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931 Rezensionen
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13

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50

24.02.2013

„Ein bewegender Abschied”

Dieses Jahr feiert der C. H. Beck Verlag sein Bestehen seit 250 Jahren Und um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, gibt der Verlag einige Sonderausgaben heraus. Mit dabei ist auch das Buch von Helmuth James und Freya von Moltke mit ihrem Briefverkehr, den sie gewechselt haben, als Helmuth James von Moltke im Gefängnis Tegel einsaß und auf sein Urteil wartete. Herausgegeben wurde dieses Buch 2011 von dem Sohn Helmuth Caspar von Moltke und der Schwiegertochter Ulrike von Moltke, geb. von Haeften nach dem Tod von Freya von Moltke im Jahr 2010.

Dieser Briefwechsel beginnt im September 1944 und endet am 23. Januar 1945. An diesem Tag wurde Helmuth James Graf von Moltke in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Das Ehepaar von Moltke wusste nicht, wie viel Zeit ihnen blieb, deshalb haben sie jeden Brief mehr oder weniger wie den vielleicht letzten empfunden. Und genauso haben sie es als Gnade und Glück empfunden, wenn ihnen noch ein weiterer Tag geschenkt wurde. Diese Briefe sind in ihrer Art ganz einzigartig. Denn das Ehepaar von Moltke hat wunderschöne Liebesbriefe geschrieben. Beide wurden im protestantischen Glauben erzogen, haben aber erst durch die Verhaftung wirklich zum Glauben gefunden. Helmuth James von Moltke hat die Haftzeit u.a. auch dazu genutzt, sich ausführlich mit der Bibel zu beschäftigen. Und so enthalten diese Briefe viele Hinweise auf Textstellen der Bibel und Liedtexte aus dem Gesangsbuch, die beide als sehr tröstlich empfanden. Zusätzlich erfährt man, wie Helmuth James von Moltke, der ja selbst Rechtsanwalt war, seine Verteidigung plante. Hierzu hat er seiner Frau einige Aufgaben gestellt. Aber diese Briefe enthielten durchaus ganz prosaisch Anweisungen in der Art, was für Wäsche Freya ihrem Mann ins Gefängnis schicken sollte, oder welche Lebensmittel willkommen wären.

Ergänzt wurden die Briefe um weitere Dokumente wie z. B. den Haftbefehl und das Urteil gegen Helmuth James von Moltke, eine 6,5 seitige Kurzbiografie, einem Literatur- und Personenverzeichnis.

Herausgekommen ist ein einzigartiges Dokument, was sich sehr ergreifend liest. Es ist erstaunlich, dass dieser Briefwechsel überhaupt stattgefunden hat, denn er war natürlich nicht offiziell. Der Gefängnispfarrer Harald Poelchau hat diese Briefe täglich bei seinen Besuchen im Gefängnis Tegel rein- und rausgeschmuggelt. Und Freya von Moltke hat sie zuhause in Kreisau in den Bienenstöcken versteckt und erst zur Flucht wieder hervorgeholt.

Mich persönlich hat besonders fasziniert, wie tief im Glauben das Ehepaar von Moltke verwurzelt war und wie viel Kraft ihnen dieser Glaube gegeben hat. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes auf Gott vertraut.

Aber Achtung – die Jubiläumsausgabe ist um die Hälfte der Briefe gekürzt, auch das Kapitel „Weitere Dokumente“ ist nicht so ausführlich wie in der 2011 erschienenen Ausgabe.

buch

August

Christa Wolf

EUR 14,95 *
auf Merkliste

50

24.02.2013

„38 Seiten, die sich lohnen!”

Es ist schon erstaunlich, wie einen die Schulzeit prägen kann! In der Oberstufe musste ich eine Buch von Christa Wolf („Nachdenken über Christa T.“) lesen. Damals habe ich dieses Buch gehasst und mir geschworen, nie wieder etwas von dieser Autorin zu lesen. Nun hat mich ein Kollege dazu gebracht wenigstens die kleine, letzte Erzählung von ihr zu lesen. Und – ich bin begeistert! Anscheinend war ich damals einfach noch zu jung und unreif für diese Autorin.

Christa Wolf erzählt in dieser nur 38 Seiten starken Erzählung von der Erinnerung von August. August ist ein Busfahrer und bringt gerade eine Gruppe von Senioren von Prag nach Berlin zurück. Während dieser Fahrt driften seine Gedanken zurück an eine Episode in seiner Kindheit und an seine Frau Trude. Der achtjährige August hat auf der Flucht am Ende des 2. Weltkriegs seine Mutter verloren. Wie viele dieser Generation hatte er auf Grund der mangelhaften Ernährung und anderer Entbehrungen TBC und wurde deshalb in Mecklenburg in ein improvisiertes Lungensanatorium eingewiesen. Dort lernt er seine erste Liebe - Lili - kennen. Lili ist ein lebenslustiges junges Mädchen, die obwohl selber leicht erkrankt, sich speziell um die Kinder kümmert. Als einfacher junger Mann lernt er später seine spätere Frau Trude kennen. Seine Frau hält sein Leben zusammen und übernimmt all die Dinge für ihn, die mit Behörden und dem dazugehörigen Schriftverkehr zu tun haben. Jetzt ist seine Frau bereits gestorben und er muss demnächst in den Ruhestand gehen.

Es ist eine wunderschöne kleine Erzählung, die ganz einfach, fast naiv von dem großen Thema „Dankbarkeit“ erzählt. Mir hat dieses Buch jetzt doch tatsächlich Lust gemacht, mich noch einmal mit dieser Autorin zu beschäftigen.

Durch seine schön gestaltete Optik ist dieses Buch geradezu ein ideales Buch zum Verschenken!

buch

Klack

Klaus Modick

EUR 17,99 *
auf Merkliste

50

24.02.2013

„Kennen Sie noch die Agfa Clack?”

Von 1954 bis 1965 produzierte die Firma Agfa ihre sogenannte Box-Kamera Clack. Der Name war Programm, denn das Geräusch, das die Kamera beim auslösen machte, war „Klack“! Und da eine Agfa Clack eine große Bedeutung in dem neuen Buch von Klaus Modick spielt, hat er dem Buch diesen Titel gegeben.

Ich habe Ihnen von Klaus Modick vor nicht langer Zeit den Roman „Sunset“ vorgestellt, der mir sehr gut gefallen hatte. Als jetzt das neue Buch von ihm angekündigt wurde, interessierte es mich natürlich auch wieder. Sehr erstaunlich für mich war, dass dieses Buch komplett anders ist. In „Sunset“ erzählte er eine Geschichte, die sich mit Lion Feuchtwanger und Bert Brecht beschäftigte, in seinem neuen Roman erzählt er eine Geschichte aus der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders.

Die Hauptperson ist Markus. Der Roman beginnt damit, dass der Ich-Erzähler nach einem Gewitterschaden auf dem Dachboden einen Karton mit alten Fotos entdeckt. Und dann versinkt er in den Erinnerungen und erzählt uns die Geschichten, die sich hinter den 15 Bilder verbergen. Die Kamera hat er per Zufall auf einer Tombola auf einem Jahrmarkt 1961 gewonnen als er 15 Jahre alt war. Und die Bilder erzählen die Geschichte aus 2 Jahren, der Zeit, wo er sich das erste Mal verliebt hat. In Deutschland geht es wieder aufwärts, trotzdem ist der 2. Weltkrieg noch nicht vergessen. Markus lebt mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester zusammen im Haus der Großmutter mütterlicherseits. Der bereits verstorbene Großvater war Richter, der Vater Soldat im 2. Weltkrieg und hat den Russland-Feldzug mitgemacht. Es ist eine Gesellschaft im Aufbruch. Markus Schwester wird langsam flügge, aber gerade die Großmutter ist extrem darauf bedacht, dass alles seinen ordentlichen, geregelten Gang geht. Sie hat in der Familie das Sagen. Was sollen die Nachbarn sonst denken. Markus entdeckt langsam die Mädchen und damit auch seine Sexualität für sich. Dies wird besonders schlimm als im Nachbarhaus plötzlich eine italienische Familie einzieht, die ausgerechnet eine Tochter in Markus Alter hat. Die Großmutter ist entsetzt und versucht alles, um die Familie von diesen Ausländern fernzuhalten.

Es sind herrlich, mit viel Humor erzählte Erinnerungen an diese Zeit. Die ersten Gastarbeiter kommen nach Deutschland, werden aber von den Deutschen nicht immer herzlich willkommen geheißen. Es ist die Hochzeit von Elvis Presley und Horst Buchholz, und die Halbstarken versuchen sich von ihren spießigen Eltern abzusetzen. Klaus Modick erzählt herrlich unterhaltsam, würzt seine Geschichte mit Songtexten und Reklamesprüchen aus dieser Zeit, aber auch mit aktuellen Themen wie z.B. dem Mauerbau oder der großen Flut. Jedes Foto wird eingeführt von einem leicht philosophischen Text, der sich mit der Erinnerung auseinandersetzt.

Dieses Buch ist speziell für all diejenigen interessant, die sich an diese Zeit noch gerne zurückerinnern. Mich hat dieser Roman sehr an die herrlichen Bücher von Gernot Gricksch und Gerhard Henschel erinnert, die ich Ihnen ebenfalls bereits an dieser Stelle empfohlen habe.

50

24.02.2013

„Ein bewegender Abschied”

2011 erschien im C. H. Beck Verlag das Buch von Helmuth James und Freya von Moltke mit ihrem Briefverkehr, den sie gewechselt haben, als Helmuth James von Moltke im Gefängnis Tegel einsaß und auf sein Urteil wartete. Herausgegeben wurde dieses Buch 2011 von dem Sohn Helmuth Caspar von Moltke und der Schwiegertochter Ulrike von Moltke, geb. von Haeften nach dem Tod von Freya von Moltke im Jahr 2010.

Dieser Briefwechsel beginnt im September 1944 und endet am 23. Januar 1945. An diesem Tag wurde Helmuth James Graf von Moltke in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Das Ehepaar von Moltke wusste nicht, wie viel Zeit ihnen blieb, deshalb haben sie jeden Brief mehr oder weniger wie den vielleicht letzten empfunden. Und genauso haben sie es als Gnade und Glück empfunden, wenn ihnen noch ein weiterer Tag geschenkt wurde. Diese Briefe sind in ihrer Art ganz einzigartig. Denn das Ehepaar von Moltke hat wunderschöne Liebesbriefe geschrieben. Beide wurden im protestantischen Glauben erzogen, haben aber erst durch die Verhaftung wirklich zum Glauben gefunden. Helmuth James von Moltke hat die Haftzeit u.a. auch dazu genutzt, sich ausführlich mit der Bibel zu beschäftigen. Und so enthalten diese Briefe viele Hinweise auf Textstellen der Bibel und Liedtexte aus dem Gesangsbuch, die beide als sehr tröstlich empfanden. Zusätzlich erfährt man, wie Helmuth James von Moltke, der ja selbst Rechtsanwalt war, seine Verteidigung plante. Hierzu hat er seiner Frau einige Aufgaben gestellt. Aber diese Briefe enthielten durchaus ganz prosaisch Anweisungen in der Art, was für Wäsche Freya ihrem Mann ins Gefängnis schicken sollte, oder welche Lebensmittel willkommen wären.

Ergänzt wurden die Briefe um weitere Dokumente wie z. B. den Haftbefehl und das Urteil gegen Helmuth James von Moltke, eine 6,5 seitige Kurzbiografie, einem Literatur- und Personenverzeichnis.

Herausgekommen ist ein einzigartiges Dokument, was sich sehr ergreifend liest. Es ist erstaunlich, dass dieser Briefwechsel überhaupt stattgefunden hat, denn er war natürlich nicht offiziell. Der Gefängnispfarrer Harald Poelchau hat diese Briefe täglich bei seinen Besuchen im Gefängnis Tegel rein- und rausgeschmuggelt. Und Freya von Moltke hat sie zuhause in Kreisau in den Bienenstöcken versteckt und erst zur Flucht wieder hervorgeholt.

Mich persönlich hat besonders fasziniert, wie tief im Glauben das Ehepaar von Moltke verwurzelt war und wie viel Kraft ihnen dieser Glaube gegeben hat. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes auf Gott vertraut.

50

22.02.2013

„Ein ungewöhnliches Leben”

Viele von Ihnen haben sicherlich lange auf den neuen Roman von J. R. Moehringer gewartet. Mit seinem Erstling „Tender Bar“ hat er sich ja sowohl in die Herzen der Leser als auch des Feuilletons geschrieben. Jetzt ist es endlich soweit.

J. R. Moehringer hat sich einen ungewöhnlichen Helden aus den USA gesucht, Fakten gesammelt und daraus einen großartigen Roman geschaffen. Er erzählt die Geschichte von Willie Sutton. Viele von Ihnen werden sich sicherlich fragen, wer das ist. Wenn sie diesen Namen dann aber im Internet suchen, werden Sie feststellen, dass sogar „Der Spiegel“ am 26.03.1952 einen Artikel über ihn geschrieben hat. Willie Sutton war ein legendärer Bankräuber und Ausbrecher, der von den zwanziger Jahren bis Anfang der fünfziger Jahre aktiv war. Weihnachten 1969 wird er als kranker Mann endgültig aus der Haft entlassen. Sein Anwalt hat einen Deal mit einer New Yorker Zeitung abgeschlossen. So fahren ein Journalist und ein Fotograf einen Tag zusammen mit Willie all die Schauplätze seines Lebens ab und Willie erzählt. Und so hat J. R. Moehringer seinen Roman aufgebaut.

Der Roman beginnt Weihnachten 1969. Willie Smith erfährt, dass er aus dem Gefängnis entlassen wird. Dies löst ein Medienspektakel aus, denn nur ein Journalist und ein Fotograf bekommen ein ganz exklusives Treffen mit Willie. Willie bestimmt, wohin sie fahren. Eigentlich interessiert die beiden nur, was Willie mit dem Mord an Arnold Schuster zu tun hat, aber Willie will chronologisch erzählen. Und so sitzen die drei Weihnachten 1969 im Auto und fahren kreuz und quer durch New York. Dies ist die Rahmenhandlung. Darin eingebettet ist die eigentliche Geschichte von Willie Sutton, einem armen Jungen irischer Einwanderer, der nie eine Chance im Leben bekam, denn er wurde zur falschen Zeit am falschen Ort geboren. Irgendwann hat er seine Intelligenz genutzt und ist ein berühmter Bankräuber geworden. So wie er es uns weismachen will, eigentlich sogar nur aus Liebe zu Bess.

Wer war Willie Sutton wirklich? Ein brillanter, aber eiskalter Verbrecher? Ein moderner Robin Hood? Oder einfach ein Opfer der sozialen Umstände? Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

J. R. Moehringer erzählt diese Geschichte wunderbar. Man fiebert und leidet tatsächlich mit, obwohl doch die Geschichte eines Verbrechers erzählt wird. Aber Willie Sutton ist einfach ein Verbrecher, der schlauer, vernünftiger, sympathischer, friedfertiger und romantischer als die anderen bekannten, großen Verbrecher der USA ist. Behutsam und einfühlsam beschreibt der Autor dieses Leben. Er verknüpft geschickt geschichtliche Fakten und Fiktion. Herausgekommen ist ein einzigartiger Roman über einen Mann, der zu der damaligen Zeit keine wirkliche Chance im Leben hatte. Wäre er in einem anderen sozialen Umfeld zur Welt gekommen, wäre er sicherlich etwas ganz anderes geworden. Anscheinend sind Underdogs J. R. Moehringers Spezialität.

Für mich ist dieser Roman auf einer Ebene mit dem Roman von E. L. Doctorow „Billy Bathgate“ (Kiepenheuer & Witsch) und dem Film „Der Clou“.

Ein großartiger Roman über einen Mann, der in seiner Zeit keine Chance im Leben hatte. Und daraus hat er etwas gemacht. Ein absolut berührender Roman. Ich habe bei diesem Buch gelacht und geweint!

ebooks

1948

Yoram Kaniuk

EUR 15,99 *
auf Merkliste

50

18.02.2013

„Erinnerungen eines jungen, idealistischen Israelis ”

Yoram Kaniuk ist ein anerkannter israelischer Autor, der, nachdem er eine schwere Krebserkrankung überstanden hat, es endlich geschafft hat, seine Erinnerungen an seine Jugend zu Papier zu bringen. Dies sind aber keine gewöhnlichen Jugenderinnerungen, denn Yoram Kaniuk ist 1930 in Israel geboren. Er ist der Sohn eines Museumsdirektors und einer Lehrerin. 1948 bricht er das Gymnasium kurz vor dem Abitur ab und tritt einer zionistischen Jugendgruppe bei, die ihn davon überzeugt für Israel zu kämpfen.

Er beschreibt ein erschreckendes und erschütterndes Bild dieses Unabhängigkeitskrieges. Viele der Kämpfer waren wie er fast noch Kinder, die gar nicht wirklich wussten, wofür sie kämpfen. Die Anführer waren nicht besser informiert, denn auch sie wussten nicht, was sie machen sollten, denn sie hatten weder eine militärische Ausbildung noch praktische Kampferfahrung. Es mangelte an funktionierenden Waffen und Munition, und die Versorgung war ungeklärt. Somit hatten die Kämpfer oft so gut wie gar nichts zu essen und zu trinken. Es gab kaum eine vernünftige Kommunikation zwischen den einzelnen kämpfenden Gruppen.

Yoram Kaniuk beschreibt dies aus seiner Erinnerung heraus. Es sagt selbst, dass er nicht sicher ist, ob er alles so korrekt erinnert. Herausgekommen ist eine Abrechnung mit dem Unabhängigkeitskrieg von 1948, der 1920 in Jerusalem begann, und dem, was das Land Israel daraus gemacht hat. Die wirklichen Kämpfer sind namenlos geblieben, gefeiert und erinnert wird bis heute nur an die Befehlshaber, die damals gar nicht wirklich mitgekämpft haben. Der Autor ist ein bewundernswerter, eigenwilliger Mann, der mit einigen Mythen zur israelischen Staatsgründung aufräumt. Sein Standpunkt ist: „… und ich dachte an meinen Vater und die Haschomer Hazair mit ihrem binationalen Staat, der mir damals wie heute als die einzig annehmbare Lösung erscheint, wenn auch eine, in der ich nicht leben könnte, …“ (S. 137) Auch heute noch steht er dem Staat Israel kritisch gegenüber, so dass es mich wundert, dass er im eigenen Land trotzdem hoch geachtet wird.

Was mich an diesem Buch verwundert hat, ist, dass der Aufbau Verlag dieses Buch als Roman bezeichnet. Schließlich erzählt der Autor seine Geschichte, auch wenn er zugibt, dass seine Erinnerungen trügen können. Aber ist das nicht bei jeder Erinnerung so? Im Anhang gibt es ein Glossar, welches ausführlicher hätte sein können. Ich persönlich brauchte doch noch ein Lexikon nebenbei, damit ich die im Buch benutzten Begriffe alle verstehen konnte.

Herausgekommen ist ein unwahrscheinlich wichtiges und ergreifendes Buch zum Thema Israel.

50

18.02.2013

„Wer ist eigentlich Xane?”

Die meisten von Ihnen werden die junge österreichische Autorin Eva Menasse wahrscheinlich schon entdeckt haben. Schließlich waren sowohl ihr Erstling „Vienna“ als auch das zweite Buch „Lässliche Todsünden“ große Erfolge sowohl im Feuilleton als auch bei den Lesern. Gerade aber das Feuilleton hatte mir bisher Angst vor dieser Autorin gemacht. Aber bei diesem dritten, gerade erschienenen Roman habe ich diese Angst überwunden und konnte feststellen, dass sie hervorragend und gar nicht schwierig schreibt!

Wenn man die Bedeutung des Begriffs Quasikristalle kennt, ergibt er auch für dieses Buch einen Sinn. Ganz platt gesagt sind Quasikristalle Kristalle, die sich nicht mit einer einzigen Elementarzelle beschreiben lassen. Dies verstehe ich so, dass man bei einem Quasikristall im übertragenden Sinn durchaus mehrere unterschiedliche Wahrnehmungen hat. Und so geht es einem in diesem Roman auch mit der Hauptperson Xane (Koseform von Roxane). Eva Menasse erzählt das Leben von Xane nämlich nicht aus einer Sicht, sondern setzt das Bild von ihr aus unterschiedlichsten Blickrichtungen zusammen. Sie lässt in chronologischer Reihenfolge unterschiedlichste Personen eine Begebenheit erzählen, in der Xane eine Rolle, aber nicht immer eine Hauptrolle spielt. Dadurch entsteht beim Leser langsam ein Bild von der Person Xane in all ihren unterschiedlichen Facetten. Die einzelnen Geschichten, wenn man es so will, erzählen:

- Julia, ihre beste Freundin als die beiden Mädchen 14 Jahre alt waren
- Ein Reiseleiter auf einer Studienreise nach Auschwitz und Birkenau, der gerne mehr von ihr gewollt hätte
- Ihr Vermieter in Wien, der nur an ordentliche Leute vermietet hat
- Sally, die Schwester von Julia, die ebenso wie Xane in Berlin gestrandet ist
- Eine Ärztin in einer Fertilitätsklinik
- Nelson, eine Zufallsbekanntschaft, die sie in einem Bus kennengelernt hat
- Xane selbst, als sie sich mit einer Freundin über das Thema Fremdgehen unterhält
- Viola, ihre ältere Stieftochter, die gerade ihre leibliche Mutter nach langer Zeit wiedergetroffen hat und zum 1. Mal verliebt ist
- Martin, ein Mitarbeiter in Xanes Agentur, der gerade freigestellt wurde
- Xanes Vater, der sich bei einem Familienbesuch an früher erinnert
- Krystyna, eine Jugendfreundin, die gerade mit Sally über Xane herzieht
- Eine junge Reporterin, die Xane einfach nur von ihrem Balkon aus beobachtet
- Briefe und E-Mails von ihrem inzwischen erwachsenen Sohn Amos

Ich habe dieses Buch geliebt. Dabei ist es ein ganz ungewöhnliches Buch, denn es hat keine Handlung im engeren Sinn. Die einzelnen Episoden ergeben zwar ein Bild von Xane, haben aber nicht immer eine wirkliche Geschichte zu erzählen. Trotzdem liest es sich ausgesprochen spannend und langsam aber sicher denkt man, dass man Xane kennt. Und dann tut sich doch wieder eine neue Blickrichtung auf. Eva Menasse zeigt dadurch sehr schön auf, wie unterschiedlich Menschen von ihren Mitmenschen wahrgenommen werden. Und sie zeigt auch sehr menschlich die zwischenmenschlichen Beziehungen auf, die nicht immer offen zutage treten.

Ein absolut lesenswertes Buch!

50

18.02.2013

„Ein wunderbares Buch über eine Liebe, die nicht sein darf”

Bethan Roberts ist eine junge britische Autorin, die sich mit ihren beiden früheren Romanen „Stille Wasser“ (Antje Kunstmann) und „Köchin für einen Sommer“ (Diana Taschenbuch) einen Namen gemacht hat. Sie hat das Geschick, immer wieder völlig unterschiedliche Geschichten aus unterschiedlichen Zeiten zu erzählen.

Dieses Mal erzählt sie die Geschichte einer ungeplanten Dreiecksbeziehung aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. 1957 - Marion und Patrick verlieben sich beide den gleichen Mann – Tom. Doch Marion weiß nicht, dass sie für Tom nicht die große Liebe ist, obwohl ihre beste Freundin und Toms Schwester sie gewarnt hat. Denn Tom hat sich in den Kurator des Museums Patrick verliebt. Als Tom ihr endlich einen Heiratsantrag macht, ist sie überglücklich. Nach und nach merkt allerdings auch Marion, dass etwas an der Freundschaft zwischen Tom und Patrick nicht stimmt. Die Situation eskaliert und zerstört damit drei Leben.

Die Autorin hat ein schwieriges Thema mutig und sehr einfühlsam aufgegriffen. Homosexualität war in England in den fünfziger Jahren noch strafbar. Die Männer und Frauen haben sich im Geheimen getroffen und häufig ein Scheinleben aufgebaut. Sie wurden immer von der Angst beherrscht, entdeckt und denunziert zu werden. Bethan Roberts schreibt diese Geschichte aus zwei Perspektiven. Zum einen schreibt Marion ihre Sicht der Geschichte 1999 auf. Sie will sie Patrick, der inzwischen durch einen Schlaganfall ein Pflegefall geworden ist, vorlesen. Die zweite Perspektive ist ein Tagebuch, das Patrick 1957 begonnen hat, als er sich in Tom, seinen Polizisten verliebt hat. Diese beiden Geschichten wechseln sich ab und laufen so auf das große, tragische Finale zu.

„Der Liebhaber meines Mannes“ ist ein wundervoller Roman, der für Toleranz wirbt. Die Autorin verurteilt aber auch nicht Marion, die einfach in der damaligen Zeit mit der Situation überfordert war. Was bin ich glücklich, dass ich nicht damals gelebt habe. Denn heute sind wir zum Glück soweit, dass Homosexualität in großen Teilen von der Gesellschaft toleriert wird.

buch

1948

Yoram Kaniuk

EUR 19,99 *
auf Merkliste

50

18.02.2013

„Erinnerungen eines jungen, idealistischen Israelis”

Yoram Kaniuk ist ein anerkannter israelischer Autor, der, nachdem er eine schwere Krebserkrankung überstanden hat, es endlich geschafft hat, seine Erinnerungen an seine Jugend zu Papier zu bringen. Dies sind aber keine gewöhnlichen Jugenderinnerungen, denn Yoram Kaniuk ist 1930 in Israel geboren. Er ist der Sohn eines Museumsdirektors und einer Lehrerin. 1948 bricht er das Gymnasium kurz vor dem Abitur ab und tritt einer zionistischen Jugendgruppe bei, die ihn davon überzeugt für Israel zu kämpfen.

Er beschreibt ein erschreckendes und erschütterndes Bild dieses Unabhängigkeitskrieges. Viele der Kämpfer waren wie er fast noch Kinder, die gar nicht wirklich wussten, wofür sie kämpfen. Die Anführer waren nicht besser informiert, denn auch sie wussten nicht, was sie machen sollten, denn sie hatten weder eine militärische Ausbildung noch praktische Kampferfahrung. Es mangelte an funktionierenden Waffen und Munition, und die Versorgung war ungeklärt. Somit hatten die Kämpfer oft so gut wie gar nichts zu essen und zu trinken. Es gab kaum eine vernünftige Kommunikation zwischen den einzelnen kämpfenden Gruppen.

Yoram Kaniuk beschreibt dies aus seiner Erinnerung heraus. Es sagt selbst, dass er nicht sicher ist, ob er alles so korrekt erinnert. Herausgekommen ist eine Abrechnung mit dem Unabhängigkeitskrieg von 1948, der 1920 in Jerusalem begann, und dem, was das Land Israel daraus gemacht hat. Die wirklichen Kämpfer sind namenlos geblieben, gefeiert und erinnert wird bis heute nur an die Befehlshaber, die damals gar nicht wirklich mitgekämpft haben. Der Autor ist ein bewundernswerter, eigenwilliger Mann, der mit einigen Mythen zur israelischen Staatsgründung aufräumt. Sein Standpunkt ist: „… und ich dachte an meinen Vater und die Haschomer Hazair mit ihrem binationalen Staat, der mir damals wie heute als die einzig annehmbare Lösung erscheint, wenn auch eine, in der ich nicht leben könnte, …“ (S. 137) Auch heute noch steht er dem Staat Israel kritisch gegenüber, so dass es mich wundert, dass er im eigenen Land trotzdem hoch geachtet wird.

Was mich an diesem Buch verwundert hat, ist, dass der Aufbau Verlag dieses Buch als Roman bezeichnet. Schließlich erzählt der Autor seine Geschichte, auch wenn er zugibt, dass seine Erinnerungen trügen können. Aber ist das nicht bei jeder Erinnerung so? Im Anhang gibt es ein Glossar, welches ausführlicher hätte sein können. Ich persönlich brauchte doch noch ein Lexikon nebenbei, damit ich die im Buch benutzten Begriffe alle verstehen konnte.

Herausgekommen ist ein unwahrscheinlich wichtiges und ergreifendes Buch zum Thema Israel.

50

14.02.2013

„Wer ist eigentlich Xane?”

Die meisten von Ihnen werden die junge österreichische Autorin Eva Menasse wahrscheinlich schon entdeckt haben. Schließlich waren sowohl ihr Erstling „Vienna“ als auch das zweite Buch „Lässliche Todsünden“ große Erfolge sowohl im Feuilleton als auch bei den Lesern. Gerade aber das Feuilleton hatte mir bisher Angst vor dieser Autorin gemacht. Aber bei diesem dritten, gerade erschienenen Roman habe ich diese Angst überwunden und konnte feststellen, dass sie hervorragend und gar nicht schwierig schreibt!

Wenn man die Bedeutung des Begriffs Quasikristalle kennt, ergibt er auch für dieses Buch einen Sinn. Ganz platt gesagt sind Quasikristalle Kristalle, die sich nicht mit einer einzigen Elementarzelle beschreiben lassen. Dies verstehe ich so, dass man bei einem Quasikristall im übertragenden Sinn durchaus mehrere unterschiedliche Wahrnehmungen hat. Und so geht es einem in diesem Roman auch mit der Hauptperson Xane (Koseform von Roxane). Eva Menasse erzählt das Leben von Xane nämlich nicht aus einer Sicht, sondern setzt das Bild von ihr aus unterschiedlichsten Blickrichtungen zusammen. Sie lässt in chronologischer Reihenfolge unterschiedlichste Personen eine Begebenheit erzählen, in der Xane eine Rolle, aber nicht immer eine Hauptrolle spielt. Dadurch entsteht beim Leser langsam ein Bild von der Person Xane in all ihren unterschiedlichen Facetten. Die einzelnen Geschichten, wenn man es so will, erzählen:

- Julia, ihre beste Freundin als die beiden Mädchen 14 Jahre alt waren
- Ein Reiseleiter auf einer Studienreise nach Auschwitz und Birkenau, der gerne mehr von ihr gewollt hätte
- Ihr Vermieter in Wien, der nur an ordentliche Leute vermietet hat
- Sally, die Schwester von Julia, die ebenso wie Xane in Berlin gestrandet ist
- Eine Ärztin in einer Fertilitätsklinik
- Nelson, eine Zufallsbekanntschaft, die sie in einem Bus kennengelernt hat
- Xane selbst, als sie sich mit einer Freundin über das Thema Fremdgehen unterhält
- Viola, ihre ältere Stieftochter, die gerade ihre leibliche Mutter nach langer Zeit wiedergetroffen hat und zum 1. Mal verliebt ist
- Martin, ein Mitarbeiter in Xanes Agentur, der gerade freigestellt wurde
- Xanes Vater, der sich bei einem Familienbesuch an früher erinnert
- Krystyna, eine Jugendfreundin, die gerade mit Sally über Xane herzieht
- Eine junge Reporterin, die Xane einfach nur von ihrem Balkon aus beobachtet
- Briefe und E-Mails von ihrem inzwischen erwachsenen Sohn Amos

Ich habe dieses Buch geliebt. Dabei ist es ein ganz ungewöhnliches Buch, denn es hat keine Handlung im engeren Sinn. Die einzelnen Episoden ergeben zwar ein Bild von Xane, haben aber nicht immer eine wirkliche Geschichte zu erzählen. Trotzdem liest es sich ausgesprochen spannend und langsam aber sicher denkt man, dass man Xane kennt. Und dann tut sich doch wieder eine neue Blickrichtung auf. Eva Menasse zeigt dadurch sehr schön auf, wie unterschiedlich Menschen von ihren Mitmenschen wahrgenommen werden. Und sie zeigt auch sehr menschlich die zwischenmenschlichen Beziehungen auf, die nicht immer offen zutage treten.

Ein absolut lesenswertes Buch!

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