es ist ein stetes WIR, das in Georgien existiert - das ICH des Westens kennt man nicht. Für Gäste wird einfach Alles aufgefahren, sodass diese denken müssen, die Georgier leben im Überfluss.
Der Tonfall ist durchweg vergnüglich, wobei dieses Wort vermutlich falsche Erwartungen erweckt. Es ist ein unglaublich trockener Humor, mit dem beispielsweise auf Missstände hingewiesen wird und die Pointe dann schon fast wie ein Lamento klingt, ohne dass dieses wirklich ernst gemeint ist. Oder er kommt sehr unterschwellig oder auch völlig absurd daher - diejenigen, die das Offensichtliche lieben, werden mit diesem Buch nicht ganz so viel zu lachen haben.
Ich habe mich hingegen gut amüsiert, auch wenn Vieles in der Realität bestimmt nicht zum Lachen ist. In jedem Fall hat es mich sehr sehr neugierig auf Georgien bzw. auf seine Menschen gemacht. Denn wie ich in einem Reiseführer nachlesen konnte, wurden deren Beschreibungen nicht übertrieben. Unglaublich - aber ich denke, davon muss ich mich selbst überzeugen. Georgien, ich komme!

Im Himmel gibt es Coca-Cola
von Christina Nichol
(6)
Buch 22,00

Verlorene Träume...

Xirxe aus Hannover , am 08.02.2016

Himmel, hatte ich Probleme mit diesem Buch! Dreimal habe ich angefangen und war kurz davor, es endgültig zur Seite zu legen. Doch beim letzten Versuch begann ich, es mir selbst laut vorzulesen. Über 50 Seiten - und dann war ich drin. Endlose Sätze, die kein Ende haben und immer weiter führen. Keine echte Handlung, vielmehr Gedanken, Erinnerungen und Ortsbeschreibungen der jeweiligen Personen, die (zahlreich) immer wieder wechseln, wobei zwei Männer sich als Hauptfiguren herausbilden. Durch das laute Lesen entwickelte ich ein Gefühl für diesen Stil, der sich mir in den meisten Fällen als Selbstgespräche darstellte, die doch meist auch so ablaufen: sprunghaft, unvollständig, selten stringend an einem roten Faden entlang. Als leicht zu lesen empfand ich es zwar noch immer nicht, doch ich konnte diesen 'Gedankenflüssen' nun wesentlich besser folgen als zuvor.
Was die Personen in diesem Buch verbindet, ist der Rückblick in ihre jeweilige Vergangenheit, die geprägt waren von Idealen, Utopien, revolutionären Ideen und dem Blick auf ihr Leben jetzt: Was ist geblieben von damals? Warum? Oder besser: Warum nicht? Auch die beiden Hauptfiguren, Jochen und Sylvester, erfolgreiche Geschäftsmänner, beschäftigen sich damit auf ihre jeweils eigene Weise. Sylvester ist der abgebrühtere der Beiden, der der Vergangenheit nur wenig Aufmerksamkeit schenkt und stets nur das beste Geschäft sucht. Für ihr folgt das Leben einem vorgegebenen Plan. Doch immer wieder träumt er von der Studentin Allison, der er als junger Mann begegnete und die ihn mit ihren politischen Aktionen nachhaltig beeindruckte. Jochen hingegen, der sich in einer Umbruchphase befindet, beschleichen dagegen wiederholt Zweifel an seinem Tun ("Wer weiß, wo man angekommen wäre, hätte man vor allen Entscheidungen eine Münze geworfen und sich ohne Überlegung jedes Mal der Wilkür von Kopf oder Zahl unterworfen,..."). Mit sich im Reinen sind lediglich die, die ihren Vorstellungen und Träumen mehr oder weniger treu geblieben sind, auch wenn Geld in deren Leben keine unwichtige Rolle spielt.
Auch wenn es sehr gewöhnungsbedürftig und anstrengend zu lesen ist, vermittelt dieser besondere Schreibstil einen glaubwürdigen Einblick in die Gedankenwelt des 'Romanpersonals'. Dass Karriere und Erfolg allein einem Leben nicht unbedingt Sinn verleihen, wusste man vermutlich schon vor dem Lesen, doch wird es einem hier nochmals überzeugend vor Augen geführt.

Das bessere Leben
von Ulrich Peltzer
(1)
Buch 22,99

Leben in der Sperlingsgasse - im 19. Jahrhundert

Xirxe aus Hannover , am 21.12.2015

Wilhelm Raabe lässt in 'Die Chronik der Sperlingsgasse' einen älteren Mann von seinem Leben und dem der Menschen die ihn in dieser Gasse umgaben, erzählen, während er zeitgleich aktuelle Erlebnisse miteinbezieht. Es ist keine chronologisch verlaufende Geschichte, von der hier berichtet wird, stattdessen lässt sich Wachholder (so sein Name) vom Moment inspirieren, etwa beim Blick aus dem Fenster auf die Sperlingsgasse oder wenn er alte Aufzeichnungen durchsieht.
Das Geschehen, sowohl vergangen wie auch gegenwärtig, ist nichts Aufsehenerregendes. Es geht um eine unglückliche Jugendliebe, eine dennoch fortdauernde Freundschaft, ein Kind, das Wachholder anvertraut wird und dessen Erwachsenwerden er begleitet. Naturerlebnisse werden beschrieben wie auch Ereignisse bei der Arbeit und in seiner Umgebung. Nun mögen Manche fragen, ob es sich überhaupt lohnt diese Chronik zu lesen. Ich kann nur schreiben: Ja! Denn Raabe gelingt es, in diese so alltäglichen Geschichten das ganze Weltgeschehen miteinfließen zu lassen, ohne dass man sich dessen groß bewusst wird. Für seine Zeitgenossen mag dies offensichtlicher gewesen sein als für uns, mehr als 150 Jahre später. Doch die recht umfangreichen Erläuterungen und insbesondere das schöne Nachwort von Joachim Bark helfen hierbei weiter, wobei ich persönlich Manches aus dem Nachwort noch lieber in den Erläuterungen vorgefunden hätte. Sei's drum, in jedem Fall erhält man durch das Lesen dieses Büchleins einen weitaus tieferen Einblick in die Verhältnisse dieser damaligen Gesellschaft als man das auf den ersten Blick vermuten würde.
Und nicht ganz unerheblich: Gut geschrieben ist es zudem. Zu Beginn mag es für unsere heutigen Ohren etwas ungewöhnlich klingen, doch ich war bald mit Wachholders bzw. Raabes Erzählstil vertraut und freute mich an seinen bildhaften Beschreibungen ebenso wie an seinen humorvollen und auch selbstironischen Sätzen. Gelegentlich geraten sie vielleicht etwas ausschweifend, sodass ich Manches zweimal lesen musste, doch es ist der Mühe wert.
Schade, dass dieser Klassiker fast schon vergessen scheint und deshalb ist es umso schöner, dass der Alfred Kröner Verlag dieses Frühwerk in einer kleinen und feinen Ausgabe mit blauem Leineneinband herausgebracht hat. Neben den Erläuterungen und dem Nachwort ist das Ganze noch mit diversen Zeichnungen von Raabe versehen - eine wirklich schöne Ausgabe, die auch noch lesenswert ist ;-)

Die Chronik der Sperlingsgasse
von Wilhelm Raabe
(1)
Buch 14,90

Winston auf Verbrecherjagd mal 2 - und das an Weihnachten!

Xirxe aus Hannover , am 14.12.2015

Das ist mein zweites Abenteuer mit Kater Winston und seinem Sprecher Oliver Kalkofe - und wieder ist es spannend und witzig zugleich. Winston ist ein etwas überheblicher, im Herzen aber liebenswerter Kater, der für die von ihm verehrte Katzendame Odette, aber auch für seine Freunde alles tun würde. Dieses Mal muss er sogar zwei Verbrechen zugleich aufklären - und das auch noch kurz vor Weihnachten! Aber natürlich hat er die Unterstützung seiner Freundin Kira und den Muskeltieren (seinen Katzenfreunden).
Es ist ein wirklich wunderbar kindgerechter Katzenkrimi, der in der Hörbuchform von Oliver Kalkofe toll umgesetzt wird. Winstons Sprache ist gut verständlich und zu meiner Freude werden an den Menschen angepassten Ausdrücke liebevoll in Katzenform gebracht ;-) (Zum Beispiel statt Handvoll Pfotevoll oder pfotenwarm statt handwarm). Auch ist Winstons Verständnis der menschlichen Lebensweise immer wieder zum Kringeln, beispielsweise wenn er seine Definition von Weihnachten darstellt (wobei - so ganz falsch liegt er ja nicht damit ;-)) oder sich Gedanken über die Aufgaben einer Püschologin macht.
Kinder werden bei diesem Abenteuer sicherlich viel Freude haben (Erwachsene übrigens auch ;-)) und mit großer Wahrscheinlichkeit mehr von Winston hören wollen. Vier Sterne sind es 'nur', weil mir Cathlen Gawlich als Sprecherin einfach noch besser gefällt als Oliver Kalkofe. Zwar mag ich seinen Winston wie auch Babuschka und Sandro sehr, aber die anderen Figuren gehen beinahe etwas unter. Doch das ist Mäkeln auf sehr hohem Niveau ;-)

Winston 04 - Im Auftrag der Ölsardine
von Frauke Scheunemann
(1)
Hörbuch 14,99

Wiedersehen mit alten Bekannten

Xirxe aus Hannover , am 07.12.2015

Wer die beiden Vorgängerromane von Zafón 'Das Spiel des Engels' und 'Der Schatten des Windes' gelesen hat, wird hier bald auf bekannte Namen stoßen. Daniel Sempere und David Martín spielen eine wichtige Rolle, doch zum Verständnis ist das Lesen der anderen Bücher nicht vonnöten, vielleicht erhöht es den Lesegenuss ein bisschen.
Wieder spielt die Geschichte im Barcelona vergangener Zeiten, in den Jahren 1957/58 und von dort mit Rückblicken in die Zeit des Franco-Regimes. Als Daniels bester Freund heiraten will, muss er seine Vergangenheit offenbaren, die intensiver mit der Daniels verbunden ist als dieser weiß. Und gleichzeitig taucht ein unheilvoller Bekannter aus jener Zeit auf - Zufall? Es geht um Liebe, Verrat, Betrug, Macht und Geld. Und wie bei Zafón üblich, ist alles miteinander verbunden und verworren, der Rückblick offenbart nur einen Teil der Wahrheit.
Doch gegenüber den beiden anderen Büchern ist diese Geschichte deutlich kürzer gefasst, auch wenn das Taschenbuch mit mehr als 400 Seiten angegeben wird. Wäre die Schrift nur etwas kleiner und das Format nur geringfügig größer, hätten 250 Seiten vermutlich vollauf genügt. So fehlt dem Ganzen jedoch der Umfang zu einem richtigen Schmöker: Kaum ist man dabei ganz und gar in die Geschichte einzutauchen, vollzieht sich ein Wechsel in eine andere Richtung. Keine Frage, das Buch ist voll mit überraschenden Wendungen und unterhält die Lesenden bis zum Ende ohne jede Schwierigkeit. Doch zum wirklichen Schmökern fehlt die intensive Darstellung der einzelnen Bereiche. Vieles wird angerissen, manches auch geklärt, doch allzu viele Frage bleiben offen. Stoff für einen Folgeband? Das wäre schön, wenn dieser wieder die Opulenz der ersten beiden Barcelona-Bände hätte.
So schwanke ich zwischen drei und vier Sternen - und vergebe dann doch vier, da es in jedem Fall eine gute, wenn auch nicht ganz befriedigende Unterhaltung ist.

Der Gefangene des Himmels
von Carlos Ruiz Zafón
(1)
Buch 12,00

Familie und die Sonne - je weiter weg, desto besser (aus Mexiko)

Xirxe aus Hannover , am 28.11.2015

So in etwa ist Frank Mackeys Einstellung zu seinen nächsten Verwandten, die er bis auf seine Schwester Jacky seit 22 Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch dann erhält er einen Anruf von ihr, der ihn zurückkehren lässt - und alles, was er längst vergessen glaubte, taucht mit einem Mal wieder unmittelbar vor ihm auf. Das Arme-Leute-Viertel am Faithful Place in Dublin, der jähzornige alkoholabhängige Vater, die stets schimpfende und alles bestimmende Mutter - und seine erste große Liebe Rosie, die ihn völlig unvorbereitet ohne jeden Grund verlassen hat. Ein Verlust, den er noch immer nicht wirklich verkraftet hat.
Auch wenn sich dies nun nicht so liest - es ist ein Kriminalroman. Zwei Tote und die Suche nach einem möglichen Täter stehen im Mittelpunkt, doch darum herum schlingen sich die Geschichten von Franks Kindheit und Jugend und die Beziehung zu seiner Familie in einer Intensität, dass es auch für zwei weitere Bücher gereicht hätte :-) Frank schildert seine Vergangenheit in der Ich-Perspektive derart deutlich und detailliert, dass ich diese Zeit förmlich mit ihm durchlebte. Die Beengtheit der Verhältnisse; die Bigotterie in der Familie; das stets nach aussen zu wahrende Gesicht, obwohl jeder wusste, wie es daheim zuging; die Lieblosigkeit und Kaltherzigkeit der Mutter; die fortwährende Angst vor den Ausbrüchen des besoffenen Vaters - ich litt mit Frank und freute mich, wenn es mal die Gelegenheit dazu gab; ich tauchte förmlich in diese Familie hinein. Vielleicht weil Vieles dieser Zeit (der 80er) so vertraut wirkte: die Musik, die Kleidung, die Art sich zu geben. Offenbar ähneln sich solche Dinge auch über Ländergrenzen hinweg. Oder es ist schlicht der gute Schreibstil Tana Frenchs, der die Figuren und das Drumherum so lebendig wirken lassen - ich weiss es nicht. Ich konnte mich auf jeden Fall kaum lösen von diesem Buch und habe es aufrichtig bedauert, als es zu Ende war.
Was ich nicht unerwähnt lassen möchte: Fast nebenbei werden noch große Fragen des Lebens aufgeworfen. Wie weit muss Verantwortung gehen? Muss ich den Erwartungen Anderer gerecht werden? Was kann ich von Anderen erwarten?
Alles in allem ein richtig tolles Buch, das einen nicht so schnell wieder loslässt.

Sterbenskalt
von Tana French
(6)
Buch 9,99

Spannender aber auch beklemmender ScienceFiction-Krimi

Xirxe aus Hannover , am 24.11.2015

Tom Hillenbrand, den ich bisher als Autor mehrerer unterhaltsamer 'Küchen'krimis kannte, beweist mit diesem düsteren Zukunftsszenario dass er auch anders kann: spannend und durchaus beängstigend, nichtsdestoweniger aber ebenso unterhaltsam wie seine bisherigen Bücher.
In der von ihm entworfenen Zukunft, Mitte des 21. Jahrhunderts, sieht es nicht sehr schön aus für die meisten EU-Bürger: der Klimawandel stellt sich als mehr oder weniger fortwährender Regen dar, weite Teile Europas liegen unter Wasser; die Überwachung der Einzelnen rund um die Uhr und überall ist fast vollkommen. Dennoch kommt es noch zu Straftaten und so wird Europol-Ermittler Aart zu einem Tatort gerufen: ein EU-Parlamentarier wurde ermordet auf einem Feld gefunden. Scheinbar keine allzu schwere Aufgabe, denn dank umfangreicher Bewegungsdaten und einem entsprechenden Fahndungsrechner bleibt nichts unentdeckt. Doch Aart stößt auf Merkwürdigkeiten: Sollten Datenspuren manipuliert worden sein?
Hillenbrand gelingt das Kunststück, eine Welt zu präsentieren mit vielen unbekannten Dingen, in der man sich jedoch schnell zurechtfindet, ohne dass er sie explizit erklären lässt. Stattdessen ergibt sich dies beiläufig in Gesprächen oder Aktionen der handelnden Personen, ebenso wie man in Kenntnis gesetzt wird über die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der letzten 100 Jahre. Vielleicht fällt es aber auch deshalb so leicht, weil es letzten Endes eine Fortschreibung der Entwicklung darstellt, die sich in unserer Gegenwart bereits abzeichnet: die vorangetriebene Vernetzung aller Dinge und Menschen; die damit verbundenen Überwachungsmöglichkeiten; der Klimawandel; die Verknappung von Rohstoffen und damit einhergehende Unruhen undundund. Vieles findet sich in diesem Buch, was den Ursprung wohl in unseren Zeiten hat. Und es sind keine schönen Aussichten, was daraus vielleicht werden könnte.
Und doch ist dies nur der Hintergrund vor dem sich ein Kriminalfall abspielt, der zwar erstmal sehr sciencefictionmäßig wirkt, jedoch beim Lesen immer wieder Gedanken hervorruft wie: "So weit entfernt ist das doch nicht..." oder "Das gibt es doch schon, oder?". Spannend, aber auch erschreckend. Insbesondere jetzt nach den Ereignissen in Paris, nach denen im Namen der Sicherheit die Freiheit wohl als Erstes dran glauben muss.
Fast hätte ich noch den Vorleser vergessen ;-) Uve Teschner macht das richtig gut, selbst die Frauenstimmen waren gut zu unterscheiden, ohne dass er sie in irgendeiner Form nachmachte. Eine andere Tonlage und Akzentuierung - ich hatte die unterschiedlichen Personen immer vor Augen.

Drohnenland
von Tom Hillenbrand
(2)
Hörbuch 19,99

Die geheimen Gedanken der Boysens

Xirxe aus Hannover , am 18.11.2015

Gerade mal viereinhalb Tage umfasst dieses Buch, doch in dieser kurzen Zeit lernt man die Mitglieder der Familie Boysen recht genau kennen. Und erfährt vielleicht mehr über sie, als sie selbst voneinander wissen.
Der Anlass für ihr Zusammentreffen im Haus Tide ist eigentlich ein trauriger, der sich letztenendes aber als amüsant herausstellt. Mutter Inge wird von ihrer Schwiegertochter Kerrin für tot gehalten und so informiert sie umgehend die drei Geschwister ihres Mannes Enno, die bis auf Sohn Boy sofort anreisen. Selbst Kerrins und Ennos Adoptivtochter Inka fliegt aus ihrem Auslandsaufenthalt in St. Petersburg zurück, wenn auch widerwillig (glücklicherweise passt der Anlass zu ihrer neu entdeckten Liebe zum Gothic Style ;-)). Doch es ist ein Fehlalarm - glücklicherweise. Mutter Inge schlägt wieder die Augen auf und freut sich, als sie fast all ihre Lieben, wenn auch verspätet, doch noch zu Weihnachten um sich hat. Doch die Freude währt nicht allzu lange. So gut wie alle tragen ihr mehr oder weniger großes Problempäckchen mit sich, die durch den durch einen Schneesturm zwangsweise verlängerten Aufenthalt nach und nach 'ausgepackt' werden.
Grundtenor des Buches scheint das nicht gelebte Leben zu sein; Wünsche und Träume, die zugunsten Anderer zurückgestellt oder schlicht als nicht realisierbar abgehakt wurden. Doch irgendwann holen sie einen ein und nun ist es wohl so weit. Allzu viel Handlung sollte man nicht erwarten, der Großteil der Geschichte spielt sich entweder in inneren Selbstgesprächen oder Dialogen ab, ausser der Zeit treibt nichts die Handlung voran. Ich empfand dies nicht als Nachteil, da zumindest zu Beginn vieles sehr humorvoll geschildert wurde und die Familienmitglieder mit liebenswerten Schrulligkeiten aufwarten. Doch der Humor lässt leiderleider nach und die Probleme der einzelnen Personen nehmen überhand, sodass für mein Empfinden zunehmend die Glaubwürdigkeit der Handelnden darunter zu leiden begann. Zwar versöhnte mich der Schluss (der nur vorübergehend sein soll ;-)) des Ganzen, doch so richtig begeistern konnte mich die Familie nicht mehr.
Alles in allem eine durchwachsene Lektüre mit durchaus schönen Momenten, die hoffen lassen, dass der zweite Teil sich in manchen Dingen etwas zurücknimmt - manchmal ist weniger mehr ;-)

Wintergäste
von Sybil Volks
(24)
Buch 14,90