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Michael Lehmann-Pape Top 100 Rezensent
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17

Michael Lehmann-Papes Rezensionen

30

21.05.2013

„Na ja”

Neben dem TV-Hype, der nun doch schon eine geraume Zeit dem Kölner „Pseudo-Glitzer-Glamour Paar“, in Monaco lebend, eine breite Öffentlichkeit beschert, samt (was immer das heutzutage bedeuten mag) „Kult-Status“ in gewissen Kreisen, nutzt das geschäftstüchtige Paar (wobei hier Robert zumindest öffentlich diese Rolle immer einnimmt) nun auch den Buch und Audiobook Weg, um seine „Lebensweisheiten“ unter entsprechend ausufernder Selbstdarstellung unters Volk (natürlich möglichst gewinnbringend) zu bringen.

Letztlich ist das eine reine Geschmackssache, wieweit man dieser „idealen Lebensvorstellung des „einfachen Mannes“ (und Frau)“ sein Gehör schenkt oder meint, tatsächlich aus all den simpel-philosophischen Ergüssen der aber ganz einfachen, materiellen Art irgendeine Art von Gewinn außerhalb einer kurzfristigen (in Teilen leicht bis sehr gequälten) Unterhaltung zu finden.

Aber das Dschungel-Camp ist ja auch „Kult“ und findet hohe Einschaltquoten, so scheint die Zeit reif für entweder ein wenig Fremdschämen oder die Öffnung der Tür für brachiale Lebenshaltungen.

„Geld, Geld, Geld“!, letztlich ist es das, worum sich das Leben der Familie Geiss dreht. Mit einfachen Begründungen und letztlich nichts anderem in der Tasche, als dem unerschöpflichen Kinder-Weihnachtswunschzettel des Mannes und der Frau aus einfachen Verhältnissen.

Spaß, Aktion und das Ganze als Materialschlacht auf teurem Niveau, daneben eine „Pack an und zieh es durch“ Erfolgsbotschaft und die Motivation zieht man dann aus dem heraus, was andere an „Größerem und Besserem“ haben oder was der Markt an Luxusartikeln (vornehmlich Autos und Schuhe, die Freuden des einfachen Geistes) hergibt. Wenn da einer eine paar Meter längere Yacht hat, dann aber geht Robert in Spur (oder ging es zumindest zu Zeiten, wie er selbst seine Grundmotivation von damals schildert).

Unbenommen der Motive und der Füllung der Lebenszeit (was letztlich ja jedem selbst zu weiten Teilen überlassen ist) schwingt durchaus mit, dass Arbeit und Leistung am Anfang dieses Weges standen. Bei aller fast Lächerlichkeit im generösen und pseudo-souveränen Auftritt hört man diese Untertöne im Audiobook schon klar durch, was die Anfänge des „großen Geldes“ anging. Ebenso, wie tradierte Werte (eher unreflektiert) auch heute noch im Alltag, gerade der Kindererziehung, durchdringen.

Überwiegend aber darf nun auch der Hörer (und Leser) staunend betrachten, wie die Antriebskraft eines „seinen Wert unbedingt zeigen wollen“ in Verbindung mit kindlicher „Spielfreude“ durchaus eine materiell erfolgreiche Nische im Leben zu finden versteht.

Ein Hörbuch, das die Welt nicht unbedingt braucht und eine Lebenshaltung mit zweifelhaftem Vorbildcharakter, dennoch plastisch dargestellt und für jene, die es interessiert, sicherlich unterhaltsam zu hören.

50

21.05.2013

„Die Wurzeln durchaus vielfach noch geläufiger Redwendungen”

Dass die „Achillesferse“ bei Homer eine tragende Rolle spielt und seit dem die (teilweise einzig) verwundbare Stelle und Schwäche eines Menschen bezeichnet, dass ist sicherlich den meisten Lesern durchaus geläufig.

Das aber ein „Geh mir aus der Sonne“ bis heute immer wieder sprachlich aktuell gewesen ist und schon der große Alexander diesen Satz sich anhören musste, das wird schon ein wenig schwerer.

Und „den Faden verlieren“, dass diese Redewendung schon so alt sein soll, das ist doch erstaunlich.

Wobei „den Rubikon überschreiten“ dann wieder etwas vertraut, bekanntes aus dem Lateinunterricht ist, genauso wie die „gefallenen Würfel“.

Gerhard Wagner geht vielen, vielen bekannten Redewendungen nach und führt den Leser auf Spurensuche bis weit in die Antike, ins alte Griechenland und Rom hinein. Und erläutert dem Leser ebenso, dass die Namenswahl „Phaeton“ für VW nicht unbedingt eine glückliche Wahl war, wie ein „Scherbengericht“ erleben ebenso eine anstrengende Erfahrung ist.

In seinen komprimierten, knappen, aber prägnanten Erläuterungen eröffnet Wagner dabei nicht nur den Blick auf die originäre Herkunft der konkreten Redwendung, sondern bietet auch ein stückweit kulturelles Umfeld und Einblick zudem.

„Wenn man sich mit Redewendungen beschäftigt, wir man unweigerlich in andere Zeiten und Kulturkreise versetzt“.

Das gelingt Wagner durchaus mit diesem unterhaltsamen Buch, das man vielleicht nicht in einem durch liest, durchaus aber immer wieder einmal hervorholt, um auch den eigenen kulturellen Wurzeln in unterhaltsamer Weise auf die Spur zu kommen.

50

21.05.2013

„Lilly Höschen und die liebe Freundschaft”

Da ist dieses Bild, das seit langer, langer Zeit im Treppenaufgang des herrschaftlichen alten Hauses hängt. Und dass in mysteriöser Weise sich ab und an verändert. Ohne, dass jemand anders Hand angelegt hätte. Und dabei die Zukunft vorwegnimmt, zumindest, was merkwürdige Todesfälle angeht.

Und nun hat es sich wieder verändert und der Bewohner des Hauses, Ferdinand, enger Freund von Lilly Höschen weiß nicht, was genau denn nun passieren könnte.

Was er aber weiß ist, dass sein Neffe anreist. Mit dessen Frau und Schwiegermutter und das dies nur schwer zu ertragen sein wird . Was die arrogante Anspruchshaltung vor allem der Schwiegermutter angeht.

Dabei fühlt sich Ferdinand doch ausgesprochen wohl in seiner Ruhe und seinem Leben ganz für sich. Verständlich angesichts der Verwicklungen um seine eigene enge Familie damals, vor allem sein Bruder hat für einiges an Aufregung gesorgt. Aber auch er selbst wird Altlasten noch begegnen, die ihm gar nicht so bewusst waren.

Gut also, dass Lilly zu Besuch eilt. Um ihren Ferdinand zu unterstützen. Und gut, dass Lilly weder auf den Mund gefallen noch lebensunpraktisch noch alterssenil daher lebt. Denn so ist sie in der Lage, so manchen arroganten Verwandten Kontra zu bieten und Ferdinand beizustehen, als es zum Zusammentreffen mit einem älteren Mann kommt, der in ganz besonderer Beziehung zu ihm steht. Ganz zu Schweigen von diesem überaus gefährlichen Menschen, der im Auftrag einer mexikanischen Drogenmafia vor der Haustür erscheinen wird. Und en auch erotischen Veränderungen und Interessenlagen, die sich herausbilden werden.

Was all diese Beteiligten miteinander zu tun haben? Helmut Exner erklärt es.
In überlegter Sprache mit durchaus (wie schon gewohnt) exotischen und originellen Protagonisten und internen Verwirrungen und Verwicklungen, samt einer alten Dame (Lilly) an der Spitze, die für alles burschikos eine Lösung findet. Neben diesem Hauptfade der Erzählung darf vor allem die Hintergrund Geschichte Stefans, jenes älteren Manes, der bei Ferdinand vor der Tür stehen wird, als sehr gelungen im Buch bezeichnet werden. Wie er sich als Vater für seinen Sohn in die Bresche wirft, wie er auch vor dem Einsatz von Messern gegen bedrängende, harte Mitmenschen zu Felde zieht, das zieht den Leser durchaus in den Bann.

Die „mexikanische“ Seite demgegenüber (nur knapp im Buch vorkommend) hätte nicht unbedingt sein müssen, um dieses neue Werk um Lilly Höschen herum unterhaltsam und anregend zu gestalten, dieser Teil der Geschichte wirkt eher wie ein Fremdkörper.

Alles andere aber, samt dem mysteriösen Bild, ist, wie gewohnt, gut erzählt, in den Personen auf den Punkt getroffen (auch wenn hier und da Tolpatschigkeiten einfach zu übertrieben wirken) und (auch das wie immer) eher unblutig, aber spannend zu lesen.

Wieder einmal ein gelungener Einblick in eine Harzer Welt voller Originale.

buch

Falscher Mann

Franz Xaver Roth

EUR 14,99 *
auf Merkliste

40

16.05.2013

„Leuterding zum Zweiten”

Nach „Böser Mann“ legt Franz Xaver Roth nun seinen zweiten Regionalkrimi aus der bayrisch-Münchner Provinz vor. Ein Jahr ist seit den letzten Aufregungen vergangen und Franz Luginger, Wirt des „Hammer-Eck“, konnte endlich wieder zum Alltag zurückkehren.

Wobei, was heißt schon Alltag? Eher ein Treiben lassen ist es, das Franz mag und was ihm entspricht. Seit 10 Jahren in Bindung zu Barbara, aber einfach und nur mit eitel Sonnenschein versehen ist das nicht.

Treiben lassen ist auch die Devise der Kneipe. Alles preiswert wie eh und je, jedes Wochenende Fußballübertragung, die Stammgäste bekannt seit ebenfalls eh und je (nicht wenige seit der Schulzeit). Man steht füreinander ein, wenn nicht zuviel geredet wird. Lugingers Sorgen gelten eher seinem defekten Dodge Ram als den Einnahmen, mehr seiner entspannten Haltung mit der „Selbstgedrehten“ als den vielfachen Alltagsdiskussionen seiner Mitmenschen. Seine alte Mutter macht ihm genügend Mühe, das reicht eigentlich völlig aus. Und bitte nichts dazu und nicht ändern, selbst die Idee mit einem Pizza Ofen als Neuerung für die Kneipe geht ihm schon ziemlich auf die Nerven

„Nachdenken erschien ihm als mickriger Versuch, der Unübersichtlichkeit des Lebens mit Verstandesleistung beizukommen. Nachdenken war was für Optimisten und die, die ohne Antworten nicht leben könnten. Er konnte das. Einfach da sein und schauen, was kam“.

Doch nun muss Luginger seine ruhige Seite verlassen. Sein Freund Gernot taucht abends auf. Betrunken und blutbesudelt. Und ein Mord ist geschehen. An einer Frau, die früher einmal ein Mann war. Einer Frau aus Brasilien, die früher einmal im Dorf lebte. Ein Mord an einem Transsexuellen, der vor langer Zeit einmal Gernots Bruder war und nun als seine Schwester vom Parkdeck auf die Strasse zu Tode gestoßen wurde.

Was das alles mit „der Kümmernis“ zu tun hat, wie ein Landrat mit drin hängen könnte, was ein alter, seniler Pfarrer und ein ebenso älterer, aber noch im Kopf frischer ehemaliger Kaplan über „damals“ wissen, ob der Mord überhaupt einen Bezug zu Leuterding hat, wie sich die Luginger schon vertraute Kommissarin Weibel mit einbringen wird und ob (und wenn ja was) für Geheimnisse eine alte Hauswirtschafterin mit sich herumträgt, all das wird Luginger Nerven, Ruhe, Gelassenheit und Schlaf kosten. Samt Komplikationen, die seine Mutter bereiten wird. Denn auch Anna Luginger hat ein Wissen, dass sie mit sich trägt.

Überzeugend in den Personen und der bayerisch-provinziellen Atmosphäre, mit so mancher Spitze gegen das „moderne Leben“, einer tragenden Figur, die das alles realistisch verkörpert und einer trockenen, manchmal Dialoge nur andeutenden Sprache unterhält Roth auch in seinem zweiten Kriminalroman in Bezug auf die regionale Verankerung bestens. Der Fall selber wirkt hier und da doch etwas wirr und unglaubwürdig, birgt aber in der Grundidee eines Aufwachsens „im falschen Körper“ in der damals noch verstaubten Provinz eine interessante Grundidee. Manches Mal zuviel an Motiven und Ereignissen und ob das, was nachher rauskommt, einen Mord rechtfertigen würde, das muss der Leser dann selbst entscheiden. Sehr unterhaltsam und ganz eigen in Stil und Atmosphäre aber allemal.

40

16.05.2013

„Kurzgeschichten um die Seele des Tango”

Sechzehn Kurzgeschichten sind es, welche die Herausgeberin von verschiedenen Autoren in diesem keinen Band versammelt.

Vorweg gesagt, Kurzgeschichten von unterschiedlicher Güte was das Ziel des „Geschichtenkreisens“ angeht, den inneren Aspekt, die „Seele“ des Tangos vielleicht zu erfassen. Während der Auftakt ein wenig uninspiriert daher kommt und sich die Frage stellt, warum gerade der finnische „Marschableger“ des Tango den Auftakt zu diesem Band bildet samt einem Mann von Mitte dreißig, der seine Erektionen nicht wirklich im Griff hat.

Oder dass die frustrierende Tanzpartnersuche einer Berlinerin samt Kleinanzeige mit falschen Angaben den Leser nichtunbedingt innerlich berührt (außer vielleicht Leserinnen, die bereits leidvolle Erfahrungen mit, sich als „Goucho“ gerierenden, mitteleuropäischen Anfängern hinter sich gebracht haben und die ständigen Korrekturen eines arhythmischen Pseudo-Tänzers kaum mehr ertragen möchten).

„„Du musst Dich aber auch führen lassen“, herrschte er mich an.“
„“Das wird sie immer wieder machen, wenn du sie nicht richtig nimmst. Sie kann nicht anders.“, unterrichtete ihn der Tanzlehrer.

Aber dennoch, das sich das Weiterlesen lohnt dann aber durchaus. Nicht nur wegen des Auszuges aus dem hervorragenden „Tod des Tanzlehrers“ von Mankell. Es sind eher die kleinen, düsteren Geschichten um Musik und Tanz, die tatsächlich berühren, in denen die Melancholie, das Hoch- und Tief des Tanzes emotional zum Ausdruck kommen.

Wie jene, in der Ernesto trotz körperlicher „Mängel“ seine Stimme erhebt und mit Leidenschaft, Seele und Herz ein Lied von Gardel auf einem Wettbewerb singt. Ständig Ovationen, das ja, dieser eine Moment, doch schon Minuten später rollt die nächste Woge und vergessen ist fast der kleine Auftritt. Mut, Kampf, Gelingen, Verlust und Trauer schwingen mit, wie im Schritt für Schritt Tanz des Tango.

Ebenso die Erinnerungen ganz zum Schluss, in der die Erzählerin sich an ihre Kindheit erinnert, auf den abgewetzten Tanzschuhen des Vaters stehend und mit diesem Schritt für Schritt die Hingabe spüren. Denn, „Tango tanzt man blind“.

Eine Ahnung von dem, was der Tango ist, was er im besten Falle „anrichten“ kann und wie er ins Leben tritt findet sich ebenfalls im Buch. Wo ein „leichtes Mädchen“ von einem Tanguero nach den ersten Schritten, die sie gestalten will, zu hören bekommt: „Lass das. Ich alleine reite Dich“.

Überwiegend, trotz der ein oder anderen schwächeren Geschichte, bietet der kleine Band Emotionen, Tiefe und einen beeindruckenden „Innenblick“ auf „den traurigen Gedanken, den man tanzen kann“. Mitsamt einem „Brevier“ für Neulinge, sich die wichtigsten Tange Begriffe aneignen zu können.

buch

Home Run

John Grisham

EUR 17,99 *
auf Merkliste

30

14.05.2013

„Entwicklungsgeschichte und Baseball”

Das John Grisham ein wunderbarer Erzähler ist mit einem sehr guten Gespür für Timing, die Gestaltung von Protagonisten und die Zusammenführung von Beziehungen untereinander und einzelnen Erzählfäden, ist breit bekannt.

Eigenschaften, die durchaus auch in diesem Roman zum Tragen kommen und dennoch, dieses Mal, trotz der klaren Erzähllinie, den Leser nicht so zu fesseln vermögen, wie gewohnt.

Dies ist sicherlich dem „ur-amerikanischen“ Thema des Baseball geschuldet, bei dem Grisham sich in Teilen des Buches im Detail des Inneren des Spieles stark befindet, mitsamt der, erst einmal nur dem Kenner, vertrauten Codes, Strategien und Abläufe.

Ein Spiel, das Grisham anhand der Geschichte dreier Personen in den Raum stellt. Paul Tracey war 1973 14 Jahre alt und Sohn eines, wenn auch nicht ganz berühmten oder auch nur sehr, sehr guten Baseballspielers der New York Mets. Warren Tracey. Ein harter Mann, mit seinem Leben unzufrieden, dem Alkohol und den Frauen zugeneigt und „immer waren die anderen Schuld“. Einer, der meint, er wäre noch „von der alten Schule des Baseball“, damit aber nur von den eigenen Unzulänglichkeiten ablenkt. Einer, der den Triumph anderer nicht erträgt, einer, der seinen Sohn mit harter Hand zu formen gedenkt, seine Frau beständig hintergeht und keiner ist, mit dem man auf Dauer in Verbindung sein möchte.

Ebenfalls 1973 geht ein neuer Stern am Himmel des Baseball auf. Joe Castle knackt einen Rookie-Rekord nach dem anderen und reißt sein ganzes Team mit. Und blad wird es geschehen, dass sich der Pitcher (Werfer) Warren Tracey mit dem „Batter“ (Schläger) Castle duellieren wird. Auf dem Feld. Mit ungeahnten Folgen.

Folgen, unter denen Paul Tracey sein Leben lang leidet, Folgen, in deren Verlauf seine Eltern sich trennen und er selbst Jahrzehnte lang keinen Bedarf auf Kontakt mit seinem Vater hat. Bis auch bei diesem sich etwas, zunächst rein körperliches, ändern wird.

Gerade und schnörkellos erzählt, zwischen den Zeiten der Gegenwart und 1973 hin- und her gleitend, mit klar strukturierten Personen, mit einem durchaus vorauszuahnenden (amerikanischem) Ende und einer intensiven Beschreibung „des Spiels“, so legt Grisham „Homerun“ vor. Unterhaltsam, flüssig erzählt, durchaus gut zu lesen, aber nicht wirklich packend. Zumindest nicht für Leser, denen Baseball kaum etwas bedeutet. Denn auch der zwischenmenschliche Konflikt gibt nicht genügend an Spannungskurve her, um emotional vollends beteiligt der Geschichte zu folgen.

So verbleibt eine solide Unterhaltung und ein informatives Buch über die Abläufe, Ziele und Strategien des Baseball. Ein Buch, das bei vielen europäischen Lesern sicherlich nur mäßiges Interesse hervorrufen wird.

40

14.05.2013

„Sich nicht verbiegen lassen”

Schon der Titel trägt in sich ja bereits hintergründig provozierende Botschaften. In einem Beruf, zu dem auch Schlager gehören (auch wenn Veronika Fischer nie einem einzigen Genre ganz zuzuordnen war und durchaus Vielfalt in ihrem Stil entwickelt hat), die Lieder von Liebe, Romantik und Glück mit der Überschrift eines „Lügendliedes“ zu kokettieren macht neugierig auf mehr.

Wenn zudem bei der Lektüre deutlich wird, dass Veronika Fischer nicht nur einzelne „schmachtvolle“ Texte, sondern eine ganze Schlagermusikindustrie samt ihrer unverhohlenen Neigung, „Images“ zu erschaffen mit in den Blick nimmt und „von innen“ her beleuchtet (nicht immer zum Besten der „Macher“ dieses Kulturfeldes), darf der Leser getrost mehr erwarten als eine Lobhudelei mit andächtigen Tränen über die eigene Karriere und „wie viel Glück und Dankbarkeit“ man doch ins ich trägt. Samt Lobesreden auf Manger und andere Mitstreiter.

Der Lebensweg Fischers spricht ja von außen betrachtet schon eine andere Sprache. Nicht viele, die so erfolgreich zum „Kultur Establishment“ eines Landes gehören, gehen freiwillig und treten schon zuvor in manche Konfrontation. Und „ganz oben“ war Veronika Fischer in der ehemaligen DDR ja durchaus, vergleichbar vielleicht noch mit einem Frank Schoebel, Manfred Krug oder Armin Müller-Stahl. Auch ein deutsches Schicksal ist es, das Veronika Fischer noch einmal vor Augen führt.

Das Leben in der DDR, auch als erfolgreiche Künstlerin nicht einfach, ein Neuanfang im Westen Deutschlands (Ende der 70er Jahre), in dem sie als Künstlerin noch lange nicht so bekannt war, wie in der alten Heimat. Und nicht nur ein Neustart, ein „sich durchbeißen“ steht im Raum, auch der Wert, den Fischer auf ihren Stil, auf ihre musikalische Überzeugung legte und mit dem sie durchaus auch im „freien Westen“ Reibung erzeugte.

Ereignisse, von denen Fischer im Buch chronologisch berichtet, ihren Werdegang mit frühen Erfolgen, Höhen und Tiefen, eigenem Stil und eigenem Kopf vor Augen führt. Allein schon, wie sie sich überhaupt eine „eigene Zeit“ solo auf der Bühne erstritt im Rahmen der damaligen Band zeigt auf, das Veronika Fischer früh ihren Weg gehen wollte und sich auch von „spöttischer Ablehnung“ weder entmutigen noch unterbekommen ließ. Ein Weg übrigens, der zumindest mit vielen der damaligen Kollegen (von denen einige bis heute mit gewissem Bekanntheitsgrad noch aktiv sind) in enge Verbindung trat und bleibende Beziehungen entstehen ließ.

Auch dies ist ein interessanter Aspekt des Buches, der Einblick in die ostdeutsche, beginnende Rock- und Popszene und die Gratwanderung zwischen Aussagewilligkeit und Zensur, zwischen musikalischer Begeisterung und Einpassung ins damalige System. Einer musikalischen Aufbruchstimmung, in der am Staat nicht vorbeizukommen war (anders als in der Entwicklung Rock- und Popmusik der westlichen Länder). Das aber schon bald darauf im Westen ohne wirtschaftliche Interessen in der Musikindustrie nichts mehr ging und wider klare Vorgaben im Raum standen, auch das erzählt Fischer offen und prägnant im Buch.

Alles in allem eine interessante Biographie über eine „deutsche Karriere“ in beiden ehemaligen Staaten und ein durchaus kritischer Einblick in die kommerzielle Musikindustrie.

40

12.05.2013

„Wenn alles daneben geht”

Ein Jugendbuch ist es, das Mark Lowery vorlegt. Mit besonderen Erlebnissen, die vor allem um das Eine kreisen, was pubertierende Jugendliche zutiefst fürchten: Ein ständiger Rutsch hinein in Fettnäpfchen und Peinlichkeiten. Entblößend, das vor allem, und zudem hoch ungerecht, denn eigentlich kann Mark Swarbrick gar nichts dafür.

Was kann er dafür, dass seine Eltern sich als „Nudisten“ outen und seine Mutter sich endlich frei fühlt. So frei, dass sie gerne auch nackt im Supermarkt einkaufen würde (wobei Michaels Vater wohl eher aus ehelicher Pflicht mit hinein gezwungen wird). Wie schrecklich für Michael, selber „all das „hautnah sehen zu müssen“ und zu erleben, dass selbst seine morgendliche Schüssel Frühstück nicht vom Busen der Mutter verschont wird. Wer will seine Eltern schon so erleben? Kein Wunder, dass Michael darüber nicht spricht und alles dafür tut, Fremde nicht mehr ins Haus zu lassen.

Was kann er dafür, das sein engster Freund Paul Beary sich beim Schwimmunterricht auf den Boden des Beckens legt, um Mädchen zu betrachten und Michael direkt mit unter Verdacht gerät? Auch die Sache bei der Mädchenumkleide, da wollte er nur aus Loyalität helfen!

Was kann er dafür, dass sein Bruder mit dem Mädchen verbändelt ist, für dass er selber heimlich schwärmt, er sogar Wache steht, als der Bruder „Fensterlt“, natürlich erwischt wird und vom eigenen Bruder noch angeschwärzt wird. Als Spanner eben.

Da ist sein Ruf, sein ganzes Leben mittlerweile fast ruiniert und dann wird er auch noch zu Gesprächen mit einem sehr flotten, berufsjugendlichen Therapeuten (knapp 50, wie ein Surfer gekleidet und mit einem „Yo Mann, was läuft?“ die Sitzungen beginnend) genötigt.

Und doch atmet Michael ganz ruhig durch, badet die Peinlichkeiten aus und lässt sein Ziel, Lucy King endlich näher zu kommen (auf un-peinliche Art natürlich) nicht aus den Augen.

Durchaus mit Ironie und voller Humor führt Mark Lowery den jugendlichen Leser mitten hinein in die peinlichen Gefühle, die dieses Alter mit sich bringt und stellt das Lachen in den Vordergrund, obwohl er nicht versäumt, die Emotionen eines „im Boden versinken wollen“ wach zu rufen. Und führt den erwachsenen Leser zurück in diese Zeit des eigenen Lebens, um aber auch den erwachsenen Blick der schnellen Urteile ein stückweit zu relativieren.

Manchmal schießt er dabei allerdings über das Ziel hinaus. Die Figur des Therapeuten, im Buch ein Symbol des „Erwachsenwerdens Erwachsener“, ist in solcher Art überzogen im zur Schau gestellten Jugendwahn, dass diese Person einfach nur lächerlich wirkt und die „Verwandlung“ kaum ernsthaft wahrgenommen wird.
Dies ist allerdings der einzig schwächere Punkt dieser ansonsten treffenden und humorvoll erzählten Geschichte.

Alles in allem eine anregende, witzige und, was Peinlichkeiten angeht, auch erleichternde Lektüre, die locker vor sich hin fließt.

40

12.05.2013

„ACT in der Praxis „schwieriger Zeiten“”

„Es kommt doch (oft) anders, als man denkt“.

Diese alte Sentenz und Lebenserfahrung birgt auch Schmerzhaftes. Keine noch so gute Versicherung, keine noch so gründliche Vorplanung führt zu einer wirklichen Kontrolle.

Unfälle, Krankheiten, Tod, Verlust des Arbeitsplatzes, „Schicksalsschläge“, schweben beständig wie ein „mögliches Damoklesschwert“ über jedem individuellen Leben. Entfliehen kann man dem Risiko des Lebens schlechthin nicht, bei aller Vorsicht und allen, vielleicht auch gelingenden Versuchen der „Risikominimierung“.

Wenn man also nicht „wegkommt“ und wenn der Versuch, sich den Risiken zu entziehen oder einem geschehen Schmerz einfach durch Ignoranz und Verdrängung beizukommen die Angst vergrößern und den Schmerz dauerhaft zementieren können, ist es eine gute Idee, die eigenen Kräfte zu stärken, um den Herausforderungen des Lebens gegenüber „gewappnet“ zu sein.

Im Rahmen der „Akzeptanz und Comitment Therapie“ (ACT) bietet Russ Harris in diesem Buch einen Einblick in eine „Strategie der vier Schritte“ einer solchen „Wappnung“.

Mit sich selbst freundlich sein.
„Einen Anker“ werfen.
Eine klare Haltung finden und einnehmen.
Das Positive des Lebens nie aus den Augen verlieren (auch wenn die Umstände aktuell dunkel sein mögen).

Natürlich gilt, dass dies alles, wie immer, einfacher gesagt als getan ist. Ein „Präsent sein für etwas Vergnügliches“, wie es Harris unter anderem vorschlägt, erinnert doch ein wenig zu sehr an Übungen einer leicht falsch zu verstehenden „positiven Psychologie“, die mehr an Problemen auf Dauer aufwirft als das sie löst.

Trotz aller Vorsicht aber solchen eher einfachen Ratschlägen gegenüber, im Gesamten bietet Harris durchaus eine sensible, einfache und verständliche Darstellung zumindest von „inneren Zielen“, die sicherlich dazu verhelfen können, mit den negativen Seiten des Lebens einen konstruktiveren Umgang zu finden. Von leichten Enttäuschungen, von wichtigen Lebenszielen, die nicht erreicht werden bis hin zu harten Schlägen, die das Leben austeilt verhilft das Buch im Gesamten vor allem zu einer Anregung für einen „Perspektivwechsel“.

Statt zu klagen erst einmal tief zu atmen, in sich selbst einen Anker setzten zu können („Präsent“ zu werden). Geduld zu finden, vor allem mit sich, nicht alles gegen sich zu wenden, das sind wichtige Momente, den Kopf etwas freier zu bekommen und das Geschehen objektiver ein stück weit betrachten zu lernen. Mithin, sich mehr und mehr auf die jeweiligen Chancen des Momentes konzentrieren zu können, als in der Verzweiflung zu versinken.

Harris führt im Buch vor, mit welchen Übungen und Haltungen dies auf den Weg gebracht werden könnte, wenn der Weg auch weiter und schwieriger in der Regel sein wird, als es sich aus der klar und einfach dargestellten Weise im Buch her darstellt.

50

12.05.2013

„Lebenserinnerungen an eine ganze „Wirtschaftswunderzeit“”

Allein schon der kleine, aber feine Bildtteil in der Mitte des Buches, der auch an Franz Ningel, den ersten ernstzunehmenden Eispartner von Marika Kilius, erinnert führt, sicherlich vor allem Leser der älteren Generation, wieder zurück und mitten hinein in die 50er und beginnenden 60er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Wirtschaftswunder, brummende Erfolge und dazu jene Figuren, die das neue Selbstbewusstsein und die moderne, erfolgreiche Entwicklung der damaligen Bundesrepublik als corporate identity in sich trugen. Die Fußballer von 1954 ebenso, wie die „Eisprinzessin“ Marika Kilius mit ihrem kongenialen Partner Hans Jürgen Bäumler. Attraktiv, sportlich harmonierend, Träume verkörpernd, zentrale Objekte des medialen Interesses der damaligen Zeit. Ein „Ruhm“, der über Jahrzehnte, eigentlich bis in die Gegenwart hinein andauert.

Als mehrfache Europameisterin, Weltmeisterin, Olympiazweite, von den ganzen nationalen Titeln gar nicht erst zu reden.

Selbst die von beiden im „gereifteren“ Alter stetig mit „Nein“ beantwortete Frage, ob nicht doch über die sportliche Verbindung hinaus die Romantik knisterte, ist über Jahrzehnte hinweg noch aktuell geblieben. Ein Zeichen dafür, wie groß der Wunsch und die Sehnsucht der Öffentlichkeit nach „Traumpaaren“, „Heiler Welt“ und „verliebten Stars“ gerade damals im Raum standen.

Zum 70. Geburtstag legt Marika Kilius nun ihre, durchaus anregend zu lesende und nicht oberflächliche, Biographie vor. Über Höhen und Tiefen der Karriere, Rückschläge und Siege, über ein „schillerndes Leben“ in „schillernder Zeit“, über Training und Kindheit, sich durchbeißen und die „Ernte einfahren“, über die Liebe und das Leben.

Ein Rückblick, der erkennbar zeigt, das Marika Kilius mit sich im Reinen ist, private und sportliche Erfolge und Misserfolge anzunehmen verstanden hat und eine klare Zufriedenheit ausstrahlt. Wobei in Duktus und Tonfall kein „abgehobener“ Star hier schreibt und keine Arroganzen das flüssige Leserlebnis vordergründig trüben.

Ein Leben durchaus mit Brüchen im Übrigen, die Kilius nicht glättet oder höflich übergeht, aber auch nicht sensationsheischend ausschlachtet. Weder ihr (durchaus vorhandenes) privates Scheitern noch die ein oder andere „in den Sand gesetzte“ geschäftlich Tätigkeit sind für Kilius ein Grund, sich „drum herum zu winden“. Klar und deutlich benennt sie die wesentlichen Stationen ihres Lebens, die sie zu der Person gemacht haben, die sie nun mit siebzig Jahren ist (da ist ein Foto, das durchaus diskret „werbenden Charakter“ für ihre aktuelle geschäftliche Tätigkeit hat, zu verschmerzen).

Auch sprachlich liest sich das Buch gut und flüssig und vermag auch dem Leser, der diese damaligen Zeit nicht aus eigener Erfahrung kennt, ein lebhaftes Bild der Ereignisse und der Atmosphäre zu vermitteln.

Sich nicht unbedingt ein Buch, dass die Welt braucht, aber eine schöne Gelegenheit, sich zu erinnern und eine ganz besondere sportliche Karriere und ein tatsächlich gelebtes Leben vor den inneren Augen vorbeiziehen zu lassen.