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Name:
Dr. Christian Rößner
Ort:
Göttingen
Rezensionen:
239 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 130

nicht hilfreich: 39

Rang:
114

Dr. Christian Rößners Rezensionen

50

24.10.2010

„Wer weiß schon alles?”

Als Sally und Alfred im Urlaub erfahren, dass Ihr Haus in der Wiener Vorstadt ausgeraubt wurde, bringt dies die Grundfesten ihrer langjährigen Ehe ins Wanken. Während sich Alfred in eine autistische Privat- und Ängstlichkeit zurückzieht, blüht Sally auf und stürzt sich in eine heiße Affäre. Aus dem Widerspruch zwischen der rückwärtsgewandten Starre Alfreds und der lebenshungrigen Dynamik Sallys entsteht ein moderner Eheroman, der einerseits durch köstliche Dialoge und ungemein intelligenten Witz besticht, aber andererseits die Bedrohung der Institution Ehe, ja der Kontinuität von Beziehungen überhaupt, deutlich vor Augen führt. Denn Alfred muss sich die Frage stellen, ob er nach über dreißig Jahren tatsächlich „Alles über Sally“ weiß... Arno Geiger, der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2005, hat mit seinem beeindruckenden Ehe(-bruch)-Roman „Alles über Sally“ einen modernen Beziehungsroman vorgelegt, der dieses Thema auf eine ganz neue Art beleuchtet und vor allem durch seine sehr ironische Erzählhaltung besticht. Ein großartiger Roman und Pflichtlektüre für alle, die glauben, über ihren Partner alles zu wissen...

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

50

24.10.2010

„Wo geht die Reise hin?”

Im Berlin der Gegenwart leben die vier Freundinnen Yoko, Alison, Friederike und Siri, die alle Mitte 30 sind und sich fragen, ob das nun schon alles war, was sie vom Leben zu erwarten hatten. Zwar haben alle vier einen Beruf, eine Beziehung, manche auch Kinder, doch hinter dem vordergründigen Saturiertheit steht eine innere Leere, Perspektivlosigkeit und Verlustangst, die die vier Freundinnen auf ganz unterschiedliche Art und Weise bewegt - und verzweifeln lässt. Aus dieser Ausweglosigkeit gibt es für die vier ganz unterschiedliche Ausbruchsmöglichkeiten, die in dieser elegischen Erzählung durchspielt werden. Ob es wohl einen Ausweg gibt? Auch wenn ich - zugegeben - nicht gerade zur Zielgruppe dieses Romanes gehöre, schafft es Annika Reich mich für diesen Roman einzunehmen und die Problematik der (weiblichen) Generation Mitte 30 meines Erachtens treffend auf den (nicht vorhandenen?) Punkt zu bringen: Bin ich schon am Ziel? Oder: Wo geht die Reise hin? Sehr empfehlenswert!

ebooks

Schweigeminute

Siegfried Lenz

EUR 7,99 *
auf Merkliste

50

24.10.2010

„Zeitlose Novelle”

Siegfried Lenz schickt seine Leser in seiner wunderbaren Novelle „Schweigeminute“ nicht nur im Handlungsverlauf auf eine Zeitreise in die 60er Jahre, sondern auch stilistisch kommt die Erzählung ganz im alten Gewand daher. Ohne stilistische Experimente schildert Lenz die Geschichte eines Schülers, der sich in seine junge Lehrerin verliebt. Doch ein Unglück, das bereits auf den ersten Seiten der Novelle angedeutet wird, zerstört diese linde Sommerliebelei. Ohne falsches Pathos erzählt Lenz in formschönen Dialogen und glasklaren Figurenbeschreibungen eine ganz einfache, zeitlose Geschichte. Doch oft sind gerade diese Geschichten doch die besten. Unbedingt lesen!

40

24.10.2010

„Lichtjahre”

Der junge Psychoanalytiker Thomas besucht seine Freundin in New York, die dort ein Praktikum macht. Doch statt eines freudigen Wiedersehens merken beide, dass die Liebe ihnen schon längst abhanden gekommen ist. Auf der Heimreise durchs noch verschlafene New York vermischen sich die Gedanken des Protagonisten: er erinnert sich an Höhen und Tiefen der Beziehung zu seiner Freundin Judith, an seine Ex-Freundin Gabriela, an eine Homo-Party auf einem Ausflugsschiff, auf das er zufällig geraten ist, an ehemalige Patienten in München. Diese und andere Erinnerungsfetzen kreisen immer wieder um das Kernthema: wie konnte es in seiner Beziehung nur soweit kommen? Es ist besonders beeindruckend, wie es gerade dem Psychologen nicht gelingt, in seiner Selbstanalyse aus Erinnerungen zu sich selbst und dem Verlust der Liebe vorzudringen. Für den Leser ergibt sich ein intimer Einblick in das Seelenleben des Protagonisten, das auf sprachlich wie stilistisch sehr hohem Niveau dargeboten wird. Sehr empfehlenswert!

50

24.10.2010

„Von Krankheit und Hoffnung”

Helene Wesendahl, 44-jährige Schriftstellerin aus Berlin, erwacht eines Tages im Krankenhaus, kann aber ihre Umwelt nur schlaglicht- und schemenhaft wahrnehmen. Nach und nach erfährt sie – im Wachkoma liegend -, dass sie eine Hirnblutung, ein Aneurysma, erlitten hat und jetzt nicht nur körperlich gelähmt ist, sondern auch ihre Erinnerungen und ihre Sprache verloren hat. Dabei erfährt die Protagonistin neben der körperlichen Einschränkung vor allem den Verlust der Worte als existentielle Bedrohung. Kathrin Schmidts beeindruckender Roman schildert Helenes mühsamen Weg aus der Krankheit mit Hilfe von Erinnerungen an ihr Leben vor der Krankheit, langwierigen Therapien und der Neuordnung ihrer Familienverhältnisse. Der besonders erzählerische Clou liegt in der Perspektive des Romans: Der Leser erfährt unmittelbar aus der Sicht Helenes ihr Ringen mit diesem Realität gewordenen Alptraum und lässt damit den Leser an jeder noch so kleinen Gemütsregung teilhaben. Ein wirklich großartiger Roman, der auf eine ganz ungewöhnliche Art und Weise betroffen, aber nie mutlos macht.

50

24.10.2010

„Die Einsamkeit der Primzahlen”

Das Prädikat „literarisches Wunderkind“ wird zumeist leichtfertig und vorschnell vergeben. Allerdings neigt der Rezensent vor Paolo Giordanos Roman „Die Einsamkeit der Primzahlen“ mit größter Hochachtung sein Haupt - vor allem vor der spielerischen poetischen Leichtigkeit der Handlung und gleichzeitig glasklaren Sprache des jungen italienischen Autors. Auf der einen Seite gelingt die Schilderung der beiden gleichzeitig so gleichen wie ungleichen Protagonisten, deren Schicksal in unterschiedlichen Lebensabschnitten gespiegelt wird, so überzeugend, dass man sehr präzise an deren Schicksal teilhaben kann. Auf der anderen Seite schafft es Giordano, seinen Figuren eine kühle Strenge zu verleihen, so dass die Geschichte trotz aller Alltäglichkeit nie ins Belanglose anrutscht. Ob nun Giordano ein „literarisches Wunderkind“ ist oder nicht, ist am Ende vollkommen egal: Wichtig ist nur, dass ihm hier ein exzellent durchkomponierter und dabei höchst unterhaltsamer Roman gelungen ist, der eine große Leserschaft verdient hat.

50

24.10.2010

„Auf der Suche nach dem Glück”

Aus Nazi-Deutschland nach England geflüchtet bleibt Jack Rosenblum und seiner kleinen Familie nichts anderes übrig, als sich den Begebenheiten anzupassen. Doch das das reicht Jack bei weitem nicht aus: Aus glühender Begeisterung für Land und Leute will er englischer als alle Engländer werden. Doch steht ihm seine jüdisch-deutsche Herkunft und die merkwürdigen Sitten und Gebräuche der Engländer immer wieder im Weg. Trotz aller Widerstände macht er eine großartige Karriere und nun fehlt ihm nur noch eines zu seinem Glück: die Aufnahme in einem original englischen Golfclub. Doch jetzt fangen die Schwierigkeiten erst an… Dieser erstaunlich leichtfüßig erzählte Roman beschreibt das Thema Flucht, Vertreibung und Assimilation auf zarte und sehr humorvolle Weise. Der Leser begleitet den schrulligen Jack Rosenblum auf seiner anrührenden Suche nach dem Glück und hofft - mit einem lachenden und einem weinenden Auge – auf jeder Seite neu, dass er es auch tatsächlich finden kann. Wunderbare Unterhaltung!

ebooks

Strohfeuer

Sascha Lobo

EUR 8,99 *
auf Merkliste

40

24.10.2010

„Dot.com-Roman”

Eigentlich hat der junge Stefan nichts drauf: Keine richtige Ausbildung, kein Studium oder besondere Eigenschaften machen ihn Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre zu einem typischen Durchschnittsversager. Doch Stefan hat das Ziel, reich und berühmt zu werden. Oder zumindest reich - das aber bitte schnell. Da kommt Stefan die Aufbruchsstimmung der New Economy entgegen, wo die dot.com-Firmen nur so aus den Boden schießen und Geld wie Heu gemacht wird. Stefan gründet mit einigen Kumpels eine dot-com-Berater-Firma und wird aufgrund seiner nicht üblen Optik und seiner Redegewandtheit schnell zu einem gefragten Mann in der Branche. Doch nach anfänglichen Erfolgen steht die Blase kurz vor dem Zerplatzen. Sascha Lobo beschreibt in seinem Alter-Ego-Roman die Geschichte eines jungen Mannes, dem Geld und Erfolg zu Kopf steigen und dem auf ein Mal alles möglich erscheint. Stefan ist ein moderner „Mann ohne Eigenschaften“ der nicht zuletzt an seiner Eigenschaftslosigkeit scheitert. Ein Roman, der tiefe Einblicke von finanziellen Emporkömmlingen der New Economy auf das beste beschreibt und in seiner Drastik heute so aktuell wie nie ist.