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Winter im Sommer - Frühling im Herbst

Erinnerungen. Ausgezeichnet mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2010 und dem Ludwig-Börne-Preis 2011

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Artikeldetails zu Winter im Sommer - Frühling im Herbst

AutorJoachim Gauck

Untertitel Erinnerungen. Ausgezeichnet mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2010 und dem Ludwig-Börne-Preis 2011

Abbildungsvermerk mit Abbildungen

  • ISBN-103-570-55149-0
  • ISBN-139783570551493
  • Verlag Pantheon
  • EinbandartTaschenbuch
  • Seiten344
  • Auflage11. Auflage
  • Veröffentlicht09.05.2011
  • GenreErinnerungen
  • Gewicht496g
  • SpracheDeutsch

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Leseprobe aus Winter im Sommer - Frühling im Herbst

"Wo ich her bin ..."
Wenn ich den Sommer besuchen will, habe ich es nicht weit. Auf dem Fischland, östlich von Rostock an der mecklenburgischen Küste, kühlt er seine Hitze zwischen Ostsee und Bodden. Dort, wo das Land zwischen den beiden Wassern auf gerade einmal fünfhundert Meter zusammenschrumpft, liegt das Ostseedorf Wustrow.
Von hier stammen die ersten Erinnerungsbilder, die meine Seele aufbewahrt, denn hier verbrachte ich die ersten fünf Jahre meines Lebens: das Gesicht der Mutter über mir, das Haus, der Baum, der Himmel - hell. Das große Wasser, die Großmutter, der Himmel - dunkel. Die kleine Schwester, Kindertränen, Kinderglück. Alles war zum ersten Mal.
Aber immer, wenn ich mich erinnere, gibt es ein erstes Bild. Ich bin zwölf Jahre, besuche Tante Marianne, eine Freundin meiner Mutter. Sie wohnt mit ihren beiden Kindern in einem uralten Fachwerkhaus am Bodden. Im vorderen Bereich der dunklen Diele mit dem Lehmfußboden sind die Ställe, hinten liegen die Küche und die Zimmer. In der Diele streichen Katzen herum, Schwalben fliegen ein und aus, unter dem Gebälk haben sie ihre Nester gebaut.
Das Haus gehört Opa Konow, Tante Mariannes Vater, einem Mecklenburger Urgestein. Sein kleines Holzboot, eine Polt, liegt fünfzig Schritte entfernt im "Hafen", einer kleinen Ausbuchtung im Schilfgürtel am Rande des Grundstücks. In diesem Boot lerne ich rudern und - da man es schnell in ein Segelboot verwandeln kann - auch segeln. Man holt damit Heu von einer Boddenwiese oder von der gegenüberliegenden Kreisstadt das Bindegarn, das für die Mähmaschine gebraucht wird. Opa spricht natürlich Plattdeutsch, mit Einheimischen und Fremden gleichermaßen, gelegentlich auch mit dem Wind, wenn der es "tau un tau dull" treibt mit dem kleinen Holzboot - nicht, dass man noch beidrehen und reffen muss!
Wenn sein Enkel Burckard und ich "anstellig" sind, kriegen wir ein gutes Wort und später in der Bauernküche Leckmilch, einen fast körnigen Quark. Wahrscheinlich buttert Tante Marianne gleich. Ich entwickle einen regelrechten Heißhunger auf die frische, mit winzigen Wasserteilchen behaftete sattgelbe Butter aus dem Fass, die Tante Marianne am Abend verschwenderisch auf ein Stück Schwarzbrot schmiert. Wir sind immer hungrig, denn wir sind immer draußen, bei Wind und Wetter, auf dem Hof, auf den Wiesen und auf dem Wasser.
An diesem Tag zieht ein Gewitter auf, was nicht allzu oft geschieht, denn meist, so die Alten, zögen die Gewitter am Fischland vorbei, wegen der Lage zwischen den Wassern. Aber wenn es kommt, dann mächtig. Mein Freund und ich rennen in die Laube gegenüber der Küche, wir erschauern, wenn die Blitze den Himmel zerreißen, und hören dem Regen zu, der laut auf das Laubendach trommelt und leise in den weichen Lagen des Rohrdachs gegenüber versickert.
Es ist so dunkel geworden, dass in Tante Mariannes Küche jetzt Licht brennt. Ich sehe sie dort hantieren, die Oberseite der Küchentür steht offen. Gern würde ich ihre Augen sehen - mir war immer, als würden ihre Augen ja sagen zum Leben. Sie haben das sicher immer und überall getan, aber in diesem Sommer bin ich es, der in den Blick dieser Augen gekommen ist. Ich spüre: Ich bin einer, der dazugehört. Tante Marianne hat mich geborgen. Jetzt blickt sie auf, sieht zu uns hinüber in die Laube, sie lächelt und winkt, wahrscheinlich gibt es gleich Abendbrot.
Morgen würde das Gewitterdunkel weitergezogen sein, Tante Marianne würde uns mitnehmen in die Wustrower Kirche. Jeden Mittwoch ist hier Sommerabendfeier, ein Abend bestimmt von der Musik durchreisender Künstler, vom Klang der Orgel und immer demselben Lied zum Schluss. Ich werde es schnell auswendig kennen:
Der Tag nimmt ab. Ach schönste Zier,
Herr Jesu Christ, bleib du bei mir,
es will nun Abend werden.

Rezensionen der Redaktion zu Winter im Sommer - Frühling im Herbst

"Gaucks soeben erschienene Autobiografie schildert farbig und klug ein Stück Zeitgeschichte und ein Leben, in dem die Sache der Freiheit im Mittelpunkt steht." Neue Zürcher Zeitung, 25.10.2009

Kurzbeschreibung zu Winter im Sommer - Frühling im Herbst

Erinnerungen eines friedlichen Revolutionärs


Joachim Gauck verlebte seine Kindheit in einem Dorf an der Ostseeküste. Später studierte er Theologie in Rostock und fand seinen Weg in die Kirche in Mecklenburg. Distanz zum DDR-System prägte seine Tätigkeit von Anfang an. Wie selbstverständlich wurde er Teil einer kritischen Bewegung und schließlich zu einer Symbolfigur im Umbruch von 1989. Nach dem Mauerfall übernahm Gauck politische Verantwortung, er wurde Abgeordneter im ersten freien Parlament der DDR und erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Der Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen blieb als Redner und Kommentator sein großes Thema, auch als er nach zehn Jahren aus dem Amt ausschied.


Autorenportrait zu Winter im Sommer - Frühling im Herbst

Joachim Gauck, geboren 1940 in Rostock, war von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheitsdienstes (Stasi). Von 2003 bis 2012 war er Vorsitzender des Vereins »Gegen Vergessen – Für Demokratie«. Seit März 2012 ist er Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Portrait

Joachim Gauck:
Joachim Gauck, geboren 1940 in Rostock, war von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheitsdienstes (Stasi). Von 2003 bis 2012 war er Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen Für Demokratie". Seit März 2012 ist er der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.
Helga Hirsch:
Helga Hirsch ist promovierte Germanistin und arbeitet seit 1985 als freie Journalistin, unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. 1988 bis 1994 war sie Korrespondentin der Wochenzeitung DIE ZEIT in Warschau. Lebensgeschichten von Menschen, die zwischen Kulturen, Systemen und Nationalitäten stehen, gilt ihr besonderes Interesse.

Autorenportrait

Joachim Gauck, geboren 1940 in Rostock, war von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheitsdienstes (Stasi). Von 2003 bis 2012 war er Vorsitzender des Vereins »Gegen Vergessen – Für Demokratie«. Seit März 2012 ist er Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

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07.02.2011

„Zivilcourage gegen Opportunismus”

von Werner Jaroschek aus Duisburg
Zivilcourage gegen Opportunismus

„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, hatte Brandt anlässlich der Wiedervereinigung gesagt. Recht hatte er natürlich, nur zwei Wörter haben gefehlt: „Ganz langsam.“ Gaucks Rückblick ist ein erschütterndes Dokument der Deformierung einer Gesellschaft. Bei 17 Mio. Einwohnern hatte das Ministerium für Staatssicherheit 90 000 hauptamtliche Mitarbeiter. Die Gestapo begnügte sich bei 80 Millionen mit 31 000. Dazu kamen in der DDR noch 180 000 inoffizielle Mitarbeiter. Andere Quellen nennen übrigens wesentlich höhere Zahlen.
Im Rückblick ist es erschütternd zu lesen, wie wenig Zivilcourage dem Opportunismus entgegen gesetzt wurde. Was hätte diese Schar verbohrter alter Männer ausrichten können, wenn sich eher Widerstand gezeigt hätte? Aber auch Politiker und Prominente der Bundesrepublik äußerten sich den Politikern der DDR gegenüber und über die dortigen Verhältnisse positiver, als es je gerechtfertigt war.
Im Schlusskapitel äußert sich Gauck höchst eindrucksvoll über den Wert der Freiheit, über das Glück, in unserem wiedervereinigten Deutschland zu leben. Wenig Verständnis hat er für die Nörgeleien über unser demokratisches System. Es ist nicht vollkommen, verlangt ständiges Engagement. „Aber kein System ist so lernfähig wie die Demokratie…Sie ist das Komplizierte, was auch einfache Menschen machen können. Die Erwachsenen und Diktaturerfahrenen der Länder sollten zusammenstehen und für ein kleinformatiges Politikmotto werben: nicht für die Gestaltung des absolut ‚Guten‘ und ‚Richtigen‘, sondern des jeweils Besseren.“ Gaucks Buch ist eine wertvolle Hilfe, aus dem Versagen in der Vergangenheit Erfahrungen für eine bessere Zukunft zu schöpfen.

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