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56 Rezensionen
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775

Rezensionen

30

10.04.2013

„Ein vielschichtiger Frauenroman”

Ivy ist glücklich. Sie ist Anfang dreißig, lebt im noblen Notting Hill, modelliert Wachsfiguren bei Madame Tussauds, hat eine Menge Freunde, witzige Kollegen und einen hilfsbereiten Vater; nur eines hat sie nicht: einen Mann. Damit steht Ivys Leben konträr zu dem ihrer großen Schwester. Nathalie lebt in Berlin, ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Ihr Leben besteht vor allem daraus, ihrem Mann den Rücken frei zu halten und ihre Tochter Lucy zu einem gebildeten und höflichen kleinen Menschen zu erziehen.
Auf keinen Fall möchte Ivy mit ihrer großen Schwester tauschen, die nicht müde wird, ihr immer wieder neue potentielle Partner vorzustellen, trotzdem fehlt ihr manchmal der männliche Part in ihrem Leben. Doch um ihr Glück auch in der Liebe finden zu können, muss sie ihren selbst errichteten Schutzwall einreißen.

Obwohl das Thema ihres Romans – eine nach Liebe suchende Frau – vielen anderen Frauenromanen gleicht, ist es Alex Hennig von Lange gelungen, etwas ganz eigenes zu schaffen. Ihre Hauptfigur Ivy ist kein unglücklicher „später Single“, sondern eine glückliche Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Ein „Mangel“, eine Lücke in ihrem Leben, wird der Protagonisten nur von ihrer Umwelt eingeredet. Trotzdem fiebert man gerne mit Ivy mit, als die Liebe plötzlich vor der Tür steht – oder besser gesagt: neben ihr sitzt!
„Leichte Turbulenzen“ ist ein vielschichtiger Roman – lässt man sich auf ihn ein, merkt man, dass es nicht nur um die große Liebe geht, sondern auch um die Liebe zur eigenen Familie; das Verhältnis zur großen Schwester und um die Geschichte der Eltern, die man immer irgendwie in sich trägt.

50

10.04.2013

„Ich habe mich köstlich amüsiert”

„Jan Weiler sitzt mitten im Leben und schreibt es auf.“ So hat es Elke Heidenreich einmal formuliert und sie hat Recht! Auch in der dritten Sammlung seiner Kolumnen sieht Weiler wieder das Skurrile im Alltäglichen. Die Protagonisten, Schwiegervater Antonio, Sohn Nick und Tochter Carla, sind dem Hörer inzwischen bekannt, werden aber niemals langweilig. So erfahren wir diesmal wie gefährlich es sein kann Schimpfwörter in Hörweite seiner Kinder zu verwenden, wie es um die Beziehung des „Pubertiers“ Carla zu ihrem Freund Max steht und wie Nick der adipösen Hamsterdame Gimli das Fallschirmspringen beibringt.
In diesem Fall ist das Hörbuch dem gedruckten Buch auf jeden Fall vorzuziehen, weil man Jan Weiler einfach live erleben muss! Lachtränen und Bauchmuskelkater sind in jedem Fall vorprogrammiert!

40

10.04.2013

„Ein anspruchsvolles literarisches Werk”

„Goethe ruft an. Er heißt nicht Goethe, aber ich nenne ihn Goethe, weil er so sehr Goethe ist, wie man heute nur sein kann. Ein Klassiker zu Lebzeiten. […] Goethe kennt Gott und die Welt, und Gott und die Welt kennen Goethe, was ich von Gott, der Welt und mir nicht behaupten kann.“
Als ich diesen Klappentext gelesen hatte war ich neugierig auf das neue Werk von John von Düffel – ein Buch, dass die Bezeichnung „Werk“ wirklich verdient hat.
Im Besitz der Goethe-Formel vertritt der Erzähler seinen Förderer als Leiter eines Seminars zum Thema „Leichtschreiben“; doch eigentlich geht es um viel mehr. „Goethe ruft an“ beschäftigt sich mit der Kunst des Schreibens, mit der Qualität von Literatur und dem Unterschied von Unterhaltung und Literatur. Die Seminarteilnehmer lernen viel über den (wahren) ersten Satz und das Tiefschreiben, das zunächst im Gegensatz zum Leichtschreiben zu stehen scheint.
Am Ende ist von Düffels Roman aber vor allem eine Geschichte vom „sich frei schreiben“ - frei von Zwängen, Vorgaben und vom großen Vorbild: „Und wie durch ein Wunder bin ich immer mehr geworden mit jedem Satz, jeder Seite, immer mehr ich selbst.“

John von Düffels „Goethe ruft an“ ist ein Stück anspruchsvolle Literatur der Gegenwart. Die langen Sätze, die dem Leser zunächst vielleicht ungewohnt erscheinen, sind kein Wort zu lang; sie ziehen einen in den Bann der Geschichte und empfinden den Fluss des Schreibens nach, um den es im Buch ja geht. Neben dieser durchaus realistischen Auseinandersetzung mit dem heutigen Literaturbetrieb ist der Roman auch eine Persiflage, mit der der Autor nicht zuletzt sich selbst ironisiert. (John von Düffel lehrt Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin.)
Auf den ersten Seiten des Buches vermisst der Leser eine klare Handlung; ich empfehle aber darüber hinwegzusehen und der Geschichte eine Chance zu geben, möglicherweise muss man das Buch auch ein zweites Mal lesen, um seine Botschaft zu entschlüsseln, aber dann hat man ein wunderbares Stück Literatur entdeckt. Es lohnt sich!

40

10.04.2013

„Tragik und Komik liegen nah beieinander”

Beschrieben und beworben wird „Alles Inklusive“ als ein „herzzerreißend komischer Roman über Mütter und Töchter, doch ich bin der Meinung, dass dieses Buch mehr zu bieten hat. Der Leser begleitet vier Menschen auf ihrem ganz persönlichen und nicht immer erfolgreichen Weg zum Glück. Dabei zeigt Doris Dörrie in einer Seelenschau ihrer Figuren, wie unterschiedlich das Glück und die Bedürfnisse der Menschen sein können, dass die Gegenwart nie losgelöst von der Vergangenheit existiert und dass die Lebensvorstellungen der Söhne und Töchter nicht selten stark von jenen der Eltern abweichen.

Nach ihrem letzten Film „Die Friseuse“ war ich von Doris Dörries neuem Buch positiv überrascht. „Alles inklusive“ ist mehr als leichte Urlaubsunterhaltung. Die Geschichte macht teilweise erschreckend deutlich, dass Sonne, Strand und Meer auf Dauer nicht reichen um glücklich zu sein; trotz dieser tragischen Passagen fehlt dem Roman nicht das gewohnte Augenzwinkern der Autorin. (Hier verweise ich vor allem auf den eingegipsten Mops!)

ebooks

Gute Geister

Kathryn Stockett

EUR 8,99 *
auf Merkliste

50

10.04.2013

„Unterhaltsam und tiefgründig”

Jackson, Mississippi, 1962. In den USA ist die Apartheid zu dieser Zeit noch deutlich spürbar.
Die Geschichte der "Guten Geister" wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt: aus der Sicht von Skeeter – einer jungen „weißen Lady“ und aus der Sicht von Aibileen und Minny – zwei schwarzen Dienstmädchen. Alle drei sind unzufrieden mit ihrem eigenen Leben und zugleich mit einer ganzen Gesellschaft. Deshalb wagen diese drei in jeder Beziehung so unterschiedlichen Frauen etwas und machen, trotz ihrer Angst vor lebensbedrohenden Repressalien, auf unkonventionelle Weise aufmerksam auf die Missstände ihrer Zeit – Rassismus und Unterdrückung.


Ich habe lange kein so unterhaltsames und zugleich tiefgründiges und bewegendes Buch gelesen. Die Tatsache, dass Kathryn Stockett selbst während der Apartheid aufwuchs und den Zwiespalt zwischen ihrer weißen Familie und ihrer Liebe zu ihrem schwarzen Kindermädchen kennt, lässt den Leser sehr nah an das Geschehen heranrücken.
'Gute Geister' ist zu einem meiner Lieblingsbücher geworden. Es macht einen wütend und traurig, es lässt einen aber auch schmunzeln und vor allem lässt es einen, wenn man die Buchdeckel zuklappt, mit einer begründeten Hoffnung zurück.

50

10.04.2013

„Tröstlich”

Die neunjährige Liesel wird 1939 von Pflegeeltern in der Nähe von München aufgenommen. Bei den Hubermanns erfährt das kleine Mädchen den Zweiten Weltkrieg als etwas schönes und etwas schreckliches zugleich. Ihre Freundschaft zu dem Nachbarjungen Rudi und dem Juden Max, der sich im Keller der Familie versteckt hält, lassen sie immer wieder Angst und Trauer vergessen. Was kaum einer weiß, das kleine Mädchen ist eine Diebin. Sie klaut Bücher, um endlich lesen zu lernen und sie klaut Herzen; die Herzen von Mama Rosa und Papa Hans, von Rudi und Max und – das Herz des Todes, der in diesen Tagen mehr zu tun hat als ihm lieb ist. Ihre kindlich naive Sicht auf die Dinge und ihre Kämpfernatur bewegen ihn dazu ihre Geschichte zu erzählen. Er schildert, wie Liesel ihren Bruder verliert, wie sie ihr erstes Buch im Schnee findet und das zweite aus der Asche klaut; er beschreibt ihre Liebe zu Rudi und zu den Büchern und ihre Freundschaft zu Max. Und immer wieder berichtet der Tod, wie die Welt um die Himmelsstraße langsam zusammenbricht, bis zu dem Tag, an dem auch die Himmelsstraße zusammenbricht.
Am Ende bleibt man allein zurück – mit einem lachenden und einem weinenden Auge und mit den Erinnerungen.

40

22.02.2013

„Nichts ist wie es scheint...”

„Die Welt da draußen ist manchmal krank, aber dich geht das nichts an.
Bist du sicher?
Ganz sicher?
Was, wenn es dich doch betrifft?
Was, wenn du eines Tages aufwachst und entdeckst, dass in dir ein Monster lebt? Und sosehr du dich auch bemühst, es lässt sich nicht vertreiben oder beherrschen, es hat von dir Besitz ergriffen und lässt dich nicht mehr los. Was tust du dann?“
Marie plagen mörderische Gedanken. Sie leidet unter aggressiven Zwangsgedanken und lebt jeden Tag mit der Angst, sie könnten zur bitteren Realität werden. Diese Angst wird Wirklichkeit als Marie neben ihrem toten Freund aufwacht und sich an nichts erinnern kann! Im Maßregelvollzug in der forensischen Psychiatrie hilft ihr der junge Arzt Jan Falkenhagen schließlich ihre Geschichte aufzuarbeiten und plötzlich ist nichts mehr wie es scheint…
Der Autorin, sonst besser bekannt als ‚Anne Hertz‘, gelingt es den schmalen Grad nachzuzeichnen, der zwischen den ‚normalen‘ Zwangsgedanken, die jeder von uns hat und den krankhaften Gedanken liegt. Dabei begeistert Wiebke Lorenz nicht nur mit einem gut durchdachten Kriminalfall, sondern vor allem mit professionell recherchierter Psychologie.
Erschreckend einfühlsam geschrieben, so dass man fast das Gefühl hat selbst an Zwangsgedanken zu leiden!

40

29.01.2013

„Was wäre wenn...”

Es sind häufig die kleinen Dinge, die über Leben oder Tod eines Menschen entscheiden: Ein Säugling stirbt, aber was wäre gewesen, wenn die Eltern den plötzlichen Kindstod zu verhindern gewusst hätten? Ein junges Mädchen nimmt sich das Leben, aber was wäre gewesen, wenn sie den Mann mit der Pistole nie kennen gelernt hätte? Eine Mutter fällt die Treppe hinunter und bricht sich das Genick, aber was wäre gewesen, wenn sie nicht ausgerutscht wäre? „Eine ganze Welt aus Gründen gab es, warum ihr Leben nun an ein Ende gekommen sein könnte, wie es gleichzeitig eine ganze Welt aus Gründen gab, warum sie jetzt noch am Leben sein könnte und sollte.“
Mit diesen kurzen aber entscheidenden Schicksalsmomenten beschäftigt sich Jenny Erpenbeck in ihrem neuen Roman „Aller Tage Abend“ und lässt ihre Protagonistin, die erst im letzten Kapitel einen Namen bekommt, so ein ganzes Jahrhundert durchleben – Judentum, Nationalsozialismus, Exil und Kommunismus. Nach jedem Sterben der Figur verändert die Autorin nur ein winziges Detail und lässt sie so weiterleben und einen neuen Lebensabschnitt entdecken.
Wie schon in ihrem Roman „Heimsuchung“ verbindet Jenny Erpenbeck die individuelle Geschichte ihrer Protagonistin mit Zeitgeschichte und ihrer eigenen Familiengeschichte, vor allem der ihrer Großmutter Hedda Zinner, ebenfalls Schriftstellerin.
„Aller Tage Abend“ ist ein wunderschön komponierter Roman, in dem die Autorin es schafft, die getrennten Lebensabschnitte beispielsweise durch Familienbesitztümer, die sich in allen Kapiteln wiederfinden, nicht auseinander fallen zu lassen und zu einem runden Ganzen zu machen. Absolut lesenswert!

50

29.09.2012

„Potenzial zum Lieblingsbuch”

Drei Sprachlehrer in Paris starten den Tag gemeinsam in einem Café und beschließen ihn abends mit einem gemeinsamen Glas Rotwein. Dazwischen liegen drei Versionen eines Tages – Nicos Tag mit Josie, die eigentlich gar keinen Sprachlehrer braucht, aber nach einer Möglichkeit sucht den Tod ihres Freundes zu überwinden; Philippes Tag mit Riley, die seit einem Jahr in Paris lebt und deren eigenes Leben zwischen Mann und Kindern zu verschwinden droht und Chantals Tag mit Jeremy, der seine Frau liebt und trotzdem die Lust auf ein Abenteuer verspürt.
In den drei Tagesentwürfen zeichnet Ellen Sussman drei Spaziergänge durch Paris nach, in die sie die Geschichten der Protagonisten einbettet. Dabei zeichnet die Amerikanerin, die fünf Jahre in Paris gelebt hat, ein authentisches Bild der „Stadt der Liebe“.
Sie spielt gekonnt mit Erzählperspektiven und Erzählzeit, lässt den Leser mit fiebern und schafft es, die Geschichten zu einem unvorhersehbaren Ende zu bringen, ohne sie abwegig und konstruiert wirken zu lassen.
„An einem Tag in Paris“ ist ein Buch über Paris, das dazu einlädt selbst eine Reise zu starten; es ist ein Buch über das Leben, über die verschlungenen Wege die es geht und es ist ein Buch über die Liebe, über ihre hohen und tiefen Töne!

buch

Gute Geister

Kathryn Stockett

EUR 9,99 *
auf Merkliste

50

29.09.2012

„Unterhaltsam und tiefgründig”

Jackson, Mississippi, 1962. In den USA ist die Apartheid zu dieser Zeit noch deutlich spürbar.
Die Geschichte der "Guten Geister" wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt: aus der Sicht von Skeeter – einer jungen „weißen Lady“ und aus der Sicht von Aibileen und Minny – zwei schwarzen Dienstmädchen. Alle drei sind unzufrieden mit ihrem eigenen Leben und zugleich mit einer ganzen Gesellschaft. Deshalb wagen diese drei in jeder Beziehung so unterschiedlichen Frauen etwas und machen, trotz ihrer Angst vor lebensbedrohenden Repressalien, auf unkonventionelle Weise aufmerksam auf die Missstände ihrer Zeit – Rassismus und Unterdrückung.


Ich habe lange kein so unterhaltsames und zugleich tiefgründiges und bewegendes Buch gelesen. Die Tatsache, dass Kathryn Stockett selbst während der Apartheid aufwuchs und den Zwiespalt zwischen ihrer weißen Familie und ihrer Liebe zu ihrem schwarzen Kindermädchen kennt, lässt den Leser sehr nah an das Geschehen heranrücken.
'Gute Geister' ist zu einem meiner Lieblingsbücher geworden. Es macht einen wütend und traurig, es lässt einen aber auch schmunzeln und vor allem lässt es einen, wenn man die Buchdeckel zuklappt, mit einer begründeten Hoffnung zurück.