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Ich gehöre keinem

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Artikeldetails zu Ich gehöre keinem

  • ISBN-103-641-03668-2
  • EAN9783641036683
  • Veröffentlicht20.11.2009
  • Btb Verlag
  • EinbandartEPUB
  • OriginaltitelMig äger ingen

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Leseprobe aus Ich gehöre keinem

Papas Portemonnaie ist so groß wie ein Handteller, schwarz und nach einem Leben in der Gesäßtasche leicht gekrümmt. Die Nähte geben allmählich ein wenig nach, und es ist schwer, obgleich fast leer. Im Geldscheinfach ist nichts, im Münzfach liegen achtzehn Kronen und fünfzig Öre.
Hinter seiner Krankenkarte stecken dicht gedrängt ein Scheckheft der Nordbanken und ein Mitgliedsausweis der Metallergewerkschaft, Abteilung 20. Ein zerknitterter Zeitungsausschnitt mit einer Statistik über die Bandyerfolge des Sportvereins Västeräs, eine einsame Briefmarke mit dem König als Motiv.
In einem der Fächer verbirgt sich eine nagelneue Bankkarte, eingeschlagen in einen Zettel mit dem Wort »Patte« und einer Geheimzahl. Auf dem Konto sind gerade einmal neunundneunzig Kronen. Als Papa starb, waren es noch elf Tage bis zur nächsten Arbeitslosenhilfe.
Die Geldbörse beherbergt darüber hinaus ein kleines Notizheft für Bankgeschäfte, in dem Papa Telefonnummern notiert hat. In der ersten Zeile steht Äsa, gefolgt von meiner Privatnummer. Darunter folgt mit etwas kräftigerem Filzstift Schnaps und eine Telefonnummer, die er mehrfach überschrieben hat. Anschließend kommen seine ältere Schwester Majken und die anderen Geschwister, auch jene, die er niemals angerufen hätte. Seine besten Freunde Börje und Berit. Dann folgt eine lange Reihe Nummern von Dreckfink, Schädel, Buster, Schlange, Hoffa, Babben, Blümchen, Bella und Britta mit den Titten. Ebenso säuberlich festgehalten ist Mamas Schwester Nina, mit der er seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hatte.
Auf dem Personalausweis steht Leif Boris Andersson, geboren am 15. Februar 1941. Das Foto ist gut, ich erkenne ihn.
In den siebziger Jahren, in meiner Kindheit, war Västeräs Schwedens sechstgrößte Stadt. Jeder dritte Einwohner verdiente seinen Lebensunterhalt bei Asea. Die meisten arbeiteten ihr ganzes Leben dort. Die Fabriken lagen mitten in der Stadt, riesige Backsteinbauten, von denen die Menschen verschluckt wurden. Die Mimer-Fabrik nahm einen großen Häuserblock ein, und ein Stück die Straße hinauf lag Punkt, das größte Kaufhaus der Stadt.
Jeden Nachmittag um kurz nach vier ertönte die Sirene, und die riesigen Fabriktore öffneten sich für Hunderte von Fahrrad fahrenden Metallarbeitern - der Asea-Strom. Es dauerte nur wenige Minuten, den großen Arbeitsplatz zu leeren. Dicht gedrängt leisteten sich Hunderte von Männern und ein paar Frauen mit Kopftüchern auf dem ersten Stück der Storagatan Gesellschaft, ehe sie sich zerstreuten, um sich am nächsten Morgen um sieben Uhr erneut zu begegnen. Die meisten waren gebürtige Västeräser, doch viele trugen auch Namen aus Italien, Griechenland, Jugoslawien und Finnland. Etwas später waren dann die Angestellten aus dem benachbarten großen, schönen, bläulich schimmernden Glashaus an der Reihe, sich auf ihre Räder zu schwingen.
Papa arbeitete in den Metallwerken im Stadtteil Kopparlunden. Die Metallwerke lagen ebenfalls mitten in der Stadt, bestanden jedoch aus flachen, lang gestreckten Gebäuden aus hellem Backstein und hatten Schornsteine und gezackte Dächer. Dort wurden Aluminium- und Kupferprodukte hergestellt, aber Papa war Metallvergüter und arbeitete mit Stahl, der in Öfen erhitzt wurde, in denen die Temperatur mehr als tausend Grad erreichte. So etwas wie ein moderner Schmied sei er, erklärte er mir, wenn ich ihn fragte, aber ich stellte ihn mir lieber als Drachenbändiger vor. Mit List, Mut und unendlicher Geschicklichkeit wagte er es jeden Morgen, sich den Drachen in Kopparlunden zu nähern, die mit ihren Zickzackrücken dalagen und Rauch über die Stadt ächzten. Die ganze Nacht hatten sie unruhig geschlafen, und erst wenn Papa, der Drachenbändiger, kam, beruhigten sie sich und öffneten brav ihr brennendes Innere.
Sechs Minuten nach vier stempelte Papa seine Stechkarte in der Stechuhr ab und schloss sich dem Asea-Strom an. Er brauchte nur ein paar Minuten, um zur Kindertagesstätte im Stadtteil Viksäng zu radeln, wo ich ihn erwartete.
Ich freute mich, wenn ich ihn die Eingangstür öffnen und auf der Matte im Flur seine Schuhe abstreifen hörte. Keiner der anderen Eltern nahm es damit so genau. Er sagte, nur Gesindel und Leute aus der Oberschicht würden ihre Füße nicht säubern, bevor sie irgendwo eintreten. Ich lief zu ihm, schlang die Arme um seine Beine und spürte die Kühle seines grünen Nylonparkas.
»Hallo, Schnuckelchen, schön, dich zu sehen!«
Er strich mir über den Kopf, und ich sog den Schweißgeruch, den Zigarettenrauch und die Bierfahne ein. Zeigte ihm die Zeichnungen, die ich gemacht hatte - immer waren es Prinzessinnen im Hochzeitskleid mit einem Diadem und hochhackigen Schuhen.
Vor der Kita stand Papas blaues Fahrrad der Marke Crescent. Er setzte mich auf den Gepäckträger und radelte uns zu Großmutter und Großvater, die in der Küche mit ihren hellblau getönten Küchenschränken mit dem Essen auf uns warteten.
Der Weg führte an Viksängs flachen Mietshäusern vorbei, über eine lange, schmale Wiese mit Wäldchen und durch ein stilles Viertel mit kleineren und größeren freistehenden Häusern und sorgsam gepflegten Rhododendrengärten, in denen sich anscheinend niemand aufhalten mochte.
Großmutter und Großvater wohnten in der Björkgatan 14 im Stadtteil Södra Skiljebo. Großvater hatte den roten Backsteinkasten dank der billigen Baukredite, die die Gewerkschaft ihren Mitgliedern nach dem Krieg angeboten hatte, abends nach seinen Schichten in den Metallwerken und an den Wochenenden selbst gebaut. Ganz Västeräs war voller ähnlich aussehender Kästen, wodurch die Stadt die gleiche Fläche einnahm wie Malmö, wo mehr als doppelt so viele Menschen lebten.
Im Erdgeschoss hatten Großmutter und Großvater jeweils ein Zimmer, Großvater das mit dem Fernseher. Über seinem Bett hing ein Bild mit einer Frau in einem leuchtend gelben Bikini. Sie lag im flachen Uferwasser, hatte lange schwarze Haare und lächelte den Betrachter an. Großmutter war wütend auf das Bild, aber Großvater fand, dass es ihn an sie erinnerte, als sie noch jung war. Bevor sich Bojans Titten zusammenklappen ließen, wie man Pfannkuchen zusammenklappte.
Die gute Stube beherbergte ein Büfett, Esszimmermöbel und eine Couchgarnitur. Einen Kristallleuchter mit blauen Glastropfen und Wachskerzen, die niemals angezündet wurden und von den Jahren gelblich verfärbt waren. Dort hielten
wir uns nur an Heiligabend und Festtagen auf. Die restliche Zeit verbrachten wir in der kleinen Küche. In der oberen Etage wohnten Olle, der ebenfalls bei den Metallwerken arbeitete, und seine Frau Märta. Unter ihren Dachschrägen hing eine gefasste Trauer wegen ihrer Kinderlosigkeit, über die keiner sprach.
In der Garage stand den Winter über Großvaters Segelboot, im Keller gab es Hunderte von Werkzeugen und Angelgerätschaften.

Kurzbeschreibung zu Ich gehöre keinem

"Meine Kindheit war völlig anders als die anderer Kinder. Aber das war nicht nur die Schuld meines Vaters, und ich hätte ohnehin mit niemandem tauschen wollen. Aber wie sollte es mir gelingen, ihn davon zu überzeugen, ohne dass es klang, als versuchte ich, mich selbst davon zu überzeugen?"
Die ergreifende Geschichte einer ungewöhnlichen Vater-Tochter-Beziehung: über das Aufwachsen bei einem zwar liebevollen, aber alkoholkranken und letztlich überforderten, allein erziehenden schwedischen Stahlarbeiter in den 70er Jahren.
Schweden in den siebziger Jahren. Die kleine Åsa lebt allein mit ihrem Vater, dem Stahlarbeiter Leif, in einer kleinen Wohnung im mittelschwedischen Västerås, nachdem die Mutter beide wegen eines anderen Manns verlassen hat. Als die Erzählerin ihre Mutter später darauf anspricht, warum sie sie zurückgelassen habe, entgegnet diese, sie habe dem Vater nicht nehmen wollen, was dieser am meisten liebte. Der Alltag der kleinen Restfamilie gestaltet sich in Folge ziemlich unkonventionell. Die kleine Åsa darf so viele Süßigkeiten essen, wie sie will, überhaupt bleibt es ihr selbst überlassen, sich etwas Essbares zu besorgen, das Beziehen von Betten hält Vater Leif für überflüssig, auch Körperhygiene ist nicht seine Stärke. Gegessen wird bei den Großeltern, weil das Geld bis zum Monatsende nicht reicht. Der Grund für die Finanzsorgen: Leif ist zwar ein pflichtbewusster und kompetenter Facharbeiter, der gut verdient, aber er ist auch Alkoholiker, der den Großteil seines Geldes in die Sucht steckt. Die besondere Qualität von Linderborgs ungewöhnlichem Buch liegt im Erzählton der Autorin. Hier wird nichts verherrlicht, aber auch nicht verurteilt. Das Leben des Vaters war weder falsch noch richtig, es war widersprüchlich, chaotisch, verantwortungslos und liebevoll, alles zugleich. Manches ist traurig, aber das Tragische wird immer wieder durch Humor aufgewogen. Die 1968 geborene Autorin zeigt uns eine Welt, in der politische Identität noch keine hohle Phrase war, sondern etwas, was man stolz nach außen trug. Mit »Ich gehöre keinem« hat Linderborg ihrem Vater ein würdiges und ergreifendes Denkmal gesetzt.
"Ich fragte Mama, warum ich an jenem Abend, als sie uns verließ, nicht hatte mitgehen dürfen. Sie gab mir immer die gleiche Antwort. Papa tat ihr so leid, dass sie ihm das Schönste schenkte, was sie hatte."

Portrait

Paul Berf:
Paul Berf, geb. 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, KjellWestö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.
Åsa Linderborg:
Åsa Linderborg, Jahrgang 1968, ist Historikerin und arbeitet als Kulturredakteurin bei der schwedischen Zeitung Aftonbladet.

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40

15.01.2012

„Einfühlsam”

von einer Kundin oder einem Kunden
Die Autorin, geb. 1968 in Schweden, beschreibt in dem Buch ihre Kindheit. Ihre Mutter verlässt die Familie, als Asa ein kleines Kind ist, und so wächst sie allein bei ihrem Vater auf. Der alkoholkranke Stahlarbeiter Leif liebt seine Asa über alles. Er versucht ihr, auf seine Art, ein guter Vater zu sein.
„Ich gehöre keinem“ ist eine sehr tragische und doch auch liebevolle Geschichte, schnörkellos und klar erzählt.

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