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Der Sonntagsmann

Roman. Deutsche Erstveröffentlichung

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Artikeldetails zu Der Sonntagsmann

AutorThomas Kanger

Untertitel Roman. Deutsche Erstveröffentlichung

Abbildungsvermerk 19 cm

  • ISBN-103-442-73574-2
  • ISBN-139783442735747
  • Verlag Btb Taschenbuch
  • Reihebtb
  • ÜbersetzerHolger Wolandt, Lotta Rüegger
  • EinbandartTaschenbuch
  • Seiten345
  • Veröffentlicht05.03.2007
  • GenreRoman
  • Gewicht326g
  • SpracheDeutsch
  • OriginaltitelSöndagsmannen

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Leseprobe aus Der Sonntagsmann

Prolog


Die Zeit des Wolfs


1
Vor langer Zeit begegneten sich Wolf und Ren zum ersten Mal. Der Wolf erschrak vor dem großen Geweih und den dunklen Augen des Rens.
»Wozu brauchst du dein spitzes Geweih?«, fragte der Wolf.
»Du hast Recht, mein Geweih ist spitz«, antwortete das Ren. »Aber ich habe gerade erst das Licht der Welt erblickt und weiß nicht, wozu das Geweih verwendet wird.«
Doch den Wolf beruhigte das nicht.
»Warum starrst du mich mit deinen großen schwarzen Augen so an?«, wollte er wissen.
»Ich will dich nicht ängstigen, also wende ich meinen Blick ab«, sagte das Ren.
Jetzt war das Ren an der Reihe den Wolf zu befragen.
»Und wer bist du? Ich zittere vor Schreck, wenn ich deine gelben Zähne und deinen roten Rachen sehe.«
Als der Wolf hörte, dass das Ren Angst vor ihm hatte, wedelte er sachte mit dem Schwanz und knurrte: »Nimm dich vor mir in Acht, denn ich bin sehr hungrig.«
Seither ist der Wolf mächtiger und das Ren seine Beute.


Routiniert ließ er die Leine mit den Haken ins Wasser gleiten. Der Himmel war grau und bedeckt, Regen lag in der Luft, und es herrschte eine für das Nordmeer ungewöhnliche Stille. Das kleine Boot wippte behutsam voran. Aus Erfahrung wusste er, dass das Wetter abrupt umschlagen konnte. Aus der Flaute wurde schnell ein Unwetter, aber das hatte ihn nie davon abgehalten hinauszurudern. Auf offener See, weit entfernt vom Ufer, fühlte er sich wohl.
Die Berge hinter ihm wirkten wie Kathedralen. Sie erhoben sich senkrecht aus dem Meer, groß und mächtig, alt und zerklüftet, jeder mit seinem eigenen grauen Gesicht. Obwohl selbst ein ganzes Leben nicht ausreichte, um es zu bemerken, veränderten sie ständig ihr Aussehen. Unendlich langsam, aber unerbittlich verwitterten sie durch die Orgelmusik der tosenden Winde.
Er bemerkte sie nicht einmal mehr. Sie waren immer da gewesen. Andere Menschen kamen hierher, um sich von den Bergen verzaubern zu lassen, um sie zu besteigen und dem Himmel näher zu kommen, vielleicht um mit den Göttern in Kontakt zu treten. Aber er war wie die anderen Ansässigen. Für ihn waren die Berge eine Selbstverständlichkeit. Wenn er einen Hang zum Philosophieren und Grübeln gehabt hätte, hätte er sie sicher als Wachtposten betrachtet, als Schutz vor allen Bedrohungen. Einmal hatte er die Inseln verlassen, hatte versucht, sie endgültig zu verlassen, doch das war ihm nicht gelungen. Seither hatte er nur die notwendigen Fahrten aufs Festland erledigt und die eine oder andere Pauschalreise in den Süden unternommen.
Er war jetzt ein anderer. Lebte ein geregeltes Leben. Wer hätte das früher geglaubt? Es kam vor, dass seine Gedanken in die Vergangenheit wanderten. Immer seltener, es war besser, Gewesenes ruhen zu lassen. Aber das glückte ihm nicht immer. Wohin war sie verschwunden? Würde er es je erfahren?


2
Die Berghänge waren mit einem satten Grün überzogen. Die Zikaden lärmten. Ein Vogel mit roten, grünen und blauen Federn flog dicht über die Äste hinweg. Unten im Tal schlängelte sich der Weg Richtung Sonnenuntergang. Das Meer funkelte.
Was habe ich hier verloren, dachte Kari Solbakken, als sie sich nach der kurzen Toilettenpause wieder in den Bus drängte. Es hatte keine Klobrille und erst recht kein Klopapier gegeben. Die Kleider klebten ihr auf der Haut, es war immer noch heiß, und die Luft war so sauerstoffarm, dass ein Streichholz erloschen wäre, falls man es bei dieser Feuchtigkeit überhaupt hätte anzünden können. Sie hatte einen Fensterplatz, aber das Fenster ließ sich nicht öffnen. Der Mann neben ihr war dick und saß deswegen halb auf ihrem Platz. Das Ticket war billig gewesen.
Drei Stunden später schulterte sie am Giap Bats-Busbahnhof mit steifen Bewegungen ihren Rucksack. Eine Traube erwartungsvoller Unternehmer bot sofort ihre Dienste an. »Motorbike?« Kari suchte in ihren Taschen nach einem Zettel. »To here«, antwortete sie. Ein junger Mann beugte sich vor und las. »Hang Bac. Three dollar.« Kari war so müde, dass sie den Überpreis akzeptierte.
Er fuhr recht schnell und bahnte sich durch die Flut der Honda Wave-Motorräder geschickt seinen Weg. Ein junges Mädchen bog aus einer Seitenstraße vor ihnen ein, ohne sich umzusehen, aber Karis Fahrer wich ihr elegant aus. Dies war das Land, in dem sich die Verkehrsteilnehmer stillschweigend darauf geeinigt hatten, nicht miteinander zusammenzustoßen.
Sie fuhren an einem kleinen See vorbei, vielleicht handelte es sich auch nur um einen Teich, als er sich, ohne das Tempo zu drosseln, zu ihr umdrehte. »Old town. Hanoi old town«, sagte er. Sie nickte und wünschte, er würde geradeaus schauen, statt den Fremdenführer zu spielen. Einige Häuserblöcke weiter hielt er, deutete auf eine Tür und sagte: »Hostel.« Neben der Tür hing ein Schild in Druckbuchstaben: »LOVE PLANET.« Kari gab dem Mann mit dem Motorrad die drei Dollar, die er sich verdient hatte, und trat ein. An der kleinen Rezeption saß eine Frau. Sie beantwortete Karis Frage nach einem freien Zimmer nicht, sondern drehte sich um und nahm einen Schlüssel von einem Haken. »Toilet in corridor. Pay in advan' plea«, sagte sie und hielt ihr den Schlüssel hin.
Das Zimmer war klein und mit einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl möbliert. Kari streckte sich auf dem Bett aus. Sie sehnte sich weit weg, obwohl das hier schon weit weg für sie war. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie sich hierher, an das Ziel ihrer Träume, gesehnt. Als sie von Stockholm aufgebrochen war, hatte dies die Reise werden sollen, auf der sie sich endlich selbst finden würde. Sie hatte das Gefühl, von ihrer Umwelt abgeschnitten zu sein, ablegen wollen. Sie reiste allein, aber sie wollte Menschen treffen, die sie sahen. Sie würde alles besser verstehen. Aber die echte Kari Solbakken wollte in dieser fremden Umgebung nicht zum Vorschein kommen.
Das Bett war unbequem, oder taten ihr ohnehin schon die Knochen weh? Sie setzte sich auf und grub mit der Hand in einem der Fächer ihres Rucksacks. Schließlich fand sie einen kleinen, weichen, braunen Würfel. Sie zerkrümelte ihn und stopfte sich damit eine Pfeife. Sie trat an das kleine Fenster, öffnete es und zündete die Pfeife an. Der Rauch in den Lungen betäubte ihre Unruhe.
Sie erwachte erst am Spätnachmittag. Es dauerte eine Weile, bis sie wusste, wo sie war. Alle Zimmer, in denen sie während der letzten zwei Monate übernachtet hatte, sahen ungefähr gleich aus. Am Fußende des Bettes lag ein zerschlissenes Handtuch. Das musste reichen, da ihr eigenes immer noch feucht war. Sie trat auf den Korridor. Die Dusche lag am anderen Ende neben der Gemeinschaftstoilette. Als das Wasser auf ihre Haut rieselte, fühlte sie sich etwas besser.
Anschließend zog sie langsam die Bürste durch ihr schulterlanges, blondes Haar. Sie sah sich im Spiegel in die Augen und begegnete einem verständnislosen Blick, dem alles Angst machte. Es war der Blick eines Kindes, jedoch ohne kindliche Freude an Entdeckungen. Das Gesicht wirkte mit seiner Stupsnase jünger als fünfundzwanzig. Die schmalen Brauen waren in einem hübschen Bogen geformt. Die Oberlippe war schmal, die Unterlippe dafür sehr ausgeprägt. Die Sonne hatte ihr sonst stets blasses Gesicht gebräunt.
Sie nahm ein Paar Shorts aus ihrem Rucksack, das nicht allzu schmutzig war. Sie trat auf die Straße und schlug eine Richtung ein, ohne zu wissen, wo sie hinführte. Die Bürgersteige waren mit Motorrädern zugeparkt, die die Fußgänger auf die Straße zwangen. Das Gedränge auf der Straße war groß. Frauen jeden Alters trugen mit wiegenden Schritten zwei schwere Körbe an einem Joch auf den Schultern. Kleine Jungen rannten herum und versuchten, hellhäutigen Ausländern Ansichtskarten und Lonely-Planet-Reiseführer anzudrehen, und zwar jenen hellhäutigen Ausländern, die nach billigen Dienstleistungen verlangten, sich dann aber nicht damit abfinden konnten, als Geldbeutel auf zwei Beinen behandelt zu werden.
Ein Schlepper rief »welcome, good vietnamee food« und Kari trat ein. Sie erklomm eine schmale Treppe und trat auf eine Terrasse mit einfachen Tischen. Die Klientel bestand aus Ihresgleichen, aus Rucksacktouristen, die Geborgenheit in der Gesellschaft der anderen suchten. Ein Kellner legte eine Speisekarte auf ihren Tisch, und sie bestellte Frühlingsrollen und eine Suppe. Ihr Magen schmerzte vor Hunger und sie hoffte, dass das Essen rasch serviert wurde.
»Hallo.«
Sie sah auf. Ein Bursche mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille. Er lächelte. »Ich heiße Jack. Darf ich mich dazusetzen?«
Kari nickte. Er bestellte zwei Bier, eins für sich und eins für sie. »Woher kommst du?«, fragte er und nahm die Sonnenbrille ab.
Fünf Fragen, dachte Kari. Das übliche Spielchen der Rucksacktouristen. Dann fragt er mich, wo ich schon war, wie es mir in Saigon, Na Trang, Hoi An oder Hue gefallen hat, wohin ich noch will und wie viel Geld ich für die Reise habe. Dann wird er sich endlos über alle Widrigkeiten auslassen, die ihm widerfahren sind, und mir seine kleinen Expertentipps zuteil werden lassen.
»Aus Schweden.«
»Ich bin aus den USA«, sagte er und griff von unerwarteter Ausgangsposition an: Den eigenen Reiseerfahrungen. »Ich bin jetzt schon ein halbes Jahr unterwegs, Indien, Nepal, Thailand, Kambodscha, und jetzt bin ich hier.«
Kari trank einen Schluck Bier. Who fucking cares?, dachte sie. Das Essen kam.
»Vietnam ist wirklich was ganz Besonderes für mich«, fuhr er fort. »Really special. Mein Vater war hier. Früher. Als Hubschrauberpilot.« Er hob die Hände als hielte er eine Maschinenpistole und ahmte das Geräusch nach. »Als ich klein war, hat er oft von Vietnam erzählt. Er ist schon tot, aber ich wünschte, er könnte das hier miterleben. Dass wir hier willkommen sind. Niemand macht uns wegen des Krieges Vorwürfe. Wenn man sie wie Seinesgleichen behandelt, funktioniert alles sehr gut.«
Er lächelte Kari an.
»Dieser Krieg war ein Fehler«, meinte er. »Jahrelang, Unzählige unserer Soldaten sind gestorben. Der Krieg wurde auch auf die falsche Art geführt, nicht wie heute. Ich bin froh, dass Dad überlebt hat. Sonst säße ich jetzt nicht hier.«
Er strich seinen Pferdeschwanz glatt und lächelte. »Hast du Lust auf was anderes als Bier?«
»Und das wäre?« Sie sah ihn an, nun etwas interessierter.
Er krümmte die Hand, sodass sie einem Pfeifenkopf ähnelte, und hielt sie an den Mund.
Das Piece, das sie von dem Australier in Hue gekauft hatte, hatte sie am Vorabend aufgebraucht. »Okay«, sagte sie.
Sie gingen die schmale Treppe hinunter. Das Gedränge auf der Straße hatte abgenommen. Es begann zu dämmern, und ein Gemüsemarkt um die Ecke schloss gerade. Alle schienen auf dem Weg nach Hause zu sein. Jack ging voraus, an Hang Bac vorbei, der Straße, in der ihr Hotel lag. »Die alte Straße der Silberschmiede«, erläuterte Jack und lächelte sie wieder an. Offenbar war er zufrieden mit sich. Sie drangen weiter in die Altstadt vor. Kari fragte sich, ob sie noch zu ihrem Zimmer zurückfinden würde.
Jacks Zimmer war ebenfalls klein, verfügte aber über ein größeres Bett und eine Toilette. Kari setzte sich aufs Bett. Jack nahm auf einem Stuhl Platz, öffnete seine Tasche und nahm eine kleine Pfeife und ein mit Plastikfolie umwickeltes Paket heraus. Er wickelte es aus. Eine schwarzbraune Platte kam zum Vorschein. Groß, dachte Kari. Sicher mehrere hundert Gramm schwer. Vielleicht sogar ein halbes Kilo. Wo er das wohl her hat? Jack zerbröselte ein Stück zwischen Daumen und Zeigefinger und stopfte damit die Pfeife. Er zündete sie an, inhalierte zweimal tief und reichte sie Kari. Sie nahm einen tiefen Zug und behielt den Rauch in der Lunge. Das Wohlgefühl breitete sich rasch in ihr aus. Sie nahm einen weiteren Zug, ehe sie Jack die Pfeife zurückgab. Dieser inhalierte erneut und setzte sich zu Kari aufs Bett. Er beugte sich zu ihrem Gesicht vor, drückte seine Lippen auf ihre und blies den Rauch in ihren Mund. Sie atmete ein und legte sich hin.
Er gab ihr die Pfeife, und während sie rauchte, knöpfte er ihr die Hose auf. Da sie wegen der Wärme weite Kleidung trug, bereitete es ihm keine Mühe, seine Hand zwischen ihre Schenkel zu schieben.
»Nein«, sagte sie. »Aah, come on«, erwiderte er und packte etwas fester zu. Sie versuchte seine Hand hochzuziehen, aber er war stärker. »Du willst doch auch«, sagte er. »Ich weiß, dass du auch willst.« Der Druck seiner Hand wurde stärker. Sie spürte, dass er stärker war als sie.
Als er fertig war, stellte er sich hin und knöpfte seine Hose zu. Er sah sie nicht an. Sie drehte ihren Kopf zur Wand. »Wenn du nicht gewollt hättest, hättest du schreien können«, meinte er, »hast du aber nicht.«


Als sie erwachte, war er weg. Es dauerte einige Sekunden, bis ihre Erinnerung zurückkehrte. Ihr Kopf war schwer. Wie lange war sie schon hier? Sie stand auf und suchte nach ihren Kleidern. Die Hose lag auf dem Boden, ihr Slip am Fußende des Bettes. Sie zog sich an und öffnete die Tür, drehte sich dann aber noch einmal um. Am Boden unter dem Bett stand die Tasche. Rasch machte sie einen Schritt auf sie zu und griff hinein. Die mit Plastikfolie verpackte Platte lag unter ein paar Kleidungsstücken. Sie ließ sie unter ihrer Bluse verschwinden und rannte auf die Straße. Es war dunkel und vollkommen menschenleer. Sie versuchte sich daran zu erinnern, welchen Weg sie gekommen war, aber alle Straßen sahen gleich aus. Sie hörte sich selbst winseln: ein leises Geräusch, wie das eines Tieres. Sie lief durch die Straßen, an einem Häuserblock nach dem anderen entlang.
Plötzlich sah sie das Schild: »LOVE PLANET«. Es tauchte aus dem Nichts auf. Sie atmete auf und hämmerte an die Tür. Nach einer Weile kam die Frau, die an der Rezeption gesessen hatte. Wortlos ließ sie Kari ein.
Am Morgen bat Kari darum, das Telefon benutzen zu dürfen. Sie wählte die örtliche Nummer, die sie vom Reisebüro in Schweden bekommen hatte. Der Vertreter ihrer Fluggesellschaft meinte, es gebe noch einige wenige Plätze für den Flug an diesem Tag, aber die Umbuchung koste einhundert Dollar. Kari zählte ihre Geldscheine und war einverstanden. Auf der Straße stoppte sie ein Taxi. »How much to the airport?« »Fifteen dollar.« »I have twelve.« Der Taxifahrer öffnete die Tür auf der Beifahrerseite.


Siebzehn Stunden und zwei Zwischenlandungen später landete die Maschine in Arlanda. Kari konnte sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten, als sie die Empfangshalle betrat. Sie fühlte sich schmutzig, sowohl innerlich als auch äußerlich. Sie hatte das Gefühl, dass alle sie anstarrten. Das Paket unter ihrer Bluse brannte auf ihrem Bauch. Sie folgte dem allgemeinen Strom, ohne zu wissen, wohin sie gehen musste, um ins Freie zu gelangen. Sie kam an einer Reihe Läden vorbei, fuhr eine Rolltreppe hinunter und ging durch Glastüren, die sich automatisch öffneten. In einer großen Halle kreisten die Fließbänder mit dem Gepäck. Sie sah sich um. »Paris« stand auf einem Monitor an der Decke. Dort war sie das zweite Mal zwischengelandet. Sie stellte sich vor das Band. Etwas weiter entfernt hing ein Schild an der Wand: Zoll. Kari spürte, dass ihre Knie weich wurden. »Irgendetwas nicht in Ordnung?«, fragte sie ein Mann in Anzug. »Wo sind die Toiletten?«, wollte sie mit schwacher Stimme wissen. Der Mann wies ihr den Weg. Sie ging, so rasch sie konnte, doch es gelang ihr trotzdem nicht, den Kopf noch rechtzeitig über die Kloschüssel zu halten, bevor sie sich übergeben musste.
Als sie wieder hinaustrat, nahm sie ihren Rucksack vom Band, es war der letzte, der verwaist seine Runden drehte. Sie steuerte auf den Ausgang und auf ein Schild mit der Aufschrift: Reisende aus EU-Ländern zu. Sie hielt ihren Rucksack mit beiden Händen wie einen Schild vor der Brust und blickte starr geradeaus. Hinter einem Tisch unterhielten sich zwei uniformierte Männer, offenbar Zollbeamte, schienen aber nicht zu bemerken, dass sie vorbeiging. Eine Schiebetür glitt zur Seite, davor warteten Menschen. Noch ein Schritt und sie war bei ihnen, in Sicherheit.
»Entschuldigung!«
Sie hörte eine Stimme hinter sich. Als sie sich umdrehte, standen die beiden uniformierten Männer vor ihr. Einer von ihnen lächelte. Er wirkte nett.
»Dürfte ich Sie bitten, noch mal zurückzukommen? Nur für eine kurze Kontrolle.«


3
Eine Frau eilte durch die Straßen Oslos. Sie rannte nicht, ging aber sehr schnell, als wolle sie entkommen. Sie wollte das Unbehagen hinter sich lassen. Gerade eben noch war sie in einem Geschäft gewesen und hatte sich die Waren angesehen. Ein Kaufhausdetektiv war ihr gefolgt. Er war nicht einmal sonderlich diskret gewesen. Er hatte sich in geringer Entfernung von ihr postiert und gestarrt. Um die anderen Kunden hatte er sich nicht gekümmert.
Sie war das gewohnt. So war es eben, in einem weißen Land schwarz zu sein. Obwohl sie schon seit fast zwanzig Jahren in diesem Land wohnte. Obwohl sie die Sprache beherrschte und obwohl sie nach ihrem Studium immer ihr eigenes Geld verdient hatte. Sie war allen erdenklichen Normen gemäß angepasst und verhielt sich genau so, wie es ihre neuen Landsleute wünschten und forderten. Sogar dieser Politiker, der aussah wie ein amerikanischer Fernsehprediger, konnte mit ihr zufrieden sein. Der, der immer davon sprach, wie wichtig es sei, dass auch die Einwanderer nach den norwegischen Werten lebten.
Sie war es gewohnt, aber sie würde sich nie daran gewöhnen. Deswegen eilte sie durch die Stadt. Es kam vor, dass sie erwog zurückzukehren. Aber zu was? In ihrem alten Heimatland würde sie sich wie eine Touristin vorkommen. Außerdem hatte sie Verpflichtungen, denen sie nicht einfach entfliehen konnte. Und Bindungen. Sie fuhr neuerdings sogar Ski.
Als sie den Schlüssel in die Wohnungstür steckte, hatte sie sich wieder beruhigt. Das war ihr Zuhause. Sie trat über die Schwelle, bückte sich und hob die Post vom Boden auf. Zwei Umschläge mit Reklame. Eine Rechnung. Und ein Brief mit einer handgeschriebenen Adresse. Weiß, klein und mit einer undeutlich abgestempelten Briefmarke.
Ihr Name und ihre Adresse mit blauer Tinte. Kein Absender. Nur ihr Name und ihre Adresse.

Rezensionen der Redaktion zu Der Sonntagsmann

"Kanger ist ein Meister seines Fachs - ein spannender Thriller der Extraklasse." (Aftonbladet)

Kurzbeschreibung zu Der Sonntagsmann

Ein lange zurückliegender Mord und Zeugen, die mehr wissen, als sie zugeben - der neue große Kriminalroman aus Schweden.


Västerås in Schweden: Die Kommissarin Elina Wiik stöbert in den Akten und stößt auf einen ungeklärten Mordfall, der 25 Jahre zurückliegt. Elina nimmt die Ermittlungen auf und ist überrascht, woran sich so mancher Zeuge nach so vielen Jahren noch erinnern kann. Doch wer war die Tote? Und was wurde aus ihrem Baby, das seit dem Mord verschwunden ist? Elina Wiik bleiben für die Suche nach dem Mörder noch drei Wochen bis zum Ablauf der Verjährungsfrist - ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt ...




Autorenportrait zu Der Sonntagsmann

Thomas Kanger, geboren 1951, lebte lange Jahre in Västerås, Schweden, und später in Kalifornien, Neu-Delhi und Jerusalem. Er war als Journalist tätig und berichtete unter anderem viele Jahre aus Israel, bevor er zurück in die Nähe von Stockholm zog und si

Portrait

Holger Wolandt:
Holger Wolandt, geboren 1962 in Würzburg, studierte Nordistik, Anglistik und Germanistik in München. Heute lebt er als Reisejournalist, Übersetzer und Herausgeber in Stockholm. Er hat zahlreiche Anthologien herausgegeben, darunter das »Skandinavische Lesebuch«, »Unter Mördern und Elchen«, »Ferien zu zweit«, »Elche im Schnee«, »Tod am Fjord«, »Mittsommernachtsliebe« und »Schwedische Appetithappen« und »Elche am Fjord«.
Thomas Kanger:
Thomas Kanger, geboren 1951, lebt in der Nähe von Stockholm. Bevor er sich dem Schreiben von Kriminalromanen widmete, war er als Journalist tätig und berichtete unter anderem viele Jahre aus Israel. Sein Kriminalroman Der Sonntagsmann wurde für den Schwedischen Krimipreis nominiert.

Autorenportrait

Thomas Kanger, geboren 1951, lebte lange Jahre in Västerås, Schweden, und später in Kalifornien, Neu-Delhi und Jerusalem. Er war als Journalist tätig und berichtete unter anderem viele Jahre aus Israel, bevor er zurück in die Nähe von Stockholm zog und si

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50

18.06.2011

„Finale mit Wendungen”

von Ivonne Wiese aus Berlin
Typisch spannender Skandinavienkrimi. Die Story ist spannend, der Schreibstil ebenfalls, man bleibt immer am Ball. Es geht um die Aufklärung eines Verbrechens vor fast 25 Jahren, 3 Wochen bevor die Verjährungsfrist abläuft. Eine Frau wurde getötet, ihr Baby verschwand. In der Jetztzeit begleiten wir eine Polizistin, die den mord aufklären will und eine junge Frau, die ihre Eltern sucht. Klar weiß der Leser, das sie das entführte Baby von damals ist, trotzdem ist es spannend. Die Suche nach dem Mörder und die Suche nach den Eltern. Und kurz vorm Finale gibt es noch mal eine Wendung. Die Handlungsstricke sind vielfältig was ungemein die Spannung steigert. Sehr empfehlenswert!

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30

24.10.2009

„2 Tage und das Buch steht wieder im Schrank”

von einer Kundin oder einem Kunden
Thomas Kanger ist mit diesem Krimi ein gutes Buch gelungen.

Es ist leicht zu lesen und der Handlung ist gut zu folgen. Er verliert sich nicht in Details, was gerade zum Schluss der Spannung auf die Sprünge hilft.

Leider zieht aber auch erst am Ende die Spannung so richtig an den Nerven. Außerdem war zu meinem Leidwesen für mich die Vorhersehbarkeit der Handlung streckenweise hoch.

Alles in allem dennoch lesenswert, denn sowohl der Charakter der Ermittlerin ist interessant, als auch die Beschreibungen der Landschaft lässt vom letzten Skandinavienurlaub träumen.

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40

21.09.2007

„Immer wieder Sonntags”

von Inspektor Schlumpf aus Gaspoltshofen
Mir hat die Geschichte auch sehr gut gefallen. Trotzdem halte ich das Ende nicht für ganz vorhersehbar. Auch für jemanden der öfters Krimis liest gibt es noch eine kleine Wendung zum Schluss.

Mein Tipp: Lesen und bild dir selbst deine Meinung.

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40

15.08.2007

„schöner krimi, aber ende vorhersehbar.”

von einer Kundin oder einem Kunden
spannend zu lesen. gibt einblick in
land und lebensweise.

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