Neukunde?

Hier starten

Erweiterte Suche
Name:
peter marnet
Ort:
Duisburg
Rezensionen:
2 Rezensionen
Bewertung:

hilfreich: 4

nicht hilfreich: 0

peter marnets Rezensionen

20

09.10.2011

„Eine Historie im falschen Kleid des Romans”

Gegenstand des Buches ist das ausgehende 19. Jahrhunderts. In diese Zeit des geistigen und politischen Umbruchs versetzt Umberto Eco seinen Hauptmann Simonini. Diesen lässt er die Jahrzehnte um 1870 als Spion in diversen Geheimdiensten erleben, auf Reisen, die von Italien bis nach Russland führen. Er lässt ihn Rückschau halten auf seine Kindheit im Haus des Onkels, der ihn im Hass auf Juden, Jesuiten, Freimauer und Nationalisten erzogen hat. Wir begleiten ihn als Fälscher, Spion und Intigrant auf seinem Weg durch die vorrevolutionären Unruhen und die verschiedenen Kriegshandlungen. Er zettelt Verschwörungen an, kompromittiert einflussreiche Politiker und spielt in jedem undurchsichtigen Spiel eine undurchsichtige Rolle. Fälschungen aller Art sichern ihm, dem Genießer der lokalen Gourmetfreuden, einen oppulenten Lebensstil. In allem versucht er seine feiste Haut zu retten, schreckt auch vor Mord nicht zurück. Er versucht Beobachter zu bleiben und muss doch ständig um sein Leben kämpfen.


Das Buch liest sich flüssig, ist reich bestückt mit Bildern und Eindrücken der beschriebenen Zeit. Es fällt uns leicht, Simonini in sein Leben und seine Zeit zu folgen. Detaillreich und kundig breitet Umberto Eco die Zeit vor uns aus. Alte Graphiken unterstreichen den Eindruck, ein Buch zu lesen, das zeitauthentisch ist. Um Simonini herum wechseln die Gegen- und Zuspieler, sodass wir jedem unmittelbar (wie Freud) und mittelbar (wie Marx) begegnen können, der in dieser Zeit eine historische Rolle gespielt hat.

Umberto Eco ist ein guter Fabulierer, der seine historischen Kenntnisse unterhaltsam und fesselnd zu vermitteln weiß. Hauptmann Simonini bleibt dabei seltsam blass und durchscheinend. Allein dann kommt er zum Leben, wenn er schmaust und trinkt. Nun meinen wir Umberto Eco selbst zu sehen, der sich nach einer Lesung über die lokale Küche hermacht.

Aus zwei Perspektiven wird der Roman erzählt. Simonini blickt auf seine Zeit. Ein hinter ihm Stehender blickt auf Simonini. Nötig ist die zweite Ebene nicht, eigentlich trägt sie nur zur Verwirrung bei. Eine zweite Persönlichkeit, die sich selbst als abgespalten in Frage stellt, soll den Roman vermutlich auf eine philosophische Ebene heben. Als wolle der Autor mit unserer Leserperspektive spielen. Darin überschätzt er sich maßlos. Eigentlich erzählt Umberto Eco nur die Biographie eines mäßig interessanten Lebemannes vor aufregendem geschichtlichem Hintergrund nach. Um den Leser zu verunsichern wird die Handlung mal aus der Nähe, mal mit Abstand erzählt.

Dies ist nicht virtuos gelöst, sondern ein schlichter Kunstgriff, denn die Handlung ist alles andere als komplex. So tritt der Roman literarisch, ja philosophisch auf, obwohl er sich eng an die historischen Quellen anlehnt. Es ließe sich berechtigt die Frage stellen, ob dieses Buch überhaupt ein literarisches Werk ist und nicht eher ein historisches Sachbuch um einen fiktiven Spion.

Als Historie hat das Buch alle Vorzüge, als Roman ist es gründlich misslungen. Ein Leser, der einen Roman wie 'Im Namen der Rose' erwartet - spannend und lebendig vor einen historischen Hintergrund gestellt - wird enttäuscht sein. Mehr als kundige Einblicke in eine aufregende Zeit vermag Umberto Eco in diesem Buch nicht zu bieten.

4 von 4 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.

buch

Wittgenstein

Raouf Khanfir

EUR 16,90 *
auf Merkliste

40

29.07.2011

„Mrco H. ermittelt - abseits der Schablonen”

Landvermesser K. aus Kafkas >Das Schloss< reist aus Montreal an, um im heutigen Wittgenstein das Erbe einer ihm unbekannten Großtante anzutreten und einen Serienmord aufzuklären.

Marco H. ist der Landvermessser K., den der Autor in die heutige Zeit versetzt hat. Ein sympathischer Nichtsnutz, der das Leben in Montreal genießt und sich treiben lässt.

Nachhaltig wird seine Ruhe durch ein Schreiben des Amtsgerichtes Bad Berleburg gestört, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er von seiner Großtante ein Haus im deutschen Wittgenstein geerbt hat. Er beschließt aus seinem Leben in Montreal auszusteigen und in ein neues Leben in Wittgenstein einzusteigen. Er renoviert das geerbte Haus, besorgt sich eine neue Freundin und einen neuen Job. Störend ist nur, dass in seiner neuen Umgebung ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Nun, dieser Fall will aufgeklärt sein, ehe das neue Leben von Marco H. endgültig bezugsfertig ist.

Erzählt wird zum einen aus der Perspektive von Marco H., vor dessen Augen die Geschehnisse wie ein Film ablaufen. Er ist kein Typ, der das Leben nah an sich herankommen lässt. Es sind immer ein paar leere Sitzreihen vor ihm. Zum anderen wird aus der Perspektive des Serientäters geschildert. Dessen Aufgeregtheit bildet den Kontrast zu Marco H.'s Gleichmut. Die Sprache ist in beiden Fällen schmucklos und gegenständlich. Die Haltung des Erzählers ist wohltuend trocken und gelassen.

Das Leben, das sich um Marco H. bildet, besteht aus Relitäten wie Haus, Job, Freundin sowie aus übernatürlichen Erscheinungen - nicht anders als in Kafkas >Schloss<. Die Großtante ist zwar gestorben. Dies hält sie aber nicht ab, das Haus als durchaus realer Geist zu bewohnen. Ein ehemaliger Nachbar aus Montreal zeigt sich nicht nur dort, sondern auch in Wittgenstein über jeden Schritt von Marco H. informiert.

Der Einstieg in das Buch ist reichlich philosophisch. Doch bald sind die ganzen geistvollen Anklänge nur Beiwerk, weil sich die Story schnell und zunehmend fesselnd entwickelt. Marco H. leidet nicht an seiner Existenz, verliert sich nicht in Deutungen seines Ichs, sondern lebt locker, fröhlich und oberflächlich vor sich hin. Irgendwie will die philosophische Anlage des Buches nicht zu diesem Typen passen. Das ist auch gut so. Die eigentliche Stärke des Buches ist, wie Marco H. quasi im Schongang einen Serienmörder überführt, als tapeziere er ein Zimmer. Irgendwie ist Marco H. in diesem Buch nicht anders ein Fremder als in Wittgenstein.

Die Kapitel aus der Sicht des Serienmörders bieten nichts Neues. Sie sind nicht schlecht, aber doch deutlich schwedische Kost. Die Schilderung der Wittgensteiner ist eine der Stärken des Buches. Mit ein paar Worten kommen die Personen und ihr Alltag zum Leben. Dieser Autor hat muss sich Lebenswirklichkeit nicht zurechtkonstruieren. Er teilt sie mit den Wittgensteinern.

Aufs Ganze gesehen hat sich der Autor nicht aus der reichlich bestückten Schablonenvitrine des Serientätergenres bedient. Sein Ansatz ist völlig neu. Dieser Marco H. purzelt in ein fremdes Leben, in einen ungelösten Kriminalfall, in ein philosophisches Buch. Das hat Klasse und ist auf jeden Fall lesenswert. Dieser Autor wird noch von sich reden machen.