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Name:
Polar Top 100 Rezensent
Ort:
Aachen
Rezensionen:
650 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 384

nicht hilfreich: 759

Rang:
67

Polars Rezensionen

50

20.09.2008

„Vor Gericht”

*****
Wie vermag man, die Ungerechtigkeit, die Willkür besser zu brandmarken als durch ein Lustspiel. Zu Zeiten der Zensur muss die Kritik so fein ausfallen, dass am besten der Kritisierte, über sich selbst lachen kann. So dumm wie Adam kann doch keiner sein. Ein Tölpel. Gezeichnet von seinen nächtlichen Eskapaden tritt er von Anfang an auf. Heinrich von Kleist setzt seinen Dorfrichter Adam der Lächerlichkeit aus. Der Zuschauer, Leser kann amüsiert dabei zusehen, wie er seinen Hals zu retten versucht. Gleichzeitig seziert Kleist ein Gerichtssystem, in dem ein Mensch wie Adam an eine Schaltstelle der Macht gelangen kann. Ein zerbrochener Krug wird zum Symbol für die in Gefahr geratene Ehre. Die des Mädchens gilt es zu wahren, den Schein des Richters zu retten. Dass die Aufklärung eines Falles verhindert werden soll, war weder zu Kleist Zeiten, noch ist es in unseren Zeiten ein Einzelfall. Recht ist, was als Recht gesprochen wird. Es kommt auf den Richtern an. Im Fall des zerbrochenen Krugs steckt das Intrigenspiel eines Mannes dahinter, der sich ein Mädchen gefügig machen will. Trotz aller Komödie, trotz des genial simplen Gegenstands
ein vergnügliches Spiel um Machtmißbrauch und dörfliche Rechtsprechung.

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buch

Der Mantel

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol

EUR 3,60 *
auf Merkliste

50

20.09.2008

„Auf offener Straße”

Ein kleiner Beamter, der sich lediglich das Kopieren zutraut, sich in Deckung hält, so dass er zwar Ziel ironischer Spitzen ist, aber sein Leben im Abseits zu fristen versteht. Wäre da nicht sein Mantel, besser gesagt ein Umhang, weil er durch das jahrelange Tragen ausgedünnt ist. Der Held der Geschichte spart sich das Kleidungsstück vom Mund ab, um als er endlich das neu erstandene Stück in Händen hält, Aufsehen zu erregen, verschreckt darüber zu sein, dass er plötzlich im Mittelpunkt des Interesses steht, um noch in der Nacht beraubt zu werden. Die Geschichte endet tragisch. Sie erzählt wie stets bei Gogol vom Russland seiner Zeit, zeichnet mit Schärfe Ober- wie Untertanen und beschreibt die dichte Atmosphäre zwischen leerem Standesdünkel und dem Gefühl der Ohnmacht. Das Schicksal trifft halt auch jene, die sich darunter wegzuducken versuchen.

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40

17.09.2008

„An den Pforten der Hölle”

Diesmal überzeugt Dean Koontz, obwohl die Ausgangssituation für seinen Psychothriller äußerst gewagt ist. Nach einem Unfall wird ein Mann wiederbelebt. Seine Reanimierung stellt einen neuen Rekord dar und scheint ohne Gehirnschäden durchgeführt zu sein. Somit könnten Hatch Harrison und sein Frau Lindsay weiter am privaten Glück arbeiten, indem sie ein behindertes Pflegekind, bei sich aufnehmen, um ein einen Schicksalsschlag zu überwinden. Wäre da nicht Vassago, ein psychopathischer Killer, der sich dem Bösen verschrieben hat und seit einem Mord an einem Freund in der Jugend, die dunkle Seite des Lebens bevorzugt. wäre das Leben perfekt. Doch Vassagio hat nur eins im Sinn: Die Rückkehr in die Hölle. Hatch und er sind gedanklich seit dem Unfall verbunden, sie sehen geradewegs in das Leben das anderen hinein. Dass ausgerechnet Vassago sich Lindsay und Hatchs Feinden zuwendet, erscheint fast wie die Ironie des Schicksals. Dean Koontz Mischung aus detailreicher Beschreibung einer Psychose, geschicktem Einsatz von Thrillerelementen ergibt einen spannenden Aufbau, der konsequent den Verästelungen der Angst nachgeht. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto weniger bedarf es der Schockelemente. Koontz verläßt sich ganz auf die Vorstellungskraft seiner Figuren. Fast zwangsläufig kommt es zum Show Down. Auch wenn die eine oder andere Stelle vorhersehbar ist, man früh weiß, daß Regina, das behinderte Mädchen, wohl in Vassagos Fänge gerät, beweist Koontz mit diesem Thriller, dass er seine Leser ins Düstere ziehen und einen Alptraum entfachen kann, dessen Konstrukt man gerne annimmt, weil es bestens unterhält.

1 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

50

16.09.2008

„Milieu”

Wer glaubt, dass auf dem Land keine Verbrechen geschehen, wird in Theodor Fontanes Novelle eines besseren belehrt. Wer Schulden hat, am Kartenspiel hängt, nicht weiß, wie er das Geld zurückbezahlen soll, muss sich etwas einfallen lassen, will er sich nicht der Schande aussetzen. Und sei es ein Mord. Der geschieht früh in der Geschichte und im Verlauf handelt Unter dem Birnbaum vor allem von der Gerechtigkeit. Kommt ein Mörder mit seiner Tat davon? Schafft man es, indem man sich verstellt, dass alle einen für unschuldig erklären? Fontane besaß den Blick und die Sprache, um mit spitzer Feder von dem Geschehen um Abel Hradschek und seine Frau zu berichten. Er besaß auch jenen feinen Humor, der sich am Ende zeigt, wenn es darum geht, wo man den Mörder begräbt, und man sich einig ist, dass die Seele der Kirche gehört, aber man den Menschen nicht verwehren kann, dass Kreuz mit dem Namen umzuwerfen, um eine späte Genugtuung zu erringen. Lug und Trug, ein Franzos, statt eines Polen unter einem Birnbaum, ein Freispruch und eine späte Gerechtigkeit, Theodor Fontane beschreibt seinen Kriminalfall variantenreich. Nicht von außen, indem er über das Dorf schreibt, vielmehr von innen, indem er die Bewohner zu Wort kommen läßt.

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buch

Paris geheim

Georg Stefan Troller

EUR 19,90 *
auf Merkliste

50

16.09.2008

„Paris, je t'aime”

Wer Paris kennen lernen möchte, sollte sich am besten jemandem anvertrauen, der dort lebt, die Entwicklung der Stadt seit Jahrzehnten verfolgt, aus ihr berichtet hat. Wer, wenn nicht Georg Stefan Troller. Abseits der gewohnten Stadtführer begleitet der Leser ihn durch Seitenstraßen, in Keller, an vergessene, wie wiederbelebte oder neu erfundene Orte. Im Vorbeigehen erzählt Toller Anekdoten, erinnert an Historisches, preist das Essen eines Bistros und warnt vor den Trendsettern, die von Quartier zu Quartier ziehen, immer auf der Suche nach einem Ort, der vor ihnen noch niemand trés chic gefunden hat. Durch Trollers Augen fühlen wir den Verlust, den Paris erlitten hat. Auch hier wie in manch anderer Metropole hat die Sanierung all jene in die Banlieus geschwemmt, die sich die Mieten nicht mehr leisten konnten. Kein Buch zum Schmökern, eher eins, um es in die Hand zu nehmen, und damit durch Paris zu schlendern. Ständig auf der Suche nach einem von Trollers Schätzen. Die Straßen, Hausnummer, die geheimen Ort, die Separees gibt der Autor vor. Solange sie noch da sind.

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50

16.09.2008

„Zwischen den Zeilen”

Dieses Buch besitzt Charme. Etwas, was in der Literatur selten vorkommt. Man muss die ganze Zeit schmunzeln. Natürlich führt der Zufall Regie, wenn die Queen in der Nähe ihres Palastes auf einen Bücherbus trifft, dem die Mittel, die Route in Zukunft gestrichen werden sollen. Ausgerechnet einer ihrer Dienstboten begegnet ihr, so dass sie sich angehalten sieht, selber ein Buch auszuleihen. Aber welches? Die Queen liest nicht. Das soll sich von nun an ändern. Norman wird im weiteren Verlauf der Geschichte, nicht nur am Hof Karriere machen und aus der Küche auf einen Stuhl in die Nähe der Gemächer der Queen aufsteigen, er wird sie auch mit seinen Ratschlägen überhäufen, was die Welt der Bücher betrifft. Seinen Hang zur leicht homosexuellen Literatur übersieht die Queen geflissentlich, weil sich für sie ein neuer Kosmos auftaut, der ihre eigene Welt ins Wanken bringt. Die Queen liest. Darf sie das? Der festgezurrte Tagesablauf der Monarchie verändert sich, bringt die vorgegebenen Antworten bei Empfängen und Besuchen ins Wanken. Der Hof ist not amused. Der Premierminister sowieso nicht. Sie verunsichert sogar den französischen Staatspräsidenten, als sie ihn bei einem Staatsbesuch nach seinem Verhältnis zu Jean Genet befragt. Ein wunderbar humorvolles Buch über die Kraft der Literatur, über die Veränderungen, die ein Leser durchlebt, wenn er sich auf sie einläßt, und das Buch eines Autors, der augenzwinkernd Untertan seiner Majestät ist.

3 von 3 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Small World

Martin Suter

EUR 10,90 *
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50

12.09.2008

„Die Brieftasche im Kühlschrank”

In seinem ersten Roman beweist Martin Suter bereits sein ganzes Talent. Konrad Lang leidet an Alzheimer, doch nicht nur, dass er unfreiwillig in seinem Alltag versinkt, Dinge vergisst, nicht wieder erkennt, ihn plagen Erinnerungen. Das ist bei vielen Menschen so. Lang jedoch wußte nicht, dass er sie besaß. Sie tauchen wie aus einem fremden Leben auf, verunsichern sein jetziges und setzten ihn auf die Spur, um Verlorenes zurückzugewinnen. Der Thriller versteckt sich in der Geschichte einer Familie, die alles daran setzt, dass Ereignisse der Vergangenheit nicht wieder ans Tageslicht gezerrt werden. Suter wechselt Schauplätze Stimmen und beweist von leichter Hand, wie geschickt er mit Spannung umzugehen versteht. Wenn sich das Ende nähert, ahnt man, was geschehen ist, was überhaupt nicht stört, weil Suter seine Geschichte mit einem Augenzwinkern serviert. Teilweise lakonisch, teilweise amüsant, vor allem sezierend, wozu Menschen fähig sind. Martin Suter behält dies alles nicht nur in diesem Roman fest im Blick.

3 von 3 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

50

12.09.2008

„Unter Schweinen”

Ob Orwell sich bewußt darüber war, als er Farm der Tiere schrieb, dass er mit seinem Bauernhof einen modernen Klassiker verfasste, der es in die Schulbücher schaffte, wo er Leichterhand mit Interpretationen überfrachtet werden kann? Es muss ihm Freude bereitet haben, seine politische Analyse der Tierwelt anzuvertrauen. Die Geschichte von den Revolutionären, die ihre eigene Revolution auffrisst, wird oft mit den politischen Verhältnissen hinter dem eisernen Vorhang verglichen. Das Gleichnis jedoch reicht weit über die konkreten Missstände, Fehlentwicklungen hinaus, legt vielmehr menschliche Schwächen bloß, die auch bei einem Systemwechsel nicht gleich ad acta gelegt werden, und gipfelt in dem Satz, dass manche Tiere eben gleicher sind. Orwell war ein politischer Schriftsteller, jemand, der sich eingemischt hat. Mit der Farm Tiere ist ihm gelungen, den Ideologen, dem Machtstreben einen hässlichen Spiegel vorzuhalten. Vor allem ist es eine wunderbare literarische Farce.

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40

11.09.2008

„Gib mir ein Rätsel auf”

Man nehme: Eine Klinik in einem Funkloch, einen Serienmörder, etwas Amnesie , ein verborgenes Geheimnis, ein Handvoll überraschender Wendungen und einen Schneesturm, der alle dazu verdammt, an Ort und Stelle zu bleiben. Natürlich darf auch das Rätsel nicht fehlen, mit dessen Lösungen man sich der Erlösung nähert. Und schon hält man die Mixtur für einen Thriller in der Hand. Der Held ist natürlich derjenige, der sein Gedächtnis erst mühsam wieder zusammensetzen muss. Das alles kommt einem ein wenig bekannt vor. Katzenbach und Fitzek liegen da schon nah beieinander. Trotzdem gelingt es dem Autor durch die Variation einer Rahmenhandlung, der Idee des Seelenbrechers Spannung aufzubauen. Auch wenn die Figuren teilweise holzschnittartig dem Plot unterworfen sind, treibt Fitzek seine Geschichte vor sich her und wartet gegen Ende mit einer Überraschung auf. Ein Psychothriller, der nur unter einem leidet: Irgendwie hat man das weite Strecken lang schon einmal gelesen. Etwas für Fitzek-Liebhaber und jene, die den Psychothriller gerade erst für sich entdecken.

4 von 5 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.