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Name:
Buechermaxe Top 100 Rezensent
Ort:
München
Rezensionen:
416 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 293

nicht hilfreich: 156

Rang:
61
Über mich:

habe beruflich mit dem Thema Buch zu tun ... und lese sehr viel und gern. Ich freue mich auch auf eine Email, gerne mit Anregungen, Hinweisen, Kritik usw.

Buechermaxes Rezensionen

50

12.12.2007

„Türke Ali ganz unten – Günter Wallraff ganz oben!”

Günter Wallraffs Buch Ganz unten ist ein Klassiker, ja inzwischen Weltliteratur im Bereich des sozialkritischen Journalismus. Was Günter Wallraff hier leistete (und es auf vielen anderen Feldern noch heute tut), ist unüberholt und sucht nach wie vor seinesgleichen. Durch ihn – man kann es ohne Scheu und in aller Überzeugung sagen – ist diese Republik, diese Demokratie auf deutschem Boden besser geworden, als sie ohne ihn hätte sein können.

Und – was mich bis heute verblüfft – das Buch hat an seiner Aktualität (fast) nichts eingebüßt. Oder seine Aktualität ist noch um Einiges gestiegen in diesen Zeiten, in denen die Menschen ihren Platz und Ort in einer Welt der Globalisierung erst noch finden müssen. Dieses Buch ist daher in jeder Weise so hoch engagiert, wie es schon immer war – und vor allem lesenswert!

2 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

30

12.12.2007

„Eine Gesellschaft wird besichtigt – Zustände, Bedingungen, Entwicklungslinien”

Stephan Grünewalds Versuch einer Nabelschau der Deutschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der Versuch, den Status quo ihrer Selbstbefindlichkeit in der modernen Zivilisation und die auf dieser Basis möglichen Entwicklungslinien zu skizzieren. Er hat dazu ca. 20.000 Personen systematisch empirisch befragt und versucht, ein repräsentatives Bild eines 85 Millionen Volks zu zeichnen. Dass hierbei nicht unbedingt ein in jeder Weise ausgefeiltes, gleichmäßig konturiertes und stimmiges Bild herauskommt, dass nicht jede mögliche und zusätzliche sinnvolle Fragestellung zum Zuge gekommen ist, kann eigentlich nicht verwundern. (Aber ich würde deshalb noch nicht von einem populärwissenschaftlichen Werk sprechen.)

Gefallen an dem Buch, ja hoch interessant an ihm für mich war, dass es Grünewald schafft, in scharfen Worten und Bildern die Voraussetzungen der Deutschen in der modernen Zivilisation zu umreißen, ihren Verlust an Visionen, die Religion als Ersatz und die Angst vor der Wirklichkeit, die einen echten Zukunftsoptimismus schwierig macht. Um so neben der Beschreibung der Symptome eine Diagnose der Ursachen zu geben, empirisch abgesicherte Hinweise zu den modernen Grundlagen aus Geschichte, Gesellschaft, Soziologie und Politik, die begünstigten, was sich inzwischen ergab, und andeuten, was geschehen kann.

Gut, am Ende – weil Grünewald Aufbruchsstimmung beim Leser provozieren will – zitiert er einen Harry Potter herbei. Aber mir scheint das nur ein Bild zu sein, ein Sinnbild oder Allegorie, um sozusagen am Ende des Buchs nicht zur Pythia des Orakels von Delphi werden zu müssen. Denn Grünewald ist klug genug und erkennt, dass er als ernsthafter empirischer Forscher sagen will, nicht sagen kann, was kommen wird, wie es viele populär-wissenschaftliche Autoren so gerne tun, um den Leser das Gruseln – oder Staunen über die Weisheit des Autors – zu lehren. Insofern bleibt Grünewalds Buch anstrengend, informativ, aber im entscheidenden Moment ausreichend zurückhaltend. Und überlässt dem Leser das Weiterdenken.

30

30.11.2007

„Strophen für übermorgen und welche Ewigkeit?”

Durs Grünbeins neuer Gedichtzyklus „Strophen für übermorgen“ nennt der Verlag ein Buch des Übergangs und der Verwandlungen, eine Anverwandlung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sehr wandlungsfähig sind Grünbeins Metrik und Strophenformen. Er findet sehr viele Ausdrucksformen und Kombinationen dafür aus der reichen Geschichte der Poetik und sucht sie in einer modernen Sagweise dem zeitgenössischen Bedürfnis nach einer lyrischen Sprache in schnelllebiger Zeit anzupassen. Auch ungewöhnliche Reimungen sind dabei , Reimformen, die modern anmuten, es vielleicht sind, aber dem, der sie liest, der sie lyrisch sprechen oder singen will, ungewöhnlich und schwer von den Lippen gehend oder einfach nur ungewöhnlich bleibend (z.B.: Wiege – Fliegen; u.a.).
Aber das Buch ist in den Bildern und Geschichten, den Gemälden und Ereignissen, die es in lyrischer Sprache ausbreitet, vor allem ein Buch des Erinnerns. Es erinnert an eigene, konkrete Erfahrungen von des Autors Berliner Zeit, seiner Wahrnehmung von Trennung und Gemeinsamkeit, vom gesellschaftlichen Stillstand und vom politischen Wandel; bis hin zur Sehnsucht nach dem anderen und nach der Überquerung der Alpen, immer auf der Suche, einer tragischen Selbstversicherung in der Ahnung einer neu entdeckbaren Antike, einer neu anzuverwandelnden Liebes- und Lebensstudie – bildlich, ja sinnbildlich beschworen in einer versprochenen Symbiose der drei Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Insgesamt scheint mir, dass der Verlag viel verspricht, sehr viel, was der Lyriker kaum einlösen kann: der Reichtum der Bilder, der Disparatheit der Metrik, des Sprachgestus, der offenen und geöffneten Formen macht es schwer, all diese Erwartungen zu bedienen. Ich hatte manchmal den Eindruck, weniger könne mehr sein; dass die Beschränkung den Reichtum ausgemacht hätte. Aber in einer Zeit, in der Lyrik sowieso beim Leser einen schweren Stand hat, wird man auch in der Lyrik mehr Vielfalt anbieten müssen als sprachlich-bildliche Bescheidenheit zu pflegen. Also ist das Buch und sein Autor wohl doch auf dem richtigen Weg.

40

30.11.2007

„Eine überaus detaillierte Geschichte Böhmens und Mitteleuropas”

Die Kultur Europas und seiner Völker wird zunehmend zu einem der wichtigsten Fragen und Themen des 21. Jahrhunderts. Es interessieren zunehmend weniger Interessen um Ideologien und Weltanschauung. Wichtiger wird, was die Herkunft, was die kulturellen Werte und Empfindungen sind. Die Jahrhunderte der Ideologien und vermeintlich positiven Utopien liegen hinter uns – gemeint das 19. und 20. Jahrhundert.
Dieses Buch skizziert in äußerstem Detailreichtum die Geschichte eines Teiles der Geschichte Mitteleuropas. Von den Anfängen der slavischen Landnahme über die Besiedlung durch eine Vielzahl verschiedener Völker und Religionsgemeinschaften bis zur Gegenwart wird alles in großer Ausführlichkeit dargestellt. Für mich ist dieses Buch das detailreichste, wissenschaftlich hochwertigste Werk über Böhmen und seine Geschichte, über einen ganz wichtigen Teil der europäischen Geschichte, das beispielhaft dafür ist, was schief gehen kann zwischen den Völkern, aber auch, was wichtig ist, um ein Europa der Menschen, nicht der Ideologien und gedanklichen Verkürzungen, zu erlangen.

buch

Kampf der Kulturen

Samuel P. Huntington

EUR 13,00 *
auf Merkliste

50

29.11.2007

„Von der europäischen Hegemonie zur Hegemonie der Kulturen”

Samuel P. Huntingtons Buch über den Kampf der Kulturen (Clash of civilization) ist bis heute sehr umstritten. Viele lehnen – wie sie behaupten – seine These, dass es im 21. Jahrhundert zu einem Zusammeprall der Kulturen kommen müsse, ab, weil sie sagen, dass der 21. September 2001 nicht die Trendwende der Menschheitsgeschichte bedeute, mit dem es zu einer Eskalation zwischen westlicher Hemisphäre und islamistischem Fundamentalismus als Konflikt der Kulturen kommen müsse. Aber Huntingtons Argumentation ist wesentlich breiter als diese Verkürzung auf ein bestimmtes Ereignis es nahelegt. Er spricht davon, dass mit dem Ende des europäischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts, mit dem Ende des Kalten Krieges im 20. Jahrhundert eine multipolare Welt entsteht, in der die Kulturkreise immer mehr an Gewicht gewinnen: in der die Nationalstaaten ihre Bedeutung zugunsten der Kulturräume, zugunsten übernationaler Organisationen verlieren, in kontinentalen Großräumen aufgehen, die nur noch von der Identität aus einer Religion, gleicher Lebensweise und vergleichbaren Werten bestimmt sind. Und Huntington sagt, dass dies – frei nach Thomas Kuhn – ein neues Paradigma zur Betrachtung der Weltgeschichte sei, eine Konzentration auf neue Rahmenbedingungen, in denen sich Weltgeschichte abspielt, z.B. zwischen den Kulturräumen, die durch eine oder wenige Nationen zwar bestimmt, aber durchaus nicht dominiert sind, so z.B. der Euro-amerikanische Raum, durch asiatisch-chinesische Raum, der hinduistisch-indische Raum usw.

Huntingtons Buch schreibt – meiner Meinung – nach Geschichte. Weil es zeigt, dass der Kultur in einer globalisierten Welt, in einer multipolaren Welt freier (Markt-)Kräfte, immer größere Bedeutung zukommt, also eine multipolare und multikulturelle Perspektive entsteht. Daher habe ich das Buch mit sehr viel Gewinn gelesen. Ich kann es jedem empfehlen, der sich für die Grundlagen der Geschichte im 21. Jahrhundert interessiert. Dieses Buch ist ein unbedingtes Muss.

2 von 5 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.