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Michael Lehmann-Pape Top 100 Rezensent
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795 Rezensionen
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hilfreich: 160

nicht hilfreich: 12

Rang:
17

Michael Lehmann-Papes Rezensionen

50

17.04.2013

„.... aber ihre Kinder womöglich schon”

Wann eigentlich haben die Menschen angefangen, Rezepte zu benutzen? Eine oft übersehene Frage in einer Welt, die mit vielfachen Kochbüchern, Kochshows und einer allgemein fast Verehrung zu nennenden Haltung Sterneköchen gegenüber ihren Umgang pflegt. Es gab eben diese Erfahrung, dass das „Essen von heute besser geschmeckt hat, als das von gestern“ und daher man einander gezeigt hat, was den Unterschied ausmachte.

Und eine Katze findet deswegen immer nach Hause zurück, weil es einen gewissen Orientierungssinn gibt. Der aber nur die „Spitze des Eisbergs“ tierischer Fähigkeiten darstellt.

Und warum haben Elefanten einen Rüssel? Wie erzeugen Bäume Sauerstoff? Wieso sind Planeten rund (und nicht oval oder eckig)? Wie erhält man neue Motivation, wenn man einen sportlichen Wettkampf verloren hat und wer hat das allererste Buch geschrieben?

All dies bildet nur einen kleinen Ausschnitt der vielfachen und vielfältigen Fragen, die im Buch durchaus seriös, in einfacher Sprache und fundiert von entsprechenden Fachleuten beantwortet werden.

Fragen, mit denen durchaus die Welt, in der wir leben, beschrieben und in Teilen erfasst werden kann, Fragen, die in mancher Hinsicht naheliegen und in anderen Hinsichten so gewohnte Bereiche betreffen, dass man diese kaum von sich aus „in Frage gestellt“ hätte. Wieso brüllen Löwen? Wäre so eine nicht alltägliche Frage.
Woher aber das Gute kommt, das geht dann schon in eine ganz andere, sehr grundsätzliche Richtung und findet einen sensiblen Antwortvorschlag im Buch.

Ebenso, wie die durchaus moderne Frage, warum es eigentlich Kriege gibt, wieso ein Flugzeug fliegt und wer eigentlich der erste Künstler der Menschheit war.

Da allgemein die „richtige und umfassende“ Antwort auf solche Fragen entweder vergessen oder nur in Teilen erinnert wird, lag und liegt es nahe, sich dafür an Experten zu wenden. Und genau dies vollzieht Harris im Buch in sehr anregender und angenehmer Form. Eine Form, welche die Fragen ernst nimmt und sie verständlich beantwortet, kindgerecht, aber nicht kindlich, so dass das Buch auch für den erwachsenen Leser einen Gewinn darstellt.

Experten, die sich Zeit genommen haben, die nicht herablassend oder „auf die Schnelle“ etwas einigermaßen Passendes von sich gegeben haben, sondern Substanz liefern. Eine Substanz, welche die Lektüre des Buches zu einer intensiven Lese Erfahrung für Leser jeden Alters gestaltet.

Alles in allem ein sehr persönliches, warmherziges, fundiertes, verständliches und thematisch breites Buch, dass für Kinder und Jugendliche Antworten bietet auf Fragen, die immer schon einmal gestellt werden wollte und den erwachsenen Leser die Welt in ganz anderen Belichtungen neu entdecken lässt. Sehr empfehlenswert.

30

17.04.2013

„Thriller oder Liebesroman?”

Nach spannendem Beginn im ersten Teil auf den ersten 120 Seiten, der sowohl in die Psyche der jungen Elizabeth Fitch einführt (als „perfektes Kind“ von der Mutter „durchgestylt“ und fallen gelassen, als sie eigenständige Entscheidungen trifft), als auch mitten in einen brutalen Mord an Elizabeth Freundin durch einen Zweig der Russenmafia in New York, spielt der Hauptteil des Roman dann 12 Jahre später in der Gegenwart in einem kleinen Ort in Arkansas.

Hier dreht sich der Inhalt des Romans (leider) völlig und leitet über zu einer eher stereotypen Liebesgeschichte zwischen dem Scherriff des Ortes und Elizabeth, die nun unter anderem Namen Zuflucht vor der unerbittlichen Nachstellung der russischen Kriminellen sucht. Getragen nun von einer Melange aus Geltungssüchtigen Provinzreichen und alt werdenden Hippies.

Zwar taucht auch hier die ein oder andere konfliktträchtige Auseinandersetzung auf, die sich allerdings je auf eher provinzielle, „innere“ Probleme des kleinen Ortes bezieht. Ansonsten bietet das Buch von diesem Teil an eigentlich nur noch eine sich anbahnenden und dann vollziehende Romanze zwischen einem „all american boy“ (bestens aussehend, durchtrainiert und edel von Gemüt natürlich, zudem jeder Situation gewachsen, cool bis in die perfekt liegenden Haare und natürlich von seinem Charme absolut und ohne jeden Zweifel überzeugt) und der, leider nicht sonderlich überzeugend dargestellten, kühl, planend, innerlich „beschädigt“ und eben auf der Flucht befindlichen, jungen Frau (natürlich ebenso attraktiv).

Die durchaus spannende Situation zu Beginn mitsamt dem Einblick in brutale und kriminelle Methoden wird im gesamten weiteren Buch nur mehr indirekt aufgenommen und bietet so keinerlei Spannung mehr.

Auch wenn Nora Roberts ihre Figuren durchaus mit Charme, Ironie und „Mutterwitz“ ausstattet und zudem durchaus flüssig und unterhaltsam ihre Geschichte voran laufen lässt, mehr als eine ganz nette Unterhaltung am Rande bietet dieser Roman nicht. Dazu ist die Spannungskurve vom Beginn zu wenig durchgehalten und der Versuch, sich der weiblichen Hauptfigur innerlich psychologisch zu nähern viel zu oberflächlich gehalten.

Wer einen „typischen“ Liebesroman zu schätzen weiß, der in dieser Form auch des Öfteren als leichte Komödie aus den Filmstudios Hollywoods hervorkommt, der wird sicherlich in Teilen bei diesem Roman auf seine Kosten kommen, wer mehr an Spannung und / oder psychologischem Tiefgang erwartet, wird von diesem neuen Roman Nora Roberts eher enttäuscht sein.

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buch

Die Spinne

Olen Steinhauer

EUR 16,99 *
auf Merkliste

50

16.04.2013

„„Rest-Touristen“”

Eigentlich könnte man den Autor selbst als die „eigentliche Spinne“ bezeichnen, so verzweigt gelingt es ihm, seine Fäden im Buch zu spinnen, die über lange Zeit wie unverbunden wirken, von denen der Leser aber doch weiß, dass sie alle in der ein oder anderen Weise zu dergleichen Geschichte gehören werden. Fäden, die Steinhauer im letzten Drittel des Thrillers dann Stück für Stück in ihren hintergründigen und inneren Verbindungen aufzeigt.

Aus zwei „Großen“, aber auch aus mehren „kleinen“ Perspektiven heraus erzählt er das Ergehen der wenigen Überlebenden aus jener amerikanischen Geheimdiensteinheit, die nur als „Touristen“ bekannt war. Fünf leben noch. Dreiunddreißig sind dem Rachefeldzug des hochbegabten chinesischen Geheimdienstmannes Xin Zhu, der die Amerikaner für den Tod seines Sohnes im Sudan verantwortlich machte.

Auch wenn Milo Weaver, der die Rache nur knapp überlebte, mit all dem nichts mehr zu tun haben will und sich gerade erst von seiner Verletzung einigermaßen erholt hat, auch wenn der ehemalige Chef der Touristen, Alan Drummond keine Ruhe geben will, sondern ebenfalls nach Rache dürstet, Xin Zhu scheint es gut sein lassen zu wollen und Drummond findet keine sonderliche Unterstützung. Scheinbar zumindest.
Denn an nun zwei Orten der Geheimdienstwelt ziehen dunkle Wolken auf.

Intensiv geleitet Steinhauer den Leser im ersten Teil des Buches zunächst in die feinen Intrigen und strategischen Überlegungen im Machtkern des chinesischen Geheimdienstes. Ein Maulwurf wird dort befürchtet und Xin Zhu selbst gerät schnell in Verdacht. Gelegenheit auch, zum einen diesen geheimnisvollen Mann näher vorzustellen und differenzierter vor Augen zu führen und ebenso die Spannung im Buch langsam steigen zu lassen. Denn verkettet mit diesen Ereignissen im Inneren des chinesischen Machtapparates arbeiten auch bei der CIA wieder Kräfte, die daraus Nutzen ziehen wollen. Kräfte, denen Alan Drummond sich zunächst anzuschließen scheint, bevor er nicht mehr auffindbar ist.

Als dann Milos Frau und Tochter bedroht werden, sich Xin Zhu persönlich bei ihm meldet, alte Kollegen ihn wieder rekrutieren wollen, wird auch Milo Weaver gegen seinen Willen in dieses undurchschaubare, strategische Spiel auf zwei Kontinenten wieder mit hineingezogen. Und trifft auf alte Bekannte vom BND, auf seinen Vater, der bei der UN eine geheime Einrichtung leitet und auf ihm kaum bekannte alte Familienangehörige.

Ruhig und stetig entfaltet Steinhauer diesen Thriller, verfolgt ausführlich jeweils einen Erzählstrang und geht, im Wechsel der Erzählperspektiven dann je in der Zeit ein Stück zurück. So entsteht ein verschachteltes Leseerlebnis, in dem die Strategie, die feinen Fäden der Intrigen und die erst langsame Auflösung der wahren Motive und Hintergründe „der Mächtigen“ zu einem erkennbaren Netz sich verdichten.

Im Gesamten bietet Steinhauer ein spannendes, flüssiges und wohlüberlegtes Szenario, dem der Leser durchaus gebannt folgt.

50

16.04.2013

„Die Zerstörung des Erbes”

Zwei erfolgreiche historische Roman über das geschichtliche Phänomen Alexander des Großen hat Gisbert Haefs in seinem sachkundigen, unterhaltsamen, spannenden und sprachlich reifen Stil bereits vorgelegt.

Zum Abschluss seiner Betrachtungen über diese weltverändernden Eroberungen und das Entstehen eines der größten Reiche, das die Geschichte kannte, passt es nun gut, dass sich Haefs, ebenfalls in Romanform, nun dem langsamen Niedergang dieses Reiches unter der (von Intrigen und Machtorientierung geprägten) Herrschaft der „Erben Alexanders“, der „Diadochen“ zuwendet.

Nicht einem „starken Mann“ hinterließ Alexander seine Herrschaft, sondern unter bewährten Getreuen und Heerführen teilten sich die einzelnen Teile des Reiches auf. Männer wie Ptolommaios, Seleukos und Perdikkas, denen im Gesamten (mit Ausnahmen) allerdings weniger an der Erhaltung und Festigung der Eroberungen liegt, sondern die viel mehr die eigenen, teils auch wahnhaften Interessen in den Mittelpunkt ihres Strebens gerückt haben.

Zwei Eigenschaften Haefs heben dabei (auch) diesen historischen Roman deutlich über die Masse des Genres hinaus. Zum einen ist Haefs ein fesselnder Erzähler, bei dem die Geschichte und Geschichten immer wie mit leichter Hand geschrieben wirken. Gerade dies dürfte aber reichlich literarische Arbeit verursachen, denn, zum anderen, sind Haefs Stoffe durchaus sorgfältig recherchiert. Hier durchgehend in der Romanform und der erzählenden Geschichte zu verbleiben, dennoch in den Einzelheiten der Darstellung nachprüfbar auf historische Richtigkeit zu achten und das Ganze nie in den Duktus eines Fachbuches verfallen zu lassen macht sicherlich im Kern die Freude an der Lektüre aus.

Aus verschiedenen Perspektiven folgt Haefs im Buch den Ereignissen, dringt nicht in die tiefsten Tiefen psychologischer Personendarstellung vor, vermag es aber dennoch, sein „Personal“ realistisch und differenziert in den grundsätzlich authentischen, teils natürlich auch fiktiven Handlungssträngen „lebendig“ werden zu lassen.

Wie menschlicher Eigensinn, persönliche Machtgelüste und durchaus auch Gier letztendlich das „große Ganze“ „abbröckeln lassen“ ist dabei die Hauptgeschichte, die Haefs verfolgt. Das, zum anderen, ein wie im Fieberwahn erobertes Reich von immenser Ausdehnung, viele einander fremde Länder und Völker beinhaltend, in sich bereits stark auseinander treibende Kräfte beinhaltet, das ist das andere, das im Hintergrund des Romans mitschwingt und an einigen Stellen explizit deutlich wird. Es war, wie nicht oft in der Geschichte, tatsächlich die Person Alexanders, die in sich Eroberer und einigende Kraft für Herr und eroberte Gebiete trug. Aus der genuinen Entwicklung heraus war das Riesenreich von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Eine Entwicklung , die in den Nachfolgern Alexanders sich nur schneller vollzog, als es hätte sein müssen.

Alles in allem ein sachgerechter, fundierter Roman, der im Stil mit leichter Hand sehr unterhaltsam daherkommt und damit geschichtliche Fakten, Zusammenhänge und Atmosphären anregend zum Leser transportiert.

buch

Die Flucht

Jesus Carrasco

EUR 18,95 *
auf Merkliste

50

15.04.2013

„Auf den Punkt reduziertes, hervorragendes Debüt”

Der Junge flieht. Innerlich vorbereitet, aber, dem Alter gemäß, mit keiner guten, ausreichenden äußeren Planung und Versorgung. Er übersteht die erste Suchaktion seiner Leute aus dem Dorf. Er weiß, dass gerade der Polizeiwachtmeister alles daran setzen wird, ihn zu fangen, einzuholen und Schlimmeres.

„Genauso wenig hatte der damit gerechnet, jemanden um Hilfe bitten zu müssen. Schon gar nicht so bald“.

Die Sonne brennt unbarmherzig, hart sind die Lebensbedingungen in der ausgedörrten Ebene, Angst ist sein Begleiter, Wasser Mangelware. Und er geht. Bis er auf ein paar armselige Schafe, einen Esel, einen Hund und den dazugehörigen, verwitterten, alten Hirten trifft.

Sein Hunger und Durst sind drängender als seine Angst und, merkwürdigerweise, nimmt sich der Hirte seiner an. Wie es scheint, eher widerwillig, aber als der Junge in der Sonne einschläft und einen Sonnenstich und Verbrennungen davonträgt, tut der Alte eben, was getan werden muss mit den einfachen bis einfachsten Mitteln, die das Leben, verwurzelt mit der kargen Natur, zur Verfügung stellen. Vielleicht aus einem Glauben heraus, über den er nur einmal kurz spricht? Vielleicht, weil er Mitleid empfindet? Oder vielleicht vor allem, weil in dieser archaischen Lebensweise bei aller Grausamkeit dem Hirten zumindest klar ist, dass Menschen nur gemeinsam eine Chance haben und Zuwendung auch sein Grundbedürfnis ist?

Schritt für Schritt, mit nur ein paar wenigen, hier und da hingeworfenen Worten, vor allem aber durch Handlungen, fasst der Junge ein wenig Vertrauen und stellt fest, dass der Alte seine vertrauten Weidegebiete verlässt.
Er weiß vor dem Jungen, dass die Häscher auf der Spur sind. Doch wirklich entkommen können beide auf Dauer nicht. Mit Folgen. Klaren, direkten und brutalen Folgen.

Archaisch reduziert erzählt Carrasco seine. Reduziert auf Handlungen, reduziert auf das, was den Kern einer Beziehung ausmacht. Ein Leben wie vor hunderten von Jahren, entfaltet sich so vor den Augen des Lesers. Der sich fragt, warum genau der Junge flieht und erst langsam eine Ahnung erhält, die später zur furchtbaren Gewissheit wird.

Um Schutz geht es, um Unversehrtheit, um das zerstörte Grundvertrauen eines Jungen, der von Vater und Mutter unentschuldbar im Stich gelassen wird. Schutz und die Chance auf echtes Vertrauen aber bieten sich bei diesem alten, stinkenden, kaum noch beweglichen Mann. In unbarmherziger Situation.

Eine Umbarmherzigkeit, die Carrasco in den entsprechenden Momenten im Buch mit ungeschminkter Härte und Gewalt bildkräftig zu beschreiben versteht. Wie überhaupt dieses Roman-Debüt literarisch hochwertig sich entfaltet, in einer Sprache, die reduziert in fast jedem Satz den Kern der Dinge nach Außen holt und anschaulich zu beschreiben versteht. Mit der die Angst, die Verwirrung, das langsame sich „aneinander gewöhnen“ genauso intensiv in den Raum tritt, wie die schmierige und arrogante Härte des Verfolgers und seiner Schergen.

Ein Buch von außergewöhnlicher Kraft in der Sprache und der Darstellung.

50

15.04.2013

„Entwicklung, Geschichte und Folgen der Entdeckung Amerikas”

Es gibt Ereignisse der Weltgeschichte, massive Wendepunkte der historischen Entwicklung, die es in sich tragen, immer wieder erzählt und neu beleuchtet zu werden.

Die (zufällige) Entdeckung Amerikas durch Christop Columbus 1492 ist ein solches zentrales Ereignis der Geschichte mit vielfachen Folgen und rasanten Entwicklungen, die diese Entdeckung nach sich zog. Eine Entdeckung, die, wie bekannt, in dieser Form gar nicht geplant war. Es ging um den Seeweg nach Indien, nicht um das Finden einen neuen Kontinents.

Der Professor für lateinamerikanische Geschichte, Stefan Rinke, führt dieses Ereignis auf den knapp 200 Seiten seines neuen Buches eingebettet in die vorhergehende Entwicklung, vor allem aber auch eingebettet in die direkten und späteren Folgen der Entdeckung Amerikas nachvollziehbar und im Stil sehr lebendig dem Leser nun vor Augen.

Er fußt dabei auf der grundlegenden Revision des eurozentrischen Geschichtsbildes der „Entdeckung Amerikas“, die 1992 formuliert wurde und sich mittlerweile in der Geschichtswissenschaft durchgesetzt hat.

„Die Entdeckung Amerikas und der Durchfahrt nach Ostindien um das Kap der guten Hoffnung sind die beiden größten und wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit. Ihr folgen waren ... groß“ (Adam Smith).

Zwei Geschehen von globaler Dimension, mit denen, durchaus ein Schwerpunkt für die Folgen, vor allem chinesische und asiatische Technik und Erfindungen (Papier, Druck, Nautik, Schießpulver, Schiffbau) sich von Europa angeeignet wurden und damit eine Art früher Globalisierung für einen deutlichen Entwicklungssprung auch in der „alten Welt“ sorgte.

Entwicklungslinien und Ereignisse, die Rinke sprachlich fast wie in einem Roman vorlegt und zunächst die Zeit vor der Entdeckung fundiert skizziert. Frühe Kulturen und indigene Kulturen bis zum Kontakt mit Europa finden hier genauso ihren Platz im Buch wie die „innere Aufbruchshaltung“ (mit denTräumen von Reichtum und Glück durch Entdeckungen) Haltung Europas.

Die Reise des Kolumbus selbst findet ihren Neiderschlag im Buch, auch mit den Verweisen auf vorhandene Quellenprobleme.

Bis dann in der zweiten Hälfte der Fokus sich auf den beginnenden europäischen Kolonialismus gesetzt wird und der Aufbau de Kolonialreiche geschildert wird.

Im Gesamten bietet Stefan Rinke eine gut lesbare, spannende und fundierte Darstellung des „Gesamtpaketes“ der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus in komprimierter Form, in der er die geschichtliche und innere Entwicklung, welche zu diesem Ereignis führte ebenso darstellt, wie die direkten Folgen der „Entdeckung der Welt“.

50

15.04.2013

„Hervorragende und wegweisende Biographie”

Am 21. März 2013 jährte sich der Todestag des Schriftstellers Jean Paul zum 250. Mal. Grund genug, die wegweisende und fundierte Biographie Günter des Bruyns nach knapp vier Jahrzehnten zu überarbeiten und neu aufzulegen. Eine sachte Bearbeitung im Übrigen, die vor allem dem Anliegen De Bruyns Rechnung trug, den Leser nicht nur über das Leben und Werk Jean Pauls umfassend zu informieren, sondern ihn zudem für dieses Werk immer wieder auch neu zu motivieren.

Ein Vorhaben, welches in dieser Biographie überaus gelungen im Raum steht, denn De Bruyn führt mit Empathie, eigener Leidenschaft und sachkundig zu Person und Werk des Schriftsteller hin und nutzt hierfür auch im eigenen Stil eine lebendige und flüssige Sprache. Eine Flüssigkeit, die in der vorliegenden Neubearbeitung noch gezielter spürbar gestärkt wurde.

Ein heranführen an eine literarische Persönlichkeit, die sich allen eindeutigen Klassifizierungen entzieht, die in ihrem Werk ganz eigene Wege ging und damit ein beachtenswertes literarisches Vermächtnis hinterlassen hat. Was sich schon zu seinen Lebzeiten niederschlug , nicht nur, aber auch und gerade in Berlin, das Jean Paul 1800 das erste Mal besuchte. Dort „wurde er so viel gefiert wie nie zuvor oder danach“. Erwähnenswert vor allem, weil die Atmosphäre Berlins um diese Zeit durchaus inneren Widerhall in Jean Pauls Wesen fand, wie De Bruyn erläutert. Ein engerer Austausch zwischen Adel und Bürgertum, der „Atem der Freiheit“, der ihm entgegen wehte und dem er sich schon seit jungen Jahren im Sinne der Aufklärung verbunden fühlte. Und nicht zuletzt, auch hier setzt De Bruyn ein klares Licht auf Jean Paul, die „vielen, vielen Frauen“, die Jean Paul verehrend umlagerten. Den Genüssen des Lebens, an erster Stelle übrigens dem reichlichen Biergenuss, war Jean Paul keineswegs abgeneigt.

Weibliche Offerten im Übrigen, denen Jean Paul durchaus Reiz abgewann, denen er aber kaum wirklich real dann Taten folgen ließ. „--- aber die Wirklichkeit wirkte auf beide Gemüter erkältend“. Jean Pauls Welt waren Briefe, Andeutungen, schriftliche Schwärmerei. Mehr als einmal kühlten nach realen Begegnungen dann auch die Briefwechsel deutlich ab.

Schreiben war seine Welt, für das Schreiben ließ er alles andre zweitrangig sein, beim Studium schon angefangen. Breit ist die Hinterlassenschaft Jean Pauls und gar nicht einfach ist es, einen passenden Einstieg zu finden. An der Hand De Bruyns aber klärt sich hier die Lage durchaus. Das Werk wird, hier und da eher komprimiert, hier und da auch breiter, vor Augen geführt und in seinen Schwerpunkten dargestellt, so dass ein klarer Überblick für den Leser entsteht. Und ebenso deutlich wird, wie „modern“ Jean Paul in seiner intellektuellen Schärfe, seiner kritischen Beobachtungsgabe und seinem Blick für die Eigenarten und Ausdrucksformen vielfacher Persönlichkeiten sind.

Als „Kind der Aufklärung“ ist Jean Paul Entwicklung, Freiheit, Fortschritt und die kritische Hinterfragung bestehender Verhältnisse (vom Alltag bis zum politischen) ein wesentliches Thema, das durchaus auch in der „modernen Zeit“ seinen Widerhall findet.

Eine sehr zu empfehlende, lebendig geschriebene Biographie, die fundiert „Lust auf Jean Paul“ erweckt.

50

12.04.2013

„Die Stellung der Weichen für die Moderne ”

1307 Seiten, zudem 260 Seiten Anhang (bestens aufbereitet übrigens unter Anmerkungen, einem ausführlichem Literaturverzeichnis, einem Personen- Sach- und Orts- Register). All dies weist zunächst auf eine ungeheure Fleißarbeit des Autors hin, ein Eindruck, der sich von der ersten Seite an bestätigt. In den gewählten Themen, der gründlichen Annäherung an jedes Thema und den vielfachen Verästelungen, denen Osterhammel nachgeht wird deutlich, dass so gut wie alles, was es zum 19. Jahrhundert, dieser entscheidenden, geschichtlichen Epoche auf dem Weg zur Moderne weltweit, zu sagen gibt, im Buch besprochen wird (und gefunden werden kann).

Mehr als nur ein oberflächliches Bild wesentlicher Züge des 19. Jahrhunderts bietet das Buch, bei weitem mehr. Immer und immer wieder versteht es Osterhammel, einerseits in die Tiefe seiner dargestellten Universalgeschichte vorzudringen, ohne andererseits seinen leitenden, roten Faden zu verlieren. Denn nicht nur die industrielle Revolution, der Beginn von Mobilität und wesentliche Werke der Kunst- und Kulturgeschichte finden in diesem Jahrhundert Höhepunkte und Transformationen, auch die Veränderung der zu Beginn des Jahrhunderts noch vorherrschenden Zentriertheit auf Europa hin zu Amerika, aber auch Afrika und Asien findet sich in diesen Jahren des radikalen Wandelns gesellschaftlichen und geschichtlichen Lebens angelegt. Allein schon die Darstellung und Auswertung Forschungsreisen des 19. Jahrhunderts ist im Kern ein Lehrbuch an sich.

Aber auch die für sich stehende, hervorragende Einleitung und Annäherung an das geschichtliche Thema mit ruhigen, ausführlichen Darstellungen zur medialen Lust (und Sucht) der Zeit, zur Einordnung des genauen zeitlichen Rahmens (wunderbar hier das Kapitel über die Uhr und die damit einhergehende subjektive Beschleunigung der Zeit) und der ein wenig exotisch anmutende, in der Umsetzung aber ein wesentlicher Teil zur grundlegenden Verortung des 19. Jahrhunderts mit seiner lange Zeit aufrechterhaltenen „Miltärgrenze“ zum sogenannten „Orient“ hin darstellt. Neue Blickwinkel eröffnet Osterhammel hier durchaus.

Vielfältige, konkrete Beispiele nutzt Osterhammel, um seine Wertungen und Folgerungen prägnant zu untermauern, gerade in der Vielfalt der Fakten und der überaus klugen Darstellung der Wechselbeziehungen erhält das Buch eine tiefe Anschaulichkeit und birgt fundierte Einsichten in die tatsächliche Lebenswirklichkeit der Zeit.

Chronologisch übrigens ist das Buch nicht angeordnet, gerade hier liegt der besondere Reiz der je konzentrierten Darstellung der wesentlichen Themenbereiche. Sesshafte und Mobile in ihrer dynamischen Reibung mitsamt der Aufbruchstimmung gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein genauer Blick auf die Lebensstandards mit ihrem immensen Gefälle zwischen Arm und Reich, der Suche nach Sicherheit und der, fast notwendigen, Bereitschaft zu Risiken sind ebenso Gegenstand ausführlicher Betrachtung, wie der Siedlungskolonialismus, die Stabilität der Imperien (und was solche überhaupt ausmacht), die damit einhergehenden Konkurrenzen, und, und, und.

Jürgen Osterhammel ist in allen Teilen gelungen, was er sich vorgenommen hat, eine globalgeschichtliche Darstellung einer Zeiten wendenden Epoche, die in sich ruhig und stabil an vielen Orten zunächst wirkt und dennoch der Nährboden für vielfache, dynamische Entwicklungen gewesen ist. Das Buch wird in seiner Tiefe und seinem thematischen statt chronologischen Ansatz zu Recht als Meilenstein geschichtlicher Darstellungen angesehen und liegt hier bereits in 6. Auflage vor. Zudem ist es Osterhammel ebenfalls gegeben, flüssig und verständlich, einsichtig und bildhaft zu schreiben.

40

12.04.2013

„Abenteuer heute”

Lebensgefährlich in früheren Zeiten, immer noch hoch abenteuerlich und eine ganz besondere Reise, das ist die Befahrung der Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik bis nach Grönland.
Und auch wenn der Titel durchaus mit Humor arbeitet (der Joghurt eben), was Tina Uebel an Erlebnissen, Beobachtungen, Eindrücken von diesem Abenteuer mitzuteilen hat, ist faszinierend und spannend, beileibe im Kern nicht Humoristisch (auch wenn sie sprachlich stets locker bleibt).

Schön zu lesen aber ist es natürlich, wie Tina Uebel eine lockere und umgangssprachliche Form wählt, um die Eindrücke ihrer Reise nieder zu schreiben. Eine Form, die zudem in Teilen fast wie nur in Stichworten vorgetragen wirkt, so dicht gedrängt sind die Eindrücke im Buch.

Drei Monate mit dem Segelboot durch eine teils fast unwirkliche, teils unglaubliche leere Landschaft, Begegnungen an Land, Naturgefahren auf See, rauer Alltag und im Hinterkopf all die Entdecker und Forscher, die zu Zeiten mit wesentlich schlechterem Material sich ihren Weg durch diesen unwirtlichen „Rand der Welt“ gebahnt haben. Und denen Uebel in kleinen Portraits und Beschreibungen im Buch ihren Platz gibt.

Sehr plastisch und direkt gelingt es Uebel, das, was sie sieht und erlebt in Worte zu fassen.

„Am Strand auch die Konservendosen Franklins. Haufenweise. Dünngerostet, die Bleischweißnähte stehen heraus wie hässliche Keloide“

Beringsee, Beaufort See, zwischen Victoria Island und Nunavut hindurch, Lancaster Sound und Baffin Bay nach Grönland.
Strapaziös, auch das merkt man Passagen des Buches ungeschminkt an, immer aber voller Neugier und oft im wahrsten Sinne des Wortes „ver-wundert“ über diese Landschaft teils bei Minus 30 Grad und die Mythen und Legenden, die sich um die Orte und Landschaften ranken.

Auch die menschlichen „kleinen Wunder“, wie das „Pepes“ mit dem „besten Frühstück in Town“ (nichts als ein kleiner, hellblauer Kasten auf Stelzen, grellend bunt auf einmal als Farbtupfer in arktischer Landschaft, „Hauptsache schrill und mit Glitzer und Lametta“).

Durchaus aber auch „Verganercafes“ werden sich auf dem Weg finden. Menschen einfach, die sich einrichten, die der Landschaft und dem Leben dort ihre Form auch aufprägen.

In all diesen Eindrücken, der schnellen Sprache, der abgehackten Sätze, der plakativen Beschreibungen und dem hintergründigen Humor (der vor allem sich selbst nicht bierernst nimmt) verbleibt am Ende der Eindruck, die Autorin hätte in gleicher Weise noch einmal einige hundert Seiten füllen können, so dichtgedrängt erscheinen die Erlebnisse auch sprachlich im Buch.

Alles in allem ein sehr beeindruckender Reisebericht, der ob der gedrängten, stichwortartigen Form viel an Eindrücken und Inhalt bietet vom „Rand der Welt“, der für den Betrachter vieles an Landschaft und Lebensformen bereit hält, die nachhaltig im Raume verbleiben.

50

12.04.2013

„Was Strauss und Schmitt einander heute fortführend zu sagen hätten”

Leo Strauss ist sicherlich eines der Kernthemen der Forschung Heinrich Meiers, intensiv bereits hat er sich mit der Gesamtlehre Strauss auseinandergesetzt, ebenso, wie er, durchaus mit Schwerpunkten zum Begriff des „Poltischen“ sich mit Carl Schmidt. Daher liegt es durchaus nahe, die Denkmuster und Grundüberlegungen beider „politischer Philosophen“ einander gegenüber zu stellen und aneinander zu schärfen.

Ein Unterfangen, welches in diesem schmalen Band als durchaus gelungen bewertet werden kann. Alleine schon die übersichtliche Darstellung der Grundgedanken beider, die im Buch als „roter Faden“ immer wieder prägnant formuliert wird, stellt sich als hilfreiche, zusammenfassende Lektüre für jene Leser dar, die ein stückweit tiefer in die Überlegungen der beiden Denker eingehen wollen und deren Diskurs der Jahre 1932/1933 genauer verstehen möchten.

Die Unterscheidung zwischen „politischer Theologie“ und „politischer Philosophie“, das Verständnis des „Poltischen“ an sich, die Entwicklungen, die gerade bei Carl Schmidt in den weiteren Arbeiten abzulesen sind, all dies nimmt Meier auf, führt es präzise vor Augen und wählt hierzu die Form einer (fiktiven) Fortsetzung des damaligen Dialoges (des sich „aufeinander Beziehens“ in Veröffentlichungen).

Entwicklungen, die Schmidt selbst in den Raum gestellt hat, u.U. auch als Reaktion auf die detaillierten Überlegungen und Anfragen durch Strauß. Denn Schmidt hat seine Abhandlung über das Politische mit der immensen Schärfung von „Freund und Feind“ in drei durchaus konzeptionell und inhaltlich sich weiter entwickelnde Fassungen nacheinander veröffentlicht. Reaktionen nicht eines „Streites“, sondern konstruktiver Anfragen und intellektuell redlicher „Unterstützung“, die Strauss Schmidt gegenüber an den Tag legte, dessen Entwurf es als „originären Gegenentwurf zur Kulturphilosophie jener Tage“ wertete. Nichts weniger also als die „Auseinandersetzung mit dem Liberalismus“ ist das Ziel und die Argumentation Schmidts. Auch heute noch eine lohnenswerte, grundlegende Lektüre.

In Form und Sprache teils auf überaus abstrakter Ebene argumentierend, finden beide jedoch immer wieder auf die gesellschaftliche Konkretion zurück. So bildet dieser schmale Band eben nicht nur das „Binnenverhältnis“ beider ab, sondern darüber hinaus eine fassbare Darstellung einer der Grundfesten politischer Philosophie und Definition des „Politischen“

Anfragen und eine inhaltliche Auseinandersetzung, die gut nachzuvollziehen in den drei knappen Briefen Strauss an Schmitt im Buch vorliegt, die Meier unkommentiert zum Ende des Buches hin mit aufnimmt.

In Form und Stil nicht einfach zu lesen bedarf einer konzentrierten Haltung bei der Lektüre. Dennoch wird sich schwerlich ein anderes Werk finden, in dem die Darstellung um „den Begriff des Politischen“ bei Schmitt in solch klarer und komprimierter Form vorliegt.