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Name:
Monika Fuchs Top 10 Rezensent
Ort:
Hamburg
Rezensionen:
1067 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 135

nicht hilfreich: 6

Rang:
6
Über mich:

liebe es, mich von Büchern aus der Gegenwart entführen zu lassen. Dabei ist es mir egal, ob es historische, literarische oder unterhaltsame Romane sind.

Monika Fuchss Rezensionen

12

buch

Ein englischer Sommer

Gabriele Diechler

EUR 9,99 *
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50

02.07.2015

„Weckt die Sehnsucht nach England”

Dass ich dieses Buch von Gabriele Diechler gelesen habe, ist eher ein glücklicher Zufall. Und der ist zur Abwechslung einmal Facebook zu verdanken, denn eine FB-Freundin hat gerade von diesem Buch geschwärmt. Also habe ich mir das Buch einmal näher angeguckt. Großartiges Cover für England-Fans wie mich. Und dann auch noch im Insel Verlag erschienen. Das konnte also nicht das schlechteste sein.

Gabriele Diechler erzählt die Geschichte von eigentlich drei Hauptpersonen. Das sind Annett, Jette und Edward. Annett ist eine junge Frau, die sich nach ihrem Jura-Studium entschieden hat als Mediatorin zu arbeiten. Gerade an dem Tag, wo sie sich von ihrem langjährigen Freund Ingo überraschend getrennt hat, will sie ihre Großmutter Jette anrufen. Doch es nimmt niemand ab. Und das ist ungewöhnlich, denn Jette betreibt ein kleines Hotel in Stow-on-the-Wold in den Cotswolds. Ein wenig später ruft ihre Mutter sie aufgelöst an, denn Jette ist gerade an diesem Tag überraschend verstorben. Annett einigt sich mit ihren Eltern, dass sie zuerst nach England fliegt und schon einmal die Beerdigung vorbereitet. Bei der Testamentseröffnung kommt es zum großen Knall, denn nicht Anne, die Tochter von Jette, erbt das Hotel, sondern Annett.

Die zweite Hauptperson ist Edward, ein erfolgreicher Landschaftsgärtner, der per Zufall Jette kennengelernt hat. Und auch Annett und Edward treffen zufällig aufeinander. Da Edward die Grabgestaltung übernehmen möchte, haben die beiden öfter Kontakt. Und es herrscht gleich eine sehr große Anziehungskraft zwischen den beiden. Doch irgendetwas hält Edward zurück.

Und dann ist da noch die Frage, was Jette eigentlich so dringend mit ihrer Enkelin besprechen wollte? Ein Tagebuch von Jettes Mutter ist vielleicht die Antwort auf diese Frage.

Gabriele Diechler hat einen wunderbaren, romantischen, aber auch klugen Roman geschrieben, den ich sehr schwer einordnen kann. Einerseits ist es ein klassischer Harmonizer für Fans romantischer Liebesgeschichten in wunderschön beschriebenen Umgebungen. Ein dunkles Geheimnis kommt da immer gut. Und die Landschaftsbeschreibungen sind wirklich Spitze. Ich möchte sofort dahin reisen! Etliche Nebenfiguren sind so liebevoll gezeichnet und entsprechen den positiven Klischees, die man von Bilderbuch-Engländern hat. Aber der Roman bietet noch mehr. So spricht die Geschichte von Jette ein ganz schwieriges Thema deutscher Geschichte an. Und auch das Verhältnis von Jette zu ihrer Tochter Anna und von Anna zu Annett sind typische Beispiele für ihre Generationen. Denn Jette ist ein Kriegskind und Anne eine Kriegsenkelin. Beide haben dadurch gewisse Traumata mitbekommen, die ihre Beziehungen nachhaltig beeinflussen. Und gerade wegen dieses Themas ist der Roman mehr als ein klassischer Harmonizer.

Lassen Sie sich in die wunderbaren Cotswolds entführen und fiebern Sie bei dieser Geschichte mit!

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50

30.06.2015

„Wunderschön, traurig und doch Mut machend”

Agnès Ledig ist eine französische Autorin, die die Zeit während der schweren Krankheit ihres Sohnes genutzt hat, diesen wunderschönen Roman zu schreiben. Und dann hat sich die Geschichte verselbständigt, denn das Buch wurde inzwischen in sechs Sprachen übersetzt und ist sehr erfolgreich. Ich selbst bin durch Zufall auf dieses Buch gestoßen. Mir war einfach einmal wieder nach einem gefühlvollen Frauenbuch. Und da haben mich der Buchumschlag und der Covertext dieses Buches direkt angesprochen. Kaum angefangen musste ich dieses Buch ganz schnell durchlesen, weil es mich einfach gepackt hat!

Agnès Ledig erzählt eine Geschichte, die am Anfang einfach zu schön ist, um wahr zu sein. Doch dann geschieht ein großes Unglück. Und aus diesem Unglück entsteht am Ende ganz viel Neues. Es ist die Geschichte von Julie, einer blutjungen alleinerziehenden Mutter, die ihren dreijährigen Sohn Lulu als Kassiererin in einem Supermarkt durchbringt. Sie hat schon viel einstecken müssen, vertraut niemanden mehr, gibt aber auch nicht auf. Dann sind da Paul und sein Sohn Jerome. Paul ist ein erfolgreicher und wohlhabender Mann, der sich gerade von seiner zweiten Frau getrennt hat. Er lernt Julie per Zufall an dem Tag im Supermarkt kennen, als sie eine kleine Schwäche zeigt. Er spricht sie an, denn irgendetwas fasziniert ihn an dieser Frau. Bei einem gemeinsamen Mitttagessen in einem Restaurant lernt er Julie und ihre schwierige Situation näher kennen. Und ganz spontan lädt er sie und ihren Sohn zu einem Urlaub in die Bretagne ein – all inclusive, aber ohne Hintergedanken. Sein erwachsener Sohn Jerome, ein Arzt, der tief in der Trauer feststeckt, die der Selbstmord seiner depressiven Frau hervorgerufen hat, ist auch mit dabei. Er hält Julie anfangs für eine Glücksritterin. Doch in der Bretagne kommen sich die vier Menschen immer näher. Doch dann passiert das unfassbare Unglück, welches mich völlig überrascht hat. Auf Grund des Klappentextes wusste ich zwar, dass etwas Schreckliches passieren würde, aber damit hatte ich nicht gerechnet.

Doch das Buch endet natürlich nicht dort. Sondern die Autorin beschreibt sehr sensibel und gefühlvoll auch die Zeit danach. Sie zeigt alle Höhen und Tiefen auf. Und sie macht sehr deutlich, wie wichtig Freundschaft und Liebe zueinander sind, denn dann kann aus einem großen Unglück auch wieder etwas wunderbares Neues erwachsen.

Mich hat dieses Buch zutiefst berührt. Die Autorin hat in diese Geschichte so viel Reife und Lebensweisheit gepackt, dass ich wieder einmal ganz viele Zitate meiner persönlichen Zitate-Sammlung hinzufügen konnte. Es ist einfach wunderschön und zu Herzen gehend geschrieben. Für mich hat es eine ganz ähnliche Qualität wie die beiden wunderbaren Bücher von Nina George „Die Mondspielerin“ und „Das Lavendelzimmer“. Alle drei Bücher sind für mich Balsam für die Seele!

buch

Traumsammler

Khaled Hosseini

EUR 12,00 *
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40

30.06.2015

„Khaled Hosseini einmal ganz anders”

Endlich gibt es ein neues Buch von Khaled Hosseini („Drachenläufer“ und „Tausend strahlende Sonnen“). Wenn man bei dem neuen Buch den Klappentext liest, vermutet man wieder einen typisch-traurigen Afghanistan-Roman. Wenn Sie aber so an das Buch herangehen, werden Sie davon enttäuscht werden! Denn Khaled Hosseinis Roman „Traumsammler“ ist dieses Mals anders als sonst – viel ruhiger!

Die in der Inhaltsangabe beschriebenen Geschwister Abdullah und Pari sind zwar der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, aber in dem Roman geht es nicht nur um sie. Khaled Hosseini beginnt sein Buch mit der Geschichte, dass Abdullah seinen Vater und seine innig geliebte Schwester Pari 1952 zu Fuß auf einer Reise nach Kabul begleitet. Was die beiden Geschwister nicht wissen, ist, dass Pari bei dem reichen Ehepaar Wahdati bleiben soll. Dann springt die Geschichte zurück in das Jahr 1949. Plötzlich ist Parwana, die Stiefmutter der Geschwister, die Hauptperson. Im nächsten Kapitel ist es Nabi, der Bruder von Parwana, der als Chauffeur und Koch bei dem Ehepaar Wahdati arbeitet. Und so geht es weiter. In jedem Kapitel lernt man neue Menschen kennen. Immer ist ein Bezug zum Ganzen gegeben, der sich aber erst nach und nach erschließt. Dadurch entwickelt sich ein sehr intensiver Episoden-Roman, der viele verschiedene Facetten über das Leben in Afghanistan innerhalb der letzten fünfzig Jahre aufzeigt. Wir erfahren, wie unterschiedlich das Leben auf dem kargen Land und im reichen Kabul war. Wir sehen den immensen Reichtum, den einigen Afghanen vor dem Sturz ihres Shahs hatten, den aber auch jetzt einige wenige wieder durch Drogengeschäfte aufgebaut haben. Wir lernen Exil-Afghanen kennen. Wir folgen Pari und Abdullah hinaus in die Welt, und wir lernen den griechischen Arzt Marcos kennen, der irgendwann als plastischer Chirurg in Afghanistan geblieben ist. Und im letzten Kapitel schließt sich endlich der Kreis, und uns wird klar, warum dies Buch „Traumsammler“ heißt.

Mich hat dieses Buch ein wenig verwirrt zurückgelassen. Ich habe einfach gedacht, es wird wieder so wie die beiden vorherigen Bücher. Ich habe eine ganz klare Linie vermisst – was will uns der Autor damit sagen? Vielleicht will er einfach mit jedem Kapitel zeigen, dass das Leben Verlust ist? Auf jeden Fall ist dies eben kein typischer Afghanistan-Roman. Wir lernen unwahrscheinlich viele Menschen kennen, die sehr interessante Schicksale haben, und die sehr gut beschrieben werden, aber wir verlieren sie schon nach einem einzigen Kapitel wieder. Ich hätte diese Menschen und ihr Schicksal gerne weiter verfolgt. Außerdem habe ich zwischenzeitlich Abdullah vermisst. Er leidet in dem ersten Kapitel so ungemein, und dann trifft man ihn erst ganz am Schluss wieder.

Es ist ein sehr emotionales Buch, was auf die unterschiedlichen Leser sehr verschieden wirken wird. Das habe ich schon in meiner eigenen Familie gemerkt. Ein Teil ist ratlos zurückgeblieben, der andere absolut begeistert und emotional zutiefst ergriffen. Da der Autor aber wunderbar erzählen kann, habe ich mich bei diesem Buch trotz meiner Kritikpunkte nicht gelangweilt, sondern weitergefiebert. Ich war in diesem Fall eindeutig ein Opfer meiner eigenen Erwartungen. Lesen Sie es und bilden Sie sich eine eigene Meinung. Und vielleicht teilen Sie uns diese ja mit einer eigenen Bewertung des Buches mit!?


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50

30.06.2015

„Wunderschön, traurig und doch Mut machend”

Agnès Ledig ist eine französische Autorin, die die Zeit während der schweren Krankheit ihres Sohnes genutzt hat, diesen wunderschönen Roman zu schreiben. Und dann hat sich die Geschichte verselbständigt, denn das Buch wurde inzwischen in sechs Sprachen übersetzt und ist sehr erfolgreich. Ich selbst bin durch Zufall auf dieses Buch gestoßen. Mir war einfach einmal wieder nach einem gefühlvollen Frauenbuch. Und da haben mich der Buchumschlag und der Covertext dieses Buches direkt angesprochen. Kaum angefangen musste ich dieses Buch ganz schnell durchlesen, weil es mich einfach gepackt hat!

Agnès Ledig erzählt eine Geschichte, die am Anfang einfach zu schön ist, um wahr zu sein. Doch dann geschieht ein großes Unglück. Und aus diesem Unglück entsteht am Ende ganz viel Neues. Es ist die Geschichte von Julie, einer blutjungen alleinerziehenden Mutter, die ihren dreijährigen Sohn Lulu als Kassiererin in einem Supermarkt durchbringt. Sie hat schon viel einstecken müssen, vertraut niemanden mehr, gibt aber auch nicht auf. Dann sind da Paul und sein Sohn Jerome. Paul ist ein erfolgreicher und wohlhabender Mann, der sich gerade von seiner zweiten Frau getrennt hat. Er lernt Julie per Zufall an dem Tag im Supermarkt kennen, als sie eine kleine Schwäche zeigt. Er spricht sie an, denn irgendetwas fasziniert ihn an dieser Frau. Bei einem gemeinsamen Mitttagessen in einem Restaurant lernt er Julie und ihre schwierige Situation näher kennen. Und ganz spontan lädt er sie und ihren Sohn zu einem Urlaub in die Bretagne ein – all inclusive, aber ohne Hintergedanken. Sein erwachsener Sohn Jerome, ein Arzt, der tief in der Trauer feststeckt, die der Selbstmord seiner depressiven Frau hervorgerufen hat, ist auch mit dabei. Er hält Julie anfangs für eine Glücksritterin. Doch in der Bretagne kommen sich die vier Menschen immer näher. Doch dann passiert das unfassbare Unglück, welches mich völlig überrascht hat. Auf Grund des Klappentextes wusste ich zwar, dass etwas Schreckliches passieren würde, aber damit hatte ich nicht gerechnet.

Doch das Buch endet natürlich nicht dort. Sondern die Autorin beschreibt sehr sensibel und gefühlvoll auch die Zeit danach. Sie zeigt alle Höhen und Tiefen auf. Und sie macht sehr deutlich, wie wichtig Freundschaft und Liebe zueinander sind, denn dann kann aus einem großen Unglück auch wieder etwas wunderbares Neues erwachsen.

Mich hat dieses Buch zutiefst berührt. Die Autorin hat in diese Geschichte so viel Reife und Lebensweisheit gepackt, dass ich wieder einmal ganz viele Zitate meiner persönlichen Zitate-Sammlung hinzufügen konnte. Es ist einfach wunderschön und zu Herzen gehend geschrieben. Für mich hat es eine ganz ähnliche Qualität wie die beiden wunderbaren Bücher von Nina George „Die Mondspielerin“ und „Das Lavendelzimmer“. Alle drei Bücher sind für mich Balsam für die Seele!

buch

Revival

Stephen King

EUR 22,99 *
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50

26.06.2015

„Gibt es Menschen, die das eigene Schicksal beeinflussen?”

Bisher habe ich mich immer davor gedrückt, ein Buch von Stephen King zu lesen. Die Cover sehen zum Teil schon so abschreckend aus, und außerdem bin ich überhaupt keine Freundin von Horror-Büchern oder Filmen. Doch in der Presse lese ich immer einmal wieder, dass der Autor total unterschätzt wird und das Zeug zu einem zukünftigen Klassiker hat. Als dann auch noch eine Freundin von dem Buch begeistert war und meinte, ich solle es unbedingt lesen, habe ich mich herangewagt. Hier nun mein Eindruck:

Stephen King erzählt die Geschichte von Jamie und Charles Daniel Jacobs aus der Sicht von Jamie. Gleich zu Beginn des Buches vergleicht der Ich-Erzähler, der inzwischen ein Alter Mann ist und auf sein Leben zurückblickt, das Leben mit einem Film, in dem es immer einen Fünften im Spiel gibt, einen Joker, der immer einmal wieder in unserem Leben an genau einem Wendepunkt auftaucht. Und dieser Fünfte im Spiel ist bei Jamie Charles Daniel Jacobs. 1962, Jamie ist gerade sechs Jahre alt geworden, taucht Charles Daniel Jacobs das erste Mal in seinem Leben auf. Er ist der neue Pfarrer an der Kirche in dem kleinen Ort Harlow in Maine, wo Jamie mit seinen 4 Geschwistern und seinen Eltern lebt. Charles ist noch sehr jung und gewinnt zusammen mit seiner hübschen Frau Patsy und ihrem kleinen Sohn, genannt „das Klettchen“ die Menschen der Gemeinde für sich. Besonders die Jugendlichen begeistert er mit seinem Hobby, der Elektrizität. Doch eines Tages geschieht ein schrecklicher Unfall. Und als Folge dessen verliert Charles seinen Glauben und verlässt Harlow. Jamie wird erwachsen und entwickelt sich zu einem mittelmäßigen Rhythmusgitarristen, der mit verschiedenen Bands durch die Lande tourt. In der damaligen Zeit bleibt es in dieser Szene natürlich nicht aus, dass er mit Rauschgift in Berührung kommt. An seinem eigenen Tiefpunkt begegnet ihm Charles Jacobs wieder – ausgerechnet in einem Vergnügungspark. Und Charles nimmt Jamie unter seine Fittiche und hilft ihm von seiner Drogensucht loszukommen. Dabei spielt die Elektrizität wieder eine wichtige Rolle. Wir folgen Jamie weiter durch sein Leben und immer wieder einmal trifft er Charles Daniel Jacobs wieder. Allerdings werden diese Begegnungen immer aberwitziger, denn aus dem ursprünglich charmanter jungen Pfarrer ist ein fanatischer Mensch geworden, der ein ganz gefährliches Spiel spielt. Es kommt zu einem großen Finale, bei dem sich endlich klärt, woran Charles Daniel Jacobs die ganze Zeit geforscht hat und warum.

Dieser Roman ist brillant geschrieben. Stephen King hat es ganz geschickt und subtil geschafft, mich in diese Geschichte hineinzuziehen. Der Roman liest sich am Anfang wie ein klassischer, amerikanischer Gesellschaftsroman. Doch irgendwie beschleicht einen schon sehr früh ein ungutes Gefühl, welches man allerdings nicht näher benennen kann. Ein Kernthema des Romans ist das Thema Glauben. Was passiert mit den Menschen, die ihren Glauben verlieren? Und was sind Menschen bereit im Namen Gottes zu akzeptieren?


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50

26.06.2015

„Ungewöhnliche Einblicke”

Ein ganz unerwarteter Inhalt erwartet die Leser, die den italienischen Autor und studierten Physiker Paolo Giordano von seinem ersten Buch „Die Einsamkeit der Primzahlen“ kennen. Obwohl – ich kann mir da gar keine so konkrete Aussage erlauben, denn ich kenne das erste Buch gar nicht. Ich habe darüber nur eine Inhaltsangabe und sehr positive Besprechungen gelesen. Doch denke ich, dass Sie über dieses Buch überrascht sein werden!

Paolo Giordano erzählt in diesem Buch nämlich von einem Zug italienischer Soldaten, die ihren ersten Auslandseinsatz in Afghanistan erleben. Er erzählt die Geschichten von:

- dem Oberstleutnant Alessandro Egitto, einem Orthopäden, der depressiv und tablettenabhängig ist.
- dem Oberst Ballesio, der der Befehlshaber der Gruppe ist und der doch eigentlich nur noch auf seine Pensionierung warten möchte
- dem Feldwebel Antonio René, der sich aufopferungsvoll um seine Leute kümmert, doch privat ein ganz anderes Leben lebt
- dem Hauptmann Masiero, der der scharfe Hund der Gruppe ist
- dem jungen Gefreiten Ietri, ein Muttersöhnchen, das versucht sich endlich abzunabeln und sein eigenes Leben zu leben
- dem jungen Cederno, der das Leben leicht nimmt und immer gerne einmal den Kameraden Streiche spielt
- der jungen Zampieri, der einzigen Frau in dem Zug, die darum kämpft, einfach akzeptiert zu werden
- dem Sarden Torsu, der eine tragische Rolle spielen wird
- dem jungen Vincenzo Mitrano, der von allen gehänselt wird, da er sehr sensibel ist.
- Irene Sammartino, die plötzlich auftaucht, und von der keiner so genau weiß, welche Rolle sie eigentlich spielt. Ist sie eine Agentin? Soll sie sie überprüfen?

Das Buch ist sehr ungewöhnlich erzählt. Den Hauptteil der Geschichte erzählt der Autor aus der Sicht des außenstehenden Beobachters, doch dann gibt es immer mal wieder Kapitel mittendrin, in denen Alessandro Egitto direkt aus seiner Kindheit erzählt, in der er deutlich darunter gelitten hat, dass seine Schwester ihm vorgezogen wurde. Der Roman beginnt mit der Zeit nach dem Afghanistan-Einsatz. Es wird sehr schnell klar, dass dort etwas Schreckliches vorgefallen sein muss, welches die Soldaten traumatisiert zurückgelassen hat. Dann geht die Geschichte zurück zum Beginn des Einsatzes, und wir lernen die einzelnen Kameraden näher kennen. Wie ist das Leben für sie in einem ihnen fremden Land? Wie sind sie untergebracht und wie verbringen sie ihre Zeit miteinander? Was für Aufgaben haben sie? Was hat sie überhaupt dazu bewogen zur Armee zu gehen? Und dann kommt es eines Tages zu dem folgenschweren Einsatz.

Paolo Giordano erzählt diese Geschichten in einem ganz kurzen und knappen Ton. Dadurch wird diese Geschichte noch viel eindrücklicher und erschütternder. Er beschreibt die Psyche der einzelnen Mitstreiter sehr genau, so dass man sie nach und nach immer besser kennenlernt. Mich hat dieses Buch sehr überrascht. Und es hat meinen Horizont bezüglich Soldaten im Allgemeinen und speziell unter diesen schwierigen Umständen sehr erweitert.

Für mich als Rezensentin war es sehr schwer, Ihnen dieses Buch näherzubringen, aber es ist ein sehr empfehlenswertes Buch, das mich zum Nachdenken angeregt hat. Brillant erzählt!

buch

Sternschanze

Ildikó von Kürthy

EUR 9,99 *
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30

26.06.2015

„Abstieg oder Neuanfang?”

Ildiko von Kürthy brauche ich Ihnen ja nun wirklich nicht mehr vorzustellen. Und wir Frauen wissen ja auch eigentlich alle, was uns bei einem Buch von dieser Autorin erwartet: gute, leichte Unterhaltung mit viel Witz, wenig Handlung, dafür aber tiefe Einblicke in die Seele und die Gedankenwelt der Frau von heute und eine ganz eigene Sprache, die ich immer wieder gern als Kodderschnauze bezeichne.

Sternschanze ist wieder so ein typischer Ildiko von Kürthy Roman, aber nur fast! Sie erzählt die Geschichte der 43-jährigen Nicky, die plötzlich Mann, Wohnung und Luxusleben aus eigener Schuld verliert. Das ganze beginnt Silvester. Nicky und ihr Mann Oliver, ein Finanz- und Steuerberater, sind bei Olivers Chef, dem reichen Hamburger Reeder Stern, eingeladen. Es ist eine Kostümparty, bei der sich die Gäste als ihre Lieblingsstars der Kindheit verkleiden sollen. Nicole entscheidet sich für die Biene Maja und liegt damit komplett daneben, denn die anderen Gäste sind Cinderellas, Anna Kareninas, Audrey Hepburns oder Pan Tau, der große Gatsby, John F. Kennedy oder Helden in Uniform. Ihr Mann und sie schämen sich fast zu Tode. Doch es kommt noch viel schlimmer. Nicky zieht sich mit Hilfe eines Kellners in ein einsames Zimmer zurück und hat nichts Besseres zu tun als mit ihrem Liebhaber zu telefonieren. Dumm gelaufen, dass dies alle Gäste mit anhören können. Damit ist Nickys Ehe natürlich erst einmal vorbei. Vorübergehend zieht sie in ein schäbiges Hotel. Doch dann trifft sie per Zufall den netten Kellner von der Silvesterfeier wieder, der gar kein Kellner ist, sondern eine Event- und Catering-Agentur betreibt. Und diesen Mann kennen wir bereits als treue Leserinnen aus früheren Büchern. Es ist der durchgedrehte, aber charmante Erdal Küppers. Und dieser Erdal nimmt Nicky unter seine Fittiche. Er besorgt ihr eine Wohnung und einen Arbeitsplatz, bei dem sie einige ihrer alten „Freundinnen“ aus der Gesellschaft wiedertrifft. Wie wird Nickys Leben weitergehen? Kommt sie mit der neuen Situation ohne Starfriseur und anderem Luxus zurecht? Und wie wird sich ihr Verhältnis zu ihrem Geliebten entwickeln?

Die Story hätte wieder sehr witzig werden können. Ich persönlich fand sie dieses Mal aber eher etwas gequält und etwas nachdenklicher als sonst. Vielleicht liegt es daran, dass Ildiko von Kürthy dieses Mal nichts aus dem eigenen Leben erzählt hat. Sie selbst ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nicky aus dem Roman hat keine Kinder und hatte am Ende ihrer Ehe auch keinen Beruf außer, dass sie die perfekte Vorzeige-Ehefrau zu sein hatte. Die Autorin bringt wieder sehr viele typische Frauengedanken zu den Themen Liebe, Sex, Alter, Mann-Frau-Beziehungen, Stutenbissigkeit und Frauenkörper unter, aber irgendwie ist ihr diesmal etwas der übliche treffsichere Witz abhanden gekommen. Ich geb es zu – ich habe mich durch den Roman gequält und war enttäuscht davon. Und dies liegt sicherlich nicht daran, dass ich der Chick-Lit entwachsen bin, denn wenn Sie meine Besprechungen regelmäßig lesen, wissen Sie, dass ich immer mal wieder gerne Bücher aus diesem Genre lese.

ebooks

Revival

Stephen King

EUR 18,99 *
auf Merkliste

50

26.06.2015

„Gibt es Menschen, die das eigene Schicksal beeinflussen?”

Bisher habe ich mich immer davor gedrückt, ein Buch von Stephen King zu lesen. Die Cover sehen zum Teil schon so abschreckend aus, und außerdem bin ich überhaupt keine Freundin von Horror-Büchern oder Filmen. Doch in der Presse lese ich immer einmal wieder, dass der Autor total unterschätzt wird und das Zeug zu einem zukünftigen Klassiker hat. Als dann auch noch eine Freundin von dem Buch begeistert war und meinte, ich solle es unbedingt lesen, habe ich mich herangewagt. Hier nun mein Eindruck:

Stephen King erzählt die Geschichte von Jamie und Charles Daniel Jacobs aus der Sicht von Jamie. Gleich zu Beginn des Buches vergleicht der Ich-Erzähler, der inzwischen ein Alter Mann ist und auf sein Leben zurückblickt, das Leben mit einem Film, in dem es immer einen Fünften im Spiel gibt, einen Joker, der immer einmal wieder in unserem Leben an genau einem Wendepunkt auftaucht. Und dieser Fünfte im Spiel ist bei Jamie Charles Daniel Jacobs. 1962, Jamie ist gerade sechs Jahre alt geworden, taucht Charles Daniel Jacobs das erste Mal in seinem Leben auf. Er ist der neue Pfarrer an der Kirche in dem kleinen Ort Harlow in Maine, wo Jamie mit seinen 4 Geschwistern und seinen Eltern lebt. Charles ist noch sehr jung und gewinnt zusammen mit seiner hübschen Frau Patsy und ihrem kleinen Sohn, genannt „das Klettchen“ die Menschen der Gemeinde für sich. Besonders die Jugendlichen begeistert er mit seinem Hobby, der Elektrizität. Doch eines Tages geschieht ein schrecklicher Unfall. Und als Folge dessen verliert Charles seinen Glauben und verlässt Harlow. Jamie wird erwachsen und entwickelt sich zu einem mittelmäßigen Rhythmusgitarristen, der mit verschiedenen Bands durch die Lande tourt. In der damaligen Zeit bleibt es in dieser Szene natürlich nicht aus, dass er mit Rauschgift in Berührung kommt. An seinem eigenen Tiefpunkt begegnet ihm Charles Jacobs wieder – ausgerechnet in einem Vergnügungspark. Und Charles nimmt Jamie unter seine Fittiche und hilft ihm von seiner Drogensucht loszukommen. Dabei spielt die Elektrizität wieder eine wichtige Rolle. Wir folgen Jamie weiter durch sein Leben und immer wieder einmal trifft er Charles Daniel Jacobs wieder. Allerdings werden diese Begegnungen immer aberwitziger, denn aus dem ursprünglich charmanter jungen Pfarrer ist ein fanatischer Mensch geworden, der ein ganz gefährliches Spiel spielt. Es kommt zu einem großen Finale, bei dem sich endlich klärt, woran Charles Daniel Jacobs die ganze Zeit geforscht hat und warum.

Dieser Roman ist brillant geschrieben. Stephen King hat es ganz geschickt und subtil geschafft, mich in diese Geschichte hineinzuziehen. Der Roman liest sich am Anfang wie ein klassischer, amerikanischer Gesellschaftsroman. Doch irgendwie beschleicht einen schon sehr früh ein ungutes Gefühl, welches man allerdings nicht näher benennen kann. Sehr gut gefallen hat mir, wie der Autor die Gutgläubigkeit bzw. Naivität der Amerikaner beschrieben hat. Dort gibt es immer wieder einmal Fernsehprediger und ähnliches, auf die die Amerikaner zu gerne hineinfallen und dies auch sehr gerne mit „Liebesgaben“ bezahlen. Doch wann wird das Ganze gefährlich?

In dem ganzen Buch gibt es übrigens nur zwei extrem dramatische und schauerliche Momente! Einmal bereits relativ früh und der zweite erst sehr spät.

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40

25.06.2015

„Federleichte Sommerlektüre”

Corina Bomann ist inzwischen eine feste Größe bei den leichten Liebesromanen. Und so gibt es auch in diesem Sommer wieder eine neue Geschichte von ihr. Passend zu den Geschichten ist auch das Buch diesmal ganz entzückend gestaltet – gebunden mit abgerundeten Ecken und mit einem lustmachenden Titelbild versehen. Da die Autorin inzwischen so erfolgreich ist, wollte ich mir endlich auch einmal ein Bild von ihren Büchern machen und habe mich für ihr aktuelles entschieden.

Corina Bomann erzählt in diesem Roman die Geschichte von Larissa und ihrer Nichte Wiebke. Larissa ist Anfang vierzig. Nach einem schweren Schicksalsschlag, der im Prolog angerissen und erst später im Buch im vollen Umfang aufgeklärt wird, zieht sie sich von ihrer Familie zurück und versucht in einem kleinen Ort in Mecklenburg Vorpommern einen Neuanfang. Sehr unkonventionell kauft sie einen alten Bauernhof, bewirtschaftet eine Brombeerplantage und bemalt als ehemalige Porzellanmalerin jetzt Hochzeitsschuhe als Auftragsarbeit. Zusätzlich kümmert sie sich um verwaiste, ausgesetzte Tiere. Eines Tages steht plötzlich völlig unerwartet ihre Anfang zwanzigjährige Nichte Wiebke bei ihr auf dem Hof und bittet, ob sie einige Zeit bei ihr bleiben kann. Sie hat gerade eine wichtige Prüfung versemmelt und offensichtlich Probleme mit ihrem Freund. Und so beginnt ein zauberhafter Sommer. Denn die beiden Frauen öffnen sich nach und nach und lösen gegenseitig ihre Probleme. Es geht um verlorene Lieben, einen großen Streit in der Familie und zwei Männer im Dorf, die für einige Verwirrung sorgen.

Der Roman ist leicht geschrieben. Die beiden Frauen erscheinen auf dem ersten Blick als sehr unterschiedlich. Larissa ist die toughe Frau, die ihr Leben so lebt, wie es ihr gefällt und nichts auf die Meinung anderer gibt. Aber ist sie wirklich so? Und was ist das Problem bei Wiebke? Peu á peu lernen wir sie kennen. Und nach einigen Wirrungen finden beide Frauen ihren Weg. Die Geschichte ist zwar sehr vorhersehbar, aber sie lässt sich gut lesen. Mir persönlich war sie zu leicht, aber es gibt immer wieder solche Momente, wo man solche Bücher gut mal gebrauchen kann. Also schauen Sie einfach selbst, ob sie so eine zauberhafte Lektüre für den im Moment nicht so zauberhaften Sommer lesen wollen, um in eine heile Welt abzutauchen, bei der am Ende alles immer wieder gut wird.

buch

Königsallee

Hans Pleschinski

EUR 9,90 *
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40

24.06.2015

„Thomas Mann in Düsseldorf”

Dies ist ein Roman für Freunde von Thomas Mann und seinem Leben. Hans Pleschinski hat einen Roman über zwei Tage im August 1954 in Düsseldorf geschrieben, in denen Thomas Mann dorthin gereist ist, um aus seinem Roman „Felix Krull“ zu lesen.

Hans Pleschinski beschreibt diese zwei Tage sehr stilsicher. Der Roman beginnt mit einer Schilderung des Hotels „Breidenbacher Hof“, in dem der große deutsche Dichter absteigen will. Im Hotel herrscht darüber große Aufregung. Alles muss perfekt für den Zauberer sein. Zum gleichen Zeitpunkt steigen auch Klaus Heuser und sein Freund Anwar in ausgerechnet diesem Hotel ab. Klaus Heuser ist Thomas Mann einmal auf Sylt begegnet und hat die Familie Mann später noch einmal in München besucht. Gerüchten zufolge soll Klaus Heuser die große Liebe Thomas Manns und als Joseph in die Literatur eingegangen sein. Und so beginnt eine sehr unterhaltsame, aber auch sehr informative Beschreibung dieser zwei Tage, in denen viele Menschen aufeinandertreffen, was nicht jeden beglückt.

Hans Pleschinski hat eine Hommage an Thomas Mann geschrieben. Er lässt viele berühmte Menschen in dieser Geschichte auftreten. So kommen in diesem Roman natürlich Erika Mann, die ihren Vater begleitet, und Golo Mann, der um dessen Aufmerksamkeit buhlt zu Wort. Es trifft aber auch Ernst Bertram ein, der als Patenonkel der jüngsten Tochter Elisabeth früher mal viel mit der Familie zu tun hatte. Jetzt ist er aber in Ungnade gefallen. Dieser Roman ist ein wunderbares Zeitporträt dieser Zeit, in der Deutschland gerade wieder anfängt aus den Ruinen aufzuerstehen. Der Autor beschreibt das Miteinander sehr sprachgewaltig, baut viele Zitate ein, die aber als solche leider nicht näher aufgeführt sind, und betrachtet das Ganze liebevoll, aber auch mit einer gehörigen Portion Humor. Das Buch ist eine wunderbare Fundgrube für all diejenigen von Ihnen, die sich für Thomas Mann und sein Leben interessieren. Allerdings ist die Sprache durchaus eine Herausforderung für den Leser.

Hier ein paar Kostproben aus diesem Roman:

„„Das Internat? Dann“, Klaus fiel es wie Schuppen von den Augen, „sind Sie der Sohn, ein Sohn.“
„Sohn? Das Unter.Ich.“
„Und Bruder von –„
„Das Neben-Ich der Hysterikerin. […]““ Seite 213)

„Der Mensch lebte nicht mehr, er wurde gelebt. Niederträchtig. Dagegen müsste eine Revolution aufflammen, die Revolte mit dem Motto: Ich bin ich, ich gehe einen Schritt langsamer, ich lege mich ins Bett und zwar gerade, weil es hellerlichter Tag ist und ich flitzen soll! Ich bin mein Aufstand. Gegen das, was ihr, die ihr euch als entscheidend aufspielt, von mir wollt. Ich will mich und meine tiefe, tiefe Pause.“ (Seite 315)

„Erst jetzt gewahrte er ein wenig seitlich der Stufen und nur halb im Foyer anderen Zulauf, Reihen von Leuten, die auch etwas riefen, Stangen mit Plakaten in den Abend hielten. Diese Ansammlung, diese Haufen redeten, schimpften offenbar aufeinander ein. […] Damit hatte Klaus nicht gerechnet. Unter einem Alleebaum verharrte er. Er hatte gemutmaßt, ein Nobelpreisträger wäre sakrosankt.“ (Seite 355/356)

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