bol.de

Bewerter

Eine Kundin / Ein Kunde Unsere Top-BuchhändlerInnen

Gesamte Bewertungen 463 (ansehen)


Lieblingsautoren:
Neil Gaiman, Michael Cunningham, Joey Goebel, Kevin Hearne, Ruth Ozeki, Jane Austen, Haruki Murakami, Johanna Sinisalo, DBC Pierre, Chris Adrian, Floortje Zwigtman, Patrick Spät und viele, viele mehr :-)

Meine Bewertungen

Xenophobie und ihre Auswirkungen auf die Moderne Gesellschaft.

Eine Kundin / Ein Kunde , am 06.03.2017

Zygmunt Bauman befasst sich in seinem neuesten Werk den Flüchtlingen, den Migranten, aber auch der rassistischen Propaganda seitens der Medien und der europäischen Politikern. Die europäischen Bürger sehen sich mit einer "moralischen Panikmache" konfrontiert, die das wahre Übel ist und das Wohlergehen der Gesellschaft bedroht und sogar eine Destabilisierung von Staaten nach sich zieht.

Dieses Essay über die Migration und die europaweite Panikmache ist sehr informativ und kurzweilig geschrieben. Bauman zeigt darin auf, wie gefährlich es sein kann, die flüchtenden Menschen nicht als solches anzuerkennen und auf welchen schmalen Grad die europäische Politik wandert, wenn jene Flüchtlinge als Kakerlaken (Katie Hopkins) bezeichnet werden und man sich wünscht, dass die Boote der Flüchtlinge mit Kanonen gestoppt werden sollen, und dies rechtlich nicht geahnt wird. Bauman zeigt aber auch auf, wieso die westliche Politik und militärische Unternehmungen eine schwerwiegende Mitverantwortung für den derzeitigen Terrorismus tragen und wie die aufgebauschte Flüchtlingsproblematik in einem historischen Kontext zu sehen ist, da die Menschheit schon immer ausgewanderte, auch aus kapitalistischen Gründen. Der Soziologe und Philosoph verurteilt die kurzfristigen Entscheidungen der Politik und konfrontiert den Leser mit der wachsenden gegenseitigen Abhängigkeit der verschiedenen Menschen und Völker, und das der einzige Ausweg aus diesem Dilemma, Solidarität und Zusammenarbeit mit uns fremden Menschen bedeutet.

Die Angst vor den anderen
von Zygmunt Bauman
(2)
Buch (Taschenbuch)
12,00

Shaekespearsches Endzeitdrama

Eine Kundin / Ein Kunde , am 06.03.2017

Das Licht der letzen Tage, reiht sich in eine gehobene und fein erzählten Riege von Endzeitromanen ein und beginnt mit einem spektakulären Ende: Arthur Leander, seines Zeichens Schauspieler und Darsteller in dem Stück King Lear, stirbt auf der Bühne an einem Herzinfarkt. Das ganze Ensemble ist in Schock und in Trauer. Allerdings bleibt ihnen nicht lange genug Zeit dazu, denn kurz danach bricht weltweit die georgische Grippe aus und rafft beinahe die ganze Menschheit dahin.

Meine Rezension widmet sich heute einem Werk, dass der Produzent Scott Steindorff bereits erworben hat, der kanadischen Schriftstellerin Emily St. John Mandel viertes Buch - Das Licht der letzten Tage - das erstmal auf Deutsch erschienen ist. Derweil ist es das Einzige und falls sich der Piper Verlag nicht für eine weitere Übersetzung entscheiden wird, werden ihre weiteren Romane auf Englisch gelesen.

Dystopische Romane haben nach den - Die Tribute von Panem - den Buchhandel überschwemmt. Ich persönlich bin auch ein wenig gesättigt, was dieses Genre betrifft und umso mehr freut es mich, wenn ich über ausgezeichnete und anspruchsvolle Literatur stolpere und man für seine Mühe - die jährlichen Neuerscheinungen nach literarischen Leckerbissen zur durchforsten und eben jene zu finden. Falls es in Zukunft, also in fünfzig bis einhundert Jahren noch immer Bücher gibt, dann würde ich mir wünschen, dass dieses einmal zur klassischen Sciencefictionliteratur gehören wird. Die Chancen stehen bestimmt nicht schlecht, denn wenn man die unzähligen Rezensionen zu diesem Roman durchforstet, sind sie sehr gespalten. Den einen gefällt es ungemein, den anderen überhaupt gar nicht. Schuld daran trägt wohl auch die ein wenig missglückte Umschlaggestaltung, die wohl ein anderes Lesepublikum anspricht. Es wirkt insgesamt ein wenig feminin, und man erwartet sich wahrscheinlich auch eine ähnliche leicht dahinplätschernde Geschichte und am besten mit einer romantischen Liebesgeschichte. Den Leser meiner Rezensionen möchte ich an dieser Stelle warnen: Dem ist nicht so.

Mir hat dieser, mehrfach nominierte und mit Auszeichnungen überhäufte Roman deswegen so gut gefallen, weil er eben so herrlich unkonventionell erzählt ist und weil er eben nicht seicht ist, sondern den Leser auch ein wenig fordert nachzudenken. Die Details und die shakespearischen Anspielungen sind omnipräsent. Der Roman sticht und beißt einem, um es mit den Worten Kafkas zu sagen. Wozu lesen wenn es nicht so wäre? Erzählt wird die Geschichte von mehreren Charaktere und bedient sich zweier Perspektiven. Einmal kurz vor und dann 20 Jahre nach Ausbruch der Epidemie, der eben nur beinahe die ganze Menschheit zum Opfer gefallen ist. Allerdings ist jene nicht gänzlich verloren und so dreht es sich in dieser Erzählung nun auch um die Hoffnung. Die Hoffnung das dennoch alles gut ausgehen wird.

Das Licht der letzten Tage
von Emily St. John Mandel
(48)
Buch (Taschenbuch)
10,00

Das Schicksal im Zug

Eine Kundin / Ein Kunde , am 06.03.2017

Am Montagmorgen, um 6 Uhr 41 nimmt Cécile, die das Wochenende bei den Eltern verbracht hat, den Frühzug nach Paris. Sie ist verärgert darüber, dass sie nicht schon am Vorabend nach Hause gereist ist. Der Zug füllt sich mit Pendlern und Reisenden und ein Mann setzt sich zu ihr. Cécile ist schockiert: Sie erkennt Philippe sofort, allerdings scheint er sie nicht zu erkennen. Beide schweigen und beide lassen sich nichts anmerken, den anderen erkannt zu haben. Eine durchaus verständliche Reaktion und jeder für sich erinnert sich in der eineinhalbstündigen Fahrt nach Paris, wie verliebt sie doch nicht waren und wie durch ein geplantes romantisches Wochenende in London alles durcheinander geriet.

Irgendwo in den Untiefen meiner eBook-Sammlung hat sich Jean-Philippe Blondel Roman - 6 Uhr 41 - versteckt und hat darauf gewartet, von mir gelesen zu werden. Zufälligerweise, nachdem ich versucht habe ein wenig Ordnung in mein elektronischem Bücherregal zu bekommen, bin ich darauf gestoßen und hab ein wenig darin geblättert. Schnell hab ich jedwede Ordnungsversuche gelassen und hab mich über diesen wunderbar feinsinnigen Roman gestürzt. Auf eine gewisse Weise hat er mich ein wenig an Glattauers Buch - Alle Sieben Wellen - erinnert. Das Buch ist ein eMail-Roman und beinhaltet eben nur jene Unterhaltung zwischen zwei Charakteren. Im Gegensatz zu Blondels Roman, der ja zwar auch zwei Hauptcharaktere hat, allerdings sprechen Cécile und Philippe nicht miteinander, sondern hängen getrennt voneinander, Erinnerungen an der Jugend nach und wie ihr Leben ein wenig aus den Fugen geriet. Diese parallel erzählten inneren Monologe zeichnen wunderbare Bilder, die amüsieren und berühren. Völlig unprätentiös aber detailverliebt wird diese Geschichte erzählt. Kurzum: "Ich war entzückt." Der geneigte und frankophile Leser meiner Rezensionen wird seine Freude an dieser leicht dahinplätschernden Erzählung haben und schlussendlich will man ja als Leser wissen: Werden sich die beiden zu erkennen geben und vor allem, werden sie sich miteinander unterhalten?

6 Uhr 41
von Jean-Philippe Blondel
(59)
eBook
8,99

Isn't it bromantic?

Eine Kundin / Ein Kunde , am 01.02.2017

Aus dem jungen Peter Parker, der sich mit typischen Teenagerproblemen auseinandergesetzt hat und nebenbei als die Spinne, Kriminelle Dingfest gemacht hat, ist ein ansehnlicher Mitglied der Gesellschaft und Geschäftsmann geworden. In letzter Zeit muss er sich allerdings einem leidlichen Zeitgenossen widmen: Wade Wilson alias Deadpool. Der will Spider-Man auf seine Seite ziehen und ihm klarmachen, dass sie beide Peter Parker aus dem Verkehr ziehen müssen.

Spätestens seit dem Kinoerfolg von Deadpool(=genial dargestellt von Ryan Reynolds), kennt auch das breitere Publikum inklusive meiner Wenigkeit, den sarkastischen Superheld, der immer einen guten Spruch auf Lager hat. Der erst 1997 erstmals erschienene Marvel Superheld ist also im Gegensatz zu Spider-Man relativ jung. Letzerer ist bereits vor 55 Jahren das erste Mal in einem Comicheftchen erschienen und ist neben Captain Future, mein allerliebster Kindheits-Superheld. Comics sind aus meinem "Lesefokus" nie ganz verschwunden, sie wurden höchstens an den Rand gedrängt und wenn mir etwas Spezielles in die Hände fällt oder mir empfohlen wird, dann greife ich gerne zu. So wie zum Beispiel bei den Sandman Comics, die von Neil Gaiman geschrieben worden ist, oder die Buddha Graphic Novels (=ursprünglich als Mangas erschienen), die von Osamu Tezuka stammen. Der geneigte Comicfan wird nun vielleicht die Hände übereinanderschlagen und mit dem Kopf schütteln, dass ich hier so viele verschiedene Stile und Arten von Comics erwähne und in einen Topf werfe. Er oder Sie mögen mir bitte verzeihen, denn aus mir spricht hier der Laie. Das Einzige, dass ich nun an dieser Stelle ein wenig bekritteln könnte, wäre die Deutsche Übersetzung von - Zwei vom selben Schlag. An ein oder zwei Stellen ist der Sarkasmus und Wortwitz erheblich entschärft. Deadpool ist hier seines Steckenpferdes beraubt worden. Will man hier der Ausbreitung von Anglizismen entgegenwirken oder wollte man die amerikanische Umgangssprache entschärfen um ein jüngeres Publikum zu gewinnen, oder um es nicht abzuschrecken? Selbst den Titel hätte man beibehalten können: "Isn't it bromantic" versteht man auch hierzulande recht gut. Wer nun Blut geleckt hat, dem empfehle ich - Deadpool killustrierte Klassiker - (=hier gefällt mir der Wortwitz schon wieder besser) und - Deadpool killt das Marvel-Universum.

Spider-Man/Deadpool
von Ed McGuinness
(1)
Buch (Taschenbuch)
14,99

Eine kleine Geschichte der Menschheit

Eine Kundin / Ein Kunde , am 01.02.2017

In - Evolution - erzählt Stephen Baxter die gesamte Menschheitsgeschichte(=und auch darüber hinaus), beginnend vor 65 Millionen Jahren und bis 500 Millionen Jahre in der Zukunft reichend. Hauptprotagonist in der Kreidezeit ist zum Beispiel das Eichhörnchen-ähnliche Tier Purga und ihre Nachkommen. Dieses Tierchen, dass unter heutigen Paläontologen unter der Gattung Purgatoris bekannt ist, gilt als Vorläufer der Primaten und damit auch als der des Modernen Menschen. Ihre Welt hat allerdings den Zenit überschritten und steht vor dessen fast gänzlichen Auslöschung: Ein großer Meteorit rast auf die Erde zu.

Als Liebhaber von ScienceFiction-Literatur stößt man über kurz oder lang auf den Namen Stephen Baxter und dadurch auch auf seine Werke. Vom Inhalt war ich sehr überrascht, denn eigentlich hab ich erwartet einen Zukunftsroman zu lesen und nicht eine Geschichte der Menschheit und deren Vorfahren. Nichtsdestotrotz ist es eine sehr lebendig erzählte Geschichte und in ein paar wenigen Kapiteln lässt uns der Schriftsteller in eine nahe Zukunft blicken. Sie bilden sozusagen die Rahmenhandlung. Diesen Roman nun als ScienceFiction-Literatur zu Klassifizieren fällt mir nicht sehr leicht. Klar, eine Nebenhandlung greift das Thema der sich selbstreproduzierenden Roboter auf. Allerdings macht eine Schwalbe noch keinen Sommer und ein Roboter noch keine ScienceFiction-Literatur. Ich würde es eher als wissenschaftlich-inspirierten Roman sehen, der mit ein paar Fantasy-Elementen gewürzt ist.

Evolution
von Stephen Baxter
(3)
Buch (Taschenbuch)
12,99

Alice im Wunderland vs. Alice hinter den Spiegeln

Eine Kundin / Ein Kunde , am 01.02.2017

Über den Inhalt von - Alice im Wunderland - und - Alice hinter den Spiegeln - brauche ich nicht viele Worte verlieren: Die meisten kennen die Geschichte von Alice, die einem Kaninchen in einen Bau folgt und sich plötzlich im Wunderland befindet. Als bibliophiler Mensch sprechen mich vor allem kunstvoll gestaltete Ausgaben immer wieder an. So ist es nicht verwunderlich, wenn bestimmte Romane und Erzählungen öfters als einmal in mein Bücherregal wandern.

Im Gerstenberg Verlag ist im Jahr 2015 nun eine wunderschöne und Deutschsprachige Ausgabe von - Alice im Wunderland - und - Alice hinter den Spiegeln - erschienen. Illustriert wurde sie von Floor Rieder und prompt wurde es in den Niederlanden für das wirklich tolles Cover ausgezeichnet. Ein Highlight liegt in der Gestaltung: Hat man den ersten Roman gelesen, dreht man das Buch um und liest, sozusagen von hinten, den zweiten Roman. Dabei ist der Titel von - Alice hinter den Spiegeln - in Spiegelschrift geschrieben und ist der zweite Hingucker. Dafür wurde es von der Stiftung Buchkunst, mit dem Preis "Das schönste Deutsche Buch ausgezeichnet.

Alice im Wunderland & Alice hinter den Spiegeln
von Lewis Carroll
(16)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,00

Eine Dreiecksbeziehung die gar keine ist

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.01.2017

Garnet ist von Narben völlig entstellt und seine Haut hat die Farbe von Maulbeersaft angenommen. Der Kriegsveteran ist erst vor kurzem nach Hause gekommen und hängt dort seiner alten Jugendliebe nach. Die Witwe Rance nimmt zwar seine Liebesbekundungen an, will ihm aber nicht unter die Augen treten. Garnet vermutet das seine Narben und Kriegsverletzungen daran Schuld tragen. Eines Tages trifft Garnet auf einen jungen Mann, der nicht sofort von seinen Verletzungen abgestoßen ist. er ist auf der Flucht und in Garnte regen sich schön langsam Gefühlte für diesen schönen jungen Mann.

Seit Längerem habe ich den umstrittenen amerikanischen Schriftsteller James Purdy ins Auge gefasst. Allerdings gibt es zurzeit nur zwei Romane die ins Deutsche übersetzt wurden und im regulären Buchhandel erhätlich sind. Der eine ist - Der Gesang des Blutes - und der andere trägt den Titel - Die Preisgabe. Der in den Weiten der literarischen Welt ein wenig in Vergessenheit geratene geniale Schriftsteller, bekommt meiner Meinung nach nicht die Aufmerksamkeit, die er wohl verdient hätte.

In dieser prosaischen Erzählung treffen vier verschiedene Hauptprotagonisten aufeinander: Garnet Montrose, Georginia Rance, Quintus Pearch und Potter Deventry. Aus dieser Konstellation entwickelt sich nicht eine Dreiecks- sondern eine Vierecksbeziehung zwischen einem Mörder, Diener, Kriegsveteran und einer Witwe, dabei ist Letztere, in dieser Geschichte, über einen längeren Zeitraum nur passiv präsent. In Zentrum des Romans stehen die Leidenschaft und die Sexualität der Protagonisten. Bei zweien der Männer entbrennt eine tiefe Freundschaft und Zuneigung, die allerdings nicht offen ausgelebt wird und wie so oft, wenn Gefühle unterdrückt werden, enden sie teilweise in Gewaltätigkeiten.

Der Schriftsteller James Purdy bedient sich einem einzigartigem und eloquentem Stil, der Lust macht mehr von ihm zu entdecken und um seine Werke kennenzulernen. Für mich gehört er zu einer fixen Größe der sogenannten Südstaatenliteraten, genauso wie es auch Carson McCullers, Harper Lee und Truman Capote für mich tun. Der Gesang des Blutes ist 1976 das erste Mal auf Englisch erschienen und im Jahr 1988 erschien sogar ein Film (=Im Zeichen des Feuers, oder in einer neueren Auflage als: In A Shallow Grave - Die Rückkehr des Garnet Montrose) der auf der Grundlage dieses Romans produziert worden ist. Niemand geringerer als Patrick Dempsey spielt darin den Potter Deventry, wenn nun jemand sehen möchte wie der Schauspieler, der mit der Serie Grey's Anatomie berühmt geworden ist, als Jugendlicher ausgesehen hat, dem lege ich diesen Film näher.

Der Gesang des Blutes
von James Purdy
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
17,99

"Du wirst niemals glücklich sein"

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.01.2017

Vincent beginnt mit dem Satz „Tut mir leid, dass Du es ausgerechnet von mir erfährst, aber Du wirst niemals glücklich sein.“ Und ist zugleich der erste Satz eines Briefes, den der etwas betrunkene Harlan an den kleinen Vincent schreibt. „Du wirst niemals glücklich sein.“ Harlan ist ein Musikmanager mit nur einen einzigen Klienten und dass ist Vincent. Er begleitet Harlan ab frühester Kindheit und sorgt persönlich dafür, dass diesem mit sehr vielen Talenten ausgestatteten Künstler, niemals die Tragödien des Lebens ausgehen. Denn nur ein Künstler der leidet kann wahre Kunst erschaffen. Jedenfalls glaubt Harlan fest daran.

Vincent ist in drei Teile geteilt und ist nicht wie man vermuten könnte aus der Sicht Vincents geschrieben, sondern aus der seines Managers Harlan Eiffler. Darin kritisiert der wirklich talentierte Romancier Joey Goebel die Unterhaltungsindustrie und erzählt bewegend die Sehnsüchte und Enttäuschungen von Heranwachsenden. Meiner Meinung nach gibt es, trotz der Unmengen an guter und neuer Unterhaltungsliteratur, nur wenige, die das Geschichtenerzählen so gut beherrschen wie es eben Goebel vermag. In einem Interview hat er verraten, dass er die Idee zu diesem Roman hatte während er ein Liebeslied im Radio hörte. Welcher Song es war weiß er heute nicht mehr oder will es vielleicht nicht verraten. Das Lied brachte ihn auf einen Gedanken: Was wäre wenn hinter allen Liebesballaden ein einziger Künstler steckte? Was müsse passieren damit dieser Künstler für eine lange Zeit auf einem hohen Niveau kreativ bleiben könnte? Goebel kam zu dem Schluss, dass dieser Künstler schlussendlich leiden müsse. Künstlerische Höchstleistungen würden vor allem aus der seelischen Not heraus enstehen. Dadurch ist der Hauptprotagonist der Geschichte ein richtiges Ekelpaket, der den armen Vincent immer weiter quält, um aus ihm noch den letzten Tropfen Kreativität zu pressen. Die Idee das Schicksal für einen anderen Menschen zu spielen und ihn aus dem Verborgenen heraus zu lenken ist dem Schriftsteller gut gelungen. Falls es nun noch jemanden gibt, der die Romane von Joey Goebel noch gar nicht kennt, dem sei nun jedes einzelne empfohlen. Jeder ist einzigartig und großartig verfasst.


Vincent
von Joey Goebel
(31)
Buch (Taschenbuch)
11,90

Champagner für Zimmer 205

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.01.2017

Der junge Béla hat eine harte und karge Kindheit hinter sich gelassen und kommt mit 14 Jahren zu seiner Mutter nach Budapest. In der großen Stadt will er sein Glück nun endlich finden, aus seinen Plänen weiter zur Schule zu gehen, wird allerdings nichts. Die Mutter haust in erbärmlichen Zuständen und muss, ob er will oder nicht, auch Geld beisteuern und verdienen. Sie verschafft ihm zunächst eine unbezahlte Stelle als Boy in einem Grandhotel und hofft dort auf reichlich Trinkgeld. Als er das erste mal auf ihre Exzellenz trifft, eine junge Frau die ihm Grandhotel wohnt, ist es um den jungen Béla geschehen.

Ich hab mich sehr gefreut, dass der Diogenes Verlag diesen "vergessenen" ungarischen Klassiker neu aufgelegt hat. Der Roman spielt in der Zwischenkriegszeit und literarisch finde ich die Zwanziger und Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts sehr interessant. Dabei ist es mir einerlei ob es sich die Geschichte bloß in dieser Zeit handelt, oder ob sie selbst zu dieser Zeit entstanden sind. Beides ist mir gleich lieb. Vielleicht liegt es auch daran, dass diese Zeit mit der unsrigen vergleichbar ist, dass zwischen Dekadenz, politischen Unruhen, Reichtum und Armut hin und her schwankt. Und welcher Platz wäre besser um das perfekte Zusammentreffen dieser verschiedenen Gegensätze zu präsentieren als in einem Grandhotel? Mir würde auf Anhieb keines einfallen. Man leidet mit der Dienerschaft mit und verflucht insgeheim die reichen Herrschaften. János Székely hat mit - Verlockung - allerdings keinen fiktiven Roman geschrieben, viel mehr wollte er Zeitlebens eine Trilogie schreiben, die er aber nicht mehr fertiggestellt hat. Schade, denn dieser Schriftsteller hätte bestimmt noch einige interessante Geschichten auf Lager gehabt. Die sehr bildhafte und einfache Sprache haben die beinahe eintausend Seiten sehr schnell verfliegen lassen. Nur noch ein Kapitel war meine Devise und dann sind es doch mehr geworden als geplant. So gehört dieser Roman zu lesereichen Nächten; wer nun nach ähnlicher Literatur sucht, dem kann ich - Der große Gatsby - von F. Scott Fitzgerald und - Menschen im Hotel - von Vicky Baum wärmstens empfehlen.

Verlockung
von János Székely
(1)
Buch (Taschenbuch)
14,00

Dem Meister über die Schulter schauen

Eine Kundin / Ein Kunde , am 02.12.2016

Der heurige literarische Bücherherbst hat ein ganz besonderes Gustostückerl auf Lager: Haruki Murakamis wohl persönlichstes Werk. Vom Beruf Schriftsteller handelt, wie man es vom Titel eigentlich schon erahnen kann, übers Schreiben. Ja, er schreibt über das Schreiben und es ist beinahe so, als ob man dem Meister über die Schulter schaut. Und wenn es jemand erklären kann dann er, schließlich schreibt Murakami seit über 35 Jahren. Letztlich wird niemand sein Talent leugnen können und dass trotzdem er sich selbst für einen ganz normalen Menschen hält. Hier kommt, meiner Meinung nach, ein ganz typischer japanischer Wesenszug zum Vorschein. Er nimmt aber auch Stellung zu der Atomkatastrophe Fukushima, erklärt weshalb er nur wenig Wert auf Auszeichnungen und Literaturpreise legt und zeigt die Unterschiede zwischen westlicher und östlichen Buchveröffentlichungen auf. Interessant ist, dass dieser Roman in Japan nicht online erhältlich war, sondern nur in Buchläden. Trotzdem war die erste Auflage schwuppdiwupp, innerhalb weniger Tage vergriffen. Der geneigte Murakami-Fan weiß, dass der große Meisterromancier, eigentlich sehr zurückgezogen lebt und kaum Interviews gibt, daher ist - Vom Beruf Schriftsteller - ein Musthave, nicht nur für seiner Anhänger. Ein bisschen lässt er in sein Privatleben blicken, auch wenn man sich hier keine Autobiografie erwarten darf. In - Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede - hat er bereits in seinen Alltag blicken lassen. Das steht auf meinem SuB (=Stapel ungelesener Bücher) nun ganz weit oben.

Von Beruf Schriftsteller
von Haruki Murakami
(3)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,00

 
zurück