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50

31.10.2014

„Annäherung an die Mutter”

Ich liebe die Bücher von Delphine de Vigan! Sie ist eine Autorin, die es immer wieder schafft, dem Leser schwierige Themen sehr intensiv fühlbar nahezubringen. Ihre ersten beiden Romane sind auf Deutsch bisher leider nicht erhältlich. Aber bereits ihr erstes deutsches Buch ist mir unter die Haut gegangen. In „No & ich“ packt sie die Thema Obdachlosigkeit junger Frauen und Drogensucht an. Im nächsten Buch „Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“ beschreibt sie eine Frau, die von ihrem Chef gemobbt wird. Beide Bücher habe ich Ihnen bereits an dieser Stelle vorgestellt.

In ihrem neuen Buch „Das Lächeln meiner Mutter“ beschäftigt sie sich mit der Geschichte ihrer Mutter Lucile, die mit 61 Jahren den Freitod gewählt hat. Ursprünglich war es wohl der Wunsch eine Hommage an Lucile zu schreiben. Doch dies stellt sich als schwierig heraus. Wie soll man dieser Familie in all ihren Facetten gerecht werden? „Was beim Lesen lebendig werden sollte, war das besonders Freudige an meiner Familie, diese lärmende, überschäumende Vitalität, diese energische Art, das Tragische zu bekämpfen.“

Es ist eine ungewöhnliche Familie. Lucile ist die drittälteste von insgesamt 8 Geschwistern. Ihre Eltern sind Liane und Georges. Georges, der Vater versucht als Journalist und Besitzer einer kleinen Werbeagentur für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Die Mutter wollte schon immer eine große Familie. Für sie gibt es nichts Schönes als kleine Babys. Nichtdestotrotz ist sie aber keine begnadete Hausfrau und gibt schon früh einen Teil der Verantwortung an ihre älteren Kinder ab. Die Familie scheint einerseits sehr fröhlich und lebhaft zu sein, andererseits sind fast alle Kinder lange Bettnässer gewesen.

Lucile ist anders als ihre Geschwister. Die anderen sind sportlich und laut, sie zieht sich gerne in sich zurück und liest viel. Da in einer so großen Familie der Einzelne leicht untergeht, heiratet Lucile früh und bekommt zwei Töchter. Die Ehe scheitert und langsam kommt zu Tage, dass Lucile psychisch krank ist. Sie ist bipolar(früher manisch-depressiv). Es beginnt eine sehr wechselvolle, schwierige Zeit für sie und ihre Töchter. Doch sie schafft es mit Hilfe von Medikamenten ins wirkliche Leben zurückzufinden.

Die Autorin lässt uns teilhaben an dem Schaffungsprozess zu diesem Buch. Herausgekommen sind eine Mischung aus dem Schaffensprozess und die eigentliche Geschichte. Es ist ein sehr persönliches und intensives Buch. Und es ist eine Hommage an ihre Mutter, auch wenn diese anders geraten ist, als es sich die Autorin wahrscheinlich ursprünglich gewünscht hatte. Außerdem ist ein Buch, das Mut macht.

Wie ordnet man so ein Buch ein? Es ist kein Roman, ist es eine Biografie? Auf jeden Fall ist es eine extrem berührende Mutter-Tochter-Geschichte! Und in diesem Fall sogar eine extrem schwierige Mutter-Tochter-Beziehungsgeschichte. Mich hat sie innehalten und noch einmal über meine Beziehung zu meiner Mutter nachdenken lassen.

Ein Buch für jede Frau, denn wir sind auf jeden Fall alle Töchter, und viele von uns auch Mütter von Töchtern.

buch

Stoner

John Williams

EUR 19,90 *
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50

24.10.2014

„Was für ein Leben”

Vielen von Ihnen ist dieses Buch wahrscheinlich schon bekannt, denn es ist ja schon lange ein Bestseller. Ich persönlich hatte mich bisher immer von dem sehr düsteren Cover abschrecken lassen. Doch nachdem ich nun schon von einigen guten Freundinnen gehört habe, dass es so ein fantastisches Buch sein soll, habe ich es endlich auch gelesen. Und ich muss zugeben, sie hatten eindeutig Recht – was für ein großartiges Buch! Sehr überrascht hat mich, als ich am Ende des Buchs gelesen habe, dass „Stoner“ ursprünglich bereits 1965 veröffentlich und erst 2006 wiederentdeckt wurde. Danach habe ich dann auch verstanden, warum mir dieses Buch vorkam wie ein Buch aus einer anderen Zeit.

Doch nun ein wenig zum Inhalt des Buchs. Es wird die Geschichte von William Stoner erzählt. Geboren wurde er 1891 als Sohn eines Farmers im tiefsten Missouri. Durch einen zufälligen Hinweis, dass es ein neuartiges Institut an der Universität in Columbia geben sollte, bei dem man Landwirtschaft studieren kann, wird Stoner von seinen Eltern dorthin geschickt. Seinen Lebensunterhalt muss er sich selbst bei einem Vetter seiner Mutter verdienen. Doch es kommt ganz anders als von der Familie geplant. Stoner besucht einen Pflichtkurs zum Thema Einführung in die englische Literatur. Und nach anfänglichen Schwierigkeiten hat ihn dieses Thema dermaßen fasziniert, dass er beschließt fortan auf englische Literatur umzusatteln. Und so bleibt er bis zu seinem Tod 1956 an dieser Universität. Er verliebt sich und heiratet. Er bekommt eine Tochter. Er unterrichtet leidenschaftlich gern und hat auch einen guten Ruf bei seinen Studenten. Doch obwohl er eigentlich ein unauffälliger Mensch ist, schafft er es einen Kollegen gegen sich aufzubringen. Und dieser versucht sein Leben zu zerstören.

Es ist ein wunderbares Buch, welches sich sehr schwer beschreiben lässt. Es wird das Leben eines Menschen erzählt, der eigentlich einen unglaublichen gesellschaftlichen Sprung geschafft hat, doch aber irgendwie nie angekommen ist. Es ist ein Leben, bei dem ich überlegt habe, ob es ein glückliches oder ein unglückliches Leben ist. Was ist wichtiger und erfüllender? Eine glückliche Beziehung oder ein Beruf, der einen ausfüllt?

Stilistisch und vom Thema erinnert mich dieses Buch sehr an die Bücher des ebenfalls spät wiederentdeckten Autors Richard Yates. Ich kann es Ihnen nur wärmstens empfehlen. Lassen Sie sich nicht von dem Cover abschrecken. Es ist ein tolles Buch, welches einfach verdient, dass es möglichst viele Menschen lesen.

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40

24.10.2014

„Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft”

„Winterfeldstraße, 2. Stock“ ist ein Debüt und doch kein Debüt. Johanna Friedrich ist nämlich ein Pseudonym einer bekannten deutschen Autorin, die dieses Mal bei einem anderen Verlag veröffentlicht hat.

Johanna Friedrich erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft in einer schwierigen Zeit. Charlotte Berglas ist eine junge Frau, die glücklich verheiratet war bis zu dem Tag, an dem ihr Mann tot aus dem Landwehrkanal gezogen wurde. Alle gehen davon aus, dass es entweder ein Unfall oder Selbstmord war, nur Charlotte selbst nicht. Die Geschichte beginnt Anfang der zwanziger Jahre. Charlotte und ihrem Mann gehört eine Wohnung in der Winterfeldstraße in Berlin. Zum Zeitpunkt des Todes ihres Manns ist Charlotte gerade im fünften Monat schwanger. Geld hat sie keins mehr, denn ihr Mann war als Porträtfotograf schon längere Zeit ohne Arbeit. Inzwischen hat sie auch nichts mehr in der Wohnung, was sich noch versetzten ließe. Dazu kommt noch das Problem, dass ihr jüngerer Bruder Gustav immer wieder in Schwierigkeiten gerät. Allerdings kommt er, wenn auch nicht ganz uneigennützig, auf die geniale Idee, dass sie Zimmer untervermieten sollte. Ihre ersten Bewohner sind Gustav und sein bester Freund, der der Lange genannt wird. Es folgt Theo von Baumberg, ein etwas undurchsichtiger junger Adeliger. Und per Zufall lernt Charlotte noch Claire, eine lesbische Bardame, die schon in den Fünfzigern ist, kennen. Damit ist die Wohngemeinschaft dann komplett. Und so verfolgen wir Leser das Leben dieser 5 Menschen bzw. 6 Menschen bis es zu einem großen Knall kommt.

Die Autorin schafft es, diese schwierige Zeit in einem unterhaltsamen Roman wieder auferstehen zu lassen. Wir erfahren, wie schwierig die Situation nach dem 1. Weltkrieg für alle Menschen war und wie unterschiedlich sie damit umgegangen sind. Es gibt in diesem Roman Kleinkriminelle, Kommunisten und Nazis und sogar einen Eintänzer. Die Geschichte ist ausgesprochen spannend erzählt und wird zum Ende sogar fast zum Krimi. Und die Liebe kommt natürlich auch nicht zu kurz.

Eine wunderbare Lektüre für die Leserinnen, die das Buch „Als wir unsterblich waren“ von Charlotte Roth ebenso geliebt haben wie ich.

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40

24.10.2014

„Eine Frau und drei Männer”

Die Meisten von Ihnen kennen Bernhard Schlink wahrscheinlich durch seinen Erfolgsroman „Der Vorleser“. Und seitdem ist er immer ein Garant für sehr gut geschriebene Bücher gewesen. Also war ich sehr neugierig, wie sein neuester Roman wohl sein würde.

Diesmal erzählt er die Geschichte von drei Männern, die Ende der sechziger Jahre alle in die gleiche Frau verliebt waren. Jetzt treffen sie wieder aufeinander und haben einiges aufzuarbeiten. Und dann gibt es da noch das Bild, welches titelgebend für das Buch war. Doch jetzt der Reihe nach. Der Ich-Erzähler ist ein erfolgreicher Anwalt, der gerade geschäftlich in Sydney weilt. Als er eine Art Gallery aufsucht, entdeckt er das Bild „Die Frau auf der Treppe“, welches lange als verschollen galt. Und er erinnert sich zurück an die Zeit, in der er das Bild zum ersten Mal gesehen hat. Als junger Anwalt musste er nämlich einen Konflikt zwischen dem Maler Karl Schwind und dem Käufer Gundlach schlichten. Der Grund für diesen Konflikt war Irene Gundlach, die Ehefrau, die ihren Mann allerdings für den Maler verlassen hat. Und dann verschwindet sie eines Tages spurlos mit dem Bild. Über einen Privatdetektiv findet der Anwalt in Sydney heraus, wo Irene Gundlach jetzt wohnt und macht sich auf den Weg zu ihr. Doch auf diese Idee kam er nicht alleine, und somit treffen alle vier Protagonisten von damals wieder zusammen und versuchen ihre Konflikte von damals endgültig zu klären.

Man merkt diesem Buch an, dass Bernhard Schlink Anwalt ist, denn es geht u.a. darum, wer welche Rechte an einem Bild hat. Und sein anderes Lieblingsthema ist die politische Situation in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Beide Themen werden in dem Buch gestreift, hätten nach meinem Empfinden aber durchaus einen größeren Platz einnehmen dürfen. Gerade das Leben der Irene Gundlach hätte mich persönlich eigentlich am meisten interessiert. Denn es ist ein sehr interessantes Leben, welches auch ein Stück innerdeutscher Geschichte behandelt, welches noch nicht wirklich aufgearbeitet wurde. Doch das ist nicht der Schwerpunkt dieses Buches, sondern die Interaktion der einzelnen Protagonisten zueinander. Herausgekommen ist ein Kammerstück, welches ich mir sehr gut auf einer Theaterbühne vorstellen kann.

Bernhard Schlink kann einfach sprachlich und stilistisch unwahrscheinlich gut schreiben. Allerdings hat mich dieses Mal der Plot etwas enttäuscht, so dass ich dem Buch deshalb nur 4 von 5 Sternen geben konnte.

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50

24.10.2014

„Unglaublich spannend und immer wieder überraschend!”

Joel Dicker ist ein Autor aus der Schweiz, der seine Bücher auf Französisch schreibt. Anscheinend hat er vorher schon zwei weitere Romane veröffentlicht, die aber offensichtlich noch nicht übersetzt wurden. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ ist ein totaler Überraschungserfolg, der inzwischen schon in 30 Sprachen übersetzt wurde.

Wenn Sie nun erwarten, dass dieser Roman in der Schweiz spielt, muss ich Sie enttäuschen. Er spielt noch nicht einmal in Europa, sondern in einem kleinen Ort in den USA. Joel Dicker erzählt die Geschichte von einer großen Liebe, von einem seit dreiunddreißig Jahren ungeklärten Fall und von zwei großen Schriftstellern. 2006 hat Marc Goldman seinen ersten Roman veröffentlich, womit er gleich zum Hätschelkind der amerikanischen Literaturszene geworden ist. Nun drängt die Zeit, denn laut Vertrag muss er endlich seinen zweiten Roman abliefern. Doch er leidet an einer Schreibblockade. Er wendet sich an seinen ehemaligen Literaturprofessor Harry Quebert. Und kurz nachdem er zu diesem wieder Kontakt aufgenommen hat, erhält er einen verstörenden Anruf. Auf dem Grundstück von Harry Quebert wurde bei von ihm in Auftrag gegebenen Gartenarbeiten das Skelett einer weiblichen Leiche mit einer Ledertasche gefunden. Besonders prekär – in dieser Ledertasche ist das Manuskript seines großen Romans „Der Ursprung des Übels“ mit einer handschriftlichen Widmung „Adieu, allerliebste Nola“. Sofort wird natürlich vermutet, dass es sich bei der Leiche um die seit dreiunddreißig Jahren vermisste Nola handelt. Und der große Autor Harry Quebert ist plötzlich der Bösewicht. Er wird verhaftet und eine Hexenjagd bricht los. Ist der großartige Autor Harry Quebert ein Kinderschänder, der als Mittdreißiger etwas mit einem fünfzehnjährigen Mädchen hatte? Und sein großer Roman beschreibt ausgerechnet diese Geschichte? Die ganze Öffentlichkeit ist dieser Meinung und sofort wird ein ganzes Leben vernichtet. Einzig Marcus Goldman glaubt nicht an die Schuld seines Freundes. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und bekommt plötzlich anonyme Briefe, die ihn auffordern, dies zu unterlassen. Ihm zur Seite steht der ermittelnde Polizist Perry Gahalowood. Beide kommen einer ungewöhnlichen Geschichte auf die Spur. Immer wieder, wenn sie denken, dass sie endlich die Lösung des Falls gefunden haben, gibt es doch noch eine neue Wendung.

Dies ist ein ganz ungewöhnlicher Roman. Zum einen erzählt er die Geschichte einer ganz großen Liebe zwischen der fünfzehnjährigen Nola und dem Autor Harry Quebert. Zum anderen erfährt man sehr viel über die Entstehung von Romanen und die Macht, die Verlage haben, bzw. wie sie versuchen auf Autoren Einfluss zu nehmen. Dann ist es die sehr spannende Ermittlung in dem Kriminalfall um die ermordete Nola Kellergan. Und nicht zuletzt ist es ein großartiger Gesellschaftsroman über das Leben in der Kleinstadt Aurora in 1975 und 2008. Der Autor versteht es wirklich einen mitzureißen. Ich konnte das Buch nicht zur Seite legen – nur wenn ich es tatsächlich musste. Er erzählt die Geschichte auf eine ganz eigene Art und Weise. Er wechselt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit und er zitiert immer wieder aus dem Buch, an dem er gerade schreibt.

Ein unglaublich spannender Roman, der gleichzeitig Krimi und Gesellschaftsroman in einem ist!

ebooks

Stoner

John Williams

EUR 15,99 *
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50

24.10.2014

„Was für ein Leben”

Vielen von Ihnen ist dieses Buch wahrscheinlich schon bekannt, denn es ist ja schon lange ein Bestseller. Ich persönlich hatte mich bisher immer von dem sehr düsteren Cover abschrecken lassen. Doch nachdem ich nun schon von einigen guten Freundinnen gehört habe, dass es so ein fantastisches Buch sein soll, habe ich es endlich auch gelesen. Und ich muss zugeben, sie hatten eindeutig Recht – was für ein großartiges Buch! Sehr überrascht hat mich, als ich am Ende des Buchs gelesen habe, dass „Stoner“ ursprünglich bereits 1965 veröffentlich und erst 2006 wiederentdeckt wurde. Danach habe ich dann auch verstanden, warum mir dieses Buch vorkam wie ein Buch aus einer anderen Zeit.

Doch nun ein wenig zum Inhalt des Buchs. Es wird die Geschichte von William Stoner erzählt. Geboren wurde er 1891 als Sohn eines Farmers im tiefsten Missouri. Durch einen zufälligen Hinweis, dass es ein neuartiges Institut an der Universität in Columbia geben sollte, bei dem man Landwirtschaft studieren kann, wird Stoner von seinen Eltern dorthin geschickt. Seinen Lebensunterhalt muss er sich selbst bei einem Vetter seiner Mutter verdienen. Doch es kommt ganz anders als von der Familie geplant. Stoner besucht einen Pflichtkurs zum Thema Einführung in die englische Literatur. Und nach anfänglichen Schwierigkeiten hat ihn dieses Thema dermaßen fasziniert, dass er beschließt fortan auf englische Literatur umzusatteln. Und so bleibt er bis zu seinem Tod 1956 an dieser Universität. Er verliebt sich und heiratet. Er bekommt eine Tochter. Er unterrichtet leidenschaftlich gern und hat auch einen guten Ruf bei seinen Studenten. Doch obwohl er eigentlich ein unauffälliger Mensch ist, schafft er es einen Kollegen gegen sich aufzubringen. Und dieser versucht sein Leben zu zerstören.

Es ist ein wunderbares Buch, welches sich sehr schwer beschreiben lässt. Es wird das Leben eines Menschen erzählt, der eigentlich einen unglaublichen gesellschaftlichen Sprung geschafft hat, doch aber irgendwie nie angekommen ist. Es ist ein Leben, bei dem ich überlegt habe, ob es ein glückliches oder ein unglückliches Leben ist. Was ist wichtiger und erfüllender? Eine glückliche Beziehung oder ein Beruf, der einen ausfüllt?

Stilistisch und vom Thema erinnert mich dieses Buch sehr an die Bücher des ebenfalls spät wiederentdeckten Autors Richard Yates. Ich kann es Ihnen nur wärmstens empfehlen. Lassen Sie sich nicht von dem Cover abschrecken. Es ist ein tolles Buch, welches einfach verdient, dass es möglichst viele Menschen lesen.

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Die Hummerschwestern

Beverly Jensen

EUR 10,99 *
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50

24.10.2014

„Die Geschichte zweier total verschiedener Schwestern”

Dieser Roman ist das Debüt der kanadischen Autorin Beverly Jensen. Sie erzählt darin die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits.

Der Roman beginnt 1916 in New Brunswick in Kanada, einer kargen, wildromantischen Küstengegend in Kanada. Dort leben die beiden Schwestern Idella und Avis zusammen mit ihrem größeren Bruder Dalton und ihren Eltern. Der Vater verdient den Lebensunterhalt mehr schlecht als recht mit Landwirtschaft. Dalton trägt durch Hummerfang noch zusätzlich zum Lebensunterhalt bei. 1916 sind Idella acht und Avis sechs Jahre alt. Im ersten Kapitel geht die Tragödie der Familie gleich richtig los. Die Mutter stirbt bei der Geburt der kleinen Schwester Emma. Da der Vater den Tod seiner Frau nicht verkraften kann und seiner neugeborenen Tochter die Schuld an dem Tod gibt, gibt er sie der Familie seiner Schwägerin zur Pflege. Die anderen drei Kinder bleiben allerdings bei ihm. So versucht Idella den Haushalt zu führen. Unterstützung sucht die Familie immer wieder bei wechselnden französischstämmigen Dienstmädchen, die nie lange bei der Familie bleiben. Doch irgendwann versuchen die Schwestern dem armen kargen Leben in Kanada zu entkommen und versuchen ihr Glück in den USA.

Beverly Jensen erzählt die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Tante in Kurzgeschichten. Da diese Kurzgeschichten aber immer ihre Familie zum Thema haben, konnte man sie wunderbar zu einem Roman zusammenfügen. Sie sind teilweise unterschiedlich in der Art der Erzählweise. Die meisten Geschichten werden von einem außenstehenden Beobachter erzählt, aber es gibt immer wieder Berichte, die von Idella, Avis oder einer Tochter von Idella erzählt werden. Das Buch gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil ist die Kindheit der beiden Schwestern, danach kommt die Zeit als junge Frauen in den USA, dann die frische Ehezeit von Idella und zum Schluss das Alter.

Es sind herrliche Geschichten von zwei Frauen, die völlig unterschiedlich sind. Idella ist tatkräftig, packt an und ist sehr in sich gekehrt. Ganz anders ihre Schwester Avis. Avis setzt eher auf ihr Äußeres und bezirzt die Männer. Sie durchleben schwere Zeiten, aber sie lassen sich nie unterkriegen und halten doch auch irgendwie immer zusammen.

Leider werden wir keine weiteren Bücher dieser kanadischen Autorin mehr lesen können, denn sie starb mit 49 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ihre Familie hat dieses Buch erst nach ihrem Tode herausgebracht. Vielleicht hätte sie noch etwas daran verändert, aber auch so ist es eine großartige Geschichte geworden.

Für Leser/innen von Elizabeth Strout „Mit Blick aufs Meer“, Annie Proulx „Schiffsmeldungen“ und David Guterson „Schnee, der auf Zedern fällt“.

buch

F

Daniel Kehlmann

EUR 10,99 *
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40

24.10.2014

„Hat mich überrascht”

Die meisten von Ihnen haben wahrscheinlich schon vorher mindestens einen anderen Daniel Kehlmann gelesen. Für mich war es allerdings eine Premiere. Und ich geb es zu, die Lektüre hat mich sehr verwirrt zurückgelassen, denn ich versteh es leider nicht, warum sich alle so mit Lobhymnen für dieses Buch überschlagen. Deshalb hier meine ganz subjektive Besprechung.

Es ist die Geschichte der Familie Friedländer. Sie beginnt 1984 als der Vater und mäßig erfolgreiche Autor Arthur Friedländer mit seinen drei Söhnen zu einem Hypnotiseur fährt. Dieser Besuch verändert die Familie für immer, denn der Vater verlässt sie, um sich fortan nur noch dem Schreiben zu widmen. Und dieses Mal klappt es, er wird erfolgreich. Die restlichen Kapitel spielen in der Gegenwart und erzählen die Geschichte der drei Söhne. Martin ist katholischer Priester geworden, obwohl er nicht an Gott glaubt. Er ist stark übergewichtig und Essen ist seine Sucht. Sein Halbbruder Eric ist ein Finanzberater, der das ganze Geld seiner Kunden verloren und jetzt Panik hat, dass das auffliegt. Eric braucht diverse Tabletten, um sein Leben zu leben. Und Erics Zwillingsbruder Iwan wollte Maler werden, hat es aber nicht geschafft. Jetzt kümmert er sich als Kurator um den Nachlass seines verstorbenen Lebensgefährten. Eric hat Visionen, fühlt sich verfolgt, weiß aber nicht, ob diese Visionen ihm oder seinem Zwillingsbruder gelten. In allen drei Kapiteln der Brüder, taucht ein bestimmter Mensch wieder auf, der für einen der drei zum Verhängnis wird.

Das Buch hat sich größtenteils sehr spannend und unterhaltsam gelesen. Etwas verwirrt haben mich gerade die Visionen von Eric und ein Kapitel mittendrin, welches ich überhaupt nicht verstanden habe. Es ist eine Erzählung, die der Vater Arthur geschrieben hat. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, was an diesem Roman so besonders sein soll? Soll es ein Sinnbild für unsere heutige Welt sein? Steht Arthur für die Allgemeinheit, die sich völlig in sich selbst zurückgezogen hat? Stehen die drei Söhne für die Werte, die uns abhanden gekommen sind? Jagen wir nur noch dem Geld und falschen Werten nach? Haben wir den Glauben verloren?

Ich habe diesem Buch jetzt 4 Sterne gegeben, weil es sich gut, flüssig, teilweise amüsant, teilweise philosophisch liest, ich es aber nicht wirklich verstanden habe. Und ich habe leider nicht die Bezugspunkte zu den früheren Romanen gehabt wie meine Kollegin Anne Baldauf aus Leipzig. Vielleicht bin ich dafür einfach nicht intellektuell genug!

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40

24.10.2014

„Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft”

„Winterfeldstraße, 2. Stock“ ist ein Debüt und doch kein Debüt. Johanna Friedrich ist nämlich ein Pseudonym einer bekannten deutschen Autorin, die dieses Mal bei einem anderen Verlag veröffentlicht hat.

Johanna Friedrich erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft in einer schwierigen Zeit. Charlotte Berglas ist eine junge Frau, die glücklich verheiratet war bis zu dem Tag, an dem ihr Mann tot aus dem Landwehrkanal gezogen wurde. Alle gehen davon aus, dass es entweder ein Unfall oder Selbstmord war, nur Charlotte selbst nicht. Die Geschichte beginnt Anfang der zwanziger Jahre. Charlotte und ihrem Mann gehört eine Wohnung in der Winterfeldstraße in Berlin. Zum Zeitpunkt des Todes ihres Manns ist Charlotte gerade im fünften Monat schwanger. Geld hat sie keins mehr, denn ihr Mann war als Porträtfotograf schon längere Zeit ohne Arbeit. Inzwischen hat sie auch nichts mehr in der Wohnung, was sich noch versetzten ließe. Dazu kommt noch das Problem, dass ihr jüngerer Bruder Gustav immer wieder in Schwierigkeiten gerät. Allerdings kommt er, wenn auch nicht ganz uneigennützig, auf die geniale Idee, dass sie Zimmer untervermieten sollte. Ihre ersten Bewohner sind Gustav und sein bester Freund, der der Lange genannt wird. Es folgt Theo von Baumberg, ein etwas undurchsichtiger junger Adeliger. Und per Zufall lernt Charlotte noch Claire, eine lesbische Bardame, die schon in den Fünfzigern ist, kennen. Damit ist die Wohngemeinschaft dann komplett. Und so verfolgen wir Leser das Leben dieser 5 Menschen bzw. 6 Menschen bis es zu einem großen Knall kommt.

Die Autorin schafft es, diese schwierige Zeit in einem unterhaltsamen Roman wieder auferstehen zu lassen. Wir erfahren, wie schwierig die Situation nach dem 1. Weltkrieg für alle Menschen war und wie unterschiedlich sie damit umgegangen sind. Es gibt in diesem Roman Kleinkriminelle, Kommunisten und Nazis und sogar einen Eintänzer. Die Geschichte ist ausgesprochen spannend erzählt und wird zum Ende sogar fast zum Krimi. Und die Liebe kommt natürlich auch nicht zu kurz.

Eine wunderbare Lektüre für die Leserinnen, die das Buch „Als wir unsterblich waren“ von Charlotte Roth ebenso geliebt haben wie ich.

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40

24.10.2014

„Eine Frau und drei Männer”

Die Meisten von Ihnen kennen Bernhard Schlink wahrscheinlich durch seinen Erfolgsroman „Der Vorleser“. Und seitdem ist er immer ein Garant für sehr gut geschriebene Bücher gewesen. Also war ich sehr neugierig, wie sein neuester Roman wohl sein würde.

Diesmal erzählt er die Geschichte von drei Männern, die Ende der sechziger Jahre alle in die gleiche Frau verliebt waren. Jetzt treffen sie wieder aufeinander und haben einiges aufzuarbeiten. Und dann gibt es da noch das Bild, welches titelgebend für das Buch war. Doch jetzt der Reihe nach. Der Ich-Erzähler ist ein erfolgreicher Anwalt, der gerade geschäftlich in Sydney weilt. Als er eine Art Gallery aufsucht, entdeckt er das Bild „Die Frau auf der Treppe“, welches lange als verschollen galt. Und er erinnert sich zurück an die Zeit, in der er das Bild zum ersten Mal gesehen hat. Als junger Anwalt musste er nämlich einen Konflikt zwischen dem Maler Karl Schwind und dem Käufer Gundlach schlichten. Der Grund für diesen Konflikt war Irene Gundlach, die Ehefrau, die ihren Mann allerdings für den Maler verlassen hat. Und dann verschwindet sie eines Tages spurlos mit dem Bild. Über einen Privatdetektiv findet der Anwalt in Sydney heraus, wo Irene Gundlach jetzt wohnt und macht sich auf den Weg zu ihr. Doch auf diese Idee kam er nicht alleine, und somit treffen alle vier Protagonisten von damals wieder zusammen und versuchen ihre Konflikte von damals endgültig zu klären.

Man merkt diesem Buch an, dass Bernhard Schlink Anwalt ist, denn es geht u.a. darum, wer welche Rechte an einem Bild hat. Und sein anderes Lieblingsthema ist die politische Situation in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Beide Themen werden in dem Buch gestreift, hätten nach meinem Empfinden aber durchaus einen größeren Platz einnehmen dürfen. Gerade das Leben der Irene Gundlach hätte mich persönlich eigentlich am meisten interessiert. Denn es ist ein sehr interessantes Leben, welches auch ein Stück innerdeutscher Geschichte behandelt, welches noch nicht wirklich aufgearbeitet wurde. Doch das ist nicht der Schwerpunkt dieses Buches, sondern die Interaktion der einzelnen Protagonisten zueinander. Herausgekommen ist ein Kammerstück, welches ich mir sehr gut auf einer Theaterbühne vorstellen kann.

Bernhard Schlink kann einfach sprachlich und stilistisch unwahrscheinlich gut schreiben. Allerdings hat mich dieses Mal der Plot etwas enttäuscht, so dass ich dem Buch deshalb nur 4 von 5 Sternen geben konnte.

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