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Einmal Hans mit scharfer Soße. Goldmanns Taschenbücher, Band 15439

Leben in zwei Welten

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Artikeldetails zu Einmal Hans mit scharfer Soße. Goldmanns...

AutorHatice Akyün

Untertitel Leben in zwei Welten

Abbildungsvermerk 18,5 cm

  • ISBN-103-442-15439-1
  • ISBN-139783442154395
  • Verlag Goldmann
  • ReiheGoldmanns Taschenbücher
  • EinbandartTaschenbuch
  • Seiten189
  • Veröffentlicht10.04.2007
  • Gewicht166g
  • SpracheDeutsch
  • OriginaltitelEinmal Hans mit scharfer Sosse

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Leseprobe aus Einmal Hans mit scharfer Soße. Goldmanns...

1 Neulich in der Parallelwelt


Mein Name ist Hatice. Ich bin Türkin mit deutschem Pass, für Politiker ein Paradebeispiel einer gelungenen Integration, für deutsche Männer die verbotene, exotische Frucht und für deutsche Frauen der Grund, ihre Haare zu hassen. In einer Kontaktanzeige könnte ich mich als »rassige Südländerin mit feurigem Temperament und einem äußerst gebärfreudigen Becken« beschreiben. Und nein, mein Name bedeutet übersetzt nicht die »unter der Morgendämmerung aufgehende, mit Tau benetzte Sonnenblume von den Hügeln Anatoliens«. Mein Name hat keine Bedeutung. Oder er bedeutet zumindest auch nicht mehr als Helga oder Nicole.
Die erste Frau unseres Propheten Mohammed hieß Hatice, sie war die erste Muslime. Ein Perser, der mich einmal in einer Berliner Bar rumkriegen wollte, erzählte mir, dass mein Name so viel bedeutet wie »die Frau, der man nicht widerstehen kann«. Zu Hause googelte ich das zur Sicherheit nach und fand heraus, dass »die Frau, der man nicht widerstehen kann« ganz anders klingt und der Perser vielleicht gerne poetischen Blödsinn erzählt, aber mich damit noch lange nicht aufs Kreuz legen kann.
Ich bin Journalistin, das heißt, ich arbeite viel, habe wenig Geld und noch weniger Zeit. Ich trage kein Kopftuch und bin nicht zwangsverheiratet, weswegen ich noch immer keinen Ehemann habe. Ab und zu fahre ich in den Urlaub, meistens in die Türkei, wo meine Eltern ein Ferienhaus besitzen und meine Verwandtschaft mich mit den Worten zu begrüßen pflegt: »Hast du jetzt endlich einen Hans gefunden?« Wenn meine Familie gerade nicht in der Türkei ist, besuche ich sie regelmäßig in Duisburg, wo sie auch ein Haus besitzt und mich alle jedes Mal mit genau denselben Worten empfangen: »Hast du endlich einen Hans gefunden?«
Hans und Helga heißen alle Deutschen bei uns Türken. Und es ist klar, dass Hans ein braver »Brötchenholer« ist. Zu seinem ersten Date kommt er gerne auf dem Fahrrad, mit buntem Fahrradhelm und Hosenschutz. Mit seinem eierförmigen Helm, dem eingezogenen Kopf und den strampelnden Beinen sieht er ein wenig aus wie eine Kröte auf Wanderung. Die hochgebundene Hose, die käsigen Beine und die Druckstelle, die der Helm auf seiner Stirn hinterlassen hat, zerstören jegliche Lust auf ihn, und man bekommt unweigerlich panische Angst davor, Hans ganz ohne Hose sehen zu müssen. Wenn der Kellner beim Zahlen fragt, zusammen oder getrennt, dann antwortet Hans höflich und korrekt – und allenfalls mit einem verschämten Seitenblick auf Helga – getrennt.
Helga wiederum würde niemals zum Friseur gehen, einfach nur um sich die Haare fönen zu lassen. Sie trägt keine Absätze, die höher sind als vier Zentimeter, und was der perfekte Bogen einer gezupften Augenbraue ist weiß sie auch nicht. Sie ist aber sehr interessiert daran, es zu erfahren. Und man kann den ganzen Abend beieinander sitzen und herrlich mit Hans und Helga diskutieren.
Hans, das wissen wir auch, führt seinen Hund Gassi und sammelt dessen Kothäufchen in einer Tüte zusammen. Seine Möbel baut er nach Aufbauanleitung zusammen und arbeitet dabei überlegt und aufmerksam. In seinem Werkzeugkoffer lagert immer das passende Gerät, und falls es ein Problem gibt, fährt er mit dem Möbelstück zurück zum Verkäufer, beschwert sich über die mangelhafte Anleitung und verlangt eine Lösung für das Ärgernis.
Fatma, eine meiner Schwestern, die seit ihrer Hochzeit in der Türkei lebt, versteht überhaupt nicht, warum ich auf deutsche Männer stehe. »Warum tust du dir das bloß an?«, ruft sie ins Telefon, während sie auf ihrem Balkon in Izmir sitzt und Tee trinkt. Es gibt so vieles, worüber Fatma nur den Kopf schüttelt. Zum Beispiel, wenn ich ihr von meiner täglichen Ration Vollkornbrot erzähle oder von meinen deutschen Freunden und ihren Familien, die sich nur an Weihnachten sehen. Oder davon, dass jeder sein eigenes Leben lebt und wir alle unsere eigene Wohnung haben. »Fühlst du dich nicht einsam?«, fragt sie mich dann besorgt. Ich erkläre ihr, dass ich viel arbeite und froh bin, wenn ich abends einmal niemanden sehen muss. »Du machst etwas falsch«, sagt sie, wenn sie meine müde Stimme hört.
Natürlich mache ich etwas falsch. Ich versuche, in zwei Welten gleich gut zurechtzukommen, die sich einfach nicht unter einen Hut bringen lassen. Ich verstehe mich ja selbst nicht, wenn ich gerade wieder einmal aus der Türkei nach Berlin zurückgekehrt bin und schlaflose Nächte verbringe, weil mir eine Freundin dort düstere Prognosen aus dem Kaffeesatz gelesen hat.
Ich hatte meinen türkischen Mokka noch nicht ausgetrunken, als sie mir mein goldenes Tässchen schon aus der Hand riss und den Satz auf die Untertasse stülpte. Dann beugte sie sich nach vorn, ließ ihre zehn Finger knacken und sagte bedeutungsschwanger: »Schauen wir doch mal, was dir die Liebe so bringen wird.«
»Ach, eigentlich möchte ich das gar nicht wissen«, sagte ich vorsichtig.
»Oh, du hast ein paar Sorgen, aber die wirst du bald loswerden«, meinte sie unbeirrt. »Ich sehe es, weil sich fast der ganze Kaffeesatz vom Rand der Tasse gelöst hat. Es wird einen Wendepunkt in deinem Job geben. Ich sehe zwei Konkurrenten. Ein kräftiger Mann wird verschwinden und deinen Weg nach oben freimachen.«
»Klasse«, dachte ich. »Vielleicht ist ja was dran?«
»Du wirst einen großen Mann treffen, einen deutschen Hans, bei dem wirst du aber nicht lange bleiben.«
»Ich will aber bei ihm bleiben«, flehte ich.
»Du wirst einen kleinen Mann kennen lernen und mit ihm einen Sohn zeugen«, las sie mit großer Entschlossenheit weiter.
»Halt, stopp, geh zurück zu dem großen Mann, ich stehe auf große Männer. Auf große, blonde, blauäugige Männer. Außerdem wünsche ich mir eine Tochter«, schrie ich und versuchte ihr die Tasse aus der Hand zu reißen.
»Das Schicksal kann man nicht austricksen«, lächelte sie geheimnisvoll. Dann drehte sie rasch ihre eigene Tasse um, blickte nur ganz kurz in den Kaffeesatz, sah aus dem Fenster, wo am Horizont gerade die Sonne unterging und die Fischerboote am Ufer in goldgelbes Licht tauchte, und schmunzelte zufrieden in sich hinein.
Trotzdem bleibe ich meinen Vorlieben treu. Meine Freundinnen in der Türkei behaupten, ich sei schon fast wie eine Deutsche. »Du hast ein frostiges Herz, wo ist nur deine Sinnlichkeit und Leidenschaft hin?«, fragen sie mich. »Du kannst die größte Karriere machen, die schönste und reichste Frau sein, doch wenn du keine Liebe und Wärme für einen Mann empfindest, bist du keine richtige Frau.« Sie sagen, eine türkische Frau sei warm und weich. Sie sei wie ein Seidentuch, das man hochwirft und das in weichen Wellen wieder heruntergleitet. Sie sei stark und robust und könne alles vereinen: Familie, Kinder und Karriere, ohne dabei ihre weibliche Seite zu verlieren.
Wie würden wohl meine türkischen Freundinnen meine deutschen Freundinnen finden, die in ihren Designer-Hosenanzügen, mit streng zurückgekämmten Haaren und unterdrücktem Babywunsch in den Chefetagen tagtäglich ihren Mann stehen müssen, wenn schon ich für sie meine Weiblichkeit verloren habe?
Die Türken nennen die Deutschen »hrsl«, die Ehrgeizigen. Sie bewundern sie für ihre Zielstrebigkeit und Konsequenz, sehen aber auch den Preis, den Hans und Helga dafür zahlen müssen. Die beiden müssen sich entscheiden, klar und eindeutig: entweder Kinder oder Beruf. In der Türkei bekommt man die Kinder, egal ob man berufstätig ist oder nicht. Es ist ja auch immer noch die Großfamilie da, die sich freut, endlich wieder kleine Kinder beaufsichtigen zu dürfen.
Den richtigen Hans habe ich übrigens noch nicht gefunden. Ein Hans, der leidenschaftlich wäre und galant genug, mir beim ersten Date – wie in der Türkei üblich – die Autotür aufzuhalten, ein Hans mit scharfer Soße sozusagen, ist mir noch nicht begegnet. Und türkische Männer trauen sich nicht mehr in meine Nähe. Seither bin ich das Sorgenkind meiner Familie.
Sie kennen meine Familie noch nicht? Dann kommen Sie und setzen Sie sich, und vergessen Sie nicht, etwas zu essen mitzubringen, denn das macht man so bei uns. Und stellen Sie sich auf einen langen und vergnüglichen Nachmittag ein! Ich entführe Sie in ein Deutschland, das Sie unter Garantie noch nicht kennen. Ein Land mit Geschichten aus 1001 Nacht mitten im Ruhrpott, denn dorthin ist mein Vater, ein Landwirt aus Anatolien einst gezogen, um hier zu arbeiten. Man könnte beinahe sagen, wir sind eine ganz normale türkische Gastarbeiterfamilie in Deutschland. Aber stellen Sie sich auf eine lange Reise ein, denn es geht um so etwas wie den Eintritt in ein anderes Universum.
Ach ja, und noch etwas: Auch wenn sonst niemand mehr daran glaubt – ich werde meinen Hans schon noch kriegen, und dann werde ich viele Töchter mit ihm haben, und er wird die Autotür aufhalten und mich ins Restaurant einladen (und ich war natürlich extra beim Friseur, nur um mir die Haare fönen zu lassen). Und am nächsten Morgen wird er zum Frühstück Zeitung und Brötchen holen!


2 Mokkagläser mit Goldrand


Darf ich Ihnen meine Familie vorstellen? Da ist mein Vater, der mit seinen grünen Augen nicht einmal türkisch aussieht, dafür aber zu jeder Jahreszeit seinen Grill im Garten aufstellt. Er wäre zu gern der Patriarch im Haus, aber vier Töchter, sechs Enkelinnen und seine anatolische Vollblutehefrau bieten ihm keine allzu großen Entfaltungsmöglichkeiten in dieser Rolle.
Mein Vater ist voller Sehnsucht nach seinem Zuhause – je nachdem, wo er sich gerade aufhält. Ist er in Deutschland, jammert er über das schlechte Wetter, die wässrigen Tomaten oder die entseelten Deutschen, und ihn packt regelmäßig der
Wunsch, in die Türkei aufzubrechen. Die kennt mein Vater aber mittlerweile nur noch im Sommer. Den Winter verbringt er in Deutschland, weil in seinem Haus in Duisburg die Zentralheizung besser funktioniert. Hier schwärmt er vom blauen
Meer und der fruchtbaren Erde seines Gartens, er sehnt sich nach dem Gebetsruf des Muezzin, dem Geruch der Basare, und er vermisst die Herzlichkeit der Menschen, mit denen er stets ein Schwätzchen auf der Straße halten kann.
Kaum ist er in der Türkei angekommen, beschwert er sich über die schlechten Autos, die korrupten Behörden, Stromausfälle und das miserable türkische Gesundheitssystem. Die Sehnsucht nach Deutschland überwältigt ihn, und er fiebert seiner Krankenkassen-Chipkarte und seinem Mercedes entgegen.
Niemals würde mein Vater ein anderes Auto fahren als einen Mercedes. Er war schon immer qualitätsbewusst, was seine Fortbewegungsmittel angeht. Er stieg in unserem anatolischen Dorf Akpnar Köyü vom Pferd, kam nach Deutschland und kaufte sich sehr schnell einen nagelneuen Mercedes. Alle vier Jahre wechselt er ihn gegen ein neues Modell aus. Das Einzige, was sich ändert, ist die Farbe.
Meine Mutter hingegen ist, was die Frage nach ihrem Zuhause anbelangt, etwas unkomplizierter als mein Vater. Solange es genügend türkische Gemüsehändler, Metzger und Supermärkte gibt, wo sie Lebensmittel für ihre zahlreichen Mahlzeiten erstehen kann, ist es ihr egal, in welchem Land sie sich gerade aufhält. Nur manchmal vermisst sie den Aldi, wenn sie zu lange in der Türkei war.
Es gibt zwei Gesetze, die bezüglich meiner Mutter bei uns ohne Ausnahme gelten: Nur sie darf auf dem Beifahrersitz des Mercedes sitzen, und sie hat immer Recht. Hat sie Unrecht, hat sie trotzdem Recht, und niemand in der Familie würde auf die Idee kommen, ihr zu widersprechen. Sobald man sie kritisiert, ziehen sich Zornesfalten auf ihrer Stirn zusammen, sie bäumt sich auf und klagt mit bebender Stimme: »Ich habe dich neun Monate in meinem Bauch getragen, habe dir sechs Monate die Brust gegeben, du warst von meinen sechs Kindern das schwierigste, ist das der Dank für all meine Strapazen?«
Ihre Augen werden ganz klein, und sie zieht sich gekränkt in eine Ecke des Sofas zurück. Dann muss man sie in den Arm nehmen und ihr sagen, wie großartig sie sei und dass nur unter ihren Füßen das Paradies liegt. Aber für seichte Worte ist meine Mutter nicht immer empfänglich. Sie macht es uns nicht einfach, da ist sie sehr türkisch. In dieser verfahrenen Situation hilft nur noch die höchstmögliche Anerkennung für die Leistungen einer türkischen Mutter: ein demütiges Verhalten und das Versprechen, dass man sie in Zukunft immer zum Einkaufen fahren wird. Manchmal reicht auch das nicht für eine Versöhnung aus, so dass der türkische Vater eingreifen muss, der sie davon überzeugt, dass die ganze Familie ohne sie verloren wäre. Erhebt sie sich und geht murmelnd in die Küche, sind das Zeichen dafür, dass ihr Zorn langsam verraucht.
Neben solchen harmlosen Zänkereien gibt es Situationen, in denen meine Mutter hochgeht wie eine zu früh gezündete Bombe. Und niemand weiß genau, warum. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem mein Vater in die Moschee gegangen war. Meine Mutter und ich wollten mit der Straßenbahn zum Einkaufen fahren. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg und kamen dabei an einer Baustelle vorbei. Zwei Bauarbeiter standen in der Grube und hantierten mit schwarzen Kabeln. Meine Mutter zog mich am Ärmel weiter. Da pfiff einer der Männer hinter uns her. Meine Mutter ließ meinen Arm los, lief die fünf Meter zurück, zog vor der Grube ihren rechten Schuh aus und schrie: »Du Ascheloche, du Schiweine!« Dann hieb sie den beiden Jungs ihre Deichmann-Gummisohlen auf den Kopf. Sie zog den Schuh wieder an und ging mit mir zur Haltestelle, als sei nichts gewesen.
Die Männer in der Grube strichen sich mit der Hand über den Kopf und starrten meiner Mutter und mir mit weit geöffneten Mündern hinterher. Diese Reaktion hatten sie nicht erwartet – schon gar nicht von einer türkischen Frau mit Kopftuch. Bis heute weiß ich nicht, warum meine Mutter auf einen harmlosen Pfiff so empört reagiert hat. Mein Vater sagte, dass es unangemessen und respektlos sei, einer türkischen Frau nachzupfeifen und dass meine Mutter sich in ihrem anatolischen Stolz gekränkt gefühlt habe. Dabei schaute er in die
Küche, in der meine Mutter am Herd stand, und lächelte sie verliebt an.
Wer uns besuchen kommt, lernt nicht nur meine Eltern kennen, sondern macht unweigerlich auch die Bekanntschaft mit ihrer orientalischen Wohnungseinrichtung. Das Wohnzimmer ist eine einzige Sofalandschaft. Mein Vater prahlt mit seinem Mercedes, meine Mutter mit ihren Couchgarnituren. Sie besitzt zwei Schlafsofas, ein Schaumstoffsofa mit drei Sitzen, ein Schaumstoffsofa mit zwei Sitzen und zwei passende Sessel in den Farben Grau und Braun mit floralem Muster. Zusätzlich steht in unserem Wohnzimmer eine beleuchtete Schrankwand mit integrierter Vitrine, dessen Glas ebenfalls ein Blumenmuster schmückt. In der Vitrine verwahrt meine Mutter Teegläser mit Goldrand, Mokkagläser mit Goldrand, Vasen mit Goldrand und Dutzende Bilderrahmen mit Goldrand, in denen Fotos unterschiedlicher Vertreter unserer umfangreichen Verwandtschaft kleben. In der vier Meter langen Schrankwand präsentieren sich drei Kaffeeservice, drei Tafelservice, Schnellkochtöpfe und mehrere Teflonpfannen.
Ich bin diese Wohnungseinrichtung so gewöhnt,dass sie mir jahrelang nicht aufgefallen ist. Erst als ich Mitte zwanzig war und hin und wieder Freunde aus meiner Parallelwelt nach Hause mitbrachte, fiel mir auf, wie stark sie sich von dem unterscheidet, was in Deutschland sonst so üblich ist. Ähnlich ist es mit dem Deutsch, das meine Eltern sprechen. Meine Mutter mag keine Konsonanten. Es fällt ihr schwer, zwei von ihnen hintereinander auszusprechen. Das liegt daran, dass sie im Türkischen sehr selten vorkommen und wenn doch, dann nur am Ende eines Wortes. Um dem Problem auszuweichen, setzt meine Mutter einfach einen Vokal zwischen die Konsonanten. Sie fährt nach »Kölün«, wohnt in »Düsburug«, ihre Töchter schauen viel zu häufig in den »Schiepigel«, unser Onkel lebt in
»Schututtgart«, unsere Cousine in »Nürünberg«, ihr Sohn Mustafa soll beim Autofahren auf die »Schitarasse« gucken und mein Vater fegt die »Schiteine« von der Einfahrt.
Probleme bereiten ihr auch die Artikel. »Wozu sollen die gut sein?«, fragt sie mich ungehalten, wenn ich ihr erkläre, dass es »der Tisch«, »die Speisen« und »die Freude« heißt. Ich sage, dass Sätze sehr holperig klingen würden, ließe man die Artikel einfach weg, und gebe ihr ein Beispiel: »Wenn die Speisen auf dem Tisch stehen, ist die Freude groß.« Im Türkischen gibt es kein grammatikalisches Geschlecht, weder männlich, weiblich noch sächlich. Meine Mutter meint, dass es Unsinn sei, aus allen Dingen Männer und Frauen zu machen, und fragt, ob sie tatsächlich nötig seien, weil sie bisher jeder verstanden hätte, wenn sie sagte: »Wenn Essen auf Tisch, alle viel freuen.«
Verglichen mit meiner Mutter hat mein Vater nur geringe Probleme mit der deutschen Sprache. »Meine Tochter immer viel arbeiten«, berichtet er seinen Nachbarn. Wenn ich versuche, meinem Vater die richtige Satzstellung beizubringen oder seine Aussprache zu verbessern, sagt er, ich soll bloß ruhig sein, weil er mir schließlich mein erstes deutsches Wort beigebracht hätte und ich es nicht ausschiprechen konnte. Ich habe anscheinend auf die Frage nach unserer Hausnummer mit »tüff« anstelle von fünf geantwortet. Den vorsichtigen Einwand, dass ich zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt war, lässt er nicht gelten.
Mein jüngerer Bruder Mustafa hat dagegen ein Problem mit der türkischen Sprache. Viele Wörter, die er häufig benutzt, kennt er nicht auf Türkisch und behilft sich mit kreativen Neuschöpfungen. Er sagt: »Arbeitsamta gitmem« (Ich gehe nicht zum Arbeitsamt) oder: »Arzt krank yazd?« (Der Arzt hat mich krankgeschrieben). Nachdem ich Langenscheidts Taschenwörterbuch Türkisch-Deutsch konsultiert hatte, habe ich ihn belehrt, dass er zum »Is ve Isçi Bulma Kurumuna« (Arbeitsamt) gehen solle, »ciddi bir hastalgn olmadan rapor alarak is¸e gitmemek« (krankfeiern) sicher nicht seine Chancen erhöhe, den Job zu behalten, und ich sowieso glaube, dass er es sich in der »sosyal hamak«, der sozialen Hängematte, verdammt gemütlich macht.
Mustafa ist neben mir das andere schwarze Schaf in der Familie. Er ist Anfang zwanzig und ein Filou, der mit Handys und Markenklamotten Geschäfte macht. Manchmal profitiere ich von seinem Handel, dann verkauft er mir etwas sehr günstig, weil ich doch seine »Schiwesta« bin. Er ist ein Macho mit äußerst liebenswerten Seiten, und er könnte perfekt Deutsch sprechen, aber das will er nicht. Wenn ich ihn frage, wie es denn mit seiner neuen Freundin läuft, antwortet er: »Ey, hab isch mit die Schuluss gemacht.« Dann korrigiere ich ihn: »Mustafa, das heißt, mit ihr habe ich Schluss gemacht.« Und er sagt cool, mit einem schiefen Lächeln: »Is Määdschen, is doch die.« Und wenn seine aktuelle Freundin vor dem Kleiderschrank steht und ihn fragt, was sie tragen soll, antwortet Mustafa bloß im Vorbeigehen: »Die Einkaufstüten.«

Rezensionen der Redaktion zu Einmal Hans mit scharfer Soße. Goldmanns...

"Fröhlich jongliert Akyün mit deutschen und türkischen Vorurteilen aller Art, beschreibt unterhaltsam den eigenen, fast unmöglichen Versuch, in zwei Welten gleich gut zurecht zu kommen." Neuß-Grevenbroicher Zeitung

Kurzbeschreibung zu Einmal Hans mit scharfer Soße. Goldmanns...

Der Multikulti-Alltag einer selbstbewussten Deutsch-Türkin


1001 Geschichten aus einem Leben zwischen Berlin und dem Bosporus: Amüsant und pointiert rückt Hatice Akyün den Eigenarten von Türken und Deutschen zu Leibe.


"Hans und Helga heißen alle Deutschen bei uns Türken", schreibt Hatice Akyün, "und jedes Mal, wenn ich in die Türkei fahre, heißt es: ,Hast du jetzt endlich einen Hans gefunden?' Natürlich habe ich ihn noch nicht gefunden. Ein Hans, der galant genug wäre, mir beim ersten Date - wie in der Türkei üblich - die Autotür aufzuhalten, ist mir noch nicht begegnet. Und türkische Männer trauen sich nicht mehr in meine Nähe. Seither bin ich das Sorgenkind meiner Familie. Sie kennen meine Familie noch nicht? Dann kommen Sie her, und setzen Sie sich, und vergessen Sie nicht, etwas zu essen mitzubringen, denn das macht man so bei uns. Ich entführe Sie in ein Deutschland, das Sie unter Garantie noch nicht kennen. Geschichten aus 1001 Nächten im Ruhrpott, nachdem mein Vater nach Deutschland gekommen ist, um hier zu arbeiten. Stellen Sie sich auf eine längere Reise ein, denn es geht um so etwas wie den Eintritt in ein anderes Universum."


Ein Beitrag zu einem hochaktuellen Thema, über das so frech, humorvoll und witzig noch nie geschrieben wurde.


Autorenportrait zu Einmal Hans mit scharfer Soße. Goldmanns...

Hatice Akyün wurde 1969 in Akpinar Köyü in Zentralanatolien geboren. 1972 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie seither lebt. Sie schreibt als freie Journalistin u.a. für den „Spiegel“, „Emma“ und den „Tagesspiegel“. Mit ihrem ersten Buch „Ei

Portrait

Hatice Akyün:
Hatice Akyün wurde 1969 in Akpinar Köyü in Zentralanatolien geboren. 1972 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie seither lebt. Hatice Akyün schreibt als freie Journalistin u. a. für "Emma", "MAX" und den "Spiegel".

Autorenportrait

Hatice Akyün wurde 1969 in Akpinar Köyü in Zentralanatolien geboren. 1972 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie seither lebt. Sie schreibt als freie Journalistin u.a. für den „Spiegel“, „Emma“ und den „Tagesspiegel“. Mit ihrem ersten Buch „Ei

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16.07.2010

„Sowas von lesenswert!!”

von einer Kundin oder einem Kunden aus Nierstein
Durch einen Zufall bin ich auf dieses Buch gestossen (Bericht darüber im Radio) und habe es in 2 Abenden gelesen!

Ich komme nun nicht darum herum mir auch gleich die Fortsetzung zu gönnen! Denn das ist nach dem ersten Teil ein absolutes MUSS!!
Ich bin schon ganz neugierig, wie es weitergeht... :-)

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40

06.03.2010

„Türkin oder Deutsche?”

von einer Kundin oder einem Kunden
Die Autorin Hatice ist Türkin und lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland. In ihrem Herzen fühlt sie sich wie eine Deutsche, schließlich ist sie hier aufgewachsen und Deutschland sieht sie als ihre Heimat. Sie hätte gern die Freiheiten, wie ihre deutschen Freundinnen. Ihre Eltern aber wollen, dass sie nach türkischen Traditionen erzogen wird. Hatice soll heiraten, wenn sie volljährig ist, Kinder bekommen und eine gute Hausfrau werden.
Sie versucht ihren Eltern klar zu machen, dass sie alt genug ist ein eigenständiges Leben zu führen und eigene Entscheidungen zu treffen, so wie es auch ihre beste (deutsche) Freundin macht.
In einer humorvollen Schreibweise erzählt sie Abschnitte aus ihrem bisherigem Leben, wie sie ihren ersten Freund den Eltern vorstellt, diese nicht verkraften, dass er Deutscher ist, von ihren Urlauben in der Türkei...

Das Buch ist eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre. Sie versucht Vorurteile gegenüber Ausländer aus dem Weg zu schaffen und begreiflich zu machen, dass diese mitunter auch ein mehr oder weniger deutsches Leben führen.

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40

25.12.2009

„Da kommen Erinnerungen auf...”

von Enu aus Köln
Sehr unterhalsame Biografie einer Frau, die das Erlebte wohl mit Tausenden von Türkinnen in Deutschland teilt. Vieles kennt man aus eigener Erfahrung und schmunzelt von Seite zu Seite, wenn man sich dessen bewusst wird. Das Geschriebene lebt von den Emotionen des Lesers - für jeden Türkischstämmigen nachvollziehbar.

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50

23.10.2009

„Eine charmant-witzige deutsch-türkische Erzählung”

von einer Kundin oder einem Kunden
Witzig, clever und sehr viel Lachmuskeltraining - Hatice Akyün versteht es, ihre Leser zu unterhalten und auf charmante Weise ihre Erfahrungen aus ihrem Leben als Deutsch-Türkin zu veranschaulichen. Uns ziegt sie so, wie aus zwei kulturell so unterschiedlichen Lebensweisen ein rundes Bild ohne Widersprüche entstehen kann.

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Diese Artikel haben mir auch gefallen: Ali zum Dessert (9783442311477)

50

09.10.2009

„Einmal Hans mit scharfer Soße”

von einer Kundin oder einem Kunden
"Ein tolles Buch.

Das Buch handelt von eine Deutsch-Türkin mittlern Alters, die sich mehr als eine Deutsche fühlt. Für Ihre Eltern ist das, aber nur schwer verständlich. Ihre größte Sorge allerdings ist, das sie noch immer nicht Verheiratetet ist. Sie erzählt in dem Buch von Ihrer Suche nach sich selber und der großen Liebe. Diese soll natürlich Deutsch sein, denn gegen türkische Männer hat sie das eine oder andere Vorurteil. Sie vereint in dich das südländische Temprament und Deutsche Genauigkeit. Was sie als Vorteil betrachtet, aber natürlich kennt Sie auch die Seite der Ausländerfeindlichkeit.

Das Buch ist mit so viel netten Charme und Witz geschrieben, das man es nur mögen kann. Alleine im ersten Kapitel habe ich mir den Bauch vor Lachen halten müssen. Es beschreibt die typischen Eigenschaften Ihren türkischen Eltern. Das soviel Wiedererkennungswert hat.

Ich kann das Buch nur empfehlen, weil man sich sehr gut in Hatice hineinversetzen kann. Und den Zwiespalt zwischen den zwei Kulturen versteht. Und lernt damit, andere Kulturen mehr zu respektieren. Denn anders heißt nicht gleich schlecht.

Ich habe zu diesen Buch im Regal gegriffen, weil ich seit kurzem einen Deutschtürken als Freund habe. In meinem ersten Türkei Urlaub mit Ihm, habe ich das Buch gelesen. Es hat mir viel über seine Kultur beigebracht und geholfen Ihn und seine Eltern besser zu verstehen. Aber das soll jetzt nicht den Anschein machen, dass es ein Lehrbuch ist. Im Gegenteil es ist eine Wahre Geschichte, die total fasziniert ist und sehr Lustig geschrieben. Mir hat es so gut gefallen, dass ich nach meinem Türkei Urlaub gleich den Zweiten Teil gekauft habe."

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30

29.03.2008

„Alltag einer selbstbewußten Deutsch-Türkin”

von CaWa - die Leseratte aus Hilden Top-100 Rezensent Top 100 Rezensent
Auf lockere Art und Weise beschreibt die Autorin das/ihr Leben zwischen Deutschland und der Türkei.

Kurzweiliges Buch für zwischendurch. Teilweise wirklich urkomisch, dann wieder etwas langatmig.

Kann man, muss man aber nicht gelesen haben.

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40

31.07.2007

„Amüsantes Buch!”

von Hande Y.
Die Autorin erzählt die Geschichte mit Charme und Witz. Ich musste ein paar mal richtig lachen und an einigen Passagen konnte ich (als Türkin) mich wiederfinden. Eine kurzwelige Unterhaltung für laue Tage.

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

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Diese Artikel haben mir auch gefallen: L.I.E.B.E. (3833462884)

50

11.06.2007

„Sehr gut”

von einer Kundin oder einem Kunden aus Ulm
Hat mir sehr gut gefallen, musste oft lachen............

0 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

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