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Zitronenblau Top 100 Rezensent
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46
Über mich:

lese ab und zu mal ein Büchlein...

Zitronenblaus Rezensionen

buch

Tauben im Gras

Wolfgang Koeppen

EUR 8,00 *
auf Merkliste

30

20.01.2012

„Wie Trauben im Gras...”

Koeppens erster Roman zur Trilogie des Scheiterns "Tauben im Gras" ist 1951 erschienen und damit der Nachkriegsliteratur zuzuordnen. Der Roman arbeitet mit der Montagetechnik und verflechtet mit mehreren Erzählsträngen verschiedene personale Ereignisse parallel und miteinander, welche sich über einen Tag in einer Großstadt (vermutlich München) hinziehen, kulminierend darin, dass einige der Charaktere "gesteinigt" werden. An dieser Stelle ist nicht genügend Platz auf die einzelnen Geschehnisse oder Personen einzugehen. Da gibt es beispielsweise einen gescheiterten Schriftsteller Philipp, dessen Frau Emilia, die vom Erlös aus der substanziellen Bestand des Vorkriegsvermögens ihre Finanz- und damit Lebenslage versucht aufrecht zu erhalten, sich aber immer mehr dem Alkohol hingibt, ferner die vom Afroamerikaner Washington geschwängerte Carla, die das Kind abtreiben lassen will, der ziellose Soldat Odysseus, dem antiken widerhandelnd nachempfunden, oder Edwin, der Dichter, der Gertrude Stein zitiert und denkt: "[...] wie Tauben im Gras betrachteten gewisse Zivilisationsgeister die Menschen, indem sie sich bemühten, Sinnlose und scheinbar Zufällige der menschlichen Existenz bloßzustellen, den Menschen frei von Gott zu schildern, um ihn dann frei im Nichts flattern zu lassen, sinnlos, wertlos, frei und von Schlingen befroht, dem Metzger preisgegeben, aber stolz auf die eingebildete, zu nichts als Elend führende Freiheit von Gott und göttlicher Herkunft. Und dabei, sagte Edwin, kenne doch schon jede Taube ihren Schlag und sei jeder Vogel in Gottes Hand."
Gerade dieser Auszug bedeutet den kaum zu übersehenden existenzialistischen Ansatz, die Philosophie des Romans ist Spiegel des zeitgenössischen Zufallsglaubens, der Glaube an der einzigen "Wahrheit" des Angesprungenwerdens vom Absurden hinter jeder Straßenecke, Spielball zu sein zwischen den Gewalten und politischen Gestirnen, deren Ansinnen Koeppen wohl nicht zufällig im zweiten Roman der Trilogie ("Das Treibhaus") analysiert. Ansonsten bilden die montierten Passi formale Trümmer. Bestandsaufnahme eines Nachkriegsdeutschland, in dem selbst der große Navigator Odysseus nur noch ein armer Herumirrender ist. Doch hätte ich mir noch mehr Erweiterung des "inventierten" Spektrums gewünscht. Rassismus wird angesprochen, Angst vor neuen Bedrohungen auf dem "Schlachtfeld", desolate Gespenster wie der schlafgestörte Schnakenbach, die Tauben-Metapher offenbart es: sie versuchen zu fressen und zu überleben, es sind geflügelte Ratten, schmutzig und sich der Freiheit des Fliegenkönnens nicht bewusst, vielleicht gemeint im Sinne eines kontingenten kontrollierten Abflugs aus der Lebenswelt zur Vogelperspektive, die zu anaylsieren der Einzelne nicht im Stande ist, geworfen ist, und nur der Erzähler von oben zu erkennen vermag. Der Auftakt des Scheiterns hat begonnen...

40

25.12.2011

„O Herakles. Wie kalt sind deine Wangen...”

Walter Jens beschreibt die Ästhetik des Widerstands als "gelungenen Gegen-Entwurf zum Joyceschen Kompendium" und meint, Weiss' Epopöe fordere dessen Ulysses in die Schranken der Poesie.
Mit Verlaub, dieser Kommentar ist so haltlos wie der klägliche Vergleich mit Joyce überhaupt.
Weiss inthronisiert ein historisches Denkmal für die vor allem marxistische Widerstandsbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Buch endet mit dem Ende des 2. Weltkriegs. Der Roman ist dabei ganz und gar unpoetisch. Im Grunde lesen wir über fast 1200 Seiten einen mehr aufzeichnungsartigen Text eines namenlosen Ich. Dieses Ich ist so flach wie das Spektrum dieses "Epos" - und dies ist nicht abwertend gemeint, nicht der Horizont dieser Chronik soll in uns eingehen, sondern die Tiefe der antifaschistischen und antikapitalistischen Widerstandsbewegung in einer gewissen Korrelation. Daher ist die Handlung weniger Ich-bezogen. Vielmehr kommt der Erzähler, der natürlich ein Arbeiter ist, aus Deutschland (eig. Tschechoslowakei), schließt sich der Bewegung im spanischen Bürgerkrieg an und zieht weiter nach Schweden, um von dort aus zu operieren. Dabei ist Weiss/der Erzähler erstaunlich nah an der historischen Realität. Die einzelnen geschichtlich wirksamen Personen und Ereignisse (ohne diese an dieser Stelle aufzuzählen) werden genannt und also in die Epopöe gemeißelt. Das Ich fungiert somit auf den ersten Blick als bloßes Sprachrohr, Beschreibender und Berichtender dieser Handlungen, Personen und Ereignisse (Denkmalsetzungsfunktion). Doch ist diese Reduktion des Erzählers nicht symbolisch, sondern programmatisch. Weiss versucht hier einen Entwurf der Ästhetisierung auf einer subtileren Ebene. Das Ich will nicht Revolutionär sein, es will uns nicht überzeugen, es ist rot und macht keinen Hehl um seinen Hass auf das Bürgertum. Das Ich ist aber intellektuell und will schreiben, sich künstlerisch verwirklichen, die Synthese aus "Arbeit und Kunst": "Wir fragten uns, was das wahre in der Kunst sei, und fanden, es müsse das Material sein, das durch die eignen Sinne und Nerven gegangen sei." Die Weisssche Technik hierbei ist das Suchen nach historischen wie fiktiven (künstlerischen, literarischen) Vergleichen (z.B. Kafkas Schloss als Proletarierroman). Dabei fließen diese Reflexionen in den Raum der "realen" Aufzeichnungen des Ich fließend über. Diese Technik bringt in den Roman partiell forminnovative essayistische Elemente ein, drückt inhaltlich natürlich (nicht zuletzt auch durch seine Länge!) den ständigen, ewigen Prozess der Dialektik zwischen Unterdrückung und Widerstand aus. Weiss monumentalisiert also durch Gehalt wie Gestalt: das Buch sublimiert sich SELBST zu einer gattungsbezogenen Form des ästhetischen Widerstands!!! - Das ist brillant! Und doch sind mir die heraklidischen Referenzen zu dünn. In der Mutterdarstellung erkenne ich keine Alkeme. "Trotzdem [...] gebe ich Herakles noch nicht auf." Sein Weg als "Arbeiter" zeigt sich in der Dialektik die sich inhaltlich durch das ständige Nachvorn und Nachhinten, den Wechsel der Operationsorte (Kommunismus ist nationslos) und der vielen Reaktionäre auszeichnet. Der Roman bedeutet Indifferenz, Verharren, ja, am Ende beinahe Niederlage. Und so geht es dem Ich. Seine Entwicklung ist -wenn überhaupt- künstlersich zu begreifen, doch es entwickelt sich praktisch kaum, es speist seine intellektuelle Kraft aus jener Dialektik. Und darüber konstituiert sich wiederum der Titel: Ein kolossaler "Arbeiterroman", aber sicher kein Gegen-Entwurf zum Odysseus...

buch

Drei traurige Tiger

Guillermo Cabrera Infante

EUR 14,00 *
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50

19.11.2011

„Ausflug in eine semantische Safari”

Infantes "Drei traurige Tiger" ist ein brillantes Meisterwerk voller Sprachgewalt und köstlichem Humor. Das Buch hat sich sofort auf meinen persönlichen Olymp der Weltliteratur katapultiert.
Es ist relativ schwierig den Inhalt zusammenzufassen, da der Roman von einer disparaten Anordnung lebt wie ich sie nur selten zuvor gelesen habe. Im Grunde genommen führt der Prolog treffend ein: "Showtime!" - Havanna vor der großen Revolution. Die Protagonisten sind Silvestre und Cué, zwei komisch-intellektuelle Exoten, die sich darüber (in reflexivem Bewusstsein) lustig machen (hier wechselt Infante auch die erzählenden Ich-Perspektiven), dass sie während ihrer rasanten Fahrt durch das nächtliche Kuba Bach hören ("Was würde der alte Bachus sagen, wenn er wüßte, daß seine Musik mit fünfundsechzig Stundenkilometers mitten in den Tropen über den Malécon von Havanna fährt?"), La Estrella, eine tragische Sängerin mit Starallüren, die jedoch scheitert (tritt immer in den "Sie sang Boleros"-Kapiteln auf), der wortwitzige Bustrófedon, dessen onomatopoetische Raffinessen die Sprache durchschütteln (insbes. Kapitel "Kopfzerbrecher") und - last but not least - ein Frau, die in elf Szenen einen Doktor die Geschichte von eine Freundin erzählt, dessen Vater eine Frau vergewaltigt hatte, und sie am Ende nicht mehr weiß, "ob ich in Wirklichkeit meine Freundin bin."
Infante holt hier alles raus, was technisch möglich ist und hierin bewundere ich ihn in ähnlicher Weise wie den Literaturgott Joyce. Es werden verschiedenste Textformen eingearbeitet: Briefe, Dialoge, innere Monologe (die sehr an das letzte Kapitel "Penelope" in Joyces Roman "Ulysses" erinnern), Lyrik (z.B. ist Bustrós Borborygma Darii angelenht an die pastiorsche "Anrufung des Realismusproblems"), Zeichnungen und Bilder, mathematische Formeln, schwarze Seiten als optische, ja haptische Metapher für den Brunnensturz, leere Seiten bei den "Enthüllungen", Lieder, Palindrome (Bustós Wortspiele versammeln alle mögichen Tropen und Stilfiguren!!!), die Geschichte vom Stock in verschiedenen Versionen, die gespiegelte Seite, das Kapitel zu Trotzki mit dramatischen Elementen, intertextuelle Bezüge zu zahlreichen Schriftstellern mit viel parodistischem Beigeschmack meist dargestellt an den mehr phonetischen Schreibweisen ("Marcel Pru"...), Selbstreferenz durch einen ironisch eingebrachten Text "NICHT ZUR VERÖFFENTLICHUNG" mit den Initialen GCI gezeichnet. Sehr handlungsintensiv ist das letzte Kapitel "Bachanal" - evident der Bezug zu den antik-römischen Bacchanalien, die ihrerseits aus den antik-griechischen Dionysien entsprangen. Der Text lebt vor allem durch den intellektuellen Dialog zwischen Cué und Silvestre, der noch einmal unter steten deliziösen Sprachwitz das persönliche, soziale, politische und kulturelle Spektrum Kubas aufgreift und einen zeitgenössisch-farbenfrohen Querschnitt vor der Revolution zeichnet.
Diesen Roman mit einem Dschungel vergleichen zu wollen, offenbart eine Analogie dergestalt, dass man sich eine Vielfalt stilistischer Tropen, exotischer Lebewesen, intellektueller Aromen sowie bunter kubanischer Klänge und Bilder darunter vorstellen möge. "Drei traurige Tiger" (übrigens an ein kubanisches Lied angelehnt) ist ein Epos promiskuitiver Spracherotik, eine - wie es im Buche steht - semantische Safari durch das tragikomische Havanna bei Nacht.
Mit diesem literarischen opus magnum schenkt Infante der Menschheit eine liebevolle Hommage an das vorrevolutionäre Kuba und zugleich bedeutet er seine Liebe zur Sprache. Diese Liebe, diesen Genuss sollte sich niemand entgehen lassen. Lob auch an den Übersetzer, dessen Herausforderung es war, die Musikalität dieser tropischen Sinfonie nicht zu zerstören...

buch

Schubumkehr

Robert Menasse

EUR 8,95 *
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30

13.11.2011

„Eine Trilogie endet...”

Menasses "Schubumkehr" ist der letzte Teil seiner Trilogie der Entgeisterung. Im Roman werden im wesentlichen zwei Handlungsstränge erzählt, nämlich der des Protagonisten aus dem ersten Buch der Trilogie, der alternde Roman, der aus Sao Paulo nach Österreich zurückkehrt und im Landhaus seiner Mutter in der Gemeinde Komprechts ein Jahr nach einen unerhörten Zwischenfall (daher könnte man "Schubumkehr" auch einen Novellencharakter zuweisen) das einjährige Geschehen dort vor dem Mauerfall per Videotagebuch aufnimmt, sowie der des hiesigen Bürgermeisters Adolf König, der, wie gedeutet, gleich anfangs versehentlich die tschechische Grenze durchbricht und im Verlauf des Buches, bis zur historischen Wende versucht, die einstig blühende Gemeinde um ihre Glasfabrik zu rehabilitieren, obschon dieses Projekt Unmut auf sich zieht, der im Laufe des Buches episodenhaft diesen zu bestimmen droht. Zwar möchte ich an dieser Stelle nicht en detail auf diese Inhalte eingehen, zu nennen sei aber der Vergiftungsversuch oder die beiläufig beschriebene Enteignung der "Engel" der Steinmetzwitwe, und aufkommende Gewalt...). Postmodern wirken die Passagen, in denen jemand die Videos von Romans Tagebuch ansieht und diese dialogisch kommentiert. Roman selbst, an dem des Lesers Herz wohl noch aus "Vorzeit" hängt, ist nicht nur Chronist des Geschehens, er bleibt Menasses Prototyp des "Helden" eines Rückentwicklungsromans. Die Rückkehr ins mütterliche Heim und auch die Art, wie sie ihn einem Kinde gleich behandelt, dass er geistig verfällt, kulminiert - vielleicht auch ein stilistischer Gag im Sinne der Schubumkehr - bereits im zweiten Passus des ersten Kapitels - in Gewalt und der Tragödie des verschwundenen Wissens...
Der Roman bekommt infolge seiner Montagetechnik aber auch aufgrund seiner episodenhaften Struktur einen stilistische Bruch vor dem Hintergrund der beiden vorangegangenen Romane. Menasse schreibt Roman nicht allein die Hauptrolle zu. Vielmehr strebt das Buch nach historischer Integration, es will teilhaben am real-geschichtlichen Geschehen. Dies zerstört m.E. aber auch die eskapistische Atmosphäre einer Bar jeder Hoffnung im fernen Sao Paulo. Zurück zur Realität? Wo sind dann aber die Verflechtungen, die Bezüge zum brasilianischen Leben? "Schubumkehr" könnte quasi für sich allein stehen. Die Trilogie wird durch den Roman nicht vollendet, sondern leider - wie ich denke - unehrlich. Am Ende riecht es danach, dass der Autor nur noch schnell auf den Zug des Wenderomans aufspringen wollte...

40

12.11.2011

„Auftakt zur Trilogie der Entgeisterung”

Menasse beginnt mit vorliegendem Buche seine Trilogie der Entgeisterung. Roman ist der Protagonist, der meistens aus der Ich-Perspektive denkt und erzählt. Er lebt als österreichischer Emigrant in Sao Paulo und arbeitet an einem Lehrstuhl für Germanistik. Alle Welt trifft sich dort in der Bar jeder Hoffnung. So auch Leo Singer, der Hegel-Exeget, den alle Professor nennen, und Judith Katz, die Unnahbare und Koks-Süchtige.
Das Geschehen speist sich aus Handlung und intellektuellen Diskursen bzw. Monolgen. Dadurch wird sie abwechslungsreich.
Was passiert? Roman lebt in Sao Paulo vor sich hin, geht in die Bar, lernt lauter Frauen kennen (Vera, Beatriz, Yuki, Alexandra, Monika etc.), hält (scheinbar) gehaltvolle Dialoge und tut vor allem eines: nach einem Sinn suchen. Roman sieht diesen in seinem Roman. Eine gewisse Idolstellung erhält der Singer. Dieser ist bessen von der Idee, den Hegel zu Ende zu denken, seine Phänomenologie des Geistes, die Geschichte von der sinnlichen Gewissheit bis zum absoluten Wissen. Die Katz erzählt hierbei eine Geschichte von einer Freundin, die überdurchschnittlich intelligent war, bevor sie durch Koakin versuchte, ihr Bewusstsein zu erweitern, bei einer Überdosis aber geistig zum Kleinkind regredierte: "Dadurch hat sie nämlich die Vollkommenheit des Bewusstseins [...], nämlich die Sinnliche Gewißheit, und in ihrer radikalsten Form ist das das Bewußtsein des Kindes."
Nachdem die Katz sich scheinbar ermordet, will Singer ihr Werk vom Engel der Geschichte und Gesetz des progressiven Rücktritts beenden. Roman hingegen schreibt seinen Roman und erkennt: "Heute könnte man keinen Entwicklungsroman mehr schreiben, dachte ich, - höchstens einen Rückentwicklungsroman. Ein Roman über den Rückschritt, ja, ein umgedrehter Entwicklungsroman, der am Beispiel eines Individuums zeigt, wie dessen Hoffnungen, Fähigkeiten, Talente, während er redlich strebend sich bemüht, dazu verurteilt sind zu verkümmern..." Diese Stufen zurück sind vielleicht jene in die Empfindsamkeit...
"Die Liebe, zum Beispiel! [...] Aber diese Entwicklung ist zugleich ein Rückschritt, eine schleichende Zurückbildung des ursprünglich so sensationellen Gefühls, das sich im Alltag auflöst..." Die Katz, die in Tristam Shandy den prototypischen Roman dieser disparaten Entwicklungsdialektik erkennt, versuchte dieser Phänomenologie der Entgeisterung auf die Spur zu kommen. Gleichwohl der Professor Singer, der am Ende in der Kutte den Roman empfängt, nach dem Abschluss des Hegelschen Systems sucht, bricht es final heraus: "Ja, Erneuerung!!! In einer Welt, die im Nominalismus der Sinnlichen Gewißheit gelandet ist, ist das Zurückkehren zu den Kategorien, das Hervorziehen des unter lauter konkrete Teppiche gekehrten Allgemeinen, das Predigen der, nein, das insistierende Erinnern an die Totalität des großen Ganzen, eine notwendige Erneuerung, bevor sie, die Welt, tatsächlich und real in jene Scherben bricht, in denen sie vom allgemeinen Bewusstsein schon gesehen und erlebt wird..."
Roman kommentiert Singers Ausbruch nicht. Er selbst versuch sich am Kokain und erkennt in postromantischer Euphorie und Ekstase den Schein einer Wirkmacht zur Erleuchtung. Doch erkennt er bald, dass die Gaukelei den tieferen Sinn nicht erheischen wird...
Am Ende sitzen er und Singer zusammen und erinnern... Eine geistige Tragödie mit ihren Lachern!

30

12.11.2011

„"Ich probiere Geschichten an wie Kleider!"”

Der Titel ist Programm in diesem zum Hauptwerk gehörenden Buch Frischs. "Ich stelle mir vor..." beginnt oftmals der Erzähler, um seine verschiedenen Identitäten bzw. Rollen zu imaginieren. Diese seien Gantenbein, ein Mann, der sich entscheidet, für alle blind zu sein, obschon er sehen kann. Enderlin, der dem Ruf nach Havard nicht folgt. Und Svoboda, der "baumlange Böhme", der am unscheinbarsten, am für den Erzähler, der dieser sei, haltlosesten ist.
Im Kern will der Erzähler die Entwicklungen der Rollen vorschauen: Was wäre, wenn ich... Dabei drehen sich alle drei Rollen um die Schauspielerin Lila, für dieses Experiment der letzte Bezugspunkt. Der Erzähler will sich selbst von außen wahrnehmen, sich somit erschließen: "'Man kann sich selbst nicht sehen, das ist's, Geschichten gibt es nur von außen', sage ich, 'daher unsere Gier nach Geschichten!" Wir sind nur unsere Erfahrungen, aber wollen unsere Geschichten sein. In diesen aber nehmen wir die Modi ein. Gantenbein entwickelt sich hierbei prächtig. Durch seine Blindheit und zeitgleicher Sehkraft, d.h. mit der Fähigkeit, das "Wahre" zu sehen, aber eben doch dem Unwahren folgen zu können, fühlt sich niemand vor ihm kompromittiert. Der sehende Blinde wird zu einem angenehmen Begleiter und steigt auf (er "sieht" nicht, dass Lila untreu ist etc.) "Ein Schauspieler, der einen Hinkenden darzustellen hat, braucht nicht mit jedem Schritt zu hinken. Es genügt, im rechten Augenblick zu hinken."
Neben dieser Identitätsproblematik ("- Entwürfe zu einem Ich!...") beschäftigt sich Frisch auch wieder mit dem Schuldmotiv. Gantenbein lässt sich bspw. von Camilla Huber maniküren wiewohl er weiß, dass sie eine Dirne ist. Er erzählt ihr Geschichten (z.B. das Märchen von Ali und Alil oder vom Mann, der seiner eigenen Beerdigung beiwohnt etc.). Sie erkennt, dass er blind ist, verspricht ihm dieses Geheimnis (im wahrsten Sinne des Wortes) mit ins Grab zu nehmen, denn nachdem sie ermordet wird und Gantenbein vor Gericht steht, hat er natürlich als Blinder nichts gesehen: "Jede Rolle hat ihre Schuld..."
Ich werde an dieser Stelle auch nicht weiter auf die einzelnen Rollen gehen. Durch die Montage-Technik lässt sich das Buch ohnehin nur schwer auf einen inhaltlichen Punkt bringen. Das Experiment von der Identitätskonzeption klingt im ersten Augenblick spannend. Frisch behält hierbei einen ungewöhnlich "objektiven" Duktus, jede Identität könnte für sich stehen, als würde er tatsächlich von anderen berichten, zugleich die anderen denken. Aber das ist keine Sensation, sondern völlig normal in einer gut konstruierten Fiktion. Der Mehrwert des Buches ergibt sich eher aus den Folgen bzw. der jeweiligen Rollenentwicklung. Aber auch hinter dieser Fassade steckt eigentlich keine große Erkenntnis. Frisch brilliert (geschuldet dem Gesamtaufbau des Buches) auch nicht gerade mit stilistischer Raffinesse. Einzig gelungen ist die formale Seite, die Montage. Wer wirklich dem typischen Frisch'schen Identitätsmotiv auf die Spur kommen möchte, sollte besser den "Stiller" lesen. Hier wird Identität nicht durch den Erzähler, sondern durch die Aussagen der anderen konstituiert (diese Konstruktionsleistung treibt Frisch in seiner Erzählung "Blaubart" auf die Spitze). Das vorliegende Buch schleppt sich so dahin. Sperrt sich teilweise durch die freie Assoziation. Empfehlenswert ist, das Buch mindestens zweimal zu lesen...

30

06.11.2011

„Walsers Romandebüt”

Zweifelsohne gehört Robert Walser zu den großen deutschsprachigen Literaten. Sein Roman "Geschwister Tanner" ist sehr komplex und doch sehr verdichtet. Er handel von Simon Tanner, der ein Sehnender ist, der schwankend zwischen den gesellschaftlichen Zwängen und seiner poetischen Freigeistigkeit, umherwandert. Und seine Reise nimmt kein Ende. Er zieht durch die Landen, nimmt hier und dort Stellungen an, kündigt diese ebenso schnell wieder (manchmal verwendet Walser nur ein Satz für einen solchen Zeitraum eines Bleibens, das freilich auf die Bedeutungslosgkeit dieser Beschäftigungen hinweisen soll). An dieser Stelle ist nicht genug Platz um all die Stationen zu nennen. Wichtiger ist Tanners Reflexionsvermögen, seine Sehnsucht nach Freiheit, Poesie und Dichterdasein. Eine besondere Rolle nehmen nicht nur die Begegnungen mit den kurzweiligen Arbeitgebern und anderen Personen ein, sondern insbesondere die mit seinen Geschwistern (z.B. der Gelehrtenbruder, der Malerbruder, die tugendhafte Schwester, der Irre). Sie sind die Möglichkeiten, die Modalitäten der Existenz. Aber auch Abbilder autobiographischer Implikationen. Sie sind seine Reflexion. Sie sind Tanners Erziehungsfaktoren, die eine Entwicklung des Taugenichts beschwören wollen, und doch geht Simon auf der Stelle. Ein Wandern ohne Ziel...
Wenn mich jemand fragen würde, in welcher Reihenfolge man den Walser lesen sollte, würde ich "Geschwister Tanner" als Einstieg empfehlen. Der Simon-Charakter wird fast 1:1 in "Der Gehülfe" übernommen: auch hier keine Entwicklung. Doch arbeitet Walser eine stärkere Dialektik zwischen Herr & Knecht aus, die fast bis ins Masochistische ausstrahlt. Wir erkennen diese Ansätzen bereits im vorliegenden Roman, z.B. bei der Hausdame, die seine Frechheiten, die er freudig intendiert, aushalten muss. Das dialektische Moment nimmt in "Jakob von Gunten" seinen Höhepunkt. Zugleich müssen wir Walser auch mehr und mehr eine stilistische Vollendung anerkennen. Ist "Geschwister Tanner" geprägt von einem postromantischen Realismus, ist "Jakob von Gunten" ein Potpourri aus Bericht, Fiktion und Imagination. Walsers Höhepunkt ist "Der Räuber" - ein Epos nur noch für Literaturkenner, in dem Walser der erzählerischen Form und seinem idiomatischen Stil den Primat gegenüber inhaltlicher Tiefe zuweist.
Wie wirkt "Geschwister Tanner"? Der Leser erwartet eine Entwicklung, die Simon nicht erreicht, doch weniger durch den indifferenten Charakter als vielmehr durch seine poetische Rebellion. Darin aber bleibt wenig Raum für Struktur. Das Buch ist inkonsistent. Die Reflexionen in den inneren Monologen und den Dialogen sind nichts anderes als die neurotische Repetitio, evoziert durch diesen "A-Helden", der sich gewissermaßen - bewusst oder unbewusst - in diesen Zirkel begibt, um sich sein Poetenleben immer wieder vor der Übermacht der sozialen Realitätstruktur zu rechtfertigen. Er wird nicht siegen, weil er im Zirkel selbst weiß, dass er nur rebellieren kann. Er ist gespalten, weil er nicht so sein kann, wie er sein will... Ein Buch zum Kennenlernen, aber auch noch etwas unsicher...

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