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Wird nicht angezeigt Top 100 Rezensent
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513 Rezensionen
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Rang:
61

Rezensionen

50

17.01.2010

„Die Geschichte der Frauenliebe”

In ihrem 1993 erstmals veröffentlichtem und 1997 erweitertem Buch Die Sehnsucht der Frau nach der Frau will Barbara Gissrau mit der weit verbreiteten Ansicht Homosexualität = Krankheit aufräumen, dem sogenannten Naturzustand Heterosexualität widerlegen und so ein neues Bewußtsein in der Psychoanalyse schaffen, welche auch heute noch zu häufig Homosexualität als abnormal bezeichnet und damit leider diese Vorstellung in der Bevölkerung verbreitet. Bücher wie dieses helfen, diese Meinung grundlegend zu ändern. Gerade deswegen ist es ein Buch, das man nicht nur Lesben empfehlen sollte.

Ausgangspunkt für Gissraus Untersuchungen und Darstellung bisheriger Theorien ist die multierotische Veranlagung des Menschen. Hier verwendet sie also Freuds Aussage über multigerichtete sexuelle Triebe und deren Objektunabhängigkeit. Gissrau bemerkt dazu selbst: "Das sexuelle Potential, das uns unser Körper zur Verfügung stellt, ist besonders variabel und in die verschiedensten Richtungen lenkbar." Daher stellt sie nicht nur die Entwicklung zur Homosexualität dar, sondern auch die zur Heterosexualität. "Ich wollte [...] zeigen, daß es sinnvoll ist, die Entwicklung aller sexuellen Lebensstile bei beiden Geschlechtern getrennt zu erforschen." Allerdings vollzieht Gissrau nicht den Schluß zur Bisexualität, obwohl dies mit ihrer Grundlage nur noch ein kleiner Schritt wäre. Multierotisch bedeutet für sie vielmehr breitgefächerte Wahrnehmung in der Erotik, sich keinen Rollen unterzuordnen und die Fähigkeit zu vielschichtigen Arten der Zuneigung zu besitzen.

In Die Sehnsucht der Frau nach der Frau beschreibt Gissrau zunächst kurz die Entwicklung von Frauenfreundschaften in der Geschichte und wie diese von der Gesellschaft zunehmend negativ bewertet wurden. Anschließend folgt ein Abriß verschiedener psychologischer Theorien über Hetero- und Homosexualität bis in die neunziger Jahre hinein, bei denen der Schwerpunkt auf Freud liegt. In der zweiten Hälfte des Buchs berichtet Gissrau von ihrer eigenen Untersuchung, in der sie 16 lesbische (21 - 48 Jahre) und 16 heterosexuelle (23 - 57 Jahre) Frauen interviewte, die bezüglich ihrer beruflichen und sozialen Situation gesehen gut miteinander vergleichbar sind. In ihren Interviews bewertet Gissrau nicht nur die Inhalte der Aussagen, sondern auch die Wortwahl. Dadurch werden auch subtilere Äußerungen berücksichtigt. Zudem ist sie sich ständig bewußt, daß ihre Thesen nicht unbedingt der Wahrheit letzter Schluß sein müssen. Es gibt beispielsweise manche Argumente, die einem suspekt erscheinen mögen. Aber im Gegensatz zu anderen psychoanalytischen Werken erhebt Gissrau nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit und unumstrittene Weisheit (was mit der Anzahl der befragten Person wohl kaum möglich wäre, wie sie selbst betont), sondern versteht ihr Buch und ihre Untersuchungen vielmehr als Anregung zu neuen Gedanken. So weist Gissrau immer wieder auf Mängel ihrer Aussagen hin und regt dadurch an, alles in einem relativen Zusammenhang zu sehen, und bescheinigt so der Leserin ihre eigene Urteilsfähigkeit. Besonders auffällig ist dies bei Formulierungen, die etwas allgemeingültig anmuten und danach von Gissrau wieder entschärft werden, wie zum Beispiel in der folgenden Aussage: "Die Mehrzahl der lesbischen Frauen erlebte also ihre Väter eher konträr zur patriarchalen Rollenerwartung. Dabei ist sehr fraglich, ob sie wirklich so anders waren als die Väter der Heterosexuellen, oder ob lesbische Frauen das Verhalten ihrer Väter anders bewerteten."

buch

Out!

Karen-Susan Fessel

EUR 19,90 *
auf Merkliste

50

17.01.2010

„Who is Who in der schwullesbischen Welt”

Wie im richtigen Leben sind in diesem Buch auch mehr Schwule als Lesben vertreten. Ob das wohl wiederspiegelt, wieviele Schwule und im Gegensatz dazu wie wenige Lesben sich öffentlich engagieren? Diese Frage wird Out! sicherlich nicht beantworten. Es ist kein wertendes Buch, sondern ein neutrales Who is Who der SchwuLesBischen Welt (nicht nur der deutschsprachigen Welt). In der Einleitung wird jedoch deutlich gemacht, daß mit dem vorliegenden Buch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll. Vielmehr fiel es den Autoren schwer zu entscheiden, wen sie nicht mit hinein nehmen. Man kann aber wohl sagen, daß die Mischung sehr gelungen ist.

Die geringere Anzahl der Frauen, die in Out! vetreten ist, kommt allerdings auch dadurch zustande, daß die beiden Autoren sorgfältig recherchiert haben und bei Frauen, deren Biographie nur ein Hinweis auf "Frauenfreundschaften", dieses Wort, das alles oder nichts bedeuten kann, enthält wurden ausgelassen, eseidenn es wurden andere bestechende Beweise gefunden - daß es nicht nur bei Freundschaften blieb, sondern auch Liebe im Spiel war. Bei noch lebenden Personen wurde sogar der Kontakt zu diesen gesucht, so daß Out! nicht ein Outing Buch ist, sondern nur Frauen und Männer auflistet, die sich bereits selbst geoutet haben bzw. über deren gleichgeschlechtliche Neigung Dokumente vorliegen.

Die kleinen Biographien selbst sind recht kurz gehalten, enthalten jedoch das wichtigste, das in jeder Biographie zu finden ist und in den meisten Fällen ein Photo, so daß man bereits beim simplen Durchblättern auf einige Leute aufmerksam wird. Doch zusätzlich finden sich hier kleine Juwelen, die sonst aufgrund des gleichgeschlechtlichen Kontextes nie erwähnt werden. Oder wußtest Du zum Beispiel, daß Dirk Bach und Hella von Sinnen in der gleichen WG wohnen und Biolek einer der Förderer von Dirk war? Solche in den Text eingestreuten Querverweise laden regelrecht zum Schmökern quer durch das ganze Buch ein. Und hat einen eine Person erst einmal richtig zu interessieren angefangen, so bietet Out! Hinweise auf deren eigene Werke und Sekundärliteratur, sofern vorhanden.

dvd

Mrs. Dalloway

Marleen Gorris

EUR 5,99 *
auf Merkliste

50

17.01.2010

„wunderbare Verfilmung”

Mrs Dalloway ist die sehr schöne Verfilmung des gleichnamigen Romans von Virginia Woolf. Dieser wurde vor allem deswegen bekannt, weil Virginia Woolf ihn mit der von ihr erfundenen Erzähltechnik, dem stream of consciousness, schrieb. Man hört es schon dem Namen dieser Technik an: Virginia Woolf bildet den Gedankengang eines Menschen nach, und zwar eben so wie er tagtäglich abläuft - angestoßen durch diverse Assoziationen, in keinstem Fall chronologisch geordnet, und ziemlich durcheinander. Beobachtet Euch mal eine Stunde lang selbst und Ihr wißt, was mit dem stream of consciousness gemeint ist. Es geht einem jedoch so viel und schnell durch den Kopf, so daß eine literarische Nachbildung unweigerlich kürzen muß und in einem Roman gerade mal ein Tag nachgestellt werden kann, will man diese Technik von Anfang bis Ende durchziehen. Und natürlich kann man in einem Roman nicht alles so ungeordnet aufeinander folgen lassen wie dies mit den Gedanken oft geschieht. Also keine Angst. Mrs Dalloway ist kein wüstes Durcheinander. Ganz im Gegenteil. Virginia Woolf schafft wunderbar fließende Übergänge.
Der Film erzählt einen Tag im Leben der Mrs Dalloway, die im England des beginnenden 20. Jahrhunderts lebt und von der bezaubernden Vanessa Redgrave gespielt wird. Wir begleiten sie durch ihr Haus, wie sie eine abendliche Party zusammen mit ihrem Hausmädchen vorbereitet, wie sie den Blumenschmuck in der Stadt aussucht, ihren Jugendfreund Peter Walsh trifft und schließlich zur Party am Abend. In vielen Rückblenden und Voice Overs erfahren wir, was in ihren Gedanken vorgeht. Und wenn sie jemandem auf der Straße begegnet kann es sein, daß wir im gleichen Stil diese Person für eine kurze Zeit begleiten, bis diese wieder Mrs Dalloway begegnet und wir mit ihr weiter gehen. Diese Übergäge von einer Person zu einer anderen sind jedoch im Roman wesentlich stärker ausgeprägt als im Film.
Mrs Dalloways Gedanken und mit ihnen die Flashbacks geben uns einen Einblick in ihr junges aristokratisches Leben und in ihre Zweifel daran, ob es richtig war, ein ruhiges Leben an der Seite des Politikers Richard Dalloway zu wählen, anstatt ein abenteurliches und bewegtes Leben mit ihrem Langzeitverehrer Peter Walsh. In den wunderschönen Rückblenden beginnt Clarissa Dalloway regelrecht von den Möglichkeiten zu träumen, die sie als junge Frau hatte und überlegt wie anders doch ihr Leben hätte sein können. Und hier wird es auch für das lesbische Publikum interessant, denn die dritte im jugendlichen Trio neben Peter und Clarissa, Sally Seton, umschwärmt Clarissa in vielen romatischen Szenen und küßt sie sogar am Abend eines Balles. Clarissa genießt nicht nur Sallys Freundschaft, sondern auch sichtlich diesen einen Kuß, den die heutige Mrs Dalloway gleich zweimal herauf beschwört. Voller Melancholie denkt sie zurück an jene jungen Jahre.