LEBEN UND LIEBEN: SCHICKSALE VON FRAUEN AUS ANATOLIEN
Die Erzählungen im Band "Das Lied des Meeres" bringen uns Frauen nahe, über die höchst selten geschrieben wird: Arbeiterinnen, Bauersfrauen, Putzhilfen, Patientinnen in psychiatrischen Kliniken, politisch engagierte Intellektuelle, Krankenschwester und Ärztinnen in Provinzstädten, Frauen aus Armenvierteln am Rande der Großstadt. Ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Schicksale sind oft jenseits ihres eigenen Wirkens determiniert, sie leben nicht nach eigenen Vorstellungen. Nicht weil es die Vorsehung so will, sondern weil soziale Grenzen - oft von der Armut mitgeprägt - als gegeben gelten und diese zu überwinden sehr viel kosten kann - mal das seelische Gleichgewicht oder die geistige Gesundheit, mal die Träume, mal die Freiheit und manchmal sogar das Leben. Aber keine dieser Erzählungen endet in Hoffnungslosigkeit, keine ist ohne ein Lichtblick, im Gegenteil. Der Kampf um die Freiheit, um die eigenen Träume und Visionen lohnt sich, vermittelt die Autorin. Nur Träume und Visionen, an denen man glaubt und festhält, können etwas verändern, etwas Neues auf die Beine stellen. So ist die Bäuerin aus der Schwarzmeergegend, Rabia Han¿m, eine beispielhafte Frauenfigur, an der sich heutige Generationen von Frauen orientieren können: entschlossen, nüchtern, naturverbunden und voller Kraft, einzig ihrem gesunden Menschenverstand verpflichtet, in jeder Lebenslage von der Liebe getragen. Die Liebe ist in den meisten Erzählungen jene Quelle, die Kraft zum Leben gibt, die einem völlig unerwartet begegnen kann und die tiefe Bedrücktheit in Lebenslust umwandelt. LESEPROBE: Wie sehr Rabia Han¿m dieses Haus doch liebte, in dem sie ihre zwei Ehen lebte und ihre fünf Kinder gebar ... Dieses Haus, das wie ein Falke vom Hang aufs Meer und auf den weiten Horizont blickte ... Wenn sie im Erker saß und auf das sich immer weiter ausdehnende Blau zum Horizont blickte, verflogen alle ihre Sorgen. Sie ging in den Garten, grub die Erde um, goss die Blumen, arbeitete auf dem Tabakfeld. Dann setzte sie sich hin, vor sich das Meer, die Augen auf das Blau gerichtet, so hing sie ihren Gedanken nach. Egal, was sie betrübte und durcheinander brachte, alles würde sich klären, wieder ins Lot kommen und sich regeln lassen. Durch die klare Luft, den weiten, tröstenden Horizont entspannte sie sich und bekam einen klaren Kopf, die Fähigkeit zu ausgewogenem Denken und eine Kraft, die der süßeste Schlaf dem Körper nicht spenden konnte. Das Haus war untrennbarer Bestandteil ihres Lebens geworden. Es gehörte zu ihr wie Arme und Hände, aber es waren Arme und Hände, bei denen sie sich bewusst war, wie sehr sie sie liebte. Rabia Han¿m hätte niemals geglaubt, dass sie dieses Haus jemals verlassen könnte. Dennoch flüchtete sie von dort und musste sogar um ihr Leben rennen, um entkommen zu können.
[...]
Am nächsten Morgen stand sie, sobald die Sonne schien, auf und lief geradewegs in den Garten. Die an diesem Tag aufblühenden Blumen ließen sie die Freude verspüren, die ein neugeborenes Kind seiner Mutter gibt. Rabia Han¿m sog die Meeresluft ein und dankte Gott, dass er es ihr erlaubte, zu leben. Tagsüber, bei der Beschäftigung mit alltäglichen Arbeiten, begleiteten die Erinnerungen sie zwar, aber im Licht der Sonne verschwanden die Kräfte, die nachts von ihr Besitz ergriffen. Manchmal schaukelte ihr greiser Körper dann wieder auf dem Schwarzen Meer hin und her, aber diese Sinnestäuschung ließ sie anstelle der nächtlichen Furcht eine Art von Glück empfinden. Als hätte sich ihr Leben immer in einem kleinen Boot auf dem riesigen Meer abgespielt. Die Wellen hoben und senkten das Boot. Rabia Han¿m ging mit dieser Bewegung mit und hielt ihr stand. Aber verlassen konnte sie das kleine Boot nie. Und dennoch ließ sie sich nicht überwältigen. Dies zu wissen, verlieh ihrem alten Körper eine geheimnisvolle Kraft. Sie war wie ein alter und starker Strom mit einem tief ausgehöhlten Bett.
[...]
»Rabia Han¿m war ein Teil dieser Erde. Sie war ein Ur-Stoff dieser Erde. Wie viel davon Großmutter war und wie viel Erde, kann man nicht auseinander halten. Schauen Sie sich diese Begonien an. Die sind von ihr. Wie lange ist ihr Tod schon her ... Und sie blühen immer noch. Wenn die hier verwelken, da können Sie sicher sein, dann haben sie einen Samen hinterlassen und dieser geht dann wieder auf. «
»Begonien wuchern wie Unkraut. «
»Ich denke, dass sie widerstandsfähig sind«, sagte Remziye. »Ist es nicht interessant, dass sie eine so lange Zeit überstehen konnten, so viele Katastrophen und Bauarbeiten? Vielleicht bin ich sehr sentimental, aber es kommt mir so vor, als wären diese Blumen deshalb so widerstandsfähig, weil Rabia Han¿m sie gepflanzt hatte. «
Sie lächelte und schaute verlegen.