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In 180 Tagen um die Welt

Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl

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Artikeldetails zu In 180 Tagen um die Welt

AutorMatthias Politycki

Untertitel Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl

Abbildungsvermerk zahlreiche Farbfotos, 1 zweifarbige Übers.-Kte. 20,5 cm

  • ISBN-103-442-47113-3
  • ISBN-139783442471133
  • Verlag Goldmann Taschenbuch
  • ReiheGoldmanns Taschenbücher
  • EinbandartTaschenbuch
  • Seiten389
  • Veröffentlicht09.11.2009
  • Gewicht507g
  • SpracheDeutsch

Leseprobe aus In 180 Tagen um die Welt

Müßig zu sagen, daß sämtliche Figuren - einschließlich derjenigen, die Namensgeber aus der wirklichen Wirklichkeit haben - bloße Phantasiegestalten sind; auch das Schiff selbst ist nicht dasjenige gleichen Namens, wie man es aus konkreter Anschauung kennen mag. Ausdrücklich betont sei, daß meine tatsächliche Reise im vorliegenden Buch nicht geschildert wird; diese war, alles in allem, eine einmalige Erfahrung. Gewiß, auch an Bord eines realen Luxusschiffes gibt es das eine oder andre Skurrile zu entdecken; aber im Rückblick überwiegen die eindrucksvollen Erlebnisse bei weitem. Ergäbe sich die Gelegenheit, ich würde jederzeit wieder an Bord der EUROPA gehen - wenn auch vielleicht nicht gleich wieder ein halbes Jahr lang.MP


Vorbemerkung
Johann Gottlieb Fichtl - «der Fichtl Hannes», wie er sich selber vorstellte -, zufällig bin ich ihm gleich am ersten Abend unsrer Reise begegnet: in der Sansibar, 9er-Deck achtern. Er hing am Tresen, mit dem Rücken zur Heckverglasung, des nächtlich glimmernden Istanbul mit seinen phantastisch wechselnden Kulissen nicht achtend - ein drahtiges Kerlchen, Busfahrerbrille, beginnende Halbglatze, Anfang Vierzig vielleicht und in einem Anzug, der ihm ganz gewiß zu groß geschnitten war. Vor allem mit einer Motivkrawatte geschmückt, die in lätzchenhafter Breite eine Art Cheshire-Katze präsentierte: Sie zwinkerte dem Betrachter je nachdem, von welcher Seite man sie beschielte - und das taten wir laufend -, mit dem linken oder rechten Auge zu. So fett die Katze, so sehnig ihr Besitzer, und wäre er nicht schon betrunken gewesen, er hätte sich mit seinen knochig langen Fingern gewiß nicht länger an allem festgehalten, das Tresenkante, Männerschulter, Bierglas, Handtasche hieß, sondern sich rechtschaffen fehl am Platz gefühlt und: aufs Pazifik-Deck verzogen, Kabine 556, wo er sich vor wenigen Stunden einquartiert hatte.
So aber tönte er, als sei er hier längst wohlbekannt und -gelitten, im dunkelkehligen Idiom des Bayerischen Waldes, dessen Einzelbrocken sich meist nur aus dem Gesamtgefüge seiner Ausführungen erschlossen, befragte seine Tresennachbarn und bald jeden im Raum, ob wer eine Ahnung habe, wie er wohl hierhergekommen sei, «n-n-nach EUROPA», er brachte die Worte kaum mehr zusammen, wollte jedoch «jede W-W-Wette halten», daß es keiner errate. Der Vollmundigkeit seiner Beteuerungen zum Trotz stammelte er sich mit Müh und Not voran, brach mitten im Satz ab, schwieg inbrünstig, der prächtig beleuchtete Bosporus hinter ihm zusehends ins Tintenschwarze entfunkelnd, um dann mit plötzlicher Verve und annähernd flüssig zu verkünden: Auch seine Katze habe nach dieser langen Anreise Durst. Nämlich aufs Operator, das ihm sein «Freund» - er meinte den Barkeeper, der dezent dazu schwieg -gezapft habe. Operawiebitte? Hier in der Sansibar? Zweifelsohne der Rest eines Sonderpostens für irgendeinen Stammgast; und Fichtl hatte ihn aufgespürt, so gründlich aufgespürt, daß ihm die Zunge bereits bockbiermäßig angeschwollen war, die Worte in jedem Moment davon abzurutschen drohten, im-m-mer m-mußte er mit M-M-Macht nachf-f-fassen. Doch so hilflos er seinen Silben hinterher war, so zielsicher schritt er zur Tat, gab seiner Katze tatsächlich zu trinken, indem er, wiederum wortlos konzentriert, das Ende der Krawatte tief in sein Glas hineintauchte. Und dort eine ganze Weile, schweigend, beließ. Als er es schließlich wieder herauszog und abrupt zügig «n-nach Hause» aufbrach, der Biertropfenspur am Boden nicht weiter achtend, blickte man sich mehr oder weniger pikiert an; nur eine Dame im grauschwarz karierten Religionslehrerinnenkostüm spekulierte, wer's mit einer solch feisten Katze hierher geschafft habe, der halte auch noch ganz anderes Getier in petto, der müsse «ein Großer sein, ein ganz Großer».
So betrunken habe ich Fichtl nie wieder gesehen. Wenige Tage später, bei unsrer zweiten Begegnung, trug er einen Schlips mit der Ansicht bunt zusammengewürfelter bayerischer Devotionalien, unglücklicherweise hatte er die steil daraus hervorzwiebelnde Kirchturmspitze im Krawattenknoten abgeklemmt. Er selbst erschien mir diesmal fast zierlich, ja zerbrechlich; und was ich ursprünglich für die Wirkung des Operators gehalten, entpuppte sich jetzt als sein Hauptcharakteristikum: «S-S-Sie sind also d-dieser Sch-Sch-Schriftschreiber?» Er stotterte. Stark. Müßig zu sagen, daß er sich nicht nur meiner, sondern der besonderen Aufmerksamkeit aller Mitreisenden sicher sein konnte, daß er unsere Neugier nur umso mehr befeuerte, als er Fragen über die näheren Umstände seiner Reise wie zu seiner Person stets ausweichend beantwortete. Beziehungsweise von vornherein aus dem Weg ging; dieser Fichtl vertraute, wie wir mittlerweile wissen, allein seinem Logbuch, und so stockend er im mündlichen Ausdruck vorankam, so überraschend flüssig gingen ihm dort allem Anschein nach die Sätze von der Hand, als ob er im schriftlich Fixierten noch zu überbieten suchte, was er sich durch Schweigen tagtäglich verkniff. Erstaunlich, daß ein Mensch mit solch schlechtem Geschmack überhaupt zu solch gewählten Formulierungen fand - von einer buntbedruckten Motivkrawatte läßt sich anscheinend doch nicht auf deren Träger und seinen Intellekt schließen. Daß in Fichtls Aufzeichnungen freilich kein einziges Wort über all die Nachfragen und mitunter peinlichen Situationen fällt, in die ihn sein Stottern während der Reise immer wieder brachte, halte ich für bezeichnend, ja augenöffnend, was sein Logbuch als Ganzes betrifft - schade.
Der falsche Mann auf dem falschen Schiff? Mit einem Mal war er dort jedenfalls «ein Großer, ein ganz Großer», mythenumrankt. Was wir tatsächlich von ihm wissen, ist wenig, er stammt aus Oberviechtach, einem Örtchen im Oberpfälzer Wald, wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt, und obwohl er seit annähernd zwanzig Jahren beim Münchner Ausweichfinanzamt in Passau beschäftigt war, mittlerer Dienst, fuhr er am Wochenende regelmäßig heim zu seiner Mutter bzw. seinen Oberviechtacher Freunden, zum Stammtisch im Adabei, sogar sommers, wenn sich der Rest der Welt im Kramerlgarten traf.

Rezensionen der Redaktion zu In 180 Tagen um die Welt

"Eine Kreuzfahrt, die ist lustig zumindest, wenn sie von einem Autor wie Matthias Politycki humoristisch aufbereitet wird." Der Spiegel

Kurzbeschreibung zu In 180 Tagen um die Welt

»Ganz großes Gesellschaftskino.« Berliner Morgenpost


Johann Gottlieb Fichtl, ein kleiner Finanzbeamter und Motivkrawattenträger aus dem Bayerischen Wald, ermöglicht ein Lottogewinn das Abenteuer seines Lebens: eine Weltreise auf dem besten aller Kreuzfahrtschiffe, der Europa. Ein Unterfangen, in dessen Verlauf er es nicht nur mit bezaubernden Hochstaplern und verzauberten Damen, sondern auch mit lebenden Frühlingsrollen, Mitternachtsigeln und einer ganzen Herde Kielschweine zu tun bekommt.


Mit Johann Gottlieb Fichtl, einem kleinen Finanzbeamten aus dem Bayerischen Wald, auf der MS Europa rund um die Welt.


Autorenportrait zu In 180 Tagen um die Welt

Matthias Politycki, 1955 in Karlsruhe geboren, lebt in Hamburg und München. Sein umfangreiches Werk umfasst Prosa, Essays, Lyrik und Romane wie die Bestseller „Weiberroman“, „Ein Mann von vierzig Jahren“ sowie den Erzählband „Das Schweigen am anderen Ende des Rüssels“. Matthias Politycki gilt als einer der renommiertesten Vertreter der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Darüber hinaus hat er sich als streitbarer Autor profiliert, der mit Lust und Laune über den Stellenwert der Kunst in unserer Gesellschaft debattiert.

Portrait

Matthias Politycki:
Matthias Politycki, geb. 1955 in Karlsruhe, besuchte die Schule in Ottobrunn und München. Nach dem Abitur studierte er von 1975 bis 1987 Neuere deutsche Literatur, Philosophie, Theater- und Kommunikationswissenschaft an den Universitäten München und Wien. 1981 erlangte er den Grad eines Magisters, 1987 promovierte er bei Walter Müller-Seidel in München zum Doktor der Philosophie. Nach drei Semestern Lehrtätigkeit als Akademischer Rat am Münchner Institut für Deutsche Philologie wechselte er 1990 zum Beruf des freien Schriftstellers. Er lebt in Hamburg und München. 2009 erhielt er den Münchner Ernst Hoferichter-Preis.

Autorenportrait

Matthias Politycki, 1955 in Karlsruhe geboren, lebt in Hamburg und München. Sein umfangreiches Werk umfasst Prosa, Essays, Lyrik und Romane wie die Bestseller „Weiberroman“, „Ein Mann von vierzig Jahren“ sowie den Erzählband „Das Schweigen am anderen Ende des Rüssels“. Matthias Politycki gilt als einer der renommiertesten Vertreter der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Darüber hinaus hat er sich als streitbarer Autor profiliert, der mit Lust und Laune über den Stellenwert der Kunst in unserer Gesellschaft debattiert.

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50

13.05.2011

„Doch mal Lotto spielen?”

von einer Kundin oder einem Kunden Top-10 Rezensent Top 10 Rezensent
Tja,daß ist die Frage.Denn wenn man den Reisebeschreibungen des Lottogewinners Fichtl folgt,bekommt man Lust auf der Stelle loszureisen.Wunderbar erzählt und mit zahlreichen Fotos gespickt,fahren wir mit Johann Gottlieb Fichtl mit,der uns seine Reiseerlebnisse nahebringt.Einfach klasse.Ab 12 Jahren ganz toll zu lesen.

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50

05.05.2011

„Und immer wieder "My Way"”

von einer Kundin oder einem Kunden
Johann Gottlieb Fichtl, ein „einfacher Finanzbeamter aus dem bayerischen Oberviechtach“, gewinnt eine Weltreise im Lotto, und das auch noch auf der MS „Europa“, dem wohl luxuriösesten Kreuzfahrtschiff der Welt. Den Daheimgebliebenen muss Fichtl minutiös berichten, wie es an Bord zugeht und was er in den (etwas mehr als) 180 Tagen seiner Weltreise erlebt, und dabei kommt auf knapp 400 Seiten allerhand zusammen: Dass z. B. nicht jeder, der vorgibt reich und berühmt zu sein, dies auch tatsächlich ist. Dass sich die Bordband über den Besuch von Roberto Blanco freut, weil sie dann endlich mal etwas anderes spielen kann als immer nur „My Way“. Und dass alle anderen Kreuzfahrtschiffe als die MS „Europa“ sowieso nichts weiter sind als „fahrende Plattenbauten“. Jeder Reisetag bekommt eine Doppelseite inklusive Foto, so dass das „Logbuch des Johann Gottlieb Fichtl“ (Untertitel) auch in handlichen Teilen konsumiert werden kann. Danach ist man dann allerdings allein von den Beschreibungen der Menüfolgen ein paar Kilo schwerer geworden. Und Fernweh bekommen hat man auch noch. Fehlt eigentlich nur noch der Lottogewinn!

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40

04.12.2009

„In 180 Tagen um die Welt”

von einer Kundin oder einem Kunden

Es ist ein bisschen so, als würden wir einem Georg Forster oder Charles Darwin mit Humor auf seiner Welt- und Entdeckungsreise folgen in Matthias Polityckis "In 180 Tagen um die Welt". Der einfache Finanzbeamte Johann Gottlieb Fichtl aber ist es, auserwählt von seiner Tippgemeinschaft so den gemeinsamen Lottogewinn zu verwenden, den wir auf das Kreuzfahrtschiff begleiten. Da trifft dann nicht nur das Schiff auf die Welt - und das bedeutet bald jeden Tag der Reise auf eine neue und fremde Kultur mit ihren Bewohnern, also quasi ein Biotop auf ein anderes - da trifft auch auf auf dem Schiff so einiges aufeinander das ausserhalb dieser Welt aus gutem Grund voneinander getrennt lebt. Politycki lässt den Fichtl Johann nach Hause berichten. Jeden Tag ein Foto, jeden Tag ein Tagebucheintrag. Und mit jedem Tag tauchen wir tiefer ein in das skurrile, unheimliche, vergnügliche, abstossende, seltsame Universum Kreuzfahrtschiff. Ein großes Vergnügen, man muss sich nur darauf einlassen.

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